rstes Blatt
L59. Jahrgang
Freitag 4. Juni 1909
Die heutige Nummer umfahr 10 Seiten.
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Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; f Feuilleton und , Vermischtes * K. Neurath; für ^Sladt u. Land" und „Gerichts-
ffeurschule
igen a. Rh.
sicht-Prospekt hi
Nr. 128
Der Stehener AnzeAer erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SießenerKamilienkstätter; zweimal wöchentl.ttreir- blatt für öen Kreis Sieben (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Lanö- wirischaftlich« Seftfragen Fernsprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag «..Expedition 51 Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.
Haare £r. und tomrate Dose Mk. 1K !$[ rogerie. Otto Sch«1
Lvangelisch-Zozialer Kongreß.
S. u. H. Heilbronn, 3. Juni 1909.
Am Schluß seiner gestrigen Nachmittagssitzung sprach im Anschluß an die Debatte über „Luxus und Sparsamkeit" Liz. Schneemelcher- Berlin über die „G c i st i g e n Störungen in der deutschen Gewerkschaftsbewegung". Der Redner führt aus: Die Gewerkschaftsbewegung habe die Hoffnungen, die allgemein auf sie gesetzt wurden insofern getäuscht, als sie eine Vermehrung der Sozialdemokratie nicht habe verhindern können. Immerhin sei die wirtschaftliche selbständige Vertretung der Interessen der Arbeiter eine unbedingte Notwendigkeit. Die gelben Gewerkschaften und die vaterländischen Arbeitervereine seien auch vom christlichen Standpunkte aus zu verwerfen. Sie wollen den Arbeiter durch Hunger mürbe machen. Freie Gewerkschaften sind von der Sozialdemokratie nach dem Worte eines Gewerkschaftlers „Partei und Gewerkschaften sind eins" auch in Wirklichkeit nicht zu trennen. Aus diesem Grunde kann man es den christlichen Arbeitern nidjt verdenken, daß sie besondere Organisationen für sich geschaffen haben. Anderseits kann man es Leuten, die in diese Orgairi- sationen nicht gehen wollen, auch nicht verwehren, andere berufliche Organisationen zu gründen, und Gegengründungen gegen diese von christlicher Seite wieder wären nur Quertteibereien. In der Debatte ergriff nochmals Staatssekretär a. T. Gras Posadowsky das Wort. Er nahm Bezug auf die angebliche Aeußerung eines westfälischen Großindustriellen, daß die christlichen Gewerkschaften noch viel schlimmer seien als die Sozialdemokraten und erklärte, dies sei die Meinung jener Leute, die die Berechtigung einer Arbeiterbewegung überhaupt bestreiten. In der Sozialdemokratie und den mit ihr zusammenhängenden Gewerkschaften ist der Kamps gegen die Monarchie ein großer Fehler. Tie Praxis beweist, daß am meisten für die Arbeiter in von Monarchen beherrschten Ländern geschieht. Länder mit anderer Staatsform verfallen leicht der Gefahr, daß eine Partei an die Spitze kommt. Auch die kollektivistische Idee des Sozialismus ist undurchführbar, denn die Menschen sind keine Engel. .Um den Bestrebungen der Sozialdemokratie Abbruch zu tun, müssen wir die christliche Gewerkschaftsbewegung mit allen Mitteln unterstützen.
Das Korreferat erstattete Pfarrer Liz. Traub- Dortmund. Er kam zunächst auf den Zusammenhang der christlichen Gewerkschaften mit der Partei der Christlich-Sozialen zu sprechen und erklärte: Es muß einmal mit ruhigem Ernste gesagt werden, welche Verwirrung die Christlich-Sozialen und die kirchlich-soziale Bewegung in der Oeffentlichkeit dadurch angerichtet haben, daß sie sehr oft so arbeiteten, als ob auf evangelischem Gebiete rechtmäßige Arbeit eigentlich nur von hier aus gemacht werde. Wir wehren uns gegen die Vorstellung, als ob evangelische Pfarrer und evangelische Christen ihren sozialen Ernst nur tm Rahmen der kirchlich- und christlich-sozialen Arbeft betätigen könnten. Tas Wort christlich hat in Arbeiterkreisen einen Klang erhalten, der
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js Lager lernet übel ärgerliche semrichtungen
RedaMon, Expedition und Druckerei: Zchulstratze 7. An^igenteü^H^Beck.
Deutsches Rerch.
Der Kaiser traf gestern gegen 9*4 Uhr in Posen ein und nnrrde im Schlosse vom Hausmarschall Frhrn. v. Lyncker, Geh. Baurat Prof. Schmechten und dem leitenden Baumeister Duhm empfangen. Der Monarch besichtigte unter Führung dieser Herren das Schloß, über dessen gesamten Bau er sich sehr anerkenneud aussprach. Um 11,50 Uhr erfolgte vor dem Schlosse der Vorbeimarsch der Truppen der ganzen Garnison, worauf der Kaiser sich im Automobil zum Frühsttük in das Offizierkasino des Regimentes Königsjäger zu Pferde Ni. 1 begab. Um 2 Uhr nachmittags trat der Kaiser die Rückreise nach Wildpark an und ttaf um !/28 Uhr abends dort ein.
Reise des Kaiser Paares nach England. Der Londoner Korrespondent der Birmingham Post meldet, baß der Kaiser und die Kaiserin .mit der Prinzessin Viktoria Luise Mttte Ok- ttber im Schloß Windsor ein treffen werben, wo sie sich einige Zeit auflialten. Sie feiern sodann den Geburtstag des Königs in Sandringham. Vor einigen .Tagen war gemeldet worden, dotß sd»er Kaiser einen längeren Kuraufeatthalt tn New Quay in England nehmen werde.
Der Reichskanzler Fürst Bülow wird, wie die Voss. Ztg. im Gegensatz zu anders Ioutenben Meldungen in der Tagespreise versichern kann, auch in diesem Sommer fernen Urlaub in Norderney verbringen.
Ausland.
Der französische Botschafter Constans verließ am 2. Juni Konstantinopel. Zahlreiche Mitglieder der türkischen Beamtenschaft, der Armee, per französischen Kolonie und des diplomatischen Korps, darunter der deutsche Botschafter Freiherr von Marschall mit den übrigen Mitgliedern dec Botschaft gaben ihm das Geleit. Die Meldung, daß Constans unb Sinawjew vom früheren Sultan Bestechungsgelder empfangen hätten, bestätigt sich nicht.
Serbien und Bulgarien sollen gegenwärtig über den Abschluß einer Zollunion miteinander verhandeln.
Die Zurückziehung der Truppen der vierSchutz- m ächte von Kreta soll nach der Ficks. Ztg. am '1. Juli erfolgen. Zwischen den Schutzmächten werde jetzt ein englischer Vor- schlag mit Aussicht auf Erfolg behandelt. Hiernach sollen die Truppen der Kontingente durch 'Stationsschiffe ersetzt werden. Die Auftechterhaltung des Status quo würde damit markiert.
ir billig. M
Kaufzwang, ^wmpt und in ALL Ossmann % Seltirsweg 81, »hon Nr. W.
politische Tagesschau.
Kaiser Wilhelm und Zar Nikolaus.
Die Begegnung zwischen dem deutschen Kaiser und bem Zaren, die demnächst int östlichen Becken der Ostsee statt- linden soll, ist aus die Initiative des Zaren zurückznsühren.
diesjährigen Reiseprogramm des deutschen Kaisers war liiefe Monarchenbegegnung nicht vorgesehen. Aus dem Um» -Hande, daß bei dieser MonarchenVegegnung auch die leiten» Len Staatsmänner beider Länder zugegen sein werden, schließt man aus ihre große politische Bedeutung. Dem ..Neuen Wiener Amtsblatt" wird aus Petersburg telegra- sphiert: Der bevorstehenden Zusammenkunft des Zaren mit Kaiser Wilhelm wird hier große politische Bedeutung beige- meffen int Sinne der Festigung der deutsch-russischen Freund- ßchast. Fürst Bülow wird Kaiser Wilhelm begleiten, während mtssischerseits Stolypin und Iswolsky im Gefolge des Zaren Kein werden. Der deutsche Kaiser wird drei Tage in den russischen Gewässern verbleiben. Tic russische Presse betont, Laß die ^Begegnung keineswegs die Isolierung Englands be- Leute. W rst aber höchst wahrscheinlich, daß die Zusammen-
Theodor Barth
Die näheren Freunde Barths haben es schon seit einiger Zett gewußt, daß sein Gesundheitszustand viel zu wünschen übrig ließ, trotzdem ist die Nachricht von seinem Hinscheiden wohl allen unerwartet gekommen. Dr. Barth war. wie das „Berl. Tagebl." mitteilt, vor einigen Wochen, von seiner Gattin begleitet, nach Baden-Baden gekommen und hatte dort in einem Sanatorium Heilung von einem Magenleiden gesucht, das zuerst nicht gefährlich schien. Er wurde dann sehr schwach, do.ch schien sich sein Zustand gerade in den letzten Tagen gebessert zu haben. Ein Gehirnschlag machte nun seinem Leben ein jähes Ende. Die Leiche wird nach Heidelberg übergeführt, wo seine verheiratete Tochter wohnt, und dort eingeäschert werden.
Theodor Barth hätte am 26. Juli seinen 60. Geburtstag gefeiert und seine Freunde bereiteten für diesen Tag größere Ehrungen für ihn vor. Es hat nicht sollen sein. An seiner Bahre trauern mit seinen Angehörigen nicht nur seine engem politischen Freunde, sondern auch seine Gegner, die es nie verkannt haben, daß er ein Mann von großem Wissen, von unermüdlicher Arbeitskraft, von unanfechtbarer Anständigkeit und bestem Idealismus war. Unser heutiger Parlamentarismus hat wenige Männer seiner Art aufzuweisen; leider.
Man hat Theodor Barth vielfach Inkonsequenz und politische Wandlungsfähigkeit vorgeworfen. Sehr mit Unrecht. Er kam allerdings von den Nationalliberalen, war mit Bamberger zusammen in der freisinnigen Partei und trennte sich dann zur Zeit der Caprivischen Militärvorlage von ihr, eben wegen dieser Vorlage. Znletzt gründete er die demokratische Vereinigung und hoffte die Kluft zwischen den bürgerlichen Parteien und der Sozialdemokratie überbrücken zu können. Das war nun allerdings ein Irrtum, aber er ck>arakterisiert diesen Politiker, dessen Ziel eine große, einflußreiche liberale Partei war. Wenn es gerade ihm, der immer nach dieser großen liberalen Partei Verlangen getragen hat, beschieden gewesen ist, am meisten zur Zersplitterung des Liberalismus beizutragen, so ist das das eigentlich tragische Moment in seiner Lebensarbeit. Ein engherziger Parteipolitiker war Barth nie.
„Diejenigen, die mit ihm länger als ein Jahrzehnt Schulter an Schulter gekämpft haben, wissen am besten," so ichreibt die „Freisinn. Ztg.", „seinen Kampsesmut, feine Arbeitskraft und seinen Arbeitseifer zu würdigen. Mer auf ihn trifft das Wort seines Freundes 9kaumann zu: er gehörte Ui den Individualisten, die vor lauter Individualismus keinen Parteisinn haben. Zum Parteiführer fehlte ihm bei der Vertretung seiner überdies oft wechselnden Ansichten die Ruhe und Stetigkeit, ohne die der Glaube an die Zuverlässigkeit der Führung bei den Anhängern und selbst bei den treuesten Freunden nicht erhalten werden kann. Im April 1607 hat Dr. Barth auf dem Parteitag der Freisinnigen Vereinigung nach berühmtem Muster sich eine politische Grabschrift gewählt. Sie sollte lauten: „Tiefer ist ein Säemann demokratischer Ideen gewesen." Dt. Barth selbst mar aber sein schlimmster Gegner, indem er in seinen Ideen, und zwar gerade in der Auffassung über grundlegende prinzipielle Fragen, sich recht häufig mit sich in Widerspruch setzte." Mit Recht hebt die „Köln. Ztg." hervor, daß Barth fast immer Oppositionsmann gewesen ist, „und doch steckte in ihm das Zeug zu einem Regierungsmann im guten Sinne. Als er in den eaprivischen Zeiten glaubte, daß ein frischerer Zug durch die Regierung ginge, da hat er ohne kleinliche tzrinzipienreiterei den Reichskanzler Grafen Caprivi aus allen Kräften unterstützt, und wenn damals die Militärreform unter Dach und Fach gebracht wurde, so hatte er daran sein gutes Teil Verdienst. Die vielfachen Beziehungen, die Barth zum Auslande und zu einflußreichen fremden Politikern unterhielt, seine zahlreichen Reisen ins Ausland, die immer mit ernsten Studien verbunden waren, hatten ;ur Folge gehabt, daß man bei ihm nicht auf die Kleinlick)- feit stieß, die manchen Politikern innewohnt, die nie über chren Kirchturm hinausgesehen haben. Barth hatte ein lebhaftes Interesse an der auswärtigen Politik und Ver- 'tändiiis dafür, daß man als Patriot im Innern die Regierung bekämpfen könne, sie aber dem Ausland gegenüber unterstützen müsse. Wenn er das Right or wrong, my cormtry auch niemals ostentativ herauskehrte, so hat er \ doch immer danach gehandelt und in manchen Fällen iift sein Einfluß auf ausländische Politiker nicht zu unterschätzen gewesen." Es ist zu beklagen, so meint die „Köln. Ztg.", daß es rin Deutschen Reiche so viele DJZämier gibt, die durch ! unsere ganze Entwicklung in eine unfruchtbare Oppvsitions- : ftemmg hineingedrängt werden oder nicht dasjenige Feld angewiesen erhalten, auf dem sie für ihr Land Großes leisten fönnten.
Aiwatzme von Anzeigen _
bis Dornüttags"’snu,“ Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Such- und Steindruckerei R. Lange.
ietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
tun ft auf die nächste Politik Einfluß haben wird. Das werde schon die nächste Zukunft lehren.
*
Nicht unter Ausschluß der Linken.
Fürst Bülow traut sich ein recht schwieriges Experiment zu, nämlieh eine Verständigung zwischen der Rumpft'om- mission und den liberalen Parteien herbeizuführen. Nach einer Korrespondenz trägt sich Reichskanzler Fürst Bülow mit der Absicht, in den nächsten Tagen neuerlich die Führer der Blockparteien zu Besprechungen einzuladen. Der Reichskanzler gedenkt die Herren einzeln zu empfangen und mit ihnen die durch die Beschlüsse der Finanzkommission geschaffene Lage zu besprechen. An diese Audienzen sollen sich, falls die Einignngsversuche des Reichskanzlers von Erfolg begleitet sind, gemeinsame Besprechungen der Blockführer unter Zuziehung der Staatssekretäre v. Bethmann- Hollweg, Sydow und Löbell anschließen. Wie verlautet, hat Fürst Bülow in Wiesbaden vom Kaiser den Auftrag erhalten, die Finanzreform nicht unter Ausschluß der Linken durchzuführen und in diesem Sinne tätig zu fein. Ueber den Erfolg feiner Bemühungen wird der Reichskanzler dem Kaiser noch vor dessen ')iordlandreist berichten. So, wie Die Dinge jetzt liegen, ist es schwer zu verstehen, auf welcher Grundlage eine Verständigung wohl noch möglich wäre.
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der Sache des Christentums nicht zuttäglich ist. Man hat selbst Not, sich unter all den christlichen Bewegungen herauszufinden. Die Geschichte wird entscheiden, ob diese Art des christlich-sozialen Betättgungsdranges der Ausbreitung christlicher Gewcrkschafts- ideen auf die Tauer mehr geschadet als genützt hat. — In den Gewerkschaften ist ein neues Zeugnis für das Geschick der katholisckien Kirche zu militärischer Organisation zu erblicken. Tas tteibcnde Motin zur sozialen Organisation katholischer Arbeiter war ein ausgesprochen kirchliches. Allmählich wurde die Erkenntnis stark, daß die konfessionelle Basis zu schmal für einen Wettbewerb mit den freien Gewerkschaften ist. So wurde der Versuch gemacht, durch soziale Organisattonen größeren Stils, als es Arbeiter- und Gesellenvereine waren, die Befähigung der katholischen Welt auch zur Beherrschung der wichtigsten Frage des Jahrhunderts, der sozialen Organisation nachzuweisen und damit sich politisch unentbehrlich zu machen. Zugleich sollten die Beteuerungen der konfessionellen Friedensliebe, die wiederholt zum Kaiserthron emporgetragen wurden, in der anschwellenden Zahl der interkonfessionellen Gewerffchasten ihren Rückhalt finden. Die katholische Kirche als letztes Bollwerk gegen die anstürmende Sozialdemokratie zugleich als „Verfechterin der positiven Glaubenswahrheiten" ein Bundesgenosse der gläubigen, wenn auch noch irrenden Brüder auf evangelischer Seite: wahrhaftig diese Idee war stark genug, um mit ihr eine Probe gerade in einer Massenbewegung zu wagen. So kam es zu den christlichen Gewerkschaften. Daß die überwiegende Mehrzahl christlicher Gewerkschaftler norf) heute katholisch ist, wird allgemein anerkannt. Tie Anstellung • einer Anzahl evangelischer Sekretäre beweist nichts für das Zahlenverhältnis, sondern nur für den klugen Sinn der katholischen Führer. Ebenso unangetastet bleibt aber der interkonfessionelle Grundsatz, auf dem diese Gewerkschaften stehen. Bedenklicher als das Zahlenverhältnis erscheint aber die Tatsache, daß dies Zusammenarbeiten zwischen katholischen und evangelischen innerhalb der christlichen Gewerkschaft doch stets von der Zustimmung der kirchlichen katholischen Autoritäten abhängig bleibt. Daher auch der brennende Wunsch des Gewerkschaftsführers Gisberts, vom Papste ein unzweideutiges Eintreten für diese Form christlicher Gewerkschaftsidee zu erlangen. Darum sein Gang nach Rom, darum der Streit um die Worte des Papstes, die trotz des ehrlichen deutschen Zeugnisses einfach umredigiert worden sind, sodaß man jetzt gerade so klug ist wie zuvor. Ein beschämender Vorgang in der katholischen Welt. Wir glauben nun nicht, daß der Einttitt in die christliche Gewerkschaft den Glauben des evangelischen Teils gefährden könne. Es genügt hier der Hinweis, daß in den Gewerkschaften garnicht über Glaubensangelegenheiten verhandelt werden soll. Tie Sozialtheoretiker haben sich aber die Frage vorzulegen, was der Name christlich eigentlich besagen soll. Er richtet sich gegen die freien Gewerkschaften, weil sie sozialdemokratisch und gegen die Hirsch-Tuncker'schen Gewerkvereine, weil sie liberal empfinden. Obgleich damit politische Parteigruppierungen genannt sind, soll doch durch den Namen zugleich die Weltanschaurmg dieser anderen Gewerkvereine als unchristlich bezeichnet werden. Das ist an sich schon ein bedenkliches Scriabren.. Noch bedenklicher wird es aber dadurch daß im selben Augenblicke, in welchem dieses Stichwort zur Unterscheidung von anderen deutschen Arbetterverbänden gebraucht wird, doch der Inhalt des Wortes verblaßt und mit keinen bestimmten Grundsätzen erfüllt erscheint. Gewiß, die Stimmung gegen Kaiser und Reich ist eine andere wie in den freien Verbänden, aber teilte andere als bei den Hirsch-Dunckerianern. Gewiß, man will sich nicht in seinen kirchlichen Empfindungen kränken lassen: das haben die freien Verbände tatsächlich öfters getan. Die Hirsch-Tuncker'schen aber nicht. In der gewerkschaftlichen Kampfesweise finden wir wenige Unterschiede.
Die Sozialdemokratie bekämpft die Christlichen mit allen Mitteln. Und die Christlichen mit dem gleichen sogenannten! Terrorismus der Sozialdemokraten. Sttciks werden von allen Gruppetl mit derselben Solidarität geführt. Alle drei Gewerkschaften kämpfen gegen die „Gelben" Gewerkschaften, und die Sprache, die gegen das Unternehmertum bezw. das Kapital geführt wird, ist doch nur in Nuancen verschieden. Tas W«rt christlich als Unterscheidungszeichen erscheint uns daher lischt vollberechtigt. Der Charakter der christlichen Gewerkschaften besteht wesentlich darin, daß sie nicht sockaldemokratisch und nicht Hirsch- Dunckersch sein wollen. Für diesen polemischen Zweck ist uns der Name christlich zu schade. Nun wird gesagt, wir sollen die christlichen Gewerkschaften, von denen man im katholischen Lager ein Erwachen des Selbständigkeitssinnes befürchtet, unterstützen und ihnen den Rücken stärken. Wir teilen diese Ansicht nicht. Ein solcher Schritt wäre illoyal, wir ließen uns dabei nicht von gewerkschaftlichen, sondern von kirchenpolittschen Gedanken leiten. Vor allem würde aber ein solcher Schritt eine Erschwerung der Stellung katholischer Gewerkschaftler in ihrem Kampfe bedeuten. Die katholische Arbeiterschaft muß heute selbst stark genug fein, irm die kirchliche Gewalt auf die Glaubensangelegenheiten «ein- zuschränken. Wenn man bedenkt, daß 40 Prozent dec gesamten Zentrumsstimmen auf die Arbeiterwelt entfielen, so ist solches Resultat ohne die Hilfe der christlichen Gewerkschaften undenkbar. Daher ist M schließen: Mag die Arbeit der christlichen (Gewerkschaften vom gewerkschaftlichen Gesichtspunkt noch'so tüchtig sein, ihr geschichtlicher Ertrag kommt in absehbarer Zeit dem Einflussc der katholischen Welt und des Zentrums zu gute. In absehbarer Zeit: Dem: auch ein Masseneintritt Evangelischer wird zunächst nur das Ansehen dieser katholischen Schöpfung in ihrer Bündnis- kraft steigern und würde bei einer Vorherrschaft des evangelischen Elements zur Sprengung der Gewerkschaften führen, bereit An- erkenmmg durch bischöfliche Gewalten dock mehr wie Duldung aussieht. Wäre denn aber der Versuch nicht wert, die Probe auf eine Annäherung der Konfessionen zu machen. Auch das wäre ein kirchenpolitischer Gedanke, aber keine soziale Erwägung. Wenn der Protestanttsmus aber seinem Besten getreu bleiben will, wird er nach Rothe grundsätzlich 'seine Stellung in der christlichen Weltgeschichte und nicht in der Kirchengeschichte nehmen. So lautet die unendlich tiefe und darum unerschöpfliche Aufgabe des Protestantismus: Freiwilliger, selbstloser Dienst an der Aufwärtsbewegung des Volkstums. Damit tritt selbst die Sache in ihrem Ernste an uns heran, und jede noch so gut ober schlecht gemeinde Nebenabsicht scheidet grundsätzlich aus. Darum gehört unsere Arbeit dem Anffttege der gesamten Kultur, nicht einer kirchlichen Gruppe. Es mögen manche Mängel bet den freien Gewerkschaften unb den Hirsch Juncker schen vorhanben sein: Ein Anlaß, eine neue anttsozialdemokratische Gewerkschaft üuf neutraler Grundlage zu gründen, lag nicht vor. Von hier aus gewinnt die Vermutung neue Nahrung, daß essich eben nicht blos um eine neutrale Gewerkschaft handeln solle. Wir wünschen, daß bald eine Zeit kommen möge, in der andere Fragen sich in den Vordergrund drangen, vor allem die Frage der Stellimg der gewerksckwftlickun Lrgami'attenen tm Kulturleben überhaupt. Nicht der unorganisierte londern der organisierte Arbeiterstand wird kulturell in die Höhe steigen. Ohne volle Koalitwnsfreiheil wird das nicht möglich sein Seine Sache tst es bann, in dieser Freiheit bic Macht zu erringen" bte das größte Geschenk der menschlichen Natur ist: Gewissen-


