Deutsche Kolonien«
Mit dem Bau der südwestafrikanischen Nord-- Südbahn Windhuk Xeetmanshvop wurde nach einer telegraphischen Meldung des stellvertretenden Gouverneurs soeben von Keetmanshoop aus begonnen.
Aus Stadt und Land.
Giesten. 9. März 1910.
•* Tageskalender st'ir Mittwoch, 9. März: Stadttheater: „Klein Dorilt." Anfang 7 llhr.
A l l g. Bürgerversammlung (Bürgervereinl: Vortrag von Schulrat Scherer- Büdingen : Tie A r b e 11 s f d) n l e, die Schule der Zukunft. Abends 81/, Uhr im „Einhorn"-Saal.
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** 93 t»in Gro sth. .Ho s e. Der Großherzog begab sich am Montag abend ' 27 Uhr mit Gefolge im Auto, einer Ernlalntng des Frcrnkfrtrter Flugspvrtklubs folgend, nach Frankfurt, wohnte daselbst im „Frankfurter pof" einem Vortrag des Assessors Dr. Alex Meyer bei und nahm hierauf an Lern Klub essen teil. Nach Beendigung des Essens erfolgte die Rückkehr nach Darmstadt.
** Landesuniversität. Prof. Dr. Rud. Otto Reumann, der vom 1. April ab zum ordentlichen Pro fessor der Hygiene und Direktor des hygienischen Instituts als Nachfolger von Prof. H. Kassel ernannt wurde, ist in diesem Wintersemester stellv. Direktor des Hygienischen Instituts in Heidelberg an Stelle des in den Ruhesland getretenen Geh. Rats Knaufs. Er wurde 1868 zu Seifhcnners darf geboren, besuchte das Gymnasium in Zittau und wid mete sich zunächst dem Apothekerfach. 1889 bestand er das erste pharmazeutische Examen zu Dresden, 1890 in Neu- chLtel das Kantonaleramen für die französischen Kantone der Schweiz und nach vollendeten pharmazeutischen Studien in Leipzig 1890 ebenda das Apothekerstaatsexamen. 1893/94 lag er naturwissenschaftlichen Studien in Erlangen ob und promovierte im Juni 1894 zum Dr. phil. 1894—99 war er Assistent am Hygienischen Institut in Würzburg, studierte gleichzeitig Medizin und erlvarb 1899 die medizinischeDoktor- würde. 1899 bestand Neumann das Physikum und trat als Hilfsarbeiter in die pharmakologische Abteilung des Kaiser!. Gesundheitsamts in Berlin ein. Ostern 1900 übernahm ei eine AssistentensteNe am^ Hygienischen Institut in Kiel, legte 1902 das medizinische Staatsexamen ab und habilitierte sichiim Juni desselben Jahres für Hygiene und Bakteriologie mit der Schrift: „Experimentelle Beiträge zur Lehre von dem täglichen Nahrungsbedarf des Menschen und der notwendigen Eiweißmenge." 1903 erhielt er Urlaub auf zwei Jahre und übernahm die Stelle eines Mteilungsvorstandes am staatlichen Hygienischen Institut in Hamburg. 1901 siedelte er in das Institut für Schiffs- und Tropenkrank- heiter: über und nahm im selben Jahre als Mitglied an der Hamburger Expedition zum Studium des aelben Fiebers in Brasilien teil. Nach seiner Rückkehr habilitierte er sich 1905 in der Heidelberger medizinischen Fakultät und wurde mit der Leitung des Untersuchungsamtes für ansteckende Krankheiten betraut. Im Juni 1906 erfolgte seine Ernennung zum Extraordinarius für .Hygiene. Seine zahlreichen Publikationen (über 60) betreffen Ernährung, Stoffwechsel, Wasser, spezielle und allgemeine Bakteriologie, Tropenkrankheiten und Tropen Hygiene.
Die Landessynod c, die, wie wir mitteilten, morgen ihre Beratungen wieder aufnimmt, wird sich in der Hcutptsachc mit der Voranschlagsberatung für 1910—14 beschäftigen.
** Regierungsass es s oren. Durch Entschließung des Ministeriums des Innern wurden die Referendare Friede. Leonh. C rome zu Frankfurt a. M,, Wilh. Fuchs, Errqst d. Küchler, Rob. Freiherr Löw von und zu Steinfurth, Rud. M a ch e n h c i m c r und Dr. Manfr. M ey er -Edward zu Darmstadt, Brutto Schurig zu Offenbach, Paul S t i m m el zu Darmstadt, Hern:. Walter zu Mainz und Kurl v. Zangen zu Frankfurt a. M. ,zu Regieru ngsa ssessoren ernan nt.
** Aufsichlsamt für P r i v a t v e r s i ch c r u n g| Der Kaiser hat den .Hessischen Finanzassessor von Werner zinn Regierungsrat und ständigen Mitglied des Kaiserl. Aüfsichtsaurts für Privatversicherung ernannt.
'^Sparsamkeit im Staate. Eine am 1. April freiwerdende Gefangenanffeherstelle an der Weiber-Strasan- stalt in Mainz wird nicht wieder besetzt werden.
•• Militärnachrichten. Nach Anordnung der Generalkommandos sind die Rekruten für das Fuß-Artillerie- Regiment Nr. 2, die BezirkßkommandoS, Unterosfizierschulen und ebenso die als Oetonoiniehandwerkcr und Niilitär- krankemvärter ausgehobcnen Retruten am 1. Oktober, die de: Kavallerie, der reitenden Artillerie und der Bespannungsabteilungen möglichst bald nach deut 2. Oktober, tue aller übrigen Truppenteile in der Zeit von: 11. bis 14. Oktober cinzustellen. — Aufnahmen in das Genesungsheim Idstein für kurbedürftige Angehörige von Unteroffizieren finden auf je 4 Wochen am Ersten der Monate April bis einschl. Oktober statt.
” Die Beerdigung dcs Oberlehrers Prof. Schi er Holz, eine allgemein bekannte und geschätzte Persönlichkeit, der dtirch ein schweres Leiden schon längere Zeit von seinem Berufe serngehalten tvorden toar, fand gestern nachmittag cmf den» neuen Friedhöfe statt. Pfarrer Han sie in hielt eine ergreifende Grabrede, worauf Geh. Schulrat Dr. Rausch dem Verstorbenen, der lange Jahre der Lehrerschaft des Realgymnasiums angehört hatte, einen warntherzigen Rachruf widtnete und einen Kranz am Grabe niederlegte. Wettere Kränze tourden niedergelegt im Namen des hiesigen Regiments von Major N Ücker, im Namen der Olstziere des ' Beurlaubtem^andes von Major v. Knobelsdorf, für die Adelphia non'eftnd. phil. Feilbach, von der Quinta des Realgymnasiums u. a.
** Gießener Stadttheater. Der Hochtou-- r i st. Herma n n N orden hatte sich zu seinem Ehrenabend den alten zugkräftigen Schwank von dem angeblichen Hochtouristen ausgesucht und es war keine Sehergabe nötig, um ihm einen vollen Erfolg voraus zu sagen. Der Künstler hat sich bei den hiesigen Theaterfreunden rasch beliebt gemacht, und war denn das Haus gestern abettb recht gut besetzt. Mit fröhlicher Laune folgte man den tollen Vorgängen und vergnügte sich herzlich an der flotten Darstellung, die mir gutem Bedacht aus das schwankmäßig-derbe gestellt war. Hermann Nord e n als .Hochtourist und angeblicher Schriftsteller steuerte mit gutem Humor durch die tausend Note seines Lügengcspinnstes und stattete seinen Mylius mit so viel behaglicher Lustigkeit aus, daß man sich austs angenehmste unterhielt und ihm sehr starken Beifall zollte. Auch. greifbare Angebinde mürben dem Künstler verehrt. Die übrigen Akitwirkenden taten sich ebenfalls durch regen Eifer hervor und trugen ihr Teil zu dem guten gelingen der Vorstellung bei, wenn auch einige liebereiüingcn
vorkamen. Elly Gühne war eine würdige, achtbare Gattm, FränA Kv ch als „Studierte" und Gusti Ney als echter Backfisch ein edles Schwesternpaar. Eine hübsche Gestalt schuf Edgar Pauly als Mertens; sein Sohn wurde von Karl Marx sehr ansprechend und gefällig gegeben. Prächtig war Hermann Bakvf als alter Bergführer. Auch Ferry D a u b a l als Sepp und Lore Scholz als Regerl gefielen sehr gut. Mit überraschendem Geschick sah man Erna Güldener ihre kecke Amanda spielen. Von den übrigen sind noch Karl Bolck als Lindenburg und Rolf Gunolt als Würmchen zu nennen. Kürt Goldberg als Stuckwitz war stellenweise unverständlich, sonst aber nicht ganz uneben. N.
• * 'Boni Stadttheater wird uns geschrieben: '.Nochmals sei an das einmalige Gastspiel von Frau Irene Triesch in Brienx' „Roter Robe" am kommenden SamStag erinnert. Der gefeierte Gast ist hier zu bekannt, als daß cS weiteren Hinweises bedürfte. Erwähnt sei nur noch, daß die Herren Studierenden an der Abendkasse Ermäßigung genießen. — Am nächsten'Montag findet die letzte B o l k s Vorstellung dieser Spielzeit statt. Da zu dieser Webers „Preziosa" gewählt worden il't, so entstehen durch 'Musik, Mitwirkung des Eyors aus der Stadt besondere Unkosten. Es dürste dafür aber bei bet Zugkraft der Vorstellung auf ein ausverkauftes Haus zu rechnen sein.
• • A u fg efu n d e n. Tie Leiche des seit 14 Tagen verschwundenen Einjährig-Freiwilligen S. von hier wurde' gestern im Leihgestemer Walde aufgefunden. S. hat sich erschösse n.
* ' Vermißt. In den letzten Tagen ist ein größere. Posten 10-Psennig-Briefmarken in Verlust geraten. Eine angemessene Belohnung ist dem zugesichert, der der Polizei Auskunft über die Sache geben kann.
** I m Kinematogravhen wird heute abend mit dem neuen Programmwechsel ein Kunstfilm zuerst in Gießen abgesehen von Berlin! lauten. Es handelt sich nm ein neues Marine- Drama „Leutnant n. Briskeu und die. Piraten".
h. H enchelhei m, 8. März. Nachdem im Vorjahr die Schulh ans frage durch einen Neubau aut dem Schulgcundsrück an ter Wüst imstrase ihre Lösung gefüllten lat, w rd m.t dem neuen Schuljahre unsere Vollsstlulle zu einer Vollanstalt mit 8 Klassen ausgestaldet. Die stell'. Zuuahnw der Bevölkerung macht sich besonders bei der Schule geltend, liegt doch die Zeit nicht nett juriitf, daß h er nur drei Lehrkräfte wirkllm. — liniere Bauhand- werker führen Klagen über die ge ri ngen Bauauss i ch ten. Wtc im v.wigen Jalw surd auch dieses Jahr nur wenig Neubauten in Aussicht.
— O) r o b e n ’ Ü i tt b e n , 7. März Ter Kegel-Klub „Gut-Volz", der voriges Jahr einen ivohlgelungenen Ausflug nach der Troptstem-Höhte bei Kleeberg machte, aber ziemlich dtlrchnäßt zu Hanie ankam, beabsichtigt dieses Jahr einen Ausflug nach dem N i e d e r tv a l d zu machen.
-r. Reiskirchen, 8. März. Am 17. März findet im alten Pfa- rhaus die Wah t eines Bürg e r meister s> statt. Außer unserem seitherigen Bürgermeister Wagner kandidiert noch Gemeinderatsmitglied Philipp Stumpf VII.
L. Lich, 8. März. Unter dem Vorsitze des Setninar- direktvrs Dr. Schäfer von Friedberg fand am 7. und 8. März die Entlassungsprüfung an der hiesigen Präparan- den-Anstalt statt. 'Die Schüler werden dem Lehrer-Seminar Friedberg überwiesen.
= Beltershain, 8. März. Am Samstag abend hielt Geometer Stephan aus Staufenberg in der Hachschen Wirtschaft einen Vortrag über seine Erlebnisse in Südwestafrika. Seine Schilderungen wurden mit sehr gut gelungenen Lichtbildern begleitet. Lehrer Petri bantte deut Redner für seinen Vortrag.
x Alsfeld, 8. 'März. Die Reifeprüfung an der Oberrealschule hat vorige Woche unter dem Vorsitze des Herrn Oberschulrat Block au§ Darmstadt stattgefunden. Sämtliche Prüflinge bestanden.
— Butzbach, 8. März. Das 1. Bataillon des Jnf.-Regts. Nr. 168 beabsichtigt am 22. d. M. int Gelände Hoch-Weisel— Münster (Schußrichtung Von Höhe 294 zwischen den vorgenannten beiden Orten gegen den Haus- und Brüter Berg) g e f e ch t s - mäßiges Schießen mit scharfer Munition abzuhalten. Das Schießen findet von 8 Uhr Dornt, bis 12’<. Uhr nachm. statt. Für den Verkehr gesperrt sind die Wege Hoch-Weisel—.Hausberg, Münster—Lochmühle—Jsseltal (am Westabhang des Brüter Berges) und die am Südostabhang des Haus- und Brüler Berges führenden Wege. Vor dem Betreten des abgesperrten Geländes wird gewarnt.
F. C. Bad Nauheim, 6. MärZ. Das Verbands- schießen des MitteldeutschenSchützen verbau des 1910 findet hier statt. Dem festgebenden Verein, der Schützengilde Bad Nattheim, ist bereits eine große Summe für Ehrenpreise gestiftet worden.
---Friedberg, 8. März. Interessenten toerbcu darauf aufmerksam gemacht, daß der diesjährige Baum- Wärterkursus an der Großh. Obstbau- und landw. Winiersckmle am Donnerstag, 31. März d. IS) beginnt. Der erste Teil dauert bis 4. Mai. ,
(-> F r i c d b e r g, 8. März. An der Beseitigung des D a nt nt - rutschcs an der Balm strecke nach Hungen wird eifrig: gearbeitet Es liegen große Hausen Stenre am Bahnkörper, die ,’ur Ausbesserung verwandt werden. Tie Erdnrasse von mehreren hundert Mubittuetci'n, die in das sog. Rosen tat abgerutscht ist, wird zur Aufsisillung des Tales^ benutzt. Die bei dem Dammrutsch ver- niäteben Obst bäume waren von beträchll chem Werte. Die Züge verkehren wieder regelmäßig an der Unsallstelle.
v. Oberscheld, 8. März. Der Bahnbau Oberscheld - W a l l a n macht aus der ganzen Linie Fortschritte. In Los 1 und II ist die meiste Erdbewegung auszuführen, an der Wasserscheide allein 57 000 Kubikmeter. Die Strecke hat vom Nikolausstollen bis zur Wasserscheide in einer Länge von 5 Kilo Metern etwa 230 Meter Steigung zu überwinden. Dies soll durch eine Zahnradeinrichtung auf einer Strecke von 3 Km. in einer Steigung von 1:17 erreicht werden. Es steht also eine Gebirgsbahn in Aussicht, die in einer Höhe von 526 Metern die Wasserscheide durchschneidet und in einer Länge von 28 Kilometern in 57 Kurven in 290 Meter Höhenlage endigt. Auch am Breidensteiner Hammer muß durch Pulver und Dynamit der Bahn der Weg geebnet werden.
X Elm, 8. März. In einer Kantine des Distel- rasen-Tunnelbaues gerieten kartenspielende kroatische Arbeiter in einen Wortwechsel, der in einen Streit ausartete. Ein Kroate zo^ sein Messer und versetzte seinem Kollegen mehrere Stul)e in den Unterleib. Der Verletzte mußte in das Krankenhaus gebracht werden, wlvselbst er verschied. Der Messerheld flüchtete, wurde jedoch am Bahnhofe Elm durch die Gendannerie verhaftet.
Frankfurt a. M., 8. März. Der Redakteur der „Volks stimme" Wendel hat unter dem 5. März d. I. einen Strafbefehl erhalten, in dem es heißt: „Aus Antrag der Königlich en Staa samvaltschaft wird gegen den 'Angeschuldigten mcffen der Be schuldchung, in Frankfurt a. All am 13. Febriwr 1910 gegen 2 Uhr nachmittags bei den Strastenexzessen anläßlich der twlizeilich erbotenen und dah.n Polizei sich iinlerdrückten Temonstrationsumzüge und Demonstratwns-versammlimgcn auf den öffenllickien Straßen dadurch groben Unfug verübt ru haben, daß er angesicksts zahlreicher vor dem Bismarck -Denkmal versammelter Personen und angesichts einer auf der Kaiserstraße vom Schn in a un- Thea ter heraw- strömenden und durch den Zusaurmensdvß mit der Polizei am .Hauvtbahnhof erregten uirb zu weiteren Ausschreitungmr neigen
den VoikAmenge sich auf das Bismarck-Denkmal ^hinauf» geschwungen hat, seinen Hut schwenkte und dabei mit lauter Stimme nach der Menschenmenge zu rief: „Auf! Alle hierher' Hoch lelx das freie Wahlrecht!", so das- die Menschenmenge erneut in Aufregung geriet, sich dem Bismarck-Denkmal mwandte und durch ihre aus die aufreizenderr Ruse des Besümldigten zvrückzusübrmde Haltung und Stimncung i>?c öfsent licke Ordrnmg und Sistier heu aus den öffentlichen Straßert erheblich gefährdet,^cine Hast strafe von d r e i W o ch e n festgesetzt." Hübscher Satz '1 Wendel hat gegen den Strafbefehl richterlich' Entscheidung beantragt.
= Kreuznach, 8. März. Vom 30. Juli bis 3. August indet hier das 29. M i 11 e l r h e i n i s ch e K r e i s t ur n s e st statt. Ein Garantiefond ist in bedeutender Höhe gezeichnet und somit eine sichere Grundlage für das großzügig angelegte Fest gegeben. Aus der dicht bei der Stadt gelegenen P f i u g st w i e s e werden große Festbauten errichtet: ein Wettschwimmen in der Nahe ist geplant und auch für Volksbelustigungen ein Platz vorgesehen. Mehrere hundert Flaschen edelsten Nahewsius haben der Preß- nnd Musik-Ausschuß für die zwei schönsten Festlieder als Preis ausgesetzt. Außer dem Fcstbuchc soll noch eine Festzeitung in fünf Nummttn herausgegeben werden.
Schwurgericht*
th. Gießen, 8. März.
Heute wurde gegen den 31 Jahre allen Landbriesträger Hch. 2 ö iv e n ft e t n von Wieseck wegen Verbrechens t m Amt, !t?ecbfeliälschung, Betrugsversuch und Betrug verhandelt. Tie Anklage vertrat Staatsanwalt Trümvert, Verteidiger war Rechtsanwalt Elsoffer. Poslinspektor Selig war als Sach-- verständiger zur stelle. Der Angeklagte erklärt, er sei 1905 wegen der späteren Versorgung zur Post in Wieseck übergegangen, wo er täglich 2.— Mk. bis 2.20 Mk. verdient hat. 1907 sei er als Landbriefträger angestellt uird als Beamter vereidigt worden und habe dann) 800 Mk. und 120 Mk. Wohnungs- geld bezogen. Aus Befragen gibt Löwenstein an, daß er sich 1905 verheiratet hat, seine Frau habe außer den Möbeln 200 Mark gehabt. Aus seiner Ehe entstammte ein Kind. Er habe allerhand Anschaffungen gehabt, hierzu komme, daß er mit seinem Verdienst nicht habe auskommen können, weil die Frau krank wurde. Er habe zuerst Schulden bei Verwandten gemacht und später sich mit einem falschen Wechsel über 400 Mk. geholfen. Später habe er amtlich empfangene Gelder unterschlagen. Löwenstein gesteht zu, daß er auf einem Wechsel im Juni 1909 die Unterschrift des Regimeiltsschneiders Gouter gefälscht hat, der ein Onkel seiner Frau ist. Er hat vergeblich versucht, den Wechsel bei Bankier Herz und bei der Filiale der Darmstädter Bank in Geld umzufetzen, hat aber in Wieseckt bei einem Schulkameraden, einem Bäckermeister, damit Glück gehabt. Im November 1909 hat L. zwei Postanweisungen über 699 Mk. 60 Pfg., die er an die Empfänger auszahlen sollte, unterschlagen und die Quittungen daraus gesälschl. Er hat einen falschen Eintrag in das Postbestellbuch und auf den Abrechnungsbogen gemacht, um die Unterschlagung zu verdecken. Am 6. Dezember erfuhr Löwenstein, daß man auf dem Postamt hinter die Unterschlagung gekommen sei. L. hat vorher zwei Wechsel über 400 Mk. und 200 Mk. auf den Namen des Onkels seiner Frau gefälscht, die er aber nicht zu Geld machen konnte. Er reifte darauf' mit 50 Mk. Geld in der Tasche nach Frankfurt, versetzte dort feine Uhr, und stellte sich, als fein Geld alle war, der Behörde. Der Angeklagte hat bei den Verwandten seiner Frau feit seiner Verheiratung 1800 Mk. geliehen, hat auch so Schulden gehabt und verfuchen wollen, ~ mit den veruntreuten Beträgen diese Schulden zu bezahlen. Seine Frau habe größere Ansprüche gemacht als er habe leisten können und so habe er aus den schlechten Verhältnissen nicht herauskommen können. Der Vorsitzende fragt Löwenstein, ob er nickst täglich auf seinen Botengängen in den Wirtschaften über feine Verhältnisse hinaus Bier getrunken habe. Der Angeklagte bejaht dies, er habe auch durch den Verkehr in Vereinen und Gesellschaften manche Mark ausgegeben, die er hätte sparen können Richtig sei auch, daß er im September 1909 infolge des preußischen Beamten-Aus- besserungsgesetzes ein Gehalt von 1100 Mk. und 150 Mk. Woh nungsgeldzuschuß erhalten und auch einen größeren Betrag (385 Mark) nachgezahlt erhalten hat.
Infolge des Geständnisses beschränkte mau sich auf die Vernehmungen weniger Zeugen. — Regimentsschneider (Konter erklärte, er habe dem Angeklagten! s. Zt. 1000 Ml. geliehen, der damit lästige Schulden bezahlt habe. Der Zeuge erklärte, er würde dem Mann weder ntiti Geld, noch mit seiner Unterschrist auf einen Wechsel weiter geholfen haben. Er habe Löwenstein, als er ihm das letzte, Geld gab, darüber nicht im Zweifel gelassen. Zinsen habe er nicht verlangt und auch wegen der Rückzahlung des Geldes nicht gedrängt. Die! Ehefrair des Angeklagten, die ein Schwesterkind des Zeugen ist, sei sehr sparsam gewesen uird habe keinen Aufwand gemacht. Postverwalter Guthier erklärt, daß Löwenstein im Dienste stets feinet Schuldigkeit getan hat und bei in Publikum sehr beliebt war. Richtig sei, daß Frau Löwenstein schwächlich und kränklich sei. DeV Zeuge hat deshalb auf Antrag des Angeklagten dafür gesorgt, daß ihm eine einmalige Unterstützung von 50 Mk. zugeflossen ist, ihm wurde auch 100 Mk. Teuerungszulage zuteil.
Postinspektor Selig sagt als Sachverständiger aus, daß die Führung des Postbestcllbuches und die Aufstellung des Abrechnungsbogens auch dem Angeklagten Löwenstein abgelegen hat. Nach der für den vorliegenden Fall anwendbaren Instruktion mußten Vorsteher und Postbote die Einträge, die sich gegenseitig ergänzten und eine 9ontrolie ermöglichten, vornehmen imb jeder der beiden Beamten ist für seinen Eintrag verantwortlich. Bäckermeister W cller-Wieseck bekundet, daß er Löwenstein einen Wechsel über 400 Mk. abgenommen habe, der des Zeugen Gonter Namen getragen hat. Der Zeuge, hat das Papier nicht zirkulieren lassen und von dem Angeklagten fein Geld wieder erhalten, worauf er den Wechsel verbrannte.
Ten Geschworenen werden 7 Schuldfragen vorgclcgt, Es handelt sich um Wechselfälschung in 2 Fällen, um Betrugsvcrsuch in 2 Fällen^ um Vollendeten 'Iktmg und nm Amts verbrechen in 2 Fällen. Staatsanwalt Trümpert sprichst für schuldig im Siuu der Anklage. Tie Beweisaufnahme habe ergeben, daß Löwen ft ein drauflos gelebt und sich dann an fremdem Gut vergriffen, habe und zum Wechfelsälschcr wurde. Das Geständnis könne man nickst hoch anrechnen, denn es blieb ihm nichts weiter übrig, als den erwiesenen Tatbestand ztizugeben. In Rücksichi auf die Jugend und»die bisherige Uubcftraftbeit Löwensllsins sei die Annahme mildernder Umstände bei Bejahung aller Schuldfragen am Platze. Der Verteidiger bittet ebenfalls, deut Angeklagten mildernde Umstände zuzubilligen. Die Gefchworenett entscheiden, wie ihr Obmann, Ingenieur Koch, verkündet, nach dem Antrag des ^taats- amoalts.
Staatsanwalt Trümpert beantragte eine Gefängnisstrafe von 2 Jahren 6 M o n a t e n und Aberkennung der bürget* liehen Ehrenrechte auf die Dauer von 3 Jähren. Das^ Urteil lautete auf eine Gesamtgefängnisstrafe von 1 Jahr 9 Monaten worauf 3 Monate Untersuchungshaft in Abrechnung kommen Von der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte glaubte der Gerickstö- hof abseheu zu sollen, um deut noch jungen Mann das Fortkommen nicht zu erschweren.
(ßcrichtsfanl.
d. Mainz, 8. März. (S ch w u r g c r i di t.» Der 23 jährige Buchhalter Jak. Ilnt. Baumgarten aus Nieder-Jngelheint hatte sich selbst des Meineids beschuldigt. Ter Aitgeklagt.- wurde am 5. Juni 1906 am Amtsgericht Ober-Ingelheim in einer Strafsache als Zeuge vernommen und will wissentlich verschiedene Punkte verschwiegen haben. Sein Verschweigen war ohne jeden Einfluß auf den Prozeß, da die Dinge, über die er keine Auskunft gab, gerickstsbckannt ivaren. Als der Angeklagte im Herbst zu dem Dragoner-Regimeitt in Tarmyadt^ einrücken mußte, machte er feinem Vorgesetzten, nachdem er 2 Monate gedient hatte, von dem vor 3J .> Jahren geleisteten Meineid lln- zeige, worauf er zur Disposition entlassen und gegen ihn öflv Verfahren eingeleitet wurde. In der helitigen Verhaudliutg wurde der Angeklagte um die Gründe gefragt, warum er die Anzetga gegen sich erstattet habe, ob er vielleicht nicht gerne Soldat geweicn sei. Ter AngeUagtc erklärte, der Grund.zur Anzeige sei gewcstN,


