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26.5.1909 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Mittwoch 26, Mai 1909

159. Jahrgang

Die heutige Nummer umfaht 12 Seiten.

Eine unaufgeklärte Geschichte

wird aus Neapel von der Tribuna gemeldet. ES handelt sich uirt einen Konflikt zwischen den italienisck»en Zollbehörden und einem deutschen Dampfer, der auS Genna in Neapel angekommen war und von einem anderen Schiffe 72 Kolli Tabak und andere Waren an Bord genommen und kurz vor der Abfahrt wieder heimlich ge- landet und in die Stadt geschmuggelt haben soll. Der Kapitän! des deutschen Schiffes sei von der Zollbehörde gewarnt und wegen; Zolldcfraudation in eine Strafe von 72 000 Lire genommen worben.

lichen Lehrbücher der organischen und anorganischen Chemie be* kannt geworden, die seit ihrem erstmaligen Erscheinen i. I. 1872 bezw. 1873 eine große Reihe Auflagen erlebt und Tausenden von Medizinern und Pharmazeuten in Examensnöten wertvollste Hilfe geleistet haben. Auch als akademischer Lehrer war Pinner wegen der musterhaften Klarheit und Anschaulichkeit seines Vortrages bei den Studierenden außerordentlich geschätzt. Außer zahl­reichen Aufsätzen und Abhandlungen in denBerichten der Deutschen chemischen Gesellschaft" veröffentlichte Pinner ferner die Ergebnisse seiner Svezialforschungen überdie Jmidoälher und ihre Derivate" (1892). Wichtige Prinzipienfragen der Wissen­schaft behandelt seine anregende StudieDie Gesetze der Natur­erscheinungen" (1888).

Auszeichnung eines Journalisten. Dem Chef­redakteur desMeißener Tageblatts" Schriftsteller Dr. phil. Gott­hard Winter in Meißen wurde vom König von Sachsen der TitelProfessor" verliehen. Dr. Winter ist 1855 zu Schwarzen­berg in Sachsen geboren. Er promovierte 1880 in Leipzig mit der SchriftGoethes deutsche Gesinnung", hielt sich dann mehrere Jahre im Auslande auf und ließ sich nach seiner Heimkehr in Dresden als Schriftsteller nieder. Seit 1887 ist er Chefredakteur des Meißener Tageblatts.

Das englische Landhaus.- Eine Sammlung eng­lischer Hauspläne aus dem Privatbesitz des Kaisers. Im Aller­höchsten Auftrage zur Anregung für den deutschen Eigenhausbau veröffentlicht. 36 Tafeln Abbildungen mit erläuterndem Text von Professor Artur Wienkoop, Darmstadt. 96 Seiten. Verlag der Westdeutschen Verlagsgejellschaft m. b. H., Wiesbaden. Wir stehen in Deutschland erst am Anfänge einer nationalen Wohnungskultur, wie man sie in England schon seit Jahrzehnten kennt. Wenn die deutsche Hausbaukunst eine Blütezeit wie in England erleben soll, dann wird man wie dort neue Anregungen hierfür in der ländlichen Baukunst suchen, auch bei uns wieder auf das alte Bauernhaus zurückgreiien müssen, aus dem heraus sich auch das heute als vor­bildlich bezeichnete englische Landhaus entwickelt hat. Wie bet unserem niedersächsischen Bauernhaus gruppieren sich im englischen Landhause die Wohnräume um eine Diele und die Beispiele der namentlich in den Grundrissen vorbildlichen englischen Häuser zeigen recht deutlich die von Wienkoop betonte Abstammung vom niedersächsischen Bauernhause. Die hier vorgeführten Pläne können uns eine Menge neuer Anregungen geben und zeigen, wie man praktisch und billig bauen kann. Die entschiedene Klarheit und seltene Schlichtheit der Wienkoopschen Erläuterungen erhöht den Wert der Veröffentlichung, so daß sie auch Laien nur zu emp­fehlen ist.

Nr. 121

Der Wietzener Lnzeißer erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich EiehenerLamilienblätter; Iweimal wöchentl.Ureir- latt für den Kreis Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land­wirtschaftliche Seitfragen Fernsprech - Anschlüfie: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen;

Anzeiger Gieße«.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 9 Uhr.

Kreta.

Die Jungtürken sind entschlossen, allen definitiven Angliede­rungsversuchen Kretas an Griechenland den schärfsten Widerstund entgegenzusetzen. Sie würden, wie versichert wird, auch vor einem Kriege nicht zurückschrecken. Unter den vier kretischen Schutz- mächten herrscht keine Einigkeit. Die Erllärimgen deutscher Blätter, daß Deutschland in der Kretafrage eine neutrale .Haltung beobachten werde, werden in Konstantinopeler politischen Kreisen mit großer Befriedigung begrüßt. Man erblickt darin einen weiteren Beweis für das Bestreben Deutschlands, dem neuen Regime in der Türkei keine Hindernisse in den Weg zu legen.

Au; der wetterau.')

----- Friedberg, 25. Mai.

Wie unzühligemal nrögen die sich begegnenden Land^ wirte in der letzten Zeit sich angeredet fyaben:Der Regelt ist wieder fort." Denn auf Regen warten die Landwirte nun schon seit der Frühjahrsb-LstellunI, das sind reichlich! vier Wochen. Statt Regen kühle Reifnächte, tagsüber warmen Sonnenschein, trockene Nordost- oder Nord» Westwinde, die den letzten Grad von Feuchtigkeit aus der Ackerkrume fortnehmen.

Seit acht Tagen etwa sind die Nächte wärmer, tags-,

*) Der Artikel ist 'gerade vor dem darin so sehr ersehnen! Regen geschrieben.

po(itifd?c Tagesschau.

Der Vorstand des deutschen StadtetageS

ist in Berlin unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters von Borscht- München, der an Stelle des zur Zeit in London weilenden Ober­bürgermeisters Kirschner die Geschäfte leitet, zusammengetreten, um zu der Frage der Einführung einer Neichs »Wert­zuwachs st e uer Stellung zu nehmen. Der Vorstand beschloß nach längerer Beratung, eine Eingabe an Bundesrat und Reichs­tag zu richten, worin nachdrücklich gegen die Einführung einer ReichS-Wertzuwachsfteuer und Umsatzsteuer protestiert wird unter Hinweis auf die außerordentliche Gefährdung der Finanzsysteme nicht nur der Städte sondern auch der einzelnen Bundesstaaten, die in der Einführung einer solchen Steuer erblickt werden muß. Außerdem sollen die Landesstädte ersucht werden, bei ihren Landes­regierungen in gleicher Weise Vorstellungen zu erheben.

Die Berliner Gäste in Loudon.

Die Berliner Gäste besuchten gestern die St. Pauls-Kathedrale und das Kriminalgericht von Old Bailey. Im Anschluß daran fand im Gebäude der Tuchmacher-Korporation ein Frühstück statt. Den Gästen wurde von den Besuchern der dem Gebäude gegenüber liegenden Fondsbörse eine große Ovation dargebracht. Die Ber­liner Gäste wohnten am Nachmittag einem Flotten- und Heeres- -Schauspiele bei und besuchten aberws die königliche Oper. Beim Empfang in der City von London.erfolgte von einer Knabenschule eine großartige Kundgebung, die tiefen Eindruck machte. Ern Schüler sprach im Namen von Jung-England in deutscher Sprache und drückte Englands Wunsch aus, daß das auf dem Schlacht­felde von Waterloo geschlossene Bündnis zwischen Blücher und Wellington stets vorbildlich 'sein und ewig dauern möchte. Die Rede des Knaben rief stürmische Begeisterung hervor. Oberbürger­meister Kirschners 'Erwiderung erregte denselben Enthusiasmus.

Arrsland.

Demonstrationsstreikin Lemberg. Um' ihren For­derungen wegen Aufführung eines neuen Unwersitütsgebäudes, Vermehrung der Akademie-Seminare usw. bei der Regierung mehr Nachdruck zu verleihen, haben gestern die Lemberger Universität-- Hörer mit einem dreitägigen Demonstrationsstreik begonnen.

Rumänien und Bulgarien. In Bukarester diplo­matischen Kreisen verlautet mit Bestimmtheit, daß demnächst Ver­handlungen wegen eines engeren Anschlusses Rumäniens an Bul­garien von den beteiligten Kreisen eingeleitet werden sollen.

Die Königin Viktoria von Spanien sieht für näch­sten Monat ihrer Niederkunft entgegen.

Politischer Mord. Der Geheimagent der russisch« Polizei, Swerjew, der speziell mit der Oeffnung von Briefen, die die Polizei interessieren, betraut war, ist in seiner Wohnung inj St. Petersburg vergiftet aufgefunden worden. Die Tat wurde von Revolutionären verübt.

Zum russischen Botschafter in Konstantinopel an Stelle Sinowjews ist der Gehilfe des Ministers des Aeußeru! Tscharykvw ernannt worden.

Reorganisation der türkischen Flotte. Der neue türkische Marineminister entwickelt 'eine eifrige Tätigkeit zur Reorganisation der Flotte. Zahlreiche Offiziere, die die Alters­grenze überschritten haben, aber noch im Dienst belassen wurden, werden jetzt entlassen. 72 größere und kleinere Fahrzeuge, die als untauglich befunden wurden, werden verkauft. Man hofft, daß die Türkei in wenig« Jahren über eine tüchtige Kriegsflotte verfüg« werde". *e^e*e

Die Lage in Syrien ist noch immer sehr bedenklich. Die Autonomie-Bewegung wächst. Die Parole lautet: Eigsns Beamte, eigene Verwaltung. Die in Damaskus stehenden Truppen weigerten sich, den neuen Sultan anzuerkermen. Man befürchtet einen allgemein« Aufstand.

den Platt, in Deutschland eine Stätte zu bereiten, wo die Schiff­fahrt die ihr notwendige Pflege von der wissenschaftlichen Seite finden' sollte. Er hat dem Gedanken einerDeutschen Seewarte" dann zwar nicht selbst die erste Wirklichkeit gegeben. Während Neu- mayer mit der Ausarbeitung seiner wissenschaftlichen Ergebnisse beschäftigt war, gründete W. v. Freeben 1868 in Hamburg die Norddeutsche Seewarte. Aber schon 1871 plante er mit Freeden zusammen eine Seewarte des Deutschen Reiches, und nachdem er 1872 als Hydograph in den Dienst der kaiserlichen Marine ein­getreten war und als solcher die Zeitschrift gegründet hatte, die jetzt als Annalen der Hydrographie eines der hervorragendsten Organe gleicher Richtung ist, nachdem er die erste deutsche große Tiefseeexpedition derGazelle" mit vorbereitet hatte, die nach der größeren und größten aller Tiefseeexpeditionen desCallenger" unsere Kenntnis des Weltmeeres mit schönstem Erfolge gefördert hat, da übernahm Neumayer 1876 die Leitung der Freedenschen Anstalt, die nach seinem Organisationsplan umgewandelt und am 9. Januar als Reichsanstalt gegründet wurde. Als Direktor der Deutschen Seewarte isstcr bis zu seinem 78. Lebensjahre 1903 tätig gewesen.

Auch die deutsche Südpolarforschung hat dem Heimgegangenen außerordentlich viel zu danken, denn er war einer der eifrigsten Förderer.

Professor Adolf Pinner f. Die Wissenschaft der Chemie hat den Verlust eines als Forscher und Lehrer gleich an­gesehenen Vertreters zu beklagen. In Berlin ist nach längerem Leiden der etatsmäßige Professor an der Tierärztlichen Hochschule, außerordentlicher Professor an der Berliner Universität, Geh. Regierungsrat Dr. Adolf Pinner im 67. Lebensjahre verschieden. Am 31. August 1842 zu Wronke in der Prov. Posen geboren, er­hielt er seine Vorbildung auf dem Gymnasium in Glogau, das er 1863 mit dem Reifezeugnis verließ. In Berlin widmete er sich dann zunächst dem Studium der Theologie, das er aber bald darauf mit dem der Naturwissenschaften vertauschte, dem er nun unter H. Rose, RammelSberg, Dubois-Reymond u. a. mit großem Eifer ob­lag. Nachdem er 1867 promoviert, war er einige Zeit Bor- lesungsassislent bei dem bald darauf nach Berlin berufenen A. W. Hofmann uub habilitierte sich 1871 als Privatdozent an der Uni­versität. Im Jahre 1874 wurde er gleichzeitig etatsmäßiger Lehrer an der damaligen Tierarzneischule und 1878 außerordentlicher Pro­fessor au der Universität. Daneben war er seit 1884 als Mitglied der Technischen Deputation im Handelsministerium, seit 1885 auch als Mitglied des Patentamts tätig, welches letztere Amt er jedoch au§ Gesundheitsrücksichten vor zwei Jahren wieder niederlegte. In weitesten Kreisen il' iiuners Name durch seine beiden treff­

Georg v. Neumayer t-

Der frühere Direktor der Deutschen Seewarte in Hamburg, Wirklicher Geheimer Admiralitätsrat Professor Dr. Georg von Neumayer ist Dienstag früh um 3 Uhr in Neustadt a. d. H. gestorben. In ihm verliert die Wissenschaft einen Mann von großen: Ansehen, einen Gelehrten von weitreichender Bedeutung. Die Hydrographie und Geophysik verdanken es gum großen Teil seinen Verdiensten, daß sie sich zu ihrer heutigen Höhe entwickeln konnten. Und namentlich ist es auch die zu bemerkenswerten Resultaten gelangte Polarforschung, die den Arbeiten Neumayers zu großem Dank verpflichtet ist. Exzellenz v. Neumayer ist fast 83 Jahre alt geworden. Die letzten Lebensiahre verbrachte er in seiner pfälzischen Heimat, nachdem er jahrzehntelang als Direktor der Deutschen Seewarte in Hamburg gewirkt hatte. Neumayer war am 21. Juni 1826 in Kirchheimbolanden ge­boren als Sohn eines Notars. In Speyer besuchte er das Gym­nasium, um dann, 18 Jahre alt, den Studien an der Technischen Hochschule zu München obzuliegen. Mathematik und Physik zogen ihn vor allem an. 1849 machte er sein Examen und trat dann noch im gleichen Jahre als Assistent bei der Bogenhauser Stern­warte ein. Die Studien!, die er dort betrieb, wurden für die Richtung seines späteren wissenschaftlichen Schaffens maßgebend. Er beschäftigte sich dort mit Astronomie, Nautik, Ozeanographie und Meteorologie. Die Unzulänglichkeit, die damals noch in diesen Gebieten herrschte, eiferte ihn zu selbständigen Forschungen an. Die Flottenbewegung in Deutschland int Jahre 1848 regte ihn bann! besonders noch dazu an, sich dem ©tuhinin der Seewmen- I(haften zu widmen. Um durch die' Praxis zu lernen, trat er 1850 als Matrose in den Seedienst. Er bereiste England und Südamerika, kehrte dann nad) Hamburg zurück und legte dort auf der Navigationsschule das Seeschiffexamen ab. Wettere steifen rtad) Südamerika und Australien folgten. Durch seine Vorträge, die diese Reise behandelten, erregte er später in Hamburg das Interesse Alexander v. Humboldt und Liebigs. Durch Liebig nnxrbe Neumayer an König Max II. empfohlen, und als das Pro- iekt eines geophysikalischen Observatoriums für nautische Zwecke und die erdmagnetische Forschung durch die Errichtung einer Station in Melbourne Verwirklichung fand, wurde Neumayer als beten Direktor nach Australien geschickt. Bon 1857 bis 1864 hatte er die Leitung des magnetic Survey of tf>e Soloni) os Victoria in Melbourne inne. Während dieser Zeit führte er er­gebnisreiche Arrschwtgsreisen ins Innere Australiens aus. 1864 nach Deutschland zurückaekehrt, entwickelte - wie wir einem im Bert Tgbl. veröffentlichte "Nachrufe aus Feder Dr. Stahl- hergs, des Kustos am Kgl uftitut für Meereskunde, entnehmen,

Holstein, über fiskalische Waldschlächterei und ein Dutzend andere | zum Ressort des Herrn v. Arnim gehörige Dinge. Der Minister hatte keinen leichten Stand, sich gegen die Forderungen und Beschwerden der Pairs namentlich auf forstwirtschaftlichem Ge­biete zu behaupten. Insbesondere die Oberbürgermeister von Breslau und Danzig setzten ihm wegen der Grunewaldabholzung hart zu, und er mußte sich sagen lassen, daß die ganze Grunewald- frage kein Ruhmesblatt in der Geschichte der preußischen Ver­waltung sei. Gegen seinen Widerspruch stimmte bann auch das Haus dem etwas bedenklichen Begehren des Herrn v. Salisch, die private Forstwirtschaft unter staatliche Aufsicht zu stellen und die Oedlandaufforstungen zu beschleunigen, ebenso zu, wie einer Petition, die gesetzliche Maßnahmen zur Erhaltung des Grunewaldes fordert. Auch die Stellungnahme der Regierung in der Frage des Abschusses des Elchwildes in Ostpreußen begegnete scharfer Kritik, und die Erklärung, die der Minister für den öer- stärkten Abschuß dieser aussterbenden Wildart gab, sand namentlich bei den ostpreußischen Granden wenig Gegenliebe. Der Etat der Ansiedelungskommission brachte eine kleine Debatte über bie Wirkung des Enteignmigsgesetzes: zwei Sachverständige, die Oberbürgermeister von Posen und Danzig, betonten mit Recht, daß die kurze Zeit der Geltung des Gesetzes vor der Hand kein abschließendes Urteil über dessen volkswirtschaftliche Konse­quenzen ermögliche. Die aktuelle Wertzuwachssteuerfrage wurde auch in diesem Hause beim Etat des Finanzministeriums gestreift. Man rügte die Befreiung des Fiskus von der Wertzuwachssteuer, und Herr v. Rheinbaben fang statt aller Antwort ein Loblied auf diese Steuer als kommunale Steuer. Er ist von der Un­entbehrlichkeit dieser Steuer für die Kommunen so durchdrungen, daß er sie ihnen großmütig auch dann belassen will, wenn das Reich den Wertzuwachs für seinen eigenen Säckel in Steuerpflicht nehmen sollte. Hoffentlich verbirgt sich hinter dieser Städte­freundschaft des Ministers nicht lediglich der Wunsch, eine Reichs- steuer dieser Art hintanzuhalren. Eine ganze Reihe kleiner Etats wurde noch debattelos erledigt. Dann, nach fast siebenstündiger Sitzung, vertagte man die Beratung der Etatsreste auf Mittwoch. Offenbar will das Haus an diesem Tage den ganzen Etat unter Dach und Fach bringen.

Stimmungsbild aus dem preutz. Landtage.

_ Berlin, 25. Mai.

Immer starker macht sich das Nuhebedürfnis der Volks­vertreter un Abgeordneten Hanse geltend. Die parlamen­tarische Maschine arbeitet unter Dochdruckspannung: Man will so schnell wie möglich in die wohlverdienten Ferien. Beinahe im Handumdrehen wurden am Dienstag, dem voraussichtlich vor­letzten Sitzungstag, zwei wichtige Anträge, der Antrag Zedlitz betreffend den Anschluß der Lehrkräfte an den öffentlichen nicht- staatlichen Mittelschulen an die Alterszulagenkasse der Volks- schullehrer und ein Antrag des Nationalliberalen S ch i f f e r e r auf Beschleunigung der gesetzlichen Regelung des Mittelschulwesens erledigt; mit großer Mehrheit stimmte das Haus ihnen zu. 'Nicht minder schnell wurde die zweite Lesung der Stempel- steu er Vorlage beendet, und auch, das Eisenbahn- anleihegesetz war in knapper Frist in zweiter Lesung ge­nehmigt. Nur bei der dritten Lesung derBerggesetznovelle hielt man sich etwas länger auf. Hier lagen eine Reihe Kom­promißanträge, die zum Teil zwischen der Rechten und den Nationalliberalen, zum Teil zwischen diesen beiden Parteien und dem Zentrum vereinbart waren, vor. Wie immer bei Kompromiß- anträgen war keine der beteiligten Parteien mit dem Kompromiß so recht zufrieden. Noch viel weniger war es die Linke; an­gesichts der Unmöglichkeit, gegen die Kompromißmehrheit etwas auszurichten, beschränkte sie sich indes auf einige außerhalb des Kompromisses liegende Abänderungswünsche. Auch die Regie­rung war mit dem Kompromiß unzufrieden, und Herr Delbrück erklärte rundheraus, daß er das Kompromiß für eine erhebliche Verschlechterung gegenüber den Beschlüssen zweiter Lesung ansehe. Aber um nicht das Zustandekommen des Gesetzes überhaupt zu gefährden, verstand der Minister sich doch dazu, in den sauren Apfel zu beißen, und auch angesichts dieser Verschlechterung des Gesetzes glaubte er doch die Zuversicht äußern zu dürfen, daß eine loyale Durchführung der Novelle ihm und den bürgerlichen Parteien gute Aussichten für denKampf um die Seele des Arbeiters" eröffnen werde, den er unlängst als seine vornehmste, Aufgabe bezeichnete. Zum Schluß brachte die Ministerrede noch eine vom brausenden Beifall der Mehrheit begleitete Mit­teilung von aktueller politischer Bedeutung: Herr ßeinert hatte dem Minister angekündigt, die Bergherren würden ihn zwar nicht so, rücksichtslos absägen, wie sie es mit seinen Vorgängern Berlepsch und Brefeld getan, wohl^ aber ihn ins Kultusministerium schieben und so unschädlich machen. Mit erhobener Stimme gab Herr Delbrück dem Genossen die Ver­sicherung, er hoffe mit aller Z uv e vsicht, da ß er n och recht lange an dieser und nicht an einer anderen Stelle den Kampf um die Seele des Arbeiters werde führen können. Aus der Reihe der Kandidaten für die Nachfolge Holles scheidet Clemens Delbrück danach wohl endgültig aus. Die Abstimmung ergab, wie vorauszusehen war, die Annahme der Kompromiß­anträge. Selbstverständlich wurde auch der in zweiter Lesung versehentlich abgelehnte Hauptparagraph des Gesetzes, der die Sicherheitsmänner und Arbeiterausschüsse einführt, wiederherge­stellt. Für den Mittwoch setzte Herr v. Kröcher unter ständig wachsender Heiterkeit des Hauses nicht weniger als anderthalb Dutzend Beratungsgegenstände an.

Die erste Kammer scheint es darauf anzulegen, dem anderen Hause zu Gemüte zu führen, wie schnell man bei einigem guten Willen mit dem Preußischen Etat fertig werden kann. War das Haus am ersten Tage der Etatsberatung nicht über die all­gemeine Debatte und den Kultusetat hinausgekommen, so er­ledigte man am zweiten Tage so ziemlich ein Dutzend Einzeletats, darunter einige recht umfangreiche, wie den Etat des Landwirt­schafts- und des Finanzministeriums. Dabei kann man nicht sagen, daß das Haus diese Vorlagen übers Knie gebrochen habe. Beim Landwirtschaftsetat z. B. gab es eine recht umfangreiche Debatte, man unterhielt sich über die wichtige Frage der Auf­forstung der Oedländereien, über die Hebung der privaten Forst­wirtschaft durch Eingreifen des Staates und der Gesetzgebung, I über die Ausdehnung der inneren Kolonisation auf Schleswig-'

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