Nr. 221
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Die „Siebener ZamMenbläiter" werden dem /Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Krcisbldtt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal.
Zweites Blatt 1«». Jahrgang Mittwoch «I.September 181«
UW aA JA AA Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen
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General-Anzeiger für Gberheffen
Sozialdemolratischer Parteitag.
4 Magdeburg, 20. Sept.
Bei bei heutigen Verhandlung über diebadisckeBudast- bewilligung ergriff
Bebel
das Wort:
Sobald er die Tribüne bestiegen hat, wobei ihm lebhafter Beifall aus dem Saale und von den Galerien herab entgegew- schallt, scheint alle Mattigkeit von ihm gewichen. Er ist wieder ganz der alte Feuerkopf, der sich den angesammelten Groll über den badischen Disziplinbruch vom Herzen reden muß, um wieder frisch zu werden. Er führt aus:
Ms wir vor zwei Jahren in Nürnberg die Resolution gegen die Budgetbewrlligung faßten, nahmen wir wohl alle an, daß nun die Frage auf absehbare Zeit erledigt sei. Es ist nicht aw- genehm, heute wieder über die Sache zu sprechen, und ich wäre Se fern von Madrid geblieben, aber nach beit Vorgängen in m glaubte ich alle anderen Rücksichten zurückstellen und das Referat übernehmen zu sollen. Eigentlich war schon vor Nürnberg die Frage entschieden, denn bereits in Dresden 1903 hatten tmr uns aufs sck>arfste gegen die Budgetbewilligung Disgesprochen und damals hatten fast alle Süddeutschen, darunter Frank, Kolb Vollmar und Lindemann dem Beschluß zugestimmt. Die jetzige Budgerbewilligung in Baden ist unter diesen Umständen ein schwerer Disziplinbruch, aber sie ist mehr: sie ist ein Bruch grundsätzlicher Festlegungen, die auf drei Varleitagen ge- ttoffen worden sind. (Zustimmung.) Ohne Sichsügen unter die Beschlüsse der Partei ist aber kein Parteileben möglich. Man kann auf die Aushebung der Beschlüsse hinarbeiten; so lange sie aber bestehen, muß man sich ihnen unterwerfen, und wenn die badischen Genossen es aus besonderen Gründen mit ihrem Gewissen nicht hätten vereinbaren können, dem Beschluß zu folgen, dann hätten sie höchftens den Saal verlassen und sich der Abstimmung über das Budget enthalten dürfen. Nun berufen sich die Badener auf die Erklärung der 66 Süddeutschen, die nach der Nürnberger Debatte abgegeben wurde, und in der sie sagen, es sei Sache der Lanües- organisatwnen, über solche Fragen zu entscheiden. Aber diese Erklärung war nur eine Deklaration von Ansichten; so lange sie nicht Folgen hatten, hatten wir kein Recht, uns damit zu befassen. David meint, man dürfe in der Partei
feinen Kadavergehorsam verlangen. Na, wenn in der Armee solch ein „Kadavergehorsam" herrschte wie in unserer Partei, dann würden gewisse Herren aus der Haut fahren — von ihrem Standpunkte aus mit Recht. Die Budgetverweigerung soll großen Schaden anrichten, aber selbst die bürgerlichen Parteien haben das Mittel der Bndget- verweigerung angewandt, wenn sie in scharfer Opposition standen. Wie sollten wir chso Bedenken tragen, das gleiche zu tun, währmd wir in der schärfsten Opposition zum herrschenden Regime stehen? Sehr richtig!) Schon vor Jahren meinte Kiel, der damals iwch auf der radikalen Seite stand (Heiterkeit), die Partei würde ihre Sympathie verlieren, wenn sie dem Budget zustimme. Warum soll denn jetzt auf einmal das anders fein? Kolb meinte aus dem badischen Parteitag, das Vorgehen der Badener solle vorbildlich fein für ganz Deutschland, für Europa — ich glaube sogar für die Welt. (Heiterkeit.) Kolb hat damals an der gesamten Tätigkeit der Reichstagsfraktion eine Kritik geübt, die uns eigentlich veranlassen müßte, härte eine allgemeine Debatte über die Taktik der Partei zu eröffnen. Ich will diese Debatte nicht, mit Rücksicht auf das kommende Jahr; aber kommen muß sie einmal. (Lebh. Zustimmung.) Wenn z. B. der Doktor Bloch in den „Sozialistischen Monatsheften" Arttkel veröffentlicht, die eine agrarische Politik verlangen, so muß dagegen eingeschritten werden. Was hat uns beim groß gemacht, wenn nicht unsere Jahrzehnte
alte Taktik ber schärfsten Oppo sition? (Lebhafter Beifall.) Minister v. Bo dm an hat von seinem Standpunkt aus viel korrekter gehandelt als Frank. Er hat in einer Rede gesagt, die Sozialdemokratie könne nicht als gleichberechtigt anerkannt werden. Das nennt Frank eine Beleidigung, die ursprünglich die Fraktion zu dem Entschluß brachte, das Budget zu verweigern. Ach nein, das war keine Beleidigung, das war von Bodmans Standpunkt aus ganz begreiflich und berechtigt! (Frank: Unerhört!) Jawohl, Genosse! Ms gegen uns das Sozialistengesetz erlassen wurde, da waren wir nicht „beleidigt", da waren wir em- Vött und voll Haß, und wenn wir gekonnt hätten, dann hätten wir losgeschlagen, aber wir konnten nicht. Herr v. Bodman soll eine komplizierte Natur fein, für mich ist Frank eine viel kompliziertereNatur. (Große Heiterkeit.) Ich habe früher große Hoffnungen aus ihn gesetzt;
er war eine Zeitlang mein Liebling. (Große Heiterkeit.) Heute verstehe ich seine Motive nicht mehr, aber Herr v. Bodman ist allerdings ein geschickter Mann. Er sagte sich, daß es für ihn ganz angenehm fein müsse, wenn die Sozialdemokraten dem Budget zustimmen, und da hielt er eine zweite Rede, in der er die Sozialdemokratie eine großartige Bewegung nannte. Darin sieht Frank eine Zurücknahme der ersten Rede, und durch solche nichtssagenden Redensarten haben die Badener sich einfangen lassen. In Wahrheit hat Bodman gar nichts Kurückgenommen. Das müßte gerade Frank als Jurist sehen. Als das!Sozialistengesetz erlassen war, erklärte der K a i se r, mm müsse man aber auch Positives leisten und dem berechtigten Kern der Sozialdemokratie Rechnung tragen. Ist das nicht viel mehr als das, was Bodman gesagt hat? Bismarck hat später ausdrücklich zugegeben, daß es ohne die Sozialdemokratie keine Sozialgesetzgämng gäbe. Das ist die Frucht unserer „Negation". DieNegierer haben schon immer viel mehr erreicht als die positiv Arbeitenden. Vor Jahrzehnten lehnten Gelehrte und Regierungen es allgemein ab, mit Hilfe des Staates etwas für die Arbetter zu tun. Binnen zwei Jahrzehnten ist in dieser Beziehung
ein voll ko mmener Umschwung eingetreten. Das ist das Werk der Sozialdemokratie und ihrer sogenannten Negation. Im Reichstag, in den Landtagen, in den Gemeinden leisten wir ungeheure Arbeit. In der ganzen Welt hat keine Sozialdemokratie so viel gearbeitet und geleistet wie die deittsche. Jetzt heißt es auch einmal: Unsere Taktik war falsch, wir müssen uns mit den Nationalliberalen ver- binben. (Gelächter.) Die Nationalliberalen sind die Kapitalisten- unb Scharfmacherpartei par excellence. Sie haben für alle Ausnahmegesetze gesttmmt und heute noch wird in ihrer Presse ein Ausnahmegesetz gegen uns verlangt. Auch der frühere Großherzog von Baden, dem nach seinem Tode Frank das Geleit gab, war ein bewußter Feind von und. Er war der eifrigste Befürworter der Zuchthausvorlage. (Hört! hört!) Kolb macht sich über bie preußische Wahlrechtsbewegung lustig. Ja, auch in Süddeutschland ist das Wahlrecht wie bie Taube in den Mund geflogen. Preußen Metwas ganz anderes. Da kostet es etwas Mehr, etwas zu erreichen, als bei euch in Süddeutschland. Aber ihr versteht ja von Preußen nichts und könnt darüber nicht nütreben. Tu Badener wollen zuerst das Budget annehmen, dann wieder ablehnen, bann wieder annehmen. Wenn das bie Nationalliberalen getan hätten, so würde Kolb über die „Fraktion Drehscheibe" gespottet haben. Aber wir haben überhaupt National- liberale in der Partei. Als neulich in einer Berliner
Bers^rmlung der Tr Bloch zittert wurde, sagte Richard Fischer, der gewiß Tein Radikaler ist (Heiterkeit): „Ach, der -oloch ist ja ein Nationalliberaler!" Fischer hat nie Besseres gesagt. (Heiterkeit.) Wenn aber einer nationalliberal ist, bann mufj er raus. Die Badener sprechen von den großen Erfolgen, die sie mit Hilfe des Blockes erzielt hätten. Nun, Erfolge, die nut Hilfe der Nationalliberalen erreicht werden, sind nicht so weit her. Und deswegen habt ihr euch in die Abhängigkeit von den Nationalliberalen begeben. Wenn wir mit bürgerlichen Parteien zusammengehen, so ist tausend gegen eins zu wetten, daß wir dabei die Verlierenden siiid.
Einen Block von Bassermann bis Bebel lehnt Bassermann ab. Ich will eben so wenig von ihm wissen. Als Naumann bie Parole „Bon Bebel bis Bassermann" ausgab, Ach ich am folgenden Tage den Abgeordneten Bassermann im Reichstag und sagte zu ihm: „Na, verehrter Blockbruder, wie steht s beim?" Darauf antwortete Bassermann: „Ach was, Blödsinn," worauf ich erllärte: „Einverstanden". (Große Heiterkeit und Beifall.) Auf die Dauer kann sich keine Partei gefallen lassen, daß solche Vorkommnisse wie in Baden passieren. Wenn das den Abgeordneten gestattet sein sollte, barm müßte man das gleiche Recht jedem Genossen geben. Wenn aber ein gewöhnlicher Genosse so etwas tut, so fliegt er raus. Daher jetzt auch die Ausschluß- a n t r ö g e gegen die Badener. Auch ichhabeweiterüber- legt, ob i,ch einen solchen Antrag ein bringen soll. Wir haben darüber beraten, und da hat man mir Gründe angegeben, die mich davon abgebracht haben. Wenn dasselbe aber noch einmal passieren sollte, dann gibt es keine Gnade. Es muß ja zugestanden werden, daß die badischen Fraktionsmitglieder glauben konnten, ihre Landespartei hinter sich zu haben. Man kann daher nicht sagen: „Die badischen Abgeordneten haben Verrat geübt." Wenn sie Verrat geübt hätten, dann könnte es keine Rücksicht geben. Aber ein Beweis dafür, daß hier Verrat geübt sei, liegt nicht vor. Verrat nenne ich es, wenn ein Genosse bewußt die Partei schädigt ober wenn er Vorteile für sich erringen will, etwa wenn er Geheimrat 'werden möchte. Da das nicht vorliegt, sind Parteivorstand und Kontrollkommission gegen die vorliegenden Ausschlußanträge und bitten dringend, sie zurückzuziehen.
Dem Anttag des Vorstandes gegenüber liegt von etwa 150 Parteitagsmitgliedern unterzeichnet der Anttag vor, den badischen Tisziplinbruch zum Gegenstände einer Kommissionserörterung zu machen, wodurch er ber öffentlichen Erörterung auf dem Parteitag entzogen werben würde. Tie Kommission sott bann nach Beendigung ihrer Arbeiten dem nächstjährigen Parteitage Bericht erstatten. Damtt wäre man bann glücklich über bie Notwendigkeit hinweg, bie unangenehme Angelegenheit vor der Reichstagswahl zu verhandeln, da auch ber nächstjährige Parteitag ja erst beschließen müsse, was mit ben Ergebnissen der Kvmmissions- beratungen zu geschehen hat.
Ihr Süddeutschen seid ja famose Kerle. • Wer ihr habt zuviel Gemüt, ihr seid zu weich, laßt euch zu leicht treten (große Heiterkeit bei ben Süddeutschen). Wir brauchen aufrechte, rückenstarke Männer. (Erneut lebhafte Zustimmung, Lachen bei den Süddeutschen.) Wir dürfen uns auf Kompromiße nicht einlasfen. Die Klafsengegensätze werden nicht milder, sie werden immer schärfer. Wir gehen großen Entscheidungen entgegen. Was nach den nächsten Wahlen kommt, müssen wir abwarten.
Wenn ein europäisches Kriegs gewitter entsteht, werden wir wissen, wo wir zu stehen haben. Die Geschlossenheit, die Schlagfertigkeit ber Partei, das Vorwärtsmarschieren, der feste Wille der Partei wird gehemmt durch solche Sachen, wie sie in Baden vorgekommen sind. Wir können keine Seitenspringer gebrauchen (Zustimmung). Ihr verderbt es bei uns und ihr verderbt es bei den Gegnern. Das habt ihr mit eurer staatsmännischen Weisheit, mit eurer Diplomatie zu Wege gebracht. Es hat sich noch niemand in ber Partei so blamiert, wie ihr euch blamiert habt (stürmische Zustimmung und Widerspruch). Dadurch, daß ihr 24 Stunden Gegner ber Budgetbewilligung wart, habt ihr alle eure Argumente über den Haufen geworfen, das geht nicht so weiter. Wir müssen aufmarschieren in geschlossener Reihe. Sollte jemand so tollkühn sein, zu sagen, ich gehe meinen Weg, ich kann nicht akzeptieren, was der Parteitag beschlossen hat, so soll das der Mann tun (stürmische Zustimmung der Mehrheit). Wenn ich solche Seitensprünge machen würde, wäre ich bald ein General ohne Armee (Heiterkeit). Wir können nur unsere Stellung als Führer ber Partei wahren, wenn alle im Interesse ber Partei mitarbeiten. Der Redner schließt unter stürmischem Jubel ber Mehrheit mit ben Worten: Vorwärts Frank drauf.
Tie Gegenrede Franks.
Nachdem sich bie stürmischen Kundgebungen gelegt haben, ergreift Frank (Mannheim) das Wort: Bebel hat bei allem Ernste eine gewisse Zärtlichkeit für uns Badener gezeigt. Er hat sich dadurch auf den Boden gestellt, auf dem es überhaupt nur eine .kameradschaftliche Aussprache gibt. Er hat anerfaimt, daß wir guten Glaubens gewesen sind und der Partei nützen wollten. Er hat auchburchblicken lassen, daß unsere Ueberzeugung und unsere Personen zu respektieren sind. Ich bin dadurch ber unangenehmen Aufgabe enthoben, mich mit den Gruppen ber Genossen auseinanderzusetzen, bie unsere Motive und unsere Personen zu verdächtigen suchen. Daß die „Leipziger Volkszeitung" dabei war, 'ist selbstverständlich (große Heiterkeit). Sie benahm sich dabei, ich sage es ganz offen, noch ziemlich anständig. Der Genosse Stadthagen hat uns
hündische Allüren
vor geworfen, wir überlassen die Entscheidung zwischen ihm und uns dem Urteile des Parteitages. Wir kommen hierher, mit dem Bewußtsein, das wfir das Gntt gewollt und getan haben. Man kann gamicht offener zu Werke gehen, als wir es getan haben. Bebel sagt von der Nürnberger Erklärung: sie märe nur eine Art Rechtsverwahrung gewesen. Wer da hpren wollte, muß gehört haben, daß die Erllärung von Segitz mehr war als eine bloße (Stilübung. Mehr als Stil Übung en waren auch bie nachherigen Proklamationen der Parteivorstände der einzelnen süddeutschen Staaten, zu denen ber Leipziger Parteitag geschwiegen hat. Wenn die Erklärung ber 66 nicht gewesen märe, hätten wir auch nickst anders gehandelt und anders handeln können, als wir gehandelt haben. Wir erkennen an, daß eine große Partei ohne Disziplin nicht bestehen kann und auch nickst bestehen darf. Aber es gibt Umstände, wo der Disziplinbruch auch gerechtfertigt sein kann. Das oberste Gesetz unserer Partei ist, alles tun, was dem Aufstiege der Massen zur politischen Macht verhilft. Die Partei will keinen automatischen Gehorsam, sie will Vertrauen, das entspricht ber Trabition und der Taktik ber Partei. Jener Beschluß war unter dem Vorbehalt gefaßt, daß die mit ber Ausführung betrauten Personen nicht als Maschinen zu handeln haben. Man muß die Frage, ob bie Befolgung ober Nichtbefolgung eines Beschlusses die Partei schädigt ober nicht, voranstellen. Es geht nicht an, zu sagen, es muß unter allen Um ständen Ordre pariert iverben. Auf dem Standpunkte hat die Partei nie gestanden. Der Redner schildert bann die Ereignisse in Baden. Der Großblock in Baden ist Fein totgeborenes Kind. Er besteht nun schon 5 Jahre, und Sie, meine Genossen im Reiche, Sie wählen doch auch gegebenenfalls die Liberalen gegen andere Parteien — Sie wählen bie Liberalen ohne Gegenleistung, und wir in Baden, wir verlangen von ben anderen Parteien, daß
e>ie sich verpflichten, auch für uns zu stimmen. Wir haben niemals irgend einen Grundsatz preisgegeben. Ich finde es komisch, daß man den Nachweis erbringen will aus einigen Zeitungsartikeln der bürgerlichen Presse,. August Bebel hat einmal gesagt: Ich wurde mich hüten, mir ein Urteil aus dem zu bilden, was in der bürgerlichen Presse steht (hört! hört'). Die Dinge liegen in der Praxis anders als in ber Theorie. Bündnisse werden nur jolange gebalten, als beide Parteien daran ein Interesse haben, als beide Parteien auf ihre Rechnung kommen. Ich weiß nicht, ob nn badischer Genosse die Ausdehnung unserer Politik auf das Jieicb gefordert hat. Es ist selbstverständlich ber badischen Partei niemals eingefallen, die Uebertragung der für uns passenden Politik auf das Reich zu fordern. Wir verlangen nichts weiter als
Ellenbogenfreiheit für uns
Bei uns tzn^Baden muß sich die nattonalliberale Partei anders geben; ap anderswo. Es ist richtig, ein großer Teil ber nationalliberaleu. Partei tm Reiche besteht aus Scharfmachern. Bei uns aber sind! die Nationalliberalen für die Einführung von Arbeiterkon-- tro l teuren eingetreten, die Durchführung ber Arbeitslosen-' Versicherung ist mit Hilfe der Liberalen gegen bas Zentrum zu^ Itanbenefommen (hört! hört!). Wir stellen unsere Forderung«^ ohne- Rücksicht auf rechts oder links. Wenn man uns vorwirft/ wir hätten eine Petition von Eisenbahnarbeitern durch Ucbergan^ iwr Tagesordnung erledigt, so frage ich, was würde man in ber Reichstagssraktion gesagt haben, wenn man ihr den gleichen Vorhalt machen wollte, wozu doch reichlich Gelegenheit vorhanden, wäre. Es macht uns wirklich fein Vergnügen, mehrere Monate im Mittelpunkte ber parteigenössischen Aufmerksamkeit zu stehen und wieder einmal auf einem Parteitage die Frage ber Bndgeb- bewilligung heraufzubeschwören. Es ist nicht wahr, daß wir nur dem Herrn v. Bodman zuliebe für bas Budget gestimmt haben,: wir haben es getan, um der Pattei zu dienen, und die Rede des' Herrn, v. Bodman hat nur ein Hindernis beseitigt. Man fann- nicht in ein Parlament hineingehen, um dott ben Antiparlamentarismus zu predigen. Mit einer Lehre ber Hoffnungslosigkeit' erringen Sie feine Welt, nicht einmal einen kleinen Wahlkreis? (Zustimmung). Man muß
bann und wann kleine Konzessionen machen, um vorwätts zu kommen. Sehen Sie doch auf bie Gewerkschaften. Sehr oft ist eine kleine Konzession, ohne daß wir es wissen, der Krim, der bie Zumkunft birgt. Ich halte unten' Umständen sehr viel von Demonstrationen, wenn sie wirffam sind. Ich habe schon oft solche mitgemacht und hoffe noch weitere mitzumachen. , Aber eine Verweigerung des Budgets wäre keine Demonstration aewesen. Eine Demonstration gegen bie Aus-? beutung ber Massen, gegen bas gewaltige Unrecht, das ben Massew seit Jahrhundetten zugefügt wirb, muß gewaltiger aussehen als eine Budgetverweigerung in Baden. (Zustimmung.) Wir sagen nicht, daß Baden ein Paradies sei. Wir haben aber unsere Kraft eingesetzt, um bie Lage der Arbeiter zu heben. Heber unsere angeblichen dynastischen Gelüste sind geradezu abenteuerliche Gerüchte entstanden. Wir müssen im Parlament nach ber Geschäftsordnung handeln. Ich gebe zu, daß es Grenzsälle gibt, die badische Partei beabsichtigt aber durchaus nicht, ihre Taktik gegenüber der Monarchie irgendwie zu ändern. Man sagt, bie Begründung für unsere Abstimmung sei falsch, aber es ist besser^ wir geben eine falsche Begründung zu einem richtigen Beschluß,, als urngekehtt. Ein Genosse hat das Scharfrichteramt über un£ Bubgetbewilliger in Frankfurt a. M. bereits ausgeübt, ohne zu wissen, was ein Budget ist. (Widerspruch und große Heiterkeit.)! Die einzelnen Budgtts sind sehr verschieden. Wenn ber Parteitag beschließt, wir müssen jedes Finanzgesetz ablehnen, so bedeutet das, daß bie Pattei sich überall, wo sie kann, für bie Steuern Verweigerung festlegt. Das hat Konseguenzen für bas Reich. 'Das Reich hat keine Steuerbestimmung von Jahr zu Jahr, bie Steuern werden dort dauernd erhoben. Es wäre bann bie not-, toenbige Konsequenz, daß auch für alle Zeit im Reiche jedes Steuergesetz niebergeftimmt werben muß. (Sehr richtig! bei beit Südbeutschen.) Wir haben im Reichstage für das Erbschaftssteuergesetz gestimmt, haben dadurch also auch gegen ben Nürnberger Beschluß verstoßen. (Erneute Zustimmung bei ben Sübdeutschen^ Widerspruch des Abg. Stadthagen.)
Genosse Stadthagen, Sie will ich ja gar nicht bekehren.
Wir wollen keinen Parteitagsbeschluß aufheben, wir wenden uns nur gegen seine falsche Auslegung. Wir müssen einen Weg finden, ber bie Pattei aus ber Sackgasse herausführt und uns ben Frieben bringt, ben wir alle wünschen. Wir müssen den Weg finden, um freien Raum zu haben zum Kampfe gegen ben ge=* meinfamen Feinb. (Anhaltenber, stürmischer Beifall bei den Süddeutschen.)
Pens (Anhalt) polemisiett gegen Bebel, ber behauptet hatte, daß P>euß in seinem Blatte anders schreibe, als er in Anhalt rede. Wenn BÄel glaube, auf Grund seiner Stellung mit einem Manne so umgehen zu können, der auch politische Ehre habe, so müsse er, Pens, erklären, daß er Bebel um diese Fähigkeit nicht beneide,, daß er den Genossen Bebel aber auch nicht fürchte und daß er sich durchaus nicht einschüchtern lasse. Er halte sich in ber Tat für rabifaler als manche anbere Genossen.
Darauf trat bie Mittagspause ein.
Zu der Entschließung des Vorstandes wurde während der Rebe Bebels ein Zusatzantrag verteilt, unterzeichnet von nort* beutschen Genossen, in dem es heißt, daß biejenigen Patteigenossen, bie der Entschließung des Vorstandes zuwiderhanbeln, damit sich ohne weiteres außerhalb der Partei stellen. Bebel erklärte hierzu, baß ber Vorstand für biefen Zusatzantrag nicht zu haben sei..
Im Nachmittag lag
ein neuer Antrag vor:
„Um die Wiederholung der bie Parteibewegung hemmenbeit Konflikte zwischen ben einzelnen Landtagsfraktionen. und der Gesamtpattei zu verhinbern, beschließt ber Parteitag, eine Kommission zum Stubium ber bubgetrechtlichen Verhältnisse bcs Reiches und ber Bundesstaaten einzusetzen. Dieser Kommission sollen außer einem Delegierten des Partei- vorftandes Vertreter der Parteiorganisationen aller Bundes-^ ftaaten angehören. Das von der Kommission gesammelte und bearbeitete Material ist rechtzeitig vor dem nächsten Parteitage zu veröffentlichen."
Die Unterzeichner dieses Anttages sind zumeist Süddeutsche. Daneben haben bie Gewerkschaftsführer und einige norddeutsche Revisionisten mit unterschrieben.
Bei Verlesung ber R ebn erliste ergibt sich, daß die überwiegende Zahl der Redner zugunsten der Bubgetbewilliger sprechen will. (Steigende Heiterkeit.) Sie haben sich schon zeitig zuni Wort gemeldet, daß sie in ber Rebnerliste obenan stehen. ES, wird aber beschlossen, abwechselnb einem Freunde und einem Gegner der Bubgetbewilligung bas Wott zu erteilen.
Der Vorsitzenbe Dietz Stuttgart) bringt zunächst solgenbes Schreiben ber württem bergischen sozialbemo^ kr atischen L a n b t a g s s r a kt io n zur Verlesung:
„Die sozialbemokratische Fraktion des württembergischen Landtages ist der Ueberzeugung, daß im Interesse erfolgbarer Geltendmachung ihres Einflusses in ben Fragen ber Landespolitik für sie Entschl ußfreiheit in Sachen der Budgetablehnung ober -Annahme gewährt werden muß. Sie richtet die dringende Bitte an der Parteitag, eine


