Nr. 79
Zweites Blatt
159. K
Samstag 3. April 1909
Erscheint töyllch mit Ausnahme des Sonntags.
Dje „Sietzencr ZamiUenblätter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelsgt, das „Krcisblatl für den Kvels Gietzen" zweimal wöchentlich. Die ..LandwirtschafUiche» Sell' fragen" erscheinen monatlich zweimal.
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▲ Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schar UnwersuälS - Buch, und Sleindruckeret.
R. Lange, Gießen.
twraswcnns!
hessische Erste Kammer.
R.B. Darmstadt, 2. April.
Nm Regierungstische: Niemand.
Präsideift Gras Goertz gen. von Schlitz eröffnet die Sitzung unt 11 Vs Uhr.
Ans der- Tagesordnung fleht als einziger Punkt „Land- stöndifche Angelegenheit". Nack Verlesung der Ent- fckmldignngen gibt Präsident Graf Goertz-Schlitz folgende Eü- fLäning ab:
Meine hohen Herren!
Ich habe an Sie die Einladung zu einem abermaligen Zusammentritt ergehen lassen, weil ich angesichts der das Präsidium betreffender Vorgänge in der Sitzung vom 30. März es für angezeigt, ja notzvendig halte, Ihnen eine Darstellung der Ereignisse zu geben, die sich an jene Vorgänge anlnüpsen. — Ich hatte die Ehre, sofort nach der genannten Sitzung um eine Aludienz bei Seiner König!. §wheit dem Großherzog nachzusuchen, und Seine König!. Hoheit hatten die Gnade, mich noch an demselben Nachmittage zu empfangen und meinen Bericht über die Sachlage, sowie meine ehrerbietigste Bitte entgegenzunehmen, mich tvn meiner Stellung als 1. Präsideitt der Ersten Kammer der Stände.in Gnaden entheben zu wollen. Deine Königl. Hoheit geruhten sich die Entschließung vvrzubehalten. Ich darf Wohl davon absehen, die daraus folgenden Verhandlungen zwischen Sr. Exzellenz dem Herrn Staatsminister und mir ausführlich darzulegen, möchte jedoch nicht unterlassen, mit aufrichtigem Dank ,die entgcgcnEonimeitbc und eine friedliche Lösung der entstandenen Disharmonie austtebende Haltung Sr. Exzellenz zu betonen. 2tm <31. MLrrz hatte ich die Ehre, aus den Händen Sr. Exzellenz 'ein überaus huldvolles Allerhöchstes Harrdschreiben Sr. Königl. Hoheit des Gwßherzvgs zu empfangen, dessen vollständiger Irrihalt der folgende ist:
Schloß Darmstadt, 31. Mörz 1909. Mein lieber Graf Goertz!
Ihrer Bitte um Enthebung von dem Amte des ersten Präsidenten der Ersten Kammer zu entsprechen, kann ich mich niclü entschließen, »veil ich großen Wert darauf lege, daß die Lotung der Geschäfte dieser Kammer auch künftig in Ihren bewährten Händen verbleibt. — Ich kann es um so weniger, als rch nicht zu erkennen vermag, daß zu Ihrer Bitte in der Differenz mit meiner Regierung über die Anforderung für Dammbauten im Budget ein genügender Anlaß für Ihren Rücktritt gelegen ist. Eine Erklärung des von Ihnen geforderten Inhalts, danach der Ersten Kammer die Garantie geboten werde, daß künftig Vorlagen von der finanziellen Bedeutung der Anforderung fitt Tammbanten nicht mehr im Budget erfolgen sollten, konnte meine Regierung nach den bestehenden Gesetzen und ohne Beschränkung der Regierungsrechte nicht abgeben. Meine Regierung wird aber, in vollem Einverständnis mit meinen Intentionen auch künftig in jedem Aalte wrgsältig prüfen, ob sie Anforderungen der bezeichneten Art^ zur Turch-ührung einer ihr obliegenden Aufgabe zweck- nvasziger in besonderer Vorlage an die Stände bringen soll oder im Rahmen des Budgets.
Mit der Versicherung meines unveränderten Wohlwollens verbleibe ich
Ihr
VstNST LUDWIG.
Daraufhin sprach ich Sr. Exzellenz dem Herrn Dtaatsminister au-.', das; ich mein Bedenken betreffs fernerer Verwaltung des Amtes eines Präsidenten dieses hohen Hauses fallen ließe und ersuchte ihn. Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzoge diesen Entschluß, sowie meinen ehrerbietigsten Dank für das so gnädige Handschreiberr unterbreiten zu wollen. Noch nn demselben Tage halte idi die El) e, diesen Dank Seiner KLrigl. Hoheit auch rroch schristlict zu Füßen zu legen und zwar in einem Schreiben, das ich gleichfalls ganz vorlesen zu sollen glaube, umsowrhr als rch in dem zweiten Teil desselben die Verantwortung auf mich genommen Habe, Gefühle dieses hohen Hauses auszusprechen, um Indemnität bitten muß. Doch möchte ich ersuchen, etwaige Be- prerkungen erst am Schluß meiner Darlegungen machen zu wollen.
Mein Schreiben hatte folgenden Wortlaut:
Darmstadt, den 31. März 1909. Allerdurchlauchtigster Großherzog !
Allergnädigster Großherzog und Herr!
Euere Königl. Hoheit haben die Gnade gehabt, mit so huldvollen Worten meiner bescheidenen Tätigkeit als Präsidenten der Ersten Kammer der Stände zu gedenken und mich Aller- höchst deren Vertr.iueus zu versichern, daß ich von wärmstem
Nleenes FenrlleLon.
— (Semaßregelte Musikkritik. Ein kleinstädtischer Vorgang, der wegen der Rolle, Die die Behörde dabei gespielt, allgemeines Interesse beansprucht, hat sich in Opoeln ereignet. Tort hat es der Musikkritiker der „Opoelner Ztg." mit den Honoratioren verschüttet, weil er sich gegen die Unsitte wandte, künstlerische Darbietungen mit außer-künstlichen Titeln zu belasten. Er tat das in dem Rest rat über ein Konzert, dessen Programm eine Frau Hauptmann .nleeinann-Gruche und einen Regierungsassessor v. Neumann aukgefnhrt hatte, und sollte bald genug einsehen, daß er mit seiner Bemerkung über Den Gebrauch von titulüren Ehren auf einem Kunstprogramm eine arge Sünde begangen hatte gegen die Eitelkeit aller Derjenigen Geschäftsleute, die in Titeln und Würden den wesentlichsten Inhalt menschlichen Wertes erkennen. So erhob sich Demi gegen den Journalisten ein Sturm der Entrüstung, dessen unheilvolles Zentrum im Negierungsoalaste lag, and fegte den Zeitungsmann von seinem Arbeitsplätze Tort: er flog aus seiner Redaktion. Tie „Oppelner Zig." ist ein konservatives Blatt, sie ist Inienionsorgan der Behörden und ihr Verlag ist Truckleger des „Oppelner Amtsblattes". Von dem Geschäftsführer wurde dem Entlassenen mit dem Ausdruck des Bedauerns versichert, die Erregung in Oppeln sei zu groß, et müsse weichen, damit das Geschäft nicht geschädigt werde; vom Verlag aber erhielt er die sJO?ittciUing, daß von der Regierung seine Entlassung „kategorisch verlangt worden fei". H
l— Wie Richard Strauß auSsi eht, das weiß so ziemlich jeder, der sich für moderne Musik interessiert; es wird aber dennoch interessieren, zu hören, rote ihn das Temperament eines Wiener Premierenberichterstatters sieht. Er schreibt in der N. Fr. Pr.: „Strauß ist der moderne Musiker. Er liebt die Ueber- raschungcn. Er sieht so aus, wie man sich die Musiker nicht vorstellt. Die halten ja noch zumeist an der Tradition fest, wie sie in Murgers Bo hörne vor gezeichnet ist. Kein Schermesser darf ihre. Haare berühren. Lose flattert die Halsbinde. Trotzig lehnt sich ihre Kleidung gegen die Launen der Mvde auf. Richard Strauß bricht mit bet Tradition. Er ist galant gegen die Motze. Glatt und vornehm fitzt ihm der Frack au? den Schultern, (Hspflegt ist der Schnurrbart. Keine Künstlerlocken ' Das Haar ist auf dem Hinterkopf zu einem krausen Ballen zusammengerutscht, als müßte es schon vor der Stirne aus- loeichen, die wie ein mächtiges Gewölbe in hohem, weitausladendem Bogen emporsteigt. Licht, bescheiden, liebenswürdig sind die Ltugcn. Zwei lange Furchen führen zu den schmalen Lippen hin, unter denen das knochige Kinn ungeduldig vordrängt. So erscheiitt er zwischen den breiten, holten Flügeln des Samkvorhcmges, die sich .auiblähen wie Leget int Wind. Nervös gespannt ist das hagere Antlitz, und doch, schon wLde, Es ist ein Antlitz, das
Dank erfüllt bin und denselben in tiefster Ehrerbietung Euerer Königl. Hoheit darzubringen mich gedrungen sichte. Es wird in Zukunft umsomehr mein Bestreben sein, stets den Posten, auf. dem Eurer Königl. Hoheit Gnade mich zu meiner fteu- digsten Genugtuung festhält, nach besten Kräften auszuftUlen.
Insbesondere bitte Euerer Königl. Hoheit ich sowoyt meinen persönlichen als auch der gesamten Ersten Kämmer der Stände alleruntertäniasten Dank zu Füßen legen zu dürfen sür die gnädige Zusicherung, welche sich auf die Großherzogliche Regierung für die Zukunft gegebene Richtschnur bezieht. Wir dürfen darin ein Zeichen der unveränderten gnädigen Gesinnung Euerer Königl. Hoheit gegen die Erste Kammer erblicken und zugleich für die Zukunft eine Garantie, daß die Interessen des Hau,es inmitten widerstreitender Faktoren und Elemente in einer Weise geschätzt werden, welche zu großer Betuhchung aller Mitglieder derselben bienen und jeden Einzelnen mit neuer Freiivigkeit zur Erfüllung seiner verfassungsmäßigen Pflichten ausrüsten wird.
In tiefster Ehrerbietung verharre ich
Euerer Königl. Hoheit Aller untertänigster
gez. Emil Friedrich Graf von Schlitz genannt von Goertz 1. Präsident der Ersten Kammer der Stände.
Gestern, am 1. April nachmittags erhielt ich ein Schreiben Sr. Exzellenz des Herrn Staatsministers das wie folgt lautet:
Darmstadt, den 1. April 1909. Erlauchtig Hochgeborener Herr Gras!
„Im Auftrag Seiner Königlichen Hoheit des Groß- „herzogs habe ich Allerhöchst dessen Genugtuung darüber zum „Ausdruck zu bringen, daß Euere Erlaucht sich auch ferner- „hin den Präfidialgeschäften widmen werden. Ich bitte auch „mir zu gestatten, meine Freude hierüber nochmals auszu- „fpreck>cn."
Dieser freundlichen Worte wegen bitte ich Sr. Exz. dem Herrn Staatsminister meinen besonderen Dank aussprechen zu dürfen.
„In Beziehung auf den sonstigen Inhalt Euerer Erlaucht „Schreiben vom gestrigen legen Seine Königliche Hoheit Wen „daraus festzustellen, daß kein Anlaß für Ihn Vorgelegen „habe, der Großherzoglichen Regierung eine neue Richtschnur für die Behandlung der vorwürfigen Frage zu geben/' Um an diesen Passus eine Bemerkung anzuknüpfen, muß ick etwas weiter ausholen. Bekanntlich hat Sr. Erlaucht der Gras zu Erbach-Fürstenau in der Sitzung vom 30. März geäußert: Bei Beratung dieser Positron sei in der 2. Kammer von feiten des Herrn FinänzministerS eine Aeußerung gefallen, die in den Kreisen der 1. Kammer lebhafte Beunruhigung hervorgerufen habe. Der Minister habe geäußert, daß auch in Zukunft, ebenso wie jetzt die Dammvorlage, in wettergehendem Maße als bisher größere derartige Anforderungen in das Budget eingestellt wer den würden. Das fei wohl rechtlich nicht anfechtbar, allein es stelle eine Minderung der Krmvetenz der 1. Stamm er dar, da diese dann auch bei Vorlagen größeren Stils nicht die Möglichkeit in eine genauere Prüfung der Vorlage einzutreten.
Im Hinblick auf jene Aeußerung Sr. Erz. des Herrn Fi nanzminilters möchte ich betonen, daß ein Wunsch Großh. Regierung eine neue Richtschnur zu geben gar nicht vorliegt.
„Zu den mündlich mir geäußerten Bedenken möchte ick übrigens noch anfügen, daß die Großh. Regierung keinen Grund hat anzunehmen, daß sie ihre Anträge künftighin in weitergehendem Maße im Rahmen deS Budgets an die Landständi bringen werde,, als dies seit Einführung der einjährigen Bud getperiodeu geschehen und durch deren Natur begründet ist/ Wir dürfen die Erklärung mit Freude begrüßen. Selbstver stündlich betrachten wir unseren Protest vom 27. März 19O'< betr. Verpackung von Gesetzesvorlagen mit dem Budget als durch diese Frage nicht berührt.
Der Präsident fragt, ob jemand das Wort wünscht, insbesondere auch wegen seiner Indemnität für sein Schreiben an Seine Königl. Hoheit den Großherzog:
Der Präsident des Finanzausschusses Graf zu Erbach- Fürstenau:
Seiner Erlaucht dem Präsidenten des hohen Hauses spricht der Finanzausschuß sein volles Vertrauen und seinen Dank für die in der Sitzung vom 30. März der Großh. Regierung gegenüber eingelegte Verwahrung saus.
Die 1. Kammer der Lanostände hat vvr 23 Jahren an die Großh. Negierung das Ersuchen um Maßnahmen zur Verstärkung des Hochwasserschutzes gerichtet. Die Großh. Regierung hat demzufolge im Jahre 1892 den Landständen eine Gesetzesvorlage
unterbreitet, die von der 1. Stammet aber nicht in vollem Maße genehmigt wurde.
Nach Verlauf von 17 Jahren wird nun die Dammbau-Borlage in Verbindung mit dem Staatsvoranfchlag und nickt wie im Jahre 1892 in Form einer besonderen Proposition eingebracht.
Die Bedeutung dieser Vorlage ist dadurch ckaratterisiert, daß es sich hier um sortlausende Raten bis zum Gesamtbetrag von annähernd 5. Mill, handelt, die nicht nur den Staat, sondern mit ca. l'/j Millionen auch die beteiligten Gemeinden belasten.
Eine derartige Vorlage verlangt eingelstnde Prüfung; eine solche ist jedoch bei der uns während der Budgetberatung knapp zugemessenen Zeit nicht möglich.
Die 1. Kammer .einer Zwangslage auszusetzen, bestand jedoch für die Großh. Negierung feine Notwendigkeit.
Das Tammbaugesetz vom 14. Juni 1887 sieht in Arttkel 8 ausdrücklich vor, daß die zu bewilligenden Mittel entweder in dem jeweiligen Hauplvoranschlag, oder in besonderen Propositionevl angefordert werden können.
Die Zweckmäßigkeit, Gegenstände von solcher Bedeutung in besonderen Propositionen zu behandeln, hat die Großh. Regierung durch die Wahl dieser Form im Jahre 1892 selbst anerkannt.
Ein Anspruch der 2. Stamm er auf die Verbindung mit dem Budget kann daher unmöglich fonftruiert werden: noch viel weniger kann ein Verfahren, das die Regierung früher selbst für richtig hielt, als illoyal gegenüber der 2. Kämmer angesehen werden.
In diesem Sinne wiederholen wir Seiner Erlaucht dem Präsidenten unseren ausrichtigen Dank.
Der Präsident dankt für den ihn sehr beglückenden Beweis des Vertrauens des Ausschusses und schließt:
Ich darf wohl nunniehr der allgemeinen Freude Ausdruck geben, daß die eingetretenen Unstimmigkeiten als beendet angesehen werden können, und daß diesem hohen Hanse die Möglichkeit gegeben ist, weiter gemeinsam mit Großh. Regierung sich fürderhin feinen hohen Aufgaben zu widmen.
Stimmnngsbilti ans dem Reichstage.
Berlin, 2. April.
Eins, zwei, drei, im Sauseschritt Eilt die Zeit, wir eilen mit!
Hätte der Präsident gestern abend, als er den Ver- ttrgungsvorschlag machte, vorausgesehen, daß die Nebeluft erschöpft war, so hätte er es vermutlich vorgezvben, noch eine kleine Kraftanstrengung daran zu setzen, um die heutige Sitzung zu ersparen. Eine Viertelstunde nach 10 Uhr eröffnete heute Graf Stolberg die Verhandlung und zwei Stunden danach konnte er bereits die Reichsdoken in dis Osterferien entlassen. So rasch vollzog sich die Erledigung der einzelnen Etats, daß die Herren aus den verschiedenen Aemtern kaum dazu kämen, sich am Bnndesratstiscye häuslich niederzulassen; noch ehe sie mit ihren Stollegen, Deren Etat soeben genehmigt war, Bcgrüßungsworte ausgetauscht hatten, mußten sie zumeist schon anderen Kollegen Platz machen. Mit dem Militäretat begann es, und Der S-lbg. ^auli-Potsdam brachte seine Spandnuer Militärwerkstütten- cebe an. In der zweiten Lesung hatte er krankheitshalber gefehlt und sein Gegner Zuveil das Gefecht ohne ihn begonnen; heute war Zubeil nicht da, und so verlief die Mensur unblutig und erfreulich kurz.. Dann füllte sich die Bundesratsestrade mit Marirreunisormen an; das einzige Thema, das hier verhandelt wurde, war die Frage des Fischereischutzes in der Ostsee. Der Schleswig-Holsteiner Spethmann bat um Maßnahmen der Marineverwaltung gegen die Ranbfischerei, und Herr v. Tirpitz gab in einens kurzen Satze die zusagende Antwort. So rasch war man mit diesen großen Etats fertig geworden, das; die Herren von der Justizverwaltung beim Aufruf ihres Etats noch' gar nicht zur Stelle waren, und eine halbe Minute darauf war nicht nur dieser, sondern auch der des Reichsschatzamts genehmigt, und schon war man mitten im Kolonialetat. So führte man nur eine nicht gar zu lange Aussprache über die Lage in Samoa und Neu-Guinea, und die Abgg. Dr. Arning und Dr. Semler durften als deren Ergebnis mit Genugtuung feststellen das Einverständnis des Herrn Dern- burg mit einer strengen und energischen Eingeborenenpolitik. Dem Gouverneur Sols wurde das Vertrauen ausgesprochen,
rmmer jung scheinen wird und vielleicht immer alt war. Eirund sitzt der Schädel auf dem schmalen, schmächtigen Körvcr wie ein Norenkops auf seinem Stiel. Der SW elfter kennt die Technik des Applauses. Er versteht es, die Dissonanzen des Beifalls nuf- zulöfen. Er beherrscht den Rhythmus. Im richtigen Augenblick tritt er vor und läßt sich vorn« Beifall i)ui eben. Nicht zu lang, nicht zu kurz. Gerade recht. Und das Publikum wird nicht müde, ihn bervorzujubeln. Alle wollen ihn sehen. Alle haben do.s dumpfe Gefühl, eine überirdische Erscheinung müsse nun vor sie treten als geheimnisvoller Urerrcger all der Töne, die eben noch ihre Sinne aufpeitschten. Und dann kommt er. Immer wieder er: ein Herr im Frack, der sich zurückl-altend nach links und rechts vernergt..... Aber der Beifall tost weiter. Er splittert, er
knattert,, er kracht. Er donnert wie eine auffchäumende Brandung gegen die Ranrpe. Nun ist's Massenhiipnofe. Nun wird der Beifall ein auf Dauer berechnetes Unternehmen. Die Leute fitzen behaglick in ihren Fauteuils und applaudieren. Vielleicht werden sie niemals innehaltcn. Das Publikum hat sich an feinem eigenen Beifall «berauscht. . . . Kühl, besonnen, geduldig zeigt sich der gefeierte.Künstler. In abgemessenen Intervallen, im Rhythmus blähen sich die breiten, hohen Flügel des Samtvorhanges wie Segel im Wind/'
1— Ein Buch Mulay Hafids. Mulay Hand, der neue Sultan von Marokko, benutzt die Mußesttinden, die ihm seine Regierungstätigkeit läßt, dazu, sich als Schriftsteller zu erproben. Er hat jetzt in Fez ein Buch erscheinen lassen, das den gelehrten Titel führt: „Ueber die Erklärung der Begriffe, deren Khalil sich bedient." Khalil ist der Verfasser eines berühmten alten Rechtswerkes, das in der mol-anrmedanischen Welt eine große Rolle spielt. Mulay Hafid hat sich die Aufgabe gestellt, das Vorwort dieses Werkes erläuternd zu erklären. Sein Buch umfaßt 118 Seiten, die der Erklärung von nur zwei Setten des behandelten Werkes dienen. Wenn Mulay Hafid feine Erklärungsarbctt in derselben Weise fortsctzt, so kann sein Werk zu einer ganzen Bibliothek werden. Dem Titel seines Buches, so wird im Journal des Däbctts erzählt, ist folgende Bezeichnung beigegeben: „Ein Buch versaßt von Seiner Majestät dem Sultan der Ulemas, dem weisesten der von bton Propheten abstamm end en großen Herrscher, bem Herrn von Marokko (möge sein Ruhm und jein Glanz fort- dauern-, unserem Herrn und Meister Abd-el-Hasid (mögen seine Truppen ruhmreich sein und seine Siege glanzvoll!)." In einer Einleitung erklärt Mulay Hafid die Geschichte seines Werkes. „Seit meiner Kindheit", so berichtet der schriftstellernde Sultan, „hat mein Herz eine Vorliebe für die Wissenschaft und neigt zu den bedeutenden Mämlern, die ihr dienen." Er preist bann die Verdienste dieser Leuchten der Wiffenschaft und Eommi auf den Zweck seines Werkes zu sprechen: ^Zch habe rofli das Ziel gestellt.
wenn es Gott gefällt, die Begriffe des Mokhtasar zu erklären- mit Klarheit die nötigen Dinge darzutun uni) den Text verständlich zu machen, damit alles, was dem Leser Verwirrung bringt, so klar und einfach verständlich wird als möglich. Ich bitte Allah, dieses Buch so nutzbringend werden zu lassen, wie das, dessen Erklärung es dienen soll."
— Die „schwarze Eminenz". Aus Paris wird geschrieben: Wemn es Herrn Legitimus, dem schwarzen deputierten von Guadeloupe, auch nicht gelingen mag, sich gänzlich von der tarlamentarffchen Untersuchungskommission von den Ansckmldi- gungeu der Fälschung und ttrncrschlagung weißzuwascheu, so entschuldigt ihn immerhin, daß die Untersuchung feilte Vergehen als landesüblich in den Sbionieit festgestellt und ermittelt hak, bar. es dort in den obersten Verwaltungsstellen noch weil schwärzere Sünder gibt, als er einer ist. Guadeloupe hat nicht das Monopol für politische Skandale; es scheint, daß sie auf dem Boden von! Madagaskar noch weit üppiger gedeihen. In Tauanarwo seufzt die Einwohnerschaft unter der Fuchtel eines Senegalesen, Der sich seiner Allmacht und Farbe wegen des Namens her schwartzen Eminenz erfreut. Herr Diague vereint in seiner Person die Stellung des ersten Beamten der Zolldirektiou und die Leitung des einflußreichen Negierungsorgans Le Reveil du Mavagascar, das allen Gegnern fernes Regiments mit herzerftifckender Sprache zu Selbe geht. Diese bleiben Die Antwort im gleichen Stil nicht schuldig, wie eine Blüte aus dem Blatte Tiego Suarez erioeift. Herr Diague, der Zölluev-Jounialist, wird darin in folgenden wisslmschaftlichen Ausdrücken gekennzeichnet. „Vom Senegal importiert und zum Halbaffen geworden, ist dieser Anthrovonwrphe unverzüglich als Vogcischeucke der offiziösen Presse zugeteilt worden. Dieser Simttt-Zweifüßler gehört zur Familie der Zoll- Wirbeltiere; man trifft iyn meist auf der Dritten .Kokospalme rn -der Flora der indirekten Steuern". Die schwarze Eminenz dagegen hat von den Weißen eine gleicl- geringe Meinung; so schreibt er in einem seiner geistvollen Artikel: „Ick b-unerfte daß viele Weiße den Mköhol zärtlich lieben wie eine Mutter ihr Shnk Ick erinnere mich, manche gesehen zu haben, die sich im Schmutze wälzten wie die Schweine un Stall. — Ich habe einem Ball bei einem ihrer Häuptlinge beigewolmt Ihre Frauen stellen oa öffentlick mit Mehl bestreutes Fischsleisck aus, in Back- fett gerollt . ." Diese Zettungspvlemiken beleuchten hübsch
Das hrrzliche Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß auf dey tntere)lauten ^n]el. Es ist immer nützlich, zu wissen, was der schwarze Bruder vom weißen denkt — uni) umgekehrt.' —
— Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft, per Kritiker Reue Dvirnne uud der Dichter Jean ‘JlicarD wurden
Mitgliedern der 'SUiibeniie Fraiiecuje gewählt.


