Nr. 301 Zweites Blatt
138. Jahrgang
Donnerstag 23. Dezember 1909
•tWni kS-ttch mit «u«m»hmr de« Sonnlag«.
Die „#lcße»tr Samtltenbiatter*' werden dem „NnzergerE wöchentlich beiqelegt. da«
Jüeisblatl für ötr. MreU Lietzen" jweimal wöchenlltch. Die „Landwirtschaftlichen Seit» fragen“ «Schemen monatlich twetmaL
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejjen
Stotattonlbrud an* Verlag bet Vr«bliche» Unloerliräl« • Buch- unb SicinbrucfectL 9L Lange, Sieben.
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mir
La fiel durch einige Schnellzüge, betr. die Vorstellung der Steuer- Sommisfariatsgehilfen wegen ihrer Gehaltsverhältnisse usw.
Tie Zweite frommer hatte einen Antrag Reh angenommen, bie Impf gebühren zur Staatskasse einzuziehen und die Regierung um eine Aenderung der einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen zu ersuchen. Tiefem Beschluß trat aus Antrag deS AuSiclrußreserenten Justizrat Kleinschmidt die Erste Kam- mer nickt bei, iondern beschlag, den Antrag Reh biL zur all» gemeinen Revision der Besoldungsordnung zucückzustellen.
Zur Anfrage des Frhm. v. öc'hf, betr. Bersä-iebung der □t Ausführung der D a mm b au vo rla g e vor zunehmenden Ar- dciden, konstatiert der Fwagestellcr, daß die Anfrage eigentlich gegenstandslos geworden sei, da seit dem Einreichen der An frage am 28. Juni scl-on Barbereitungen von den Bel>örden getroffen tnorben sind und eine Barb-rumrng, wie keiner sie damals in Aussicht italym, nicht mehr möglich ist. Er würde fid) aber doch freuen, tr*mn Großh. Regierung Auskunft geben irtoflte.
Minister des Innern, Dr. Braun, bestätigt, daß, wenn and) äußerlich die (Erörterung der Anfrage mehr eine retrospektive Nsdeutung gewinnt, doch der Zweck der Anfrage erreicht worden ist dadurch, daß die Großh. Regierung schon am 13. Juli, also 14 Tage nach Stellung der Anfrage, dieselbe beantwortet oat. Tie Anfrage des Z-reih-rrn v. Heyl zu Herrnsheim, die Ärbei^- losen-Bersicherung betreffend, wird von diesem begrimber. Ttc Grvßh. Regierung Hube seinerzeit aus den Städtetag vertröstet: dieser habe nicht svattgesunden. deshalb habe er es für angezeigt gehalten, durch eine Anfrage die Möglichst zu finden, bie_ An- ’dwuuim der Großh. Regierung über diese sehr wichtige _ (Trage
hesfische Erste Kammer.
R.B. Darmstadt, 22. Dez.
Am Regierungstische: Staatsminister Dr. Ewald, Finanz rninifter Dr. Gnauth, Minister des Innern Braun, Geh Staatsrat Krug v. Ridda, Gebeimerat Dr. Becker, Mi nisterialräte Lor Hacher und Lüisert.
In der um s/ill Uhr vom Präsidenten, Grasen v. Görtz, gen. v. Schlitz, eröffneten Sitzung teilt derselbe zunächst mit, daß di« Herren Geh. Kommerzienräte Strecker -Mainz und Val keuberg-MormS durch den Großherzog zu lebenslänglichen Mitgliedern der Ersten Kammer berufen worden seien. Tie beiden neuen Mitglieder werden darauf sofort in der üblichen Weise ter etbigt. Weiter teilt der Präsident mit, daß er anläßlich des yibtebcn® dcs Herrn Oberbürgermeisters Morne weg am Grabe des Verewigten eine Kranzspende der Ersten framimer habe nieder- legen lassen. Tas Haus würde dem pflichttreuen, eifrigen früheren Mitgsiede stets ein treues Andenken bewahren. (Das Haus hat sich zu Ehren des Berstvrbenen von den Plätzen erhoben.) Der Präsident teilt weiter mit, daß das Präsidium zum 70. Geburtstag des Präsidenten der Zweiten Kammer, Geheimeral H aas, herzliche Glückn-ünsche ausgesprochen habe, wofür dieser fenrcn wärmsten Tank ausdrücken lasse.
TaS Hails tritt darauf in die Tagesordnung ein und wählt zunächst an Stelle des Herrn Dr. Gastell-Marnz Herrn Bank- bnettur Po. rcus zunr Mitglied des ersten Finanz-Ausschusses.
An Stelle eines ausgeschiedenen Mitgliedos wurde Graf zu So kms-Laubach zum Mitglied des Gesetzgebung s-A u -3f chusfes gewählt und beschlossen, diesen Ausschuß für die demnächstige Beratung um zwei weitere Mitglieder, Fürst zu Isenburg- Vir stein und Geh. Rat Pros. Dr. Kittler, zu verstärken. Ohne Debatte gelangen darauf nach den Beschlüssen der Zweiten Kammer Mr Genehmigung die Regierungsvorlagen, betr. Nack> Weisungen über Staatseinnahmen und -Ausgaben im Etatjahr 1904, betr. Nachweisungen für 1905, ferner betr. Summarisch? Hebersich! der Einnahmen und Ausgaben des Landeslreditkasse für 1903/4, betr. Summarische Hebers acht der Einnahmen und Ausgaben der StaatSschuldenverwaltung für 1904/5, betr. die Veräußerung von fiskalischen Grundstücke, und Veräußerung drS rm Staatseigentum steheiiden Grundbefitzes in der Gemarkung Torn-Assenbeim unb d.s fistali-schen Hof gutes in Rockenberg, ferner betr. Vorstellung der Geiangennärter der Haftlotale, um Besserung dar Gehalts- uno Pensionsverhältnisse, betr. den Antrag Ulrich und Genossen über die religiösen Gemeinschaften, betr. Vorstellung bc-3 Verbandes der Kreisgeometer 1. und 2 Klasse, betr. den Antrag Reh über Impf gebühr en, betr. die Regierungsvorlagen über die Oberrealschulen zu Heppenlfeim und Alsfeld, betr. Geländeerwerb für die Institute der Landesuniversilai Gießen, betr. den Antrag Ulrich über den Ausbau der Gewerbrinfpektion, betr. die Regie- nmgS-Vorlage über die Aenderung des Einkommensteuergesetzes hm« 12. August 1.899, betr. den Aittrag Köhler-Bähr über die Bantumsatzsteuer, betr. den Antrag LUrid) über die Arbeiter und HliSMigestellten in den Staatsbetrieben, betr., die Regierungsvorlage über bie ZkuhegetzaLt-verhälttiisfe und die Versorgung der Hinterbliebenen der im hessisch preußischen Gemernschaftsdienst angestellten Staatseisenbahnbeamlen, betr. den Antrag Zuckmayer nm Errichtmrg einer Personen- und Güterhaltestelle für die Gemeinde Kostheim, betr. den Antrag Wolf über Erbauung einer 'Jcebenbabn von Undenheim—Arns he im, betr. den Antrag Pennrich über Station Bingen und betr. die Anträge Tr. Schritt, Dr. Zuckmayer unb Genossen über das Ueberfähren der Station Mainz-
icbauung der Großh Regierung über diese sehr, wichtige kennen M lernen. Tie Frage, der Arbertslofigkert ist md)t eine vorübergehende. Falsch ist es, fte mit bem ntobernat Kapr- mlismuS oder mit der Großindustrie in Verbindung >u bringen Schon im Mittelälter stellte fit eine große fraürmitat dar und bie Arbeitslosigkeit war damals viel tiefer greifend wie heute. Prof. Sombart'kommt zu dem Schlüffe, daß es nur dem Kapitalismus zu verdanken fei, daß trotz der Vermehrung der, Bevölkerung des Deutschen Reiches von.25 auf60 Millwnen M nur ihre Wohlhabenheit gestiegen fei, sondern^ auch
D'jm Volke icmaelfaltru würiüm. -vu Auswuchs des Kvpitmcsmus waren natürlich auck» vorhanden, auch trat der Zug lehr fwrk Krrtor, die Landwirtschaft auszumtyat- Auch d-'e ^egrerung des Reichskanzlers Caprivi hat ähnliche Gesichtspunkte zutage gefördert. «Sehr richtig.) Uni> wenn ick der Hania, die jetzt gegründet worden ist, nicht zu nahe teeren will- " zweifellos die Bereckstigung, die Jntereycn ’
msamnumzufassen - so möcküe ich doch betonen, ba-ß das Zusarnmen- treiien der Gründung der Hansa mit der Gründung eines neuen darüellt. Die arößte Gefahr der Arbeits.vfigkeit fehe ich in der AiSLltL der^Zolltarife, des Auslandes. Man toll ferne langjährige Verträge abjchiiesten, durch dre imr uns lande gegenüber im gewissen Grade unbeweglich mochem^er grotzte Leil der Arbeitslosen gehe «rus den ^uonar^tern he^r -,ie^ seren mit 60 Prozent an der Arbettstos^eitb^eil^t, du «iv fn-rie mit 14 bis 40 Prozent, «s-tellewoechiel mit Uä^cttl hie Mittel anlangc, die Arbeitslosigken zu, befettigen, hofft
Lm Sfe des»
Ter Redner geht dann noch aui die Ui^^ymrg schäften eilt und kommt darauf M dein A^cht
toSÄcrM Arl^ttslosi^it ^chütz^ H mäßta vor dreien Folgen schütze^ ~ ~ ^r Unter-
Minisler des Innern '-L,r. Braun. r^Lge
slützung der Arbettslosiakett mutz tvoch offm gehal ^bettslosig^tt man als geeignetes Mittel zur Be^mpsun(|l«
ein Reichsgesetz am'ieht. Bei bet A ,>hr auf
des Gesetzes gejcheheii soll, kommt es entfch-ü)«id c, sj^cer Gang und Einrichtung der ernzewen Betriebe au. Der Redner
verliest hierauf die Antwort .der Großh. Regierung auf die Anfrage Heyl. TaS Ergebnis der Umfrage bei den Städten habe ergeben, daß die kleinen Städte die Einführung einer Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ttiebt ancrfrnneit, die größeren Städte «wer sie als i(Dt2ixnü)ig bezeichnen. Uebercinihmmenb fei die Ansicht vor handeii, daß weder die einzelnen Gemeinden, noch der Staat Träger der Laßen sein könnten, sondern daß das Reich dafür eintreten müsse. Tic reicksgesetzlich obligatorische ArbeilKlosenversicherrmg ei daS wirk-ämste Mittel, die wirtschaftlichen imb sozialen Folgen der Arbeitslosigkeit zu mildertr. Für diese Ansiclü spreche auch die Befchäftigung einifeimischer Arbeiter in außerhcssisck-en Fabrik betrieben iuu> umgelehrt. Für die nächste Zeil Knrne jedoch du Sache noch nicht -in Atrgrrff genommen lv'rden, da tivch kein geirügetches Material dafür Dorliege. ES werde also zunächst ?luf- gabc her Städte sein, die Folgen der Arbeitslosigkeit tatsächlich -u bekämpfen. Wes«mtliche Dienste würden bei allen tommunalcri Maßnalmvm die ösfenttick>en Ardeitsimckiweise liefern, die am besten die Skiwankimgcn der Arbeitsnot Bennat. Auf di« Städte ein- zuwirken, betr. einer kommunalen Ar bei tshosenvers icher ung, sei nicht angängig, weil dies einen sicheren SÄuß auf ihre allgemeine Verwertbaileit nickst ^ulässe. Es sei zu erwägen, ob der Ausbau der öfstntlrck-en Arbettsnmlüveise und der obligatorischen Arluils losciw. i sccherung mit den Ausgaben verquickt werden könne, du den A i . tslammem zukommen. E? selsle vor allein an einem euttoanb «eien und brauchbaren 2 . m für eine Arbeitslvsenzäh- lüng, deren Ergebnis eine sichere nrdlage für em gesetzgebo- risches Vorgehen bilden töimen.
Fahr, v Heyl dankt für die Beantwortung der Anfvayrn und knüpft daran das Ersuchen an die Regierung, bem Hause Kenntnis von den inzwischen statt gehabten Entscheidungen der bar^risckun und dadisc^n Regierung & geben, in detieu Dc^ug genommeii wird ans die Antwort der Regiernny vom 19 Oktober an die Ausschüsse.
Damit ist die Tagesordnung erledigt und der Präsident teilt mit, daß die nächste Sitzung erst zur Evatsberatlmg eatbemfen werden würde. Schluß der Sitzung >/,! Uhr
politische Lagcsjcl>att.
Die Ersatzwahl in Eisenach.
Es fällt tmf, so lesen wir in einem freisinnigen Blatte, daß die Wahlbewegunfl in Eisenach noch gar nicht in Fluß kommen will, obwohl die Ers<rtzw<rhl für den Herrn Schack bereits Ende Jemwar stattfindet. Der Grund hierfür dürste darin liegen, daß die Liberalen über die Kandidatur noch nicht einig sind. Die Freisinnigen sind an sich nicht abgeneigt, einen nationalliberalen Kandidaten zu akzeptieren, am liebsten einen jungliberalen (denn nur ein solcher dürfte von nationalliberalen Bewerbern Erfolg bieten); aber die Rationalliberalen haben sich bisher zu keinem Entgegenkommen für andere chüringische oder aurl) nur sachsen-4veimar-eisenachsche Wahlkreise bereit finden lassen.
Im übrigen gehen die Konservativen ernstlich mit der Absicht um, ihrerseits einen Kandidaten in der Person des Landlagsabg. Rittergutsbesitzers Friedrich Georg v. E i ch e l -S t r e i b e r anfzustellen, unb es ist, wie hierzu bie Eisenacher Tagespost be'-auptet, sehr wahrscheinlich, daß dann bie Zentrumsstimmen Herrn v. Eichel zufallen werden. Es fehlt nicht an Bemühungen, eine solche Konstellation zustande zu bringen. Die Nationalliberalen haben jetzt einen im weimarischen Kreise ansässigen Landwirt ins Auge gefaßt, für den sie die Zustimmung der Freisinnigen zu erlangen streben.
Zvr Entn-icklung der UnlemehmerarbeitSnachweise.
Den Arbeitgebernachweisen, die durch die Bewegung im Ruhrbergbau neuerdings die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben, wird im Dezemberheft des „Reichsarbeitsblattes" eine sorgfältige Studie gewidmet. Die Arbeitgeber Nachweise sind, wie die Arbeitgeberverbände selbst, erst eine neuere Erscheinung. Bahnbrechend war für chre Entwicklung bie Errichtung bes Arbeitsnachweises bes Berbanbes der Eisenindustrie in Hamburg im Jahrs 1889. Rach seinem Vorbilde wurden zunächst aud) von anberen Mitgliebern des Gescrmtverbanbes beutsck)er MetalliTtbuslrieller^Arbeits- nachweise errichtet, und aus ben. Areisen bes Gefamtver- banbes heraus erfolgte auch bie Einberufung einer Arbeits- nachweiskonferenz in Leipzig im Jahre 1898. Etwa aleich- ;;eitig begann auch ber Zentralverbanb beutscher Jnbu- strieller bie Errichtung von Arbeitgebernachweisen zu befürworten. Vom Jahre 1900 ab fanden bann alljährlich Arbeitsnachweiskonferenzen statt, bie zunächst vom Gesamt- verbanbe Deutsä)er Metallinbustrietter unb bem Acbcilgebcr- verbände Hamburg-Altona, später von dem im Jahre 1904 unter wesentlicher Beteiligung der genannten beiden Verbände gegründeten Vereine deutscher Arbeitgeberverbände ausgingen.
Die Bewegung für Errichtung von Arbeitgebernach- weisen war in der Hauptsache im Sckoße der Metallindustrie erwachsen. Nächst ihr ivar es wohl zuerst das VerVehrs- genterbe, insbesondere der Seestädte, in das der Gedanke Eingang fand. In ben übrigen Jnbustriegruppen stößt man auf Arbeitgebernachweise erst vereinzelt (aus der ganzen Textilinbustrie sinb z. V. heute fünf bekannt); nur im Baugewerbe haben sie in letzter Zeit sich bemerkenswert ausgebreitet. Seit ein paar Jahren hat man auch angefangen, Arbeitsnachweise durch gemischte Verbände — also für Land- lvirtschaft unb Jnbusrrie — zu errichten. Doch bat sich dies System meist nur für kleinere Orte empfohlen.
Insgesamt finb bem Kaiserlichen Statistischen Amte bekannt geworben bie Dermittelungsziffern bes Jahres 1904 von 32 9Lachn>eisen mit 246 887 Vermittelungen unb bes Jahres 1908 von 44 Nachweisen mit 426 693 Vermittelungen. Tie Gesamtzahl ber Arbeitgebernachweise ist jedoch sehr viel größer. Die meisten gehören wohl bem Kreise des Vereins deutscher Arbeitgeberverbände an. Das Mitglieber- verzeichnis von 1908 zäylt bereits 73, von denen einer doppelt angeführt rutb 12 (Hamburger) Jnnungsnachrvei.se sind. Ohne diese sind es also 60. Das Verzeicknrs von 1909 .Stand vom 15. Oktober) zähl^, hanptsäckstich infolge des Hinzutretens zahlreicl)er 9rachweise im Baugewerbe, 167, darunter 22 JnnunasNachweise, so daß 145 reine Arbeitgebernachweise verbleidem Da sich unter diesen 61 baugewerbliche Nachweise befinden, im Verzeichnisse von 1908 aber nur ein solcher enthalten war, so hat, abgesehen vom Baugewerbe, bei ben Nachweisen bes Pereins eine Vermehrung um 25 stattgefunben. Die ber hauptstelle beutscher Arbeiigeberverbänbe angehörenben Verbände besitzen erst wenige Nachweise, Januar 1908 waren es sechs, Oktober * 1909 neun.
Zu den an bie beiben Zentralen angeschlossenen eigentlichen Arbcitgebernachnrcisen fommen nun weiter noch eine Anzahl solcher von nicht angefchlossenen 'Serbelnben, über bie aber fDHtteilungen fehlen. Jedenfalls umschließen die 44 Nachweise, aus die sich die oben mitgeteilte Vermittelungs- zifser für 1908 bezieht, bie wichtigsten unb größten Arbeit- gebcrnachweise. Adon darf also ihre VermittclungSziffer (426 693) immerhin in Vergleich stellen ßn der Vcrmiltelungs- zisfer ber beutschen öffentlichen Arbeitsnachweise, die vom Verbanbe beutscher Arbeitsnachweise — ebenfalls nicht troll» stänbig — für bas Jal-r 1907/08 bei 158 von insgesamt 389 Nachweisen mit 932 956 angegeben wirb.
Freilich finb beim Vergleich bieser Ziffern noch mehrere störende Umstände und „Nebengeräusche" zu beachten. Immerhin ergibt sich aus ihnen doch so viel: bie Arbeitgeber- nachweise sinb im Durchschnitt etwas bedeutender als bie öffentlichen Nachweise. Trotzdem haben diese nach der Gesamtzahl der Vermittelungen ben größeren Anteil am Gc- samtarbeitsmarkk. Ob auf immer, möchte allerdings zweijell-aft sein.
diKfcrfabrff und Arbeitslosenfrage.
Man schreibt uns aus Friedberg:
Die Aktien- Zuckerfabrik Wetterau in Friedberg wird am 23. Dezember ihre letzten Rüben in dieser franuxigxa verarbeitet haben. Schon vor mehreren Tagen hörte die Zuführ von Rüben auf, die Landwirte hatten ihre letzten 91 üben aw- geliefert. Die Verarbeitung der Ruben bot viel Schwierigkeiten- Bei dem vielen Negcnwetter wurden Ruben angdiefert mit 30 bis 60 Proz. Sä>mutz. Der höchste Prozentsatz kam doch nur vereinzelt vor, aber er tarn vor.
Die Arbeiterschar, der das Eittladen der Rüben oblag, konnte, als die letzten Waggons entladen waren, bereits entlassen werden. Alle übrigen jetzt zur Entlassung kommenden werden wohl schon am Weihnachtsabend mit gefüllten Taschen bei ihren Angehörigen ein treffen, soweit sie aus der Bebraer Gegend ober vom Eichsfeldc herkqmen. Die in der Umgebung von Friedberg Heimischen haben es bequemer und sind auch durch den uuunterbrocheiien Betrieb der Fabrik ihren Angehörigen nicht fremd geworden.
Für die Beamten der Zuckerfabrik unb die Mehrzahl der Ar^ beiter bedeutet der ca. 3'/? monatliche Betrieb der Fabrik eine Zeit großer Arbeiten unb Entbehrungen. Können die Arbeiter abgelöst und so deren Kräfte gefdpnt iverdeu, fo ist das bei den Beamten weniger leicht möglich — der 14 ftünb-ge Arbeitstag muß notwendigerweise bei ihnen häufig überschritten werden
Sinb die zur Entlassung kommenden Arbeiter nun arbeitslos, fallen sie in ihrer Heimat einer in Aussicht stehenden Arbeits- losen-Versicherung einmal zur Last? ES muß unS, die wir über dergleichen Dinge nachdenken, zur Gewohnheit werden, solche Einzelfälle zu prüfen, um so allmählich zur Klarheit zu kommen über das durchaus zu lösende Problem.
Die Arbeiter einer Zuckerfabrik zur Zeit ber Kampagne finb Saisonarbeiter — ber großen Mehrzahl nach —, sie arbeiteten bis zum Herbst als gelernte Maurer, Zimmerleute, Ziegelbrenner, landwirtschaftliche Arbeiter. Läßt diese Arbeitsgelegenhett nach, so schlüpfen sie für den Vorwinter auch in den Zuckerfabriken unter — die Kampagne dauert bis zum Winterschlaf dieser Arbeiter, der uni Weihnachten beginnt, falls für den Januar und 9-ebritar Vorräte in genügender Menge eingehamstert sind. Denn auch der solide Arbeiter, der, so lange es Arbeit gab, gehörig und ununterbrochen geschafft hat, otrLangt nach einer sog. Sommerftische, die er aber aui die bösesten Wintermonate verlegt. Während er als Saisonarbeiter „draußen" war, Hot daheim seine Famllie nickt müßig gefeffen. Der Garten, das bischen Acker sind sorgfällig bearbeitet, Kartoffeln und Gemüse sind so reichlich geerntet, daß sie für den Winter genügen, ein Schweinchen geht der Schlachtreife im Herbst entgegen, es wird geschlachtet, wenn der Vater heimkommt. Tann kann auch der Winterschlaf mit geringen Unterbrechungen beginnen. Tie Nächte sind lang, sparsam muß man immerhin leben, also nicht zu viel Petroleum verbrennen am Abend und gar feine in der Frühe! Um 9 Uhr ins Bett, und so morgens gegen 9 Uhr wieder heraus. Wer lauge schläft, den Gott ernährt! Wer will's dem soliden, tüchtigen Arbeiter verdenken, wenn er auf seine Kosten auch einmal gründlich ausruht nach zehnmonatlicher angestrengter Arbeit, wenn er sich auch einmal eine Ausspannung gönnt, bie heute so vielen anberen Menschen zugedacht wird. Nicht zuletzt der HanSsrau, die während 330 Tagen immer kocht und gern einmal an 30 oder 35 Tagen im Jahre andere für fick kochen läßt
Hier steht in Frage: wird unser Arbeiter der Zu ierfabrik nach seiner Entlassung — mag er aus ber Friedberger Gegend, unb, wie eS tatsächlich der Fall ist, auch aus der Gegend von Bebra oder vom Eichsfelde stammen — arbeitslos? Nein! In der Regel wenigstens nicht! Er will außer seiner häuslichen Arbeit, die im Holzspalten, Ausbessern von Hausgeräten, Reparaturen am Haus besteht, nichts löificn, er will einmal sein eigener Herr fein, höchstens nimmt er Stundenarbeit mit, Waldarbeiten, die ihn nur wenige Stunden beschäftigen, die seine Winterruhe nicht wesentlich beeinträchtigen. Er hält sich fteiwillig arbeitslos, er will einmal fein eigener Herr bleiben.
Wird er diese Verhältnisse ebenso barlegen, wenn in der Zukunft bie Arbeitslosen-Versicherung für das sog. platte Land in Kraft tritt? Der ehrliche und ehrenhafte Arbeiter wird dos tim, der weniger bedenkliche nicht. Er wird sagen, warum soll ich gegen andere zurückstehen — weil ich für den Winter, für die arbeitslose Zeit gespart habe, um auch einmal ausruhen zu können? O nein, auch ick bin arbeitslos und begehre dieselbe Beihilfe wie mein Arbeitskollege, der leicküfertig aus der Hand in den Mund gelebt hat, und mit seiner Familie hungern muß, sobald die Arbeitsgelegenheit fehlt.
Aian denkt doch vor allem daran, die Arbeitslosen im Winter zu schützen, zur Zeit, wo so viele Unternehmungen ruhen, die Arbeitsgelegenheit fehlt, der Winter mit feinet Kälte droht imb bte Menschen doppelt nahrungsbedürftig macht.
Wo hat die Ärbeitslosen-Versick>erung einzusehen, wo hört sie auf? Tas find nicht Fragen, die von heute auf morgen erledigt werden können. Das sind Fragen, die alle fühlenden Menschen angehen. Jeder ist einstweilen zur Mitarbeit berufen. Denn der Hunger, ben die Arbettslosigkeit im Gefolge hat, führt zur Verzweiftung, und diese zur verzweifelten Tat.
Landwirtschaft.
— lieber die internationale Ackerbauausstellung in Buenos-Aires (3. Jimi bis 31. Juli 1910) schreibt uns das europäische General-Kornmisjariat in Berlin, Argentinische Gesandtschaft, daß die Regierungen Großbritanniens und ber Vereinigten Staaten Nordamerikas für landwirtschaftliche Mm- idräten und Produkte je 5000 Cuabcatmeter, die Regierung Italiens 4000 Quadratmeter und die Frankreichs 3500 Quadratmeter für ihre offiziellen Ausstellungen belegt haben, außer Räumen für Vieh- und öffenrlick)e Verwaltung^- unb Wohlfahrtsemrichtungen. Ferner find bedeutende Anmelöungen erfolgt Don privaten Ausstellern in Deutschland, Spanien, Schweden, Norwegen und in anderen Ländern. Man erwartet täglich die Mitteilung einer oiiizÜLlen Beteiligung Deutschlands sowohl a!5 bee oer Schrreiz,


