Ausgabe 
19.10.1910 Erstes Blatt
 
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Veruü-pretS: monatlich75M.,viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; burch die Post Mk.2.viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokalISPft auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A Goetz. Berantwortlich für den politischen Teil: August Goetz; für .Feuille­ton" und.Vermischtes" K. Neurath; für.Stadt u. Land" undGerichts-

»r. »45 Erstes Bla« 160. Jahrgang Mittwoch 10. Oktober 1010

Der iKtentr »zeige, Ä

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gsVlvnvIlU 4IIWIUU für die Redaktion 112, MU Seneral-Anzeiger für SberheUn ^iS vormittag« 9 Uhr. Rotafiow$&nt<f rmd Verlag -er vrühl'schen Nniv.-Vuch- und Zteindruckerek R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchuiftrahe 7.

zinjcicjvtiicii . p« -Ovd.

Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.

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Vie türtische Kabinettskrise.

Man.t den Gerüchten von einem Rücktritt des' Ka- inetts Hakki, die seit Anfcmg Oktoder durch die Presse ingen, wenig Glauben beigemessen, weil damals die Frage er türkischen Anleihe, sowie die Kretafrage im Mittelpunkt es politischen Interesses stand. Denn wie konnten Hakki asckfaumd sein von den Jungtü-rken abhängiges Ministerium )T Amt nioderlegien, wo sich so vieles in der Schwebe be- ind, und chr Rücktritt einem Rückzug vor Frankreich und -riech^nland, gegen den doch die ganze neue Türkei ein- lütig Protest erhoben haben würde, verzweifelt ähnlich esehen hatte? Schlimmstenfalls wäre damals eine teilweise rneuerung des Kabinetts Hakki in Frage gekommen, weil vischen dem Ministerpräsidenten und dem jungtürkischen omitee gewisse taktische Differenzen in der Anleihe- und -retafvage bestanden haben sollen. Ein vollständiger chsternwechsel aber mußte als ausgeschlossen gelten, weil als achsolger Hakkis nicht etwa der Senatspräsident Said, der n Zuneigung zum alten Regime verdächtig ist, in Betracht immen konnte, sondern der jetzige Justizminister Nedsch- tebbin Bey, der, aus den Reihen der Junatürken hervor- egangen, dort schon lange als 'Nachfolger des Großwesirs ift, wenn dieser einmal aus persönlichen Gründen auf sein mt verzichtete.

Und nun meldet im gegenwärtigen Moment trotz ller Voraussagungen höchst überraschend der Draht aus OTlstantinopel, daß der Ministerpräsident Hakki Pascha, :r Kriegsminister Mahmud Schew ket Pascha und ?r Finanzminister Dschavid Bey ihre Demission nzureichen beabsichtigten. Die Entschließung in dieser rage ist natürlich schwer, da doch das Kriegsministerium *Ä einem eventuellen Konflikt mit Griechenland und das inanzministerium heim Abschluß der türkischen Anleihe Neiligt sein würde, zumal durch die anscheinend b-evor- ehende Ernennung Ve n i z e l o s zum griechischen Minister- cäsidenten, die man in Konstantinopel schon lange als casus 'lli bezeichnet hatte, ein kriegerischer Zusammenstoß mit 'm Hellenenreich mehr beim je in den Bereich der Möglich- it gerückt ist, und von der Begebung der türkischen An- ihe, über die sich die ganze Presse in den letzten Wochen . den gewagtesten Kombinationen erging, jetzt nicht mehr e Rede ist. Ist sie also gescheitert, oder ist es Dschavid ey noch nicht gelungen, in Paris auf dem Umwege jüber e Ottomanbank günstige Bedingungen für die Türkei durch- Hetzen, so müßte man in dem Demifsionsgesuch des Mini- W 'riums Hakki ein Werk des Jungtiirkischen Komitees sehen.

sich mit einem Kabinett, welches weder eine Erledi- I rng der Kpetasrage, noch die Sanierung der türkischen Fi- rnzen in einem dem osmanischen Nationalbewußtsein ent- 7*. rechenden Sinne durchsetzen konnte, nicht länger identisi- eren will.

| Aus diesen politischen Gedankengängen heraus läßt cf> augenscheinlich das Demissionsgesuch der drei Staats- änner erklären, mag auch die unmittelbare Ursache in ' ner persönlichen Differenz zwischen Dschavid Bey und | tahmud Schewket Pascha zu suchen sein. Wie nämlich ^richtet wird, will der Finanzminister, daß die Ueberschüsse 25 letztjährigen Heeresbuhgets, ungefähr 6000 türkische I fund (ä M. 18,44) in die allgemeine Staatskasse zurück- | ießen, während der Kriegsminister sich diese Summe gern ir freien Verfügung für etwaige Notfälle reservieren töchte, wahrscheinlich, weil er den Beziehungen zu Griechen-

Kunft, Wissenschaft und Leben.

IKunst unserer Herma t." Der Verwaltungsaus- rrufe der Vereinigung zur Förderung der Künste 'n Hessen und im Rhein-Maingebiet hielt am Sams- | ig eine Sitzung ab. Der Zweck war, eine allgemeine Aus- »rache über die von ihm herausgegebene ZeitschriftKunst 1 nserer Heimat" herbeizusühren. Zur Gewinnung eines Ueber- I ftcks über hervortretende Mangel und Wünsche war vorher eine künstliche Umfrage veranstaltet worden. Das Ergebnis der Be- itung war zunächst die Uebereinstimmung darin, daß es zweck- läßig sei, wenn, anstatt wie seither jährlich sechs, künftig zwölf ' e f t e erschienen, natürlich unter entsprechender Verminderung er Stärke der einzelnen Hefte. Ferner ist in Aussicht genommen 'orden, 'den seither schon bestehenden Redaktivnsbeirat zu er- 'eitern, insbesondere für Architektur und Malerei eine Ver- etung zu berufen. Des weiteren soll der seitherige Plan für | ie Zusammenstellung der Hefte: Berücksichtigung örtlicher Be- rke für abgeschlossene Veröffentlichungen, verlassen und künftig ach anderen Gesichtspunkten verfahren werden.

II Di e Zwiebel wage am Goethe haus. Aus

,3eimar wird der V. Z. unterm 16. Oktober geschrieben: üs Anlaß des hiesigen Zwiebelmarktes, der sich vom i:auenplan bis yum Schillerhau.se erstreckt, erblickte man ha eilte am Goethehause eine mit buntem Zierrat reizvoll usgestattete Zwiebelwage mit der auf das großherzogliche S üappen garnierten Zahl 25. Als im Jahre 1885 das Goethe- cms in den Besitz des Staates übergegangen war, hatte as muntere Völkchen der Planburschen es nicht versäumt, Item Brauche gemäß, wonach jedes neue, im Bereiche des .Wiebelmarktes erbaute oder jedes den Besitzer wechselnde 'aus durch Verleihung einer schmucken, aus Zwiebelrispen ebildeten Wage ausgezeichnet wurde, das Goethehaus mit ieser Zierde zu versehen. Damals äußerte der verstorbene ^roßherzog Karl Alexander, ein Freund alter thüringischer ntten, seine besondere Freude über den lustigen Einfall nd spendete den Gebern ein ansehnliches Geschenk. Auch i^j eute bleibt dem Eigentümer des Goethenationalmuseums r1 whl nichts anderes übrig, als sich durch einen opulenten esttrunk etwa von dem zierlichen Anhängsel zu lösen.

lieber Tolstois Befinden liegen wieder einmal unruhigende Nachrichten vor. Nach seinem gewöhnlichen Iji ^glichen Spaziergang begab sich der Greis vorgestern in seinem 1 lrbeitszimmer zur Ruhe. Ta er nach mehreren Stunden nicht erauskam. trat seine Gattin ein und fand Tolstoi ohnmächtig, llsdann redete er irre. Erft nach Mitternacht gelang es drei lerzteu, das Bewußtfeiu. des. Leidenden wieder wach zu rufen.

land und dem Zustandekommen der Anleihe gar nicht mehr traut.

Die Bemühungen, diesen Streit zu schlichten, haben bis­her zu keinem Ergebnis geführt, und Hakki Pascya ist ent­schlossen, sein Demissionsgesuch aufrecht zu erhalten, wobei freilich bisher unbekannt geblieben ist, ob er für Dschavid Bey oder für Mahmud Schewket Pascha Partei nimmt. Anscheinend will das jungtürkische Komitee diese beiden Männer um jeden Preis halten, während Hakki Pascha das Vertrauen der Kvmiteepartei bis zu einem gewissen Grade verloren hat, sich desto mehr aber der Gunst des Sultans erfreut, bei dem jetzt allein die Entscheidung in dieser Kabinettsfrage liegt. Wenn es richtig ist, daß er abermals Hakki Pascha mit der Bildung eines neuen Kabi­netts, und zwar unter Ausschiffung von Dschavid und Schewket betrauen will, so würde das in weiten Kreisen der Komiteepartei nicht verstanden werden. Vielmehr wür­den bann dem neuen Kabinett Hakki so große Schwierigkeiten drohen, daß es, soll es sich halten, dazu getrieben würde, bei den Mächten auf Erledigung der Kretafrage zu dringen, um so der türkischen Vollsstimmung entgegenzukommen. Andernfalls würde wahrscheinlicl) der jetzige Justizminister Nedschmeddin, oder auch der Führer der Komiteepartei, Halil, an die Spitze der türkischen Regierung treten, die dadurch und durch Beibehaltung Dschavids, sowie nament­lich Schewkets, zu einem Kampfministerium würde, das jede Verständigung über die Kreta- und Anleihefrage aus- schlösse.

Konstantinopel, 18. Okt. In der gestrigen Beratung der Minister, in der bereits Versuche unternommen wurden, eine Verständigung zwischen dem Kriegsmini st er und dem Finanzminister anzubahnen, erstattete der Kriegsminister über 16 Punkte umfassende Vorschläge, die der Finanzminister bis heute studieren soll. In der Umgebung des Finanzministers verlautet, die Vorschläge seien mit der Verfassung unvereinbar, weshalb der Finanzminister fest ent­schlossen sei, nach Beendigung der Manöver zu demissionieren. Es verlautet, die Haltung des Finanz­ministers habe bereits im Finanzdienst der Armeeverwaltung die Zahlung der Armeelieferungen erschwert. Wie verlautet, be­schloß die Regierung, einige strategische Punkte im Schwarzen Meer und dem Archipel zu befestigen.

Die Minister halten heute beim Großwesir Be­ratungen ab, um zu versuchen, über die in bezug auf das Gesetz Über den Oberrechnungshof im Kabinett aufgetretenen ^Meinungsverschiedenheiten zu einer Verständigung zu kommen. Der Marineminister er­klärte sich in dieser Frage mit dem Kriegsminister solidarisch, dessen Ansichten mit denen des Finanzministers in Widerspruch stehen.

Auswanderungen nach Montenegro.

Cetinje, ^.8. Okt. Die Auswanderung aus den Bilajets Kassow und Skutari nach Montenegro nimmt täglich größere Dimensionen an unb setzt die montenegrinische Regierung immer größeren Verlegenheiten aus. Alle Bemühungen der Emigranten, straflos in ihre Heimat Aurücffebren zu können, haben keinen Erfolg gehabt. Heute hat die Regierung allen hiesigen Vertretern der Großmächte ein Memorandum überreicht, in welchem sie auf die schwierige Lage hinw^ist, in der sie sich befindet. Ein Ausschuß von Bürgern hat einen Aufruf an die Bevölkerung erlassen, in welchem um freiwillige Gaben für die Emigranten gebeten wird.

Neue Erklärungen des Grasen Aehrenthal.

Graf Aehrenthal ist es mit Leichtigkeit gelungen, in dem Ausschuß der ungarischen Delegation die schwachen Einwen^ düngen der slawischen Widersacher zurückzuweisen und sich die Anerkennung der großen Mehrheit zu gewinnen:

Wien, 18. Okt. Der ungarische Legationsaus­schuß für die auswärtigen Angelegenheiten beaann heute mit der Beratung des Exposes des Ministers des Äeußern Grafen Aehrenthal. Der Berichterstatter Graf Markus Wickenburg- betonte, daß die ganze Annexionkampagne einen glänzenden Er­folg des Leiters des Auswärtigen Amts und seiner Mitarbeiter', des Botschafters in Konstantinopel und des Gesandten in Bel­grad, bedeute. Kossuth sagte, daß das Exposö in mehreren Punkten lückenhaft sei; es sei insbesondere notwendig, Aufklä­rungen darüber zu verlangen, warum die Annexion gerade in einer Zeit vorgenommen wurde, wo die Türkei infolge innerer Wirren geschwächt war und Komplikationen seitens der übrigen europäischen Möchte bezüglich der Abänderung des Berliner Ver­trages zu erwarten waren. Graf Stephan Tisza (Arbeits­partei) bemerkte, der Dreibund sei wohl nicht das einzig mög­liche Bündnis, sicherlich aber das zweckmäßigste.Was bie* Wahl des Zeitpunktes für die Annexion anlangt, so wurde er nicht von uns gewählt, sondern die Ereignisse haben ungewollt die Annexion nach sich gezogen. Ich konstatiere ferner, daß der Minister des Auswärtigen die Partie glänzend zu Ende geführt hat."

Graf Aehrenthal sprach seine Freude darüber aus, daß von autoritativer Seite bestätigt wurde, daß die Wahl des Zeit­punktes der Annexion nicht von Oesterreich-Ungam abhing; eine so hervorragend konservative Macht wie Oesterreich-Ungarn mußte den Zeitpunkt und die Umstände für den geeigneten Moment zur Wahrung ihrer Interessen sorgfältig prüfen und diesen nach Kräften ausnutzen. Graf Aehrenthal wies dann den Vorwurf zurück, als ob durch die Annexion ein Rechtsbruch begangen worden wäre. Tie Anfrage, ob noch die Balkan-Entente mit Rußland bestehe, beantwortete er dahin, daß diese mit Rücksicht auf die Aenderung der Verhältnisse in der Türkei gegenstandslos geworden sei, daß aber die Beziehungen zu RußlanL befriedigende seien. Auf eine. Anfrage wegen der Gerückfte von einer türkisch- rurnänischen Konvention verwies der Minister daraus, daß diese Gerüchte von Rumänien dementiert wurden und baß sie wahrscheinlich von einer Seite ftainrnten, welche Interesse habe, Unruhe zu stiften und der vielleicht auch daran gelegen sei, die türkische Anleihefrage in Paris tzü stören. Was die Äimäherung oder sogar den Anschluß der Türkei an den Treibund betreffe, so handele es sich hierbei um einen Ballond'Essay", um Unruhe zu stiften. Unsere Beziehungen zur Türkei sind sehr präzisiert. Wir wünschen im Orient die Au ft echt er Haltung des Friedens und des Statusguo und daß die Türkei mit Klugheit und Stetigkeit an ihrer Konsolidierung arbeitet.

Auf eine weitere Anfrage, bezüglich der Ereignisse in} Portugal, erklärte Graf Aehrenthal: Wir gedenken der Um­wälzung m Portugal gegenüber eine abwartende Haltung ein­zunehmen, um zu sehen, welche Entwickelung die Verhältnisse Port nehmen und wie das portugiesische Volk sich zu dieser Aenderung der Staatsform in legaler Weise äußern roirb. Unser Geschäft- träger in Lissabon hat Instruktionen erhalten, zur Wahrung per Interessen Oesterreich-Ungarns in Portugal mit der gegenwärtigen Regierung in Beziehungen zu treten.

Ter Aussclmß beschloß dann, im Sinne des Antrages des Referenten, daß er die vom Minister des Aeußern erteilten Auf­klärungen mit Tank zur Kenntnis nehme, mit der Politik des Ministers Übereinstimme und dem Minister sein Vertrauen aus­drücke.

Der Ministerwechsel in Griechenland.

Athen, 18. Okt. Der König ermächtigte V enizel o§, die Kammern, wenn erforderlich, auszulösen. Venizelos wird dem König heute abend die Ministerliste vorlegen.

DaS neue Ministerium wird sich wahrscheinlich folgendermaßen zusammensetzen: den Vorsitz, den Krieg und

Zum Andenken Fritz Reuters stellt aus Anlaß des hundertsten Geburtstages des Diciuers die Gesellschaft tür Verbreitung von Volksbildung (Berlin N/W., Lübecker Straße 6) für 500 Volksbibliotbeken eine dreibändige Aus­gabe der ^Stromtid" und für 10U0 Schulen ,Tie Franzosenlid" un­entgeltlich zur Verfügung. Tie Verteilung der .Franzosentid" an Schüler erfolgt in der Weise, daß aus einer Schule mir 4 Schüler berücksichtigt werden. Das Porto (30 Pig.) ist den Gesuchen bei- jnfügen. Die Gesellschaft hat auch zum 80. Geburtstag der Dichterin Marie von Ebner-Eschen doch an iOOO Bolks- bibliotheken je 5 kleinere Werke der Dichterin zur Verfügung ge­stellt. Von dem Anerbieten ist aus allen Teilen des deutschen Sprachgebiets in so starker Weise Gebrauch gewacht worden, daß die Zahl der ursprüglich für die Spende befiimmten Werke noch vermehrt werden mußte.

Theodor Fontane als Nachtkritiker. Jrn neuesten Heft derNeuen Rundschau" finden wir in unged-ruckten Briefen Fontanes u. a. eine Epistel 'aus dem Jahre 1889 an die Schauspielerin Paula Konrad, jetzt Frau Schlenther. Der Dichter entschuldigt darin ein Clichee-Wort, das ihnr in seiner Nachtkritik unterlaufen, mit folgendem humoristisch-resignierendcn Stoßseufzer, den ihm mancher Genosse der NachtreserenteT^Fakul- tät lebhaft nachempfinden wird:Mein gnädigstes Fräulein. Es ist mir sehr leid. Sie nicht selbst gesehen unb gesprochen zu haben. Denn was meine Damen, besonders meine Tochter, Ihnen ge­sagt haben unb was ich aus deren Munde soeben wieder erfahre, ist ein sehr schwacher unb sogar sehr falscher Ausdruck dessen, was ich über Ihre Hilde denke unb hier gleich nach der erftefti Vorstellung (bei*Frau vom Meere" im Schauspielhaus) geäußert habe. Zunächst müssen Sie burchaus vergessen, baß ich am Schlüsse meiner Kritik geschrieben habe:Frau v. Hochenburger unb Frl. Conrad waren reizend." Es ist nicht ganz falsch. Denn die lebenden Bilder, die man empfing, waren anmutig, ge­fällig. Dennoch istreizend" ein ganz dummes Wort, das Sie in seinem Nichts, in seiner Phrasenhaftigkeit ganz richtig erkannt unb sich mit Recht barüber aigriert haben. Aber nne kommt der­gleichen? Es ist ein V e r le g en he i t s wo r t. Weiter nichts. Da setzt man sich hin unb hat in brei Stunden eine ellenhagre Kritik zu schreiben über eine, wie ich Ihnen nicht erst zu sagen brauche, sehr schwierige Materie. Das Mädchen, eingemummelt, steht schon hinter einem, mit einem Markstück in der Hand, um sich sofort auf eine Droschke erster Klasse stürzen zu können Alles ist in Haft, Angst, Aufregung, und noch immer sitzt der unglück­liche alte Mann an feinem Schreibtisch und fegt über die Seiten hm und ist immer noch nicht fertig. Endlich. Aber da sind ja noch die Schauspieler! Meyer phänomenal, Ludwig dito, Vollmer verfehlt, Conrad reizend abgemacht, weg Es ist alles ehrlich gemeint Auch der rmsesähre Ausdruck, aber alles

grob, ungehobelt, unvollständig, auch im Lob angreifbar, über­trieben, alles schönen Maßes entbehrend. Das beklage ich am meisten. Aber es ist nicht zu ändern, unb man kann nicht mehr tun, als es zuzugestehen und, so weit es geht, hinterher auszugleichen. Wer bicfen Zustand der Sache bestreiten will, der lügt. Alles bleibt unvollkommen."

V. K. SchußpramienundVogelschutz. Vom Deutschen Verein zum Schutze der Voqelwelt wird uns geschrieben: Durch die Presse ging in jüngster Zeit die Nachricht, daß der Verband deutscher Brieftauben Hebbaber für die Fänge von Wanderfalke, Hühnerhabicht und Sperberweibchen für 1910 wiederum 3500 Mk. Prämien ausgesetzt hat. Gegen dieses Prämiierungs- system ist es Pflicht aller Freunde der Natur und unseres Volkes, mit allen Mitteln vorzugehen. Wohin sollte eS führen, wenn feder Verein (Imker-, Fischerei-, Landwirtschasts-, Brieslaubenzüchter-, Iägervereine) das Recht hätte, die Tiere, die seine Interessen wirklich ober vermeintlich schädigen, zu ächten und auf ihre Erlangung Preise auszusetzen. ES bliebe ja dann über­haupt fast kaum ein Tier übrig, für das kein Preis zu erzielen wäre. Während von der Wissenschaft, sowie von Regierungen und Verwaltungen in immer steigendem Maße die Bedeutung des Natur- uub Vogelschutzes erkannt und gegen bte Verödung der Natur angekäinpst wird, fördert die Prämienausschreibung bet Brieftaubenliebhaber die Massentötung und jücntet die An­schauung heran, als sei es ein verdienstvolles Werk, möglichst viel Raubvögel vernichtet zu haben, gleichviel, ob von univissenden Schützen mit den schädlichen auch alle möglichen nützlichen oder Darmlolen Tiere niedergeknallt werden. Denn der Prämienlüsterne sieht nicht immer genau zu, ob der kreisende Vogel ein Sperber ober Habicht ist, er schießt eben schnell, damit ihm die Beute nicht entgehe. Ist der heruntergeslürzte Raubvogel ein Taubenvertilger, dann gut, dann hat er die Prämie sicher, ist er ein unschuldiger Bussard ober Turmfalke, bann sicht ihn das auch nicht viel an. Wie viele dieser Prämienschützen kennen überhaupt den Unterschied zivlschen Bussard, Sperber unb Falke? Da ist es kein Wunder, wenn die kleinen Raubvögel dezimiert, zum Teil ganz vernichtet sind. Der Naturfreund kann froh sein, ivenn er einen Bussard zu Gesichte befommt oder einen Turmsalken; der Wanderfalke, auf den es die Brieftaubenltebhaber gaiij besonders abgesehen zu haben scheinen, ist fast völlig ausgerottet, und au seinem stolzen Flugbilde sich zu erfreuen, hat man ebenso selten Gelegenheit mie an dem der Alilane und Weihen; dafür haben die Nützlichkeitskrä'mer und Schießer gesorgt. Wenn diesem Treiben nicht bald Einhalt geboten wird, werden wir unserer heimischen Natur allmählich den Frieden des Kirchhofs aufzivmgen; bann erst wird mau bte Größe bes Verlustes erkennen, der burch solch unsinniges Wüten uns unb unserem Lande zugefügt wurde.