Ausgabe 
13.8.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 188 Zweites Blatt

160. Jahrgang

Samstag 18. August 1910

Erscheint täglich mit Ausnahme bcS Sonntag-.

DieOietzener Kamilienblätter" werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für ben Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Selb fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei« R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: Redaktion:^DN2. Tel.-Adru An-eigerEießen.

Die Auflösung öes troatischen Landtags.

Das; dm Kroaten scholl seit längerer Zeit nach einem Trialiö- mus in ber Donaumonarchie (Oesterrcich-Ungarn-Klwatien) streben und verlangen, daß zu Kroatien nicht wie jetzt nur Slawonien .und die ehemalige Militärgren-e, fonbern vor allem auch Dal­matien, Bosnien imb die Herzegowina geschlagen werbe, ist be­kannt. Sie wollen bie Abhängigkeit, in der sie zu Ungarn in gewissen gemeinsamen Angelegenheiten (wie z. B. Militär-, Finanz-, Handels-, O^werbe- und Verkehrswesen) stehen, von sich ab­schütteln und ein unabhängiges südslawisches Königreich bilden, das nrit Oesterreich nur burch Personalunion verbunden ist. Da man ihnen das aber versagt, sind sie keines Menschen Freunb, Weber des Deutschen noch des Magyaren, sondern gehen, da ihnen jcbc5 politische Llugenmaß fehlt, in ihrem kranklwften Größenwahn so weit, baß sie glauben, aller Welt die Faust unter bie N^se halten zu können.

Träger bieser Stimmung ist, mögen auch die anderen Par­teien immerhin bis zu einem gennssen Grade panslawistisch ange­kränkelt sein, vor allem bie kroatisch-serbische Koalition, bie in­folge bes Umschwungs in Ungarn vor 4 Jahren im Agramer Lanbtag zur Herrschaft gelangte. Sie brachte es durch ihr Ver­halten fertig, baß bas verfassungsmäßige Leben Kroatiens mehr als drei Jahre unterbrochen war und auch der neuernannte Banus, Baron Rauch, bie Orbnung nicht wieder herstellen konnte. Er machte beim auch nach kurzer Zeit, im Februar dieses Jahres, dem früheren Minister für Kroatien im Kabinett Tisza, Dr. Tomasitsch, Platz. Dieser berief den kroatischen Landtag, der zwei Jahre nicht getagt hatte, ein, konnte aber auch mit ihm nicht arbeiten, weil nach wie vor bas Zusammengehen ber von Kossuth abhängigen Gruppe mit der kroatisch-serbischen Koalition den Ein­fluß der Regierungspartei (der Nationalpartei) lahmleate und das freundschaftliäie Verhältnis zwischen Ungarn und Kroatien im Sinne des Ausgleichgesetzes vom Jahre 1868 störte.

Da der ungarische Ministerpräsident, Graf Khuen Hedervary, den Kroaten die Erfüllung ihrer Forderungen aus wirtschaftlichem Gebiet, wie z. B. eine energischere Förderung der Drauregulicrung und eine Neuordnung der Eisenbahntarife, zugesagt hatte, so Hatto alles noch gut gehen können, rotnn die kroatisch-serbische Koalition nicht, um ihrer Großmannssucht zu frönen, von dem BanuS Dr. Tomasitsch verlangt hätte, er solle den Chef der Justizverwaltung, Dr. Aranitzy, welcher den bekannten, der serbisch-kroatischen Koa­lition höchst unangenehmen Hochverratsprozeß in Agram ange- sttengt hatte, seines Amtes entheben, wie er versprochen hätte. Dr. Tomasitsch lehnte diese Forderung ab, da sie, mag sich auch Dr. Aranitzy bei Vertretung der Hochverratsklage immerhin ver- werfticber Mittel bedient haben, einen Eingrif sin die staatliche Vollzugsgewalt bedeutete, ihre Erfüllung also das Ansehen der Regierung aufs ärgste geschädigt hätte. Tomasitsch reichte aber trotzdem Mitte Juli sein Rücktrittgesuch ein, weil die kroatisch- serbische Koalition ihre Mitarbeit von dem Rücktritt des Chefs der Justizverwaltung abhängig machte, so daß an eine parlamentarische Erledigung der Geschäfte nicht zu denken iu»r.

Kaiser Franz Josef hat das Entlassungsgesuch des Banus Dr. Tomasiftch nicht angenommen, ihn vielmehr seines Ver­trauens versichert und ihm. jetzt die Ermächtigung gegeben, den kroatischen Landtag, der indischen vertagt worden war, am 17. August aufzulösen und Neuwahlen für Ende Oktober anzu­ordnen. Es scheint dieser Entschluß insbesondere auf Anraten des Grafen Khuen Hedervary, mit dem Dr. Tomasitsch aufs engste befreundet ist, gefaßt zu sein. Glaubt doch der jetzige ungarische Premier das Rezept zu kennen, mit dem man nicht nur in Ungarn, sondern auch in Kroatien die Opposition lahm­legen und sich eine Regierungsmehrheit schaffen kann. Dr. Toma­sitsch scheint nach dem Vorschläge Khuen Hedervary für die neu zu bildende Regierungspartei ein Programm zu planen, das im wesentlichen den Standpunkt der jetzigen Nationalpartei einnimmt, den nichtextremen Mitgliedern der kroatisch-serbischen Koalition aber doch bie Möglichkeit bietet, ihm beizutreten. Im übrigen aber wird Dr. Tomasitsch durch seinen Freund Khuen Hedervary, der früher Banus von Kroatien und dort alsstarker Arm" be­rüchtigt war, ganz genau wissen, wie man in Kroatien Wahlen macht, um im Landtag eine gefügige Mehrheit zu erhalten und so den Absonderungsgelüsten der Kroaten von Ungarn einen Riegel vorzuschieben. Das wäre in gewisser Hinsicht erfreulich, nur würde damit die Hoffnung der Oesterreicher, bei einem wirt­schaftlichen Konflikt mit Ungarn, die Kroaten gegen die Magyaren, auszuspielen, auf den Nullpunkt sinken.

Vas preußische Ministerium für Landwirtschaft und die Sortierung der Tierzucht.

Das preußische Ministerium für Landwirtschaft hat soeben * an bie Landwirtschaftskammern einen besonbcren Erlaß ergehen 1 jassen, in dem aus bas Ergebnis ber letzten Viehzählung und die daraus zu ziehenden Konsequenzen hingewiesen wird. In dem 1 Erlaß wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Entwickelung der Viehzucht trotz der festgestellten Verminderung des Bestandes in 1 einzelnen Tiergattungen zufolge der Vermehrung bei der Zahl der Schweine und auch zufolge der Zunahme der jungen Tiere, bie im Laufe dieses ober des nächsten Jahres schlachtreif werben und zufolge ber überhaupt sortschreitenben Verbesserung ber Quali­tät des Viehstandes, eine noch ausreichende Deckung 1 des Fleischbedarfes gewährleistet ist. Es wirb aber boch barauf hingewiesen, batz nichts verabsäumt werden dürfe, in ber Haltung der Schweine eine größere Stetigkeit zu erreichen. Daneben erscheint es bem Ministerium besonders wiclftig, der Rind- Viehhaltung eine weitere besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Besonders wir darauf hingewiesen, daß eine vermehrte Einstel­lung von Jungvieh mit allen Mitteln gefördert werden müsse. Zu dieses Zwecke wird eine stärkere Förderung des Futterbaues auf dem Ackerlande und den Wiesen und hauptsächlich eine ver­mehrte und bessere Anlegung von Viehweiden, eine noch lveittr- gehende Besserung der Bullenhaltung und eine stärkere Förderung der genossenschaftlichen Viehverwertung in Betracht gezogen.

Tie Landwirtschaftskammern werden sich also mit diesen An­gelegenheiten demnächst eingehender befassen, und es ist zu erwarten, daß deren Bestrebungen dazu führen werden, der Tierzucht eine weitere stärkere Entwickelung zu geben.

Ans Stafct nnd Canö*

Gießen, 13. August 1910.

** Zum Rektor der Universität Gießen hat der Großherzog den ordentlichen Professor Dr. Johannes B i e r m a n n für die Zeit vom 1. Oktober 1910 bis 30. Sep­tember 1911 ernannt.

** Die Erlaubnis zum Tragen fremder Orden erteilte der G r o ß h e r z o g dem Medizinalrat Pro­fessor Dr. Gr o edel zu Bad-Nauheim für den ihm vom Kaiser von Rußland verliehenen St. Annen-Orden 2. Klasse, sowie für das ihm von dem Fürsten von Montenegro ver­liehene Kommandeurkreuz des Danilo-Ordens und dem Oberbürgermeister Dr. G ö t t e l m a n n zu Mainz für das ihm von dem Kaiser von Oesterreich verliehene Komturkreuz des Franz Joseph-Ordens.

** Z u Gerichtsassessoren ernannt wurden durch Entschließung des Ministeriums der Justiz die Referendare > Wilhelm Bender aus Dorf-Güll, Oskar Cordes aus Mainz, Dr. Eduard Dannert aus Omaruru, .Heinrich Glock aus Schotten, Fritz Koch aus Oppenheim, Kürt Schmidt aus Mühlhausen i. Ä). und Friedrich Zinrmerman aus Mainz.

** Lustbarkeitssteuer. Der hiesige Gastwirte­verein hat ebenfalls in seiner gestern stattgehabten außer­ordentlichen Hauptversammlung Stellung gegen die neue Erhöhung der Lustbarkeitssteuer genommen. Nachdem von allen Rednern diese neueste Belastung des Wirtegewerbes scharf kritisiert und als äußerst drückend für die einzelnen Betriebe und ungerecht bezeichnet wurde, nahm die gut be­setzte Versammlung einstimmig folgende Entschließung an.

Ter Verein ber Gastwirte von Gießen und Umgegend E. V. als ber berufene Vertreter des gesamten Gastwirtegewerbes im Kreise Gießen erblickt in ber vom Großh. Ministerium erlassenen Verfügung über bie Erhöhung des Lustbarkeitsstempels eine un­gerechte unb einseitige Sonberbelastung des Gastwirtegewerbes. Durch bie Erhöhung des Stempels vom Mindestsätze von 50 Pfg. auf mindestens 4,50 Mark ist es den Wirten unmöglich, ihre mit bedeutenden Kosten angelegten Lokalitäten durch Veranstal­tung von musikalischen Darbietungen auch nur annähernd er­folgreich zu verwerten, und bedeutet diese Verordnung eine schwere Schädigung des schon mit einer Reihe von Sonder- und Doppel­steuern belasteten Gastwirtegewerbes und kann schwere Existenz- schädigungen nach sich ziehen, umsomehr, als schon durch die letzte Reick-sfinanzreform und sonstige Belastunge ndes Gastwirte- gewerbe sich in äußerst gedrückten, fast trostlosen Verhältnissen befindet.

Im Sinne ausglcickiender GerechtigUil hoffen die Wirte zu­versichtlich, daß Großh. Ministerium auf den einmütigen Protest des gesamten Gastwirtegewerbes Hessens hin diese Verordnung zurückzieht und beauftragen den Vorstand des Rhein-Main-Gast wirteverbandes in Darmstadt, sogleich die erforderlichen Schritte einzuleiten und biesbezügl. bei Großh. Ministerium vorstellig zu werden."

** Der Turnverein von 1 846 begeht morgen sein Waldfest, verbunden mit Kinder- und Iugendspielen in der ersten Schneise rechts an ber Licher Straße.

"* Der Männer-Turnverein Gießen veranstaltet heute abend int Philosophenwald eine Abendunterhaltung mit Tanz unb verbindet damit zugleich eine Ehrung seiner Sieger vom Kreuznocher Kreisturnfest, sowie vom Spicherer Bergfest.

*'Den Freunden eines guten Männergesanges steht für die erste Hälfte des Monats Oktober ein hoher Kunst­genuß in Aussicht. Der Hannoversche Lehrer-Gesang­verein, der seinerzeit auch vor dem Kaiser sang und seinen lebhaften Beifall erlangte, unternimmt in den Herbstferien eine Reise an den Rhein und veranstaltet bei dieser Gelegen­heit Konzerte in Koblenz und Köln und voraussichtlich auch im KürhauS zu Wiesbaden. Hiesigen Freunden des Männer­gesanges ist e§ nun gelungen, den Verein zu veranlassen, daß er auch in Gießen ein Konzert gibt. ES findet Sonntag den 9. Oktober, nachmittags 5 Uhr, in der neuen Aula ber Universität statt und bringt neben Männerchören (Kunstgesang unb Volkslieder) auch Soloquartette und Konzertstücke aus dem Flügel. Da um diese Zeit die Gießener Konzertzeit noch nicht begonnen hat, wohl aber eine längere Ruhepause, die sogen. Gießenerstille 3eiP, hinter uns liegt, ist wohl ein reger Besuch zu erwarten. Weiteres wird durch Anzeigen im Gießener Anzeiger bekannt gegeben werden.

----- Vad - Rauheim, 12. Ang. Bis zum 11. August sind 26 176 Kurgäste angekommen, wovon an genanntem Tage noch 7158 anwesend waren. Bäder wurden bis zum 11. August 317 579 abgegeben.

L. Friedberg, 12. Aug. Eine kleine Abnahme in den hessischen Lehrerbildungsanstalten ist in diesem Jahre zu verzeichnen. Die drei Seminare haben gegenwärtig 465 Be­sucher gegen 480 im vorigen Jahre. Die drei Präparanden- anftalten sind von 270 Zöglingen auf 244 znrückgcgangen. Der pädagogische Kursus in Darntstadt zählt 40 Zuhörer gegen 29 im Jahre vorher.

B. Friedberg, 12. Aug.Der neue Komet". Gestern abend stand ein blutroter Stern über ber Stadt. Stellenweise rotteten sich Menschenmassen zusammen, teils das Naturwunder" in heiliger Scheu betrachtend, teils ihre spöttische Betrachtungen darüber machend. Ja, manche abergläubischen und ängstlichen Gemüter prophezeiten allerlei Ungeheuerlichkeiten und den Weltuntergang. Glücklicherweise fing der Stern zu wandern an und plötzlich war er erloschen. Es stellte sich heraus, daß ein Spaßvogel einen Drachen hatte steigen lassen, woran eine rote Papierlaterne befestigt war, die in der Höhe einem großen Stern nicht unähnlich sah. Die falschen Sterndeuter gingen schweigend heim.

r. Aus bem Vogelsberg. Tie Warnung vor Schwindlern kann nicht oft genug wiederholt werden. Der eine, der sich sogar damit brüstete, daß er nur 12 Tage in der Woche zuarbeiten" brauche, um ein paar Hundert Mark zu verdienen, verkauft ein Buch:Wache und bete" für... 17 Mark. In einem Dorfe bei Gedern hat er an einem Tage an 2 0 Stück abgesetzt, fein Gewinn an jedem einzelnen. Buch beträgt 7 Mark, d. i. 140 Mark Reinverdienst an einem Tag. Die Bücher kommen unter Nachnahme und müssen eingelöst wer­den, da ber Bestellschein unterschrieben ist. Ein andererver­kauft Photographien umsonst" unb zwar solche zu Broschen etc.im Interesse ber Empfehlung seiner Firma". Dabei behauptet er, baß er mit diesem ober jenem Geschäft in ber hiesigen Gegend verbunden sei, womit ber Erfolg umso besser ist. Denn zu den Bildern müssen die Broschen- usw. Fassungen

Ein Augenzeuge Über die Kapitulation von Setian.

In Paris ist soeben unter dem TitelFröschweiler, Sedan und die Kommune" ein neues Werk erschienen, das die Erinnerungen und Aufzeichnungen des Generals Vi­comte Aragonnäs d'Orcet zusammenfaßt, der als Rittmeister int 4. Kürassierregiment an bem Kriege teilnahm und als Parlamentär jener historischen Verhandlung zwischen Moltke, Bismarck und dem General Wimpfen beiwohnte, der die Kapitulation der französischen Armee folgte.

Nach Öen Kämpfen des 1. September betrat der junge Rittmeister das kleine Haus, in das matt den schwer ver­wundeten Mac Mahon gebettet hatte. In diesem Augen­blicke kam der Generalstabschef des Marschalls, der General Faure, und teilte den Offizieren mit, daß General de Wimpfen im Begriffe sei, ins feindliche Lager zu reiten, um Unterhandlungen einzuleiten. Er suchte einen Offi­zier, der deutsch sprach, d'Orcet meldete sich und wurde so Zeuge der denkwürdigen Szene in Doncherh. Unt Vs 10 Uhr abends brach die kleine Kavalkade von Sedan auf. Kaum hundert Meter vor 'oen Toren der Stadt war die Straße durch einen Verhau gesperrt: der erste preußische Posten. Mit den Tränen ohnmächtiger Wut in den Augen sprach der französische Parlamentär oen deutschen Offizier an und erklärte, daß unmittelbar hinter ihm die Abgesandten seiner Majestät des Kaisers folgten, um mit seiner Majestät dem König von Preußen zu unterhandeln. Die Barriere öffnete sich, und die Franzosen schlugen den Weg nach Tonchery ein. d'Orcet an der Spitze, hinter ihm ein Trompeter und ein Reiter mit der weißen Flagge; hundert Schritte weiter zurück General de Wimpfen, General Castelnau, General Faure, ein Rittmeister der reitenden Jäger und ein junger Leutnant der Mobilgarde. Die Dunkelheit war vollkommen, überall die größte Stille. Plötzlich taucht aus dem Wege eine Gestalt auf und fragt halblaut:Wer da?"Fran­zösischer Parlamentär". Die Gestalt tritt zur Sette. Der RusVorbeilassen" klingt durch die Nacht, in der Ferne sieht man einen zweiten Schatten zur Seite treten. In Donchery endlich Übernimmt ein deutscher Offizier die Füh­rung des Parlamentärs. Man bringt ihn in ein kleines

Häuschen, in dem wenige Minuten später auch Wimpfen und seine Begleiter eintrefsen. Man bittet die Franzosen, in einem kleinen Salan zu nxirten. In der Mitte des Zimmers steht ein Tisch mit roter Decke. Schweigend und bedrückt warten die Franzosen. Endlich, zehn Minuten mochten verstrichen.sein, öffnete sich die Tür.Drei höhere deutsche Offiziere in langen Ueberröcken treten ein. Es sind General Moltke, General von Blumenthal und der Graf Bismarck. Kurze Begrüßungen werden getauscht, dann wendet sich Moltke an Wimpfen und fragt, ob er schriftliche Vollmachten mit sich führe. Wimpfen bejaht, aber Moltke besteht darauf, die Papiere zu sehen. Dann stellt Wimpfen Castelnau und Faure vor. Mit einer Bewegung ladet Moltke die Herren ein, Platz zu nehmen. Er selbst setzt sich an die eine Seite des Tisches, zu seiner Rechten Blumen­thal, zu seiner linken Bismarck. Von den Franzosen nimmt nur Wimpfen Platz. Hinter ihm, fast im Schatten ver­borgen, bleiben die beiden anderem Generale stehen. d'Orcet befindet sich zur Linken Bismarcks. In dem kleinen Raume befinden sich sieben oder acht preußische Offiziere; auf einen Wink von Blumenthal stellt sich einer an den Kamin, um hier alles aufzuzeichnen, was gesprochen wird. Man hat kaum Platz genommen, da sieht d'Orcet, wie Bismarck sich zu Moltke hinüberbeugt.Sie vergaßen uns vorzustellen," sagt er halblaut in französischer Sprache. Moltke ant­wortet mit einem unartikulierten Brummen, dann steht er plötzlich auf und stellt seine beiden Nachbarn vor:Der Graf von Bismarck, der General von Blumenthal". Cmdlich ergreift Wimpfen das Wort.Ich möchte die Bedingungen kennen lernen, die seine Majestät der König von Preußen uns zu gewähren beabsichtigt."Sie sind sehr einfach dargelegt", antwortet Akoltre;die ganze Armee mit Waffen und Bagage ist gefangen; die Offiziere behüten ihre Waffen als Zeichen der Achtung für ihre Tapferkeit; aber auch sie sind gleich der Truppe kriegsgefangen." Die Diskussion beginnt. Sie nimmt aus feiten Wimpfens bald den Cha­rakter eines Plaidyyers an, das übrigens mit wenig über* zeugende Stimme vorgetragen wird. Die Deutschen hören zu, abc iie bleiben fest. Moltke tveist kurz auf die mili- täriffl; Lage hin, auf feine 240000 Mann, auf die 500

Kanonen, die bereits in Stellung stehen, um ein Bombarde­ment zu eröffnen. Bismarck spricht davon, daß Frankreich Preußen herausgefordert habe, vom Pöbel und von den Journalisten sei es zum Kriege getrieben worden. Er be­tont das Wort stark und fügt hinzu:Die sind es auch, die wir strafen wollen." Wimpfen erklärt schließlich:Wir werden den Kampf wieder aufnehmen."Der Waffenstill­stand", antwortet Väoltke,läuft morgen um 4 Uhr ab. Punkt 4 Uhr wird das Feuer eröffnet." In dem kleinen Zimmer sind alle aufgestanden. Die Franzosen verlangen, daß ihre Pferde vorgeführt werden. Dann herrscht ein eisiges Schweigen. Um die Stimmung des Augenblickes zu überwinden, tritt Blumenthal an d'Orcet heran und beglück­wünscht ihn zu der Tapferkeit der Kürassiere, deren Be­wegung er mit dem Feldstecher verfolgt habe.Sie gehören einer Elitetruppe, einem heroischen Korps an, Herr Ritt­meister, ich freue mich, Ihnen das zu sagen." Und er streckt dem Franzosen die Rechte entgegen. Das Eis ist gebrochen, das Gespräch lvird allgemein. Wimpfen nimmt mit Moltke, Bismarck und Blumenthal wieder Platz. Wieder wird unter­handelt, wieder bleibt Moltke fest.Es ist Mitternacht, unt 4 Uhr endet ber Waffenstillstand, ich fann Ihnen keinen Aufschub gewähren." Doch als Bismarck ihm etwas zu- flüstert. Vertagt er die Aufnahme ber Beschießung auf 9 Uhr. Diese Konzession beendet die Verbaitblung. Sie ent­scheidet im Prinzip die Kapitulation. Einige Details rver- ben noch besprochen; da erscheint ein Dienstmädchen rmd bringt Flaschen. Es war Bordeaux. Die fünf Franzosen heben schweigend ihre Gläser zu den Lippen. In diesem Augenblick ernfter Gedanken sah man, wie der junge Leut­nant der Mobilgarde auf Moltke zutrat: er rieb sieh familiär die Hände und meinte ganz kameradschaftlich:Sapristi, mein General, könnten Sie denn der braven französischen Amtee nicht bessere Bedinguttgen gewährest? Allons, unter uns, das könnten Sie doch wirtlich!" Trotz seiner unerschütter lichen Kaltblütigkeit blieb Moltke mit offenem Munde stoben Und als die Franzosen grüßten und schieden, da starrte er immer noch auf den jungen Mobilgardisteu, ohne eme Antwort zu finden....