Ausgabe 
18.12.1909 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 397

Zweites Blatt

159. Jahrgang

Samstag 18. Dezember 1909

Gießener Anzeiger

Eeneral-Anzeiger für Gberhesien

Dtt JcwiHenblStter* werden dem

bVnzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da« ELrelsdlaN fli bti Kreis Gießen" zweimal wochmilich DiekandivtrNchastllchev Ml» htjei" erichemen monatlich zwennal.

RsiettoMbrurf an» flerlog 6«i Vetdlfcho» Untoen'udtS» Buch» und Btemdrudetet, ÖL Lang«,icfeen.

Redaktion, ExoedMon and Druckerei: Schul» Prägt 7. Expedinon and Verlag e^» &L Jkfiafttxm:e^®112. LeU-Ad ru^lii-eiger^iev«.

Der (Entwurf öe$ Reichrgesetzes über Öen Avsatz von Ualisalzen.

Wolffs Telegraphisches Bureau erfährt: Die Preußische Regierung hat beim Bundesrat den Entwurf eines Reichs- gesetzes über den Absatz von Kalisalzen eingebracht. Danach dürfen Kalisalze nur durch Vermittlung einer Bertriebs- gemernschaft abgesetzt werden, der die Besitzer der förder- fähigen und der im Entstehen begriffenen Kaliwerke bei» treten können. Die Satzung der Gemeinschaft und die Iest- setzung der Verkaufspreise für das Inland bedürfen der Genehniiaung des Bundesrats .

Mr Die einzelnen Kaliwerke werden von der Dertriebs- gemeinschast Beteiligungsziffern festgesetzt. Gegen die Festsetzung ist Berufung an eine Kommission zulässig, die aus dem Bundesrate und von den Interessenten bestimmten Mitgliedern besteht und deren Vorsitzenden der Reichskanzler ernennt. Besitzer von besonders ausgedehnten Abbaufeldern erlitten Zufaßbeteiligungen, toeld)c mit dem Wert des Durchschnittsabsatzes steigen. Für die nächsten fünf Jahre gelten die im neuen Kalrsyndikatsvertrage festgesetzten Be- -eiligungsziffern. Kaliabbauberechtigte, welche noch nicht mit der Anlage eines Kaliwerks begonnen haben, erhalten eine Entsä-ödigung, welche in der Gewährung einer auf vrund der Bvhraufschlüsse festzusetzcnden Beteiligung be- ltehü Dieses steigt mit dein Werte des auf ein Gemein- schaftswerk entfallenden Durchschnittsabsatzes und kann -urch Usbertragung auf Mitglieder der Dertriebsgemmn- sck-ast verwertet werden. An Stelle einer solchen Entschä­digung kann der Berechtigte den Ankauf der Abbau- :echte durch die Vertriebsgemeinschast gegen Erstattung der krwerbskvsten oder des im letzten Jahre notierten durch- Icbnittlichen Kurswertes verlangen. Die Bertriebsgemein- Ick/aft kann an Stelle der Gewährung einer Entschädigung dem Berechtigten den Beitritt als Mitglied gestatten. Be- -ltchende Lieferrrngsverträge sind von der Vertriebsaemein- Haft zu übernehmen, soweit die Lieferrmgsverpflichtungen ^ucht über zwei Jahre hinausgehen. Die Geltungsdauer des Gesetzes soll zwairzig Jahre betragen.

Skanüalszenen in der russischen Duma.

Petersburg, 17. Dez. In der heutigen Abendsitzung in der Reichsduma erklärte der Abgeordnete Roditschef (Ka­dett) bei der Beratung über die Zulassung der nichtrussischen Sprache bei den örtlichen Gerichten, daß die Abschaffung der den ll-olen durch die Grundgesetze gewahrten Wahlrechte ungesetzmäßig gewesen sei. Diese Worte riefen bei der Rechten und zum Teil r^uch bei den Nationalisten unglaubliche Lärmszenen her- wor. Man klappte mit den Pultdeckeln und mehrere Nationalisten '.^brachen sogar ihre Pulte in Stücke. Der Präsident versuchte -cgeblich, die Ruhe wiederherzustellen und sah sich schließlich ge- ... üungai, die Sitzung zu unterbrechen. Darauf versuchte der Abgeordnete Timoschkin von der Rechten mit dein Kadetten Ad* t chenvw handgemein zu werden. Eine Prügelei wurde durch die Ordnungsbeamten des Hauses und durch die Freunde der beiden Abgeordneten verhindert.

P'e t e r s b u r g , 17. Dez. Der Budgetausschuß . der Reichs- birna hat in geheimer Sitzung einstimmig die zur Reorgani- srtion des Heeres nötigen Kredite unverändert bewilligt.

politische Tagesscbntt.

Die Einigung des LinksliberalismvS.

lieber das neue Einiaungsprogrcmrm der AnkZliberalen schreibt dieNatl. Korresp.":

,^Jn den Blättern der drei ,Richtungen ist es noch wie ein leises Fortzittern der Kämpfe, die dieses Werk gekostet haben mag. Den einen will die neue Firma nicht recht gefallen; die anderen seufzen hörbar über das Aufgeben alter liebgewordener Vorstellungen und programmatischer Sätze zugunsten des neuen Parteige­

bildes. Indes sind das Dinge, in die wir unö nicht zu mischen haben: intime häusliche Begebnisse, die uns nichts angehen. Immerhin bliebe anzumerken, wie dies Kompromrßprogramm, das nicht ungeschickt aus den Leit­sätzen der Einzelnen das Beste zum Strauße windet, einen unverkennbaren Fortschritt aufweist in dem 2lbrücken von Lehrmeinungen, die durch Jahrzehnte zu dem GlaubenSsck)ay freisinniger Unentroegiljeit gcyört hatten. Da wird'unter Ziffer VI der neuen Konkordien- fvrmel staatliche Sozialpolitik wie etwas ganz Sellrst- verständlick)es gefordert und neben dem Satz, der die Erhaltung des Reichstagswahlrechts heischt, steht der andere, nicht weniger bedeutsame, von der noch zu er­wirkenden Berücksichtigung der Minderheiten. Das scheint uns darzutun, daß die neue Partei (wozu aus ihrer Geschichte und Vergangenheit sie vielleicht manches ver­führen könnte) keine Neigung zeigen wird, in blutleere Theorie sich einzuspinnen und in Doktrinarismus zu verharren. Und das freut uns. Die uns überhaupt diese ganze Einrichtung ehrlich freut. Es ist doch wenigstens ein Versuch, dem Wirrwarr der Fraktionen und Frak- tiönd>en mannhaft zu Leibe zu gehen. Wenn die neue große Partei besser als es bisher ifjre Splitter vermocht yaben, örtliche Querköpfigkeit niederzuhalten verstehen sollte und dafür zu sorgen, daß den schönen Dorten von gesanrtliberaler Gemeinbürgschast auch die entsprechenden Handlungen folgen an unserer frenndnachbarlichen Gesinnung wird es nicht fehlen."

*

Dal preußische StaatSminikerium und die Wahlrechtkrefana.

DieMünch NeuesL Nachr." melden aus Berlin, gutem Vernehmen nach sei die vorgestrige Sitzung des preußischen Staatsministeriums den Erörterungen der Reform des Wahlgese tzes gewidmet gewesen. Es sei anzunehmen, daß die Thronrede zur Eröffnung des Landtages be­stimmte Maßnahmen auf di.sem Gebiete amünb;gtn werde, so vor allen Dingen das direkte Wahlrecht. Eine ähnliche Mitteilung, die freilich etwas weniger bestimmt und etwas allgemeiner gehalten ist, bringt dieFrankfurter Ztg."

Demgegenüber stellt dieDeutsche Tages.ztg " fest, daß grundsätzlich über die Beratungen des Staa sministeriums unverbrüchliches Stillschweigen bewahrt wird:

Man darf deshalb vermuten, baß die Mitteilung der beiden süddeutschen Blätter auf Kombinationen oder auf Annahmen beruhen. Zu derartigen Kombinationen liegt aber eigentlich keine besondere Veranlassung vor, da das Staatsministerium gerade jetzt unmittelbar vor dem Zu­sammentritte des Landtages recht wohl über andere Gegen­stände, beispielstveise über den Abschluß des Etats, beraten haben bann. Auch die Thronrede kann den Gegenstand der Erörterung gebildet haben: und daß dabei die Frage der Wahlrechtsänderung geftreift worden ist, kann als mög­lich bezeichnet werden. In kundigen Kreisen neigt man der Annahme zu, daß die Wahlrechtsänderung in der Thronrede nicht erwähnt werden wird. Das würde nur dann zweckmäßig sein, wenn die in der vorigen Thron­rede in Ansicht gestellt m Vo b C- t njen z m Abschlüsse gelangt n>ären, lvas tatsächlich bis jetzt nicht der Fall ist. Bestimmte Andeutungen über die geplante Ge­staltung des neuen Wahlrechtes sind, wie man uns ver­sichert, in der Thronrede nicht zu erwarten.

Statistik der deutschen Reichs Pofi« und Telegraphenverwaltuug.

Nach der soeben veröffentlichten Statistik für das Ka­lenderjahr 1908 hat sich die Geschäftstätigkeit im letzten Jahre wiederum erheblich erweitert, wenn auch in einigen Zweigen die Zunahme nicht so erheblich war wie früher, und im Telegraphenverkehr sogar eine Abnahme stattgefunden hat. Der Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben, der im Etatsjahr 1907 um 22 Millionen Mark zurückgegangen war, hat sich im Etatsjahr 1908 um

9Vs Millionen Mark gehoben. ilüichstehend seien nach der ,^8oss. Ztg." die Hauptzahlen der Slaiistil mitaeteitt:

Tie Zahl der Po st an stallen betrug im R i hspost-- gebiet (also ausfchl. Bauern und Württemberg 34 49J gegen 34 072 im Jahre 1907; bttjU kommen noch in den Schutz­gebieten 173 (1907 156) und im AuSlande (Orient, Marokko^ China) 31 (31) Postanstalten. Tie Gesamtzahl hat sich mit­hin von 34 072 auf 34 490 oder um 418 d. i. 1.23 (1907 1.29) v. H. erljöht. Unter den Postanstalten im Reichs- Postgebiet waren 24 493 (23 283) mit Telegraphenbetricb. Es kam je eine Postanstalt auf 13.0 (1907 13 1) Sfnitr. und auf 1511 (1529) Einwohner. Amtliche Verkaufs stellen für Postwertzeichen gab es außer den Postanstalten 27 577 gegen 27 381 i. I. 1907, darunter 6479 (6548) an Orten ohne Postanstalten. Die Zahl der Postbrief­kasten betrug 124 332 d. i. 2920 oder 2,41 v. H. mehr als im Jahre 1907. Postanstalten mit Schließfächern sind 687 (1907 592) mit zusammen 21082 (18 328) Fachem gezählt worden; die Zunahme mar also recht bedeutend. Dos Ge­samtpersonal der Post- und Telegraphenverwaltung belief sich auf 288 725 Personen gegen 277 116 im Jahre 1907; die Zunahme war mit 11609 oder 4,19 v. H. wesent­lich geringer als im Jahre 1907, in dem sie 15 334 oder 5 86 v. H. betragen batte. Unter dem Personal befanden sich 116613(1907 l 117b 1) Beamte, 123307 (117831) Untcrbrointe, 43 442 (43 148) außerhalb deS Beamtenverhältnisses be­schäftigte Personen, 895 (898' Posthalter und 3468 (3488) Postillone oer nicht reichseigenen Po schaltereien. Unter den Beamten waren 20 140 weibliche gegen 17 826 L I. 1907 und 14 679 i I. 1906, so daß in 2 Jahren eine Zunahme« der weiblichen Postbeamten um 37 v. H. (tätige* funden hat. Die Gesamtstückzahl der von der Post beför­derten Sendungen ist auf 7995 Millionen Stück berechnet gegen 7667 i I. 1907 und 7105 L I 1906, so daß eine Zu­nahme um 328 (1907 um 562) Millionen stattgesunden hat. Darunter befrmben sich 5670 (5435) Millionen Briefe, Post­karten, Drucksachen usw., 200 (192) Millionen Postanwei­sungen, 5.5 (5.5) Millionen Postauftragsbriefe, 1694 (1603) Millionen Zeitungsnummern, 210 (174) Millionen außer­gewöhnliche Zeitungsbcilagen, 237 (227) Millionen Pakete und 8,7 (0.0) Trillionen Briefe mit Wertangabe. Den .Gesamtbetrag der Wertangaben und des v.rmitt Len Geldverkehrs betrug 32 996 (32 980) Millionen Mark, ist also nur um 16 (im Vorjahr um 2590) Millionen Mark gestiegen. Die Gesamteinnahmen der Post- und Tile- graphenverwaltung beliefen sicd im Rechnungsjahr 1908 auf 623.38 Millionen Mark gegen 576.58 Millionen Mark im Jahre 1907, die Gesamtausgaben auf 576.58 MilL Mark, die Ausgaben um 37.23 Millionen Mark gestiegen. Tamit hat sich der von der Reichs-Post- und Telegraphen­verwaltung erzielte Ueberschuß von 37.23 auf 46.80 Mill. Mark erhöht.

'' -------- -L_ ..J'J-1" ' ...l,----- -l.S

Gießener Strafkammer.

)( Gießen, 17. Dez Diebstähle en gros.

Ein trauriges Bild der Verkommenheit einiger junger LeutS von hier zeigte eine sehr umfangreiche Verhandlung, die die Ab-' urreilung einer Anzahl hier verübter Einbruchs- und anderer Diebstähle zum Gegenstand hatte. In der Nacht zum 26. Sept, versuchte der 22 jährige, hier gebürtige Arbeiter W. Sch. mit den. beiden 18 jährigen Dausburschen L. D. aus Krosdorf und I. R. aus Fürstenstein und dem Handlanger A. H. von hier ein Seltcrs- wasserhäuschen in der Friedrichstraße, in das H. früher schon, einmal eingebrochen hatte, einzubrechen. Da ihnen dies ohne Werkzeuge nicht gelang, nahmen sie an einem Neubau Mauer- klammern mit und begaben sich an das Selterswasserhäuschen an der Ecke der Bahnhofs* und Liebigstraße. Während W. Sch Schmiere stand, lösten die andern den Kloben des Rollandens, zogen diesen in die Höhe und entroenbeten drei Kistchen Zigarren, etwa acht Pfund Schokoladezigarren und fünfzig Tafeln Schokolade; die Sachen teilten sie unter sich und verichcnkten sie teilweise. Später stieg D. mit dem gleichalterigen Schuhmachergesellen L. Sch^ von hier und einem gewissen E. von da, der aber im Laufe der!

kleines Feuilleton.

Die Stadthalle in Mainz wird während des Um* brues des Stadttheaters, der int nächsten Jahre erfolgt, brein Direktor, Hosrat Bohrend, für Tbeaterausführungen über* lassen werden. Hoffentlich wird sich in Mainz genügend Theater- Drblifirm finden, um diese Riesenhalle, die wohl die größte in ^cutidylanb ist, wenigstens einigermaßen zu füllen. Dazu ist, wie ir.ir aus Erfahrung wissen, btc Schall Wirkung vvn der kleinen Dühno aus sehr mangelhaft.

Einsturzgefahr beim Straßburg-er Münster. Dan schreibt den M. N. N. aus S t raßbu r g: Schon seit Jahres- ftist laufen Gerüchte um, dem Straßburger Münster, diesem Herr* Liften Denkmal deutscher Gotik, drohe, ernste Gefahr durch hxnt* «hende Zerstörungen an einem der Hauptpfeiter, \ü datz schon Lenkungen vorgekornlmen seien. Der Straßburger Gemetnderat deshalb im April ds. Js. die Vornahme von RenovierungL- erteiten beschlossen, vom städtischen Bauamt wurde jedoch bisher Sehauptet. es liege fein Anlaß zu einer ernschaften Beunruhigung vor. Dieser Erklärung entgegen lezeichnele gestern der Do m b a u * meister Knauth in einem Vortrag den augenbllcklcchen Zu­stand des Münsters als durchaus besorgniserregend, wenn auch Jahre und Jahrhimderte hindurch keine Katastrovm engetreten wäre. Nach einer interessanten Behandlung der Boip «schichte des MünsterS erörterte der Vortragende eingehend die Äelastungsverhältnisse des in seinem Fundament crrrartnen Pfetlers und des benachbarten ersten Pfeilers des Hauptschiffes, danach weist der bezügliche Pfeiler mehrjackre Mehrbelastungen am, die Tusaminen mit bcin besondere wichtigen Seitendruck des Lurm- IttebpfeilerS als die Hauptursach e für die Zerstörung des Piei^s engcsehen werden müsjcn. Das Zerstörui'.gsioerk hat nch zunachi! bird> Risse vvn Westen nackt Osten bemerkbar gemacht. ^Knauth Pat diese feit mehreren Jahren genau bcooachtet und e* Iteilte ich heraus, daß sic in ganz kurzer Z eit z u n a h m e n. Ter Tucnipseilcr nebenan, dessen Belastung nicht in der öenrretmen erfolgt, zeigt eine Ausbiegung nach dem I n n e r n des Dünsters um etwa 8 Zentimeter. Der Ibiteriuchung Ker Fundameiite wurde unterhalb des ^mnnchserlers rn dem aus Haustein bestehenden Fundament klon eine schlammige Humusschicht Llsgesunden, die mit inieiartigen Unterbieduntgoi vielleicht den bitten Teil des Pfeilerfundamentes im Ouerichnitt dar stellt lAt Dieder herstell uugsarbeiten dürfen sich also nicht auf die Erneuerung bs Scyifispieilers allein beschräu^n, sondern es wird außerdem em solche Verstärkung des Turnrpjeilers, iirsdeiondere iemes anndamer'.ts, durd>geführt werden müssen, daß dieier dre iym durch die fttonftruftton des Bauwerks zugewiesene Belastung auch Wirklid) zu tragen vermag. Die ersten nnfsenichaMichen Autorr- t*tai habcn feig NeWMierungschw je Eie des TomLarnneisters lur

möglich und durchführbar erklärt, so daß die Betonierung bald beginnen kann. Knauch sdüitzt die Dauer der Bauzeit auf zwei bis drei Jahre.

Tie merkwü rd i g sten Dramaturgen besitzt das Neue Theater in Halle a. S. Im Genossenschafts-Al- manad) vvn 1909 stand zu leien;T. Oesbini, Bureauchef". Die Mitgliedschast wundert sich nickst wenig, daß ihr dieses wichiige Tirektionsmitglied noch nie begegnet war, bis sich herausstellde, der Name habe zu bedeuten:Toes bin V*. womit der Direktor sich selbst als Bureauchef deklarierte. In dem eben aus der Presse kommenden Almanach für 1910 heißt der Bureauchef: K. A n e r b a". Man wird nunmehr ohne übertrieben viel Auf­wand an Scharfsinn lesen können:Kaner da".

Fünf preisgekrönte Werke deutscher Schriftsteller. DasBureau Fischer" in Berlin- Friedenau, das lediglich Werke deutscher Bühnenschriftsteller in Verlag und Vertrieb nimmt, hat nun die, vorn Verlage im Früpiahr dieses Jahres für dramatische Werke aus­gesetzten Preise zur Auszahlung gebracht. Die Preissumme wurde von Mk. 2000 auf Mk. 2400 erhöht. Den ersten Preis (Mk. 1000) erhielt die Görlitz er Schriftstellerin Emmy vvnPannewitz für ihr SchauspielHinter K l o Her­rn a u e r n". Der zweite Preis wurde vervoppelt. Es erhielten Mk. 600: der Lehrer Gustav Koh ne in Hannover für feine KomödieDer Vorsteher von Holtebauk'" und feine VvlkstvagödieUm das Ge­wissen" unb Mk. 600 der Hamburger Schriftsteller Ernst Eilers für sein SchauspielPeter Nissen". Der Sonderpreis von Mk. 200 für Einakter fiel Eberhard von Weittenhiller in Innsbruck für seine einaktige TragödieKlevpatra" zu. Für das nächste Jahr schuf das Bureau Fischer sechs Ehrengaben in der Gesamthöhe von 3000 Mark, die wieder am 15. Dezember zur Aus­zahlung gelangen.

Neue Nordpolarerpedition. Eine Dristsahrt über den Nordpol nach dem Vorbild desFram" plant, dem Globus" zufolge, der Amerikaner Evelyn Baldwin, der Leiter der von Ziegler ausgerüsteten Expedilron nach Franz-Jvief- Land Vvn 1901/02. Tie Dauer der Reise veranschlagt er aui vier Jahre. Denselben Plan will bekannttich 2ümnti>fen zur Aus­führung bringen.

Japanisches Spielzeug. In der Kunst, für ihre Kinder anregende und dabei ebenso einfach' als billige Spielsachen zu erfinden, haben es die Japaner weiter gebracht, als irgend ein Volk der Erde. Es sind »ast durchweg Arttkel, die nur wenige Pfennige losten und für Arm und Reich zugänglich sind, aber

von einer Mannigfaltigkeit und einer Sinnigkeit, die ganz er­staunlich ist. Biele dieser winzigen Sächelchen sind dem Inventar religiöser Kultuszeremonien entnommen, kleine Holzhämmer, Miniaturtrommeln, Opfertifchchen, Mützen, wie sie die Schinto- priester tragen, u. dgl. mehr. Ein Bündel niedlicher Zinnglödchen an hölzernem Griff ahmt das heilige Suzi nach, das die jung­fräuliche Priesterin beim Tanze vor den Göttern in der Hand schwingt. Masken und Puppen, die bestimmte Götter vorstcllen,. sind besonders häufig. Anderes Spielzeug ist dem Tierreich ent­nommen und zum Teil auf recht sinnreiche Weise beweglich gemacht. Sehr beliebt ist das Tombo (b. h. die Libelle), das nur aus zwei I-förmig zusammengefügten Holzstäbchen besteht und durch eine quirlende Manipulation dazu gebracht werden tarnt, wie ein Insekt birad> die Lust zu schwirren. Ein anderes heißt O^Saru (der ehrenwerte Affe): zieht man an feinem Schwänze, so läuft er flink an einer Schnur hinauf. Karu-wazassi, der Akrobat, ist eine Holzfigur an einer Schnur, die zwischen zwei fcherenartis verbundenen Dambusstäbchen gespannt ist: drückt mau die stab­enden zusammen, so führt der Akrobat allerhand Turnkunststucke aus. Kvbiki, der Holzschneider, stelll einen japanischen Tischler miti einer Säge und einem Brettchen dar, der durch eine Schnur in Tätigkeit versetzt werden kann. Chin ist ein kleiner weißer Hund, der kläfft, wenn man ihn aus den Kops schlagt. Dann gibt e# winzige Spinnräder, die getrieben werden können, irdene Schild­kröten, die im Wasser schwimmen, hölzerne Pfeifen, die beim Geblasenwerden ein Windrad in Drehung versetzen, Fächer in Bluinenfvrm, bewegliche Miniaturgruppen unb unzählige an­dere Dinge, die fast alle um eine Kupfermünze zu haben sind. Für Puppen haben die Japaner überhaupt eine große, fast aber­gläubische Vorliebe. Lebensgroße Puppen wurden, wie Lafcadio Hearn, der leider zu früh verstorbene feine Kenner japanischar Volkslebens, erzählt, früher oft wie das Kind vom Hause geholten; sie hatten ihre eigenen Betten, viele hübsche Kleider, bekamen! ihre regelmäßigen Mahlzeiten und der Glaube war verbreitet, daß es dem Hause Ungemach bringe, wenn man sie vernachlässige Manche dieser Puppen standen in dem Rufe der Wundertätigkeit und kinderlose Eheleute pflegten sie sich für eine Weile aus­zuleihen, weil sie dadurch Elternglück zu erleben hofften. Auch, letzt noch findet man in japanischen Familien den Glauben,^ daß eine Puppe, die lange Jahre in ein unb bemselben Hause ge­wesen sei unb mit bet Generationen von Kindern gespielt haben, allmählich zu einem beseelten Menschen würde. Hearn erzählt^ er habe einmal ein reizendes kleines Mädchen gefragt:Du, kann beim eine Puppe leben?"Warum nicht?" war bie Antwort:wenn man sie so recht von Herzen lieb hat, so wird sie leben." Ob nicht unsere abenbländischen Kinder ganz ähnlich denken?