Ausgabe 
22.9.1910 Erstes Blatt
 
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JerS ble chm zur Last gelegte Beleidigung

des -öürgermelster-Kandrdaten kratz unter dem Ausdruck des Be- dauerns zuruckgenommen hat.

rm. D a r m st a d t, 22. Sept. Wegen Entführung ihres ene n K in d es wurde heute die 39 Jahre alte Ehefrau Ki^"^rt ÄUr8 0^/ 'U UN st e r in Neu°Jsenburg zu 2 Atonalen Npefangius verurleilt. Sie ist mit dem Friseurgehilfen O. Pessel der bet lhrem Atanne beschäftigt war, durchgeganqen und hat außer Kleingeld auch das jüngste ihrer fünf Kinder wider­rechtlich mitgenominen. Pessel, bei dem sie Haushälterin ist, erhielt wegen Beihilfe zur Entführung die gleiche Strafe.

82. Deutscher Naturforscher- und Aerztetag.

Königsberg, 21. September.

Die Diskussion über Ehrlich-Hata 606.

Nach dem Bortrage von Prof. Ehrlich über sein neues Syphilis Heilmittel setzte eine umfangreiche Diskus­sion -ein. Prof. Conrad Alt von der Landes-Pfleganstalt Uechtspringe teilt mit, daß er schon lange Untersuchungen mit Mrsenophenyglycin vorgenommen und große Erfolge damit erzielt half. Vor einem Jahre etwa hat er Mitteilung von Ehrlich über das neue Mittel erhalten. Es war keine unbedenkliche Sache denn damals war man in Aerztekreisen noch sehr gegen die Ärsenotherapie eingenommen. Zuerst wurden die Versuche über- chaupt nur an Tieren vorgenommen. Eines Tages sagten dem Red­ner zwei seiner Mitarbeiter, die Oberärzte Hoppe und Schreiber die hatten sich das Präparat Ehrlich-Hata 606 eingeimpft, ohne eine andere als eine mäßige schmerzhafte Reaktion zu spüren. Fünf Monate lang wurde dann das Mittel erprobt und dabei gefunden daß selbst hartnäckige Fälle in verblüffender Weise zurückgingen Dr. Schreiber macht Mitteilungen über die technische Aus- Mrung der Injektionen und zeigt die neuerfundene Spritze vor Professor Joes en (Petersburg) zeigt den Apparat, den er seiner­seits zur Einspritzung konstruiert hat und geht dann auf die Be- !^?.^^^^^^^^dNalariafälle in Petersburg in l.Ehrlich-Hctta 606 ein. Die Wirkung war ausgezeichnet. Später ^.wurden rm Kaukasus, in Batum 60 Fälle behandelt. Die Ergeb­nisse waren ebenfalls gut. Tertiäre Fälle wurden zu 70 Proz mit einer Einspritzung geheilt. Die Versuche mit tropischer Ma- staria sind noch Nicht abgeschlossen. Dr. Grünfeld (Odessa) macht Mitteilungen über die Syphilis in Rußland, wo in manchen Dörfern 80 Proz. der Bewohner erkrankt sind. Prof. Do hi .(Tokio), ein ehemaliger Schüler vonNeißer, behandelt in deut­scher Sprache unter Vorführung von Photographien Fälle aus Japan. Grooven (Halle) betont, daß Jahrzehnte nötig seien, um die Frage der dauernden Heilung endgültig zu beantworten Sonst sei das Mittel jeder anderen Therapie überlegen. Auch Glück (Serajewo) und Wechselmann (Berlin), der einen geheilten Patienten vorführt, äußern sich sehr günstig.

Die Beratungen in den einzelnen Fachabteilungen werden fortgesetzt. In der Abteilung für Kinderheilkunde svrach Prof. L a n g st e i n (Berlin) über dieRolle der Kohlehydrate" bei der Ernährung des Säuglings. Wir kommen bei der Er­nährung des gesunden Säuglings mit den natürlichen Mehlen ckus und haben nickt nötig, die präparierten Kindermehle zu ver­wenden. Langdauernde ausschließliche Ernährung mit Mehl ist imstande, eine schwere Ernährungsstörung herbeizuführen. Für das ernährungsgestörte Kind ist der Milc^ucker das am wenig­sten geeignete Kohlehydrat. Die beste Kombination scheint die von Mehl und malzhaltigen Präparaten zu sein.

In der zweiten Gesamtsitzung der medizinischen Hauptgruppe sprach Prof. Dir. Georg Meyer vom Königl. Institut für Infektionskrankheiten (Berlin) über den heutigen Stand der Lepraforschung.

In der Abteilung für Augenheilkunde behandelt Professor B i l s ch o w s k y (Leipzig) dieUrsachen der Mißerfolge in der Behandlung des Schielens", die erfreulicherweise immer seltener werden, je genauer die verschiedenen Ursachen des Schie­lens, die auch verschiedene Behandlung bedingen, erforscht werden.

In der Abteilung für allgemeine Pathologie behandelt Prof. Dr. R a u b i t s ch e k, Prosektor am Landesspital rn Czerno­witz, pie Ursachen einer bisher unaufgeklärten Krankheit, der Pellagra. In vielen Gegenden Mitteleuropas, wo infolge der Armut der Bevölkerung nur Mais gepflanzt wird, der als fast ausschließliche Speise dient, kennt man seit langem eine rätselhafte Erkrankung, die Pellagra, die neben eigentümlichen Hauterschei- nungen aulcht schwere Geistesstörungen verursacht und nach kürzerer oder längerer Zeit zum Tode führt. In der Regel wird diese Erkrankung mit dem Genuß von schlechtem, verdorbenem Mais in Zusammenhang gebracht, ohne daß man hierfür sichere Anhalts- punkte oder einwandssreie wissenschaftliche Experimente hätte. Jahrelang eingehende Studien des Redners haben nun gezeigt.

Ä £en'Wa °ura» öen verdorbenen Mais als solchen ver- b° 6Versuchungen an $ran» ten ein völlig negatives Ergebnis hatten. Dagegen batten auss gedehnte Tierversuche (Füttmingsversuche), besonders an weißen nn sehr interessantes Ergebnis. Läßt mau dkse Tier- Mais fressen und zwar in Hellem Licht, so stechen alle T n nach kürzerer oder längerer Zeit unter taumelnden Bewegungen S3en" di-Tiere dagegen int dunklen Malten werden, so vertragen sie diese Kost ohne Schaden enthalt, di?licht- flnb uud unter dem Emiluh des Sonnenlichtes im

S?L9tfTOS-?Ittak sa6 d-e Pellagra erzeugen. Demnach

riniutoiänfen 9mU6 ^kheitsgegenden nach Möglichkeit ^"teilungen über die gesund- 4rx«l,la?V IN Bolivia machte der Privat- bX ££ Tropenhygiene an der Universität Würz-

b - n kth61 cme ZeitlangGcneral- utrettor des bolivianischen Gcsundheitswe ens" gewesen ist Nach An^nft in La Paz f_au±> « feft siechte Ver- m ®^^kheuen überwogen Magenkrankheiten, w;r^n6rt.unbi$,tt?x S' Unter,uchungcn des Wassers und der Ä.'l?5'" bereit hochgradige Gesundbeitsschädlichkeit. Er ver- ° entlichte darüber ein Gutachten, das von dem Ministerium auch in der Presse veröffentlicht wurde, zur Belehrung der Be- otkerung. a.ie Berbesierungsvorschläge gelangten jedoch nie iur.Anssuhrung, die Regierung hatte nie Geld. Die Milch- Verhältnisse wollte man nicht bessern, weil bei strengeren Vor- Ichrifteit die umwohnenden Indianer überhauptkeine Milch mehr Kur Stadt gebracht hätten oder ein Aufstand zu befürchten >-i. Die,elben Grunde wurden geltend gemacht, als der Vor­tragende bet Markllnspektionen das seilgebotene Fleisch sehr "rrunr einigt sand und den Antrag stellte, daß die india­nischen Schlachter nicht mehr in ihren schmierigen Kütten schlachten lollten, sondern tn einer sauber gehaltenen Zentrale. Aehnlich war es, als er die zahlreichen F r i s - u r g e > ch ä s t e der Stadt einer Jmpektlon unterzog und polizeiliche Abstellung der größten Mißstände beantragte. Da di- Friseurgeschäfte der T r e s s p u n k t aller Politiker des Landes sind, glaubte man die Friseure bei der bevorstehenden Präsidenten-Reuwahl durch keine unange­nehmen Neuerungen belästigen zu dürfen und ließ lieber die Leute weiter mit den scheußlichsten Hautkrankheiten infiziert werden. Der Beftick des ^taatsgefängnisses, einer höheren Schule, der Krankenhäuser und anderer öffentlicher Anstalten zeigten eine Reche, von Mißständen, die ebenfalls nicht abgestellt wurden. Mehrfach hatten die Indianer unter dem Boden ihrer Wohn- und Schlafhütten an Pocken verstorbene Kinder eingescharrt. Der einzige Nutzen, den das Land von der Tättgkeit des Vortragenden -einer Ansicht nach hatte, war der, daß durch die Veröffentlichung der Vorbeugungs- und Bekämpfungsmaßnahmen in der Tages- presjc der intelligentere Teil der Bevölkerung Grundbegriffe vom Wesen dieser Krankheiten bekam. Der Nachfolger des Vortragen- den, ein bolivianischer Arzt, hat übrigens auch bald sein Amt freiwillig niedergelegt, da seine Bemühungen zwecklos waren.

Schweres Eisenbahnunglück in Amerika.

Fort Wahne (Indiana), 21. Sept. Bei einem Straßen­bahn-Zu) arnrnenftoß wurden 30 Personen getötet. Das Bahnunglück ereignete sich einer späteren Meldung zufolge bei R i n g o l a n d auf der Wabash-Valley-Linie durch den Zusammen­stoß eines Expreßzuges mit einem Straßenbahnzuge. Die Zahl der getöteten Personen wird aus 40 angegeben; außerdem wurden viele verletzt.

Fort Wayne, 22. Sept. Nach den neuesten Meldungen sind bei dem Eisenbahn-Unglück der Wabasch-Valley-Linie 47 Personen getötet worden.

Vermischtes.

* Schneefälle. Die kühle Witterung hat sich in manchen Teilen des Reiches in Kälte verwandelt. Wie aus Hirschberg unterm 21. September gemeldet wird, trat heute nacht im ganzen Rieseng evirge starker Schneefall ein ; auf der Koppe liegt der Schnee 15 Zentimeter hoch. Bei 2 Grad unter Null schneit es auch in den Tälern vormittags noch heftig weiter. Auch aus München wird Schneefall gemeldet: Hier war gesterntem langanhaltendes Gewitter von so hefti­gem Schneefall begleitet, daß die Straßen vorübergehend vereist mären und der Fährverkehr stockte.

* Ein Juwel endieb wurde in Kassel ertappt und verhaftet. Es wird uns darüber gemeldet: Bei der Ankunft des Leipziger V-Zuges wurde am Mittwoch auf dem hiesigen Haupt­bahnhof ein Passagier aus dem Speisewagen heraus ver­haftet, der sich Kaufmann Katz aus Leizig nannte und angab.

^rüveleichandler zu sein. Er hatte sich dadurch verdächtig gemacht, daß rm Speisewagen mehrere wertvolle Brillant- naoelnund Ringe zu Schleuderpreisen an die Ober- Fellner Kaufte u. den Erlös sofort in Sekt nrnsetztL Er hatte keinen B, Bargeld, wohl aber für 50 000 Mark Juwelen und zwei Fahrkarten erster Klasse, ""

Kleine Tageschronik.

,. _ Bei G l a d b eck riß auf der Zeche Zweckel beim Wtäufen das Seck des hierzu benutzten Förderkorbes, der in die Tiefe stürzte. Ein Schachthauer wurde getötet und fünf an­dere schwer verletzt.

scUAilch^nüsischen Grenze wurde der berüchtigte ru Witz aus BeNdziN verhaftet, in dessen

Gesellschaft sich drei Mädchen befanden.

Während eines Stierkarnpfes in Mejorado del on ^a? r Madrid stürzte die Tribüne des Platzes ein. -.0 Personen wurden verletzt, davon eine sehr schwer.

Bei der Ankunft des SchnelldampfersLusitania" in New- y o r t wurden die drei Verbrecher verhaftet, die in der Luxem- ^Eeler Weltausstellung Uhren im Werte von 35 000 Mark gestohlen hatten.

. DV iS tr e ck e n a r b e i t e r, welche in der Nacht auf dem Bahnhofe Faloise bei Amiens beschäftigt waren, wurden ton dem Schnellzuge PansCalais ersaßt und getötet.

Ter türkische Ministerrat beschloß, 20 000 Pfund für .Aatznahmen gegen die Ausbreitung der Cholera aufzuwenden.

Handel.

** Gewerkschaft Vogelsberg in Gießen. Die Gewerkschaft wurde mit den folgenden Eisenerzwerken be- liehen: 1. Rehberg in den Gemarkungen Sichenhausen und Herchenhain, 2. Renn feuer in den Gemarkungen Herchenhain, Sichenhausen, Kaulstoß und Ha.rtmannsha.in, 3. Alte-Bur g in den Gemarkungen Hartmannshain und Herchenhain, 4. Anneliese in den Gemarkungen Sichen­hausen und Herchenhain, sämtlich im .Kreise Ähotten ge­legen, sowie 5. Ulrich in den Gemarkungen Feldkrücken Rebgeshain, Ulrichstein und Rudingshain (Kr. Schotten) und Engelrod (Kr. Lauterbach), 6. Grüner Berg in den Gemarkungen Rebgeshain, Feldkrücken, Ulrichstein und Ru­dingshain (Kr. Schotten) und Engelrod (Kr. Lauterbach), 7. H o ch l a n d in den Gemarkungen Herchenhain (Kreis Schotten) und Grubenhain (Kr. Lauterbach), 8. H a r tmann in den Gemarkungen Hartmannshain und Herchenhain (Kr. Schotten), sowie Bermuthshain und Grebenhain (Kreis Lauterbach).

* Reichsgenossenschaftsbank A.-G., Darm­stadt. Die Hauptversammlung genehmigte den Geschäfts­bericht und setzte die Dividende wie im Vorjahr auf 31/2% fest. Neben kleinen Aenderungen der Satzungen wurde be­schlossen, den Sitz der Gesellschaft zwar in Darmstadt zu lassen und die Geschäfte der Zentrale Darmstadt mit denen der Filiale Frankfurt, die als solche ver­schwindet, zu vereinigen.

GriginaL-Vrahtmeldungen.

München, 22. Sept. Der deutsche Kaiser ist um 7.20 Uhr von Wien hier eingetroffen und um 7.34 Uhr nach Sigmaringen weiter gefahren.

Straßburg, 22. Sept. Wie dieStraßb. Post" mitteilt, wird der reichsländische Verfassungs-, e n t w u r f in den nächsten Tagen dem preußischen Staats-» Ministerium Mehen. Voraussichtlich wird der Entwurf keinen erheblichen Schwierigkeiten begegnen.

Paris, 22. Sept. Mehrere Blätter berichten, die englische Regierung habe in einer offiziösen Note den von Sir Ernest Cassel mit Hakki Pascha abgeschlossenen; Anleihevertrag unaünstig ausgenommen und ihm ihr Befremden ausgedrückt, daß er ohne Verständigung mit ihr den Vertrag abgeschlossen habe.

Paris, 22. Sept. Die Direktion der West bahn hat den Syndikatsfiihrer Regnault entlassen. Tie Ar­beiterschaft befindet sich in großer Erregung darüber, so daß es voraussichtlich zum Ausstand kommen wird.

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