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23.10.1909 Drittes Blatt
 
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Samstag 23. Oktober 1909

Drittes Blatt

159. Jahrgang

Nr. 249

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag».

General-Anzeiger für Gberheften

RotdhonSbruct and Verlag der vrühlAch« UnwersitätS - Buch- und Sremdruckeret. 9L Lange, Gießen.

Redaktton, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Verlag: &)5L Redaktion:«-^ 112. Te1.-Adru Anzeig erGießen.

DieEietzener Familiendlätter" werden Dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beiqelegl, das Kretsbtott ffit de» Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichei, Seit» krage«- erscheinen monatlich zweimal.

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Während bei den weiblichen versicherungspflichtigen Mitglie­dern der Krankenkassen mit Ausnahme von Gießen imb Fried­berg überall ein langsames Ansteigen der Zahlen zu verzeichnen ist, ist bei den männftdien versicherungspflichtigen Mitgliedern! el>er eine entgegengesetzte Tendenz zu konstatieren. Bei den frei­willigen männlichen Mitgliedern hat nur Frankfurt einen nennens­werten Zuwaclzs aufzuweisen, meistens kibeii sich die Zahlen auf der Höhe des Vormonats gehalten, nur Mainz hat einen nennenswerten Verlust. Die Verschiebungen in den Zahlen­verhältnissen bei den freiwilligen n>eiblichen Mitgliedern sind äußerst gering, so daß sich Schlüsse daraus nicht zielzen lassen.

vermischtes.

* Schutz dem Kiebitz! Eine der reizendsten Ge­stalten unserer Vogelwelt ist der Kiebitz und es ist unbegreif­lich, daß es immer noch erlaubt ist, seine Eier als Lecker­bissen zu verhandeln. Zn einer ganzen Reihe von Kreisen ist das Sammeln von Kiebitzeiern schon verboten, in an­deren wird dieser Unfug noch immer getrieben, obgleich die Abnahme des Kiebitzes aus allen deutschen Gauen ge­meldet wird. Allein die schmückende Wichtigkeit des schönen Vogels, der mit seinem Gaukelfluge und seiner seltsamen Stimme die Landschaft so ungemein belebt, sollte ihm schon einen Freibrief erwirken, um so mehr, als er auch in mancher Hinsicht bedeutenden Nutzen schafft. Einmal warnt er alle an der Erde brütenden Vögel vor dem Fuchs und anderen Räubern, die er so lange belästigt, bis sie sich von dannen machen; sodann vertilgt er in großen Mengen die so sehr schädliche graue Ackerschnccke, ferner Graseulen­raupen, Drahtwürmer und andere Schädlinge. Tie großen Kiebitzflüge, die sich im Herbste und im Frühling auf den Acckern umhertreiben, sind die besten Freunde des Land­wirtes und es ist unbedingt nötig, daß das Kiebitzeiersam- meln, der letzte Rest der undeutschen, aus den romanischen Ländern stammenden Barbarei, die einst im Lerchen- und Meiscnfang und vor kurzem noch im Dohnenstiege bei uns üblich War, endlich durch ein Reichsgesctz beseitigt wird.

wertes aus, von dem ca. 80 Arbeiter des Baugewerbes betroffen wurden. Dieser Streik ist auf gütlichem Wege nach etwa 14- tägiger Dauer bei gelegt worden. Zm übrigen sind von mehreren Stellen Klagen über ungenügende Befchästigungsgelcgenheit, be­sonders für Maurer und Tüncher eingelaufen. Auffällig ist die lebhafte Beschäftigung in einigen Zementfabriken, haupt­sächlich in der Umgegend von Mainz, wo Tag imb Nacht der Betrieb aufrecht erhalten werden muß. Zm Bekleidungs­gewerbe war die Lage des Arbeitsmarktes in der Schuhfabrika- kation gegenüber dem Vormonat unverändert. Zm Friseur­gewerbe drückte das schlechte Welter ungünstig auf die Lage des Arbeitsmarktes in den Städten, da viele Gehilfen schon Ende August und Anfang September aus den Bädern zurückkehrten. Tie Portefeuillebranche war gut besänftigt, so daß Neber - stunden im großen Maßstabe gemacht werden mußten. Wie man aus Offenbach berichtet, ist die Verbesserung des Arbeitsmarktes in dieser Branche zurückzuführen auf den allgemeinen Aufschwung des Geschäftes und. auf die Mode in Tamentaschen. Im Buch­druckereigewerbe war im Anfang eine kleine Besserung zu verzeichnen. So berichtet Frankfurt, daß bei den Setzern die Zahl der Arbeitssuchenden eine sinkende Tendenz zeigte, ver­ursacht durch notwendige Einstellungen wegen der Winterfahr- pläne. Am Ende des svionats trat eine bedeutende Verschlechterung ein. Tie Schriftgießereien waren etwas besser beschäftigt. Aus Offenbach wird berichtet, daß die Buchdruckereien und lithograt- phischen Anstalten Mangel an Aufträgen hatten, so daß ver­schiedentlich Personal-Verringerungen erfolgten, beSgleidyen machte sich auch, im Gegensatz zu Frankfurt, in den Schriftgießereien die stille Geschästszeit bemerkbar.

Von der Metallindustrie sind wenig Meldungen ein- gelaufen. Kassel meldet einen starken Andrang von Schlossern und sonstigen der Eisenindustrie angehörenden Handwerkern. Zn einer größeren Brückenbauanstalt in der Nähe von Mainz mürben über 100 Mann entlassen. Tie Kesselschmiede arbeiten nur noch fünf Tage in der Woche, fa daß am Samstag die Arbeit ruht. Bon den demnächst erfolgenden Ausbesserungsarbeiten an einer Eisenbahnbrücke in der Nähe von Mainz erhofft die dortige Ar­beiterschaft bessere Arbeitsverhältnisse. In ber Umgegend von Mainz wurden Auswanderungen von Angehörigen des Metall­gewerbes infolge Arbeitslosigkeit beobachtet. Vom Nahrungs­mittelgewerbe sind im allgemeinen günstige Berichte über die Lage des Arbeitsmarktes eingelaufen. Tarmstadt klagt, daß durch Manöver und Kaisermanöver im abgelaufenen Monat be­sonders dem Metzgergewerbe viele bisher beschäftigte Gesellen ent­zogen worden sind, so baß es unmöglich war, auch nur einen Teil ber als offen gemeldeten Stellen zu besetzen. Frankfurt meldet, daß hauptsächlich Stellen in größeren Wurstfabriken ge­sucht wurden, welchen Wünschen aber nicht immer entsprochen werden konnte. Zn ber Tabakindustrie hat sich die Sage des Arbeitsmarktes durch die neue Steuer weiter bedeutend ver­schlechtert. Hunderte von Arbeitern sind, wie aus Gießen und Kreuznach gemeldet wird/ brotlos geworden, da die meisten Tabak- sabriken ihren Betrieb auf einige Zeit eingestellt haben. Un­günstige Nachrichten kommen au>I)i saus der Zündholz indu^ st r i c. So wird aus Kostheim berichtet, baß in der dortigen Zünd­holzfabrik nur noch von morgens 7 Uhr bis nachmittags 4 Uhr gearbeitet wurde. Ein bisher wenig verbreitet gewesener Zweig der Industrie, die Anfertigung aller 2lrten von Perlen ar beiten, ist im Kreis". Offenbach in.letzter Zeit berart in Aufschwung ge­kommen, daß ständig Arbeitskräfte gesucht werben. In der Land­wirtschaft herrschte wie jedes Jahr im September eine große Nachfrage besonders nach Taglöhnern, die für Kartoffelausmachcn und Obstbrechcn gesucht wurden. Wenn auch viele gewerbliche Arbeiter hierdurch eine vorübergehende Beschäftigung fanden, konnten doch nicht alle offenen stellen besetzt werden, da auch manche Kategorie gewerblicher Arbeiter, wie z. B. Tabakarbeiter, sich für die verhältnismäßig nicht leichte Arbeit nicht eignen. Tie Tienstbotennot mach- sich nicht ganz so schlimm fühlbar wie in bat Vormonaten, ba durch die Rückwanderung aus den Saisonstellen in den Bädern manche Stelle mehr besetzt werden konnte.

Von den Organen des Mitteldeutschen Arbeitsnachweis-- verbandes wurden, soweit Meldungen von den kommunalen bezw. Kreisarbeitsnachweisen und Herbergen zur Heimat Vorlagen, 10 263 Stellar vermittelt (gegen 8607 Stellen im Vormonat), darunter: Hofgeismar 1, Wildungen 1, Westerburg 4, Escl)wege 8, Eltville

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Heer und Flotte.

Neue englische Feld dienstVorschriften. Seit den Erfahrungen des Südafrikanischen Krieges fmd btc Eng­länder von Tag zu Tag mehr bemüht, den Ausbau und bte Ausbildung ihrer Wehrmacht zeitgemäß zu gestalten. Zn dem neuesten Hefte der bei Mittler & Sohn in Berlin vom Großen Generalstabe herausgegebenenVrertellahrshcsle fur Truppenführunq und Heereskunde" werden von Oberleut­nant v. Selajinsch dieneuen Felddienstvorschrtften und taktischen Anschauungen in England" erörtert.

Zm Burenkriege hatte das bis dahin von den Eng­ländern angewandte Angriffsverfahren * versagt. Noch während des Feldzuges versuchte man der gruppe neue Formen anzuerziehen und die Gefechtsführung in andere Bahnen zu lenken. So entstand bereits in Südafrika eine neue Taktik. Im Frühjahr gab der Heeresrat Direktiven für die Truppenausbildung heraus, die das Erscheinen der neuen Felddienst-Ordnung vorbereiteten. Diese setzt die moraltschcn Eigensck>aften des Soldaten an die erste Stelle. Der Offi­zier und jeder Mann soll sich ständig vor Augen halten, daß der Erfolg im Kriege mehr von den moralischen als physischen Zähigkeiten abhängt. Die Dorschrtft ist in drei einzelne Bände eingeteilt, und stellt als Grundlage der Organisation der Armee im Kriege nach japanischem Muster die Tivision auf. Diese Kriegsgliederung ist jedoch nur für einen Krieg in Gegenden mit gemäßigtem Klima gedacht- Boi Verwendung der Truppe in den Tropen wird sie den Verhältnissen entsprechend umgestaltet. Dem Nachrichten­wesen ist von jeher in der englischen Armee großer Wert beigemessen worden. Besonders in der Entwicklung des optischen Nachrichtendienstes hat man eine hohe Stufe der Vollkommenheit erreicht. Bei jeder Truppe wird eine Anzal)l Leute besonders für den Signaldienst mit Flagge und Lampe ausgebildet. Eine besondere Signalschule sorgt für weitere Fortbildung der Signalisten. Auch die Wandlungen, denen die taktischen Anschauungen über das Gefecht im letzten Zahrzehnt unterworfen mären, finden in der neuen Feld­dienst-Ordnung ihren Abschluß. Mit der Einführung des Be­wegungsgefechtes in ihre Vorschriften beschreiten die Eng­länder neue Bahnen. Für die gesamte Führung des An­griffs gilt als Hauptgrundsatz, den Feind in ber Front so auzufassen, daß eran seinen Fleck genagelt ist" (to Pin hi in to his ground). Es sollen ihm nach Möglichkeit gleich- fiorfe Kräfte in der Front entgegengestellt werden. Auch die bisher schematische AngrissSeinteiluna in drei Treffen findet fiel) in der neuen Vorschrift nicht mehr. Sie spricht von der Einteilung in Schützenlinie, Unterstützungstrupps, Reserven nur in unserem Sinne. Zur Verteidigung soll sich der Führer nur dann entschließen, wenn ihn unabwendbare Verhält­nisse dazu zwingen. Für die Einrichtung einer Stellung, die Abschnitts- und die Truppeneinteilung in ihr, gelten die gleichen Bestimmungen wie in Deutschland.

Urbeltsmarft inheffen u. Hessen-Nassau im Sept. 1909.

Ter September war bei den gewerblichen Arbeitern viel farrdj Streiks und Aussperrungen gestört. Besonders in ber Holzindustrie wurde hauptsächlich bie organisierte Arbeiter­schaft durch die Aussperrung bcS Südwestdeutschen Arbeitgeber-- vcrbcmdes "betroffen. Tie Arbeitgeber smlsten durch Annoncen in denen sie teilweise bis zu 10 Mark für den Tag boten, Ersatz zu bekommen, doch war ber Zuzug gering. Die organisierte Är- teiterfrfiait hat bid Aussperrung burch einen Streik auf ber ganzen Linie beantwortet. Das ßmbe dieses Streikes ist noch nicht ab- lufeben. Bis zum Ausbruche des Streikes am 20. September! hatte sich ber Arbeitsmarkt im Holzgewerbe wesentlich gebessert. Aus ähnlichen Gründen, wie im Holzgewerbe, brach in der Edel­metall Industrie in Hanau ein Streik aus, ber auch bis heute noch nicht beigelegt ist. Eveirsalls in Hanau brach infolge Lohn- unb «ntberer Differenzen ein partieller Streik bei bem Ban des Gas

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