Ausgabe 
30.6.1909 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.

Rechte, welche rn das öffattliche Leben Deutsch-1 Zentralcniftalt Butzbach zähle durchschnittlich 530 $e=-

KdÄte* unendttch ern,ter ist, als Eugene das c« 270

rZrrslasÄd.

Aus Petersburg. Die Hofkreise halten es für wahr­scheinlich, daß die Kaiserin ihren Gemahl auf der Reise nach Frankreich und England nicht begleiten werde. Dagegen gilt als sicher, daß Iswolsky sich im Gefolge des Kaisers Nikolaus befinden wird.

Die Gegner des Schahs von Persien erhalten angeblich für ihren gegen Teheran von vier Seiten unter­nommenen Anmarsch von allen Enden Persiens Verstärk­ungen. Nach einer Meldung au§ Kaswin habe die Be­lagerung Teherans bereits begonnen. Ein aus Persien zlirückqerufener Teil der russischen Truppen in StyrkS von vier Bataillonen erhielt den Befehl, dorthin zurückzukehren.

Nr. 150

Der Siebener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich Siehener§amillrnblätter; zweimalwöchentl.ttreis- blattsürüenttreisSiehen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land- wirtschaftliche Zeitsragen Fernsprech - Anschlüffe: für die Redaktion 112, . Verlag u. Expedition 51

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Anzeiger Gießen.

Annahme von Anzeigen für die Lagesnummer bis vormittags 9 Uhr.

Der hessische Schutzverein für erMassene Gefangene hielt am 29. Juni im Amtsgerichtsgebäude zu Offenbach seine diesjährige Generalversammlung ab, die sehr zahlreich von Vertretern aus allen drei Provinzen des Landes, auch von Damen besucht war. Als Vertreter des Ministeriums war Regierungsrat Dr. Wörner erschienen: ferner be- inerkten wir: Prälat Dr. Flö rin g-Darmstadt. Kreisrat Lochmann, Bürgermeister Dr. Dullo und Oberamts- rüchter Landmann aus Offenbach, Oberstaatsanwalt Dr. Buff- Mainz, Oberlandesgerichlsrat Theobald Darm­stadt, Oberstaatsanwalt v. Hesse rt. Oberstaatsanwalt Lang-Gießen, Oberbürgermeister Köhler-Worms, die Direktoren Clement und Bornemann u. a. m. Herr General- staatsanwalt Dr. Praetorius begrü-1? als Vorsitzender die stattliche Versammlung und betonte, daß die Versamm- zum erstenmal in Offenbach tage, das bisher noch als Neu- Land für die Bestrebungen des Vereins gelten konnte; er hoffe, auch hier einen guten Boden zu finden, denn die Vereinstätigkeit werde von Kreis und Stadt Offenbach in ganz besonderem Maße in An'pruch genommen. Es wurden im Jahre 1907 für Offenbach 2226 Mk. Unterstützungsgelder, für Darmstadt 1075 Mk., für Mainz 1281 Mk., für Worms 515 Mk. und für Gießen 491 M k. ausgegeben; im ganzen betrugen die Unterstützungen für 1907 8331 Mk. In einem interessanten geschichtlichen Rückblick betonte der Redner, daß der Verein im Jahre 1837 von der Großh. Regierung angeregt und 1839 gegründet wurde. Also schon vor 70 Jahren sei sich die Regierung über die Bedeutung eines solchen Vereins klar gewesen. Die Satzungen des Vereins wurden 1862 und dann 1901 einer Erneuerung unterzogen und seine Bestrebungen mit den Forderungen des praktischen Lebens in Einklang gebracht, wobei als Hauptzweck be- 'timmt wurde, daß der Verein sowohl während, wie nach der Haft dem Gefangenen und seiner Familie helfend und fördernd ßur Seite stehen wolle. Der Verein hatte nach einer Gründung 895 Akitglieder, deren Zahl 1863 auf 1452, 1891 auf 1817 und 1904 auf 3004 Mitglieder stieg. Tie Summe der Jahresbeiträge ist 1908 zum erstenmal auf mehr als 6000 Aäk. gestiegen. Der Verein ist der einzige in Deutschland, der üi einem innigen Zusammenhang mit der Regierung steht, die mehr als andere Staaten von der Wichtigkeit der Vereinsbestrebungen durchdrungen sei. Tie

Die Auflösung des Reichstages

tmll die Reichsregierung jetzt angeblich ernster als bisher in Er- wagung ziehen. So erzählte man siä>s gestern an der Berliner £°5c' und Einige wollten sogar wissen, daß die Auflösung des Reichstages heute erfolgen werde. Wahrscheinlich gründen sich solcherlei Gerüchte darauf, daß der Kaiser Mitglieder des neu» gegründeten Hansabuudes empfangen hat. Eine Bestätigung der Bgrsengeruchte fehlt natürlich. Die meisten Berliner 'Morgen­blätter wissen mir von Kvmpromißabsichten zu melden. Ein Komprornitz bezüglich der Reichssinanzreform werde dahin an­gestrebt, daß als Ersatzstenern für die von der Regierung ab- gelehnte .Kotierungssteuer, Mühlenumsatzsteuer und Kohlenausfuhr­zoll solche gelten lassen würden, welche die Börse belasten, darunter eme Dividenden-, Effekten- und Jmniobilienumsatzsteuer.

Aehnliches erfährt auch dieKölnische Zeitung", und sie meint wohl mäst ganz mit Anrecht daß die jetzige Krise einzig und allein dem Umfalle der verbündeten Re- gierirngen entspringe. Sie haben daspositive Ergebnis" der Reick)stagsverhandlungen gar nickt erst abgewartet, sondern schon voraus erklärt, daß sie die Reform mit der neuen Mehrheit machen und nur zusehen würden, das mißgestaltete Gebilde des schwarzen Blocks soweit zu veredeln, daß ihm wenigstens die schädlichsten Auswüchse Kotierungssteuer, Mühlenumsatzsteuer und Kohlenausfuhrzoll ausgeschnitten würden. Bei dieser Nei gung des Bundesrats, vor dem konservativ-klerikal-polnischen Bunde zu kapitulieren, angesichts eines Umfalls, der nach den großen Worten, mit denen die Vertreter der Einzelstaaten sich gegen die Steuerverschlechterung durch diese Mehrheit gewehrt haben, schier für uimiöglich gehalten wurde, konnte freilich Fürst Bülow die Geschäfte nicht weiter führen, wenn er nicht mit deni Bundesrat . seme ganze Reputation aufs Spiel setzen wollte... Mit Spannung wird man vernehmen, wie der Bundesrat seinen Umfall be= gründen, wie er es motivieren wird, daß er nun dem deutschen Sbolfe zunrutet, nicht nur die schlechte Steuergesetzgebung des ichwarzen Blocks zu schlucken, sondern auch die natürlichen Folgen .der Politischen Reaktion auf sich zu nehmen, die jetzt cinsetzt.

Ueber das, was uns hun bevorsteht, äußern sich dieBerl. Reuelt. Nachr." zutreffend folgendermaßen: Ist Fürst Bülow entschlossen, mit seinem Abgang sich selbst im angeblichen In reresse der Sache und des Zustandekommens der Reform zu opfern, und ist der Kaiser bereit, dieses Opfer anzunehmen'? Tas Ware der schwerste und folgenreichste Fehler, der überhaupt gc umckst werden könnte, denn er würde die Wiederaufrichtung der Zentrumsherrschaft in allerschlimmster Form bedeuten. Wie lange die Konservativen den Bolen und dem Zentrum den Steigbügel halten werden und müssen, läßt sich nicht voraussehen, aber daß auch nur eme kürzere Herrschaft der jetzigen Reichstagsmehrheit für die Gestaltung unserer politischen Verhältnisse von verhäng­nisvoller Wirrung sein muß, Haven die letzten Wockien mehr als zur Genüge ^bewiesen. .Ebensowenig aber »nie Fürst Bülow sich unter das Joch des Zentrums beugen will, ebensowenig kann dies einer seiner Nachfolger tun. Denn darüber muß man sich klar sein: wenn auch die Rache des Zentrums zunächst den Fürsten Bülow persönlich getroffen har, so soll sie doch in Wirklichkeit noch weit über dieses Ziel hinausgehen. Ist doch die Ursaclre des Zen- 'trumshasses darin zu suchest, daß eine Regierung es überhaupt gewagt hat, den antinationalen und arroganten Machtaelüften dieser Partei, die entschlossen danach strebt, bayerische Verhält­nisse im ganzen Reiclie einzuführen, entschieden entgegenzutreten. Zustände aber, wie sie in Bayern leider noch möglich sind und die von allen national empftndenden Männern in Bayern und im

Ans Stadt und Land.

Gießen, 30. Juni 1909.

** Tageskalender. Stadttheater: Operetten-Gastspiel' F a t i n i tz a". Anfang 8 Uhr.

S. K. H. der Groß Herzog hat den oon den Frei- Herren v. Nordeck zur Rabenau auf die evangelische Pfarr- stelle zu Londorf präsentierten Pfarrvikar Wilhelm Hof­mann zu Wingershausen für diese Stelle bestätigt.

** Erledigte Lehrerstellen. Erledigt sind an der Volksschule zu Offenbach 10 Lehrerslellen, von denen 5 mit evangelischen und 5 mit katholischen Lehrern besetzt werden sollen, und eine mit einer evangelischen Lehrerin zu besetzende Lehrerinstelle; eine mit einem evangelischen Lehrer 4" besetzende Lehrerstelle zu Auerbach; die mit einem evan­gelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle zu Hartmanns- Hain, Kreis Schotten; die mit katholischen Lehrern zu be­setzenden Lehrerstellen zu Gundheim, Monzernheim und zu Ilbenstadt. Mit den Stellen ist Organistendienst verbunden.

" Bei dem morgigen JahreSfest der LandeS- nniversität ist der Zugang zur neuen Aula für die Festteilnehmer ausschließlich von dem Haupteingang des Kollegiengebäudes in der Ludmigstraße aus vorgesehen, der Eingang von der Goethestraße aus bleibt für die studentischen Fahnenträger und die Mitglieder des akademischen Gesangver­eins reserviert; da die neue Aula für einen größeren Kreis Platz gewährt, sind bei der Feier, die um 11 Uhr beginnt, außer den geladenen Gästen auch andere Freunde der Universität willkommen; einer besonderen Eintrittskarte bedarf es dabei nicht.

Denkmalpflege in Hessen. Für die Denkmal­pflege im Großherzogtum sind für daS Jahr 1909 36 500 Mk. vorgesehen; u. a. für das Rathaus in Büdingen als zweite Rate 3000 Mk.; für das Rathaus in Alsfeld als erste Rate von 20 000 Mk. ein Betrag von 6000 Mk. Der Entwurf ür das Rathaus ist fertiggestellt und zu 76 000 Mk. ver­anschlagt, wovon auf bauliche, im Sinne der Denkmalpflege notwendige Herstellungsarbeiten etwa 60 000 Mk. kommen. Davon i|i als Staatszuschuß etwa ein Drittel, also 20000Mk., angenommen. Außer diesen Beträgen steheli noch 9000 Mk pic die Erhaltung und Wiederherstellung staatlicher Bau- und Kunstdenkmäler zur Verfügung. Der Betrag dient für be­sondere Herstellungen, für maßvolle Ergänzung und Schutz der bemerkenswerten staatlicheri Schloß- und Burgruinen und für deren Aufnahme.

"nd Die Frauenftrasanftalt zu Mainz 60, während im Arrest- ju Darmstadt 25 jugendliche Gefangene vorhanden seien. Der Verein richte seine Mrsorge namenllich auf die Gefangenen mit längerer Strafdauer und lasse sie allen zuteil werden, die es wünschen. Im Fahre 1908 wurden bom Verein 236 Pfleglinge neu ausgenommen, darunter 50 weiblick)e. Dem Familienstand nach waren 95 Pfleglinge avch ledig, 130 verheiratet, 63 waren erstmalig bestraft, 17o rückfällig. Dem Wohnsitz nach waren 112 Pfleglinge aus Starkenburg, 28 aus O b e r h e s s e n und 67 aus Rhein- Ijeffen, also insgesamt 207 Hessen, von den übrigen stammten 12 aus Preußen, 11 aus Bayern. 152 Pfleglinge waren evangelisch, 84 katholisch. An Unterstützungen'wurden vom Verem 1908 für Starkenburg 3633 Mk., für O b e r h e s s e n 1488 Mk. und für Rheinhessen 1632 Mk. verausgabt, zu­sammen mit 583 Mk. außerordentlicher Unterstützungen H38 Mk. Eine der wichtigsten Fragen fei die Unterbringung ber Pfleglinge nach der Haftentlassung. Der Verein habe sich dieserhalb an alle großen Betriebe des Landes gewandt und erfreulicherweise auch zumeist volles Entgegenkommen gesunden, auch in Offenbach. Sehr wertvoll sei die Be­stellung eines Beistandes für den Gefangenen, sowie die Familienfürsorge während der Haftzeit; der Verband der Mainzer Mauenvereine habe im vorigen Jahre eine sehr gute Tätigkeit als Beistand entfaltet. Aus dem vom Vor­sitzenden gegebenen Rechenschaftsbericht für 1908 ist zu er­wähnen, daß die Einnahme 14 224 Mk. betrug, darunter Mitgliederbeiträae 6018 Mk., besondere Geschenke 2717 Mk., Zuschuß aus anderen Kassen 2048 Mk., Kapitalzinsen 1835 Mark. Die Ausgaben betrugen 12 279 Mk. Von den Pfleg­lingen wurden in 150 Fällen Geldunterstützungen nach ge­sucht und in 126 Fällen gewährt, während sich in 24 Fällen die Unterstützung als unnötig erwies. In 82 Fällen wurde um Beschaffung von Arbeitsgelegenheit nachgesucht, die auch in 62 Fällen gelang. Im Jahre 1907 waren von 218 ausge­nommenen Pfleglingen 36 rückfällig geworden, bei 13 wurde che Führung^ als schlecht bezeichnet, während sich 169 Pfleg­linge, also 77i/o Proz., gut geführt haben gewiß ein schöner Erfolg der humanen Bestrebungen des Vereins. Die Rechnung für 1908 und der Voranschlag für das neue Jahr wurden darauf genehmigt; das Vereinsvermögen beträgt 60333 Mk. Bei der daraus stattgehabten Ausschußwahl der Vorstand besteht aus den vom Großherzog ernannten: Generalstaatsanwalt Dr. Praetorius, Vorsitzender, Oberlandesgerichtsrat i. P. H e ß , Stellvertreter, und Kanz- leidirektor B e ck er als Schriftführer wurde an Stelle des ausgeschiedenen, weil zum Gesandten in Berlin crnannlen Geh. Rat Mhrn. v. Gagern Provinzialdirektor v. 5?om- b er g k-Mainz gewählt; im übrigen erfolgte die Wieder­wahl der Herren Prov.-Dir. Geheimerat Dr. Breidert- Gießen, Prov.-Dir. Geh. Rat Frhr. v. Gr a neN-Darm­stadt, Geh. Reg.-Rat Kreisrat Dr. Kayser-Worms, Ober­bürgermeister Köhler-Worms, Sup. Obertonsistorialrat D. Petersen, Oberlandesgerichtsräte Theobald nnd Rohde-Darmstadt und Domdetan Dr. Selbst-Mainz.

Reiche aufs tiefste beklagt werden, würden für das Reick erst recht von den unerträglichsten und verhängnisvollsten Folgen sein. Eine Reichsregierung, die so unabhängig vorn Zentrum wäre wie die bayrische, würde den stärksten Sturm nationalen Unwillens ent-" fachen, der feit den Freiheitskriegen deutsche Lande durchbraust hat. Und wem gilt die nädtftc Demütigung, wenn die Schwarzen am Fürsten Bülow ihr Mütchen gekühlt haben? Nun, die Antwort kann nicht schtver fallen: dem Träger der Krone, der aus reinem nationalen Empfinden heraus das Ergebnis der letzten Wahlen als Befreiung empfunden und diesem Gefühle den deutlichsten Ausdruck gegeben hat. Aber noch weiter ivird die Rache des Zentrums gehen: eine Hetze gegen alles, was national ist, wird einsetzen und die schlimmsten Tage politischer BrunnLnvergiftung, wie sie Deutschland noch nie erlebt Hal, werden kommen.

Interessant ist es, zu sagen, daß man selbst in Frankreich die Lage ähnlich beurteilt. Die französischen Blätter beschäftigen sich nämlich fortgesetzt sehr eifrig mit der Kanzlerkrisis und der durch "das Schicksal der Reichsfinanzreform geschaffenen Lage. Der Temps" schreibt: Die gestrige Note derNorddeutschen Allge­meinen Zeitung" scheint in betreff des Entschlusses des Fürsten von Bülow keinerlei Zweifel mehr ^obwalten zu lassen, aber sie wirft kein sehr deutliches Licht auf die Absichten des Kaisers. Der Kaiser willigt ein, sich vom Reichskanzler zu trennen, aber er bittet ihn, so lange zu bleiben, bis die Finanzreform erledigt wäre, da er der Geeignetste sei, um dieses Ziel zu verwirklichen. Wer hatte das geglaubt? Ist der Kampf der Opposition nichr hauptsächlich gegen die Person des Reichskanzlers gerichtet ge­wesen? Das ist übrigens nicht die einzige Ungewißheit der Lage. Selbst ipeiut man von der Perion des Reichskanzlers absieht, wo ist der Beweis, daß die Verbündeten Regierungen die Vor­schläge des Zentrums und der Konservativen annehmbar finden werden? Es ist sogar sehr zweifelhaft, ob der Bundesrat eine Kombinatton annehmen ivird, in welel^r man eine Gefahr für die Wrrrzeln des nationalen Wohlstandes erblickt. Man gelangt so zu der Idee einer Vertagung oder selbst einer Auflösung des Reichstages. Wenn man aber dahin gelangen wolle, warum tritt dann Fürst von Bülow zurück? Die Situation bleibt also, von welcher Seite man sie auch ansehen mag, dunkel. DasJournal des Debots" schreibt: Die Verteidiger des Fürsten von Bülow erklären, daß, falls 'die Konservativen der Mühlenumsatzsteuer und dem Kohlenausfuhrzoll zustimmen sollten, die Auflösung des Reichstages erfolgen könnte. Verstehen die Konservativen diese Warnung? Werden sie die notigen Zugeständnisse machen oder dem Zentrum in die Hand arbeiten, das daraus brennt, feine Rachegelüste an dem Fürsten Bülow zu befriedigen? Die Wahl könnte sehr leicht zum Schaden d e r K 0 n s e r v a t i v e n a u s - fallen; sie haben Has Schicksal des Reichstages in ihren Händen. Die Nichtauflösung wäre unserer ^Ansicht irack, in ihrem wohlverstandenen Interesse gelegen. DerSidols" itretni: Die unangenehmen Erinnerungen an die Marokkopolitik des Fürsten Bülow dürfen uns nicht gegen ihn ungerecht machen. Was immer die Zentrumsblätter sagen mögen, der Gedanke, sich gleichzeitig auf die Konservativen, die Nationalliberalen und die Freisinnigen zu stützen, ist eines Staatsmannes tpürdig. Diesen il^edanLen aufgeben, bedeutet, eine Kapitulation_u0r dem Zentrum, eine Rechtfertigung der Angriffe der L-ozialdemo- kraten, gleichzeitig aber auch einen Triumpf des parlamentarischen

Die^mies", das Londoner einzige NLorgenblatt, das die .unnzlerkrrsis bespricht, meint: Die NLajorilät des Reichstages habe eme Welterentwickelung des bisherigen Zustandes lynbei- geführt, nach tvelchem die Minister verfassungs- und gesetzmäßig nur dein Souvemn, nicht aber den gesetzgebenden Körperschaften ver­antwortlich sind. Das Blatt glaubt indessen, daß die Konser­vativen und das Zentrum eine derartige Entwickelung vielleicht noch im Keime ersttcken würden. AuchWestminster Gazette" schreibt, daß der Rücktrittsentschluß des Fürsten Bülow wahr- Ichemlich in der Richtung wirken werde, dem Reichstag größere Machwollkommenheilen zu verschaffen, alß er bisher besessen hat. Pall Mall Gazette'" ist der Meinung, daß die Niederlage des Reichskanzlers ihm Feinen anderen Ausweg gelassen habe, als den Rücktritt; man müsse jedoch das Scheiden ein.es Mannes bedauern, der aus die Wahrung guter Beziehungen zwischen England und Derckschland von so großem Einfluß gewesen.

Die Newyorker Blätter widmen der Persönlichkeit des Fürsten Bülow aussührlickte Arttkel. Im allgemeinen lammt er dabei nicht gut weg. So ziemlich alle bemängeln seine Unbeständig­keit, die Deutschland viel geschadet habe. Tie Cvening Post schreibt: Fürst Bülow hat sich zwar bisher immer als Mann von großem politischem Geschick erwiesen, seine Reden waren muster­haft, witzig und nicht selten geistreich. Groß waren ebenso seine Erfolge als 5)oftnann, aber, so bemerkt das Blatt, chm ermangelt lene wirkliche Kraft und das Draufgängertum, die den wahren Staatsmann ausmacht. Vor allem habe es ihm an einem be­deutenden beständigen Programm gefehlt.

Sollten derartige Aeußerungen nicht der Regierung und auch den Konservativen zu denken geben? Allem Anscheine nack ist denn auch die Mißstimmung in konservativen Kreisen im Wachsen. 00 bat sich jetzt der Vorstand des konservativen Vereins Groß- Licksterfelde von der konservativen Parteileitung wegen deren 5)al- lung in der Frage der Erbanfallsteuer losgesagt. Wie man uns ferner ans Stettin meldet, hat eine dort sehr bekannte und geschätzte Persönlichkeit, der Kapitän zur See a. D. Foß, Reichs­kommissar beim Seeamt und Vorsitzender der Ortsgruppe des Deutschen Flottenvereiits, mit folgendem bemerkenswertem Schrei­ben an den Vorsitzenden des Stettiner konservativen Vereins seinen Austritt aus der konservativen Partei erklärt:In­folge der Stellunglmhme der konservativen Reichstagssraktion zu den Vorlagen, welche die Regierung S. M. meines allergnädigsten Herrn dem deutschen Parlament zur Behebung der Finanznot des Reiches unterbreitet bat, sehe ich mich veranlaßt, hiermit meinen Austritt aus der konservativen Partei und dem hiesigen konservativen Verein zu erklären. Solange ich eine politische Meinung gehabt habe, bin ich konservättv gesonnen gewesen, und in dieser meiner politischen Anschauung ist auch kein Wechsel ein­getreten: aber die Richttmg, in der sich die Partei betätigt, welche diese Bezeichnung für sich in Anspruch nimmt, kann ich umso­weniger mitmachen, als sie sich mit einer Partei verbündet hat, deren Tendenz ich als imheckvoll für mein Vaterland erkannt habe und die sich der Religion feindselig gegenüberstellt, zu der ich nrich bekenne."

Erstes Blatt ISS.Jahrgang Mittwoch 30. Juni 1909

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Rotationsbrud und Verlag der vruhl'schen Unw.-Such- und SteindruSerei 8. Lange. Redattion, Expedition und Druckerei- Schulftratze 7. e

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