tag ftattfinbcnben Fahnenweihfeste des katholischen Arbeitervereins ab.
Berlin, 10. Juni. Tic Kreissynode B er lin- Koelln-Stadt nahm einstimmig eine Entschließung an, nach ber sie rn.it tiefer Entrüstung von den unerhörtem Schmähungen Kenntnis nimmt, mit welcher bic Borrornäus- Enzyklika gegen bie Väter, Fürsten 'und Völker der Reformatoren unb damit gegen die ganze evangelische Christenheit schleudere, unb gegen d-ie tief bedauerliche Störung des konfessionellen Friebens Verwahrung einlegt. Zugleich bittet sie bie Glaubensgenossen, trotz bieser päpstlichen Herausforderung, weiter auf den Frieden mit der katholischen Bevölkerung bedacht zu sein.
Wien, 10. Juni. Im Abgeordnetenhaus protestierte Mühlwert gegen die unerhörte Beleidigung, die den Protestanten in der jüngsten Enzyklika des Papstes zugefügt wurde, und erklärte, die später erfolgte Entschuldigung des Vatikans gegenüber dem preußischen Gesandten für absolut unzureichend.
R. B. Darmstadt, 11. Juni. Die Abgg. Dr. Osann und Genossen haben bei der 2. Kammer folgenden Antrag ein gebracht:
Die päpstliche Enzyklika vom 26. Mai enthält solche herabsetzende Urteile über die Reformatoren, die Reformation und die protestantischen Fürsten und Völker, daß die ganze evangelische Bevölkerung in tiefste Erregung und lebhaftesten Unwillen versetzt ist. Wir bedauern diese Kundgebung des Papstes auf das tiefste und empsinden es auf das schmerzlichste, daß diese Kundgebung geeignet ist, den auf gegenseitige Achtung gestützten konfessionellen Friede^, den wir alle auf das lebhafteste wünschen, in erheblicher Weise zu stören.
Aus dem Wahlkamps in 8riedberg-ßüdingen.
Aus Reichelsheim i. d. W. wird uns geschrieben:
Reichelsheim, 11. Juni. Gestern abend um 9 Uhr fand im Saale des Gasthofes „Zur Post" hier eine von dem nationalliberalen Verein einberusene Versammlung statt, welche sich eines großes Zuspruches erfreute.
Als Vorsitzender wurde auf allgemeinen Vorschlag Apotheker Hempel gewählt, welcher die Wahl unter der Bedingung annahm, daß vollkommene Redefreiheit zugesichert werden würde. Nachdem dieses zugesagt war, ergriff das Wort Reichstagsabgeord- neter Wachhorst de Wente und erllärte kurz, daß er sich freue, daß der Vorsitz nur unter der Bedingung voller Redefreiheit übernommen worden sei, und er nur wünsche, daß dieses Prinzip bei allen Wahlversammlungen beobachtet werden möge. Der Redner verbreitet sich in eingehender Weise über Entstehung und Bedeutung des Bundes der Landwirte und weist darauf hin, daß der Vorsitzende des Bundes der Landwirte Dr. Hahn auf den Schultern der Nationalliberalen in den Reichstag getragen wurde. Der Redner erinnert daran, daß seine ganze Fraktion gern im Reichstag ihre Zustimmung gegeben hätte zu den mittelstandsfreundlichen Aenderimgen, u. a. zu dem Befähigungsnachweise der Handwerker. Er erwähnt ferner, daß vor etwa 6 Jahren in seinem Heimatsorte in Hannover der letzte Remonten- markt stattgefunden habe und daß jetzt die Märkte dort eingestellt worden seien, well die Remontetäusvereine sich von 100 zu Markte gebrachten Pferden nur ein einziges gekauft habe, daß also nur die Großgrundbesitzer auf den Privatmärkten die Pferde verkauften, eine Behauptung, die seitens des ersten Diskusswnsredners Logemann aus Rattlosen in ihrem ganzen Inhalte widerlegt wurde. Dann verbreitet sich Wachhorst de Wente in ausführliclser Weise über die Reichsfinanzreform und legt dar, daß die erforderlichen Mittel für Militär und Marine bewilligt werden müßten, mm kriegsfertig sein zu können. Im Mittelpunkte seiner Ausführungen stehen die Erörterungen bezüglich der N a ch l a ß st e u e r und Er bau fall st euer und der Redner gelangt zu dem Ergebnis, daß die politische Stellung des Fürsten Bülow mit dem Fallen der Erbanfallsteucr besiegelt worden sei. Lediglich dem Zentrum sei es zu verdanken, daß Bülow hätte gehen müssen, aber in Zukunft wird das Zentrum wohl nicht mehr gegen die Erbanfallsteucr zu haben sein. Nach zweistündigen Ausführungen seitens des Reichstagsabgcordneten Wachhorst de Wente ergreift das Wort als erster Diskussionsredner Hofbesitzer Dietrich Logemann aus Ratllosen in Hannover, Mitglied des Bundes der Landwirte, und legt dar, daß der Bauernbund doch nur einen Bauernzersplllterungsbund darsteile und die Einigkeit im Bauernstände zu untergraben drohe. In IV2 stündiger Rede spricht Logemann über die von Wachhorst angezogcnen Punkte und beschäftigt sich auch mit dem H a n s a b u n d, der den Interessen der Bauern gegenteilige Bestrebungen zeige.
In ebenfalls sehr langen und rhetorisch guten Ausführungen ergeht sich Oberlehrer Dr. Werner aus Butzbach (deutsche Vp.), welchem sich alsdann die Herren W e i tz - Dornassenheim (Zentr.-, Wilhelm D ö r s ch - Wölfersheim, die Landtagsabgeordneten Bähr und Breidenbach und Wilhelm Bopp-Reichelsheim als Redner anschließcn. Trotz der hervorragenden rhetorischen Leistung des Herrn Wachhorst de Wente war es nicht möglich, die Versammlung für die Kandidatur des Herrn Professor van Calker zu gewinnen, da speziell Reichelsheim selbst fast durchweg als Anhänger der Kandidatur des Dr. von Helmolt bezeichnet werden darf. Abgesehen von geringfügigen Unterbrechungen, die .Herrn Wachhorst de Wente einige Male während seiner Ausführungen erleiden mußte, verlief die Versammlung ruhig, und eS ist zu hoffen, daß auch die am Montag abend statljiindende sozialdemokratische Versammlung einen ruhigen Verlauf nehmen werde. Um 3 Uhr morgens schloß der Vorsitzende die Versammlung.
x Bad-Nauheim, 10. Juni. Einen ruhigen Verlauf nahm bie heute abend von der sozialdemokrati- schen Partei veranstaltete öffentliche Wählerversammlung. Das war bei der gemäßigten Richtung des Abg. Dr. David-Mainz nicht anders zu erwarten. In fast zwei- stündiger Rede entwickelte er das sozialdemokratische Pro- gramrn, dabei besonders eingehend die Reichsfinanzreform behandelnd. Das indirekte Steuersystem sei ungerecht, da es nicht Rücksicht nehme auf die steuerliche Leistungsfähigkeit der breiten Volksschichten. Eingehend begründete der Redner die Stellungnahme seiner Partei für die Sekt- und die Automobilsteuer, die ihr jetzt im Wahlkampf so oft zum Vorwurf gemacht werde. Die Sozialdemokratie würde ebenfo wie die anderen Parteien Gut und Blut für die Verteidigung des Vaterlandes opfern, wenn es angegriffen würde. Sie seien Anhänger des Friedensgedankcns, solange dieser noch nicht Wirklichteit ist, forderten sie ein Volksheer, allerdings mit kürzerer Ausbildungszeit. International fein heiße nicht antinational sein. Dr. David kritisierte im Verlaufe seiner Rede das Verhalten der freisinnigen Volkspartei im bevorstehenden Wahlkampf verschiedentlich und empfahl den Wählern den Kandidaten der sozialdemokratischen Partei, Schreinermeister Buiold-Friedberg. — In der Aussprache rechtfertigte Dr. Strecker das Zusammengehen der fortschrittlichen Volkspartei mit den Nationalliberalen und trat für den liberalen Kandidaten Prof, van Calker ein.
Aus Hessen.
R. B. Tarrn ft abt, 9. Juni. Der Finanzausschuß der zweiten Kammer stellte heute in einer Schlußberatung (über die Gemeinde st euerreform den Ausschußbericht fest, der vom Abg. Molt Han verfaßt worden ist und vom Ausschuß ' genehmigt wurde. Der 95 Dructseiten umfassende Bericht wird bereits Anfangs nächster W.ockm den Zammermllgliedern zugehen.
Der Sonderausschuß für die Revision ber Verwaltungsgesetzgebung setzte heute seine Abstimmung über die noch unerledigten Streitpunkte bezüglich der Städteordnung fort. Den wichtigsten bildete in den Ausschußverhandlungen die Frage des Bestätigungsrechts der Bürgermeister und Beigeordneten. Die Art. 80 u. ff. besagen, daß die Wahl des Bürgermeisters und der Beigeordneten der Bestätigung durch das Ministerium des Innern bedarf. Wird die Bestätigung einer Wahl versagt, so hat die Stadtverordnetenversammlung eine zweite Wahl vorzunehmen. Wird auch diese nicht bestätigt, so ist das Ministerium des Innern berechtigt, die Stelle einstweilen auf Kosten der Stadtgemeinde auftragsweise verwalten zu lassen. Das gleiche gilt, wenn die Stadtverordnetenversammlung die Vornahme der Wahl verweigern oder den nach der ersten Wahl nicht Bestätigten wieder wählen sollte. Die auftragsweise Verwaltung dauert so lange, bis eine Wahl die Bestätigung erlangt hat. Zur wiederholten Vornahme einer Wahl ist die Stadtverordnetenversammlung jederzeit berechtigt. Der sozialdemokratische Antrag, diese Bestimmungen zu streichen, wurde mit allen gegen zwei Stimmen abgelehnt, nachdem in der gemeinsamen Beratung am Tag vorher der Minister des Innern v. Hombergk mit Entschiedenheit für die Beibehaltung dieser auch bisher geltend gewesenen Bestimmungen eingetreten war und erklärt hatte, daß die Regierung lieber das ganze Gesetz scheitern, als das Be- stätigungsrecht, das ein altes Recht der Krone sei, aufgeben würde. Auch ein Antrag des Abg. Ulrich, daß Kommunalwahlen „aus politischen Gründen "nicht beanstandet werden dürfen, wurde gegen die Stimmen des Antragstellers und des Abg. Dr. Gut- lei s ch abgelehnt. In sehr umfangreicher Aussprache hatte sich der Ausschuß auch mit der Frage der Einführung des Proportionalverfahrens bei Stadtverordnetenwahlen beschäftigt. Der Antrag auf dessen Einführung wurde jedoch mit allen gegen die Stimmen der Abgg. U e b e I und Fulda abgelehnt, ebenso der Antrag, die Einführung der Verhältniswahl durch Ortssatzung zu gestatten. — Mit der Beratung und Beschlußfassung über den Gesetzentwurf, die Landgemeindeordnung, gedenkt der Sonderausschuß noch im Lauf der nächsten Woche zu beginnen.
Deutsches Reich.
In Gegenwart des Kaisers und ber Kaiserin janb am Freitag in Berlin bie Ernwechungsfeier bes Neubaues ber Kaiser- Wil Helm-Akademie für m i 1 i tä r ä r z t l i che s Bildungswesen statt. Nach dem Gesänge eines Männerquartetts hielt ber Kaiser eine Ansprache, in welcher er bie Kaiscr- Wilhelm-Akabemie zur Vollenbung bes neuen Heims beglückwünschte unb in ber er seine Anerkennung für bic guten Dienste, bie bie Akabcmie bet Armee unb dem Baterlanbe geleistet habe, auösprach. Durch ernstes Streben aller Mitglieber habe bie Akademie ihre Aufgaben, ein jederzeit auf ber Höhe ber mebizin. Wissenschaft unb ber ärztlichen Kirnst stehenbes Sanitäts- und Offizierskorps heranzubilden, voll und ganz gelöst. Drei Hammerschläge vollzog der Kaiser mit den Worten: Den Sterbeitben zur Erleichterung, den Gesunden zur Stärkung, bett Seuchen zum Verderben.
Die bei den Beratungen im Reichstage von dem Reichsschatz- sekretär Wermuth in Aussicht gestellte Verhandlung über die Frage der Gewährung von Veteranenbeihilfen und über die Deckungen des hierfür erforderlichen Betrages fanb am Freitag int Reichsschatzamt unter dem Vorsitz des Reichsschatzsekretärs und unter Beteiligung aller Parteirichtungen des Reichstages statt. Die Frage wurde in mehrstündiger Beratung eingehend erörtert. Die Fortsetzung dieser Verhanbltrng wurde für nächste Woche verabredet.
Die HamburgerHattdelskammer richtete anDern - bürg folgendes Telegramm:
„Euere Exzellenz haben während der leider nur zu kurzen Tätigkeit an der Spitze des Kolottialamtes mit so viel Energie und Umsicht die Wünsche in Erfüllung gebracht, die lange von allen Kolonialfreunden, und nicht zum wenigsten von Hamburger Kaufleuten, gehegt wurden, daß wir uns gedrungen fühlen, Euerer Exzellenz unseren aufrichtigen und lebhaften Dank auszusprechen. Durch bie Erweckung bes nationalen Interesses für bie Kolonien, für deren wirtschaftliche Erschließung erwarben sich Euere Exzellenz Verdienste um bic deutsche Kolonialwittschaft, bic bie hamburgische Kaufmannschaft stets in dankbarer Erinnerung behalten wird."
2lii5lanÖ.
Aus Lvn d o n wirb gcmelbet: Der ftänbige Unterftaatsi- sekretär bes Auswärtigen, H a r b i n g e, würbe zum Vizekönig von Indien ernannt.
Die russische Reichsduma nahm den ganzen Finnland-Gesetzentwurf mit 164 gegen die 23 Stimmen ber Oktobristen an.
Aus Konstantinopel wirb berichtet: Der Chef- rebakteur bes Blattes „Sabai Millet", Ahmeb Samin, würbe nachts in Stambul, als er in Begleitung bes Redakteurs des „Tani" heimging, durch Revolverschüsse Vorüber- gehenber getötet. Die Mörder finb entkommen. Die „Sadai Millet" ist ein oppositionelles Blatt, das seit einiger Zeit an der Regierung der jungtürkischen Partei scharfe Kritik übte.
Aus Washington meldet man: Die Regierung von Mexiko nahm die Vorschläge an, welche die Regierung der Vereinigten Staaten für die schiedsgerichtliche Erledigung der Streitfrage über den El Paso-Distrikt gemacht bat. Es handelt sich um den ganzen Teil des südlichen Distrikts, der ungefähr 5000 amerikanische Einwohner zählt und dessen Werl aus 5 Millionen Dollars geschätzt wird. Mexiko gründete seine Ansprüche darauf, daß es sich um ein früheres mexikanisches Gebiet handele, das man durch eine Aenderung int Laufe des Rio Grande abgetrennt wurde.
Heer und Flotte.
— Der Au sbaudesbe utsch enHeeres. Die „Norbd. Allg. Ztg." schreibt: Ein Artikel, ber kürzlich aus einer Zcitungs- korrespoubenz in bic Blätter übergegangen ist, behauptet, daß nach Ablauf bes Quinquennats im Ausbau unseres Heeres ein Still staub eintreten werbe. Die Entschei- bung barüber sei anscheinend schon beim Amtsantritt des Reichskanzlers gefallen. Um das Fiasko ber Reichsfinanzreform zu verbergen, solle am Lanbheer gespart werden. Wir wollen feststellen, baß alle diese Angaben mit Einschluß der angeblich vom Reichskanzler verlangten Sparsamkeitsvollmacht auf reiner Erfindung beruhen. Hinsichtlich der kommenden Neu- forberungen für das Heer ist nichts zu vertuschen. Sie werden für das nächste Quinquennat in voller Ueberciitflimmung zwischen dem Reickskanzler und den militärischen Stellen ganz im Sinne der hierüber früher schon gegebenen Erklärungen aufgestellt und werden nichts vermissen lassen, was nach dem Urteil ber kompetenten Behörden im Interesse ber Schlagfertigkeit des Heeres n0livcnbig ist.___________________________________________
Der moderne Student.
(Vorträge von der Burschenschaft im A. D. B. Arminia.)
Die Gießener Burschenschaft im A. d. B. Arminia leitete die Feier ihres fünfundzwanzigjäyrigen Bestehens gestern mit einem Vortragsabend im Hotel Großherzog ein, der recht gut besucht Ivar. Außer der Arminia mit ihren auswärtigen Bundesbrüdern und Gästen, unter denen sich auch einige Dozenten befanden, waren auch eine Anzahl hiesiger studentischer Verbindungen vertreten, die z. T. lebhaft in die auf die Vorträge folgende Auseinander, etzung eingriffen. Da Hofrat Pfaff dienstlich am Erscheinen verhindert war, las Pfarrer Weißbäcker auS Darmstadt den geplanten Vortrag über: „Tie deutsche Studentenschaft vor fünfundzwanzig Jahren und heute" vor, wobei er einleitend be- iontc, daß er sich mit den Ausführungen nicht vollständig einverstanden erklären tonne.
Dem akademischen Leben einen höheren sittlichen Gehalt zu geben, so führte der Redner auS, war das Streben der alten Burschenschaft, und auf ihrer Grundlage wurden im Jahre 1883 die Burschenschaften im <A. D. B. gegründet. Nach einem geschichtlichen Ueberblick über die Entwickelung ' des Verbindungswesen wendet sich Hofrat Pfaff 'Per Zukunft zu, von der er auf der Basis eines losen Zusammenschlusses und unter Wahrung der Selbständigkeit der einzelnen Verbände und Vereine im Interesse einer gesunden Weiterentwicklung des studentischen .Lebens ein gemeinsames Zusammengehen erwartet. Dadurch hofft er der Vorherrschaft der den konservativen Geist pflegenden Verbände auf der Grundlage gemeinsamer Zwecke zu begegnen. Als solche gemeinsame Zwecke kämen in Betracht: Einheitliche Vertretung bei Hochschultagen, Veranstaltung gemeinsamer Feiern und gegenseitige Unterstützung zum Zwecke der Popularisierung des menschlichen Wissens. Das Sammeln von Mitteln zur Unterstützung hilfsbedürftiger, begabter Studenten, gemein-- same Gründung und Erbauung von Kasinos und Lesehallen, Krankenkassen usw., Errichtung allgemeiner studentischer Arbeitsämter, sowie Auskunftsämter überhaupt.
Nach einer kurzen Pause sprach dann stud. Phil. Zorn (Arminia) über „Das allgemein-studentische Ehrengericht an der Universität Gießen", indem er einleitend bemerkte, daß er nicht die Absicht habe, das Zustandekommen eines Ehrengerichtes in die Wege zu leiten. Er verbreitete sich dann treffend über den Ehrenbegriff und tarn zu dem Schluß, daß die staatlichen Rechtsmittel eine beleidigte Ehre nicht wiederherstellen könne. Die materielle Genugtuung entspräche nicht den Anschauungen über die Bedeutung der Ehre. In der Frage des Zweikampfes war die deutsche Studentenschaft seither in zwei große Parteien gespalten, die sich ohne Verständnis schroff gegenüberstanden. Eine vermittelnde Stellung nimmt der A. D. B. ein, der den Zweikampf im Grunde verwirft, jedoch der Meinung ist, daß die Beseitigung nur durch allmähliche Ueberwindung der zugrunde liegenden fittlichen Sckstioen erreicht werden kann und deswegen unoedingte Satisfaktion gibt. 9£un sei es an der Zeit, die Achtung vor der Ueberzeugung anderer auch in der Tat zu beweisen. Dazu sei ein Allgemeines! studentisches Ehrengericht die erste Forderung. Zwar sei der Gedanke nicht neu, aber trotzdem ständen ihm noch sehr viele fremd gegenüber, vielleicht weil diese Versuche in der letzten Zeit von der sog. freien Studentenschaft ausgegangen seien. Jedenfalls habe man sich aber auch schon in den Korporationen für die Sache interessiert.
Ein Satzungsentwurf für das Ehrengerichr ist bereits ausgearbeitet und es fei eine Pflicht der Studentenschaft, der Frage zu einer günstigen Erledigung zu verhelfen.
In der Aussprache wurden mehr allgemeine Fragen erörtert, als die ehrengerichtliche, die für die meisten der Anwesenden das größere Interesse hatte. Auch die.Arbeiterkurse und die akademische Lesehalle wurden behandelt. Zur allgemeinen Klärung der Frage hat aber doch manches beigetragen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 11. Juni 1910:
Der Besuch unserer Laudcsuniverfität hat in diesem Semester abermals zugenommen. Während im Wintersemester 1267 und im Sommersemester 1909 1282 Studierende hier immatrikuliert waren, sind es im laufenden Semester 1334 (darunter 36 Tarnen), also 52 mehr. Dazu kommen noch 5 Hospitantinnen, 84 Hörer unb 53 Hörerinnen, sodaß die Gesamtbesucherzahl 1476 beträgt. Neu immatrikuliert wurden 343 Studierende. Von der Gesamtzahl der Studierenden gehören der theologischen Fakultät 75 (darunter 63 Hessen) an, der juristischen 150 (123), der medizinischen 367 (135) und der philosophischen 742 (555). Medizin studierten 213, Tierheilkunde 141 und Zahnheil- kuude 13; Philosophie 41, Pädagogik 14, Mathematik 109, Naturwissenschaften 98, Chemie 42, Pharmazie 24, Forstwissenschaft 19, Landwirtschaft 58, Geschichte 20, klassische Philologie und neuere Philologie 239. Es studierten mit Reifezeugnis vom Gymnasium 762, Realgymnasium 274, Oberrealschule 202, mit Zeugnis von dem Fach 72 und mit sonstigen Zeugnissen 24. Aus Hessen waren 876 Studierende, aus anderen deutschen Staaten 400 (Preußen 282, Bayern 30, Baden 15, Sachsen 13, Württemburg 12, Hamburg 11, Elsaß-Lothringen 8, ^>achsen-ck!oburg-Gotha 6, Oldenburg 5, Braunschweig 5, Schwarzburg-Sondershausen 3, Mecklenburg-Schwerin 2, Sachsen-Meiningen 2, Bremen 2, Sachsen-Weimar 1, Anhalt 1, Schwarzburg-Rudolstadt 1 und Lübeck 1), au5 anderen europäischen Staaten 57 (Rußland 50, Großbritannien 3, Serbien 1, Bulgarien 1, Türkei 1 unb Persien 1) und aus Japan einer.
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** „Das schlafende Heer" ist der Titel unseres neuen Romcmes, der in der heutigen Nummer der Gießener Familienblätter zu erscheinen beginnt Das Werk zählt zu den besten Arbeiten von Clara Viebig, deren Roman Rheinlandstöchter von unseren Lesern mit so außerordentlichem Beisall ausgenommen wurde. Die beliebte Schriftstellerin führt uns diesmal in die deutschen Ostmarken, wo das Deutschtum in schwerem Ringen mit der polnischen Bevölkerung feine tieften Kräfte verzetteln muß. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Familie eines aus der Eifel zugewamderten Kolomsten, und die des deutschen Gutsbesitzers, der in aller Fährnis sein Deutschtum hochbält und die Liebe zum Vaterlande mit dem Leben bezahlen muß. Dazwischen spinnt sich die Liebesgeschichte des treuherzigen Eifelsohnes, der den Künsten der polnischen Liebsten erliegt. Mit prächtiger Gestaltungskraft führt uns Clara Viebig dieses harte Leben vor, in dem schließlich der Fleiß, die Treue und die Ehrlichkeit trotz aller heimlichen Siänte den Sieg davonträgt über Niedrigkeit und Tücke.
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"'Ordensverleihungen. S. K.H. der Groß Herzog hat dem Lehrer an ber Gemeindeschule zu Oppenheim Beruh. Fr0lob ans Anlaß seines 50jährigen Diensljubiläums bas Ritterkreuz 2. Klasse unb dem Bürgermeister, Ortsgerichtsvorsteher unb Standesbeamten Theodor Schmitt zu Ohmes bas Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
"" Ober-Po st di rektor Geh. Ober-Po st rat Ko beit tritt am 1. Juli in den Ruhestand. Im Jahre 1902 ist er von Berlin, wo er als Vortragender Rat im Reichs-Postamt tätig war, nach Darmstadt versetzt worden, um die Leitung des Postwesens in Hessen zu übernehmen. Als Hesse wußte er die Bedürfnisse des Landes wohl zu würdigen. Unter seiner Leitung ist eine größere Anzahl stattlicher Postbauten entstanden, die Postverbindungen sind ausgebaut worden und namentlich hat das Fernsprechwesen ungeahnte Ausdehnung genommen. Dem unterstellten Personal war der scheidende Ober-Postdirektor ein wohl-


