Ausgabe 
23.3.1909 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

die Wohlfahrt der Arbeiter zu sorgen, am Ende zufrieden. An­ders Herr Le inert, der Sprecher der Genossen. Anderthalb Stunden lang nahm er die Zeit des Hauses in Anspruch, um an der Behandlung der Arbeit durch die Staatsbahnverwaltung kein gutes Haar zu lassen. Herr Hammer exzcllierte mit einer K o n - sumvereinsrcde: an das Ehrgefühl der Beamten appellierte er, denen die eben auf Kosten des Mittelstandes bewilligte Ge­haltserhöhung die weitere Teilnahme an Konsumvereinen ver­bieten müsse. Man kam nur mit. der allgemeinen Aussprache zu Ende, die Spezialbcratimg folgt am Montag.

Berlin, 22. März..

Res redit ad triarios, heißts imBellum gallicum" des schwebt- und federgewaltigen römischen Imperators, wenn der Ernst der Schlacht das Einspringen der letzten Reserven nötig machte. Sie waren nicht die Besten, aber auch nicht die Schlechtesten, die ein römischer Feldherr ins Treffen zu führen harte. Und es waren auch nicht die Schlechtesten unter den preußischen Volksvertretern, die Triarier, die am Montag beim Eisenbahnetat in Hellen Haufen aufmarschierten, um für ihre Hausaltäre zu kämpfen. Ganz unbekannte Männer freilich waren sie fast alle, die da für eine neue Viehrampe, für d'e Beseitigung eines gefährlichen Niveauüberganges, dort für behaglichere Warte­räume oder gegen Mißstände auf Bahnhöfen Schwert und Schild im parlamentarischen Kampfe erhoben, und Herr von Kroecher mußte mehr als einmal im parlamentarischen Blaubuch", dem Plate scheu Vademekum für das Abgeord­netenhaus, blättern, um sich hu vergewissern, weß Nam und Art der vor ihm Redende fer. Aber sie taten ihre Schul­digkeit, und, was anerkannt werden muß, sie taten sie kurz und bündig. Wenn trotzdem die Sitzung an die fünf Stun­den dauerte, so ist das nur ein Zeichen, wie viel Wünsche, und, wie die Debatte ergab, berechtigt Wünsche im Eisen­bahnwesen noch der Erfüllung harren. Politische Momente bot die Debatte ganz und gar nicht; der Fall Stolv- Zitzeritz, der zu einer politischen Diskussion'allenfalls noch hätte Veranlassung geben können, schrumpfte unter den Händen der Herren v. Bocher und v- Breitenbach zu einer quantitä nLgligable zusammen, und auch die Be­schwerden über die Besetzung einzelner Betriebsinspektionen durch mittlere, nicht akademisch vorgebildete Beamte hatten politische oder auch nur prinzipielle Debatten nicht im Ge­folge. Erst am Dienstag wird das Haus mit dem Eisen­bahnetat zu Rande kommen.

Vie Geschässsordnungsloinrnisfion.

Die Geschästsordnungskommission hat am Freitag 4 Stunden lang getagt; aber zu irgend einem Ergebnis ist sie nicht ge­kommen. Das ist bedauerlich; indes tragen die liberalen Parteien an solcher Unfruchtbarkeit keine Schuld. In dieser Kommission arbeiten nämlich Konservative und Zentrum brüderlich und ein­trächtig Hand in Hand in der offenkundigen Tendenz, nichts zustande kommen zu lassen. Von den Konservativen wird immer von neuem schweres Geschütz ausgefahrcn. Jeder Versuch, die parlamentarischen Rechte zu erweitern, wird von ihnen von vorn­herein als eine Gefährdung der Gerechtsame von Kanzler und Bundesrat bezeichnet. Neuerdings gelten ihnen sogar die ge­planten kurzen Anfragen, die den Kanzler wenigstens indirekt nötigten, dem Reichstag Rede zu stehen, als veritablc Verfassungs­änderung. Das ist natürlich Unsinn. Es wird imitier in der Macht des Kanzlers bleiben, wie er sich diesen Fragen gegenüber verhalten will. Von Gesetzes wegen irgend einen Zwang auf ihn zu üben, ist weder beabsichtigt, noch im Ernst durchführbar. Führt dann die Entwicklung wirklich dahin, daß der erste und einzige verantwortliche Neichsminister sich der Beantwortung solcher An­fragen nicht mehr zu entziehen vermag, so wird man das im Interesse des Parlaments und seines Ansehens nur begrüßen können. Das wird dann aber von der Bedeutung abhängen, die der Reichstag seinen Anfragen zu geben versteht. Und wird

geradezu ein Musterbeispiel darstcllen für die friedliche, orga­nische Fortentwicklung unserer Institutionen, beileibe aber keine Vcrfassungänderung.

, Mit den andern konservativen Einwänden steht cs nicht viel besser. Die Konservativen wünschen keine kurzen Anfragen zu­zulassen, die in ein schwebendes Gerichts- und Vcrwaltungsver- fahren cingrisfen. In Bezug auf schwebende Gerichtsverfahren mag man die Beanstandung zugeben: Wenns sein muß, auch in Bezug auf verwaltungsgerichtliche Verfahren. Aber ein Vcr- waltungsvcrfahren schwebt eigentlich stets, wenn über Dinge aus dem innerpolitischen Gebiet interpelliert wird. Richtet man derlei Zäune aus, so werden kurze Anfragen aus diesem Bereich über­haupt gegenstandslos. Und weiter verlangen die Konservativen: die Anfragen müßtenGegenstände von allgemeiner Bedeutung" betreffen. Auch das wird man kaum konzedieren können. Es wird eben Aufgabe des Parlaments sein, vom besonderen zum allgemeinen fortzuschreiten, aus dem Einzelfall das typische zu entwickeln. Immerhin wird man dem konservativen Vorgehen eine gewisse Konsequenz nicht absprechen können. Aber das Zen­trum'. Das handelt zweideutig und mit doppelter Front wie immer, seit es aus seiner beherrschenden Stellung verdrängt ward. Zunächst bestreitet cs im krassen Widerspruch zu seiner anfänglichen Haltung im Plenum die Notwendigkeit einer Er­weiterung der parlamentarischen Rechte. Daneben aber müht es sich, die projektierte Aenderung als doch nicht genügend radikal zu verdächtigen. Jede Aktion, die von Parteien des Blocks unter­nommen wird das ist der rote Faden, der sich durch alle diese Erzbergereien zieht, soll eben nach Möglichkeit verhindert werden. So besorgt das Zentrum, das einst nicht beweglich genug über das persönliche Regiment zetern konnte, die Geschäfte der Konservativen, denen jede Erweiterung der parlamentarischen Rechte ein Greuel ist. Den liberalen Parteien bleibt bei solcher Gestaltung der Dinge leider nichts anderes übrig, als mit ge­bundenen Händen beiseite zu stehen. An Rührigkeit hats ihnen nicht gefehlt; an Einigkeit auch nicht: Freisinn und National- liberale gehen in diesen Stücken durchaus konform. Aber gegen­über dem doppelten Ansturm sind sie machtlos.

Tagesschau.

Für die Nachlahsteuer.

Die Hauptversammlung des Landesverbandes evangelischer Arbeitervereine im Königreich Sachsen hat am 21. März in Deuben, bei Dresden eine Resolution zu Gunsten der Finanzreform ange­nommen, in der die Reichsregierung und der Reichstag dringend gebeten werden, mit Entschiedenheit den Plan einer Nachlaß- und Erbschaftssteuer von neuem aufzunehmen, und in der ferner der Ueberzeugung Ausdruck gegeben wird, daß in allen Schichten des deutschen Volkes noch genug opferwillige Vaterlandsliebe vorhanden sei, gegebenenfalls alle Widerstände siegreich zu überwinden.

*

Die Budgetkommifsion und der Reichskanzler.

Als am Momag die Budgetkoinmlssion an das Extraordinarium des Marine-Etats kam, beantragte der Vertreter der Sozialdemo- traten, vor dem ersten Titel über Schiffs-Neubauten die Verhand­lung abzubrechen uiid nicht eher lortzusetzen, als bis der Reichs- kanzler in der Kommission erschienen und sich zu den Erklärungen des englischen Premiers geäußert habe. Alan müsse, ehe man über neue Schiffe berate, wissen, ob der englische Premierminister Recht habe mit seiner Behauptung, daß er in Bezug aui die Einschränkung der beiderseitigen Flottenrüstung bei uns fein Entgegenkommen ge­sunden habe. Ter Vorsitzende der Kommission verlMl darauf noch­mals das Schreiben des Reichskanzlers aiis der Samstagssihung, wonach dsr Kanzler nicht in der Lage sei, in den nächsten Tagen eine Auskunü der Budgetkommlssion zu geben, daß er aber nach Eingang des Materials den Staatssekretär des Auswärtigen beauf­trage» werde, Mitteilungen zu machen, soweit sie im Interesse des Landes liegen, und daß er sich weitere Mitteilungen zu gegebener Zeit selbst vorbehalte. Der Vorsitzende der Kommission macht im Anschluß hieran den Vorschlag, dem die Komnilssion einmütig zu- stlmnit, die Neubautilel zurückzuslellen, am Montag den Marine- Etat im übrigen zu erledigen und Dienstag vor Beratung der Schiffsneubauten beit Etat des Reichskanzlers einzuschieben. Dern-

keit, mit der hie Salzseen in Tibet austrocknen, bedeutungsvolle Schlüsse ziehen Eönncn. Gegenüber dem Dr. Longstaff bemerkte Hedin, daß die Gebirgskellen, die s)uiin Singh sah, keineswegs die Sxmptfctten des TranS-Himalayas gewesen wären. Gegen Long- staffs Behauptung, Hedins Karte fei identisch mit Atkinsons Karte, protestiere er. Es finde sich keine Uebereinstimmung zwischen den beiden Karten. Es sei bedauerlich, daß derartige Behauptungen ausgestellt worden wären; sie hätten große Verbreitung gefunden, nicht bloß in Schweden, sondern auch in Deutschland und ander­wärts. Schließlich kam Hedin auf die auch in derVoss. Ztg." erwähnten Karten zu spreck)en, die auf den Wänden im Dogenpalast in Venedig gemalt sind. Die Sack-e sei sorgfältig untersucht worden, und er habe aus Italien und vom Oberbibliothekar der EönigL Bibliothek in Stockholm interessante Aufschlüsse darüber erhalten. Die Karten wären Mitte des 16. JahrlMiderts an Stelle einiger Karten gemalt worden, die 1483 zerstört wurden und Asien von der Akündung des Indus bis China und zum Sttllen Ozean, sowie einen Teil von Amerika darstellten. Sie zeigten indessen durchaus nichts, das eine Aehnlichkett mit dem Lande hätte, wie es in Wirklichkeit war. Sie seien Mitte des 18. Jahrhunderts ausgebessert worden und wiesen Berge und Flüsse in völliger Konfusion auf. Man tömte somit unmöglich sagen, welche Gebirgs­kette den Himalaya oder welcher Fluß den Ganges oder Bralmm- putra darstelle. Vom wissenschaftlichen Gesichtspuntt seien die Karten völlig wertlos. - - Sie wären auf Bestellung angefertigt worden, um das Andenken an Marco Polo und einige andere Venetinner zu erhalten, und da weder Marco Polo rwch sonst ein Venettaner jener Zeit in Tibet war, sei leicht einzusehen, daß die Karten nicht etwas enthalten könnten, was er, Hedin, während seiner letzten Reise entdeckt hätte. Somit erhält man aus dem Verlauf der Diskussion über die angefochtenen Entdeckungen den Eindruck, daß die Angriffe gegen den schwedischen Forscher imbe­gründet waren und daß ihm die Abwehr in vollkommener Weise geglückt ist.

C.K. Das Problem der Junggesellensteuer. Die schwierige Frage, in welcher Weise unverbesserliche Junggesellen für ihren Mangel sozialen Sinnes durch Steuernbeftraft" ioerben können, beschäftigt seit einiger Zeit die Parlamentarier von Kansas, ohne daß man zu einer Einigung gekommen märe. Jetzt nt dem Parlamente von Maine ein Gesetzentwurf vorgelegt, der das Steuerprojekt feines Strafcharakters entkleidet und nut dem schim­mer sozialer Wohltätigkeit umgibt. Die unverbesserlichen Jung­gesellen, so sicht das Gesetz es vor, sollen Eünmgbm den alten Jungfern, die durch die Schuld der Junggesellen ledig blieben, in Form einer Art Pension Schadenersatz leisten. Die Erträg- nisse der Steuer werden dazu dienen, den am gen Jungfrauen, die das vierzigste Lebensjahr unoerbeitatet über)(brüten haben, eine Rente von nicht über 100 Mk. pro Jahr zu geroäl)ren. Zur Steuer lverden alle .unverhellateten Männer herangczogen, die das dreißigste Jahr vollendet Habel; und Sicht nachweijes Lonnes,

daß sie bereits dreimal in aller Form um die Hand einer Tochter des Staates Maine angchalten haben. Ebenso sollen auch nur jene Jungfrauen, die Jungfernpension bekommen, die imchweisbar niemals in ihrem Leben einen ehrlichen Hciratsanttag bekommen haben. Als ehr1ick>er Antrag gilt die Werbung eines jeden Mannes,, der nicht bereits Insasse einer Geistestrankenanstalt war oder wegen eines ehrenrührigen Verbrechens bestraft wurde.

Kostbare Bücher. In der Buchhandlung von Max Perl in Berlin wird zurzeit die Bibliothek des Frciherrn von G r o t e - Wannsee unter «ehr lebhafter Beteiligung versteigert. Das Germanische M u s c u m in Nürnberg erwarb eine große Anzahl wertvoller Originaldrucke. Die erste ^lusgabe dich Grimmschen Kinder- mid Hausmärchcn brachte 680 Mark, der Schilletschc Musenalmanach für 1800 375 j)Nark, die Erstausgabe von LessingsMinna von Barnhelm" 300 Mark. Goethes Schriften, erste Ausgabe in acht Bänden, kamen auf 560 Mark: andere erste Drucke von Goethe-Dichtungen erzieltem ebenfalls hohe Preise:Faust", erster und zweiter Teil, 331 Mark,Werthers Leiden" 505 Aiark. Ein Berliner Privat-i sammler erwarb La FontainesContcs et Nonvelles", Amsterdam 1762, für 810 Äiark. Sehr umstritten war auch eine besondere Rarität: das von Theodor Mommsen, Theodor Storm und Tychv Riommscn im Jahre 1843 heraus gegebeneLieder­buch dreier Freundc", t>a£ kurz nach dem Erscheinen von den jungen Autoren aus dem Handel zurückgezogen wurde, so daß nur wenige Exemplare erhalten blieben. Es brachte 360 Mark.

In dem Verlag der Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Herrn. Ehbock, Berlin W. 30 gelangen in der nächsten Zeit einige Werke zur Ausgabe, die unsere Leser besonders interessieren dürf­ten. Der beliebte diomancier Georg Engel bietet mit dem humoristischen BandeDer verbotene Rausch" eine ganz eigene neue Note seines Schassens, bei Paul Lindau bewährt sich seine befanntc Erzählungskunst inDer Held des Tages" rcieber voll und ganz, mit einer kleinen aber den früheren Schöp­fungen ebenbürtigen SammlungDer Vetter aus Köln" erscheint Rudolf Presber, und mit den trefflichen Erzäh­lungenDie zwölfte Stunde" wird Rudolf Stratz seinen Leserkreis noch bedeutend erweitern. Ferner zeigt ber Verlag das Erscheinen eines ncüen Romans der beliebten Schrift­stellerin Mito KremnitzIst das daS Leben?" und die zweite Auflage des. vor wenigen Wockjen erschienenen RomanS Siehe, es beginnt zu tagen" von El-Correi an.

Kleine Chronik ans Kunst und Wissenschaft Ter Geheime Medizinalrat Professor von R e n o e r £ ist gestern früh in Berkin gestorben. Ter Herzog der Abbruzzen begab sich über Genua nach Marseille, von wo er seine neue Expedition nach dem Karakeramgebirge aiitrelcn wird. Die be­rühmte Schauspielerin Ak a r i a D a h n - H a u s in a n n ist 80 Jahre alt in München gestorben.

Ä

Rechtsschutz^

erteilt unentgeltlid) [D-

Rat und Auskunft

SprechstMden Mitwochs

5-7 Uhr, Alicestrahe 31 in

geraut

^hen

Äs

TT...

S Theater 5 lachen! :.®.OtnifetChn*i ,

Sturm?'8841''

Mark 22000 aui vrima 2. Hypothek gan;c! geteilt sofort au verleihen.

Schriftliche Angebote unE an den Gießener Anzeiger nft 0 /zv |

u.TamettvercinGabelsbev Donnerstag den 25.

abenbö 9 Uhr un Caf6 Ebel

Vereins*

Elegante

i

16

62

II

ini

Elegante

i fc-te/e

5.

fl;

17

tt ch 6.

14' an ch-

ino

r

tie/drWt unter Granne guten Zitzes Heinrich (hiUt Lchnridermeister

-Meritt. ?

Zirkus MM s'SZH

***Ļ8^

A"'^^»denE^ i

fcSSk

JU>»LZ4c-

stirchenplatz 9-J == Leüte Wochel-5 Eine interessant* Wj 1 Im westlichen Hart.

&

Nr. 69

Zweites Blatt

159. Jahrgang

Dienstag 23. Marz 1909

Gießener Anzeiger

Erscheint tögllch mit Ausnahme deS Sonntags.

General-Anzeiger für Gberheffen

Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchea Untversitärs - Buch- und Stemdruckeret.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: 5L

Redaktion: e=^112. Teß-Adru AnzeigerDießen,

DieSiehener ZamilienblStter" werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Sttmmungsbllö aus Sem Reichstage.

Berlin, 22.

Mit einer nach den aufgeregten Debatten der letzten Tage um so auffallenderen Stube und Friedlichkeit wurde heute dic> B e - ra tun g des Mili täretats weiter geführt. Die gereizte Polemik hat einer geradezu versöhnlichen Stimmung Platz gemacht, die so weit ging, daß recht starke Mehrheiten verschiedene Abstriche, die die Kommission unter dem dringenden Widerspruch der Militär- verwalttlng beschlossen hatte, nach nur kurzen Erörterungen wieder aufhob unb die Forderungen der Regierung glatt bewilligte. Des .gilt unter anderem fürdieBerlegungdcrUnteroffizier- 1 ch u l e v v n B i e b r i ch n a ch W e tz l a r, nwgegen die Kommission in der Hauptsache die Ersparnisgründe geltend gemacht hatte, und weiter insl>esondere für die Erhaltung des reitenden ,F e l d j ä g e r k o r p s, dessen Schicksal nicht nur in der Kommission, sondern auch in der allgemeinen Aussprack>e des Plenums beim 'Gebalt des Kriegsministers lebhafte Für- und Gegensp-vache ver­anlaßt hatte. Er erregte nicht geringes Aufsehen, als bei Eröff- tjnmg der Sitzung mit den Herren vom Kriegsministerium auch der Staatssekretär des Auswärtigen Amts im Saal erschien.Dtan iglaubtc schon, er hätte in der Budgetkommission, die bis zu diesem ^Augenblicke getagt hatte, die erbetenen Erklärungen über deutsch- englische Flottenfragen abgegeben. Aber Herr v. Schoen war gar nicht in der Budgotkommission gewesen. Was ihn nad) dem Reicl)stage führte, war die J^elchägersrage, und er setzte durch, was Herrn v. Einem nicht gelungen war. Denn et legte überzeugend dar, daß für die diplomatischen Kurierdienste, die von den Offi- zieren des reitenden Feldjägerkorps versehen werden, sich ver­abschiedete Offiziere nicht immer eignen und daß die Aushebung des Korps statt Ersparnisse dem Reiche jedenfalls Mehrkosten herur|äd)en würde. Daher desavouierte Freiherr v. Hertling feinen Fraktrvnsgenvssen Erzberger, und auch Dr. Sentier er­klärte sich im Namen seiner politischen Freunde für dick Aufhebung des Kvrnmissionsbeschlusses in der Voraussetzung, daß so weit wie möglich Stellen für verabschiedete Offiziere eingerichtet werden. Und ebenso bewilligte man die von der Kvmmission gesttichenen Stellen der Ober Veterinäre, indem man sich mit der Zusage einer Reorganisation des Veterinär ko rps be­gnügte. Ohne die Auseinandersetzungen aus der Generaldebatte zu erneuern, fand sich eine Mehrheit für den Resvlutionswunsch nach Einrichtung der Charge des Fe ldwe be l l e u t- nants. Weitere Wünsche und Beschwerden ürurben aus den Reihen aller Parteien vvrgetragen, und die Herren von der Militär­verwaltung äußerten dazu ein mehr oder minder großes Entgegen­kommen: so in den Fragen der Kantinenverpflegung und der Privattätigkeit der Musikkapellen, die ((Stellung der M ilitärapotheker und die (.Bewährung von Urlaub zur Erntezeit und die Gebührnisse bei Reisen und die Gewährung von Rationen. Der Reichstag ist mit der Militär­verwaltung in der Hauptsache darin einig, daß Rationen nur für wirklich gehaltene Pferde gewährt werden sollen.

Stimmungsbild aus dem preuh. Landtage.

Berlin, 20. März.

Prachtvoller Lenzsonnenschein lag über den Straßen der Reichsl-auptstadt, als das preußische Unterhaus sich am Sams­tag zu fleißiger Arbeit versammelte. Und and) in den däm­merigen Saal der parlamentarischen Rede und Gegenrede war ein Frühlingsgruß gedrungen; vor dem bekränzten Sessel des Vize­präsidenten Porsch erhob sich ein lenzfrisches Blummenorrangement, des Zentrumsmanncs sünfundzwanzigjährige Tätigkeit als Volks- 1 Vertreter dem Hause kündend. Wohl an die hundert Köllegen- Hände hatte der also Gefeierte zu schütteln: von allen Seiten wurde er beim Eintritt in den Saal herzlich begrüßt und be- fglückwünscht, und nicht zuletzt in der Reihe der Gratulanten stand der Eisenbahnminister. Der mußte hinterdrein sein Stimm- :mittel noch gründlich strapazieren: Von allen Seiten rückte inan ihm mit langen Wunschzetteln auf den Leib. Herr Beyer vom Zentrum forderte das Koalitions recht für die E i i c n b a b n a r b c i t e r und wcitergehendc soziale Fürsorge für sie, und der Nationalliberale Dr. Schröder-Kassel wie der Bolksparteilei Dr. Flesch hieben in dieselbe Sterbe. Immer­hin hatten sie für die Sozialpolitik ber Eisenbahnverwaltung größere 'Anerkennung als die Zentmmsmänner; uni) sie gaben sich mit dem Versprechen des Ministers, nach Kräften weiter für

ICUines Feuilleton.

Josef Lausss SchauspielDer D e i ch g r a f", eine Bearbeitung seines bekannten RomansFrau Aleit", erlebte vor- Igeftetn seine Uraufführung im Wiesbadener Kgl. Theater und er­zielte durch die äußerst bühnenwirlsaiue Handlung, durch die pracht­volle Zeichnung engherziger niederrheiinscher Bauernlypen, durch kernige urwüchsige Sprache und das interessante Lokalkolorit einen durchschlagenden unbestrittenen Erfolg.

Ein hübsches Wort Björnstjcrne Björnsons ferzählt Hans Winderstein, ber Dirigent der Leipziger Philharmo­nischen Konzerte. Winderstein veranstaltete mit seinen Philharmo­nikern eine ssirndinavische Tournee. Eines Tages befanden sich auch Frithjof Nansen und Bjömstjerne Biörnson mit seinem Sohne (dem jetzigen Regisseur des Hebbel-TheaterS in Berlin) im Pub­likum. Na chdem Konzert kam der große Björnson auf Winder­stein zu, schüttelte ihm die Hand und sagte:Sie haben mir heut einen großen Genuß bereitet. Ich habe durch Ihr Programm das betende, das liebende, das kämpfende und das siegende Deuffch- land kennen gelernt!" Man hatte Händels Largo,Isoldens Liebestod", Beethovens C-Nwll-Symphonie und Wagners Kaiser- Marsch gespielt. .

ZumStreitüberSvenHedinsEntdeckungen wird geschrieben: In wenigen Tagen hält Dr. Sven Hedin in der Berliner Gesellschaft für Erdkunde einen Vortrag über seine letzte Forschungsreise in Zentralasien. Da etliche seiner Ergebinsse namentiid) die Entdeckung der großen Gebirgskette, der .Hedin den Namen Trans-Himalaya gab, eine scharfe Kritik veranlaßt haben, bietet es Interesse, zu fel-en, wie Hedin den Eingriffen begegnete. Dies geschah vvr einigen Tagen in der Geographischen Gesellschaft in London bei der sich an Hedins Vortrag anschließenden Dis­kussion, an der auch der öfter genannte, Dr. Longstaff teilnahm, der Hedin die Ehre, Entdecker der großen Gebirgskette' zu sein, abgesprochen hatte. Von den Kritikern war u. a. auf die Reise des indischen Punditen Nain Singh hingewiesen worden. Dr. Sjebin erklärte nun, er bewundere Nain Smghs Reise, besonders da er, Hedin, dessen Spuren mehr als ein anderer gefolgt wäre. Llber die Ergebnisse der indischen Reisenden seien für wissenschaft­liche Zwecke nicht verwertbar. Ein Geograph könne, aus den Be­richten eines Pundften keine wissenschaftlichen Schlüsse ziehen. Sie gäben nur eine topographische Idee von dem Sanbe. Andernfalls würden Nain Singhs Beobachtungen über den mitten in Tibet belegenen See Tarienam tho, den Hedin zweimal berührte, außer­ordentlich wichttge Ausschlüsse über Tibets Austrocknung und die Verwandlung der Wasseransammlungcii zu Salzwülten gebracht haben. Singh erwähne aber nur in allgemeinen Ausdrücken den See und liefere keinerlei bestimmte Angaben, die von Nutzen für die Wifsensck-aft wären. Hedin hätte dort nur weißes Salz, aber wicht einen Tropfen Wasser gesehen. Hätte Singh vor 34 Jahren genaue Beobachtungen gemacht, würde man jetzt über die Schnellig-