Nr. 128
General-Anzeiger für Oberheßen
Erschettü tLgkich mit «uS«vhme de« Sonntag».
Die „Wietzener Fomitten^wtter- werden dem „Anzeiger* * viermal wöchentlich beigelegt, das „KrelsWott fit den Kreis Siehrn" zweimal wöchentlich. Di« „Landwirtschaftlichen Zeit» ftsge«" erscheinen monatlich zweimal.
Zweites Blatt 159. Jahrgang
Gießener Anzeiger
Freitag 4. Juni 1909
Rotationsdruck und Verlag der vrühi'sch« Universität» - Buch- und Steindruckerei.
5L Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: e=jö5L
Redaktion: «-^112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen»
politische Tagesschau.
Der Tefamlverband der evangelischen Arbeitervereine Deutschlands der gegenwärtig weit über 100 000 Mitglieder zählt, hielt am 2. Juni in Hannover unter Teilnahme von Vertretern der Staatsund Kirchenbchör^en seine Delegiertenversammlung ab. Tic Berichte konnten das Wachstum sowohl der äußeren Ausbreitung wie der inneren religiösen sozialen Arbeitervereine auf allen Gebieten konstatieren, wie auch die Stellungnahme nicht nur zu sozialen, sondern auch zu schwebenden politischen Fragen. Pros. Dr. v. Wiese-Hannover hielt einen Vortrag über Posadowsky als Sozialpolitiker, der Ehrenmitglied des Gesamtverbandes der cvang. Arbeitervereine Deutschlands ist. Geh. Regierungsrat Düttmann (Oldenburg) sprach über die Reform der Arbeiterversicherung. Zu l-ssm Entwürfe der Reichsversicherungsordnung erklärte der Redner, daß durch die Zusammenlegung den Arbeitern die Gesche nicht klar wären, daß aber die gegen die Verwaltung — wie sie der Entwurf Vorsicht — vorgebrachten Bedenken gegenstandslos seien, *
Euleubnrg in der Sommerfrische.
Recht unerfreulichen Erörterungen begegnet man neuerdings in Bezug auf Eulenburgs Reise nach Gastein. Fürst Philipp zu Eulenburg und Herteseld, der — so war doch die Fiktion, die ihm auf seinem idyllischen Landsitz zu leben erlaubte — so leidend ist, daß er weder an Gerichtsstatt gebracht werden konnte, noch länger in milder Krankenhaft zu halten war, hat sich nach kurzer, nachträglicher Verständigung der kgl. Staatsanwaltschaft auf eine lange, beschwerliche Reise begeben. Er ist zur Kur nach Gastein in die steirischen Berge gefahren. Tort lebt er, der, wenn er nicht vorm Jahre so bedauernswert erkrankt wäre, vermutlich jetzt von jedem Zuchthausausseher mit dem vertraulichen „Tu" angeredet würde, unter dem wohlklingenden Pseudonym eines Grafen von Hamm: ein Partikulier von Tinstinktion, ein illustrer Badegast. Uns will scheinen, so schreibt die „National. Korr.", man kann diesen Handel gar nicht ernst genug nehmen. Das ist doch geradezu eine offene Verhöhnung aller staatlichen Gewalten, eine grinsende Verspottung der Fundamente, auf denen jedwede staatliche Ordnung ruht. Und — das wolle man bitte nicht vergessen — eine Verspottung, die ohne eine gewisse Mitschuld eben dieser staatlichen Organe doch nicht möglich geworden wäre. Hier und da bemüht man sich solche Mitschuld zu leugnen: Tie Justizorgane hätten getan, was sie tun mußten: den Gutachten der Medizinalbehörden hätten sie sich zu fügen gehabt. Leider können wir nicht finden, daß damit alle Unbehaglichkeiten, die diesen Fall seit Jabr und Tag schon umwittern, ausgeräumt wurden. Nach unserem Dafürhalten gab es in dieser in mehr als einer Beziehung traurigen Affäre doch nur zweierlei. Schweren Meineides hinreichend und dringend verdächtig ist der Fürst Philipp zu Eulenburg und Herlefeld nach wie vor. Im letzten Prozeß Moltke gegen Harden haben Staatsanwalt und Gerichtsvorsitzcnde sogar deutlich zu erkennen gegeben, daß sie ihn für schlechthin überführt erachteten. Entweder also war Fürst Eulenburg nicht transportfähig: dann mußte jede Luftveränderung, schon jede Ueberftihrung in einen anderen Raum von ihm ferir- gchalten werden. Oder aber war er doch transportabel: dann war er schonend zwar, aber auf dem schnellsten Wege vor das Tribunal zu führen, dem er unter solchen Umstanden zu lange schon entzogen war. Aber ein drittes kann und konnte es nicht geben, soll nicht die Ucberzeugung, daß in Preußen-Deutschland Recht gesprochen wird ohne Ansehung der Person, ins Schwanken geraten. Und ohne diese Ueberzeugung als Gemeingut ist wahres Staatsgefühl gar nicht zu denken.
internationaler Sergarbeiterkongretz.
S.u. H. Berlin, den 2. Juni.
Die heutigen Verhandlungen stehen unter Leitung des Deputierten L a m c n d i n - Frankreich, Finger-Oesterreich und S m i e l l y - England. Nach einer Mitteilung des Bureaus sind 5
Nationen mit 135 delegierten anwesend. Sie vertreten 850 000 Bergleute. In den 5 vertretenen Nationen gibt es insgesamt 2 Millionen Bergarbeiter. Ter erste Punkt der Tagesordnung be- traj die Alters- und Unfallversicherung der Bergarbeiter. Touri e l - Frankreich wies darauf hin, daß das ftanzösische Parlament 1894 ein Unfallversicherungsgesetz angenommen habe, dessen ungenügende Bestimmungen jedoch die Agitation der Bergarbeiter nicht zum Schweigen bringen tonnten. Ter große Fehler des Gesetzes war der, daß innerhalb 30 Jahren von 1894 ab erst ein Fonds gegründet, in der Zwischenzeit aber keine Pensionen gezahlt werden sollten. Infolgedessen waren die französischen Bergarbeiter, die sich bereits im pensionsberechligten Alter befanden, der Gnade der Unternchmerkassen ansgeliesert. Tie Beiträge werden teils durch den Unternehmer, teils durch die Bergarbeiter ausgebracht. Tie Pension soll jährlich 400 Frcs. betragen, eine Summe, Die für einen Arbeiter mit seiner Familie keineswegs ausreichend erscheine. Ter Generalstreik von 1902 habe Die Regierung veranlaßt, für den Fonds eine Million Frcs. beizustenem. Tie Forderungen der französischen Förderatton gehen nun dahin, daß den Bergarbeitern nach 25 jähriger Dienstzeit ohne Rücksicht auf das Alter eine tägttche Rente von 2 Frcs. gezahlt wird. Ter Ausschluß jeder Altersrente läßt allerdings die Möglichkeit zu, daß ein Arbeiter, der mit 13 Jahren Die Bergarbeit aufgenommen hat, bereits mit 38 Jahren pensionsberechtigt ist. Daher wollen sich die französischen Arbeiter nötigenfalls zu dem Kompromiß verstehen, daß für Den Empfang Der Rente ein Alter von 50 Jahren nötig ist. Die bereits gesammelten 14 Millionen erscheinen wohl ausreichend den etwa 17 000 in Frage kommenden Bergarbeitern zweckmäßige Pensionen zu gewähren. Redner fordert die Vertreter der verschiedenen Nationen auf, die Forderungen nach staatlicher Unfall- und Invalidenversicherung den betr. Regierungen zu unterbreiten. Lombar t-Belgien schildert die Verhältnisse in Belgien, wo die Rente sehr niedrig sei und stellt schließlich folgende Resolution auf: Den alten Bergarbeitern sollen Renten ausgesetzt werden. Diejenigen, die arbeitsunfähig sind, oder an einer durch Arbeit hervorgerufenen Krankheit leiden, sollen während der Zeit der Arbeitsunfähigkeit hinreichende Unterstützungen beziehen. Im Falle, daß ein Bergmann stirbt, sollen die Witwe und die Kinder eine Entschädigung erhalten, hinreichend, um anständig, davon leben zu können. Auf Anfragen ans der Versammlung wird mitgeteilt, daß in Frankreich die Arbeitgeber 2 Prozent der Lohne ihrer Angestellten, die Arbeitnehmer ebenfalls 2 Prozent zu den Pensionskassen beisteuern sollen. Ten Rest hat Der Staat aufzubringen. — Ever - Oesterreich schildert die Verhältnisse in Oesterreich, wie die Bergarbeiter eine Pension von 90 bis 250 Kronen beziehen. Tie Rente der Witwe eines verstorbenen Arbeiters beträgt ein Drittel davon. Eine staatliche Unfallversicherung besteht für Bergleute in Oesterreich nicht, während sie für sämtliche andere Jndttstrien bereits vorhanden ist.
U. Generalversammlunq der Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereinr.
i.
Hamburg, 30. Mai bis 2. Juni 1909.
Der Allgemeine deutsche Lehrerinnenverein, der mit seinen ca. 23 000 Mitgliedern, 120 Zwcigvercinen und 4 Sektionen, die größte weibliche Berufsorganisatton in Deutschland darstellt, tagt diesmal unter ungewöhnlich zahlreicher Beteiligung.
Am Montag dem 31. Mai, 11 Vs Uhr vormittags, fand die erste öffentliche Versammlung statt.
Nach einem Begrüßungstelegramm an die Kaiserin als Förderin der MädchenbilDung trat die Versammlung in die Behandlung des Verbandsthemas ein: Nach welchen Gesichtspunkten ist der wissenschaftliche Unterricht in Den Lehrerinnenseminaren zu gestalten?
lieber das Thema sprach Fräulein Helene Wcihmann, Direktorin des Kgl. Lehrerinnenseminars in Augustenburg (Schleswig-Holstein).
Tie Rednerin hält es für ungerechtfertigt, die Ausbildung der Volksschullehrerinnen anders zu gestalten als die der anderen Lehrerinnen und fordert ein Einheitsseminar mit erster und zweiter Prüfung, mit der Unterrichtsbefähigung für bic Volks- und Mittelschulen wie für Die Unter und Mittelstufe der höheren Mädchenschule, auf deren Oberstufe die akademisch gebildete Lehrerin mit dem akademisch gebildeten Lehrer sich in den wissenschaftlichen Unterricht teilt.
Zum Zwecke einer größeren Selbsttättgkeit und Eigenarbeit unserer Schülerinnen ist eine Verminderung der täglichen Unterrichtsstunden auf 4—5 erwünscht. Für den Lehrplan ist Betonung der Gegenwartskultur nötig. Eine Vernachlässigung des geschichtlich Wertvollen vergangener Zeiten soll damit nicht verbunden sein. Hinsichtlich des fremdsprachlichen Unterrichts sollte erwogen werden, ob neben einer modernen Fremdsprache nicht Latein als obligatorisches bezw. fakultatives Unterrichtsfach im Seminar eingeführt werden könnte. Latein wie Mathcmattk würden in formalbildender Richtung fördernd wirken können.
Neben dem wissenschaftlichen Unterricht sollen die Seminare reichlich Gelegenheit zu Wanderungen, sportlicher Betätigung, Jugcndspielen und dergleichen geben.
Tie Referentin ging zum Schluß noch besonders auf den Lehrplan für Pädagogik ein. Sie erkennt an, daß dem Psychologie unterricht neue Wege eröffnet werden durch Betonung der Kinderpsychologie und der selbständigen Beobachtung in der unterrichtlichen Methode.
Tic Debatte belwndelte besonders die Frage des Ein- heitsseminars. Fast einstimmig wurde die For> derung nach diesemSeminar erhoben, nur über den Wert der vorausgehenden Bildungsgänge herrschte nicht unbedingte Einheit. Allgemein erhoben und in der Debatte von Fräulein Dr. Bäumer-Berlin gestützt wurde die Forderung einer erweiterten sozialen Bildung in den ©eminarien, die Bürgerkundc und Volkswirtschaftslehre in den Lehrplan aufzunehmen, sowie Kenntnis der Kinderschutzgesetze und der Waisenfürsorge zu »ermitteln habe.
Eine besonders lebhafte Debatte knüpfte sich an die von der Rednerin gestellte Forderung, nur eine obligatorische neue Fremdsprache und den Lateinunterricht als Ersatz der zweiten Fremdsprache einzuführen.
Tas im Vortrag ausgedrückte Bestreben, die Zahl der Unterrichtsstunden im Seminar einzuschränken, fand Widerspruch von feiten der Vertreterinnen der gleichzeitig tagenden Konferenz der Religionslehrerinnen, die eine Stärkung des christlichen Geistes aus der Beibehaltung des dreistündigen Religionsunterrichts erwarteten und aus diesem Grunde der Forderung von zwei Wochenstunden in Religion entgegentraten.
Bedenken erregte das Wegfällen technischer Stunden im Seminar. Nach einer längeren Diskussion über die Ausgestaltung der Uebungsschule wurden von Der Versammlung mit überwiegender Majorität Leitsätze angenommen, deren wesentlichste fordern:
Einheit und Geschlossenheit der Lehrstofte und Lehrfächer, Beschränkung der Unterrichtsstunden, Berücksichtigung der Gegenwartskultur, Benutzung von Quellen im Unterricht, das Einheitsseminar mit einer ersten Prüfung
und die definitive Anstellung auf Grund einer zweiten Prüfung, wissenschaftlich qualifizierter Lehrkräfte int Seminar
unb Einrichtung einer besonderen Uebungsschule mit einem tüchtigen Bolksschulpäbagogcn als Hauptlehrer.
II.
Zweite öffentliche Versammlung. Dienstag, 1. Juni 1909.
Vor Eintritt in die Tagesordnung nimmt die Vorsitzende des Vereins der Religionslehrerinnen Fräulein Gleiß- Hamburg das am vorhergehenden Tage gefallene Wort, wonach viele Lehrerinnen nicht mehr wüßten, was Christentum fei, zurück. In Der Resolutton legt der Verein sodann Weit darauf, zu erklären, daß er weit davon entfernt ist, die erziehliche Bedeutung der durch den Religionsunterricht vermittelten Ideale zu unterschätzen. Insofern in der öffentlichen Versammlung ein Gegensatz gegen die •
Sechster Deutscher Lrziehertag.
In Weimar trat am 1. Juni die Gesellschaft für deutsche Erziehung zu ihrer sechsten Tagung zusammen. Der Borsitzenoc des geschäftsführenden Ausschusses, Schriftsteller Arthur Schultz (Birtenwerber-, eröffnete die Versammlung und teilte mit, baß von bem Peter Rosegger, den man zu ber Tagung eingelaben habe, folgendes Schreiben eingegangen sei:
„Ihr Schreiben hat mich nicht wenig aufgeregt. Ich gehöre ja z-u Ihnen, aber wie sollte ich nach Weimar kommen, da ich kaum eine einzige Nacht von der Heimat fortkann ohne krank zu werden. Deshalb habe ich das Reisen seit Jahren aufgeben müssen. . . . Mich drangt es ja selbst, immer wieder zu sagen, wie unvergleichlich wichttg eine gründliche Reform unseres Schulwesens ist und daß wir aus den Humanitären Schulet! Huma ne Schulen nrachen müssen, wenn des Lebens grüner Baum nicht in der Staubwüste der grauen Theorie ganz und gar verkommen soll. Ich bin jetzt mit einer für uns Deutsch- österreicher wichtigen Schulangelegenheit beschäftigt. Ich bin nichts weniger als raditäl-national im politischen Sinne von heut, aber bei uns heißt es, dem Vaterland die deutsche Kultur mit ihren heiligen Gemüts- und Geistesschätzen zu hüten; und dafür gibt es als bestes Mittel die deutschen Schulen an unseren Sprachgrenzen. Gute Schulen sollen die Völker ja nicht entzweien, vielmehr sie einigen. Deshalb gehören sie besonders and) an die Grenzen. Unsere deutschen Grenzschulen sollen keine Trutzburgen sein, sollen nicht einen Schritt über unser Bereich herausgreifen. Will das Nachbarvolk bei uns lernen, so sei es willkommen, sowie auch wir viel von anderen Nationen lernen können."
Der Brief beschäftigt sich bann mit dem bekannten Plan Roseggers, 2 Millionen Kronen für Grenzschulen aus- Kubringen und schließt: „Solche Grenzschulen als Privat - fchulen dürften sich besonders zu Pionieren unserer Schul reform eignen. Also helfen wir uns gegenseitig, so gut wir können. Vier persönlichen Gegnerschaft ruhig imponierend, wollen wir unser Herz und unsere Kraft ganz der Sache hingeben, die wir als richtig anerkennen."
Die Versammlung nahm das Schreiben mit lebhaftem Beifall entgegen. „ .
Darauf sprach Vorsitzender Arthur Schultz über die Fortschritte der Bewegung. Die großen Lehrer- ' vereine sollten den Behörden zu erkennen geben, daß der Wunsch, die Schule zu reformieren, ganz allgemein sei.
$9!erauf sprach Geh. Hoftat Professor Dr. Ostwald (Leipzi-g) über Idealismus und Humgnis m u s.
Redner untersucht zunächst die Begriffe Humanismus und Idealismus. Das Lergangenheitsideat könne un3 immer nur in die Vergangenheit zurückführen, um zu | zeiLw, wie wenig wünschenswert sie für unsere heutige
Zeit sei. Unser heutiges Ideal ist die Kultur, und die Kinder mit diesem Ideal vertraut zu machen, sei unsere Aufgabe. Dazu sei aber das humanistische Gym^ nasium unfähig. Es habe den Grundfehler, den Kindern die Arbeit unangenehm zu machen.
Der Generalsekretär der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung, I. Tews (Berlin), sprach über das Thema: Ein Volk, eine Schule, ein Lehr st and!
Er erklärte sich in der Verurteilung der humanistischen Bildung mit seinem Vorredner einverstanden. Der wichtigste Fortschritt des modernen Staates sei die Gleichberechtig-, feit Aller. Für die höheren Schulen existiere die große Masse der Volksschüler nicht. Der 14jährige Volksschüler, auch wenn er intelligent ist, muß im Gymnasium bei der Sexta anfangen, wie jeder neunjährige Volksschüler, und die Schüler der Volksschule werden von den höheren Schulen mit Mißachtung beiseite geschoben. Die Oberrealschule ist genau so exklusiv wie das alte Gym-, nasium. Redner beantragte zum Schluß seine bekannten Forderungen auf gleiche Bildung für alle Schüler. Er forderte einen einheitlichen Lehr st an d. *
In der zweiten Sitzung sprach Berthold Otto (Groß- Lichterfelde) über die Wege und Ziele der Schulreform. Redner trat für den Unterricht im.Freien ein und eine neue Methode des Lese- und Sprechnnterrichtes, der sogenannten Altersmundart. Der Versuch damit hat in Berlin überraschend günsttge Ergebnisse gehabt. Der Lehrer erhalte heute in das Seelenleben des Kindes keinen Einblick, auch nicht beim Aufsatz, da die Kruder die Aufsätze so machen, wie die Lehrer sie haben wollen. Die Gegner der Reformen seien nicht in den oberen Instanzen zu suchen, sondern in der Bureaukratie und bei den mittleren Schulbehörden, viclsach auch bei den Lehrern und Eltern. Tie Bewegung für bic deutsche Erziehung müsse deshalb noch mehr wie bisher in die .Kreise der Eltern hineingetragen werden. Nur durch das Zusammen-? wirken von Eltern und Lehrern könne eine Schulreform zustande kommen.
In der anschließeirden Diskussion betonte Lehrer Bogel vom Leipziger Lehrerverein, baß, die Erfolge der Schulreformer größer seien, als man hier anerkannt habe. Er wolle nur an München, an Werner Siemens-Gymnasium in Schöneberg und an Leipzig erinnern. In Sachsen sei. zwar die Forderung einer allgemeinen Volks- s ch ule im Landtage abgelehnt worden, aber die Lehrer werden immer wieder darauf zurückkommen. Wir fordern Arbeitsschulen, in denen bem Kinbe nur bas geboten wirb, was es vollstänbig erfaßt unb zum Selbst- handelu bringen kann. — Direktor Lehmann vom (5r» ziehungsheim Schorndorf am Amntersee verlangte, daß bic Lehrer wie die Kinder werden müßten. Die Leyrer müssen sich positiv zum .Kinde
Nachdem noch weitere Redner gesprochen hatten, wurde folgende Resolution angenommen:
„Der sechste allgemeine Tag für deutsche Erziehung' erklärt, daß die dringend notwendige Neugründung der Schulen nur unter tätiger Mitwirkung der gesamten Giterm schäft, Lehrerschaft unb Behörden durchgeführt werden kann unb daß es bie Pflicht eines jeden Deutschen ist,, hierzu mit allen Kräften beantragen."
Mit den üblichen Schluß- unb Dankesworten erfolgte sodann der Schluß ber Tagung.
*
— Paul Lindau empfing an seinem gestrigen siebzigsten Geburtstag reiche Ehren. Er beging ihn in unverwüstlicher Heiterkeit unb Frische. Schon nachts um 12 Uhr hatte man ihm int Freundeskreise eine intime Feier bereitet. Schon in früher Vtorgerr- ftunbe begann in seiner Wohnung ein festliches Leben: bald füllten sich alle Räume mit Mu men. Einen musikalischen Morgengruß brachte Professor öummel, der mit seiner Tochter sein „Hosiannah" vortrug. Tann kam eine wahre Flut von schriftlichen und mündlichen Glückwünschen, Kränzen und Geschenken aller Art. A ch 1- hundert Depeschen waren bis mittags eingegangen. "Unter Den ungeheuren Muntert- und Kranzspenden waren besonders zu erwähnen: bie Kränze von sämtlichen deutschen Intendanzen, von! den Solomitgliedern des Berliner königlichen Schauspielhauses, pon Prinz und Prinzessin Reuß, von Geheimerat Schweninger unb ein prangendes Rosengewinde von Harry Walden. Um zwei Uhr fartd dann in der Wohnung eine größere Feier statt, bei der Lindau ein A l b u m überreicht wurde, dessen Um chlag uri'vrün(stütz zu einer Renaissauzebibel mit kunstvollen, alten Beschlägen gehörte. Das Album enthält auf achthundert Blättern zahlreiche Wünsche hi Vers und Prosa, darunter auch 'solche von Fürstlichkeiten, an den Jubilar.
— Geographentag. Die Beratungen des 17. Teut* schen Geographentages umfaßten gestern die besonders wichtige Frage des geographischen Unterrichts auf den höherenSchulen. Eine besondere Denkschrift über die gesamten, zu einer zeitgemäßen Neugestaltung des geographischen Unterrichts erforderlichen Reformvorschläge lag der umfassenden und sehr ausgedehnten Diskussion zugrunde, dre jedoch eine große Unstimmigkeit der Meinungen zeigte. Schließlich gelang es, die wichtigsten Resolutionen für den geographischen Schulunterricht nahezu einstimmig zur Annahme zu bringen. Tie Verhandlungen zogen sich bis zum Abend hin. Ein Festessen vereinigte im Lübecker Rats- feiler die auf die große Ziffer von fast 400 gestiegene Zahl ber Teilnehmer des Deutschen Geographentages in frohe« Stimmung.
— Ernst von Possart wird, wie wir schon mit*, geteilt haben, am 11. d. M. in der neuen Aula einen Vor* tragsabenb veranstalten. Im ersten Teile bringt der von, seiner Manfred-Darstellung noch in bester Erinnerung stehende Künstler Vorträge ernster Art, jedenfalls von. Wildenbruch, im zweiten Tichtuimcn von Wilhelm Busch. Ter Vorverkauf findet in der M.usilaftenhanbümL von .Ernst Ehallier statt.


