Ausgabe 
16.3.1910 Zweites Blatt
 
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Mittwoch 16.Mürz 1910

160. Jahrgang

Zweites Blatt

Nr. 63

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersuäts - Buch- und Stemdruckerei.

R. Lange. Gießen.

Redaktion. Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion: 112. TeU-AdruAnzeigerGießen.

DieEiehener Familienblätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Mreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Zum hessischen Zustizhauzhalr.

Man schreibt uns aus Richterkreisen:

IN der Landtagsverhandlung vvm 11. Marz l. I. ist der Ein­trag. 15 Amtsrichter auf den Inhaber zu be­willigen, angenommen worden. Ter Justizminister und Ab­geordnete. namhafte Juristen, haben den Antrag entschieden be­kämpft: ihre ernsten Mahnungen sind aber iinbeachtet geblieben. Es unterliegt teinem Zweifel, daß durch die Annahme eines solchen Antrags eine schwere Schädigung der Rechtspftege her- beigefuhrt wird. Die richterliche Gewalt soll durch unabhängige, nur dem Gesetz unterntorfenc Richter ausgeübt werden. Wird nun eine erledigte Amtsrichterstelle nicht melyr bewilligt, liegt aber gleichwohl ein Bedürfnis vor, so ist die Regierung genötigt, sie mit einem Assessor zu besetzen. Die Besetzung v-on solchen dau­ernden Stellen mit einem jungen abhängigen Assessor ist einmal direkt ungesetzlich, bann wird die Bevölkerung ein Amtsgericht, das nur mit einem Assessor besetzt ist, für minderwertig, für ein Gericht 2. Klasse halten. Das Vertrauen der Bevölkerung zu einem solchen Gericht muß mit Notwendigkeit schwinden. Ein Assessor, der abhängig ist und gewärtig sein muß, einfach ver­setzt oder entlassen zu werden, kann nie die Interessen der Nechls- pflege so wahren wie ein Amtsrichter; insbesondere ist ein Assessor nicht in der Lage, der Dien stauff ichtsbehörde gegenüber unent­wegt seine Ueberzengung zu vertreten. Auch muß die Besetzung mit Assessoren den Unwillen der Bevölkerung des Amtsgerichts­bezirks erregen, sie wird eine solche als eine Herabsetzung ihres Bezirks ansehen.

Der Antragsteller hat selbst erklärt, es sei Sache der Re­gierung, herauszufinden, welcher Richter nicht voll beschäftigt sei, er könne dies nicht beurteilen. Mit Recht hat hier ein Abgeordneter darauf hingewiesen, daß bann der Antrag widersinnig sei. Wenn die Regierung am besten die Verhältnisse kennen soll, bann muß auch auf ihren Arrtrag die erledigte Stelle wieder bewilligt werden. Welcher: praktischen Wert hat dann überhaupt der Antrag? Es werden auf der ehren Seite 15 Stellen auf den Inhaber be­willigt, auf der anderen soll aber die Stelle auf Antrags der Regierung kurzerhand wieder besetzt werden. Obwohl der Antrag­steller selbst zugibt, daß er die Verhältnisse nicht kennt, also gar nicht weiß, ob sein Antrag begründet ist oder nicht, und er gar nicht seine Tragweite zu überblicken vermag, stellt er den Antrag. Das verstehe, wer kann!

Wenn weiter der Antragsteller auch nur einigermaßen die gegenwärtigen Verhältnisse gekannt hätte, hätte er sich sagen nrüssen, daft der Zeitpuirkt für derartige Anträge ein völlig ungeeigneter ist. An eine Neuorganisation der Amtsgerichte kann zurzeit überhaupt nicht gedacht toerben. Ein richtiges Bild läßt sich erst dann gewinnen, wenn die Grundbuchanlegun<i w e n i g st e n s einigermaßen beendet i ft, ferner, wenn feststeht, welche Mehrarbeit die Novelle über die Aenderungeii des Gerichtsverf.-Ges. und der Zivilprozeßordnung bringt. Woh. erst in zwei oder drei Jahren dürfte die Neuorganisation in Aw griff genommen werden können. Soviel steht aber schon jetzt fest, daß von einer Verminderung der Stellen keine Rede fein kann, vielmehr eine nickst unerhebliche Vermehrung eintreten muß. denn Grundbuchsortführung und die Novelle bringen ganz be­deutende Mehrarbeit.

-Mit Recht muß man daher bedauern, daß der Antrag gestellt Und angenommen wurde. Die Rechtspftege und das richterlich: Ansehen werden in schwerer.Weise geschädigt, es wird Erbitterung hervorgerufen, insbesondere bei Assessoren, die schon Jahre lang in Verwendung sind und denen nun in Aussicht gestellt wird, noch lange Zaft .auf ihre Anstellung warten zu müssen. Die Dienstfreardigkeit wird dadurch gerade nicht gehoben. Insbesondere aber muß es lebhaft beunruhigen, wie trotz zugegebener völliger Unkenntnis der einschlägigen Verhältnisse überhaupt ein solcher Antrag gestellt und notb mehr, wie ein solcher, ungeachtet des ernsten Widerspruchs der Regierung und erfahrener sachkundiger Juristen, überhaupt angenommen werden kann.

Grohe Ausschreitungen in Kid.

Aus Kiel wird gemeldet: Ta am1 Dienstag zahlreiche Arbeiter aus Kiel und Umgegend den Arbeitsstätten! ferngeblieben waren, beschloß der Arbeitgeberver­band, alle Arbeiter, die ohne vorherige Ankündigung oder Ent- fdjfulbigung gefeiert haben, drei Tage lang nicht zu beschäftigen. Vor der Germaniawerft, wo etwa 2400 Arbeiter nicht erschienen waren, sammelten i'idji mehrere hundert Personen an, um die Arbeits­willigen zurückzuhalten. Nach Ablauf einer .Kundgebungsversamm- bung kam es zwischen unter Hochrufen auf das allgemeine und, gleiche Wahlrecht durch die Straßen ziehenden Trupps und der Polizei mehrfach zu Zusammenstößen. Einige Schutz--, leutewurden hart bedrängt und mußten in einen Laden! flüchten, dessen Fenster von der Menge zertriimmert wurden.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Cderhessen

Aur den Heid}stagsausfd)uficn.

: : Berlin, 15. März.

Der Kaliausschuß trat am Dienstag zu seiner vierten Sitzung zusammen. Vom Zentrum liegt nunmehr der an- aelündigte Antrag über die Regelung des Auslandsabsatzes vor. Er trägt den Namen Müller-Fulda, hat die Forde­rung eines Gesetzentwurfs und seine Vorschriften sollen gelten für die Seit bis zum 1. April 1930. Danach dürfen während dieses Zeitraumes Kalisalze von Kaliwerksbesitzern in das Ausland nur durch Vermittlung der Vertriebs­gemeinschaft abgesetzt werden. Tie ins Ausland gelieferte Menge wird dem Mitglied auf seine Beteiligung angcrech- net. Soweit sie darüber hinausgeht, hat das Mitglied eine an die Reichskasse fließende Vergütung von 12,50 Mk. für den Doppelzentner reines Kali zu entrichten. Verträge, die nach dem Entstehen der Verlricbsgemeinschaft von Ka'.i- werksbesitzern oder Kaliabbauberechtigten über den Absatz von Kalisalzen in das Ausland geschlossen werden, sind nichtig, soweit ihre Erfüllung gegen diese Vorschriften ver­stoßen würde. Der Bezug von Kalisalzen aus dem Aus­lande ist nur der Vertriebsgemeinschaft gestattet.

Der Antrag des Zentrums wird von sozialdemokratischer und nationalliberaler Seite bekämpft und ebenso von der Regierung. Von allen diesen Seiten wird die Undurch- sührbarteit einer Regelung nur für den Auslandsabsatz ausgcsührt. Schließlich vertagte der Ausschuß, ohne die Aussprache zu beenden, sich bis nach Ostern.

*

Der Budgetausschuß verhandelte am Dienstag zunächst über die Unterstützung der Tabak arbeiter, für die der 4 Millionen-Fonds bekanntlich nicht ausreicht. Auf Antrag der Konservativen, des Zentrums und der Wirt­schaftlichen Vereinigung wurde beschlossen, 750 000 Mark für diesen Zweck in den Haushalt des Reichsschatzamtes einzustellen. Der Haushalt der Reichsschuld wurde ohne wesentliche Debatte angenommen.

Ein Gesetz über eine Aenderung der Eintragung in das Reichsschuldbuch ist nach Aeußerungen des Staatssekretärs bereits fertiggestellt. Es wird angeregt, für das Reichsschuldbuch mehr Propaganda zu machen. Der Betrag der unverzinslichen Reichsschatzanweisungen wird auf 450 Millionen festgesetzt. Unter dem Widerspruch der Regierung, für die insbesondere der bayerische Bundesrats­vertreter eintritt, wird beschlossen, die Ueberschüsse der Branntweinsteuer statt zur Verkleinerung des Satzes der Roatrikularbeiträge zur Schuldentilgung zu verwenden.

Es liegt eine Bittschrift vor um Bereitstellung von 300000 Mk. für die Unterstützung der Aviatik. Es besteht keine Meinungsverschiedenhcit über die Berech­tigung der Forderung an sich. Es wird aber für bedenk­lich erklärt, diesen Betrag jetzt zu stellen. Der Schatz­sekretär erklärt, das sei nicht nottoenbig, es komme wohl weniger auf die Summe an, als daß von feiten des Reiches überhaupt eine Förderung der Aviatik stattfinde. Die Bitt­schrift wird dem Reichskanzler zur Erwägung überwiesen.

Nach Erledigung des Haushalts wird das neue Reichs­kontrollgesetz zur Verhandlung gestellt. Aba. Dr. Görcke (Natl.) ist Berichterstatter. Er hat eine Reche von Anträgen dazu gestellt. In der Fassung dieser Anträge wird das Gesetz in der Hauptsache angenommen, sodann werden die beim Posthaushalt zurückgestellten Entschließ­ungen Beck-Heidelberg (Natl.) und Dr. Dröscher-Lattmann über die Beförderungsverhältnisse der Postbeamten ver­handelt. Der .nationalliberale Antragsteller erklärt, seine Entschließung wolle eine Fürsorge für die Zukunft retten. Er erblickt da eine Hilfsmöglichkeit im Anschluß an die preußischen Verhältnisse ber mittleren Beamten.

Staatssekretär Kraetke erklärt, die Beförderungs- Verhältnisse in den drei Karrieren seien nicht schlecht. Was die höhere Karriere anbelangt, so sei darüber im

Jahre 1904 im Reichstage verhandelt worden. Eine wesent­liche Verschlechterung sei seither nicht eingetreten.

Bei den mittleren Beamten feien wir seit 1900 mitten in der Reorganisation. Seitdem werde sür sie nur eine Klasse von Anwärtern angenommen, aus denen durch Examen die Auswahl sür die gehobenen Stellungen erfolgt Bon den 1900 eingetretenen Assistenten kommen letzt erst die ersten zum Examen. Also man stehe am Anfang und lönne nicht schon wieder reformieren, ehe man überhaupt Proben der neuen Einrichtungen habe. Die Befürchtung, daß man nicht das Richtige getroffen habe, sei falsch. Gerade 1900 l-abe die Postbeamtenprefse sich höchst zustimmend aus­gesprochen. . «X«.-.

Den Un terb e am t en gegenüber bestehe die Pflicht der Verwaltung, die Verhältnisse nicht zu ungünstig zu ge­stalten. Man werde dauernd die Dinge überwachen; aber bestimmte Maßregeln anzugeben sei unmöglich, weil zuviel von den Verkehrsverhältnissen abhängt.

Der nationalliberale Antragsteller bemerke wäre diese Erklärung früher gegeben, so hätte man im Plenum darauf zurückiommen können. Die interessanten Mitteilungen wären auch zur Besoldungsreform sehr dankenswert gewesen. Die Erklärungen des Staatssekretärs sollen zu Protokoll gegeben werden. Da die Verhandlung dieser Frage im Plenum jetzt großen formellen Schwierigkeiten begegnen dürfte und vielleicht unmöglich wäre, so werden die Ent­schließungen zurückgezogen.

Vor Ostern findet keine weitere Sitzung statt.

Der Reichstagsausschuß für die Hausarbeit führte heute die Beratung des Gesetzentwurfes zu Ende. Auf Antrag von Dr. Kolbe (Rp.) wurde die Einfügung des folgenden § 3a beschlossen:

Wer Hausarbeit ausgibt ober einen Auftrag auf solche erteilt, ist verpflichtet, hierbei denjenigen, welche Arbeit oder Auftrag entgegennehmen, Lohnbücher ober Arbeits­zettel auszuhändigen, welche Art und Umfang der aus- bedungenen Hausarbeit, sowie die dafür festgesetzten Löhne verzeichnet enthalten. Die auf Grunb des H 114a ber Ge- werbeorbnung vom Bunbesrat erlassenen Bestimmungen werden hiervon nicht berührt.

Der Antrag des Zentrums auf Einschaltung einer Be­stimmung über die Lohnämter wurde vorläufig zurückgestellt. Im übrigen wurde der Regierungsentwurf mit kleinen redak­tionellen Aenderungen angenommen.

Der Justizausschuß des Reichstags beriet heute über die Gründe für die Ausschließung vom Richteramte in den §§ 15 und 16 der Strafprozeßnovelle. Beide Para­graphen wurden in der Fassung des Entwurfs angenommen; nur wurden außer den im Regierungsentwurfe genannten Personen weiter vom Richteramte ausgeschlossen: der­jenige, der den Strafantrag gestellt hat, und die Beauf­tragten der Staatsanwaltschaft. Ein Antrag, die Richter^ die das erste Urteil gefällt, haben im Wiederaufnahme-, verfahren auszuschließen, wurde abgelehnt.

kleines LerriUeton.

C- Paul Heyse war in diesen Tagen der Gegenstand all­gemeiner Verehrung, die den Altmeister der deutschen Novelle preisend feierte. Wir haben am Vorabend des Festes, am 14. d. M., seine Bedeutung eingehend gewürdigt. Heyse empfing gestern vormittag eine Reihe von Abordnungen. Die Eintragung des Kaisers in das Glückwunschbuch lautete:Dem Dichter von Kolberg" fein dankbarer Wilhelm, Kaiser, König." General­sekretär Dr. Oskar Bulle-Weimar überreichte dem Dichter, der auf alle Begrüßungen mit großer Frische dankte, .eine Ehren- plakette der deutschen Schillersttftting.

Ein geschenkter Holbein. Das von Hans Hol­bein dem Aelteren im Jahre 1508 gemalte Votivbild des Bür­germeisters Schwarz ist der Stadt Augsburg durch eine hoch­herzige Schenkung des Kommerzienrates Albert von Forster zum unveräußerlichen Besitz überwiesen worden. Der frühere Eigen­tümer des wertvollen Bildes, Herr Fritz von Stetten, hatte das treffliche Werk nur leihweise ber Stadt überlassen, nun ist sie ber Sorge, daß ihr einmal diese Schöpfung entzogen werden könnte, für immer enthoben. Der Stadt mag die Schenkung ein Trost > sein für die Wunde, die ihr die auf Anordnung ber bayrischen Staatsregierung vor wenigen Monaten erfolgte Ueberfühmng eines Hauptbildes des Tintoretto nach der Münchener Pinakothek geschlagen hat. Als einer der hervorragendsten Bahnbrecher der Renaissance, der fick vom befangenen Realismus des 15. Jahr­hunderts zum freien und geläuterten Stil des IG. Jahrhunderts emporgeschwungen hat, verbindet ber ältere Holbein in seinen Werken tiefe Charakteristik und dramatisches Leben mit hoher kolo­ristischer Schönheit und feinem Formensinn. Das gilt beson­ders von den Arbeiten feiner besten Schafsensperiode, die um 1508 mit dem Votivbilde des Bürgermeisters Schwarz anhebt Er hat zum ersten Male in der deutschen Kunst die volle, reise Frauenschönheit in entzückender Gestalt zur Darstellung gebracht und hiermit jenen mittelalterlichen Schönheitskanon verlassen, ber das Ideal in übertriebener Zartheit, Süße und Verschämt­heit des Weibes sah. Trotzdem München viele Hauptwerke Hol deins des Aelteren besitzt, wird doch jeder, der einen tieferen Einblick in Hans Holbeins des Aelteren Schaffen gewinnen will, gen Augsburg ziehen müssen: denn Dom und Königliche Ge­mäldegalerie der Stadt weisen Bilder auf, die für bte verschie­denen Phasen der künstlerischen Tätigkeit des Meisters tm höchsten Grade bezeichnend sind. Es ist für die Stadt Augsburg als ein Glück zu betrachten, daß ihr das Votivbild der Familie des Bür­germeisters Schwarz dauernd erhalten bleibt.

Internationaler Kongreß für Kriminal- anthropologie. TieMünch. Med. Wochenfchr." mc;but: Bei dem 6. Internationalen Kongreß für Kriminalanthropologie

in Turin 1906 rouebe Prof. Sommer in Gießen beauftragt, die Vorarbeiten des nächsten Kongresses in Deutschland zu über­nehmen. Nach mehrfachen Verhandlungen wurde Köln gewählt, wo Prof. Aschaffenburg,vbie Vorbereitungen treffen wird. Der Arbeitsausschuß besteht aus Aschaffenburg - Köln, Sommer- Gießen und K u r e l l a - Bonn. Als Zeit ist un­verbindlich Oktober 1911 in Aussicht genommen.

Mainzer Stadtthea ter. Richard Skowronnek, ber Dichterarchitekt mehrfach, verschiedenfarbiger Häuser, hat sick) wieder einmal einen Schwank geleistet.Hohe Politik" nennt er ihn. Ein Duodez-Fürstentum, Ordenssucht, Preußenhaß und dann noch viele Unwahrscheinlichkeiten sind zurHandlung" zu­sammengemodelt, die trotzdem an manchen Stellen recht gefällig ist. Ter junge Herzog von Laxenburg ist ber letzte der unver­heiratete Sprosse seines Hauses. Laut Erbvertrag muß das Herzog­tum beim Aussterben der Linie an Preußen fallen. Der Herr Minister ist höchlichst beunruhigt und sucht biefent Schreckens falle zuvorzukvmmen, indem er den Herzog zu verheiraten trachtet, standesgemäß selbstverständlich. Anderweitig wärs ja nicht so schwer, da sich der Herzog gern mit Unebenbürtigen einläßt. Man versuchst, den Herzog, der nach Berlin reisen will, zurück- -uhalten, um ihm eine Prinzessin vvrzustellen, die inkognito am Hofe weilt. Durch die Redseligkeit eines Herrn Jonas der den Herzog nicht kennt erfährt dieser das Vorhaben und ist nun erst recht entschlossen, nach Berlin abzureisen. Doch da er- schieint die Gattin seines früheren Korpsbruders, den er als Direktor seiner Sammlungen berufen hat, und er erkennt in ihr eine Malerin, mit der er kürzlich in Berlin einige recht vergnügte Stunden verlebt hat. Beide lebten dort unter anderen dkamen Ter Herzog gibt den Plan nach Berlin zu reifen auf und beschließt, sich non ihr porträtieren' zu lassen. Die Künstlerin sucht ihrem etwas bedrückten Freund nach Möglichkeit zutrösten" und laß! sich sogar dazu herbei, ihn in seinem Schlosse, das nur durch eine Tapetentür von ber Wohnung des Direktors getrennt ist, su besuchen. Jonas erfährt den Plan, und beschließt, die Heirats­prinzessin nach dem Hause zu bringen sie soll porträtiert werden und so ihr Bekanntwerden mit dem Herzog herbeizuführen Bei Ankunft ber Prinzessin, setzt er eine Schelle in Bewegung, die ben Herzog herbeiruft laut Verabredung mit der Frau Direktor. Tie Künstlerin und er müssen rasch was besorgen, und die Prinzessin bleibt allein zurück. Te. der Näherung des Herzogs rriegt sie aber Angst und rückt aus. Ter Herzog ist anfänglich, auf Jonas erbost, der nichtsdestoweniger schon wieder ein neues Arrangement" veranstaltet und es gelingt ihm, Herzog und Prin­

zessin zusammenzubringen. Ionas bekommt noch, einen Orden für ganz persönliche Verdienste und die Komödie ist aus. Bei ber Aufführung klappte alles ganz hübsch. Tie Hauptrollen hatten gute Vertreter. Besonders boten die Herren Dr. Groß (Herzog) und Hüner (Ionas) unjd Frl. Dorsch (Prinzessin) treffliche! Leistungen.

Sand auf dem Mars. Am Samstag abend hielt der Nobelpreisträger Professor Svante Arrhenius in der physikalischen Gesellschaft zu Stockholm einen Vortrag, worin er, wie dem B. T. geschrieben wird, eine ganz neue Theorie über die Marskanäle aufstellte. Er erklärte die in dep letzten Zeit so eifrig besprochene Erscheinung in folgender Weise: ,r3n der Oberfläche des Planeten sind nach und nach viele parallel laufende Risse und Klüfte dadurch entstanden, daß in der festen Oberfläche Veränderungen verschiedener Art ingetreten sind; auch die wachsende Stärke ber festen Kruste des Mars hat zur Bildung jener Risse heigetragen. Ta nun auf dem Märs häufig sehr heftige und lang andauernde Stürme und Orkane herrschen, so ist es sehr wahrscheinlich, daß im Laust der 'Zeit in diese Risse eine große Menge Sand hineingeweht ist. Ter Sand nun be­ließt hauptsächlich aus Salzen und wechselt seine Farben, menner feucht wird. Das ist bei ber fa genanntenS chnee- , chmelze" der Fall. Allerdings handelt es sich nach ber Ansicht des schwedischen Gelehrten nicht um eine wirklicheSch-n erschmelze", lonbern um eine Art Verdunstung. Wenn dies Mdu^sten statt- iinbet, werden die großen Sandmassen in den Rissen und Klüften feucht, und sie nehmen dann eine dunklere Färbung an. E>eim Austrocknen erhalten die Sandmengen in denKanälen" 'hre ursprüngliche hellere Färbung wieder. Die M a r s s e e n sind nach ber Ansicht von Arrhenius sehr salzhaltig, aber nicht sonder­lich tief. Arrhenius schloß sich der Ansicht derjenigen Forscher an, sie zu dem Ergebnis gekommen sind, daß das regelmäßige iA u s- I e he n derMa rsk a {e" nichts als eine Täuschung fei. Arrbenius stellt es in Abrede, daß sich auf dem Planeten Mars ugendwelche lebenden oder denkenden Wesen befinben. Er fort genaue Berechnungen über die vermutlich auf dem Mars herrschende: Wärme ßorgenommen. Sie ist hiernach so niedrig, daß nicht einmal von irgendwelchem .Pflanzenwuchs die Rede sein kann."

Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft Prof. Henrp T h o d e in H e i d e l b e r g soll für das kommende ibmterjemefter Urlaub genommen haben und nach dessen Been­digung nicht wieder auf seinen Posten zurückzukehren geb~