Ausgabe 
2.3.1909 Drittes Blatt
 
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Dienstag, 2. März 1909

159. Jahrgang

Nr. 51

trl^ehd flW mV «uSnahme deS Emmtag».

RotattonS^ruck ent Verlag der Vrübkfche» Untoerfuäts Sud)* und Sreindruckeret. 9L Laag». Gießen.

||BB c. Pattberg Gummi*aren Selterswy 60 D/i

Redaktion, Exveditton und Druckerei: Scftul- straße ?. Expedition und Verlag: esset 6L Redaktwn:^W112. TcU-Adr^LlnzetgerGießen.

DieSiebener LamittenblStter- werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, bofl Kretsbloti füi des Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Die ^Landwirtschaftliche« Seit» frage»" ertchetnen monatlich zweimal.

Mittwoch 'm "Pkaljtt Hof«« 2__Echanzcuslraße.

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Siebener Anzeiger

Seneral-Anzeiger für Sberhegen

lichkeit informieren. Herr Simina hat sich gegen den Koprazoll ausgesprochen. Ich kann ihn beruhigen, dem Kaufmann in Afrika ist es ganz gleichgültig, ob er für einen gelben Zettel bezahlt auf demGewerbesteuer" steht, für einen grünen, auf dem(Smlom* inenfteuer" geschrieben ist oder für einen blauen mit dem Worte Ausfuhrzoll". Durch den Zoll werden die Leute Nicht abgeschreckt.

muß ein Negerland bleiben. eErn Millionenheer von besitz- und landlosen Negern wäre die größte Gefahr. Daher darf der Zuzug von Plantagenfarmern nicht gefördert lverden. Sehr nachdrücklich wende ich mich gegen die Aufforderung Erz­bergers, die Bekehrungsarbeit der Missionen staatlicherseits , zu unterstützen. Für den Kulturzustand der Neger paßt das Christen­tum nicht, und überdies muß Religion Privat fache sein. Bricht ein Auf stand aus, so steht doch Rasse gegen Rasse. In der Kommission hat Herr Dernburg uns Mitteilungen gemacht über die Bedingungen der Waffenniederlegung der Hereros; der Staats­sekretär ist uns diese Erklärung auch im Plenum schuldig; sie ist eine glänzende Rechtfertigung des Verhaltens von uns Sozial­demokraten und des Zentrums im Dezember 1906. (Der Staats­sekretär lacht.) Zum mindesten muß alles geschehen, den zu­sammengebrochenen Völkerschaften wieder auf die Beine zu helfen. Um die'Ansiedler im Hererolande vor dem Bankrott zu retten, werden die Eingeborenen in der schamlosesten Weise ausgebeutet. Der Redner beruft sich dafür auf Missionsberichte, kommt auf die Kriegsführung des Hauptmanns Dominik in Kame­run zurück und erhebt Beschwerden über die Rechtsprechung in den Kolonien. Dann schließt er: Wir sind alles in allem noch sehr weit von einer Kolonialpolitik entfernt, wie wir sie für richtig halten; wir werden nach wie vor daran mitarbeiten, daß sie auf- hört, eine Ausbeutungs- und Unterdrückungspolitik zu sein.

Staatssekretär Dernburg:

Der Vorredner hat aus den Denkschriften eine Reihe von Bemängelungen herausgezogen, die die Verwaltung selbst gemacht hat. Die Verwaltung steht auf dem Standpunkt, daß in den Kolonien allerdings noch vieles gebessert werden kann und muß. Das ist nicht anders wie in der Heimat, wo man sich ja auch 6 oder 7 Monate im Jahre im Parlamente damit abmuht, die Verhältnisse zu ändern und zu bestem. Herr Noske hat aber die ganzen Verhältnisse durch die dunkle Brille gesehen, die ihm durch feine Parteistellung aufgenötigt wird. Er hat unter diesem Zwange alles fortgelasson, was etwa als Beweis da­für gelten kann, daß die bemängelten Verhältnisse nur vorüber- gehender Natur sind. Wer etwas beweisen will, der soll sich vor Üebertreibungen in acht nehmen. (Ledebour ruft: Tun Sie das nur!) TaS gilt für jedermann. Herr Ledebour, auch für mich, aber auch für die Herren Sozialdemokraten. Da stellen sich die Herren hierher und sagen: Was ist das für eine Recht­sprechung? Ein Weißer, der 30 Schwarze umgebracht hat, be­kommt 9 Jahre Gefängnis, und 5 Schwarze, die einen Weißen getötet haben, werden zum Tode verurteilt! Die Herren denken nicht daran, die besonderen Verhältnisse zu würdigen. Sie wissen nicht, unter welchen Umständen der betreffende Farmer sein Verbrechen begangen hat. Es sind jetzt sogar Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit laut geworden. (Großes Gelächter b. d. Soz.)

Jede Kownialpolitik muß durch verschiedene Phasen gehen. Es gibt eine Phase der Eroberung, in der die Schwar­zen zunächst den Weißen kriegerisch gegenüberstehen. Da gibt es kein anderes Mittel, als daß ihnen die Uebermacht und das Uebergewicht des Weißen gezeigt wird. In diese Phase gehört die Periode des Herrn v. Siebert und auch die Periode, in der der Hauptmann Dominik gewirkt hat. Immer wieder kommen Sie mit Anschuldigungen gegen den tüchtigen Hauptmann Domi­nik wegen einer Sache, die in einem kriegerischen Lande vor vielen Jahren sich zugetragen hat. Herr Bebel hat die Dinge schon vor drei Jahren zur Sprache gebracht, aber beweisen konnte er nichts. (Bebel ruft: Ich werde es beweisen!) Dann tun Sie es doch endlich.

Die Herren Eichhorn und Noske haben uns einen sehr schönen und fleißigen Vortrag gehalten darüber, wie eS in unseren Kolonien wohl aussieht. Sie haben sich lediglich auf amtliches Material berufen. Nun hat der Reichstag den Wunsch ausgesprochen, daß solches Material nur alle zwei bis drei Jahre vorgelegt werden soll. Wie sollen bann aber die Sozialdemokraten weiter ihre schönen Reden halten, wenn man ihnen das Material verkürzt? (Heiterkeit rechts, Lachen der Soz.) Es liegt im Interesse der Oefsentlichkeit, daß festgestellt wird, wie einseitig die Sozialdemokraten das amtliche Material be­nutzen, daß sie eine ganze Menge von Dingen einfach beiseite lassen, die zum wahren Verständnis absolut notwendig sind. Wenn Herr Eichhorn sich das Material bester angesehen hätte, dann wäre ihm mancher Schwupper nicht vorgekommen. Er hat z. B. von dem Reichszuschuß für Togo gesprochen, obgleich diese Kolonie gar keinen Reichszuschuß mehr bekommt. Weiter bat er behauptet, daß eine große Menge von Beamten auf Neichs- foften leben. Auch das ist nicht richtig. Die allermeisten Kolo­nien verlangen überhaupt ieinen Neichszuschuß mehr auf den Ziviletat. Aber das paßt den Herren so in ihre Argumentation. Diese Beweisführung ist für sie charakteristisch. Da stellen Sie den ersten Satz auf: Die Kolonien sind wertlos! $br zw e i - ter Satz ist: Es ist höchstens eine halbe Milliarde Diamanten darin! Wenn Sie eine halbe Milliarde gleich wertlos sehen, bann kann ich Ihnen natürlich keine Kolonien bringen, die Sie beliebigen werben. Als brüten Satz stellen Sie bic Be­hauptung auf: Der beutschen Industrie kommen bic Kolonien

noch nicht zugute. Zugleich behaupten Sie aber: Alle Groß­kapitalisten werben brausten reiche Leute. Ich habe einmal eine Anekdote gehört. Da war jemanb verklagt, weil er einen von ihm entliehenen Topf in zerbrochenem Zustande zurückgegeben hatte. Er leugnete das und argumentierte wie folgt: Erstens habe ich den Topf nicht entliehen, zweitens habe ich ihn ganz zurückgegeben, und drittens war er schon kaput, als ich ihn entliehen habe. (Große Heiterkeit.) So argumentieren die Sozialdemokraten. Das ist ihre Logik in Kolonialsachen. Der Mann hat Unrecht bekommen, obwohl er so schön plädiert hat, und so werden auch die Sozialdemokraten mit ihrer besonderen Logik über Kolonialpolitik Unrecht bekommen. Die Zahlen, die von den Sozialdemokraten hier angeführt worben sinb, und bie Schlüffe, bie daraus gezogen worben sinb, enthalten zahlreiche Irrtümer. Die Baumwollkultur ist burchaus hoffnungsreich. Es ist auch vollkommen unrichtig, wenn gesagt wirb, baß nur bie. Kapitalisten Vorteil von ben Kolonien haben. Die Plan- tagengesellschaften, bie Aktiengesellschaften haben bisher noch wenig Nutzen barauS gezogen, ben einzigen Vorteil haben bis­her die deutschen Slrbeiter gehabt. (Großes Gelächter b. b. Soz.) Die Arbeiter werben Ihnen schon selbst eines Tages beibringen, daß Ihre Fraktionspvlitik verfehlt ist. (Lachen der Soz.)

Nun zu ernsthafteren Dingen. Ich lehne nach keiner Richtung die Privatinsormation ab. Ich freue mich darüber. Ich halte es aber auch für gut, baß von Zeit zu Zeit wertvolle Denkichnften ausgegeben werden, bie ben Reichstag, bie Presse und bie Oeffent- - ! hat sich gegen ben Koprazoll

Auch mit Herrn Arning bin ich wegen ber Zahlen nicht einig. Auch seine Rechnungen stimmen nicht. Er hat sich um einige Nullen verrechnet, wie ja hier schon öfter Nullen eine Rolle ge­spielt haben. (Heiterkeit.) In ber Inders rage bleiben wir auf unserem Stanbpunkt stehen, daß Auswüchse unter allen Umständen zu beschneiden sind, ob sie von Weißen, Schwarzen oder Indem begangen werden. Keinesfalls aber können wir bie Inder den Weißen als Vollkaufinanu gleichstellen, tocil wir dann auch die anderen bestehenden Beschränkungen wegen des Erwerbs von Grundeigentum, wegen der Ausübung der Wahl, wegen der Gesetz­gebung, der Erbschaften, des Eherechts usw. auch aufheben mußten. Dagegen würden sich aber die Weihen ganz entschieden wehren und mit Recht. Sehr angenehm hat mich die Anregung des Dc. Ar­ning berührt, daß er eine weitere Ausge st a l t u n g d e s Gouvernemen tSrates wünscht. Das wünsche auch ich, und es sind entsprechende Weisungen nach Ostasrika ergangen nach ber Richtung, bah mehr Nichtbeamte ober weniger beamtete Mit­glieder aufgenommen werden. Nichtigstellen mochte ich eine Aeuße- rung, die falsch aufgefaht worden ist. Ich habe erklärt, ich mochte darauf Hinweisen, daß unter dem Gouvernement des Herrn von Siebert es 25 Aufstände gegeben habe. Ebenso wenig wie ich be­haupte, daß diese Aufstände mit der Eingeborenenpolitik des Herrn v. Siebert etwas zu tun haben, ebenso wenig können Sie sagen, daß, wenn heute em Aufstand im Lande auSbricht, er etwa mit der Politik des Herrn v. Nechenberg zu tun hat. Ich habe also darauf hingewiesen, daß solche Dinge passieren können, ohne daß man der Politik deö Gouverneurs daraus einen Vorwurf machen kann. .

Aus der Polemik zwischen den Herren von Liebert und Dr. Arendt einerseits und mir über diePolitik des Herrn von Rechenberg haben die Sozialdemokraten euiui großen Wider­spruch heraushören zu können geglaubt, und sie sind toctbiiaj geyen die genannten Herren loSgezogen. Nun, der Gegensatz zwischen un.c ist fein so bedeutender. In 90 Kolonialfragen sind wir ganz einig und in zehn Fragen sind wir cS vielleicht nicht ganz. Wenn aber bic deutsche Kolonialpolitik Fortschritte gemacht hat, so sind nicht Sie (auf die ^Sozialdemokraten weisend) daran schuld, sondern diejenigen, die durch zwanzig Jahre und länger an der deutschen Kolonialpolitik festgehalten haben. (Widerspruch bei den Soz.) Bezüglich der Kündigung des Vertrages mit Dein Zeitungsverleger in Tanga mochte ich bemerken, baß sie erfolgt ist, weil ber Redak­teur 5000 Rupien schuldig geblieben ist, die er bis heute nicht bezahlt hat. Wenn Dr. Arning hier erklärt hat, baß bic Gouver­neure große Verdienste sich um Die Kolonien erworben haben, so möchte ich diese Behauptung ganz besonders unterstreichen. Ich stimme der Ansicht des Dr. Arendt bei, daß die Kolo, ni a l - Politik keine Partei fache sei. Ich finbe, baß alle bür­gerlichen Parteien in wesentlichen Punkten einig sind, so daß wir eigentlich nur zwei Parteien hier haben, eine, bie für Kolonial­politik ist und eine, bie dagegen ist. Die erste Partei ist für natio­nale, kulturelle und tommerzielle Kolonialpolitik. Die einen unterstreichon das nationale, die anderen das kulturelle Moment mehr. Aber wenn auch über bie Details keine Einigkeit herrscht, weil über Detailfragen im einzelnen noch kein Programm besteht und bestehen kann, so ist man sich doch über die Prinzipienfrage einig. Wir tun also gut, bei ber gegenwärtigen Behanblung zu bleiben und uns auf ein nationales, kulturelles und t o m m e r 3'i e II e 5 Programm zu einigen, dessen Durch­führung mir und den mir unterstellten Organen als bedeutungs­volle Aufgabe obliegt, und die wir auch nach besten Kräften för­dern werben. (Beifall.)

Abg. Storz (Disch. Vp.):

Währenb ber Abg. Eichhorn rundweg bic Kolonialpolitik ber- neint hat, hat Herr Noske sich doch mehr auf ben Standpunkt des Kolonialreformers gestellt, trotz seiner scharfen und übertriebenen Kritik. Die Sozialdemokratie, bic behauptet, Ver­treterin ber Arbeiterinteresfen zu sein, muß ja auch den Wext einer rationellen Kolonialpolink für bie deutsche Arbeiterschaft einfehen; denn zum Beispiel die Gefahr eines amerikanischen Baumivollmonopols ist nicht zu bestreiten. Herr Erzberger will den MohammcdanismuS bekämpfen; aber bie Bevorzugung christ. sicher Neger als Beamte ist dazu nicht das richtige Mittel. Statt sich über die einzelnen Kolonien als Arbeitsgebiet zu einigen, sitzev die Missionen nebeneinander und suchen in nicht schöner Konkur­renz die Lehren ihrer Konfession zu verbreiten. Wie denkt sich da Herr Erzberger die staatliche Begünstigung der Mission»schüler? Wunderbar ist es, daß der sonst so vorzüglich unterrichtete Staats- sekretär bis vor einigen Tagen von dem beklagenswerten Zustand ber Negierungsschnle in Daressalam keine Kenntnis hatte. Herr Nechenberg ist zweisellos eine tüchtige Persönlichkeit, aber sein Verhalten macht ihn konfessioneller Beziehun­gen nicht ganz unverbächtig. Darin scheint ja eine Korrektor eingetreten zu fein. Aber eine Politik des Wohlwollens und ber Gerechtigkeit entspricht dem Interesse an der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung ber Kolonien. Daneben aber ist sehr wohl eine Politik möglich, bie den berechtigten Interessen der Weißen entgegenkommt. Die Bemerkung des Staatssekretärs, baß er ben Weißen Gottes Segen wünsche, klang hoch etwas abweisenb. Im Interesse der bauernden Erhaltung ber beutschen Herrschaft ist es doch sehr wünschenswert, wenn es uns gelingt, in ben hoch gelegenen Gegenden einen starken Stanim von deutschen Ansiedlern zu schaffen. In bezug auf die Kriegführung herrscht volle einigfeil; das System Trotha wird von kei- ' ner Seite mehr verteidigt. Im ganzen haben wir allen An­laß, mit der gegenwärtigen Kolonialpolitir zufrieden zu fein. Was die Sozialdemokraten an An- ständen vorgebracht haben, ist die Eigenart sämtlicher wilden Län­der, die kultiviert werden: Wenn die Sozialdemokraten sich so scharf darüber äußern, so beweist das nur, wie verhältnismäßig gut die Zustände bei uns im Mutterlande sind. Dem Staats­sekretär haben alle Parteien ihr Vertrauen ausgesprochen; ihn scheint bas Schicksal des Blockes ziemlich kalt lassen zu können.

Die allgemeine Aussprache schließt hier­mit. Das Gehalt bes Staatssekretärs wird bewilligt. Die Budgetkommission beantragt, die Petition der Deutschen Kolonialgesellschaft um schleunigen Wei­terbau der Usambara-Bahn bis Aruscha dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen.

Abg. Dr. Arning (Natl.):

Die von der Kolonialgesellschaft beigegebene Begründung ist überholt durch die neuesten Berichte, die für die Rentabilität der Bahn noch günstiger sind.

Staatssekretär Dernburg:

Ich habe gegen die Ueberweisung zur Berücksichtigung nichts einzu wenden.

Der Etat für Ostafrika wird erledigt. Weiter» beratung des Kolonialetats Dienstag 2 Uhr.

Schluß 6% Uhr.

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Deutscher Reichstag.

216. Sitzung, Montag, ben 1. März.

Am Tische deö Bundesrats: Dernburg, v. Schuck - ma n n.

Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 2 Uhr.

Der Kolonialctat.

(Dritter Tag.)

Abg. Werner (Refp.)

Die südwestafrikanische D i a in a n tc nh e r r I i ch° feit darf nicht dem internationalen Börsenspiel ausgeliefert weiden. Schaffen Sie Verkehrswege in den Kolonien, bann wer­den sie bald rentabel sein. Eine ungesunde Spekulation darf sich freilich nicht breit machen. Eine vernünftige Kolonialpolitik wird aber dem Vaterlande zum Segen gereichen. Erfreulich ist, daß der Staatssekretär nicht vom grünen Tische aus die Schutzgebiete verwaltet, daß er hinausgeht nach dem schwarzen Erdteil, um praktische Erfahrungen zu sammeln. Wir hoffen, daß er in dieser Weise noch lange fein Amt ausfüllen wirb.

Abg. Ablaß (Fr. Vp.)

bespricht ben schon in ber Budgetkommission erörterten Fall Rabe-Fehlandt. Es handelt sich dabei um eine angeblich nicht ordnungsmäßige Behandlung des Distriktskommissars Rabe b" J) den Asseffor Fehlandt in Südweftafrika. Nach Rades Darstellung soll Asseffor Fehlandt überbauet nicht rechtlich als Richter bestellt gewesen fein. ES müsse daher überhaupt die Frage prinzipiell entschieden werden, ob die Beamten, die ber Staats­sekretär nach den Kolonien schickt, unb bie meist nur kommissarische Hilfsarbeiter sind, überhaupt berechtigt sind, richterliche Funktionen auSzuüben. Ein ordnungsmäßiger In­stanzenweg ist überhaupt nicht vorhanden. Man denkt unwill­kürlich an das biblische Verfahren, man schickt die Leute von Pontius zu Pilatus. Diese Handhabung der Gesetze in Südwest- afrila verstoßt gegen bas Recht. Hier muß Klarheit geschaffen werben; die gewaltigen bestehenden Mängel müßen beseitigt werben. Wir hatten bem System Dernburg diesen juristischen Formalismus nicht zugetraut. Sinb aber biefc Richter nicht ordnungsmäßig angestellt, bann tonnen auch ihre Rechtsakte nicht binbenb sein. Nun hat ber Staatssekretär in ber Kommission erklärt, biefc Entscheidungen müßten solange bestehen bleiben, bis sie burch orbnungsmäßige richterliche Sprüche aufgehoben werden. Dvnn müßten ja auch die Befehle, Die der Hauptmann von Köpenick in Uni­form gegeben hat, solange Geltung haben, bis ihm das Recht zum Tragen der Uniform aberkannt wird. (Heiterkeit.) Diese Stellungnahme ist mit der Vernunft nicht vereinbar. Anscheinend ist der Staatssekretär der Ansicht, daß die ganze richterliche Tätigkeit in den Kolonien von kommissarisch angeftellten Affessoren erledigt werden fann, die er jeden Tag ihres Amtes entsetzen kann. Das ist nicht gesetzmäßig. Der Staatssekretär besitzt nicht das Recht, Richter anzustellen. Eine Dedikation ber Rechte bc5 Reichskanzlers auf ihn hat nicht ftattgefunben. Wel­ches Vertrauen soll benn ein Angeklagter zu einer solchen Justiz haben, bie burch Richter vertreten wirb, bie gar nicht bas Recht haben, richterliche Funktionen auszuüben. Ihre Anorbnungen sinb von Anfang bis zu Enbe nichtig unb ungüftig. Das ist eine merttoürbige Art ber Rechtspflege. Man bars sich nicht hinter ben gesetzlichen Formalismus verschanzen unb einfach er­klären: Die ordnungsmäßigen Instanzen drüben in Afrika haben in ber Sache zu entscheiben. und hier darf nicht in das Ver­fahren eingegriffen werden. Das heißt den Geist durch die Form töten." Man darf nicht rechtswidrige Zustände damit ver­teidigen, daß man ihnen ein formalistisches Mäntel- ch c n umhängt. Ich hoffe, daß der Staatssekretär sich auf derar­tige juristische Tüfteleien nicht einlaffen wird, daß er das ganze Verfahren auf eine neue einwandfreie und rechtliche Grundlage bringen wird. Das alte Verfahren muß kassiert werden, ber Formalismus darf nicht dazu ausarten, daß man das Recht Unrecht macht. (Beifall links.)

Abg. Gans Edler zu Putlitz (Kons.):

Ich habe mich zum Wort gemeldet, um nicht den Anschein zu erwecken, als ob meine politischen Freunde der Entwicklung der Kolonien teilnahmloS aegenüberftanben. Soweit die Sozialdemo­kratie sich von der Einmütigkeit in der Würdigung des guten Fortschrittes noch ausschließt, wird auch sie durch bie Tatsachen eine» Besseren belehrt werben. Hoffentlich werben auch die Kom- munalüerbänbc in Ostafrika in absehbarer Zeit, wenn auch in anberer Form wieber erstehen. Was ben Konflikt zwischen Gouvernement unb Farmern anlangt, so nehme ich zur Schulbsrage feine Stellung; wir sind bem Staatssekretär dankbar, wenn er zum Ausgleich wirten will. Die guten Erfolge kann man nicht lediglich auf Rechnung der Verwaltung setzen; man bars dabei die Männer, die früher dort gewirkt haben, nicht einfach beiseite schieben.

Abg. Noske (Soz.):

Wie hat man früher alles bekämpft, was wir an Kritik vor­gebracht haben; und nun? E i n e n gewissen Umschwung in ber Richtung unserer Anschauungen kann man doch nicht leugnen. Wo ist bie hurrapatriotische koloniale Be­geisterung aus den letzten Wahlen geblieben? Wirklich optimistisch hat sich neben Herrn Dernburg doch nur Dr. Arning geäußert. Ich stehe nicht im geringsten an, in das Lob ohne wei­teres einzustimmen über bie finanzielle Entwicklung und Verminderung der Reichszuschüsse. Daß bic Dernburgschen SanicrungSversuche etwas gewaltsamer Natur sind, darüber rege ich mich nicht auf. Die Zollvcrordnung für Reu-Guinea ist wahrhaftig kein wirtschaftspolitisches Meisterstück, aber natürlich ist es uns lieber, baß die Pflanzer das Geld aufbringen, anstatt ber beutschen Steuerzahler. Ich will gern hoffen, baß es bem Staatssekretär gelingt, bie Kolonien zuschußfrei zu machen; aber an ben Zinsen für die Kolonialschulden und an den Jnvaliden- pensionen werden wir noch viele Jahre zu tragen haben. Man sagt: Wir wagen es nicht mehr, den Wert ber Kolonien zu bestreiten. Natürlich geben wir zu, baß erhebliche Werte darin stecken; aber wenn wir Sozialdemokraten von Wert unb Unwert sprechen, so meinen wir: für bie große Masse bes Volkes, für die Arbeiter. An ein Neu-Deutschland denkt jetzt niemand; und auch die tatkräftigsten Leute können in keiner ber Kolonien vorwärts kommen, wenn sie arme Teufel sinb. Wenn ber Staats, sekretär jetzt erklärt, bie Kolonien dürften nicht zum Nutzen ein­zelner bewirtschaftet werden, so kann er einpacken mit seiner ganzen Kolonialpolitik. Daß er Nechenberg deckt, bamit sind wir einverstanden; es ist bic Politik ber Reinlichkeit und Sauberkeit. Ich würde es geradezu als ein Unglück betrachten, wenn, wie Dr. Arning meint, in zehn Jahren am Marnberg 100 000 Deutsche leben werden; denn Ostafrika mit seinen zehn Millionen Negern

'TamerwneiuGabelSbttgcr.

VmiMend ÄlgTj Sektion Giess« D.tOe.A..V, Donnerstag, ben 4. Mürz, adcnbS8'/.M mnttlidji im oberen Saale dki tzass Metropol:

Vortrag ie$ Herrn Professor tiebbetii über bas

Lbereugadin, nit Vorführung von Lichlbilde on ber (rirmn Loigtlündc siam'chweig. k Tie W.'glieöer werben gefiel re geehrten Damen mitui innen; ebenso sind ÄW lUtomnicn.

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