Ausgabe 
30.3.1909 Erstes Blatt
 
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159. Jahrgang

Dienstag 30. März 1909

ietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheßen

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Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; f. Feuille­ton undVermischtes" K. Neurath; fürStadt u. Land" undGerichts-

Rotationsdruck und Verlag der Vruhl'schen Univ.°Vuch- und 5teindrnckerer R. 5ange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchuistraße 7. §°geigenteüC:6:^ar93betf

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Anzeiger Gießen.

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Tie^cutige Nummer ^rmfatzt 14 Seiten.

Line Marlnedebatte im englischen Anterhause.

Wie der deutsche Reichstag, so hatte auch d.as englische Unterhaus gestern feinen großen Tag; wie dort, so wurde auch hier viel über das Verhältnis Deutschlands zu England debattiert. Aber während dieser Teil der Debatte im deut­schen Reichstage ruhig und sachlich behandelt wurde, zeigte das englische Parlament eine gewisse Nervosität. Zunächst begründete der Konservative Idee, der sich schon neulich sehr scharf über die Regierung ausgesprochen hatte, wegen der englischen Flotte, die durch die letzt im Bau begriffene deutsche Flotte bald überflügelt werde, ein Tadels Votum. Der Premierminister selbst k>abe das Land in Warm versetzt, und nun herrsche im Lande große Be­sorgnis, und der Premierminister habe nichts getan, um Beruhigung Ku schaffen. Deutschland, so führte er zum Schluß aus, sei völlig in seinem Recht gewesen und es sei sehr sonderbar englischerserts, Deutschland des Verrates zu beschuldigen, wenn es offenbar keinerlei Geheimnis ans seinen Absichten gemacht habe. England habe keine spezielle Beschwerde gegen Deutschland, d.ie Beschwerde richtet sich gegen die englische Regierung, die England in diese Ver­legenheit gebracht habe.

In seiner Antwort führte der Staatssekretär Grey aus: Das Haus und das Land) haben vollkommen Recht, die Situation als enrst anzusehen. Eine neue Lage ist für England geschaffen worden durch das deutsche Flotten­programm. Ob es nun schnell oder langsam ausge­führt wird, die Tatsache seiner Existenz kennzeichnet die neue Lage. Wenn das Programm ausgeführt fern wird, wird Deutschland eine Flotte von 33 Dreadnoughts haben, und diese Flotte wird, die m ä ch t i g st e sein, die die Welt jemals gesehen hat. Sie nötigt uns, unsere ganze Flotte von neuem ausznbauen, ausgenommen, soweit wir bereits Dreadnoughts haben. Das ist die Lage so, wie sie ist. Was wir aber nicht wissen, ist die Zeit, in der wir es zu tun haben werden. Das ist der Punkt, wo Ungewißheit herrscht. Ich gebe zu, daß über den Ausgang kein Streit herricht, nämlich, daß wir, um der Stärke der deutschen Flotte, wenn sie fertig sein wird, zu begegnen, eine neue Flotte zu bauen Haven werden, mächtiger, als wir sie bisher gehabt haben. Für jede Reibung, welche sich aus diesen Debatten ergeben würde, sei die Negierung verantwortlich Eine stetige, automatische Beantwortung eines Programms mit einem entsprechenden Programm habe diesem gefähr­lichen Aufschub vorgebeugt und die Welt gemahnt an die britische Unbeugsamkeit in Frage der Vorherrschaft zur See. Wir wissen, was wir früher oder später zu tun haben werden. Wir kennen aoer nicht den wirklichen Zeitpunkt. Das erste, wofür wir Vorsorge zu treffen haben werden, ist unsere Befähigung, zu bauen.

Nachdem sich Grey über diesen Punkt und über die von der Admiralität zu treffenden Maßregeln des längeren aus­gelassen hatte, fuhr er fort: Da in diesen Verhandlungen ,o viel über Deutschland gesagt worden ist und da es sich so sehr um die deutschen Schisfsbauten handelt, mochte ich einen kurzen Ueberblick über die diplomatischen Beziehungen zuDeutschland noch geben. Die Kon­ferenz von Algeciras war beschlossen und nahm ihren Ver­lauf in der ersten Zeit unserer Amtstätigkeit. Während dieser Zeit bestand zwischen uns und. Deutschland wegen diplomatischer Verwickelungen, die alle Welt lennt, eine Periode diplomatischer Spannung. Mit Schluß der Kon­ferenz aber hatten wir nur über Fragen zu verhandeln, die uns direkt betrafen und. die diplomatischen Beziehungen waren fortlaufend glatte. Die Tatsache allein, daß die Beziehungen fortlausend glatte waren, bedeutet, daß sie sich im Laufe der Zeit besserten. Dann kam der Besuch des deutschen Kaisers in London, ein Besuch in jeder Beziehung befriedigend und gut ausgenommen. (Beifall.) Soweit

es sich um diplomatische Beziehungen handelt, hat sich, seitdem die gegenwärtige Regierung im Amte ist, ein ruhiger Fortschritt in der Besserung gezeigt. Bis hin zu dem Besuche des Königs in Berlin, solange die Möglichkeit vorhanden war, daß die marokkanische Schranke, die in Algeciras bestand, rvieder zwischen uns aufgerichtet würde, hatten wir ein gewisses Gefühl der Entmutigung, daß die augenblickliche Besserung wieder zurückgedrängt werden könnte, durch die iit akuter Form wieder austretende marokkanische Frage. Diese verschwand mit dem fran­zösisch-deutschen Abkommen. Und was nun unsere künftigen diplomatischen Beziehungen zu Deutsch­land anbelangt, so sehe ich einen weiten Raum, in welchem wir beide in Frieder: und. Freundschaft wandeln können. Zwei entlegene Dinge könnten einen Konflikt Hervorrufen. Eins ist der Versuch, Deutschland zu isolieren. (Beifall.) Kein Staat von der Stärke und Stellung Deutschlands würde eine Po­litik der Isolierung, die von benachbarten Mächten verfolgt würde, dulden. Ich möchte be­merken, daß unter den letzten Vorkommnissen nichts grund­loser, nichts schlimmer war in seiner Wirkung, als die Behauptung, daß irgendwelche Meinungsverschiedenheiten, die wir in Beziehung zu dem nahen Osten mit Oester­reich hatten, diktiert worden seien von der Tatsache, daß Deutschland Oesterreichs Freund ist.

Die Debatte schloß bann damit, daß das konservative Tadelsvotum mit 353 gegen 136 Stimmen abgelehut wurde.

polttefctye Cagesscharr.

Dir Budgeikommisfiou des Reichstages

erledigte gestern die (State des Relchsschagamles und der Reichs­schuld mit kleinen Abstrichen. Entsprechend dem Jstergebnis des Jahres 1907 werden in den Einnahmen am Anteil des Reiches am Reingewinn der Reichebank 16 Millionen abgesetzt. Damit ist die Elalsberatung erledigt; das Etatsgejetz rvurde genehmigt. Dienstag: BeteranenbethiUe.

Die Reichstagskommissiou für das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb

beendete am Montag die zwe i t e Lesung des Gesetzes, wird aber nach Ostern noch einmal zusammentreten zu einer juristischen Re­daktion deS Gesetzes; inzwischen sollen nämlich die Juristen der Kommission über den Begriff des Schadenersatzes in Gemäßheit der Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches versuchen, nähere Bestimmungen zu treffeii. Bei dem sür den Detail handel wichtigen § 10 wurden dte Beschlüsse erster Lesung bestätigt. Da­nach kann durch Beschluß des Bundesrats sestgesetzt werden, daß bestimmte Waren im Einzelverkehr nur in vorgeschriebenen Ein­heiten der Zahl, des Maßes oder des Gewichtes, oder mit einer aus der Ware oder ihrer Aufmachung anzubringenden Angabe über Zahl, Maß, Gewicht oder Ort der Erzeugung oder der Herkunst der Ware gewerbsmäßig verkamt oder feil- gehalten werden dürfen. Die Regierungsvorlage sah auch die Äitgabe der Beschaffeiiheit und der Zett der Erzeugung vor. Das hatte die Kommission in erster Lesung ge­strichen, und lehnte auch in zweiter Lesung den Antrag der Konservativeii ani Wiederherstellung dieser Worte ab. Den Schmier­gelderparagraphen 10 a, den die Kommission eingefügt hatte, hatte die Regierung für unannehinbar erklärt. Daher wurde jetzt m zweiter Letung, unj das Gesetz an dieser Bestimmung nicht scheuern zu lassen, die Voraussetzung des unlauteren Verhaltens des An- gestellten oder Beauftragten eingeiügt. Tie Besiimmtmg lautet jetzt: Mit Gesängms bis zu einem Jahre und mit Geldstrafe bis zu 5000 Alk. oder mit einer dieser Strafen wird, soweit nicht nach anderen Bestimmungen eine schwerere Strafe verwirkt wird, be­straft, wer im geschäftlichen Verkehr zu Zwecken des Wettbeiverbes den Angestellten oder Beauftragten eines geschäftlichen Betriebes Geschenke oder andere Vorteile anbietet, verspricht oder gewährt, um durch unlauteres Verhalten des Angestellten oder Beauftragten bei dem Bezüge von Waren oder gewerblichen Leistungen eine Bevorzugung für sich oder einen Dritten zu erlangen. Eine ent­sprechende Bestiimnung gilt für den Angestellteii, ober Beauftragten. Um einem Tenunzianonsunwesen vorzubeugcn, wurde aus Antrag Dr. Junck (natl.) diese Sache zum Alntragsdelikt gemacht.

RLeines

Das Todesurteil über Jesus. Wie verschiedene Blätter zu berichten wissen, ist kürzlich bas Todesurteil über Jesus gefunden worben. In der Kapelle von Caserta befinbet sich eine Platte, bie in alt hebräischer Sprache ben Urtext des von dein Landpfleger Pontius Pilatus über Jesus Christus gefällten Todes­urteils enthält, '.iad) einer Uebersetzuug durch eine Kommission der Vereinigung für Künste in Paris hat das Urteil folgenden Wortlaut:

Urteil,

gesprochen von Pontius Pilatus, Landpfleger von Niedergaliläa, dahinlautend, daß

Jesus von Nazareth

den Kreuzestod erleiden soll. Im siebzehnten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius und am 25. Tage des Monats März in bet heiligen Stadt Jerusalem, als Ananias und Kaiphas Priester und Oberpriester Gottes waren, Pontius Pilatus, Landpfleger von Niedergaliläa, auf bau Präsidialstuhle Paätous sitzend, verurteilt Jesum von Nazareth, an einem Kreuze zwischen zwei Schächern zu sterben, da große und notorische Zeugnisse des Volkes aussagen:

1. Jesus ist ein Verführer,

2. Jesus ist ein Aufwiegler,

3. Jesus i|t ein Feind des Gesetzes,

4. Jesus nennt sich fälschlich Gottes Sohn,

5. Jejus nennt sich fälschlich ilünifl von Israel,

6. Jesus ist in ben Tempel getreten, von einer Palmen in ben Hauben tragenden Menge gefolgt,

befiehlt dem ersten Centtiriouen OuiriliuS Cornelius, chn zum Richtplatz 311 führen, verbietet allen armen und reichen Personen den Tod Jesu zu hindern. Die Zeugen, welche den Urteils!pruch gegen Jesum gezeichnet haben, sind:

1. Daniel Robani, Pharisäer,

2. Johannes Zarabatel,

3. viaphael Robani,

4. Caper, Schriftgelehrter.

Jesus wird cmS der Stad! geführt iverden durch das Tor Särena.

Sur_ Seite des Textes steht die Bemerkung: Eine gleiche Platte ist jedem Stamme übersendet worden. Es ijat bisher noch nicht ermittelt werden körnten, wo diese Platten geblieben sind.

Wilhelm von Humboldts Briefe an eine Freundin sind in der letzten Zeit häufig Gegenstand lebhafter literarischer Erörterungen gewesen, weil es sich herausgestettt hat, daß C H a i [ o 11 c Tiedc die Empfängerin vor der Veröffentlich­ung tiefgreifende. Acnderungen vorgenommen hatte. Der Brief­wechsel dehnt sich über 13 Jahre vis zu Humboiois Tod aus und hm viel dazu oeigetragen, daß Charlotte Liede in ihrem viel- beweglen, sturmvollen Leben nicht gescheftert ist. Die Worte des reifen, geistig abgeklärten Mannes waren ihr eine rechte Stütze und ein dauernder, wertvoller Antrieb, nach den Höhen eines edlen, freien Menschcnrumes zu streben. In unierei' Zeit erst hat sich, wie erivähnt, herausgestellt, daß Charlotte der Aufgabe, die Briefe Herauszugeben, nicht würdig gewesen ist. An unendlich vielen Stellen hat sie kleinere und größere eigemnächrige Äende- rungeit vorgeuommeu, längere Abschnitte, ja ganze Briefe fort- gelassen und dadurch Humboldts wahre Meinungen in ivesentlichen Punkten, so z. B. soweit sie jein Verhältnis zu Goethe betreffen, verhüllt und geradezu verfällcht, indem sie sie ihrem befdjränften Standpunkte anpaßte. Nun veranstaltet, sechzig Jahre nach dem ersten Erscheinen des berühmten Buches, der Insel-Verlag eine inhaltlich ganz neue, die erste autl-enrische Ausgabe, die Alberi Leitzmann nach den zum großen Teil noch vorhandenen Originalen bearbeftet Hal.

Hilfsaktion.Im Deutschen Reich, im Deutschen Reich ist Hiljsattion, ist Hilfsaktion, ist Hilfsaktion" so könnte man heute nach einem betämuen Gassenhauer fingen; denn so oft wie im Grünewald Holzauktionen waren, so gibt es jetzt in deutschen Landen Hilfsaktionen. Fliegt eine Dynamitfabrik aus, so wird eineHilfsaktion" inszeniert; verkracht eine Bant, so trird vou anderen Banken über die Einleitung einer Hilfs­aktion verhandelt; werden durch ein Gvuvenungluck Bergarbeiter verschüttet, so wird eine Hftfsaktion in Szene gesetzt; wird eine Stadt durch Erdbeben zerjlört, wird eine Landschaft durch Ueber- schlvemmung verwüstet, oder geschieht sonst irgendein großes Un­glück, es ist zehn gegen eins zu wetten, daß eine Hilfsaktion organisiert wird. Wie heißt es doch auch? Grvßart-g fei der Mensch, hilfreich und gut! Und darum ipreche er beileibe nicht nur von Hilfe, Unter|&ung, Mithilfe, Beiyilfe, Hilfeleistung; er leiste auch nicht etroa nur Beistand oder Hilfe, nein er organisiere

Regirrnngsrat Martin vor dem Disziplinarhof.

Bor bem kaiserlichen Disziplinarhof in Leipzig würbe gestern gegen Regierungsrat 'Jtiibolf Martin-Berlin ver- hanbelt. Die kaiserliche Disziplinarkarnmer in Potsbam hatte Martin zur Dienstentlassung verurteilt, bagegen hatte der Angeschulbigte, ber persönlich erschienen war, Berufung eingelegt. Der Disziplinarhof erlannte jetzt bas Urteil für zu Recht bestehenb. Die Entscheibung ber TiSziplinarkammer würbe unter Verwerfung der Berufung bestätigt und bie Kosten bes Verfahrens bem Angeschulbigten auferlcgt. Der Disziplinarhof hält in allen vier Punkten der Anklage ben Angeschulbigten des Dienstvergehens überfuhrt und nimmt au, baß dieser eine Reihe von Artikeln perRhein.- Westf. Ztg", die gegen den Grasen v. Posadowsky gerichtet waren, inspiriert habe, und baß er in einer Zuschrift cm die Germania" sich in taktloser unb unangemessener Weife über seinen ehemaligen direkten Vorgesetzten äußerte. Sre erblickt in der Veröffentlichung der Beschwerde an den Reichskanzler ein schweres Dienstvergehen, sieht auch in seiner Weigerung, bie von einem Vorgesetzten verlangte Aeußerungen abzugeben, ein erhebliches Vergehen. Hinzu kommt noch, daß bei bieser Aeuperung roieberum eine ab­fällige, ungehörige Bemerkung über ben Grafen Posabowsky gemacht worben ist. Der Disziplinarhof hält bie Gründe, aus denen die Disziplinarkammer weiteren Beweis au trägen nicht stattgegeben hat, für berechtigt. Auch bie Strafzu­messung erschien nur gerechtfertigt, ba bie erheblichen Dienst­vergehen, oas amtliche Vorleben _u.nb das außeramtliche Verhalten des Angetlagten, als Schriftsteller, berart ge­wesen seien, baß milbernbe Umstände nicht in Betracht kommen. Auf die neuen Veröffentlichungen bes Angeschul­bigten brauchte bei ber Strafzumessung nicht cingegangen werben.

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Tie serbische Frage.

Die Formel, auf die sicy die Adu-a-W geeinigt haben, lautet, wie aus Berlin gemeldet wird, der Haip>tsache dahin, daß 1. Serbien keinerlei Rechte mit Bezug auf Bosnien und die Herzegowina hat und dcshaiv durch tue Annexion seitens Oesterreichs unberührt bleibt. 2. erklärt Serbien sich bereit, mit Oesterreich ün besten Einvernehmen zu bleiben. 2. Serbien wird sofort seine Reservisten entlassen. Von untcrriclfteter Seite verlautet ferner, daß die Gesandten ber Mächte, jeder einzeln, die gemeinsam vereinbar^ Note dem Minister llüiloumrn'wlisch in Belgrad überreichen iverden und erklären, daß sich alle Machte dem Schritt Englands an schließen. England wirb erklären, baß dieser Schrftt umvider- ruflich ber letzte sei, um Serbien einen Ratjchiag zu gehen) und es vor der Austragung des Streites durch Oesterreich-Ungarn mit ben Waffen zu bewahren. Tire serbische Regierung wird nun der Skuptschina die Kollektftmote der Mächte zur Beantwortung: überlassen. Die Mächte dürften sich nunmehr auch bald mit bey Konserenzsrage beschäftigen, um die Registrierung ihrer neuer­lichen Balkan-Abmachungen in irgend einer Form zu vollziehen. Als Konferenz Punkte werden in Wien angenommen: die Registrie­rung der Wtcrlennung der Annexion, die Freigebung der monte­negrinischen Häfen, Aufhebung der Kapitulationen in der Türkei, Aufhebung der frentben Postämter in der Türkei, Aufnahme Serbiens in die Donau-Kommiijion, Anerkennung der bulgarischem: Unabhängigkeit. Ucbcr die Abänderung des Artikels 29 des Berliner Vertrages ist zwischen den Väächten schon eine volle Einigung erziele n-orden. Ter erste Absatz des Artikels, der die Avtrettmg von Spizza an Oesterreich bezweckt, luirb aufrecht er­halten bleiben. Ter zweite Msatz, der Einschränkungen der monte- negriniidjen Ho Heils rechte über die Häsen von Antivavi und Dul- signo betrifft, soll geftrichen werdeir. Die österreichische 96ote, die den Mächten den Wunsch Oesterreickis nach Streichung des Artikels 25 des Berliner Vertrages, also nach Anerkennung der Annexion ausipricht, wird heute oder morgen an die Kabinette abgehen.

Deutsches Reich.

Der Generaldirektor des NorddeutschenLloYds, Dr. Wiegand, ist gestern nachmittag in Homburg v. d. Höhe im Sanatorium Dr. Pariser nach langem Leiden gestorben. Dr. jur. Heinrich Wiegand, der am 7. August 1855 zu Bremen geboren wurde, also ein Alter von 53 Jahren erreicht hat, leitet

oder inszeniere oder leite wenigireus em eme Hilfsaktion. Tann weiß man doch auch gleich, daß etwas OrdeMliches zu­stande kommen wird, denn eine Aktion iit halt immer eineAktion" klingt das nicht fast wie Staalsaltion'? Tas einfache beutfdje WortHilfswerk", das man ganz vereinzelt auch einmal zu lesen bekommt, vermag natürlich bei iwitem nicht das auszudrücken, was für den modernen, wohltätigen Menschen in dem schönen aufgeputzten Worte Hilfsaktion steckt.

Schwänke aus Bosnien. In seinem neuen Buche: Schummler, Bummler, Rossctummler" (Verlag Schuster u. Loeff- ler in Berlin) erzählt Roda Roda:Treffwahrscheinlichkeit. Einst sah ich in Cetinje einer Schießübung der monlenegrinischen Armee zu. Mit mir Meiodije Plamenatz, der Kviegsminister. Höre, Wojwode wieviel Prozent Treffer pflegt ihr zu erzielen? Auf zwei, auf sechshundert Schritte?"Bruder, daß ich dir die Wahrheft sage: .... wieviel Soldaten hat die Mstria?" Auf Kriegs stand 900 000 Mann im eilten Aufgebot."Bruder, daß ich dir die Wahrheit sage: der Zar hat unsrer Prinzessini ein Hochzeitsgeschcnk gemacht 25 Millionen Patronen. Und wir erzielen 1 Prozent Treffer. Wie viele Soldaten werden da der Austria bleiben, wenn es zum ztrieg kommt?" Ter Esel. Ein Bauer in Bosnien erzählte mir:Ja, Bruder, es ist anders, viel besser bei uns geworden, seit ihr Oesterreicher im Lande seid. Früher, zu Türkenzeiten, da war der Moslim Herr, und der Christ war Sklave. Ich setzte mich au) meinen Esel und ritt auf den Markt. Em Turke tarn die Straße entgegen. Ich lenkte in den Graben und Uetz ihm bie ganze Straße frei. Meinst bu, es ge­nügte ihm?"Vuud!" schrie er,Christ, baß sich die Hunde um deme Knochen rauften! Herunter vom Esel und nieder mit bu in ben etaub so und nicht anders grüßt man den türkischen foernn _ Was meinst du ich mußte herunler vom Esel. Jetzt? |3e^t J« $5 Sans anders. Jetzt hab ich überhaupt keinen Esel mehr."

Kleine Chronik aus Kunst unb Wissenschaft. Die sondeiausichusse zur Errichtung eines BismartSnalional- o^enlinals traten in Berlin zuianunen und beschlossen, das Denkmal aut der Elifenhöhe bet Bingen zu errichten. Ein« Uenberung dieses Beschlusses ist auSgeschlosseu. Tas Preisausschreiben soll nächstens erlassen werden. Die Kosten betragen schätzungs­weise 1800 000 Mart. 9 9