Ausgabe 
9.2.1910 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Mittwoch N. Februar 1910

Nr. 33

Zweites Blatt

160. Jahrgang

G^chetnt tSglich mit Ausnahme des Sonntags.

Äotatton8brucr und Verlag bei vr ü blichen Unweriuäts - Buch- und Stetnörudetei. 9L Lange Dießen.

Redaktion, Exveditton und ^ruderet; Schul» {trage 7. Exoedinon und Verlag: 5L

Redaktion:112. rel.-AdruAnzergerGietzen»

Heer und Flotte.

Aendsrungen in der Ergänzung des Offizier- f o r p 6 sind soeben zur Einführung gebracht worden: Bisher ivar die Annahme von Fabnenjnnkern abgesehen vom Lebensalter' und anderen Voraussetzungen abhängig gemacht von dem (Stabe der wissenschaüllchen Bildung. Dieser Bildungsgrad war nachzuweisen, entweder durch ein Reifezeugnis zur akademischen Hochschule, einer Anzahl höherer Bildungsanstallen oder durch das Zeugnis über die beslaiidene Seekadetten-Eiulriltsvriöung für die aus der Mariue zum Heere etwa Ueberireteiibe», imb schließlich durch die Ablegimg der Fähnrichsprüfung. Zu dieser Prüfung wurdeii beslunmungsgemäß nur junge Leute mit dem Zeugnis der Rei'e für Bruna ztigelassen. Die Au'orderuugen in der Fähurichs- prüiung waren derart bemessen, daß ein junger Alaun mit Prima-- rei'e vor dein Eintritt in die Prüfung keine besondere Bor- bereituiigsanstalt mehr zu besuchen brauchte. Trotz dieser Grund­sätze besuchte ein großer Teil der Oifizlerasvirauten vor der An- meldting zum Fähniichsexamen, das vor der Ober-Militär- Prüilmgstouiniisslon m Berlin abgelegt werden mußte, eine Bor- bercnungsai,stall, die sogenannte Presse.

Nach den neuen Bestimmungen können nun, wie dieTägl. Rundschau" hört, jimge Leute, die die Prima einer der dabei

VeGletzener Familiendlätter" rverden dem Anzeiger* «rermal wöchentlich betgelegt, da« jtretsbkrti fflr 6ee Kreis Sietzen" zweunat wöchentlich. Die ..Landwirtschaftliche» Seit» fragen4* erscheinen monatlich zweimal.

ChantecKr.

Wir haben gestern mitgAeilt, daß die deutschen Kritiker das neue Werk Rostauds zum Teil scharf abgelehnt haben Run kommen anscheinend auch in Paris solche Stimmen zum Durch­such. Unser Pariser Mitarbeiter schreibt uns darüber:

DerChantecler" Bann scheint doch nicht )o stark .ii sein, wie man es mit hundert tosenden Posaunen in die Welt hinausgedonnert hat. In die Begeisterung der Besprechungen kräuselt der Zweifel hinein, leise, fast zaghaft und doch deutlich llnb gegen diese Skeptiker, die in allen Lagern der Gesellschaft und der politischeli Parteien zu finden sind, wird fast em ya- lriotischer Zorn wach: ein Verbrechen wäre es, das Krähen des stolzen gallischen Hahnes, das die Welt wieder einmal wach i gerüttelt, durch Rezensentengadern abschwächen zu wollen, -Utes, i vas darüber mit überlegener Ruhe und tiefer Kenntnis der Dinge, Iber Stimmungen und der literarischen Wahrheit gejagt werden I la tut und angedeutet worden ist, hat Henri Rochefort, m I diesem Punkte immer der alte, allgemein anerkannte Meister, I treffend in seinem täglichenPatrie"-Artikel zusammengefaßt. I Bittere Wahrheiten ohne Pathos rinnen ihm da aus der Feder.

Ich weiß noch nicht, ob dieses so gefeierte Stück em Triumph, ein einfacher Erfolg, ein Halberfolg oder selbst ein Halbdurchfatt ist. Denn die dramatische Kritik besteht sozusagen in Frankrew) -ar nicht mehr, da die Kameradschaft nahezu lebe persönliche Meinung niedergedrückt hat. Viele Theaterplauderer selbst Dramen oder Lustspiele und deshalb sehen sie sich verpflichtet, Ibit Direktoren zu schonen, die ihre Arbeiten auffuhren, und ebenso die Schriftsteller, mit denen sie vielleicht zusammenarbeiten müssen. Edmond Rostand, der so viele Artikel der französischen, englischen, deutschen und amerilanischcn Presse geliefert hat, besitzt eine >o große Zahl von Anbetern und Freunden, daß die sachlichsten i.ntb selbst strengsten sich angesichts der Große ferner Berühmtheit entwaffnet fühlen Ick glaube indessen einige einschränkende Be­merkungen zwischen den Zeilen gelesen zu haben, in benen bie Leitungen sich in Dithyramben über bic Schönheit der Verse, d« Originalität der Kostüme und den Glanz de» Saales mck den Tiamanten übersäten nackten ^chuitcrn auslaffni. Nun gibt Mt einen Schriftsteller von dem Rufe Edmond Rostands und be sanders nach dem beispiellosen Lärme der über fein. äberl ge* wissen wurde, kein Mittelding. Entweder Alles oder Nichts »ie geringste Stockung in der Begeisterung »»stört das gE Rlubmesgerüst Zn den Ohren tönen mir noch die überwältigenden Aeifallsstürme, die bei der Uraufführung des -,Cvrano lebe Tirade Mid die unbedeutendste der Antworten begrüßten. Und- doch war ®on dieser Feierlichkeit keine Reklame chr das entzückende Werk wranstaltet worden. Am Abend der Genera probe waren alle Eschauer ebenso erstaunt, als entzückt über das literarische Konigs- mahl weggegangeu, das eine wahre Enthüllung gewesen wa.

Ern st Abbe-GedächtniSfeier. Man schreibt uns aus Jena, 6. Fcbr.: Eine akademische Gedenkfeier zu Ehren des vor 5 Zähren verstorbenen großen Gelehrten, Unternehmers und SozialreformerS Professor Ernst Abbe, der am 23. Januar dieses Jahres 70 Jahre alt geworden wäre, fand am Sonntag, von der Universität Jena veranstaltet, im großen Volks­hause zu Jena statt. In der Festrede führte Geh. Justizrat Dr. Eduard Rosenthal, der Professor des öffentlichen Brechts an der Universität Jena, au3, wie Abbes Auffassung vom Recht und vom Staate seine sozialpolitische Betätigung gelenkt hat, wie aus jener Grundauffassnng sich der halbstaatliche öffentliche Charakter des Großunternehmers, den die Carl-Zeiß-Stlftung durch- führt, entstanden ist und ebenso seine Arbeitsrecht-Kodniiation in dem Statut der Earl-Zeiß-Stistung. Die öffentlichen Pflichten aegenüber der Allgemeinheit zu wahren, das ergibt sich als der Grundzug von Abbes Aufassung vom Wesen des modernen Unter­nehmertums. Viele der Zuhörer werden durch die klaren und feinsinnigen Ausführungen Professor Rosenthals tiefer in das Wesen der Abbeschen Sozialauffassung, die so oft noch verkannt wird, eingeführt worden sein. Geradezu als ein Vorbild für künf­tige Gesetzgebung stellte der Redner die Ergebnisse des hohen Gerechtigkeitssinnes Ernst AbbeS dar. Dr. E.

Siehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gbechefien

Im allgemeinen liebt das Publikum, obgleich es sich oft täuscht, wie es mit dem AuszischenCarmen'S", Faust'S" undWilhelm Tell'S" bewiesen hat, durchaus nicht, daß man ihm die Meinung diktiert, die es haben soll. Die gezwungene Bewunderung macht es vielmehr halsstarrig. ES wäre besser für den Schriftsteller und für das Theater gewesen, unsChantecler" ganz heiß und ohne Vorbereitungen zu servieren. Auf der Bühne Federvieh herumhüpfen zu lassen, dem man menschliche Gefühle andichtet, ist an und für sich ein tollkühner Versuch, der aber immerhin Aussichten auf Erfolg hatte, hingegen erschien es unvorfichtig, ihn drei Jahre im voraus anzukündigen; denn so konnten ine Literaten die ganze Unwahrscheinlichkeit des Vorwurfes mit aller Ruhe und Begutmlichkeii ermessen." . , L ,

Manchmal hat sich aber die Kritik bereits viel derber ge­äußert, als Rochefort andeutet: ganz offen wird beispielsweise ausgesetzt, daß das Kalauern unter den Bewohnern des Roftand schen HühnerhoseS häufig bie Grenzen des Erlaubten überschreite und den unbehaglichen Eindruck erwecke, als etlaubc sich der Dichter einen etwas hochfahrenden Scherz mit dem Publikum. Andere Bemerkungen lauten aus den höflichen Umschreimingen und Verhüllungen ausgepackt ungefähr dahin, daß dem dichter die Schwungkraft seines Genies bis zum Schlüsse nicht aus­reichend war. Eine Zeitung geht noch weiter, nämlich derGil Blas", der kurz und bündig erklärt,Chantecler" ser überhaupt kein Erfolg.

gebnisse öfter dieser Proben trügerisch waren. Goslet und Noude hcrtten mit den ihnen zur lleberwachung beigege­benen Personen, insbesondere dem Detektiv Brown, ge­meinschaftliche Sache gemacht und unter Mitwirkung eines Kapbohs die entnommenen Probeng es atze n". Insbesondere hatten sie eine Reihe von mitgebrachten Steinen über die Fundstelle verteilt; ferner hatten sie während des Auswaschens der von Derrn Schuster selbst entnommenen Proben in geschickter Weise Steine in das Sieb eingeschmuggelt; in den von Herrn Schuster mit­genommenen und erst in Lüderitzbucht geöffneten Sack hatte Detektiv Brown, dem die Bewachung des Sacks übertragen war, die Steine hineinpraitiziert. Alle diese Tatsachen haben sich erst im Laufe der gerichtlichen Untersuchung er­geben, die sofort nach Entdeckung des Schwindels auf An­trag der Herren Kceplin und Schuster eingeleitet worden ist und zur Verhaftung des ganzen Gauner- Konsortiums geführt hat. Die Herren Kreplin und Schuster selbst sind durch die Gauner auf das schwerste insofern geschädigt, als sie nach dem scheinbar günstigen Ausfälle der im Beisein des Herrn Schuster angesleUten Kontrollpioben keine Bedenken getragen hatten, den Pro- speltoren Goslet und Noude den von ihnen geforderten Finderlohn von 60000 Mk. bar zu zahlen; zu dem Finder- lohn treten die noch recht erheblichen Unkosten, die für Schürsgebnhren und Cxpedi.iomauslagen ausgewendet wor­den sind." *

Joseph Chamberlain über die Lage in England.

Die Morning-Post veröffentlicht em langes Interview mit Joseph Chamberlain über die politische Lage. Auf bie Bemerkung des Berichterstatters, daß die ministeriellen Parteien den Ausfall der Wahl als den Triumph ihrer Prinzipien- betrachten, antwortete Chamberlain mit folgenden charakte­ristischen Worten:3e langer ich lebe und je größer meine Erfahrung wird, desto weniger halte ich davon, sich als Sieger aufzuspielen, wenn man tatsächlich verloren hat!" Chamberlain gibt aber auch zu, daß die uniomslische Parte, die Hoffnungen, die man in der vergangenen Wahlkampagne auf sie gesetzt hatte, nicht in vollem Maße erfüllte. In Lancashire, Yorkshire und Schottland hätten sich die umo- ni,tischen Führer gescheut, mit dem Kriegsruf .Tarifreform» vor die Wähler zu treten. Tarifreform aber sei und bleibe das große Prinzip, auf deffen Basis die Unionisten schließ- lich wieder die Regierung übernehmen würden, und deshalb müßte die Agitation in jenen Gegenden, wo die Opposition unterlegen sei, mit doppelter Energie wieder ausgenommen werden. Da, wo die Tarifreform bereits Wurzel gefaßt hätte, habe die unionistische Partei die besten Resultate aufzuweisen; wo aber die Führer nicht Farbe befannten und mit der Tarifreform hinter dem Berge hielten, sei die Partei unter­legen. .Und dieselben Parteiführer", bemerkte der Bericht­erstatter, .befürworten jetzt, die Tarifreform überhaupt fallen zu laffen, oder doch wenigstens nicht auf das Reich auszu- dehnen, sondern auf die britischen Inseln zu beschränken, um die Besteuerung von Nahrungsmitteln zu vermeldend (Die Times hat sich neuerdings zum Anwalt dieser Politik ge- macht.) Chamberlains Antwort war: .Wenn Sie die Tarif­reform fallen lassen, was wollen Sie dann an ihre Stelle setzen? Tarifreform ist der populärste Teil unseres Pro- gram,ns, aber das sind Zauderer, die sich fürchten. Sie machen sich bei jeder großen Umwälzung bemerkbar, sie sind vom Liebel; denn Männer, die sich selbst fürchten, können andere nicht mit Mut erfüllen. Gerade die Frage der Nahr­ungsmittel-Besteuerung muß offen beantwortet werden, da hat die Kampagne wenigstens das eine Gute gehabt, daß sie mit den Schwarzbrotlügen aufgeräumt hat."

Bom Tiamantenschwindek in Deutsch Sudwestafrika.

Der Staatssekretär Dornburg hatte im Budgetaus« schuß des Reichstags vom 14. Januar unter anderem auch ben sogenanntenHoolog-Diamantenschwindel" erwähnt utib dabei auch die :Herren Bürgermeister Kreplin und Lchuster genannt. Dazu wird demL.-A." vom Rechts- Beistand des Direktors der Colmanskop Diamond Mines Limited, des Herrn Franz Schuster in Lüderitzbucht, des Sruders des Geschädigten, geschrieben:

Die Herren Kreplin und Schuster wurden zuerst durch Wei Prospektoren Goslet und Noude auf die angeblich reich en Diamantenfundc an der fraglichen Stelle ausmerk- ;an gemacht. Es wurden auch von Goslet und Noude sehr schöne Steine vorgewiesen, die an der Stelle gesunden »ein sollten. Da die Herren .Kreplin und Schuster den Eingaben der beiden Prospektoren von vornherein miß- ncauisch gegenüberstanden, gaben sie ihnen zunächst zwei weitere Prospektoren, die chr unbedingies Vertrauen ge­gossen, und einen eigens zu diesem Zwecke engagierten ,^ivatdetektiv Brown zur Neberwvchung bei. Die bezeichn neten Personen reisten mit Goslet und Noude nach der srMdstelle und ermatteten nach ihrer Rückkunft einen Be­richt, der die Darstellung des Goslet und des Noude durch­aus bestätigte. Sie brachien zwanzig Steine zu 12Vs Karat, die sie gefunden haben wollten, mit. Nunmehr reiste, um Miz sicher zu gehen, Herr Schuster selbst in Begleitung her Prospektoren, des Detektivs Brown und mehrerer Boys unb Hottentotten an dieFundstelle". In seiner Gegen axrrt wurden an den verschiedenen Stellen des Felöes Landproben entnommen; diese wurden, wiederum in feiner Gegenwart, in einer gewissen Entfernung von der Fund­stelle ausgewaschen. Beim Auswaschen wurden sieben gute Steine gefunden. Ferner wurden auf freiem Felde fünf Steine gefunden. Schließlich ergab die in Lüderitzbucht norgenommene Auswaschung einer in einem Sacke von Herrn Schuster mitgenommenen Sandprobe zwölf kleine Steine. Erst später hat sich herausgeistLllt, daß die Er -

Praktische Säuglingspflege an Unifrerft* täten. Ein neues Lehrfach, daS bisher im akademischen Unter­richt vernachlässigt wurde, wird nun an der Universität von! Missouri zu Ehren kommen: Der Nationäkokonom Prof. Dr. Edna D. D-ay wird ein Kolleg über Säuglingspflege abl-alten, dos' mit praktischen Hebungen verbunden wird. Der Lehrer wird seine Schüler über alle Einzelheiten der Säuglingspflege unterrichten^ über die Wärme des BadewasserS, über die Art von Seifen^, die verwandt werden fallen, über die zweckmäßige Zahl der Ab- Itifungen und über die Art Handtücher, die hygienisch am bestew sind üiid die Haut des kleinen Erdenbürgers am wenigsten aw- greifen 40 Studentinnen haben bereits die Vorlesungen belegt. Pivfessor Dav hat die Absicht geäußert, einen regelrechten Kindev» garten und eine Art Säuglingslieim der Universität anzugliedern., in denen hie Frauen tagsüber ihre Kinder sachkundiger Pflege überlassen können.

Eine neue Oper von Mascagni. Der Komponist derCavalleria rufticana" ist gegenwärtig mit einem neuen Werke- beidjiftigl, das den Titel ,^Jfabel" führen wird und noch in diesem! Jahre, voraussichtlich im November, in Newhork seine Erst» ausführung erleben fall. Der Text der Oper stammt von Luigi Mica, der auch den Text zuMadame Buttersty", derTosca" unb zu derBohöme" von Puccini bearbeitet hat. Die Hand­lung der neuen Oper von Mascagni spielt im mittelalterlichen!! England unb lehnt sich an bieLady Godiva" von Tennysfon. DJla^cagni beabsichtigt, zur Erstausführung seines Werkes nach' Amerika ju reisen, um die Proben zu leiten unb zu dirigieren,

Paganini-Rcliquien unter dem Hammer Aus Florenz wird berichtet: Die Versteigerung der Religuien unb Andenken an Paganini, deren Verkauf die Erben des be­rühmten Geigers angekündigt hatten, ist nun im Palazzo Mondolsi vollzogen worden. Zuerst kam der berühmte Bogen zur Aus­bietung, den Paganini benutzt hatte und der zu der Geige ge­hörte, die die Stadt Genua besitzt. Der Bogen ging für 800 Lire in den Besitz Gennas über unb wird nun bei der Geige bleiben. Alle Noten aus dem Besitze Paganinis wurden für 18 000 Lire von einem Antiquitätenhändler erworben. Eine Busennadel erzielte 7100 Lire, eine zweite 4200. Für ein Me­daillon fand sich für 3050 Lire ein Liebhaber. Ein Geschenk von Napoleons zweiter Gemahlin Maria Luise von Oesterreich, in dem eine Locke Napoleons, eine Locke Maria Luisens und eine Locke des Herzogs von Reichstadt bewahrt waren, fanb ver­hältnismäßig geringes Interesse: für 400 Lire ging es in neuert Besitz über. Für ein Barett, das Paganini selbst bisweilen trug, zahlte ein Liebhaber 65 Lire. Lebhaftes Interesse erregten eine Anzahl von Selbstporträts von Künstlern ans der Zeit Paga­ninis, die der Virtuose gesammelt hatte und die schließlich von Signor De Marinis erworben wurden.

Um den Zopf.

Die Bewegung, die sich neuerdings für die AenderunA der Tracht und das Abschneiden des Zopfes in China gel­lend macht, zieht in Peking immer weitere Kreise. Vor kurzem ist auch im Staatsrat diese Frage wieder eingehend erörtert worden. Tic Anregung dazu gab lautOstas. Lloyd" eine Eingabe des am italienischen Hofe beglaubigten Gesandten Chien-hsün, eines Mannes ohne viel Verdienste und große Taten, der sich vor allem durch eine unglaub­liche Selbsteinschätzung auszeichnet. J>i einem an den Re­genten gerichteten Bericht macht Chien sich in eigenen Lobeserhebungen breit und schildert, wie weit sein Einfluß in Europa reiche und wieviel sein Urteil gelte. Dann kommt er auf die Ablrünnigkeit und mangelnde Vaterlands­liebe vieler chinesischerPatrioten" zu sprechen; im Aus-- lan?> vergäßen sie bald ihr Vaterland und ihre Sitten, so daß sie sich sogar ausländische Frauen zu Levensgefähr­tinnen wählten, wie es der Gesandte Lu-Chenckssiang in Holland wieder getan habe, der dafür eigentlich in An- Klagezustand versetzt werden müsse. Chien-hsün, gibt dann dem Prinzregenten den Rat, künftig seinen Gesandten zu befehlen, ihre Frauen stets mit ins Ausland zu nehmen. China müsse rein bleiben, innerlich wie äußerlich, und sich streng von den Fremden unterscheiden. Deshalb müsse es unter allen Umständen auch jede Aeuderung der Tracht seiner Angehörigen untersagen und den auf eine Aende- rung zielenden Gelüsten nachdrücklich entgegentreten. Uebrigens kämen diese nur vou Leuten, die oberflächliche und vaterlandslose Gesellen wären. Wie die alte Klei­dung, so müsse auch der Zopf bleiben; kein Titelchen dürfte geändert werden, solle China weiter groß, start und einig bleiben. Selbstverständlich ist bisher auch in dieser Frage keine endgültige Entscheidung gefallen.

Merkwürdigerweise finden sich die meisten Befürworter der Beseitigung des Zopses unter den Mandschus, und zwar unter den Offizieren. Sie sehen tagtäglich seine Nachteile- und verlangen im Interesse des Dienstes, daß er fällt. Ebenso nachdrücklich aber tritt die ultrakouservaiive Partei für seine Beibehaltung ein. Dazwischen schwanken andere hin und her, so Grotzsekretar Natung, der gesagt haben soll:Das Zopfabschneiden ist gut, das Zopfhängenlassen ist aber auch gut; beides bringt Vorteile." Möglich iftj, daß eines Tages die MJlitärpartei einen Erlaß beim Regenten durchsetzt, daß im Heer und in der Flotte der Zopf fällt, möglich auch, daß die Beamten diesem Beispiel daun zu folgen haben, aber int Volke wird es noch viele- Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, dauern, bis der Zopf ver­schwunden sein wird. Der Bauer und der gemeine Mann werden sich noch lange nicht mit einer so einschneidenden Aendernug besreunden.

pelititctye Tagesschau.

Die Arbeit des Reichstags.

lieber die Arbeitsdisposi^ionen des Reichstags wird uns T»on parlamentarischer Seite geschrieben:

Im Reichstage besteht die fej'üe Absicht, die Haushalts- kraiung bis zum 18. März fertigzustellen, und man nimmt o, daß diese Absicht auch in die Tat umgesetzt werden Mrd, da noch 28 Sitzungstage zur Verfügung stehen. In öen nächsten Tagen wird in die Haushaltsberatung nur die erste Lesung des Kaligesetzes eingeschvben werden, um das Gesetz einem Ausschuß überweisen zu können. Wris Üe Reichs Versicherungsordnung anbetrifft, so hnrij, falls sie dem Reichstage noch vor Ostern zugehen rnrb, die erste Lesung dieses Entwurfes epst nach Ostern krfolgen und die Vorlage an den Ausschuß abgegeben .iwrbert.

An sonstigen Vorlagen werden noch erwartet das Htellenvermittlergesetz, eine Novelle zum Urheberrecht, eine ttewerbeordnungsuovelle und das abgeänderte Arbeits- iammergesetz. Vielleicht wird einer dieser Entwürfe noch vor Ostern in erjster Lesung beraten werden können, im übrigen werden die ersten Lesungen aber evst im April abfalöiert werden können. Gewerbeordnungsnovelle und Arbeitskammergesetz bedürfen längerer Ausschußberatung. ^egen Ende April dürfte dayer bie Vollversammlung des Änchstags ihre Arbeiten erledigt haben und auf weitere Beschäftigung erst im Herbst rechnen können.

Man nimmt an, daß etwa zu Himmelfahrt sich der .Leichstag auf den Frühherbst vertagen wird. Ob einer -Ärc der andere Ausschuß seine Beratungen schon vor dem Zusammentritt der Bollverfammlung im Herbst ausnehmen toitb, läßt sich noch nicht jagen.