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29.6.1909 Erstes Blatt
 
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S Erstes Blatt ISS.Jahrgang Dienstag 29. Juni 1909

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Verlag u. Expedition 51 jmt vf G * Ztt< < für den politischen Teil:

:£ General-Anzeiger für Oberheffen WZM für die Tagesnummer «tu v » kw 1 ' ' u. Land" undGerichts-

bis dov :tags 9 Uhr. «otattottsorua und Verlag der Vruhl'schen Univ.-Vuch- und Ltemdruckerei R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: ZchulftraKe 7. ®- H,EbWür den

________ ____________ _____________ ' u Anzeigenteil: H. Beck.

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

Der besiegte Lanzler.

Von Professor Dr. M. Biermer.

Wir hoben (6tei 1ms iln Deutschland fein parlamentarisches System, und hätten wir es, so wäre es um unsere Minori­täten schlecht bestellt. Der gesunde und gemäßigte Libe­ralismus, dem, wenn er das politische Augenmaß behält, das er in der Aera der Blockpolitik in hocherfreulicher Weise gezeigt hat, die Zukunft gehört, wäre noch Jahrzehnte mundtot gemacht, werm die parlamentarischen Mehrheiten die Reichspolitik allein bestimmten. Die mobem gesinnten Kreise unseres Volkes müssen vorläufig damit zufrieden sein, daß die wirtschaftlichen Entwicklungsgesetze und der sich immer mehr vertiefende Sinn für einen gesunden poli­tischen Fortschritt auf ihrer Seite stehen und das gesamte hohe Beamtentum, die verbündeten Regierungen an der Spitze, Schulter an Schulter mit ihnen tapfer für eine gute und gerechte Sache gekämpft haben. Das war nicht immer so. Heute aber i»st der moralische Sieg auf der Seite desjenigen Teils der Naiton, wo der staatsbürgerliche Sinn und die Opferwilligkeit für das große Ganze heimat­berechtigt geworden sind. Wer die Kulturgeschichte kennt, weiß, daß solchen moralischen Siegen später auch politische Errungenschaften folgen werden.

Warum, so fragt man erstaunt, muß nun der Kanzler, nachdem er dem agrarisch-klerikal-polnischen Block unter­legen ist, gehen, wenn wir wirklich kein parlamentarisches System haben? Die Frage ist sehr leicht zu beantworten. Ein parlamentarisches System im Reich und in Preußen und feine persönlichen Konsequenzen für die leitenden Staatsmänner haben wir eben nur dann, wenn die Agrarier Ostelbiens erfolgreiche -Opposition machen. Diese selbstbe­wußte, rücksichtslose Gesellschaftsgruppe ist immer noch über­mächtig, und man sieht es ihr oben sogar nach, wenn sie sich die numerische Mehrheit skrupellos im Bunde mit klerikal- reaktionären, ja antinatjonaleu Elementen zu schaffen sucht. Ein Bündnis der protestantischen Konservativen mit den Zentrumsdemo traten des Westens und Süddeutschlands mag vielen als ganz unnatürlich erscheinen. Vom nationalen Standpunkt aus betrachtet, ist auch in der Tat eine solche Waffeugemeiuschaft unnatürlich, eilt Schlag ins Gesicbt der preußisch-deutschen Traditionen. Aber wirtschaftspolitisch, also vom Jnteressentenstandpunkt aus gemessen, sind solche Koalitionen mehr als begreiflich. Eine,, wenigstens in der Negation einheitliche, Weltanschauung, die den Fortschritt in ^Industrie und Handel, das mobile Kapital, den Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung verdammt, das Aufblühen der Städte, das Aufkommen einer industriellen Aristokratie lunt) den Einfluß der gebildeten Nichtinteressenten auf die Geschicke des Volkes zu unterminieren sucht, bringt die Kartellbrüder, die gleichzeitig Partikularisten sind, einander näher. Wehe dem Staatsmann, der rückschrittlichen Ge­dankenbildungen mit modernem Geiste entgegentritt! Selbst einem Bismarck ist das nicht gelungen. Man lese seine Gedanken und Erinnerungen", wo er von denGiftmische­reien der Kreuzzeitung" spricht und sogar das WortKreuz- zeitungslügen" prägt. An anderer Stelle hat Bismarck über die Kreuzzeitungsmänner, die jetzt auch Bülow waidgerecht zur Strecke gebracht" haben, wie folgt geurteilt:Mir haben die Herren von der Kreuzzeitungsfarbe das mi­nisterielle Leben recht sauer gemacht; ich war nie ihr Mann, und die schlimmsten Verdächtigungen sind immer von dieser

Seite gekommen. Sie ließen mich im Stich, als es darauf ankam, zunächst einmal das Deutsche Reich vor der Welt auf die Beine zu stellen; manches wäre anders geworden, wenn ich damals konservative Hilfe gefunden hätte, aber ick) hätte viel eher noch mit Herrn Richter paktiert, als mit den Freunden der Nathusius-Ludom und Konsorten."

Bismarcks Nachfolger, der .General von Cw- privi, wurde ebenfalls das Opfer von .geheimen Jn- triguen, als er es wagte, mit dem wirtschaftspolitischen Liberalismus zu paktieren. Und was hat Caprivis Nach­folger, Fürst Hohenlohe, über die Naturgeschichte der preu­ßischen Junker, dieser selbstsüchtigen, geschwollenen Partei­gruppe, in seinem Memoirenwert ins Stammbuch geschrie­ben! Dieser Staatsmann, der sicherlich ein scharfer ^ob- achter und Menschenkenner war und sich unvergeßliche Ver­dienste um die Einigkeit des Reiches erworben hat, schreibt:Der süddeutsche Liberalismus kommt gegen die Junker nicht auf. Sie sind zu zahlreich, zu mächtig und haben das Königtum auf ihrer Seite. Auch das Zentrum geht mit ihnen. Alles, was ich in den vier Jahren erlebt habe, erklärt sich aus diesem Gegensätze. Die Deutschen haben recht, wenn sie meine Anwesenheit in Berlin als eine Garantie der Einheit ansahen. Wenn ich von 1866 bis 1870 für die Vereinigung von Nord und Süd gewirkt habe, so muß ich hier danach streben, Preußen beim Reich zu erhalten. 'Denn alle diese Herren pfeifen auf das Reich und würden es lieber heute als morgen aufgeben."

Die letzte Kraftprobe der konservativen Agrarier richtete sich, wie allgemein bekannt ist, und von Bülow jetzt in klaren Worten eingestanden wurde, nicht gegen den leiten­den Staatsmann, sondern gegen den Kaiser selbst. Der Kaiser war ja der eigentliche Träger einer neuzeitlichen umfassenden Kanalpolitik, und er war dabei entschlossen genug, den Ntin^'ter Miquel, der ein eigenartiges Doppelspiel spielte, um es mir den Agrariern nicht zu ver­derben, zu Fall zu bringen. Aber als man. die aufsässigen Landräte zu Paaren treiüen wollte, so waren es wiederum die Ostelbier, die stärker waren, gls ihr eigener König. Der damalige 9Jtinifter des Innern wurde als Oberpräsident unschädlich gemacht, lediglich eine schwachmütige Konzession an die verkehrsfeindlichen Gegner der Regierung.

Kein führender Staatsmann seit Gründung des Deut­schen Reichs hatEliberalen Ideen so weitgehende Zugeständ­nisse gemacht, wie der 4. Kanzler, Fürst v. Bülow. Er hat, wie er jüngst erklärte, die Kanalfrageeingerenkt", eine verhäng­nisvolle Börsengesetzgebung beseitigt, ein freies Vereins- recht für .das Reich durchgesetzt und schließlich die Zen­trumsherrschaft, an deren Uebe'rwucherung er freilich selbst nicht unschuldig ist, gebrochen, und dabei ihre hauptsäch­lichsten ministeriellen Träger, Studt und Althoff, aus dem Wege geräumt. Was man darüber weiß, mit wem der Kanzler intim verkehrte ich brauche nur die Namen Schmoller und Harnack zu nennen, zeigte deutlich, daß Bülow, der sich zwar einenagrarischen Kanzler" nannte, ein Modernist des altpreußischen Beamtentums war, durch­tränkt und gehoben durch eine universale Bildung. 6r war nicht nur ein feinsinniger Redner und! untadeliger Diplo­mat, sondern ein Aristokrat von weltmännischem Schliff und aufgeklärter Unbefangenheit.

Ein solcher Mann mußte den Reaktionären trotz aller höflichen Verbeugungen, die er ihnen gelegentlich machte und trotz seiner Verdienste um den Schutz der Landwirtschaft, verdächtig erscheinen. Der unversöhnliche Haß des deposse- dierten Zentrums schürte das glimmende Feuer. Ein tra­gisches Geschick aber war es, daß Bülow konstitutionell genug

dachte, um die 9covemberereignisse auf sich zu nehmen. Sein kaiserlicher Herr hat ihm das nicht nachgetragen, wofür eine spätere Geschichte beiden Männern reichen Dank spenden wird. Aber der Kanzler hat leider gleichzeitig den Einfluß des Kaisers, den unsere monarchisch gesinnte Nation nicht ent­behren kann, bedenklich gemindert und damit seine eigene Autorität untergraben.

Schon in früheren Aufsätzen an dieser Stelle habe ich darauf hingewiesen, daß Kaiser und Kanzler trotz der empfindlichen Schlappe der letzten Tage an eine Reichstags­tagsauflösung ernstlich nicht denken konnten. Tas wußten ihre Gegner sehr genau. Sie brauchten Neuwahlen, selbst wenn sie gewisse Verschiebungen zur Folge gehabt hätten, nicht zu fürchten; denn es fehlte an einer zugkräftigen Parole, wie wir sie bei den letzten Wahlen gefunden hatten. Mit Steuerparolen kann man dem Volke nicht kommen, denn schließlich will niemand gern zahlen, und auch in der Linken gibt es zahlreicheFloriansbrüder", die einen zweck­mäßigen Steuerkompromiß im Wahlkampfe zerpflückten. Bei den Wahlen wäre eine unglaubliche Verhetzung Aller gegen Alle unvermeidlich gewesen. Man hätte den Süden und Westen gegen den Osten und Nordosten, die Industrie gegen die Landwirtschaft, die Städte gegen das platte Land auf­gehetzt, und die tertia gaudens wäre die Sozialdemokratie, die dem bürgerlichen Liberalismus zahlreiche Mandate ab- genommen hätte, geblieben.

Die Abneigung gegen das agrarische Junkertum, die jetzt die weitesten Kreise des Volkes ergriffen hat, hätte sich umgesetzt in einen gefährlichen Haß gegen die preußische Präsidialmacht überhaupt, deren Bedeutung so wie so außerhalb Preußens viel zu einseitig beurteilt wird. Einen solchen Kampf durfte der Kanzler dem Kaiser in Kiel nicht empfehlen, denn dazu kannte er die deutsche Geschichte zu genau. Er wird also wie man hört noch einige Zeit die Staatsgeschäfte im kaiserlichen Auf­trage weiterführen und so zu retten suchen, was zu retten ist, um das Reich aus den elenden Finanznöten zu befreien, und dann wird er einem anderen, der aber sicherlich auch fein Reaktionär fein wird, Platz machen. Die große dentwür- djge Programmrede vom 18. Juni d. I., ein Dokument von staatspolitischer Weisheit ohnegleichen, bleibt bestehen und gibt auch einem neuen Kurs die allein brauchbaren poli­tischen Richtlinien. Für die Fortführung der Bülowschen Politik garantiert uns aber in erster Linie die energische Persönlichkeit unseres Kaisers. Auch er ist Modernist.

Die namentlichen Abstimmungen in der zweiten Lesung der Reichrfinanzresorm.

Nachdem wir die Lifte der Freunde und Gegner der Erbanfall- ftcuer bereits veröffentlicht haben, geben wir iin MchstehendeN die Einzelresultate der übrigen namentlichen Abstimmungen bekannt.

Bei der Abstimmung über den Immobilarumsatz- stempel haben am 25. Juni 1909 für die Steuer gestimmt, also mit

Ja:

Konservative: Arendt (Labiau-, Arnstadt, Rogalla v. Bieber­stein, v. Bolko, v. Bonin, v. Brockhausen, ü. Byern, Graf von Carmer-Osten, Graf v. Carmer-Zieserwitz, Dietrich, Fürst zu Tohna-Schlobitten, Dr. Tröscher, v. (Stern, Euen, Feldmann, Graf Finckenstein, Dr. Giese, Glüer, Dr. .Hahn, Dr. v. Heyde- brand, Hufnagel, Graf Kanitz, Kreth, v. Kröcher, Frhr. v. Maltzan, Mentz, v. Michaelis, Nehbel, Niederlöhner, v. Oldenburg Pauli (Potsdam', Perniock, Edler zu Putlitz, v. Rautter, Frhr. v. Richt- Hofen, Ritter, Dr. Roesicke, Rupp, Schickert, Graf Schwerin- Löwitz, Siebenbürger, Siebermann, Frhr. v. Steinaecker, v. Treuew- fels, Graf Westarp, Will (Stolv, Winkler Reichspartei: Baucr-

Aleiner Lenttletorr.

Wer ist der Verfasser 'des LiedeS:Ate in Vogelsberg"? Der schöne, nene Roth'sche Führer durch den Vogelsberg hat dein Einsender keine ungetrübte Freude bereitet. Gleich nach der Widmung kommt ein Gedicht:Mein Vogels­berg" von Theodor Bindeivald, komponiert von Karl Kern.Dir, meinem Vooelsberg, gelte mein Lied", beginnt es, und die wohl­bekannten Strophen des nun 91jährig in Darmstadt lebenden Lemors der hessischen Geistlichkeit, Ferdinand Br reg leb, einstigen Pfarrers zu Wingershausen bei Schotten, folgen mit der mächtigen Weise, die ihnen Amtsrichter F r t h - Nidda gegeben Kat. Tas Lied ist vor 28 Jahren, am 20. April 1881, m Wingershausen entstanden. Es erschien dann im Schottener Kreis- blatt, ohne daß sich der bescheidene Verfasser genannt hatte. Amts­richter Fritz erriet ihn aber und schickte wenige Tage spater die Komposition, die großen Beifall sand und sich im Freundeskreis mie bei den Mitgliedern des V. H. E. rasch verbreitete. - Von Karl Kern soll freilich auch eine Acelodie herruhreii; doch ist die im Führer abgedruckle d:e Fritz'sche. Mochte recht bald eine Neuauflage des Büchleins nölig und der Irrtum darin berichtigt erbe, i y Dr. Kraft, Greven.

, - Das französische Volksvermögen. Auch Frank-

reich hat seine Steuersorgen. Eine beabsichtigte Erhöhung der Lrbschaftssteuer wird dort gegenwärtig diskutiert. D,es gab bem irreren Finanzminister Paul Dou.ner Veranlahung genauere Be- , ledmunqen über das franaöfiWe> «naiiftcneii unb m veröffentlichen' Danach stellt |id) der Gesamtbesitz beS fxaiuö- ' fischen Volkes annähernd iolgendermatzen dar Grrmdbe itz *UVI, Milliarden Franks, Gebaudebentz 62 / Besitz an Staats .anleihen 17, sonstige einheimische tfonö* 40, auslandpche Anleihen stund Effekten 30, Bankguthaben 31/», Spar- und GenoyenichaNs- Aasten 4 Beweglicher Besitz 5, bares Geld 37t. Insgesamt em ,öen »Ä «üarben W Durch .>ttner zweiten Berechnung, der er den Durchschnitt de h ) Erbschaften zugrunde legt, gelangt Doumer zu ^!"^n annahe, «hnlirfien Ergebnis Tiefem Prlvatvermogen der Iranzonscheu W «tlkn SwaM-m.r 38* ^Milliarden gegenüber auf dem rund 34 Milliarden Schulden ruhen. &im föeigleirfje ei iemeiTt, daß das englische Nalio'ialver.uogen ans rund 300 Mil. »arden, das der Vereinigten Staaten am ebensovie ge Das des Deutschen Reiches entspricht ^ungefähr der Hohe ics französischen. In großem ^lbsland erst folgt Desterretch Ungarn mit 120, Rußland mit 80, Italien mit bO Milliarden

ü.b»«b Kipling üb-r bi« «eritt Mg Kipling, der berühmte englische Romandlchter, hlelt nach bei Daily Mail" vor kurzem eine bemerkenswerte Ansprache an Ite Studierenden des Mddlefexer-Hospckals: Es mag sagte er.

Ihrer beruflichen Beobachtung nicht entgangen fein, daß es nur zwei Klassen von Menschen gibt auf der Welt: Aerzte und Pa­tienten. Ich trage Bedenken, mich zur Klasse der letzteren zu bekennen, seitdem ein Arzt mir erzählte, daß alle Patienten, was die Schilderung ihrer Krankheitssymptome beträfe, phäno­menale Lügner seien. Aber wenn ich jetzt als Patient spreche, so möchte ich sagen, daß der Durchschnittskranke seinen Arzt un­gefähr so ansieht, wie ein Nichtkombattant die Truppen, die für ihn im Kampfe stehen, betrachtet; er denkt, je mehr trainierte Leute zwischen ihm und dem Feind auf dem Posten sind, um so besser. Wir Patienten müssen ims mit dem Gedanken trösten, daß es Ihre Aufgabe ist, möglichst günstige Bedingungen für uns mit dem Tod auszumachen, zu trachten, daß seine Angriffe möglichst lange bintangehalten und verzögert werden und zu sehen, daß, wenn er darauf besteht, diesen Angriff zu Ende zu führen, er dieses tue unter BeaclMng der Regeln einer zivilisierten Kriegsführung. Die Welt hat längst entschieden, daß Aerzte keine Feierftunden haben. Im Schlaf, im Bade ober an Feiertagen werden sie ge- rufen, zu jeder Zeit, bei Wassernot, Feuer, Dünger und Pest, auf dem Schlachtfeld und bei Mord und plötzlichem Tod wird von Ihnen verlangt, daß Sie sich unverzüglich zur Ausübung! .ihres Dienstes melden, sofort auf den Poften gehen und aus- harren, so lange Ihre Kräfte ausreichen oder bis Ihr Gewissen Sie freispricht. Niemand hat von einem Gesetz gehört, das einen Achtstundentag für Aerzte in Vorschlag bringt. Es scheint von Ihnen verlangt zu werden, daß Sie andere schützen, wahrend niemand festgelegt hat, daß Sie sich ebenfalls selbst schützen müssen. Sie gehören einer privilegierten Klasse an, auf Ihre Anordnung werden Hauser, Straßen und ganze Stadtteile niedergerissen ober eingeäschert. Freilich sind Sie der Verachtung des begabten Dilet­tanten ausgesetzt, jenes Gentleman, der mtuitiö alles weiß, was Sie in langen Studienjahren haben erlernen müssen. Sie sind ferner ben Angriffen jener Leute ausgesetzt, welche Ihre Gegner waren von Anbeginn an seit Die ersten Aegypter bie Bilbnisse von Katzen und Ochsen an den Ufern des Nils errichten. Aber Ihre Arbeit geht vorwärts und wird vorwärts gehen.

Sic vermeidet man den Schrcibkramps? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein französischer Arzt in einem in­teressanten Aufsatz, ben er in der Namre veröffentlicht. Es scheint, daß der Schreibkrampf immer häufiger wird. Tie Unter­suchungen über die Entstehung dieser Krankheit haben gezeigt, daß bei der pchysischen Uebermübung und Ueberanftrengung der Hand­muskeln auch der psychische Zustand des Schreibenden eine wesent­liche Atolle spielt. Die Hast, die rasch dahingleitenden Gedanken schriftlich zu fixieren, treibt ben Schreibenben bam, bi: Bewegungen der Hanb immer mehr zu beschleunigen itnb damit verändert er bie Bedingungen, unter beiten die Muskeln beim Schreiben ihren Dienst versehen. Jeder Mensch bringt je nach feiner Handschrift

eine bestimmte Muskel gruppe der Hand in eine bestimmte Tätig­keitsform : die Art, die Feder zu halten, die Handschrift, die Form des Arbeitstisches, die Haltung des Unterarmes, all das ift von wesentlichem Einfluß daraus, welche Handknöchel und Armmuskel angestrengt werden. Um nun das Schreiben weniger anstrengend zu machen, kommt alles darauf an, die Arbeit unter den verschiedenen Muskeln so viel als möglich zu verteilen und zu wechseln, damit jeder Anstrengung auch eine Ruhepause folgt. Daß dies nicht geschieht, das ist die Llrfadte des Schreibkrampses. Und darum erklärt sich auch, daß alle. Mittel gegen den Schreib­krampf, Massage, Elekttizität ufro., nie dauernde Abhilfe schassen. Wenig, langsam, rund, groß, steil", das sind die fünf Worte, bie jeder im Auge haben soll, ben fein Beruf dazu zwingt, täglich längere Zeit zu schreiben. Wer unter dem Schreibkrampf zu leiden hat, soll wenig schreiben, d. h. nach einer Weile eine kleine Pause machen, um den Muskeln Erhottmg zu gönnen. Das rasche Schreiben wird oft zum Anlaß des Krampfes, weil die hasttgeu Bewegungen gewaltsame Muskelkontraktionen herbeiführen. Mit dem Worterund" ist gemeint, daß man scharfe (Öfen in der Schrift so viel als möglich vermeiden soll. Irr allen eckigen! Schriften zeigen die Schriftzeichen eine viel genauere und größere Ähnlichkeit als in ben anderen: d. h. daß die Muskelbewcgung stets bie gleiche bleibt. Groß schreiben soll man deshalb, weil die Muskeln um so mehr ausruhen, je größer die Buchstaben sind. Ucber die Vorzüge der Steilschrist ist in letzter Zeit viel gesprochen worden. Bei ihr liegt die Hand etwas einwärts ge­beugt, während sie sich bei der Schrägschrift nach außen abbiegt; zahlreiche Versuche habep: gezeigt, daß die Einwärtsstellung der Hand ungleich iveniger anstrengend ist als die andere Haltung.

Ein Freund unseres Blattes schreibt uns:

Die Verordung am rechten Platz, von der Sie in Ncr. 148 2. Blatt desGieß. Anz." ein Beispiel bringen, hat in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts auch bei uns Anwendung gefunden und zwar durch Ober­förster v. W., der im Odenwald an gestellt wcrr. Er hatte eine Menge Tollheiten verübt, die ihm zuweilen übel auf- gestoßen sind. Sbersörster v. W. hat an die oberste Forstbe- tzörde, die damals den TitelSberforst- und Domänen-2i- rektivn" .führte, fast wörtlich so berichtet, wie Sie es von Oberförster Geist mttteilen. In dem Kopf seiner Berichte stand aber der Titel: An Großh. Obersorst- undDämonen"- Direktion., Ter Ulf es war aber viel mehr als das wurde erst bemerkt, als sich die Schreibiveise öfter wieder­holt hatte. Ter Spaß tostete dem Witzbold 25 Gulden Knas", was für die damalige geldarme Zeit und bis stän­dige Ebbe in v. W.'s Kasse recht empftndlich war.