Erstes Blatt
Freitag 31. Dezember 1909
159. Jahrgang
für Oberhessen
dir nonnuto%ns"ui" Rotatloisönifl vnd Derlog 6tr vrllyl'Ichtn Unw.-Vnch- und Steltiörurfsrei R. lange. Reöattion, Grpeöitlon und Druderet: Schutftta»« 7
monnthd)75iM.,otertel- jährhd) Att. 2.20; durch Abhole- u. ^roeigfteQen monatlich 65 ■Ul.; durch die Poft Dtk.2.— viertel- jdbrl au6|d)L Beuellg. Zeilcnprel-: lokal ILM.» ausiväriS 20 Pienniq. Chefredakteur: A Dortz. Ueranlworillch hin ben poltnlchen Teil: August Dort,; für ,R*niUee ton* iUd .Derinisctues" 51. Neurath; iür.Stadt u. Land' und.GeiicYlS- laal'. <i. veß; tüx den Anzeigenteil: £>. Beck.
Nr. 307
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Die heutige Nummer umfaßt 16 Seiten.
1910.
Gießen, 31. Dezember.
Die mitternächtlich läutenden Glocken haben ein bedeutsames Erinnern zu verkünden. Wer tagaus tagein kecken Schrittes die Stunden seines Lebens hinler sich wirst, wer nicht rückwärts blickt, sondern nur vorwärts, der hält doch beim Glockenton der Jahreswende in seinem eiligen Lauf inne. Was wird das neue Jahr mir bringen, denkt er, und hört die Zurufe seiner Freunde, betrachtet das vor chm liegende Häuflein der Glückwünsche mit Träumerei und Nachdenken. Wenn die Silvester stunde das Glas und die schaumende Lebenslust erklingen läßt, so folgt die stille Betrachtung am ersten Tag des neuen Jalxres dennoch Der erste Gruß beim Jahreswechsel soll einer frohen Munter» leit, dem Hinausjubcln der unversieglichen Menschenfreude, gewidmet sein, und die Götterfunlen der Freude — sie brauchen nicht aus künstlichen und kindischen Feuerwerkskörpern hcrvorzuspringen — sollen neuen Lebensmut und neue Lebenslust zünden. Mehr Lebensfreude — das könnte auch eines der eindringlichen Mahnworte unserer raschen Zeit sein. Wir habens im verflossenen Jahre oft sogar in den füllenden Zentrumsblättern gelesen, die sonst doch an gar mancher Blüte sorglosen Frohsinns rasch vorübergehen müssen. Nein, wir brauchen wirklich keine unerquicklichen Stubenhocker, und die Heiligkeit liegt heute noch viel weniger als vor Zeiten in Kasteiungen und Secksstpein. Aber die frohe Lebenstunst von heute ist in keinen stolzen Mantel gehüllt, trotz des allgemeinen Fortschritts, das zeigen uns schon die neueren Werke der Literatur, die nur wenig gute Lustspiele, aber desto mehr Possen und rührseligen Plunder hervorbringt, und die Erfindung unseres Jahrhunderts, der Kinematograph, der jetzt aus allen Gassen die freudebedürftige Menge anlockt, ist viel weniger ein gesundes Heilmittel für die Volkslaune als das ehrliche, uc- wückAge Kasperthcater unserer Urgroßväter. „Die Ko- mödie wurzelt immer in der Gegenwart und blüht nur in Völkern, die unbefangen an sich selber glauben, sich herzhaft wohlfühlen in der eigenen Haut; sie bedarf fester nationaler Sitten und Anstandsbegriffe, wenn sie nicht willkürlich, ^gemeinverständlicher sozialer Kämpfe und Interessen, wenn sie nicht platt werden fort'' — so schrieb Treitschke, als er die „goldenen Tage von Weimar" schilderte. Ausch heute fehlt uns der Humor, dessen Mangel in der Weimarer Blütezeit Treitschle beklagte, aber nicht nur er fehlt uns, sondern auch der entfernteste Anklang an das geistige Leben jenes reichen Geschlechtes, das in achten
Staatsmann ihm sichere und feste Richtungen im Innern- und nach außen zeigen wollte! Dann müßte wieder, wie einst, jedes unedle und selbstsüchtige Dort verstummen, und wir würden im neuen Jahre aus dem lähmenden Partei- hader in eine kraftvolle und selbstbewußte Periode eintreten, iw auch der zum deutschen Volkscharalter gehörende Humor das öffentliche Leben wieder beleben und durchrvärnrerr könnte.
In der Weltlage außerhalb Deutschlands Grenzen treffen wir am Jahresschlüsse ein gegen früher erheblich verändertes Bild. Frankreich hat ein gutes Jahr gehabt, trotz der im Anüng des Jahres ausgelauchten inneren Sck)wierigkeiten (Streik der Postbeamten); es hat in Marokko, besonders auf Kosten der Deutschen, Erfolge eingcheimst, und es darf mit Befriedigung auch aus die mit Italien und Rußland gesponnenen Faden Hinblicken Deutschland unb Oesterreich sind durch die im Interesse der Wiener Politik gelöste bosnische Frage enger zu einander geführt worden, und es war für uns Deutsche das einzig erfreuliche Zeichen der auswärtigen Politik dieses Jahres, daß daS deutsche . Wort im Rat der Völker entscheidend gewirkt bat Die „deutsch-englische Frage" ist noch nicht gelöst und wird wvhl> nur im Rahmen einer festen Richtschnur für die gesamte deutsche auswärtige Politik gelöst werden können. Ruß- land ordnete seine Angelegenheiten im Innern; sein leitender Staatsmann, Herr Stolypin, scheint mit Erfolg die letzten revolutionären Wellenschläge geglättet zu haben. Rur hat er es nicht verhindern können, daß in der letzten Zeit aus der russischen Presse sowohl, als auch aus der Duma schroffe nationalistische Feindseligkeiten nach Deutschland Herübergeilungen sind: unsere Haltung in der bosnischen Frage und der Mißerfolg des Ministers Jswolskh liegen eben noch nicht weit genug zurück. Die konstitutio'nelle Re- gierungSform hat auch in der Türkei zur allgemeinen Uebrrraschung verhältnismäßig ruhige Dahnen cingeschla- gen. DaS liegt daran, daß die Jungtürken das Feld völlig beherrschen und dir Stimmung der Kammer nach ihren eigenen Absichten zu beeinflussen wissen. Der englische Gut- ~ fluß steht in Konstantinopel obenan, und wir fürchten, daß trotz der Anwesenheit des Frhrn. von der Goltz die deutscken Zäden allmählich abgeschnitten werden, wenn in dem Schneckenhaus des Berliner Auswärtigen Amtes nicht bald gründlich aufgeräumt wird.
AN unsere Hoffnungen für das neue Jahr müssen wir auf den neuen Kanzler setzen! Da er in der auswärtigen Politik ein Neuling ist, werden uns die vorsichtigen Fühl* Hörner in der Wilhelmstraße voraussichtlich noch eine gute Weile durch das gewohnte Schauspiel unterhalten. . . .
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eine dieser geschichtlichen Funde durch die Herzensgute eincS da bei dieser Veränderung die alten Lampen frei wurden, ging eine dieser geschichtlichen Funde durch die Herzensgute eines Wirtes wahrscheinlich in den Besitz des Klosters über. Uebrigenä tst in dem Kloster sonst ganz angenehm. Im Sommer, wenn's zu- heiß wird zieht man einfach den Rock aus, und im Winter läßt man den Mantel eben an, da wird er auch nicht gestohlen. Aber um aufs vorherige zurückzukommen, dem Hauptbau (dem eigentlichen Realgymnasium) ist das idyllische Leben un Kloster sicher vorzuziehen, denn vergangenen Jahres kam dteser Staue« so ins Schwanken, daß die Bilder an der Wand beruntertanfrten und ein Lehrer gar, wie es in einem Mainzer Blatte tuen, tun die Wand geschleudert worden fein soll. Also Wirkungen rote in Italien. Und trotz all dieser Kißstänbe, bie dock» gewiß einen Neubau dringend erforderlich machen, kann man sich über di- Platzfrage für die neue Schule nicht einige« Verschiedene Leute, wahrscheinlich Anhänger des edlen AlgpensvortS, möchte« sie gern vor das Gautor stellen. Auch ganz schön. Doch wäre in der Besteigung der Gaugasse bei Glatteis eine solch schwere Ausgabe an die Schüler gestellt, daß wohl mancher Mann manch- mal vom Schulbesuche Abstand nähme. Herunterzu ging tue Sache freilich gemütlicher, die Kleinen setzen sich auf die Ranzen Lid die Großen ... nun die könnten herunter rodeln. Eur anderer riet, den Neubau neben das Theater zu stellen, Eben^ falls praktisch, denn da wäre den Schülern der Theaterbesuch sehr erleichtert und außerdem die Ludwigstratze, die Ihrem Seltersweg entspricht, in greifbarer Nähe. Nun und so imd noch mehrere Vorschläge gemacht worben. Vielleicht roarc_ es nicht unratsam, bie Schule auf Räder zu bauen, da wäre nämlich den einzelnen Vorschlägen am leichtesten nack>zukommen — Uebrigens: Räder! Hier sind gegenwärtig tausende von Rader« tos Tas „Cbrisckindchen" hat sie schockeweise gebracht als Roll- .schuhe nämlich, und so sieht man denn hier hunderte von Menichen vergnügt durch die Straßen rollen. Was tuts, dal- man manchmal, auf die Nase fällt. Hier ist man schon an5 Fallen gewöhnt. Der Wert der „Stadthalle", unserer „gut Stub", nt auch gefallen — 20 000 Mk. Dacht ist auch ein bißchen viel, und io machte er es denn wie seine Vorgänger. Nun sind die „Hussers" so nennt der echte Mainzer die Gerichtsvollzieher, tüchtig an der Arbeit. Gleichzeitig arbeiten die „Dekorateure" in der „M", denn am 1. Januar geht der Karneval los — mit Umzug durch die Stadt unb mit „närrischem Konzert". Zum eritenmal leit Jahren gibt es diesmal wieder ,Kapv und Stern", die sich leber
1 für lln/n Mk. erwerben kann. Und diesmal soll es beiondecs ! besonders großartig werden. Man spricht sogar von einem grotz- artigen Rosenmonlagszug, wie man das in jedem Jahre macht —
i das zieht! Nur den Oberbürgermeister ziehts nicht — der tft fein Karnevalsfreund — denn eigentlich ist hier das gan^e Jahr
; .Karneval, und früher wurde keiner (5 tob trat, der nicht zum „großen Karneval-Verein" gehörte. Lustig wirb bei uns regiert,
: wenns auch manchmal schief geht. Aber bas tut nichts. „Rol.e । Stab", der Wahlspruch des vorigen Oberbürgermersters, soll auch > im neuen Jahre gelten. Wohl rollt bas Rad manchmal vev« » lehn, aber es rollt doch — im Zeitalter dss Rollschuhs., 3t,
Zur Jahreswende.
Laßt im .Neuen", wie im .Alten*, Nimmer den Humor erkalten.
D Neunzehnhundeitncune, Grab' nicht im Rosenfcheine Stetgst du von deinem Thron herab, D», stirbst — wie zu vermuten — In deinen eig'nen Fluten, Ein feuchtes, aber ssch'res Grab. Zwar stehst in den Kalendern — Daran ist nichts zu ändern — Auch du gebucht als .Jahr deS Heils«; Doch daß dein Heil sehr mächtig, Dies zu behaupten dacht' ich War' irrig ein- mir andernteilS.
Du warst ja zweifelsohne DaS Jahr der Luftballone, Das große Jahr Klein-ZeppelinS. Du warst daS Jahr der Flteger, Der stolzen Luftbesieger. DaS Jahr der Wolken voll BenzinS. Du hast gestärkt hienieden Ten sogenannten Frieden Durch Vetter ,Ede> ganz enorm, Du hast vor ErbschasiSsteuern Bewahrt die lieben Teuern, Dein Clou hieß: Reichsfinanzreform.
Du lehrtest klug unS sparen, Wie in den fetten Jahren Freund Joses tat - wo- lehr 9W>‘ — «Ja selbst die Sonne scheinen L.eß'lt du — wer will's verneinen? — Mit ausgesuchter Sparsamkeit.
Du hast durch Kohl und Kräuter, Kartoffeln und so weiter .
Den Leib versorgt gewltz mcht ichlecht, Selbst Wein hat man gelesen Und doch - ob du geiveien Ein Jahr des Heils? tch weiß nicht recht. Doch soll dich keiner schimpfen. Stoch weniger Derimglimpfen,
schönen Künsten sich ein klassisches Zeitalter schuf. 2Bir haben catch anbieser Jahreswende viel Grunb zu mancherlei Betrachtungen!
Mag der Einzelne mit übermütigen Klängen über bie Schwelle eines neuen Jahres schreiten — das ganze Doll darf es nicht! Wenn bas Wort bes Historikers recht hat, baß Frohsinn nur in Völkern blicht, bie unbefangen an sich selber glauben, so müssen wir Deutsche uns fragen, ob benn ber stolze Glaube an uns selbst im Schwinben begriffen ist. Wenn wir das abgelaufene Jahr überblicken, so sehen wir das Ergebnis, daß das deutsche Reich in ben mancherlei intei- nationalen Kämpfen ruhig aus seinem Platze geblieben ist. Weber bie llmwälzungen bes Türkenreicl-es, noch bie ®er- änbeningeu auf bem Balkan, noch ber ewig gllmmcnbc Braud in Marokko tynben bas deutsche Volk in seiner Ruhe erschüttern können. In Europa ist ber Friede erhallen worden; dieser Tage ist in irgend einer Zeitung gesrohlockl worben, nie habe früher eine so lange Zeisspanne lssndurch das Schreckgespenst des Krieges gebannt werden können, und wir näherten uns sichtbar dem Ziel der Haager Bestrebungen. Gewiß ziehen heute bie Kriegswollen nicht mehr so rasch wie ehedem, aber dafür wird nach allgemeiner Ueberzeugung ein wirklicher Ausbruch auch umso verheeren, der. „Müßige Ruh' ist das Grab des Muts"; die äußere Ruhe hat Deutschlands Not im Innern vielleicht nur gesteigert. Mr dürfen am Jahreswechsel den Bück auch noch etwas weiter in bie Vergangenheit richten, über bas letzte Jahr hinaus. Dor hundert Jahren erlebte Preußen seine allmähliche nationale Erstarkung, ber zerrütteten Monarchie gaben einsichtsvolle Staatsmänner wieder neue, hohe Z eie. Dem dreisten Dilettantismus der Staatsphilosophen aus der Revolutionszeit trat bie gewiegte Sachkenntnis deS Freiherrn von Stein entgegen: „jedes unedle Wort verstummte, keine Beschönigung ber Schwäche unb der Selbstsucht wagte sich mehr heraus, wenn er seine schwerwiegenden Gedanken in markigem, altväterischem Deutsch aus'sprach, ganz kunstlos, volkstümlich'derb, in jener wuchtig en Kürze, bie dem Gedankenreichtum, der verhaltenen Leidenschaft des echten Germanen natürlich ist". Einen solchen Mann könnten wir heute in Deutschland und in Preußen wieder brauchen. Stein mußte damals dem Diplomaten Harden- berg weichen, der klug zu lavieren wußte, bis ber Entscheidungsschlag nach außen losbrach. Unsere Zeit sollte die umgekehrte Entwicklung durchmachcn. Der gewandte Lavierer Fürst Bülow mußte endlich aus dem Amte. Ein Anderer, der nicht nur Wünsche vermitteln, sondern neue Ziele weisen soll, sollte an feine Stelle treten. Das Volk möchte und könnte an sich glauben, wenn ein leitender
Du hattest and) manch' guten Zoll, Nmnt dir auch keine Zähre, ES war unS doch 'ne Ehre, Drum scheiden wir: .Hochachtungsvoll*. Und wenn zur Jahreswende Wir drucken uns die Hände (Vielleicht die roten Lippen gar), Daun darf bei heißen Pünschen Alan sich gewißlich wünschen So mancherlei füc'S neue Jahr.
So wünscht' ich zlim Exempel Das Vaterland zum Tempel Des wahren FriedenSgenius. — Und mir — im neuen Jahre — Für Leib und Geist und — Haare 9iur so ein ganz klein wenig — plus. Ich wünscht' noch manches andere So lang ich' lebend wandere Atif dieser schönen Gotteswelt, Mehr Freunde, wen'ger Hasser, Mehr Wein und wen'ger Wasser, Mehr Liebe, die das Herz erhellt.
O laß mit guter Besserung, Mit wen'ger Schmutz und Wässerung Du liebes neues Jahr dich an, Gib Neunzehnhundertzehne, Daß mhil niai bene
Von bir dereinst man reden kann.
, Roemheld.
Mainzer Brief.
Im Zeichen bes Karnevals.
Es stand vor alten Zeilen ... ein Schulhaus. Das steht Übrigens auch heule noch. Ja, wirklich! Aber rote fragen |ie? Nun ganz fest nicht mehr, aber dafür wackelt s auch. Sist überhaupt lächerlich ein neues Schulhaus yu bauen, » hat doch so lang gehalten, unb wenn's hall mal einen ichonen Tages Zusammen, fällt, dann halten wir Unterricht im Freien. Das toll übrigens ehr zuträglich sein. Oder halt, bas alte Klarenklv'ter rst ia auch noch ba. Die Räume sind zwar etwas nieirng, aber was tut « wer zu groß ist braudg ia nicht Hinern zu geben, früher Sar allerdings auch keine Beleuchtung in hem .Gebäude außer einet alten Erdöllamve, wie man sie zuweilen in Wir.schofün bäraen sah. Wohlgemerkt ich sage „hängen lag ‘ denn die -wirt- Lasten haben jetzt Gas ober gar eleürüche Beleuchtung, unb


