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Nr. 99
Der Siegener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. — Beilagen: viermal wöchentlich 6ie6encr$amilienbläftcr; zweimal wöchentl.XreiL- dlatlsürdenAreir Sietzen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Landwirtschaftliche Zeitfragen Fernsprech-Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:
Anzeiger Gießen.
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Erstes Blatt
ISS. Jahrgang
Donnerstag 29. April 1909
Rotationsdruck und Verlag -er vrühl'schen Univ.-Such- und Lteindruckerei R. Lange. Sedattion, Lxyedition und Druckerei: Zchulstratze 7.
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Bezu gsp vei ?: monatlich 75 Pi., viertel- fährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk.2.— oiertel- jährl. ausschl. Bestellg. Zeileirprers: lokal ItzPs., auswärts 20 Pfennig.
Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; s. Feuilleton und „Vermischtes" K. Neurach; für „Stadt u.Land" und „Gerichts- saal": E. Hetz; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Die Ausschaltung des Blocks.
Nicht mir Sydow, sondern auch der bayerische Frnanz- minister hat sich gegen die konservativ-klerikale Reichswertzuwachssteuer ausgesprochen. Im Steuerausschuß der bayer. Kammer äußerte sich der Finanzminister dahin, daß ihm die Reichswertzuwachssteuer unannehmbar erscheine. Die Besteuerung des ELdanfalles an Deszendenten und Ehegatten erscheine ihm als gangbarste Form der Besteuerung des Besitzes. Auf einem anderen Wege werde man nicht zu einer befriedigenden Lösung kommen.
In Berliner parlamentarischen Kreisen verlautet: Im Laufe der Besprechung über oie Wertzuwachssteuer im Reichstage habe sowohl der Finanzminister Frhr. v. Rchein- baben als auch der Reichsbankpräsident Havenstein entschieden erklärt, die Durchführung einer Wertzuwachssteuer auf Wertpapiere sei sachlich und gesetzgeberisch kaum ausführbar.
Die „Nationalzeitung" erfährt aus parlamentarischen Kreisen, daß der Reichskanzler gestern, Mittwoch, die Führer der konservativen Partei, v. Manteuffel, v. Normann und v. Heydabrand, zu einer Besprechung bei sich empfangen hat.
Es scheint aber, daß sich die Negierung keinen großen Erfolg gegenüber der Hartnäckigkeit der Konservativen und des Zentrums verspricht^- Wie nämlich die National-Zei- tung erfährt', betrachtet man in Regierungskreisen nach den vorgestrigen Erklärungen den Block als ausgeschaltet. Voraussichtlich werde die Reichsfinanzreform mit den Konservativen und dem Zentrum gemacht werden, da man einen Appell an die Wähler nicht für zweckmäßig hält. Die Erb- anfallsteuer werde als aussichtslos aufgegeben und statt bessert werde das Branntwein-Monopol nach dem Kompromiß zwischen Konservativen und Zentrum in erster Linie als Haupt-Finanzguelte herangezogen, ebenso wie die Reichs- toertzuwachssteuer, besonders auf Wertpapiere, an deren Annahme im Reichstage nach der neuen Konstellation nicht zu zweifeln sei.
Die Finanz-Kommission des Reichstages wird übrigens 'ieute die Beratung des konservativen Antrages betreffend Hinführung einer Wertzuwachsstener beginnen.
Sehr resigniert äußert sich auch schpn die National- Merale Korrespondenz- über die Lage. Die Besprechung iiber die konservativen Werizuwachsanträge, so schreibt sie, zu der in immerhin etwas seltsamen Formen Herr v. Nor- Wann Vertreter- der verbündeten Regierungen und der bürgerlichen Parteien auf Dienstag abend geladen hatte, ist «msgegangen, wie man nach den letzten Pronuneiamentos der konservativen Presse fast erwarten mußte. Tie Herren vom Negierungsti,ch haben sich müde geredet, den Konservativen Lie völlige Unausführbarleit eines Teils dieser Anträge Zu erweisen und die Unmöglichkeit, sie als Ersatz für die Besteuerung der Erbschaften in die gegenwärtigen Finanz Hläne aufzunehmen. Dann haben die Konservativen in -finsterer Entschlossenheit erklärt, daß sie auf ihrem Stück Leharrten und das Zentrum ist ihnen einmütig und von Hartei wegen beigetreten. Vielleicht wird die Rechte das als eine Genugtuung empfinden. Vielleicht glauben die Herren wirtlich, daß es dem Zentrum ernst ist mit seiner gestrigen AbGmmung; kann sein, daß sie in ihrer Fechter- ssümmung übersehen, daß sie in Wahrheit die Geschobenen sfind; daß es dem Zentrum nur darauf ankommt, koste es was es wolle und gleichviel mit welchen Mitteln, den Riß Wischen den Konservativen und der Regierung zu erweitern und die Mehrheit, auf die in den letzten zwei Jahren der Kanzler sich stützte, zu zertrümmern. Indes sollen das
meines LenMeton-
-h. Von der Weisheit und dem Stolz der deut- f*cf)en Post. Seit dem 1. April hat die Postbeyörde den An- kknifts stempel bei allen Sendungen abgeschafft, um Zeit zu sparen und uni die Beförderung beschleunigen zu können. Für die Ge- s'häststrctt find diese Maßnahmen aber keineswegs erfreulich, da fair Aukunfissiempel für sie mitunter von bedeutendem Wert ist und dura) ihn die Ursache einer etwaigen Verzögerung sicherer zu ermitteln war, als das nun der Fall ist. Um die Zeitersparnis euer richtig zu verwenden, hat die Post in richtiger Erkenntnis Üer Nocweudtgkeit eine Neuerung eingeführt, die ebenso hübsch ivie überflüssig ist. Auf alle Senduiigen, die durch Eilboten zu bestellen sind und den bezüglichen Vermerk deutlich äusweiscn müssen, klebt nun die Post noch ein rotes Zettelchen, das diesen Vermerk w i e d e r h o l t und zwar in deutscher und franzö- ssi s ch c r S p r a ch c. Die Notwendigkeit dieser Bezettelung leuchtet außer dem betreffenden Tezevneuten wohl niemand ein, und warum gar die französische Sprache herangezogen »v-ird, ist völlig unklar, da aus der ganzen Erde heute schon viel mehr deutsch -rls französisch gesprochen wird und für uns doch keinerlei Keranlassung besteht, solche Mätzchen zu machen. Warum wir rare immer mit dein Hut in der Hand vor dem Ausland stehen llaüssen und doch schon als kleine Zdinder Deutschland über alles! f'ngeu? Mit demselben Rechte könnte man den Vermerk in türkischer Sprache daraus setzen —. Es lebe Deutschland! Ach, trern! Vive 1’ Alhnagne!
— D i c Vorstellung de r S chau spiel c v im Zirkus Dusch, die vor einem bis unter das Dach gefüllten Haus, vor ernem begeisterten und durch all den Ulk lebhaft erheiterten! Publikum in der Nacht zum Sonntag wiederholt, worden ist, tet rnt Lager der Artisten Groll erregt. Das älteste Llrtisten- s«chblatt schreibt: „Dies übergroße Interesse an einer Zirkus- vwrstelirmg, die reine Zirkusvorstellung war, nichts als ein 'Dilet- lomtcnspuk, bei den: die positiven ßeiitungen nichts bedeuten und tuiturßemÖB nichts bedeuten konnten, ist eine schwere Ungerechtig- lait, eine Herabwürdigung der ehrlichen Manegekunst. Eme durch ehrlichen Fleis; und^ Schweif; der Llrtisten geweihte Kunststätte ist zLM Tummelplatz stümperhafter Versuche geworden!" Die Ar- tu'ten haben ihrem Unwillen über die Schaust ielervorsteUungeü Lach bereits praktisch Ausdruck gegeben, indem sie es ablehnteit, träten Teil der Einnahmen, der ihnen angebotcn wurde, für ihre lüttterstützuugskassen anzunehmen. Sie zeigen iedoch durch diesen Gwll einen lebhaften Mangel an Humor. Kein Schulreiter, sagt das 18 T., braucht sich zu ärgern, wenn Vasserrnann in der Manege die
Hobe schule reitet, und auch die Clowns können nicht gut beleidigt sein, wenn Else Lehmann sich in ihre Reihen stellt. Daß aber die Schauspieler selbst 'sich nicht einbildeten, ihre Ännstftütte Io gut machen zu können wie die richtigen Zirkuskünstler, das zeigt ein Witz, den einer der Pseudvclowns verbrochen hat. Memmt da ein i>Naun in die Manege gegangen. „Was sind Sie?" fragt der Clown. „Schauspieler". „Und was ivollen Sic hier?" „Ich will hier auftreten." „Was, Sie wollen hier auftreten? Sie, hören Sie mal, hier muß man was können!"
— Manneken-Pis in Feuersgefahr. Manneken- Pis, das ebenso ungenierte ^vie beliebte Ehrenbürgerleiw Brüssels, wäre beinahe verbrannt oder g'tzfchmolz-en. Das niedliche fciuderfigürchen in der Stellung, die allen Engländer rinnen ein „shocking" entlockt, lehnt an einem Block alter Häuser, und eins von diesem war am Somitagnachmittag unvermerkt in Brand geraten. Als man es. bemerkte, schlugen die Flammen schon hoö' gen Himmel, und die Einwohner, die einen SonntagsauSslug machten, trafen bei der Heimkehr eine leere Trümmerstätte. Die Feuerwehr halte aber die anderen Häuser und — Manueken gerettet, sogar ohne seine Mithilfe bei der Löscharbeit in Anspruch zu nehmen.
-- Was ein Rad werden will . . . Der Voss. Ztg. schreibt man aus Paris: ES gibt keine Kinder mehr: in Frankreich wie anderwärls. D-ie lieben ftteinen machen sich alle Sitten und namentlich Unsitten der Erwachsenen zu eigen, und alle politischen und sozialen Schlagworte des Tages finden in ihren frischen Gemütern den lebhaftesten Widerl-all. Es geschah in diesen letzten Tagen, daß die Schüler der 'Volksschule im Torfe Sepmeri.s, unweit von Lille, Scaatsbürger im 'Alter von sechs bis zwölf Jahren, mit ihrem Lehrer unzufrieden waren. Der Grund? Sie fanden, das; der würdige Scholarch für sie - zu alt ist! Er ist nämlich etwas Über fünfzig Jahre alt. Sein Turnunterricht läßt nach ihrem Urteil zu wünschen übrig. Der Lehrer ist nicht gewandr, nicht geschmeidig, nicht kräftig'genug. Er springt, klettert, läuft, arbeitet am Reck und Barren nicht schneidig genug für ihren Geschmack. Und da ihres Erachtens das Turnen der wichtigste Unterrichtsgegenstand, der Sport das vornehmste Bildungsziel der Volksschule ;>'t, verlangten sie kurz entschlossen — die Versetzung des unge^.-ickten Lehrers in den Ruhestand und die Ernennung eines Athleten zu seinem Nachfolger. Tie Schulbehörde, an die das Gesuch allen Ernstes gestellt wurde, war hinter der Zeit genug zurückgeblieben, um die Forderung der kleinen Unzufriedenen nicht zu beachten. Diese wußten sich zu helfen. Sie beschlossen uiwerzüglich den Ausstand und setzten ihn nach allen Regeln der Kunst ins Werk. Eurige
nicht unsere Sorgen sein; das haben die Konservativen mit sich und ihren Gewissen abzumachen. Mit ihrer: Gewissen auch, wenn sie sich dauernd allen gilllichen Vorstellungen verschließen und gegenüber jedweden sachlichen Argumenten taub bleiben. Worauf sie hinaussteuern, ist nunmehr ja ohnehin mit Händen zu greifen. Wer so vor- geht, will den Bruch; dem handelt es sich einfach um eine glatte, nackte Machtfrage; der trachtet danach, an den Verlegenheiten des gemeinen Wesens sein Parteifeuerchen zu entzünden.
Es dünkt uns unter solchen Umständen müßig, darüber zu debattieren, ob der Block noch besteht oder nicht. Das ist, wie die Dinge sich nachgerade gestaltet haben, eine Doktorfrage. Schließlich stehen wir doch vor der Tatsache, daß die Konservativen von den bisherigen Gefährten mit Bewußtsein ab gerückt sind und daß sie ihre Entschlossenheit bekundet haben in der Opposition gegen diejenige ©teuerart zu verharren, die von der Regierung zu wiederholten Malen als conditio sine qua non bezeichnet worden ist. Wohin dieser konservative Widerstand noch führen wird, wissen wir nicht; ist auch nicht unsere Sache, zu entscheiden. Immerhin wird man es uns wohl nicht verdeirken können, wenn wir in dem Streit um die Macht, der nunmehr entbrannt ist, der Regierung den Sieg wünschen. Sie würde in diesem Falle die Interessen der Gesamtheit gegenüber keinerlei Parteieigensucht vertreten.
Die „Köln. Ztg." warnt die Regierung noch in letzter Stunde vor dem Zurü.-Eweichen: „Das Zurückweichen würde der Autorität der jetzigen Negierung so schaden, daß sie sich nicbt mehr halten könnte. Die Auflösung des Reichstags aber würde im Augenblick jedenfalls zu einer Zusammensetzung führen, die zwar eine Bestrafung des konservativen Trotzes, aber durchaus noch nicht eine Erleichterung der allgemeinen politischen Lage herbeiführen würde. Das Notwendigste scheint daher jetzt zu sein, daß der Reichskanzler seine ganze Autorität einsetzt, um zu verhindern, daß der konservative Antrag überhaupt zur Abstimmung gelangt, daß er selbst in den nächsten Tagen an den Verhandlungen der Reichsfinanzkommission teilnimmt, um zu erreichcm, daß diese keinen die ganze Reform hindernden Verlauf nehmen. Daß es mit den sachlichen Gründen der Konservativen gegen die Erbschaf.sbesteuerung nicht sonderlich gut bestellt ist, hat sich rviederholt gezeigt, hat sich namentlich darin gezeigt, daß viele Konservative, auch Parlamentarier, ihr mehr und mehr sich genähert haben, hat sich vor allem in dem letzten Wochenrückblick der Kreuzzeitung gezeigt, die selbst gestand, es habe unzweifelhaft bei der Fraktionsmehrheit sogar der gute Witte bestanden, nach der Richtung der „Witwen- und Waiiensteuer" weiter zu verhandeln, sofern verfassungsrechtliche Sicherheiten gegen spätere unerträgliche Erhöhungen gegeben werden könnten. Wenn trotzdem jetzt dieser plötzliche Frontwechsel vollzogen worden ist, so liegt die Erklärung dafür nicht in sachlichen Erwägungen, sondern in persönlichen Gründen. Die „Kreuzzeitung" verrät es selbst, wenn sie sagt: „An diesem Umschwung ist -einzig die Tattik der Regierung schuld!" Gegen diese Taktik der Regierung also richtet sich der konservative Vorstoß. Offener ist noch niemals zugegeben worden, daß man die Gründe für sein Verhalten nicht aus der Sache selbst herausholt, sondern sie sich durch Umstände eingeben läßt. Den Konservativen wird dieses Wort noch oft in die Erinnerung gerufen^ werden und sie werden sich seiner nicht zu erfreuen haben."
Zum türkischen Chronwechsek.
Wie Mohamed V. durch die Jungtürken zuin Throne gelangt ist, >o -gt damit gleichzeitig auch das Jungtürkentum tatsächlich
zur Herrschaft gekommen, und eine neue Aera scheint damit für die Türkei l>ereinzubrechen. Gewiß hatte die jungtürkische Bewegung schon in den letzten Jahren so an Boden gewonnen, daß Abdul Hamid diesen Bestrebungen Entgegeukommeii zeigen mußte;- von welcher Gesinnung er aber in Wirklichkeit beseelt war, das haben die letzten Ereignisse bewiesen. 9hir mit dem' größten Widerwillen hatte er sich zur Gewährung einer Konstitution verstanden, weil er wohl merkte, daß es ihm sonst an den Kragen gehen würde. Die schon damals auftauchenden Befürchtungen, daß er es nicht ehrlich meine, sondern wie vor 30 Jahren versuchen würde, in einem ihm geeignet erscheinenden Momente zur Reaktion zurückzickebren, haben sich schneller, als man erwartet hatte, erfüllt; aber diesmal hat seine Kurzsichtigkeit den Sultan den Thron gekostet. Auf führerlose Soldateska und die niedere Geistlichkeit lMte er sich stützen zu können geglaubt, aber solche schwankenden Säulen konnten den morschen Bau nicht mehr halten, „das Alte stürzte, unb neues Leben blüht aus den Ruinen". In den letzten Tagen schien es, ccks wenn man eine Schattenl-errschaft Abdul Hamids unter scharfer jungtürkischer Kontrolle beibehalten würde, und der Sultan mag nach dieser- Richtung Ihn auch Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt haben, aber die Erbitterung gegen ihn, der Tausende imd Abertausende auf dem Gewissen hat, war eine zu große, und vielfach forderte man sogar seine Hinrichtung. Schließlich beschränkte sich Abdul Hamid darauf, um sein Leben zu winseln, das man ihm auch gnädig schenkte, obgleich die Jungtürken barüber ergrimmt waren, daß ihr Einzug in Konstantinopel doch nicht ganz ohne Blutvergießen abgegangen ist. Daß )ie für die jüngsten Vorgänge Rache nehmen wollen, ist menschlich begreifM), politisch klug würden sie aber hmrdeln, wenn sie weitgehende Milde walten lassen würden, um eine Versöhnung herbei zu führen und damit die Ruhe zu sichern. Vor allem darf man nicht vergessen, daß es noch weite Länderstriche gibt, in denen man vom Jungtürkentum nichts wissen will, und wo man sogar mit einer Erhebung gegen das neue Regime zu gunsten Abdul Hamids rechnen muß. Am Ende der inneren Wirren in der Türkei dürste man daher vorläufig noch nicht sein, sondern man wird sich auf weitere Ereignisse noch gefaßt machen müssen, wenngleich nicht von jenem Umfange, wie die letzten, zumal die Jungtürken gezeigt haben, daß sie imstande sind für Ordnung einzutreten. Eine Einmischung des Auslandes ist vorab nicht mehr zu erwarten, und das ist gut, da sonst internationale Zwisttgkeiten sich leicht hätten anschließen können. Am wenigsten zufrieden dürste man in England mit der Wendung der Dinge in der Türkei sein, denn es scheint doch, als wenn man bei den jüngsten Vorkommnissen der Drahtzieher hinter den Kulissen gewesen ist, in der Hoffnung, als Lohn für die Wieder au s ri ch t ung der Autokratie einiges einzuheimsen, während man jungtürkischerseits wohl einige Neigung für ©nglanb zeigte, die aber lediglich platonischen Charakter hatte, was dem kaufmännischen Geiste John Bulls wenig zusagte. Dagegen kann es wohl sein, daß die beut» s ch e Diplomatie nunmehr wieder ihre prominente Stellung am Goldenen Horn erhält und die Aeußernngen des neuen Sultans und auch des Generallissimus Schewket Pascha deuten betranf hin, baß vielleicht jetzt wieder in» Konstantinopel ein besserer Wind für Deutschland wehen wirb, nachdem man in den letzten Monaten durch allerlei Intrigen uns von dort zu verdrängen versucht hatte.
bin historisches Dokument.
Der amtliche Wortlaut des in der vorgestrigen Nationalversammlung über den Thronwechsel gefaßten Beschlusses ist folgender: Dienstag, den 27. April 1009. Die aus Senatoren und Deputierten zusammengesetzte als Nationalver-sammlung tagende Versammlung, wählte einstimmig unter den beiden Vorschlägen, die in dem von dem Scheich uel Islam verlesenen und unterzeichneten Fetwa enthalten sind, die Entthronung. Dem- zufolge wurde der Sultan Abdul Hamid II. des islamitischen Kalifats und des ottomanischen Sultanats für verlustig erklärt und als sein legitimer Erbe Mehmed Reschad Effendi unter1 dem Titel Mehmed V. zum Kalifen und Sultan proklamiert.
Wie Abdul Hamid seine Absetzung erfuhr.
Wie Abdul Hamid das Urteil des Parlaments und der höchsten geiiilichen Äutorität überbracht wurde, sckstlb-ert der Tailtz-Tele- graph-Korresondent wie folgt: „Der Kiosk wurde zunächst von allen Eunuchen, Dienern, Weibern und Beamten geräumt, dann drangen Nurzzi-Bei, ein an.berer Offizier, ein Dutzend Soldaten,
besonders entschlossene Knirpse stellten sich an der Schultür auf unb riefen allen Kindern, die morgens mit ihrem Nänzlern aw- ruckten, schon von wertem zu: „Ausstand ! Keine Schule!" Zrr -.hrcm Lobe seines gesagt: die^Kleinen begriffen rasch unb taten jauchzend ihre Schuldigkeit. Sie kehrten nm und gingen trupp- wn,e hinter die Sckmle. Rings um diese umrden Ausstandsvosten ausgestellt, sie hatten aber keine Arbeit. Tenn unter dem musterhaften Nachwuchs von Sepmeries fanden sich keine Ausstands- breckM. Der Ausstand bauert fort. Denn der Lehrer ist )wch immer nicht abberufen. Die Eltern Mischen sich nicht in den Streit, ^te haben anscheinend zu viel Achtung vor den Menschen- und Bürgerrechten ihrer Sprößlinge, die in der Tat die Hoffnung der Reprchlik sind, (sie haben noch feine Gewerkschaft gebildet, ua; dem allgemeinen Arbeitsbunde nicht angeschlossen und ihre Schulbücher und Federhalter nicht verhunzt. Tas kommt wohl noch. Die Kleinen von Sepmeries haben den Klassenkamvs in ihrer Werse begriffen — als einen Kamps der Schulklassen.
. — ,2-ad Meist er werk eines U hrmachers. Nach vieriähriger geduldiger Arbeis hat jetzt ein Uhrmacher in Coventry eine kleine Uhr fertig gestellt, die ein Meisterstück der F-einmechanik ist. Die Uhr hat etwa die Größe einer mittleren Taschenuhr einen Durchmesser von fiebert Zentimeter bei einer Ticke oon achtzehn Millimeter. Sie schlägt Stunden und Viertelstunden gibt meckranisch genaue Angaben über die Stellung der Sonne und des Näondcs, bezeichnet auf die 'Sekunde genau das Aufgehen der Sonne imb dm Untergang, Ebbe unb Flut und auch die Sternlnlder, die m den verschiedenen Jahreszeiten sichtbar sind ~er Wert dreier kleinen Uhr wird auf 20 000 Mk geschätzt
- Kält e l et tun gen. Auch bie Kälte, gleich bem Wasser ober dem Gas, durch Nohwn denen zuzuftihrcn, die ihrer bedürfen, ist lein blotzer bräunt eines Ingenieurs mehr Es gibt ru Amerika bereits eine Anzahl Städte, wo in Zentralen Kälte erzeugt unb dann durch ein stlöhrennetz in die Häuser geleitet w.rd. Als solche Orte macht der „Kosmos", das bekannte Crgan glerchnanrrmn Gesellschaft her Naturfreunde, namhaft: stcew- iwrk, Loswn, £>t. Louis, Baltimore, Los Angeles, Norfolk, Sen- bet, Kanws City. ~ie Kälte wird im allgemeinen durch Am- mvniakw.stchrnen erzeugt. .
~ Chronik aus Kunst unb Wissenschaft,
"br Kuchetchrstoriker ^rotessor Dr. Joseph Sauer an der Uni- p>erI\tnl lS Xy 1 -111 \b $r* '"Ul de Sinn Konservator für die md)liehen Kunst- unb '.UUeriunisbenhnäler Badens ernannt, bie c etehe war leit dem Tode des Geh. Rats Dr. F. X. K r a u s -i-1901i nicht mehr besetzt. *


