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ISS. Jahrgang
Freitag 26. März 1909
Rr. 72 /z Der «etzener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SiehenerZamilienblütter; zweimal roöd)ent(.Kreis= blatt für Öen Kreis Gietzen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land wirtschaftliche Zeitfragen Fernsprech - Anschlüsse: nir die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:
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Die heutige Nummer umfaht 12 Seiten.
Gefterreich und Serbien.
Die Entscheidung über Krieg oder Frieden ist zwar noch nicht gefallen, aber man könnte nach den heule vorliegenden Meldungen WM yenergt sein, eine fridriidK Beilegung des Streitfalls zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien zu erwarten. Der Hauptgrund für cme solche optimistischere Auffassung der Lage ist
......das Nachgeben Rußlands.
Wie nämlich die Agence Havas meldet, ist der russische Minister des Mnvern, Iswolski), entschlossen, ohne Vorbehalt die Annexron Bosniens und der Herzegowina anzu- erkennen in der Hoffnung, daß, auch der österreichische Minister dvS Aeußern, Frhr. v. Aehrenthal, in der Folge den von den Mächten ausgear-beiteten Entwurf der serbischen Note genehmigen nreroe, der übrigens geeignet sei, Oesterreich-Ungarn Garantien zu geben. — Mhnlich lautet auch eine Meldung der Kölnischen Zertung aus Berlin vom 25. März. Hiernach ist Iswolsky der Auffassung beigetreten, daß als Grundlage dev schwebenden Verhandlungen die Erklärung dev Mächte angesehen werden tarnt, daß die Einverleibung Bosniens und der Herzegowina ohne Rückhalt anerkannt und Serbien bedeutet wird, keine andere Macht dürfe daraus irgendwelchen Entschädigungsanspruch ableiten. Nachdem Rußland bedingungslos die Einverleibung Bochriens und der Herzegowina anerkannte, beraten! augenblicklich die Mächte über die Serbien gegenüber anzuwendende Formel. Es ist anzunehmen, daß sich die Mäckwc heute noch schlüssig machen. Die Erklärung hat aora«ssichtlich einen solchen Charakter, daß Serbien jede LZer- zägerung und ein etwaiges AiuÄveichen auf die Konferenz unmöglich gemacht wird. Es ist zu hoffen, daß es sich bei der 23ote stellung m Belgrad imt eine endgültige Stellungnahme Europas handelt, die jeden Zweifel ausschließt, daß die bosnische Frage nn Sinne der Einverleibung in Oesterreich-Ungarn geregelt ist."
Jlü ersten Moment wäre mau geneigt, die gestern erfolgte Abdankung des serbischen Kronprinzen
auf die veränderte Haltung Rußlands zurückzuführen. Eine solche Annahme scheint aber nicht zuzutreffen. Der ausfallende Schritt des serbischen Kronprinz^) hat andere Gründe. Das vom Kronprinzen Georg an den Ministerpräsidenten Novakowitsch gerichtete Schreiben hat wie verlautet, folgenden Wortlaut: „Infolge der verschiedenen über das Ableben des Kammerdieners Kolakovitsch verbreiteten Nachrichten, denen keineswegs entgegengetreten wurde, verzichte ich auf alle mir durch die Verfassung und die Gesetze des Landes eingeräumten besonderen Rechte. Gleichzeitig erkläre ich, daß ich auch weiter bestrebt sein werde, als einfacher Soldat und Bürger dem Staat und dem Landein dienen."
In politischen Kreisen wird die Affäre des Kaiumerdieners Kolakovitsch, die zu dem gestern erfolgten B e r z i ch t d c s K r » u- Prinzen Georg auf die Thronfolgerechte geführt hat, folgenderMaßeu dargestellt: Am 14. März geriet Kronprinz Wcorg infolge einer llnachtsamtait seines Kanmierdiem'rs Kolakovitsch derart in Zorn, daß er demselben einen Schlag ins Gesicht versetzte. Kolakvvitsch, welcher mit einem leichten Bruche behaftet war, verließ schleunigst das Zimmer, wankte durch das Vorzimmer und stürzte: er zog sich hierbei eine Verletzung in der Magengegend bei. Er wurde in das Spital überführt, wo er am nächsten Tage operiert wurde: zwei Tage später starb er an den Folgen dieser Operation. Bor seinem Ableben hatte Kolakovitsch die Erklärung abgegeben, daß dieser Vorfall in der oben geschilderten Weise sich zugetragen habe. Es scheint indessen, daß er sich seinen Freunden gegenüber in anderem Sinne geäußert habe, daß ihm nämsich die Verletzung direkt vom Kronprinzen zugefügt worden sei. — Am 20. März veröffentlichte das Blatt „Zvono", welches seit seinem Erscheinen wiederholt die heftigsten Angriffe gegen den Kronprinzen gemacht hatte, eine Darstellung des Vorfalls, nach welcher der Kronprinz Georg als Mörder K'olakovttichs hingestellt und gleichzeitig seine Internierung oder Verhaftung gefordert wurde. Der Umstand, daß von maßgebender Seite auf diese schwere Be-
schuldigung in keinerlei Weise reagiert wurde, hatte zur Folge, daß auch andere serbische Blätter eine sofortige Aufklärung des Vorfalles verlangten. Als aber auch auf diese Forderung der Oeffentlichkeit keine ofsizielle Mitteilung über den wahren Sachverhalt gemacht wurde, entschloß sich der Kronprinz, welcher sich seit der vom „Zvono" gegen ihn erhobenen Anklage in einem Zustand größter geistiger Erregung befand, durch sein an den Ministerpräsidenten Novakowitsch gerichtetes Schreiben über seine Verzichtleistung auf das Thronfolgerecht, die Aiöglichkeit zu.finden, die von dem Blatte „Zvono" gegen ihn geforderte gerichtliche Untersuchung einzuleiten. Kronprinz Georg, dem selbst von seinen Gegnern große Wahrheitsliebe nicht abgesprochen wird, beteuert auf das Entschiedenste, daß die von dem Blatte „Zvono" gegen Um erhobenen Beschuldigungen niedrige Verleumdungen seien. In der Umgebung des Kronprinzen wird versichert, daß die künstliche Aufbauschung der Affäre Kolakovitsch von den Feinden des Kronprinzen zu einer polittschen Jntrigue ausgebeutet wurde.
Die Nachrichten von der Abdikation des Kronprinzen Georg hinsichtlich seiner Thronfolgerechte verbreiteten sich in Belgrad ungemein rasch und riefen allerseits die größte Bestürzung hervor. Es verbreiteten sich auch sofort die widersprechendsten Gerüchte, nach welchen der Schritt des Kronprinzen mit der aus- wärttgen Lage in Verbindung gebracht wurde. Es wurde auch behauptet, daß die Regierung im Einvernehmen mit dem König den Kronprinzen zu diesem Schritt gezwungen habe, um durch eine Lahmlegung der- Kriegspartei, an deren Spitze Kronprinz Georg stand, die ffiedliche Beilegung des österreichisch-serbischen Konfliktes zu ermöglichen. Diese Vermutung stützte sich besonders auf den Umstand, daß die Regierung durch ihr beharrliches Schweigen gegenüber den schweren Anklagen des Blattes „Zvono" wesentlich dazu beigetragen hat, daß die Affäre Kolakovitsch zu so großer Bedeutung gelangt ist. An maßgebender Stelle wird diesen Gerüchten gegenüber erklärt, daß alle Nachrichten über eine Beein- flussung des Kronprinzen seitens der Hof- unb Regierungskrei.se vollkommen unbegründet seien. Kronprinz Georg habe aus eigener Initiative gehandelt: sein Vorgehen habe durchaus seinem offenen Charakter entsprochen. Durch seinen Verzicht habe er 'einen eklatanten Beweis seines Ehrempsindens gegeben: er habe hierdurch gezeigt, daß er für seine durch die Verleumdung besudelte persönliche Ehre alles zu opfern bereit sei. — Der Verzicht hat in den Kreisen der Kriegspartei konsternierend gewirkt anstelle der bisherigen hoffnungsffeudigen (Stimmung sei allgemeine Niedergeschlagenheit getreten. Jene Kreise, welche durch die Entstellung der Affäre Kolakovitsch den Verzicht des Kronprinzen herbeigeführt haben, werden aufs schärfste verurteilt. — Es wird auch der Verdacht laut, daß die ^nttigucn gegen den Kronprinzen in der Umgebung des vor kurzem nach Belgrad zurückgekehrten Prinzen Alexander gesponnen worden seien. Das Tagesereignis wird in der Stadt lebhaft besprochen. Das Interesse für die auswärtige Lage ist momentan wesentlich zurückgetreten.
Gestern nachmittag fand unter dem Vorsitze des Königs ein mehrstündiger Ministerrat statt, über dessen Beschlüsse heute ein Kommunione ver offen Nickst werden wird. Inzwischen erklärt Prinz Alexander kategorisch, daß er die Thronfolgerechte des Kron- prmzeir unter den obwaltenden Umständen nicht a n n e h m e n werbe. - Im Zusammenhänge mit der Abdankung des Kron- prinzen werden nun Unruhen befürchtet. Die Kriegsvartei wendet sich scharf gegen die Verschwörerpartei, der sie die Schuld gibt, die Abdankung her bei geführt zu haben.
Die veränderte Lage
findet in der, Presse bisher noch wenige Besprechungen.
Tie Boss. Ztg. meldet aus Wien: Während die internationale Lage durch die Anerkennung der 'Angliederung Bosniens und der Herzegowina durch Rußland als wesentlich entlastet gilt, besteht die serbische Frage in un gemilderter Schärfe fo rt. Ueber die Art ihrer Lösung liegt die Entscheidung auch jetzt nur Mischen Wien und Belgrad.
AnläUich der Anerkennung der Annexion Bosniens und der Herzvgvroina seitens Rußlands schreibt der „Siöcle": Es schein! nicht nwglich, daß England und Frankreich der Abschaffiing des Artikels 25 des Berliner Vertrages zustimmen werden, wenn sie
nicht die vollständige lftewißheit haben, daß Ocftcrreidy-Ungarn keine militärischen Maßnahmen gegen Serbien ergreifen werde. Wir glauben zu wissen, daß Frankreich glücklich nräce, meint es öon Oesterreich-Ungarn diesbezügliche Versickserungen erhielte.
_ Der „T e m ps" führt abermals eine s e hr heftig« Sprache gegen Oesterreich-Ungarn und sagt: Rußland Hütte, falls es bedroht worden wäre, mit seiner gefamtenj Straft in Europa vor gehen können. Wenn Oesterreick) die Un» klughcit begangen hätte, sich mit Rußland zu messen, dann hätte eS gar bald gesehen — ünd mir schreiben dies nicht leicht hin — wir die Reste des Dreibundes unter einem italienischen Angriff &u* sammengebrochen wären.
Wie das Rentersche Bureau erfährt, ist man in Londoner diplo-* motischen Kreisen noch immer nicht geneigt, die Lage von dev ernstesten Seite aufzufassen. Während Oesterreich-Ungarn gegen die Greysche Formel eine Reihe von Einwendungen erhob, die sich hauptsächlich auf Fragen der Form und des Wortlautes des sev- bischen Verzichtes auf Kompensationen für die Annexion Bosniens und der Herzegowina, sowie des Wortlautes der Erklärung der friedlichen Absichten beziehen, nehmen die Versuche, zu einend Kompromiß zwischen den Ansichten des Wiener und des Low- dvner Kabinettes zu gelangen, ihren Fortgang. Mit Bezug auf die Meldung, daß die Frage der Annexion Bosniens und der Hertze- gvwina durch die Mächte in die Verhandlungen einbezogcn worden, erfährt Reuter, daß die britische Regierung an ihrer ursprüng licken Ansicht fest halte, daß eine solche An- erkennungnurgemeinsam durch dieBerlinerSig- natarmächte erfolgen könne. Soiveit sich feststellen ließe, fei in der schwebenden Verhandlung nichts darüber vorgesehen, daß Serbien Oesterreich-Ungarn eine bindende Garantie für seine friedlichen Absichten auf eine bestimmte Reihe von Jahren geben solle.
Aus Stafct und Land.
Gießen, 26. März 1909.
Aus der Sitzung der Stadtverordneten.
Die gestrige Sitzung der Stadtverordneten hatte ein bedeutendes Arbeitspensum zu erledigen, was auch trotz der manchmal ausgiebigen Diskussion bis auf einige wenige Gegenstände, die in der Deputation noch nicht vorberaten werden konnten, gelang. Zunächst stand der Verwaltungs- bericht und die Rechnung für 1907 zur Beratung, die nach altem Gebrauch dem Finanzausschuß zur Vorberatung überwiesen wurden. Vorher machte Stadtv. Krumm einige Be- merkungen dazu, die neben einigen wenigen Ausstellungen: und Wünschen mancherlei Lob für die städtisck)en Einrich- tnngen — namentlich für die städtischen Betriebe und das Stadttheater — brachten und zum Schluß in den Worten ansklangen, daß der gesamte Bericht das Gefühl erwecke, die Entwickelung der Stadt sei als durchaus angenehm und erfreulich zu bezeichnen. Bei der politischen Stellung des Redners ist diese Anerkenirung besonders erfreulich, zeigt sie doch, daß auch unter den jetzigen Verhältnissen eine fortschrittliche Entwickelung möglich ist, die selbst radikalen Politikern genügend und erfreulich erscheint, eine Möglichkeit, die von den Anhängern der sozialdemokratischen Partei im allgemeinen bestritten zu werden pflegt. Die vom Stadtv. Krumm gestellte Frage, wie es möglich sei, daß der stüdtifcherseits mit 12 000 000 Mark eingeschätzte Grundbesitz der Stadt von einer staatlick)en Kommission anläßlich der Einführung der Wertzuwachssteuer auf 20 Mill, geschätzt werden tonnte, brachte die interessante Tatsache, daß diese Kommission auch die städtischen Straßen als Ver- mögensbestandteile eingeschätzt hatte und zwar zu Preisen, die den in der Nähe bezahlten Gelandepreisen für Bauland entsprachen. Dem gegenüber wurde die Ansicht vertreten, daß das Straßengelände beim öffentlichen Güterverkehr ausscheide und keinen Verkaufs
ver ttamps um den Südpol.
Die Meldung von der Rückkehr der antarktischen Expedition des Leutnant Shackleton, der bis zu 88° 23' vorgedrungen ist, während er nach einem ersten Bericht poqvr den Südpol entdeckt haben sollte, bebentet eine wichtige Etappe üt dem Kampf um den Südpol, der später begonnen und nicht mit gleicher Lebhaftigkeit geführt, lö-tc der um den Nordpol, nun doch eher ine Erreichung des sehn sichst erstrebten Zieles zu genwhren scheint. Die Länder um den Nordpol boten, immer hin spärlich bevölkert und von Amerika und Eurasien eng um schloffen, noch eine günstigere Mi sucht auf Erfolg als die nnbewolmte, von gewaltigen Eisbergen starrende Wasserwüste der Südpolarregion. Der Gedmrke eines „unbekannten Südlandes", jenes antarktischen Kontinents, mit dem sich die Jvrsckfllltg and noch mehr die Phantasie so viel beschäftigt, veranlaßte 1772 den Welttimsegler Cook, zmn erstenmal eine Spedition nach den Südpolarl ändern artszurüsten: bis 70° 15' südlicher Breite drang er vor und glaubte nach seinen Erfahrungen, da er nirgends aus Land stieß, den einheltsichen SüdkontineM, die „Serra australis", ms Reich der Fabel verweisen zu können. Fast ein halbes Jahrhundert später erst fefrte ter russische See- mawn Fabian Gottlieb von B e l l i ng sHausen dre Forschungen, die man nach Covls Resultaten ganz aufgegeben hatte, werter fort, wiederholte in den Jahren 1819—21 Cooktz Fahtt Und erreichte zwar keine so lpheir Breiten, sah aber dafür Land, so daß ixe N>ee vvn dem imbetanurten SÜdkoittinent wieder auflebte. Irr den nächsten anderthalb IehrHetatten folgte mm tat Entdeckung einzelner Eiländer durch Walsischfanger', ixe tneie Gebiete nach ihren eigenen Namen Biscoe, K emP- und BallenewÄnfeln und nach dem Namen der Londoner Firma, in deren ‘.Lienitem we standen, Enderbhinsel benannten. Der Walsrichfängcr James Weddell drang sogar ohne Hindernis bis zu 74° Io' lüdsicher Breite vor und nun wurde erst das Iirterefse an der Südpolarwttchung erweckt, nachdem auch Alexander von Humboldt imb der Mathe mattier Gauß auf die Wichtigkeit crbmagnetiftfcer Untersuchungen m dieser entlegenen Regien hingewiesen hatten. Die verschicbeneit Erpedi turnen, die der Franzose Du m vnrt d'Urvillc und der Lumen taner Charles W i l les ziem sich gleichzeitig unternahmen, waven mir von geringem Erfolge begleitet: beide entdeckten im Lüden von Australien ununterbrochen Land, dessen Existenz der eine dem andern bestritt, führten eitregtc Debatten über den antarktischen Kontinent, den sie beide entdeckt zu haben glaubten, aber Über dessen Ausdehnung ihre Ansichten weit auseinsndergingen, und schufen sv noch mehr Unklarheit in diesen schwierigen (wagen. Einen großen und enffcheidenden Fortschritt brachten die drei kühnen Vorstöße des Engländers Sir James (Slarf R o ß, der bis zu 78° R 30” südlicher Breite kam Er entdeckte zwei mächtige kegelförmige Vulkane, die er nach seinen Schiffen Erebus und
Terror benannte, und durchforschte ein ganzes großes Landgebiet, dem er den s)tamcn Viktoria Land gab. Seine Expeditionen brachten auch sonst reickse wissenfcksiaftliche Ausbeute, tteffliche erdmagnetische, erdphhsitalische und meteorologische Beobachtungen, die ersten Tieffeelotungen in der Antarktis und den durch Anwendung der Schleppnetzfischerei erlangten iliachweis, daß in den Tiefen des südlichen Eismeers lebende Korallen existieren. . Nach seinen Erfolgen aber erlahmte wieder das Interesse an der Süd volar- forschung und auch die dreißig Jahre später unternommene Expedition des Deutsche?! Dallmann (1873) wußte dem Südpol nicht die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die man dem Nordpol in so reichem Maße zuwandte. Erst seit Heu neunziger Jahren erwachte ein reger Wettstreit unter den Nationen, auch die Rätsel der Antarktis zu lösen und bis zum Südpol vorzudvingen. Eine ununterbrochene Kette großartiger und wissenschaftlich werwoller Forscherfahrten schloß sich aneinander, als deren letztes, erfolgreiches Glied die Expedition des Leutnant Shacklewn erscheint.
Schon seit 1882/83 bestanden zwei Beobachtungsstationen in den Südpolarländern, eine deutsche in -Süd-Georgien und eine französische auf Kap Hoorn. Auf dem deuffchen Geographenlage von 1895 wurde die Wichtigkeit der antarktischen Probleme betont unb eine deutsche Kommission für Südpolarforschung eingesetzt. Der sliorweger Borchgrevink bewerkstelligte zum erstenmal die Landung auf antarktisckiem Festland und die belgische-Expedition unter Leitung des Schiffsleutnants deGerlache verbrackste zuerst den Winter 1898/99 unter 70° südlicher Breite. Diese Ueber- trintenmg, sv wie die 1899/1900 durchgeführte Bo-pchgrevinks zeitigten reiche wissenschaftliche Resultate über Klima und Boden- geftnlt des Südpolargebietes. In den Jahren 1901 und 1902 gingen vier Expeditionen aus, die deutsche „Gauß"-Expedilion unter v. Drh g alsky, die das Kaiser Wilhelm II.-Land entdeckte uiti) die ersten großen Schlittenreisen unternahm, die sckwttifckie antarktische Expedition der Sootia, die schwedische unter der Leitung von Otto Nv rdenskiö ld, die bei ihrer Uebewintenmg von besonders schweren Tchich'alen heimgesucht wurde, und als vierte die englische Expedition unter Scott auf der „Diswvery", an der Shackleton teisitahnt. Sott verbrachte mehr als zwei Jahre in der Antarktis und unternahm seine zwei großen denkwürdigen Sckstittenreifen, wobei er auf der einen bis 82° 17’ gelangte und auf der anderen ein unbefcmrtcS Land entdeckte, lxrs er nach Eduard VII. taufte. Nach Süden lstn drang er bis zu einer langen Bergkette vor, deren hocksttene Berg von etwa *0 000 Fuß er Mount Longstafs nannte. An dieser wichttgen Reise, deren Resultate in einem zweibändigen prächtigen Werk 1905 veröffeittlicht wurden, hatte Sl-ackteton bedentsmnen dttttcil gehabt: auf ihren Erfahrungen und Ergelrniffen baute er feinen Man auf, den er itun anscheinend sv glücklich durchgeftilirt hat. Er beabsichtigte für die Schlittenreffe, die ihn zum Südpol sichren sollte, ein sinn
reich konstruiertes Automobil zu benutzen und außerdem statt der Eskimohunde mandschurische Ponys zu verwenden. Sein Sckiff, der „Nimrod", sollte zunächst die Mste von Süd-Viktoria land verfolgen bis zu der von Roß entdeckten großen Eiswand: den AusgangSpuillt für seine Schlittenreise sollte das von Sevtt entdeckte König Eduard VII.-Land bilden, mo ein Winterhaus errichte t werden sollte. Im Oktober wollte er die entscheidende Fal rt nach dem Pol beginnen und hoffte, nach Ueberwindung der großen Bergkette in zehn lns zwölf Tagen den "Pol zu erreichen. Im Januar meinte er wieder bei seinem Wütterlsaus eintreffen zu können und bei günftigem Gelingen im dlpril in Neu-Seela^ zu sein. Nun ist er früher, als ec erwartet, eingetroffen, und er hat einen neuen glänzenden Rekord aufgestellt im .Kamps ums den Südpol.
Ter wichtigste Teil der Expedftion Shacklewns bestand nach em er Meldung der „Daily Mail" in einer 1 26 Tagewä hre irden Schlittenreife, bei der 1780 Meilen zurückgelegt wurden, bis man bei 88 Grad 23 Minuten südlicher Breite und 162 Grad östlicher Länge umkehrte. An diesem Punkte erftreifte sich das Land nach Süden in einer weiten Schnee fläche mit einer Hohe von 3500 Meter, olyne daß Berge zu sehen waren. Die gemaditen geologischen Entdeckungen werfen ein bedeutsames Licht auf die Geschichte des antarktischen KöMinentes. Sämtliche Teilnehmer der Expedition sind zurückgeke Hut.
— Dre Tanzschule der Lote Fuller. Im Opernhaus von Boswn werden die Freunde phantasievoller Tanzkunst demnächst eine interessante Aufführung erleben: zunt ersten Male wird Lote Fuller die Schülerinnen ihrer Tanzschule anffretert lassen imb die jungen Tänzerinnen werden zeigen, ob Lose Fullers Tanzpädagogik zu jenen Zielen führt, die die Lehrerin ersehnt Denn Loie Fuller hat ihre eigene Lehrmethode: sie nimmt als Schülerinnen nur kleine Mädchen an, die niemals in ihrem "eben Tanzstunde gehabt haben. Die kleinen Schülerinnen bekommen! einen ^chleter, can Walzer wird gespielt und sie werden aufgefordert sich l? ru bewegen, rote es ihnen einfällt und wozu die Musik sie antreibt ^te,e ungezwungene, auf das rhythmisch Nattirgeftihl der Kmder zuruckgelsende Lehrmetlsode soll den Tanzen der kleinen „Fuller-Mädchen eine anmutige Frische der Natürlichkeit geben, tae auch Rodm für diese Versuche begeistert hat. Im vergangenen ^onwter freraM)taltctcn bte kleinen Schülerinnen in dem Hause Lamme ,ffammanons tm Bois du Boulogne eine Tanzaufführung, tie pariser Künstler, die dem anmutigen Feste bete wohmen, begeistert waren.
a. ~7 ® fre.1 n £ & b r o n i E aus Kunst und Wissenschaft. ~.er bekannte Phrssiker und Entdecker der Kathoden- Strahlen, Geh Regterungsrat Professor Tr. Wilhelm p i t l o r f in M ü n st e ti i. vollendet am 2-7. März das 8ö. Lebensjahr.


