die Wohlfahrt der Arbeiter zu sorgen, am Ende zufrieden. Anders Herr Le inert, der Sprecher der Genossen. Anderthalb Stunden lang nahm er die Zeit des Hauses in Anspruch, um an der Behandlung der Arbeit durch die Staatsbahnverwaltung kein gutes Haar zu lassen. Herr Hammer exzcllierte mit einer K o n - sumvereinsrcde: an das Ehrgefühl der Beamten appellierte er, denen die eben auf Kosten des Mittelstandes bewilligte Gehaltserhöhung die weitere Teilnahme an Konsumvereinen verbieten müsse. Man kam nur mit. der allgemeinen Aussprache zu Ende, die Spezialbcratimg folgt am Montag.
Berlin, 22. März..
Res redit ad triarios, heißts im „Bellum gallicum" des schwebt- und federgewaltigen römischen Imperators, wenn der Ernst der Schlacht das Einspringen der letzten Reserven nötig machte. Sie waren nicht die Besten, aber auch nicht die Schlechtesten, die ein römischer Feldherr ins Treffen zu führen harte. Und es waren auch nicht die Schlechtesten unter den preußischen Volksvertretern, die Triarier, die am Montag beim Eisenbahnetat in Hellen Haufen aufmarschierten, um für ihre Hausaltäre zu kämpfen. Ganz unbekannte Männer freilich waren sie fast alle, die da für eine neue Viehrampe, für d'e Beseitigung eines gefährlichen Niveauüberganges, dort für behaglichere Warteräume oder gegen Mißstände auf Bahnhöfen Schwert und Schild im parlamentarischen Kampfe erhoben, und Herr von Kroecher mußte mehr als einmal im parlamentarischen „Blaubuch", dem Plate scheu Vademekum für das Abgeordnetenhaus, blättern, um sich hu vergewissern, weß Nam und Art der vor ihm Redende fer. Aber sie taten ihre Schuldigkeit, und, was anerkannt werden muß, sie taten sie kurz und bündig. Wenn trotzdem die Sitzung an die fünf Stunden dauerte, so ist das nur ein Zeichen, wie viel Wünsche, und, wie die Debatte ergab, berechtigt Wünsche im Eisenbahnwesen noch der Erfüllung harren. Politische Momente bot die Debatte ganz und gar nicht; der Fall Stolv- Zitzeritz, der zu einer politischen Diskussion'allenfalls noch hätte Veranlassung geben können, schrumpfte unter den Händen der Herren v. Bocher und v- Breitenbach zu einer quantitä nLgligable zusammen, und auch die Beschwerden über die Besetzung einzelner Betriebsinspektionen durch mittlere, nicht akademisch vorgebildete Beamte hatten politische oder auch nur prinzipielle Debatten nicht im Gefolge. Erst am Dienstag wird das Haus mit dem Eisenbahnetat zu Rande kommen.
Vie Geschässsordnungsloinrnisfion.
Die Geschästsordnungskommission hat am Freitag 4 Stunden lang getagt; aber zu irgend einem Ergebnis ist sie nicht gekommen. Das ist bedauerlich; indes tragen die liberalen Parteien an solcher Unfruchtbarkeit keine Schuld. In dieser Kommission arbeiten nämlich Konservative und Zentrum brüderlich und einträchtig Hand in Hand in der offenkundigen Tendenz, nichts zustande kommen zu lassen. Von den Konservativen wird immer von neuem schweres Geschütz ausgefahrcn. Jeder Versuch, die parlamentarischen Rechte zu erweitern, wird von ihnen von vornherein als eine Gefährdung der Gerechtsame von Kanzler und Bundesrat bezeichnet. Neuerdings gelten ihnen sogar die geplanten kurzen Anfragen, die den Kanzler wenigstens indirekt nötigten, dem Reichstag Rede zu stehen, als veritablc Verfassungsänderung. Das ist natürlich Unsinn. Es wird imitier in der Macht des Kanzlers bleiben, wie er sich diesen Fragen gegenüber verhalten will. Von Gesetzes wegen irgend einen Zwang auf ihn zu üben, ist weder beabsichtigt, noch im Ernst durchführbar. Führt dann die Entwicklung wirklich dahin, daß der erste und einzige verantwortliche Neichsminister sich der Beantwortung solcher Anfragen nicht mehr zu entziehen vermag, so wird man das im Interesse des Parlaments und seines Ansehens nur begrüßen können. Das wird dann aber von der Bedeutung abhängen, die der Reichstag seinen Anfragen zu geben versteht. Und wird
geradezu ein Musterbeispiel darstcllen für die friedliche, organische Fortentwicklung unserer Institutionen, beileibe aber keine Vcrfassungänderung.
, Mit den andern konservativen Einwänden steht cs nicht viel besser. Die Konservativen wünschen keine kurzen Anfragen zuzulassen, die in ein schwebendes Gerichts- und Vcrwaltungsver- fahren cingrisfen. In Bezug auf schwebende Gerichtsverfahren mag man die Beanstandung zugeben: Wenns sein muß, auch in Bezug auf verwaltungsgerichtliche Verfahren. Aber ein Vcr- waltungsvcrfahren schwebt eigentlich stets, wenn über Dinge aus dem innerpolitischen Gebiet interpelliert wird. Richtet man derlei Zäune aus, so werden kurze Anfragen aus diesem Bereich überhaupt gegenstandslos. Und weiter verlangen die Konservativen: die Anfragen müßten „Gegenstände von allgemeiner Bedeutung" betreffen. Auch das wird man kaum konzedieren können. Es wird eben Aufgabe des Parlaments sein, vom besonderen zum allgemeinen fortzuschreiten, aus dem Einzelfall das typische zu entwickeln. Immerhin wird man dem konservativen Vorgehen eine gewisse Konsequenz nicht absprechen können. Aber das Zentrum'. Das handelt zweideutig und mit doppelter Front wie immer, seit es aus seiner beherrschenden Stellung verdrängt ward. Zunächst bestreitet cs im krassen Widerspruch zu seiner anfänglichen Haltung im Plenum die Notwendigkeit einer Erweiterung der parlamentarischen Rechte. Daneben aber müht es sich, die projektierte Aenderung als doch nicht genügend radikal zu verdächtigen. Jede Aktion, die von Parteien des Blocks unternommen wird — das ist der rote Faden, der sich durch alle diese Erzbergereien zieht —, soll eben nach Möglichkeit verhindert werden. So besorgt das Zentrum, das einst nicht beweglich genug über das persönliche Regiment zetern konnte, die Geschäfte der Konservativen, denen jede Erweiterung der parlamentarischen Rechte ein Greuel ist. Den liberalen Parteien bleibt bei solcher Gestaltung der Dinge leider nichts anderes übrig, als mit gebundenen Händen beiseite zu stehen. An Rührigkeit hats ihnen nicht gefehlt; an Einigkeit auch nicht: Freisinn und National- liberale gehen in diesen Stücken durchaus konform. Aber gegenüber dem doppelten Ansturm sind sie machtlos.
Tagesschau.
Für die Nachlahsteuer.
Die Hauptversammlung des Landesverbandes evangelischer Arbeitervereine im Königreich Sachsen hat am 21. März in Deuben, bei Dresden eine Resolution zu Gunsten der Finanzreform angenommen, in der die Reichsregierung und der Reichstag dringend gebeten werden, mit Entschiedenheit den Plan einer Nachlaß- und Erbschaftssteuer von neuem aufzunehmen, und in der ferner der Ueberzeugung Ausdruck gegeben wird, daß in allen Schichten des deutschen Volkes noch genug opferwillige Vaterlandsliebe vorhanden sei, gegebenenfalls alle Widerstände siegreich zu überwinden.
*
Die Budgetkommifsion und der Reichskanzler.
Als am Momag die Budgetkoinmlssion an das Extraordinarium des Marine-Etats kam, beantragte der Vertreter der Sozialdemo- traten, vor dem ersten Titel über Schiffs-Neubauten die Verhandlung abzubrechen uiid nicht eher lortzusetzen, als bis der Reichs- kanzler in der Kommission erschienen und sich zu den Erklärungen des englischen Premiers geäußert habe. Alan müsse, ehe man über neue Schiffe berate, wissen, ob der englische Premierminister Recht habe mit seiner Behauptung, daß er in Bezug aui die Einschränkung der beiderseitigen Flottenrüstung bei uns fein Entgegenkommen gesunden habe. Ter Vorsitzende der Kommission verlMl darauf nochmals das Schreiben des Reichskanzlers aiis der Samstagssihung, wonach dsr Kanzler nicht in der Lage sei, in den nächsten Tagen eine Auskunü der Budgetkommlssion zu geben, daß er aber nach Eingang des Materials den Staatssekretär des Auswärtigen beauftrage» werde, Mitteilungen zu machen, soweit sie im Interesse des Landes liegen, und daß er sich weitere Mitteilungen zu gegebener Zeit selbst vorbehalte. Der Vorsitzende der Kommission macht im Anschluß hieran den Vorschlag, dem die Komnilssion einmütig zu- stlmnit, die Neubautilel zurückzuslellen, am Montag den Marine- Etat im übrigen zu erledigen und Dienstag vor Beratung der Schiffsneubauten beit Etat des Reichskanzlers einzuschieben. Dern-
keit, mit der hie Salzseen in Tibet austrocknen, bedeutungsvolle Schlüsse ziehen Eönncn. Gegenüber dem Dr. Longstaff bemerkte Hedin, daß die Gebirgskellen, die s)uiin Singh sah, keineswegs die Sxmptfctten des TranS-Himalayas gewesen wären. Gegen Long- staffs Behauptung, Hedins Karte fei identisch mit Atkinsons Karte, protestiere er. Es finde sich keine Uebereinstimmung zwischen den beiden Karten. Es sei bedauerlich, daß derartige Behauptungen ausgestellt worden wären; sie hätten große Verbreitung gefunden, nicht bloß in Schweden, sondern auch in Deutschland und anderwärts. Schließlich kam Hedin auf die auch in der „Voss. Ztg." erwähnten Karten zu spreck)en, die auf den Wänden im Dogenpalast in Venedig gemalt sind. Die Sack-e sei sorgfältig untersucht worden, und er habe aus Italien und vom Oberbibliothekar der EönigL Bibliothek in Stockholm interessante Aufschlüsse darüber erhalten. Die Karten wären Mitte des 16. JahrlMiderts an Stelle einiger Karten gemalt worden, die 1483 zerstört wurden und Asien von der Akündung des Indus bis China und zum Sttllen Ozean, sowie einen Teil von Amerika darstellten. Sie zeigten indessen durchaus nichts, das eine Aehnlichkett mit dem Lande hätte, wie es in Wirklichkeit war. Sie seien Mitte des 18. Jahrhunderts ausgebessert worden und wiesen Berge und Flüsse in völliger Konfusion auf. Man tömte somit unmöglich sagen, welche Gebirgskette den Himalaya oder welcher Fluß den Ganges oder Bralmm- putra darstelle. Vom wissenschaftlichen Gesichtspuntt seien die Karten völlig wertlos. - - Sie wären auf Bestellung angefertigt worden, um das Andenken an Marco Polo und einige andere Venetinner zu erhalten, und da weder Marco Polo rwch sonst ein Venettaner jener Zeit in Tibet war, sei leicht einzusehen, daß die Karten nicht etwas enthalten könnten, was er, Hedin, während seiner letzten Reise entdeckt hätte. Somit erhält man aus dem Verlauf der Diskussion über die angefochtenen Entdeckungen den Eindruck, daß die Angriffe gegen den schwedischen Forscher imbegründet waren und daß ihm die Abwehr in vollkommener Weise geglückt ist.
C.K. Das Problem der Junggesellensteuer. Die schwierige Frage, in welcher Weise unverbesserliche Junggesellen für ihren Mangel sozialen Sinnes durch Steuern „beftraft" ioerben können, beschäftigt seit einiger Zeit die Parlamentarier von Kansas, ohne daß man zu einer Einigung gekommen märe. Jetzt nt dem Parlamente von Maine ein Gesetzentwurf vorgelegt, der das Steuerprojekt feines Strafcharakters entkleidet und nut dem schimmer sozialer Wohltätigkeit umgibt. Die unverbesserlichen Junggesellen, so sicht das Gesetz es vor, sollen Eünmgbm den alten Jungfern, die durch die Schuld der Junggesellen ledig blieben, in Form einer Art Pension Schadenersatz leisten. Die Erträg- nisse der Steuer werden dazu dienen, den am gen Jungfrauen, die das vierzigste Lebensjahr unoerbeitatet über)(brüten haben, eine Rente von nicht über 100 Mk. pro Jahr zu geroäl)ren. Zur Steuer lverden alle .unverhellateten Männer herangczogen, die das dreißigste Jahr vollendet Habel; und Sicht nachweijes Lonnes,
daß sie bereits dreimal in aller Form um die Hand einer Tochter des Staates Maine angchalten haben. Ebenso sollen auch nur jene Jungfrauen, die Jungfernpension bekommen, die imchweisbar niemals in ihrem Leben einen ehrlichen Hciratsanttag bekommen haben. Als ehr1ick>er Antrag gilt die Werbung eines jeden Mannes,, der nicht bereits Insasse einer Geistestrankenanstalt war oder wegen eines ehrenrührigen Verbrechens bestraft wurde.
— Kostbare Bücher. In der Buchhandlung von Max Perl in Berlin wird zurzeit die Bibliothek des Frciherrn von G r o t e - Wannsee unter «ehr lebhafter Beteiligung versteigert. Das Germanische M u s c u m in Nürnberg erwarb eine große Anzahl wertvoller Originaldrucke. Die erste ^lusgabe dich Grimmschen Kinder- mid Hausmärchcn brachte 680 Mark, der Schilletschc Musenalmanach für 1800 375 j)Nark, die Erstausgabe von Lessings „Minna von Barnhelm" 300 Mark. Goethes Schriften, erste Ausgabe in acht Bänden, kamen auf 560 Mark: andere erste Drucke von Goethe-Dichtungen erzieltem ebenfalls hohe Preise: „Faust", erster und zweiter Teil, 331 Mark, „Werthers Leiden" 505 Aiark. Ein Berliner Privat-i sammler erwarb La Fontaines „Contcs et Nonvelles", Amsterdam 1762, für 810 Äiark. Sehr umstritten war auch eine besondere Rarität: das von Theodor Mommsen, Theodor Storm und Tychv Riommscn im Jahre 1843 heraus gegebene „Liederbuch dreier Freundc", t>a£ kurz nach dem Erscheinen von den jungen Autoren aus dem Handel zurückgezogen wurde, so daß nur wenige Exemplare erhalten blieben. Es brachte 360 Mark.
— In dem Verlag der Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Herrn. Ehbock, Berlin W. 30 gelangen in der nächsten Zeit einige Werke zur Ausgabe, die unsere Leser besonders interessieren dürften. Der beliebte diomancier Georg Engel bietet mit dem humoristischen Bande „Der verbotene Rausch" eine ganz eigene neue Note seines Schassens, bei Paul Lindau bewährt sich seine befanntc Erzählungskunst in „Der Held des Tages" rcieber voll und ganz, mit einer kleinen aber den früheren Schöpfungen ebenbürtigen Sammlung „Der Vetter aus Köln" erscheint Rudolf Presber, und mit den trefflichen Erzählungen „Die zwölfte Stunde" wird Rudolf Stratz seinen Leserkreis noch bedeutend erweitern. Ferner zeigt ber Verlag das Erscheinen eines ncüen Romans der beliebten Schriftstellerin Mito Kremnitz „Ist das — daS Leben?" und die zweite Auflage des. vor wenigen Wockjen erschienenen RomanS „Siehe, es beginnt zu tagen" von El-Correi an.
— Kleine Chronik ans Kunst und Wissenschaft Ter Geheime Medizinalrat Professor von R e n o e r £ ist gestern früh in Berkin gestorben.— Ter Herzog der Abbruzzen begab sich über Genua nach Marseille, von wo er seine neue Expedition nach dem Karakeramgebirge aiitrelcn wird. — Die berühmte Schauspielerin Ak a r i a D a h n - H a u s in a n n ist 80 Jahre alt in München gestorben.
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Nr. 69
Zweites Blatt
159. Jahrgang
Dienstag 23. Marz 1909
Gießener Anzeiger
Erscheint tögllch mit Ausnahme deS Sonntags.
General-Anzeiger für Gberheffen
Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchea Untversitärs - Buch- und Stemdruckeret.
R. Lange, Gießen.
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Die „Siehener ZamilienblStter" werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal.
Sttmmungsbllö aus Sem Reichstage.
Berlin, 22.
Mit einer nach den aufgeregten Debatten der letzten Tage ■um so auffallenderen Stube und Friedlichkeit wurde heute dic> B e - •ra tun g des Mili täretats weiter geführt. Die gereizte Polemik hat einer geradezu versöhnlichen Stimmung Platz gemacht, die so weit ging, daß recht starke Mehrheiten verschiedene Abstriche, die die Kommission unter dem dringenden Widerspruch der Militär- verwalttlng beschlossen hatte, nach nur kurzen Erörterungen wieder aufhob unb die Forderungen der Regierung glatt bewilligte. Des .gilt unter anderem fürdieBerlegungdcrUnteroffizier- 1 ch u l e v v n B i e b r i ch n a ch W e tz l a r, nwgegen die Kommission ■in der Hauptsache die Ersparnisgründe geltend gemacht hatte, und weiter insl>esondere für die Erhaltung des reitenden ,F e l d j ä g e r k o r p s, dessen Schicksal nicht nur in der Kommission, sondern auch in der allgemeinen Aussprack>e des Plenums beim 'Gebalt des Kriegsministers lebhafte Für- und Gegensp-vache veranlaßt hatte. Er erregte nicht geringes Aufsehen, als bei Eröff- tjnmg der Sitzung mit den Herren vom Kriegsministerium auch der Staatssekretär des Auswärtigen Amts im Saal erschien. ’Dtan iglaubtc schon, er hätte in der Budgetkommission, die bis zu diesem ^Augenblicke getagt hatte, die erbetenen Erklärungen über deutsch- englische Flottenfragen abgegeben. Aber Herr v. Schoen war gar nicht in der Budgotkommission gewesen. Was ihn nad) dem Reicl)stage führte, war die J^elchägersrage, und er setzte durch, was Herrn v. Einem nicht gelungen war. Denn et legte überzeugend dar, daß für die diplomatischen Kurierdienste, die von den Offi- zieren des reitenden Feldjägerkorps versehen werden, sich verabschiedete Offiziere nicht immer eignen und daß die Aushebung des Korps statt Ersparnisse dem Reiche jedenfalls Mehrkosten herur|äd)en würde. Daher desavouierte Freiherr v. Hertling feinen Fraktrvnsgenvssen Erzberger, und auch Dr. Sentier erklärte sich im Namen seiner politischen Freunde für dick Aufhebung des Kvrnmissionsbeschlusses in der Voraussetzung, daß so weit wie möglich Stellen für verabschiedete Offiziere eingerichtet werden. Und ebenso bewilligte man die von der Kvmmission gesttichenen Stellen der Ober Veterinäre, indem man sich mit der Zusage einer Reorganisation des Veterinär ko rps begnügte. Ohne die Auseinandersetzungen aus der Generaldebatte zu erneuern, fand sich eine Mehrheit für den Resvlutionswunsch nach Einrichtung der Charge des Fe ldwe be l l e u t- ■nants. Weitere Wünsche und Beschwerden ürurben aus den Reihen aller Parteien vvrgetragen, und die Herren von der Militärverwaltung äußerten dazu ein mehr oder minder großes Entgegenkommen: so in den Fragen der Kantinenverpflegung und der Privattätigkeit der Musikkapellen, die ((Stellung der M ilitärapotheker und die (.Bewährung von Urlaub zur Erntezeit und die Gebührnisse bei Reisen und die Gewährung von Rationen. Der Reichstag ist mit der Militärverwaltung in der Hauptsache darin einig, daß Rationen nur für wirklich gehaltene Pferde gewährt werden sollen.
Stimmungsbild aus dem preuh. Landtage.
Berlin, 20. März.
Prachtvoller Lenzsonnenschein lag über den Straßen der Reichsl-auptstadt, als das preußische Unterhaus sich am Samstag zu fleißiger Arbeit versammelte. Und and) in den dämmerigen Saal der parlamentarischen Rede und Gegenrede war ein Frühlingsgruß gedrungen; vor dem bekränzten Sessel des Vizepräsidenten Porsch erhob sich ein lenzfrisches Blummenorrangement, des Zentrumsmanncs sünfundzwanzigjährige Tätigkeit als Volks- 1 Vertreter dem Hause kündend. Wohl an die hundert Köllegen- Hände hatte der also Gefeierte zu schütteln: von allen Seiten wurde er beim Eintritt in den Saal herzlich begrüßt und be- fglückwünscht, und nicht zuletzt in der Reihe der Gratulanten stand der Eisenbahnminister. Der mußte hinterdrein sein Stimm- :mittel noch gründlich strapazieren: Von allen Seiten rückte inan ihm mit langen Wunschzetteln auf den Leib. Herr Beyer vom Zentrum forderte das Koalitions recht für die ■E i i c n b a b n a r b c i t e r und wcitergehendc soziale Fürsorge für sie, und der Nationalliberale Dr. Schröder-Kassel wie der Bolksparteilei Dr. Flesch hieben in dieselbe Sterbe. Immerhin hatten sie für die Sozialpolitik ber Eisenbahnverwaltung größere 'Anerkennung als die Zentmmsmänner; uni) sie gaben sich mit dem Versprechen des Ministers, nach Kräften weiter für
ICUines Feuilleton.
— Josef Lausss Schauspiel „Der D e i ch g r a f", eine Bearbeitung seines bekannten Romans „Frau Aleit", erlebte vor- Igeftetn seine Uraufführung im Wiesbadener Kgl. Theater und erzielte durch die äußerst bühnenwirlsaiue Handlung, durch die prachtvolle Zeichnung engherziger niederrheiinscher Bauernlypen, durch kernige urwüchsige Sprache und das interessante Lokalkolorit einen durchschlagenden unbestrittenen Erfolg.
— Ein hübsches Wort Björnstjcrne Björnsons ferzählt Hans Winderstein, ber Dirigent der Leipziger Philharmonischen Konzerte. Winderstein veranstaltete mit seinen Philharmonikern eine ssirndinavische Tournee. Eines Tages befanden sich auch Frithjof Nansen und Bjömstjerne Biörnson mit seinem Sohne (dem jetzigen Regisseur des Hebbel-TheaterS in Berlin) im Publikum. Na chdem Konzert kam der große Björnson auf Winderstein zu, schüttelte ihm die Hand und sagte: „Sie haben mir heut einen großen Genuß bereitet. Ich habe durch Ihr Programm das betende, das liebende, das kämpfende und das siegende Deuffch- land kennen gelernt!" Man hatte Händels Largo, „Isoldens Liebestod", Beethovens C-Nwll-Symphonie und Wagners Kaiser- Marsch gespielt. .
— ZumStreitüberSvenHedinsEntdeckungen wird geschrieben: In wenigen Tagen hält Dr. Sven Hedin in der Berliner Gesellschaft für Erdkunde einen Vortrag über seine letzte Forschungsreise in Zentralasien. Da etliche seiner Ergebinsse namentiid) die Entdeckung der großen Gebirgskette, der .Hedin den Namen Trans-Himalaya gab, eine scharfe Kritik veranlaßt haben, bietet es Interesse, zu fel-en, wie Hedin den Eingriffen begegnete. Dies geschah vvr einigen Tagen in der Geographischen Gesellschaft in London bei der sich an Hedins Vortrag anschließenden Diskussion, an der auch der öfter genannte, Dr. Longstaff teilnahm, der Hedin die Ehre, Entdecker der großen Gebirgskette' zu sein, abgesprochen hatte. Von den Kritikern war u. a. auf die Reise des indischen Punditen Nain Singh hingewiesen worden. Dr. Sjebin erklärte nun, er bewundere Nain Smghs Reise, besonders da er, Hedin, dessen Spuren mehr als ein anderer gefolgt wäre. Llber die Ergebnisse der indischen Reisenden seien für wissenschaftliche Zwecke nicht verwertbar. Ein Geograph könne, aus den Berichten eines Pundften keine wissenschaftlichen Schlüsse ziehen. Sie gäben nur eine topographische Idee von dem Sanbe. Andernfalls würden Nain Singhs Beobachtungen über den mitten in Tibet belegenen See Tarienam tho, den Hedin zweimal berührte, außerordentlich wichttge Ausschlüsse über Tibets Austrocknung und die Verwandlung der Wasseransammlungcii zu Salzwülten gebracht haben. Singh erwähne aber nur in allgemeinen Ausdrücken den See und liefere keinerlei bestimmte Angaben, die von Nutzen für die Wifsensck-aft wären. Hedin hätte dort nur weißes Salz, aber wicht einen Tropfen Wasser gesehen. Hätte Singh vor 34 Jahren genaue Beobachtungen gemacht, würde man jetzt über die Schnellig-


