Zweites Blatt
Nr. 17-3
Freitag 30. Juli 1909
Erscheint lLglich mü Ausnahme deS Sonntags.
Günstigste
Die 500-)ahrseier der Leipziger Universitas
Leipzig, 29. Juli.
Festtage begonnen, und die Lindenstadt, die das vornehmste Element des alten Ruhmes
in
Alle
erblickt, hat sich dazu auf das prächtigste geschmückt.
Nun haben die ihrer Universität
159. Jahrgang
Hessische
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Peter Kronenber;
Tel. 680 Süd-Anlagei
begaben sich in Brunsbüttel von Bord und kehrten int Automobil nach dem Gutsschloß Hemmelmark zurück.
Rotationsdruck und Vertag der Brühl'schen Universität? - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Dießem
Redaktton, Expeditton und Druckerei: Schul- sttaße 7. Expeditton und Verlag: 51.
Redaktion: e-^112. Tel.-AdruAnzeigerGießen.
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H. Heyne
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Ger§chts?aal.
[] Marburg, 29. Juli. Das Schöffengericht verurteilte einen Maurer zu 15 Mk. Geldstrafe, weil er an einem HauS gearbeitet hatte, zu welchem die Genehmigung der Baupolizei nicht eingeholt worden war.
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Fahrräder
Di« „Siebener FamlllenblStter" werden dem „Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblotl für ben Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. Die „candwirtschaftlichen Zett» frsgelft^ erscheinen monatlich zweimal.
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ging unter der Maske verletzten Nationalkunstgefühls ein kaum verhaltener Sturm der Entrüstung durch ganz England. Der wahre Grund dieser Entrüstung wurde öffentlich nirgends angegeben, aber er ist in dem Antagonismus zwischen den beiden großen Religionsparteien zu suchen. Daß es nur geringer Funken bedarf, um Zwistigkeiten auflodern zu lassen, beweisen die Ausschreitungen und Straßenunruhen, die vor kurzem in Liverpool zwischen Katholiken und Protestanten ausgebrochen waren.
— Gut deutsch im Handel. Man schreibt der Köln. Ztg.: „Ein trauriges Zeugnis dafür, wie wenig die Bestrebungen des Deutschen Sprachvereins bisher in unseren Handelskreisen Fuß gefaßt haben, sind die zurzeit in alten Blättern erscheinenden Ankündigungen über die Neuausgabe von Gewinnanteilscheinen und Zinsbogen. Obgleich das Gesetz selbst diese deutschen Bezeichnungen trägt, finden wir sie in den Bekanntmachungen der Banken und Handelsunternehmungen leider nur ziemlich vereinzelt. Da ist meist nur von „Talons zu Dividendenscheinen" oder „Couponsbogen" (oder noch „deutscher" „Kuponbogen" oder gar ,,-bögen"), von „Obligationen und Partial-Obligativnen" die Rede. Warum nur? Ist es so schwer, daß wir Deutsche uns an unsere beutfcfc Sprache getvvhnen, die uns nicht nur gleichwertige, sondern bessere deutsche Ausdrücke für jene veralteten Bezeichnungen gibt? Klingt es nicht besser und viel verständlicher, wenn wir von „Erneuerungs- oder Bezugschein«:, von Zinsbogen und Gewinnanteilschcinen, von Schuld- und Teilschuldverschreibungen ober Schuldscheinen" sprechen? Es wäre wirklich wünschenswert, wenn das Verständnis für den Wert des deutschen Ausdrucks gerade in unseren Handelskreisen allmählich ettvas zunehmen wollte. Auch eine schöne Aufgabe für unsere Handels- Hochschulen!"
— Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft. Max Nord au der geistvolle Schriftsteller, Arzt und Philofoph beging gestern in Paris, wo er seil Jahren lebt, seinen 60. Geburtstag. — Björnstjerne Björnson befindet sich au< dem Wege der Besserung. Er reist Ende dieser Woche mit Frau und Tochter und Frau Bergliok-Jbsen nach seinem Vnnbgute Anleftad. — Ter Deutsche Verein für öffentlich' e Gesundheitspflege wird seine diesjährige Jahresversammlung vom 8.—11. September in Zürich abhalten.
Neue Kartcßil gelbe perle von W
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhejsen
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regierungsrat und zum ordentlichen Professor der Staatswissen- schaften an der Berliner Universität. 1834 wurde er auf seinen eigenen speziellen Wunsch noch Direktor des slattstiichen Bureaus für Preußen, und damit gelangte er schließlich zu dem Amte, das seinen Fähigkeiten nm meisten entsprach. In zahlreichen Schristen hat Dieteriei seit jener Zeit die Statistik des preußischen Staates nicht nur, sondern überhaupt die statistischen Verhältnisse der Erde und ihrer Bewohner zum Gegenstand der ausführlichsten und speziellen Forschung gemacht und wesentlich zur Systematisierung, zur Erhebung der Statistik ins wissenschaftliche Gebiet beigetragen. Er Hal auch zum ersten Male statistische Erhebungen über die Bevölkerung der Erde angestellt.
— Der Herzog von Norfolk. Aus London wirb der N. Fr. Pr. berichtet: Einer der meistgenannten englischen Aristokraten ivar in letzter Zeit der Herzog von Norfolk. Alan weiß warum: Er ist der Eigentümer der Holbeinschen „Christtna von Mailand", die nach Amerika hätte verkauft roerbeit sollen. Nun ist ja die Gefahr des Verlustes durch die 40 000 Pfundspende einer anonymen englischen Patriotin glücklich abgeroenbet worden und das berühmte Bild bleibt dort, wo es seit 18 Jahren als Leihobjekt des Herzogs hing, in der Londoner National Gallery. Alan hat sich allgemein gefragt, was wohl die Gründe sein'mögen, die den enorm reichen Herzog bewegen konnten, ein Bild zu verkaufen. Der Duke of Norfolk ist nämlich Eigentümer eines großen Teiles des Grund und Bodens im Strand, und zwar dort, wo sich die LawEourts befinden, und ans diesem Territorium allein bezieht er ein kolossales jährliches Einkommen. Im Ausland ist es jedoch nicht so allgemein bekannt, daß der Träger eines der stolzesten Namen in England sich aus religiösen Gründen in Ausgaben stürzt, die selbst sein Riesenvermögen ein wenig erschüttern. Er ist es, her aus eigenen Mitteln die große katholische Westminster ^lathedrale im Südwesten Londons, in unmittelbarer Nähe des Viktoria-Bahnhofes, gebaut hat, und er ist es, der dem Peterspfcnnig in ?lom ;eDe5 Jahr bedeutende Summen zuführt. Das kleine beleibte Männchen mit dem langen, breiten Bart und den kurzen Beinen, das so gar nicht wie em englischer Lord aussieht, wollte nun ohne Zweifel den Erlös des Holbein-Bildes ebenfalls katholischen Zwecken zuführen, und deshalb eigentlich
Auf alle diese Dinge ist gerade auch von nationalliberalev Seite im Reichstage hingewiesen worden, aber alle Warnungen verhallten ungehört: die Regierung gab unumwunden zu, daß das Geietz höchst mangelhaft sei und verweigerte die Antwort auf die Frage, wer die Steuer zu zahlen habe.
Ter Grund hierfür ist klar: der preußische Finanzminister will eine Gesellschaftssteuer, also eine Gewerbesteuer schaffen, da er prinzipieller Gegner jeder direkten Reichseinkommensteuer ist, und die läge vor, wenn die Gesellschaften, Hypothekenbanken usw. die Steuer von den Besitzern der Wertpapiere wieder einzögen.
Es mag zmn Schluß noch hervorgehoben werden, daß das Gesetz für schlecht rentierende Gesellschaften kleine Erleichterungen schafft: im übrigen erleben gerade die Mitglieder der nationalliberalen Partei die Genugtuung, daß alle die Mängel, die ihr Fraktionsredner im Plenum des Reichstages erörtert hat, sich sckwn vor Inkrafttreten des Gesetzes so stark zeigen, daß eine Novelle unabweislich ist. Und selbst die „Deutsche Tagesztg." gab dieser Tage, nachdem) sie bisher den Vorwurf der flüchtigen Gesetzesmacherei beharrlich zurückgewiesen hatte, zu, daß über die Benennung des Steuerpflichtigen in der Vorlage keine Klarheit herrfche. Wenn aber selbst diese Talonsteuer nicht einmal die Besitzenden, sondern die Nichtbesitzenden, die Hypotheken- schuldner trifft: Wer roagt bann noch von einer Befitzstcuer zu sprechen?
Hauptstraßen und Plätze prunken von kunstvollen Ehrenbauten unb waldduftigen Gehängen. Von allen Häusern weht die leuchtende Pracht vielfarbiger Standarten und Fahnen, und darunter wogt und drängt sich eine selbst hier kaum noch gesehene Menge, die im Augenblicke wenigstens weiter kein Gefühl kennt, als das gesteigerter Lebenslust und Freude. Nur der Himmel ist dem Fest wenig gewogen.
Schon gestern begann der Jubel, und seitdem nahmen die Auffahrten fein Ende. Heute früh begannen sie schon um 8 Uhr, als der Lehrkörper der Universität den König Friedrich August von Sachsen mit seinen beiden ältesten Söhnen vom Bahnhofe einholte. Chargierte zu Pferde gaben den glänzenden Staatskarossen bis zum Kgl. Palais das Geleite, unb die übrige Studentenschaft bildete in vielen dichten Reihen hintereinander: Spalier. Um 9 Uhr begann dann der Festgottesdienst in der Universitätskirche zu St. Pauli, an den sich IO1/» Uhr, fast ohne Pause, der erste feierliche Akt im Neuen Theater anschloß, wo die offiziellen Begrüßungen stattfanden. Die Vertreter aller deutschen Universitäten und Hochschulen, sowie von 87 Universitäten aus 15 europäischen Staaten und derjenigen Amerikas und der englischen Kolonien, die zugleich kostbare Adressen überreichten, waren erschienen. In vorgerückter Nachmittagsstunde erreichte die Feier ihr Ende. Abends 7 Uhr beginnt das den etwa 700 Ehrengästen und dem Lehrkörper der Universität von der Kgl. Sraatsregierung dargebotene Festessen im Palmen garten und im Anschluß daran ebenda ein allgemeines Gartenfest.
Nur verhältnismäßig die wenigsten von den etwa 20 000 erschienenen Festgästen können an den offiziellen Veranstaltungen teilnehmen, weil es überall an Raum gebricht, unb auch von ben 4581 inkorporierten Studenten hat jeder nur zu einer Veranstaltung Zutritt. Statt deswegen betrübte Gesichter zu machen, feiert man eben in allen möglichen Festlokalen, vor allem in den Verbindungshäusern, und auch sonst gibt es hier augenblicklich so viel Neues, daß hierfür wieder kaum die Zeit ausreicht. Da bewundert manch „altes Haus" zum ersten Male die Universität in ihrem neuen Prachtgewande, vor allem die prachtvolle Wandelhalle, int Augusteum, in Der morgen der zweite Festaktus stattfindet.
Oder man betrachtet die hervorragenden Kunstwerke, mit denen sich die Universität jef.t schmückt. Da ist in der Wandelhalle zu den Statuen Friedrichs des Streitbaren und des Herzogs Moritz — des Stifters der Hochschule — noch eine dritte hinzu- gekommen, die den jetzigen König barstellt, und zu den bisher vorhaubenen riesigen Marmorbüsten von Leibnitz unb Goethe noch bie Lessings. Im Rettoratszimmer erblickt man ein stattliches Repräsentationsbilb, das den derzeitigen Rektor und die vier Dekane lebensgroß in der Pracht ihrer mit schwerer Goldstickerei und Hermelinbesatz verzierten violetten oder roten Sammet- mäntel barstellt. Ter in ber Mitte stehende Rektor trägt bie reich mit Edelsteinen besetzte goldene Amtskette und hält in ber Rechten bie alte Stiftungsurkunde der Universität mit dem Bleisiegel. Und schließlich steht man ergriffen vor dem über 20 Meter
lUcnncs Feuilleton.
— E i n O l b r i ch»M u s e u rn soll in D a r m ft a b t errichtet terben. Die auf der Pariser Ausstellung mit der goldenen Le^aidc preisgekrönte, nach einem Entwurf Professor Olbrichs "lSgeiührle Zimmereinrichtung, die Kommerzienrat ®(ädert vor niger Zeil der Stadt Darmstadt zur Verfügung stellte, wurde in in<rn Zimmer des Aussichtsturmes auf der Matbildenhöhe auf» Mellt. In dem Zimmer sollen später eine Anzahl Zeichnungen 'jfi verstorbenen Meisters Olbrich ausgestellt werden und ein kleines '-liileum für Werke des allzu früh Heimgegangenen geschaffen iverden. kie Stiftung besteht aus der vollständigen Einrichtung für ein k-rnenzimmer und der dazu gehörigen Decke und Wandvertäfelung.
— Ter feuerspeiende Schulbube. Ein Schul- iiciofum seltenster Art hat fick» dieser Tage in einer Volksschule t Ältenwald zugetragen. Als an einem losen Bürschchen die ftckutton in bekannter Weise durch Applizierung einer Portion «ttsebrannter Holzasche völligen werden sollte, stand der Junge s.Szlich zum nicht geringen Schrecken des Lehrers in hellen grlcnranat. Sofort mußte die pädagogische Arbeit eingestellt wer- ln und ber Herr Lehrer die Tätigkeit eines Feuerwehrmannes eifitrijmcn. Die Gesichter ber vorher schadenfrohen Kinderschar •birben beim Anblick dieses seltenen Schulsck auspiels plötzlich krcide- heiterten sich aber alsbald wieder auf, als sie bemeriten, tat: die Löschung bet au stöbernden Feuersäule glücklich gelang unb te Bursche, der mit einigen leichteren Brandwunden int Gesicht ■ taton laut, auf Befragen nach der Ursache mit tränenerstickter trimme des Rätsels Lösung durch die Worte gab: „Ei, Herr i Ichrer, ich hau c Krott (Feuerwerkskörper, bei uns „Frosch" rninnt) tm Jubbesack gehatt."
— Dieteriei. Vor einem halben Jahrhundert, am 30. Juli K>9, starb der berühmte Statistiker des preußischen Staates iriedrich Wilhelm Dieteriei. Er war am 23. August 1790 in kerlin geboren und studierte zunächst in Königsberg, dann in texlin. Im Jahre 1813 meldete er sich auf Veranlassung des tieneralS Scharnhorst zum Examen der Ingenieur-Geographen, ■ mb machte, als es bestanden war, im Blücherfchen Hauvtauartier ie Feldzüge der nächsten Jahre mit. In seiner amtlichen Lausen brachte er es »um Jahre 1831 zum Geheimen Ober»
Deutsches Resch.
Der Kaiser machte gestern vormittag in Bergen einen Spaziergang und folgte bann einer Einladung des Konsuls Mohr zum Frühstück. Nachmittags arbeitete ber Kaiser allein unb hörte Den kriegsgeschichtlichen Vortrag des Obersten Dickhut. Zu der Abenotafel war der Konsul Mohr mit seinen Damen geladen. Das Wetter ist aufklärend.
Bei der Landtagsersatzwahl im er st en Kasseler Wahlkreis (Grafschaft Schaumburg) wurde an Stelle des bisherigen Landtagsabgeordneten von Ditfurth, der sein Mandat niedergelegt hatte, dessen Bruder, General von Ditfurth (Berlin), konservativ, einsttmmig mit allen 145 abgegebenen Stimmen gewählt.
Todesfall In Denkwitz (Kk. Glogau) verstarb der langjährige, frühere freisinnige Parlamentarier, Rittergutsbesitzer August Maager, im Alter von 64 Jahren. Er hat dem Reichstage für den Wahlkreis Glogau 17 Jah-re lang als Mitglied der freisinnigen Partei bezw. später der freisinnigen Vereinigung angehört, ebenso auch dem preußischen Abgeordnetenhause für den Wahlkreis Glogau-Lüben.
Wie das B. T. erfährt, find zwischen den beteiligten Regierungen unverbindliche Vorverhandlungen im Gange über eine direkte Fernsprechleitung zwischen Berlin und London.
Zur Reich stagsersatzwahl in Neustadt. Wie der „^kölnischen Zeitung" aus Neustadt a. d. H. gemeldet wird, hat die Verttauensmännerversammlung des Bundes der Landwirte beschlossen, bei der Reichstagsstichwahl für den Kandidaten der bürgerlichen Partei einzutreten.
Eine Abordnung von 26 türkischen Offi- z i e r e n, die zu militärischen Studien in verschiedenen deutschen Regimentern eingereiht werden sollen, ist gestern aus Konstantinopel in Berlin eingetroffen.
Der deutsche Konsul L ü d e r i tz, der Weihnachten in Casablanca schwer erkrankte und sich nach Deutschland begeben mußte, wird am 2. August zurückerwartet. Lüderitz war der amtierende Konsul bei dem sogenannten Casablanca-Zwischenfall.
Die Verhaftung eines Deutschen. Die deutsche Regierung hat noch keine amtliche Nachricht von der gemeldeten Verhaftung des deutschen Staatsbürgers Theodor Hauer in Maracaibo erhalten. Tatsache aber ist, daß die venezolanische Regierung erklärt hat, sie sei im Besitz von Beweisen, daß .Hauer zugunsten des Expräsidenten Castro in Venezuela politische Wühlereien getrieben bat.
Abreise der Zarenfamilie. Der gestern nachmittag in Drunsbüttelkoop einaetroffene russische Kreuzer „Admiral Makarow" ist sogleich nach der Nordsee weiier- gegangen. Gegen 6 Uhr abends traf auch die russische Äaiserjacht „Standard" ein. Die Jacht blieb bis 7 Uhr 10 Mur. abends in der Schleuse liegen, um Wasser cinzu- nehmen und dann ebenfalls nach der Nordsee weiterzugehen. Den russischen Majestäten wurden hier wie in Holtenau militärische Ehren erwiesen. Die deutschen Herrschaften
Ausland.
Der Ueberfall auf ein.en deutschen Gymnasiasten in Böhmen. Das Bezirksgericht zu Brandeis hat, dem amtlichen „Prager Abendblatt" zufolge, bie Voruntersuchungen gegen die Tschechen Johann Swoboda, Fran- Strnad und Emil Kuceza aus Brandeis eingelettet, die dort am 17. Juli einen reichsdeutschen Gymnasiasten aus Görlitz, den sie wegen seiner bunten Schülermütze für einen Prager Studenten hielten, übersatten und blutig geschlagen hatten.
Die Deserteure von Casablanca. Die kürzlich vom Kriegsgericht in Casablanca über die deutschen Deserteure ber Fremdenlegion verhängten Strafen sind von Präsident Fattiöres gemildert worden.
Nachklänge zum französischen Poststreik. Das Polizeigericht hat die Auflösung der Postbeamtensyndikate, die sich bei dem letzten Ausstande tonftituierten, verfügt. 16 Postbeamte wurden als Gründer der Syndikate zu je 16 Franks Geldstrafe verurteilt.
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Was ist Talonsteuer?
In ber Reihe der Schnellprodukte, welche die neue Mehrheft i-i ber sogenannten Reichsfinanzreform erzeugt hat, steht, was Flüchtigkeit unb Mangelhaftigkeit betrifft, an erster Stelle bie latonfteuer. . _ _ .
Es ist bekannt, datz jebem Wertpapier, ob bie,es nun eine < ttie ober Staatsanleihe oder Stabtanleihe ober Jndustrieodliga- i on ober Pfanbbrief ist, für eine Reihe, meist von zehn Jahren, i • Form eines Bogens: Coupons (Zins scheinen oder Divibendenscheine beigegeben roerben, bie der Besitzer Wertpapieres jeweils am Fälligkeitstermine von jenen Bogen ^schneidet und zur Erhebung seiner Zinsen ober Dividende bei tter Bank rinreicht, bie ihm alsdann den halbjährlichen ober hrlichen Zins- ober Dividendenbetrag auszahlt. Die Bank 15 Vermittlerin gibt dann die verschiedenen Coupons oder Tivi- -ndenscheine an diejenigen Stellen weiter, welche die Zinsen ; »er Dividenden zu zahlen haben. (Staatskasse, Stadtkasse, Hypo- .'kenbank, Aktiengesellschaft usw.) Damit nun ber Besitzer eines -erlpapieres, sobald die Zins- ober Dividendenscheine für bie eilen zehn Jahre sämtlich von jenen Bogen abgeschnitten und i eit gelöst sind, für weitere zehn Jahre einen neuen Bogen mit i-ct gleichen Anzahl Scheine erhalten kann, befindet sich am Kopse nes solchen Zinsscheines ein sogenannter „Talon".
Dieser Talon (zu deutsch: Ferse), neuerdings auch „Erneue- nangsschrin" genannt, enthält weiter nichts als eine Anweisung aB Staates ober der Stabt, Hypothekenbank ober Aktiengesellschaft, t das betreffende Wertpapier ausgegeben haben, daß der Besitzer des in Frage kommenden Wertpapieres an einer bestimmten I teile den neuen Zins- ober Dividendenbogen in Empfang nehmen im. An diesem neuen Bogen beftndet sich selbswerständlich 1 c bie späteren zehn Jahre wieder ein Talon.
An riefen rein äußerlichen Vorgang bes Eintauschens neuer .!ius- unb Divibenbenscheinbogen knüpft bie neue sogenannte clonfteuer an, indem sie vorschreibt, daß ein bestimmter Stempel- ia.5 zu entrichten ist, loenn der neue Bogen ausgegeben wird.
Dieser Stempel ist von zehn zu zehn Jahren zu bezahlen, -im wo rin Bogen für länger als zehn Jahre ausgegeben nn sollte, erhöht sich der Stempel für jedes weitere Jahr um ein Zehntel.
Die neue Steuer beträgt:
Für Divibendenbogen von inländischen Aktien und Kolonial- -ellschasten, sowie von ausländischen Aktien, sofern bie Bogen x letzteren im Inland ausgegeben werden: 1 Prozent.
Für Stabtanleihen, Kreisanleihen, Pfandbriefe: 2 vom «msend.
Für andere Schuldverschreibungen, insbesondere Jndustrie- । iligationeri unb ausländische Obligationen jeder Art, sofern bi« Bogen zu letzteren im Inland ausgegeben werden: 5 vom 7 cufenb.
Sämtliche Steuersätze verstehen sich vom Nominalbeträge le 5 zugehörigen Wertpapieres, ö. h. also: bei einer Aktie von i‘)0O Mk. sind alle zehn Jahre zehn Mk., bei einer Stadtanle'he >1 1000 Mk. alle zehn Jahre 2 Mk., von einer Jnbustrie- idligatton gleichen Wertes alle Jahre 5 Mk. zu zahlen.
Befreit sind nur die Zinsbogen von Staats- und Reichs- »leihen und gemeinnützigen Unternehmungen, sowie alle Zins- bflen, die bei der ersten Ausgabe des betreffenden Wertpapieres iigegeben juerben, indessen nur für die Dauer von zehn Jahren.
Keine Steuer haben zu zahlen alle vor dem 1. August 1909 »^gegebenen Bogen. Hier zeigt sich eine schwere Lücke des Geres. Es ist bekannt, daß zahlreiche Gesellschaften in den letzten cd}en neue Coupousbogen ausgegeben haben, ohne daß die
liiijer i" Verkehr gefetzten Zinsbogen schon völlig abgelaufen neu. Formell sind die Geiellschaften nach dem Wortlaut des Pkfetzes und auch nach seinem Sinne Hierzu unter allen Um- uitben berechtigt. Die flüchtige Fassung der Vorlage macht sich iei scharf bemerkbar, und bereits heute spricht man von einer »oelle zu dem Gesetze.
Aber noch weitere Mängel zeigt das Gesetz. Wenn heute B. eine Stadt die Zinsbogen umtauscht, ist Talonsteuer zu lebten, und zwar ; B. auf 10 000 Mark 20 Mark. Kurze eit nach dem Umtausch wird nun das Wertpapier ausgelost: er zahlt hier die Steuer? Wird sie zurückgezahlt? Das netz sieht nichts vor: eine schier unglaubliche Lücke!
Häufig erfolgt bei Aktiengesellschaften eine Zusammenlegung i Aktienkapitals, z. B. so, daß auS zwei Aktien eine gemacht ■-.ib. SDier ist vielleicht auch gerade bet einem solchen Papier ! e Talonsteuer bezahlt an das Reich, und niemand erstattet die zu üiriechl geleistete Zahlung zurück. Weiter steht in dem ganzen '"rietz kein Wort davon, wer die Steuer zahlen soll.
Bei Aktiengesellschaften, z. B. Banken, wird in ber Regel le Gesellschaft die Steuer zahlen. Sollen auch bie Gemeinden «es tun? Unb welche wirtschaftliche Folge ergibt sich z. B. i Hypothekenbanken? ®ic)'e_ haben bereits erklärt, daß sie die . euer zahlen würden. Sie sehen keine Möglichkeit, die Steuer mf die Pfandbriefbesitzer abzuwälzen, und so werden sie die Zinsen ber von ihnen ausgeliehenen Hypothekenkapitalien er- ! hen. Was freilich kaum der Zweck einer angeblichen Besitz- ||mer ist.
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