Nr. 61 Zweites Blatt
160. Jahrgang
Montag 11. März 1910
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntag?.
Die „Gießener Zamilienblätter" werden dem ^Anzeiger" viermal wöchentlich bcigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit« fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Sleindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^51. Redaktion: 112. Tel.-AdruAnzeigerGießen.
verbefferimgen im Lisenbahnverlehr.
M1 Berlin, 12. März.
Wie wär hören, ist für den Sommer 1910 eine Verbesserung des großen Turchgangsverkehrs geplant. Beabsichtigt ist eine neue Verbindung nach dem Westen (Köln, Aachen, Tusseldvrs). In Aachen werden die Zuge vereinigt und nach Paris und Brussel weitergeführt. Diese Verbindung erhält ein Gegenstück in einer Nachmittagsverbindung aus dem Westen nach Berlin. In der Verbindung Be r l in — Fran t f u rt —B a s el wird ein Schnellzug 9 Uhr morgens eingelegt, der 11 Uhr abends in Basel ankommt. Ter Gegenzug geht in Basel um 8 Uhr früh ab und kommt in Berlin um 9 Uhr abends an.
Weitere Verbesserungen sind vvrgesel)en, um den englischen Verkehr mehr für die deutschen Bahnen zu gewinnen. Tie Strecke Vlissingen—Asck>assenburg—München wird an die Tauernbahn gut qngegliedert und somit eine gute Ueber- landverbindung von Vlissingen nach Triest geschaffen. Für den Verkehr zwischen Berlin —Posen wird ein neuer Schnellzug zu guter Zeit eingerichtet. Schließlich werden Maßnahmen getroffen, die Post aits dem rheinischEstfälischen Jndustrierevier, die abends bis 8 Uhr zur Aufgabe gelängt, in Berlin mit der ersten Bestellung gbzuliesern.
Von weiteren Maßnahmen seien erwähnt: Alle Züge sollen nur drei Klassen führen, in Personenzügen fällt allmählich die erste Wagenklasse fort.
Ter Triebwagenverkehr wird zur Förderung des Nahverkehrs, zur Ausfüllung von Zug-Lücken und zur Vermittlung von Schnellzugsanschlüssen auf Schncllzugsstrecken und als Zubringer auf ddebenbalmen weiter ausgedehnt werden. Ter Verkehr deckt vorläufig allerdings nur die Selbstkosten, weil die An- schafsungskosten zu hohe sind. Bis zum 1. Oktober werden alle zuschlagspflichtigen Züge in O-Züge umgewandelt sein._______
aus den ReichstagsausschWn.
:: Be r lin, 12. März.
Ter Budgetausschuß des Reichstages setzte heute die Beratung über das Auswärtige Amt fort. Ter Haushalt enthält eine Erhöhung des geheimen Fonds, der bisher eine Million betrug, um 300 000 Mark. Diese Erhöhung wird gegen die Rechte, die Nationalliberalen sowie einen Teil des Zentrums abgelehnt.
Ein Mitglied der Vvlkspartei spricht über die Angelegenheit des Dr. Zintgrafs. Nack) einer Schilderung der Vorgänge erörterte er die Streitigkeiten zwischen Dr. Zintgrafs und dem deutschen Gesandten in Avis-Abeba Jetzt sei ein Mann auf dem Posten, der noch nie afrikanischen Boden betreten habe. Wie fei eine solche Auswahl möglich? Er könne sich von dem Eindruck nicht frei machen, daß, unsere Stellung in Abessinien in Italien etwas verstimme. Er habe gehört, daß, man sich für die Gesandtschaft in Adis-Abeba ein Maschinengewehr besorgt habe; von welckpeui Fonds sei dies angeschasft?
Ein nationalliberales Mitglied spricht in gleichem Sinne. Daß Dr. Zintgrafs nichtachtend behandelt wurde, habe großes Aussehen gemachst. Das durfte einem Deutschen in besonderer Stellung nicht passieren.
Staatssekretär von Schoen erklärt: Dr. Zintgrafs .habe sich sehr bewährt. 9htt die Ungunst der Verhältnisse habe seine weitere Wirksamkeit verhindert. Daß er lein Glück habe, sei dem Dr. Zintgrafs nicht persönlich zuzuschreiben. Er nahm ohne Einwirkung von hier aus den Abschied, glaubte sein Leben bedroht, floh in die Gesandtschast, während der deutsche Arzt zum Beispiel blieb. Eine neue Beschäftigung im Reichsdienste, für die Tr. Zintgraff in Aussickch genommen war, lehnte er auch ab. Während seines Aufenthaltes in der Gesandtschaft kamen die Zwistigkeiten mit dem Gesandten. Eine angerufenc Entscheidung in Berlin mußte dem Gesarrdten recht geben. Tr. Zint- grass ging dann aus den ihm angebotenen Posten in Kairo, nahm aber den Abschied und wünschte eine Disziplinaruntersuchung. Diese kann aber nur nach eingehender Prüfung verfügt werden. Zintgraffs Verhalten muß auf Krankheit, auch auf Mißstimmung über das Scheitern seiner Mission, sowie auf die klimatischen Einflüsse in Adis-2lbeba, die herzleidend und reizbar machen, zurückgeführt werden. Das Maschinengewehr habe Dr. Zintgraff hinausgebracht. Es Loste dorthin 8000 Mark; der Posten erscheine in der Rechnung an richtiger Stelle.
Ein nativnalliberaler Redner bemerkt, die Behandlung in der Presse lasse scheinen, »als ob die deutschen Interessen in Adis-Abeba nicht genügend gewahrt würden. Er müsse die Entsendung des jetziger: Gesandten bedauern; nach mehr, daß diese mit Herrn Zintgraff nicht ausiomuven konnten. Bei Franzosen und Engläirdern würde das kaum Vorkommen. Besonders der öffentliche Zwist sei sehr unangenehm gewesen; das hätte nicht Vorkommen dürfen. Daß Zintgraff sich der Kaiserin-Eskorte nicht anvertrauen wollte, verstehe er vollständig; auch daß er eine Ermordung fürchtete, für die irgend ein beliebiger Mensch nachher gehängt werde. Jedenfalls hätte die Krankheit des Dr. Zintgraff für den Gesandten genügen müssen, ihm ein sicheres Geleit zu besorgen. Allerdings sei keine Gescmdtschaftswache vorhanden; aber man hätte wenigstens den Stamm zur Bedeckimg heranziehen können, dem Zintgraff vertraute.
Dienstag: Reichskontrollgesetz.
Ter Kaliausschuß des Reichstages beschäftigte sich mit der Frage einer Vertrustungsmöglichkeit und der amerikanischen Gefahr. Tie Nationalliberalen erklären, es müsse gewiß dafür Sorge getragen werden, daß dem Auslande das Kali nicht billiger abgegeben wird, aber man dürfe die Existenzbedingungen der deutschen Industrie nicht gefährden, und auch Handelsminister Sydow erklärt, der Fiskus dürfe mit Rücksicht auf die deutsch^ Industrie nicht über Leichen gehen. Von fteisinniger Seite wird die Vertrustungsgefahr vollständig bestritten. Das Zentrum erklärt sich gegen den Gesetzentwurf und spricht sich für eine Bettiebs- gemeinschast lediglich zur Siegelung des Auslands Verkehrs aus. Ter Wortführer der Sozialdemokraten meint, daß Regierung, Zentrum und Konservative in dieser Sachs anscheinend schon einig seien und ersucht um die Vorlage des zw ischen den dreien ja wohl idjon vereinbarten Gesetzentwurfes. Handelsminister Sydow verwahrt sich gegen diese Annahme.
Dienstag wird die Aussprache fortgesetzt.
lieben Arbeitüammern auch Kaufmannsfammern.
Aus Berlin wird uns geschrieben:
Der Arbeitskammergesetz-Ausschuß hatte am Freitag beschlossen, die technischen Beamten entgegen dem Willen des Bundesrats
unter das Arbeitskammergesetz zu stellen. Nach einem weiteren Beschlüsse des Ausschusses sollen für die Handlungsgehilfen besondere Kaufmannskammcrn gcsck>afsen werden. Tiesem Beschlüsse steht die Regierung sympathischer gegenüber, da der Bundesrat der Unterstellung der Handlungsgehilfen unter das Arbeitskammergesetz scharfen Widerspruch entgegengesetzt hat.
Die wirtschaftlicheVereinigung des Reichstags hat einen A n t r a g im Reichstage gestellt, die Regierung aufzusordern, einen Entwurf über Kaufmannskammern vorzulegen. In dem Anttage werden den Handlungsgehilfen besondere Verttetungs- organisalionen zugebilligt, die nickst Organisationen für den wirt- 'chastlickien Kampf sein sollen, sondern die sich mit Fragen der allgemeinen Sozialpolitik usw. beschäftigen sollen.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Regierung zu der neuen Anregung stellen wird. ____________________________________
8. ordentliche evangelische Landersynode.
R. B. Darmstadt, 12. März.
Die heutige Sitzung der Landessynode wurde um 91/* Uhr durch den Präsidenten D. Stamm eröffnet. Der Ausschuß beantragt: 1. Die Synode wolle das Oöerlonsisterium enuchen, eine Vorlage zu machen, nach der der W i t w e n g e h a l t von 1000 Mk. auf 1200 Mk. mit Wirkung vom 1. April 1910 erhöht wird. 2. Einstellung von 192 000 Mk.
Nachdem in der Aussprache u. a. Professor Eck-Gießen für den Antrag gesprochen, wird dieser gegen eine Stimme angenommen. w
Zu Kapitel K i r ch e n b a u w e s e n regt Syn.-Abg. Dinge l d e y-Darmstadt die Einsetzung einer Kommission an, die zu bestimmten Zeiten die Pfarrhäuser auf ihre Wohnbarkeit revidieren solle. Es gebe Pfarrhäuser, die sich in direkt gesundheitsschädlichem Zustande befinden. — Syn.-Abg. Hainer- Hungen bittet, bei diesen Revisionen die Dekane hinzuzuz ehen. — Präsident D. Nebel stimmt dieser Anregung zu. — Syn.- Abg. Fritsch (Ruppertsburg) schlägt vor, , zur Behebung der finanziellen Schwierigkeiten alsbald bei Fertigstellung eines Pfarrhauses einen Betrag von etwa 1003 Mk. verzinslich anzulegen mit der Bestimmung, daß diese Summe verbleibt, bis Baufälligkeit oder dergleichen eintritt. — Das Kapitel wird dann genehmigt. Ebenso ohne Aussprache eine Reihe weiterer Kapitel.
Damit ist der Haushalt erledigt. Um lVt Uhr wird die Sitzung geschlossen. — Nächste Sitzung Montag 9 Uhr.
Die Abschiedrseier für Geheimerat Dr. vreidert.
Gießen, den 14. März.
Dem scheidenden Provinzialdirektor Geheimerat Dr. Breidert zu Ehren vereinigten sich gestern nachmittag Hunderte von Männern aller Stände zu einem Ehrenkommers in der mit Fahnen und Pflanzen hübsch geschmückten Turnhalle am Oswalds Garten, die förmlich in einen Wald verwandelt war. Die Universität, die (Garnison, die Stadtverwaltung, die Verwaltungs- und Gerichtsbehörden, Bürgermeister, Geistliche und Lehrer aus der ganzen Provinz waren anwesend. Bon den sonnigen Fluren der Wetterau, vom sturmumwehten Vogelsberg, aus der Rabenau, dem Schlitzerland usw waren sie hierhergeeilt, um bei dem Abschied des Mannes zugegen zu fein, der in den 8 Jahren seiner Wirlfamkeit in Oberhessen sich die Wertschätzung, Achtung und Verehrung in den weitesten Kreisen der Bevölkerung erworben hat. Kurz nach 4 Uhr erschien Geheimerat Dr. Breidert, geleitet von Oberbürgermeister Mecum, der im Auftrag der beteiligten Behörden usw. die Vorbereitungen zu der Festfeier getroffen hatte.
Alsbald erhob sich der Rektor der Landesuniversität Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Strahl, um mit herzlichen Worten des Landesfürsten zu gedenken. Das auf den Groß- Herzog ausgebrachte Hoch fand begeisterte Aufnahme.
Oberbürgermeister Mecum brachte dann in einer treffenden Ansprache dem scheidenden Provinziatdirektor den Abschiedsgruß dar. Er gab darin den Gefühlen der Trauer Ausdruck, die durch die Versetzung des Geheimerats Dr. Breidert gewiß bei allen Anwesenden vorhanden seien, aber auch dem Gefühl der Freude, daß man noch einmal einige Stunden des Abschieds mit dem verehrten Manne verleben dürfe, dessen liebenswürdiges, allzett hilfsbereites Wesen ihn den Herzen der Bevölkerung näher gebracht habe. Er dankte dem Scheidenden für alles Gute und Schöne, was er in seiner langjährigen Tätigkeit in Oberheffen allen gegeben habe. Seine außerordentlichen Gaben und fein liebenswürdiges Wesen haben es zuwege gebracht, daß er nie uns fremd war, daß er hier feine Heimat fand. Seine Eigenschaften machten ihn stark, großes zu beginnen und zu vollenden. Er machte den großen Gedanken der modernen Selbstverwaltung, die Steuerlasten zu vermindern durch Schaffung rentabler Kulturwerke, zuerst für Ober- hesfen nutzbar. Sein Werk, die Wasscroerforgungsanlage bei Inheiden, soll den Gemeinden billiges Wasser geben und das an Frankfurt abgegebene Wasser soll die lieber» schlisse liefern, mit denen Geheimrat Dr. Breiderts zweiter großer Plan, das Elektrizitätswerk zu Lißberg, gebaut werden soll, um den Wohlstand der Provinz zu heben und Industrie und Landwirtschaft zu fördern. Uns und unseren Nachkommen werden diese Werke zugute kommen und mit ihrem Namen wird der Provinzialdirektor Dr. Breiderts auf immer ehrenvoll verbunden sein. Zum Schluß bat Oberbürgermeister Mecum Geheimerat Dr. Breidert, die Provinz und ihre Bewohner im guten Andenken zu behalten und brachte die Dankbarkeit der Oberhessen durch ein dreifaches Hoch auf den Scheidenden zum Ausdruck, in das die Versammlung lebhaft einstimmte.
Oberst von Müller dankte dann Provinzialdirektor Dr. Breidert für die ritterliche stets entgegenkommende Art, mit der er die Wünsche des Regiments zu erfüllen gesucht habe und pries ihn als Förderer des Reiifports durch Schaffung guter Reitwege. Tann feierte er die Lebensgefährtin des scheidenden Provinzicuoireltors als die unermüdlich tätige Förderin gemeinnütziger und wohltätiger Werte, namentlich des Säuglingsheims. Er überreichte Herrn Dr. Breidert einen prächtigen Blumenstrauß für seine Gemahlin als Scheidegruß und brachte ihr ein Hoch aus, das ebenfalls lebhaften Beifall fand.
Regierungsrat ^velcker brachte die Abschievsgrüße der Beamten und des Bureaupersonals der Provinzialdirettton und des Kreisamts zum Ausdruck, die an Geheimerat Dr. Breidert einen allzeit güttgen, hilfsbereiten Vorgesetzten verlieren. Er ge^acyte ebenfalls der zahlreichen Schöpfungen des Provinzialdircktors für die Provinz, des Riesenwerkes
in Jnheioen und Lißberg, mit denen er als erster in Hessen einem Selbstverwaltungsi-örper selbständige Einnahmen Der schaffe, ferner seiner für den Kreis gefdm) jenen Kulturwerte, der zahlreichen Schulneubauten, der Landwirtschaftsschule, der Wanderhaushaltungsschulen, der landw. Fortbildung^ schulen, der zahlreichen Was,erlcitungen usw, die alle unter des Provinzialdirektors taifräfliger Mitwirkung entstanden sind.
Oelonomierat Hofmann- Dorf Gull beleuchtete bic Verdienste Dr. Breiderts um die oberhessische Landwirischafi, und insbesondere seine Tätigkeit als Borfitzender des Land wirtsch. Bezirtsvercins. Seine Mitteilung, daß Geheimerat Dr. Breidert zum Ehrenvorsitzenden des Landw. Bezirksvereins ernannt worden sei, fand lebhaften Beifall.
Für die Landbürgermeistcr fprack) Bürgermeister L e un - Großen-Linden herzliche Abfchiedsworle. Die Bürgermeister sahen in Geheimerat Tr. Breidert nicht den strengen Ches, sondern einen treuen, väterlichen Freund. Er hoffe, daß künftig dosjelbe gute Verhältnis zwischen dem Kreisamt und den Bürgermeistern herrschen möge. Das Hoch des Redners galt dem Kreisamt Gießen.
Geh. Negierungsrat Schönfeld- Schotten übermittelte in einer packenden Ansprache die Scheidegrüße der Verwaltungsbeamten der Provinz, die in dem scheidenden Provinzialdirektor einen allzeit hilfsbereiten Freund und Berater verlieren. Möge Geheimerat Dr. Breidert an den schönen Ufern des Rheins die beim ernsten Chattenstamm Oberhessens verlebten Tage nicht vergessen!
Bürgermeister Sann-Weilershain überreichte Herrn Dr. Breidert sooann mit sinnigen W.dmungsworten ein hübsches Erzeugnis oberhesfifchen Kunstgewerbes, einen schmiedeeisernen Rosenzweig. Die beiden aufgeblühten Rosen bedeuten die Provinz und den Kreis, die größere, vor dem Aufbrechen stehende Knospe das Wasserwerk Inheiden, aus dein die kleinere Knospe, das Elektrizitätswerk Inheiden, entsproßt. Die sinnige Gabe fand allgemeine Bewunderung.
Die Mschiedsgrüße der Insassen der Provinzialsiechen« anstalt übermittelte Dr. Schäffer.
Dem warmherzigen Freund der Schule und der Lehrer, als den sich Gehermerat Dr. Breidert stets erwiesen hat, feierte dann Lehrer Bal. Müller. Weiter gedachte er Herrn Dr. Breiderts Verdienste um den Männergesang, die er sich namentlich durch die Gründung des Mitteldeutschen Sängerverbandes erworben hat. Der Verband glaubte sich selbst zu ehren, indem er dem scheidenden 1. Vorsitzenden die Würde des Ehrenvorsitzenden verlieh.
Geheimerat Tr. Breidert dankte in bewegten Worten für die vielen Beweise von Freundschaft und für die Anerkennung, die seine Arbeit gesunden habe. Was er getan habe, habe er nicht allein geleistet, sondern alle dazu Berufenen hätten daran mitgewirkt. Er dankte ferner für die ihm erwiesene Freundlichieit und das Entgegenkommen, das er in den 8 Jahren seines Wirtens gefunden habe. Er habe es als seine Aufgabe betrachtet, die Kräfte der Provinz zu wecken und ihren natürlichen Entwickelungsgang zu fördern. Nur ungern scheide er jetzt aus der schönen Provinz, aber er sei gewiß, daß sein (heute durch Unwohlsein am Erscheinen verhinderter) Nachfolger in seinem Sinne die von ihm begonnenen Arbeiten vollenden werde.
Er baute für sich und seine Angehörigen für die schönen in Oberhessen verlebten Jahre, und er tonne sagen, daß er die Provinz nie vergessen werde. Sein Hoch auf Oberheffen und seine Bewohner fand lebhafte Zustimmung.
In die Reihe der Ansprachen brachte die Kapelle unseres Regiments durch ihre hübschen Vorträge angenehme Abwechselung. Sieden Uhr war bereits vorüber, als der Saal sich langsam leerte. Allen Teilnehmern an der schlichten aber herzlichen und würoigen Abschiedsseier wird die Feier unvergessen bleiben, die Feier, die einem Manne galt, von dem die Oberhessen mir Stolz sagen können „Er war unser!"
26ns s-ta&t unb Land.
Gießen, 14. März 1910.
Neber Vogelschutz und Friedhof
äußert sich der Ornithologe und Vogelmaler Otto Klein- schm id t in seinem neuen Vogellalender in folgenden Worten: Nur ein Asyl gibt es noch, wo der Mensch dem Vogel eine dauernde, ungestörte Zuflucht in unserer Kulturwelt lassen kann, besser als der einsamste Waldwinkel, dem doch auch eines Tages die Axt und Rodehacke naht. Tas sind alte Friedhöfe, wo Syringen, Rosen, Holunderbüsche und Zypressen modernde Holzkreuze und altersgraue Grabsteine umwuchern. Durch dunkles Astwerk fäut der Blick auf leuchtende Farbenflächen. Wie gern bauen hier Amsel und Hänfling ihr Nest! Tie Nachtigall und alle Edelsänger fühlen sich hier heimisch. Hohe Mauern sichern selbst dem in Stadt oder Dorf gelegenen Friedhof Abgeschlossenhei' und Ruhe. Aber nach einigen ^Generationen kommt die Frage: „Was soll aus dem alten Friedhof werden?" Ter C'lebanie, das Grundstück teilweise zu Bauplätzen ober sonstiger Nutzbarmachung zu verwenden, hat dann stets viele Befürworter. „Nutzbarmachung" de? Geländes, das ist für.das Ohr des Naturfreundes ein schlimmes Wort, -de».l e-> dedLuüü jedesmal, daß der Natur, iusbefoudere aber der Vogelwelt, ein Stück Kapital für immer weggeuommen wird. An der Pforte der alten Friedhöfe, da sollte wenigstens dies Wort Haltmachen, selbst wenn es nur „anderer Leute" Urgroßeltern sind, die dort ruhen. Wenn andere so pietätlos sind, nach den Gräbern ihrer Vorfahren nicht mehr zu fragen, sollten wir es ihnen nicht an Pietätlosigkeit gleich tun. Man fragt: „Wer soll die Kosten für die Pflege der Gräber tragen?" Diese Frage ist überflüssig. Man lasse einen durch geschicktes Nachpflanzen gehegten kleinem Laumwa-e hier aufwachsen, und die Natur wird von selbst das weitere tun. Sie wird Schöneres schaffen, als es der gefaiiätefte Landschaftsgärtuer vermag.
Begeisterte Vertreter des Vogelschutzes halten es für wünschenswert, daß jede Gemeinde ihr eigenes Vogelschu;^ gehölz besitzt. Das Ziel wird schwer zu erreichen fei/ Mögen wenigstens die Friedhöfe eine Stätte bleiben, ; *
die Vogelwelt eine Freistatt und Frieden findet. , njr
* ^een-


