Ausgabe 
17.8.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. L81 Zweites Blatt

160. Jahrgang

Mittwoch 17« August 1910

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Famllienblättrr" werden dem .Anzeiger" ötennal wöchentlich beigelegt, das Lreirdlatr für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener' Weiger

EenerÄ-Anzeiger für Gdrrhessen

Rotationsdruck und Berlag der Brühl'schea UnwerfitätS - Buch- und Steindruckeret. 9L Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^ÖL Redaktion: ^^112. Tel.-Adru AnzeigerGießen.

Die staatliche Pensionsversicherung der privat- . angestellten.

Der Hauptausschuß für staatliche Pensionsversicherung der Privatangestellten schreibt uns:

Durch die deutsche Presse sind in der letzten Zeit Nachrichten gegangen, welche geeignet sind, über den Stand der Angelegen­heit der staatlichen Pensionsversicherung der Privatangestellten eine irrige Meinung aufkommen zu lassen. Es entspricht durchaus nicht der Meinung der Privatangestellten, wenn es heißt, daß es nicht möglich wäre, die Vorlage des Gesetzes in der jetzigen Tagung des Reichstages zu erledigen, und daher wird von den Privatangestellten bestimmt nicht, wie dort erwähnt, der Wunsch geäußert, daß die Vorlage zurückgestellt werde. Im Gegenteil, die Privatangestellten haben schon seit langer als 9 Jahren in Erwartung des kommenden Pensionsgesetzes sich immer wieder ver­trösten lassen. Das Mißtrauen, das durch die exsten, noch un­bestimmten Äußerungen des Staatssekretärs des Innern vom 17. Januar 1910 erweckt wurde und später schwand, würde durch eine Verschiebung der Angelegenheit von neuem geweckt werden. Tie Angestellten würden sich der früheren Haltung des Staats­sekretärs erinnern und eine Bestätigung der damals erwachten Besorgnis erkennen. Die Regierung Hut aber auch alle Ursache, eine so starke Verstimmung eines großen deutschen Berufsstandes zu vermeiden und sie wird sicher ein derartiges Mißtrauen gar nicht auskommen lassen. Außerdem ist an Vorbereitungen für dieses Gesetz schon so viel geschehen, daß die Fertigstellung des Gesetzentwurfs keine besonderen Schwierigkeiten bieten kann, zu­mal der Reichstag bereit ist, der dringenden Forderung der Privatangestcllten Rechnung zu tragen.

Vollständig verfehlt ist es, wenn gewisse Kreise der Privat- angestellten, welche nicht die Grgänzungskassc, sondern den sogen. Ausbau der Invalidenversicherung fordern, in dieser Nachricht eine Bestätigung ihrer Ansicht zu erkennen glauben. Der Ausbau der jetzt bestehenden Invalidenversicherung im Rahmen der Neichs- versicherungsordnung ist in der gegenwärtigen Reichstagsperiode völlig ausgeschlossen. Man hat nur nötig, die Begründung des Entwurfs der R.-V.-O. zu studieren und wird, wie es auch aus den bisherigen Verhandlungen des R.-V.-O.-Ausschusses zu er­sehen ist, die Schwierigkeiten erkennen, die jede Aenderung im Entwürfe, auch nur einer Zeile, mit sich bringt. Man wird unter diesen Erwägungen dem Hauptausschusse Recht geben, wenn er auf seiner Forderung einer Ergänzungskasse besteht und wenn er sagt, daß die Anträge der Minderheit, welche den Ausbau der Invalidenversicherung fordert, nur geeignet sind, die baldige Schasstlng einer ausreichendei^Alters- und Hinterbliebenen-Ver- sicherung der Privatangestellten auf unbestimmte Zeit hinauszu- schieben, umsomehr, als es die Minderheit bisher unterlassen hat, ihre Forderung durch versicherungstechnisch begründete Beitrags­berechnungen zu stützen, so wie es der Hauptausschuß schon längst getan hat. Nach Meinung aller Sachkenner wird ein Ausbau der Invalidenversicherung, der .ausreichende Renten für die . Privat­angestellten zur Voraussetzung hat, Beitrage erfordern, die, wenn auch nicht größer, so doch tatsächlich nicht geringer sein werden, als sie für tue vom Hauptausschusse geforderte Ergänzungskasse notwendig sind.

Aus diesen Erwägungen heraus hat auch die Reichsregierung es vorgezogen, sich allen Anträgen der Minderheit gegenüber ablehnend zu verhalten und das kommende Gesetz auf der vom Hauptausschusse geschaffenen Grundlage auszubanen. Die Privat- angestellten haben zu der Regierung das volle Vertrauen, daß die langersehnte Sicherung der Zukunft der Privatangestellten durch eine ausreichende Pensionsversicherung jetzt endlich Gesetzes­kraft erlangt.

Die Denkseiern um Metz.

Metz, 16. August. Der heutige zweite Tag der Denk­feier um Metz war vorn schönsten Wetter begleitet und daher war die Zahl derer, die nach den Schlachtfeldern von Grave- lotte und St. Hubert hinausAogen, noch größer als an dem vorhergegangenen Tage. Am Denkmal der 42 und bei St. Hubert hatten sich gegen 3 Uhr die Spitzen der Militär- und Zivilbehörden eingefunden. Die Gedenkfeier, an der sich 23 Vereinsabordnungen beteiligten, begann mit dem Vortrag eines Chorals der Musikkapelle des Metzer Jns.-Regts. Nr. 98. Dann folgte ein Vortrag einer Original- pomposition, vorgetragen von dem Metzer Männergesang- verein mit Orchesterbegleitung, mit dein NamenBater- landssöhne". Der Bürgermeister Dr. Böhmer-Metz hielt alsdann die Gedächtnisrede, in der er nach einer Würdi­gung der Bedeutung des Tages die Schlachtlage und das heiße Ringen um den Sieg schilderte und den Mut und die Ausdauer der Soldaten, die sie hier gezeigt hätten, beschrieb. Er führte aus, es sei die Pflicht der Männer, welche die Geschäfte und Leitung des Staates und derjenigen Städte, welche mit deutschem Blute erstritten wurden, in Händen hielten, diese $u verteidigen und zu erhalten, und bat, die ernste Mahnung nicht zu vergessen,, daß all ihr Handeln und ihre Entschließungen vom nationalen Gesichtspunkte geleitet sein müßten. Es gäbe für sie nur ein Ziel: Fort mit Schwäche und Weichheit, Vorwärts für Kaiser und Reich!

Nach Absingen der Nationalhymne und einem weiteren Vortrag des Metzer Männergesangvereins, teilte der Vor­sitzende des Kreiskriegerbundes von Lothringen, Corn-- brix, das Antworttetegramm des Kaisers auf das gest­rige Huldigungstelegramm mit. Nach einigen weiteren Schilderungen von Veteranen über den Verlauf der Schlach­ten und nach einem Hoch auf die -Offiziere und besonders den Grasen Häseler, begrüßte dieser auch hier die Vete­ranen im Auftrage des Kaisers. Die Feier schloß mit dem ambrosianischen Lobgesang.

Hieran anschließend folgte ein Vorbeimarsch der Veteranen vor dem Grafen Häseler an der Schlucht fast zu gleicher Zeit veranstaltete der Sou- venir-francaise in Borny eine kirchliche Feier zu Ehren der gefallenen französischen Krieger; danach ^og man zum Denkmal der französischen Krieger, wo nach Ansprachen .Kränke niedergelegt wurden. Eine Abordnung wurde dann nach dem nächsten deutschen Kriegerdenkmal entsandt, um dort ebenfalls einen Krantz niederzulegen._______

Der diesjährige Deutsche Katholikentag.

i4- Augsburg, 16. Aug.

In her schönen Stadt am Lech wird am kommenden Sonntag Die Hauptversammlung der Katholiken Deutschlands zu ihren dies­jährigen Beratungen zusammentreten. Von besonderem Interesse ist es, daß der Katholikentag diesmal an einem der Herde der sogenannten modernistischen Bewegung Zusammentritt, die auch im benachbarten München, namentlich an der dortigen Universität

ihre Vertreter hat. Es ist daher nicht ausgeschlossen, daß diese Bewegung in die Verhandlungen des Katholikentages hinein­spielen wird, selbstverständlich nur in die. der Ausschüsse und der ebenfalls unter Ausschluß der Oefsentlichkeit tagenden Aus­schüsse. Für die Oefsentlichkeit sind wieder vier geschlossene und vier öffentliche Hauptversammlungen bestimmt, die je­weils an den Vor- und Nachmittagen des Montag, Dienstag, Mitt­woch und Donnerstag vor sich, gehen werden. In den gesckstossenen Hauptversammlungen wird man die zahlreich vorliegenden An­träge zur sozialen Frage, zur christlichen Charitas, zu den Themen: Presse, Kunst und Literatur sowie zur Papstfrage erörtern, während in den öffentlichen Versammlungen eine große Anzahl Redner über die verschiedenen wirtschaftlichen und politischen Tagesftagen sprechen wird. Der Tagung geht voran eine Massenversamm­lung der katholischen Arbeitervereine Bayerns in der großen Festhalle des Katholikentages, zu der etwa 500 Vereine, darunter 181 Arbeitervereine, 101 Gesellenvereine, 75 Männer- und 38 Lehrlings- und Jünglings-Vereine angemeldet sind, neben 74 sogenannten Burschen-Vereinen, die seinerzeit der Abgeordnete Dr. Heim aus katholischen Baucrnburschcn organisiert hat. Ins­gesamt rechnet man auf eine Beteiligung an dem großen; Festzuge von 25 000 Personen; es sollen in ihm 500 Fahnen und 50 Musik- und Tambourkorps mitgeführt werden. Am Dienstag findet außerdem die Hauptversammlung des Volks­vereins für das katholische Deutschland statt, in welcher dessen Vorsitzender Fabrikbesitzer Brands- M.-Gladbach und die Reichs- tagsabgeordneten Trimborn, Gröber und Prälat Dr. S ch ä d l er als Redner austreten werden. Der Volksverein für das katholische Deutschland ist bekanntlich, die Organisation, die nach der Sozialdemokratie die meisten eingeschriebenen Anhänger zählt und dem Zentrum die Wahlschlachten schlagen hilft. Ihr geistiger Urheber ist der Reichstagsabgeordnete Dr. P i e p er-M.-Glad­bach, in dessen Heimatsstadt sich auch die Zentrale der gewaltigen Organisation befindet. Mit dein Katholikentag ist ferner eine ge­meinsame Wallfahrt der Teilnehmer zum Grabe des Heiligen Bischofs Ulrich und ein Besuch von Oberammergau^verbunden.

Als Vertreter des pävstlichen Stuhles wird diesmal F r ü w i rth (München) den Verhandlungen beiwohnen. Man rechnet auch mit dem Erscheinen einer ganzen Anzahl von Bischöfen und anderen hervorragenden kirchlichen Würdeuträgern. Tas Ehrenpräsidium des Kaibolikentages habeii übernommen : Der Bischof von Augsburg Maximilian Ritter v o n Lingg, der Kronobersthofmeister Albrecht Fürst zu Oettmgen-Oetkingen unb Oettingen-Spielberg, Karl Fried­rich Fürst zu Oettingen-Oetlingen und Oettmgen-Wallerstein, Erwin Fürst v. d. Loyen, Bertram Fürst voii Quadt-Wykradt-Jsiiy und Karl Ernst Graf Fugger von Glött. Die F e st h a l l e erhebt sich in den städtischen Rosenauanlagen. Die Valle gewährt Raiim für 7500 Personen und wird auch die zahlreichen Nebenversammlungen des Katholikentages in sich aUsnehiiien, von denen besonders die Versamnilung der katholischen Lehrer und Lehrerinnen Deutsch- laiids zu erwähnen ist. Ter Straßburger Universitälsprofessor Dr. Martin Spahn, der Sohn des bekannten Zentrumsführers, wird überTas Amt des Lehrers und seiiie Weltanschauung" reden.

In einer weiteren Nebenversammlting des Vereins katho­lischer Priester Deutschlands soll Stellung zu .den mancherlei Preßangriffen genommen werden, die sich in letzter Zeit gegen katholische Priester gerichtet haben, und eine Abwehr­bewegung beraten werden. Auch der Augustinus-Verein §ur Pflege der katholischen Presse, die katholischen kaufmännischen Vereine, der katholische Mäßigkeitsbund, der Borrornäusverein, der Deutsche Verein vorn Heiligen Lande, die Bonifaciusvereine, ein Gegenstück zum Evangelischen Verein der Gustav-Adolf-Stiftung, sowie die verschiedenen katholischen Studentenverbände werden ihre Sonder­versammlungen abhalten.

Die Yassagierfahrten der Parseval-Lustschiffer.

4 München, 16. Aug.

Die Eröffnung der ersten Schweizer Luftschiffstation in Luzern hat anscheinend den Bann gebrochen, der über den deutschen. Ballonunternehmungen lag, soweit die Frage in Betracht kam, ob Luftfahrten mittels lenkbarer Ballons mit Passagieren und gegen Entgelt zu veranstalten seien. Passagierfahrten ähnlich den schweizerischen wurden ja schon seit einiger Zeit auch bei uns ausgeführt, doch fehlte es bisher noch an einem festen Tarife und Fahrplan dafür. Das Vorgehen der schweizerischen Unter­nehmer, die gegenwärttg mit ihren Flügen in Luzern großes In­teresse erwecken und noch größere Einnahmen erzielt haben, hat nun auch der Parseval-Luftschiffahrtgesellschaft zur Veranstaltung solcher Passagierfahrten zu feststehenden Tarifen Veranlassung gegeben. Als offizielle Vergnügungsfahrt mit einem Parseval- luftschiff figuriert der am Sonntag veranstaltete Aufstieg des von Bitterfeld nach München unter schwierigen Ver­hältnissen überführtenP. 6", der als Gebrauchsschiff zu Aus- slugsfahrten von München nach Oberammergau und in das Bayerische Hochland überhaupt gedacht ist.

Die Parseval-Gesellschaft ist auch bei diesem Luftschiff ihrem alterprobten (unstarren) System treu geblieben. Das Luftfahr­zeug ist von allen bestehenden Systemen das leichteste, da es weder unnötige Versteifungsgerüste, noch über ein bestimmtes Maß an Gewicht hinausgehende Gondeln besitzt, das betriebs­sicherste, das schnellste und das handlichste. Das zur Füllung nötige Wasserstoffgas wird in 1300 eisernen Gasflaschen, deren jede 5 Kubikmeter komprimiertes Wasserstoffgas enthält, geliefert. Zur Nachfüllung des Luftschiffes sind täglich etwa 100 Kubik­meter Wasserstoffgas erforderlich. Die Herstellung der Hülle erfolgte unter Berücksichtigung der neuesten Erfahrungen und Versuchsergebnisse der Modell-Versuchsanstalt der Motorlustschiff- Studiengesellschaft in Berlin.

Die Abmessungen des Luftschiffes sind folgende: Länge ca. 75 Meter, größter Durchmesser 12,5 Meter, größte Breite ein­schließlich der Stabilisierungsflüchen 17 Meter, Rauminhalt 6700. Die Hülle enthält zwei Lustsäcke, einen vorderen und einen hinteren, im ganzen auf ca. 25 Prozent des Rauminhaltes der Luftschiff­hülle selbst bemessen. Ihnen fällt eine doppelte Aufgabe zu. Da- durck), daß sie mit Lust aufgeblasen werden, bewirken sie die Prallerhaltung des Gasraumes und geben ihm einen derartigen inneren Druck, daß der Tragkörper die Gondel nebst Insassen zu halten vermag, ohne durchzuknicken. Die zweite Aufgabe der Luftsäcke ist die Höhensteuerung. Je nachdem man dem vorderen oder hinteren Lustsack etn Uebergewicht durch Einströmen von Luft gibt, senkt sich'das betreffende Ende und eine Schrägstellung des Luftschiffes wird erreicht. Diese Lustsäcke werden durch einen an die beiden Motore einzeln angeschlossenen Ventilator auf­geblasen. Zu beiden Seiten am Hinterende der Hülle befinden sich je eine Gleichgewichtsfläche und unter dem hinteren Ende ein ähnlich gebautes Seltensten er mit davorgelagerter, mrbeweg­licher senkrechter Fläche als Kiel. Die Gondel besteht aus einem Stahlrohrgehänge, ist sehr tief uni> durch eine besondere Art der Takelung unter dem Gasraume aufgehängt. Die bewegliche Goirdelanfhängung gewährleistet einen gleichmäßigen und ruhigen Lauf des Luftschiffes bei Ausschaltung der Stampfbewegungen. Die Gondel bietet genügend, R a u m für die Aufnahme von 16 Personen und ist ferner für die bequeme und sach­gemäße Unterbringung von Betriebsstoffen für 16 Stunden eingerichtet. Die Triebkraft wird gegeben durch zwei hintereinander in die Gondel eingebaute Motore von je 100 Pferdekräften, die auf eine zehn- bis zwölfstündige Betriebs­

dauer geprüft sind. Die Luftschrauben sind auch für Rückwärts­bewegung eingerichtet und können von beiden Motoren angetriebcw werden. Als größte Strecke ohne Zwischenlandung wurden von einem solchen Parseval-Luftschiff 3 61 Kilometer zurückgelegt, wobei eine größte Höhe von 1100 Meteny erreicht wurde.

£iebiglaboratonum und Zahnärztliches Institut.

Von Professor Dr. Sommer, Gießen.

Der Arbeitsausschuß für die Erhaltung des Li^iglabvrcv- toriums hatte an die Bürgermeisterei und die Stadtverordneten^ Versammlung Gießen das Gesuch gerichtet, ihm die unteren Räume des alten Laboratoriums hinter der Säulenhalle mietweise $it Lasten des schon vorhandenen Fonds zu überlassen, der zurzech ca. 12 000 Mark beträgt und täglich wächst. Auf dieses Gesuch hat die Stadtverordneten-Versammlung in einer geheimen Sitzung am 4. August 1910 beschlossen:

1. Das Gesuch abzulehnen,

2. sich mit dem Verkauf des Laboratoriums für 60 000 Mk. einverstanden zu erklären, falls noch im Laufe dieses MonatÄ eine bindende Zusage vorliegt,

3. falls dies nicht geschieht, das Laboratorium dem Verein Hessischer Zahnärzte zur Einrichtung eines Institutes abzutretLL«

Da dies in geheimer Sitzung beschlossen wurde, läßt sich, die Begründung dieses bedauerlichen Beschlusses nicht ersehen^ Vor der Sitzung war sämtlichen StMverordneten der in der Zeitschrift für angewandte Chemie erschienene, mit über 200# Unterschriften bekannter Persönlichkeiten aus dem Gebiet bet Chemie und der Nachbarwissenschaft versehene Aufruf zuge-^ sandt worden. Da es sich um eine öffentliche! Angelegenheit haudät^ die meines Erachtens für die Erhaltung einer geschichtlich in­teressanten Stätte in Gießen von Wichtigkeit ist, so ist an dieferw Beschluß vor allem zu beanstanden, daß er in einer geheimen Sitzung gefaßt wurde, so daß die öffentliche Meinung zu den. Gründen überhaupt keine Stellung nehmen kann.

Der einzige Bericht, der über diese geheime Sitzung an Md Oefsentlichkeit gekommen ist, ist die im Gießener Anzeiger vomj 6. August abgedruckte Notiz, ferner ein entsprechender der Frank­furter und Wetzlarer Zeitung aus Gießen eingesandter Berichs der lebhafte Bedenken über die aTrdeutungsweise erkennbaren sprechungen in der Stadtverordneten-Versammlung erweckt.

Es heißt da:Nachdem der Staat es ab'gelehnt hat^ ein derartiges (das Zahnärztliche Institut) an der Landes-Uni­versität zu errichten, hält es die städtische Verwaltung für ihre Pflicht, hier einzuspringen und die Abwanderung zahlreÄhy- Studenten her Zahnheilkunde zu verhindern."

Hier wird offenbar der Versuch gemacht, die VerMrtworllichkeiü für den höchst bedauerlichen Beschluß auf i>en © t a a t abzuwälzen^ der angeblich seine Pflicht nicht getan haben soll. Dabei handelt es sich meines Wissens um eine durchaus falsche Angabe, dry der Staat es nicht abgelehnt hat, ein derartiges Institut einzurichten, sondern trotz völliger Anerkennung seiner Notwendig^ Feit infolge von dringenden Ausgaben noch nicht in der Lage mar, dasselbe einzurichten. Außerdem enthält dieser Artikel eine sehp schön klingende Phrase über die Abwanderung zahlreiche? Studenten der Zahnheilkunde, die an der Hand deÄ Personalbestandes der Universität vom Sormser 1910 geprüft werden muß. Nach diesem haben im ganzen ZahnheLkunde ne Gießen 13 Personen studiert, davon 9 Hessen (!). Davon nxrren mit Reifezeugnis vom Gymnasium 3, vom Realchimnaftum 2^ für das Fach 8. Angesichts dieser Zahlen erscheint der offene bar inspirierte Artikel in den genannten Zeitungen als eine maßlose Uebertreibung und es kann dem hessischen Staat' angesichts dieser Zahlen, wobei es sich im ganzen um 9 Hessen: und 4 Nichthessen handelt, nicht verdacht werden, wenn er bisher! die sehr beträchtliche Aufwendung für den Neubau eines solchen Institutes nicht gemacht hat. Angesichts der in ben genannten Artikeln enthaltenen unzureichenden Begründung für einen 23e* schluß, in welchem eine für die Stadt Gießen und die ErhaltuMl einer chemischen Erinnerungsstätte nützliche Besttebung in dieser' Weise ignoriert wurde, ist es kein Wunder, daß der Besckstuß ba? Stadt eine Entrüstung in weiten Kreisen hervorgehoben hat intbl daß diese in die Frankfurter Zeitung (vergl. Abendblatt tiora, 11. August) übergegangen ist.

Das Komitee für die Erhaltung des Liebiglaboratoriums sicht diesem Artikel durchaus fern, auch hat das Komitee ate solches bei der vorhandenen Sachlage davon Abstand genommen, gegen, den Beschluß der Stadt vorläufig weitere ^Anträge zu stellen, wohk^ aber ergreife ich als Gießener Bürger dce Gelegenheit meine Meinung über das Verfahren der Stadt auszudrücken und' es auszusprechen, daß der offenbar aus chemischen Kreisen ftaiifr mende Artikel der Frankfurter Zeitung, soweit er das Urteil über den obigen Beschluß betrifft, durchaus richtig erscheint Sicher ist, daß die Stadt Gießen durch diesen in weiten Kreisen einen wenig angenehmen Ruf wegen des Mangels an Fürsorge für eine geschichtlich interessante Erinnerungsstätte erhalten mirh< -Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn man die Einzelheiten tej Beschlusses betrachtet.

Inhaltlich enthält derselbe eine völlig unmö gliche Be­dingung, nämlich die Aufbringung von 60 000 Mark inner» halb von 24 Tagen. In Amerika mit feinen vielen reichen- für wissenschaftliche Zwecke opferwilligen Bürgern wäre die Aus­bringung einer solchen Summe in so kurzer Zeit vielleicht möglich^ in Deutschland erscheint sie als eine von vornherein fast völlig! ausgeschlossene Forderung, die in Wirklichkeit nur die völlige Ablehnung von feiten der Stadt unter der Formi- einer scheinbaren Zusage bedeutet. Allerdings sind in der kurzen Zeft seit Erscheinen des Aufrufs Anfang Juli 1910 bisher schon über 12 000 Mark für unsre Zwecke gestiftet nrorben^ was als ausgezeichnetes Resultat erscheint, das entschieden Hofte nung auf das Gelingen des Werkes erweckt, andererseits ist hie Frist zur Erlangung der geforderten 60 000 Maik entschiedey zu kurz.

Der dem Komitee angegebene Grund, daß die! Zahnklinik zu) Be­ginn des nächsten Wintersemesters ins Leben treten muß, ist meine# (^.achtens ein durchaus unrichtiger, da es völlig ausgeschlosseir, erscheint, daß jetzt in den Universitätsfcrien die Berufung eines akademischen Lehrers der Zahnheilkunde von feiten der be» teiligten Korporationen und Behörden bis zu dem Beginn des Wintersemesters ausgeführt wird. Die Stadtverordneten, welche unter dieser Voraussetzung abgestimmt haben, haben sich über bat Gang einer akademischen Berufung getäuscht. Die Einrichtung einer Zahnklinik erscheint jedenfalls nicht als ausreichender Grund/ um ein für die Stadt Gießen meines Erachtens sehr zweckmäßiges Unternehmen in der geschehenen Weise in den Hintergrund zu drängen. Ich halte es für einen großen Fehler, daß die Stadt! Gießen, nachdem die Erhaltung des Liebiglaboratoriums in her geschehenen Weise mit Erfolg eingeleitet lvorden ist, das Gelände nun nochmals für einen völlig fremdartigen Zweck tx-riuenbcxi will. Sicher hätten sich von feiten der Stadt evtl, and) andere Räume für die gewünschte Zahnklinik finden lassen. Auch hätte - sich, da das Komitee nur die unteren Riiumr erbeten batte, leicht ein Kompromiß schließen lassen. Die Verlegung einer zahn­ärztlichen Klinik in Has alte Liebiglaboratorium ist ein bedauer-,