Nr. 294
Zweites Blatt
139. Jahrgang
Mittwoch 13. Dezember 1909
Erlchewi tL-Nch mit Ausnahme des Sonnta-«.
licht genommen werden.
Tia n-Scha n
ausgenommen werden und es müsse bei der Verteilung der gPorte- ieuilles auf deren Umfang und Gewicht aus beiden «Leiten Rück-
Rjfatiorribrud en» vertey Kt VrützNctz« Umocciuat* - vnch- and StembcudectL ft Lange. Biegen.
Redaktion. Exveknrwn and Drucker«: 6<fn* ftrave 7. Ervebinon and Verlag. e=s* 5L RedatNorne-isAIIS. ZeL-Slbu UnictaerttiuM«»
Die ..Olegener $amiltenblätter“ werden dem e81nAfifler* otermal roödiemlid) betgelegt, das ^Kretsblati Kr »en Kreis riehen" zwemnU »öchenlllch. Die „kandwtrlfchaflltchen Lett» htfitn" tri ehernen monatlich iroeimaL
Au» Scaöt uud Land.
Gießen, 15. Dezember 1909.
— Für die Sitzung der Stadtverordneten» Versammlung am Donnerstag, 16. Dez., nachm. 4 Uhr, ist folgende Tagesordnung ausgestellt worden: 1. Mitteilling. 2. Baugesuch Ernst Gemmer für Kaiser-Allee 117. 3. Verpachtung der Hofreite zum Pfau. 4. Trainagearbeiten für den Friedhof am Rodberg. 5. Herstellungen in der vor- maligen Attienbrauerei. 6. Verbreiterung der Wieseckbrücke im Zuge der Frankfurter Straße. 7. Ehrenpreis für den Geflügel- und Vogelzuchtverein. 8. Vertrag mit dem Gießener Anzeiger.
•* Gesellschaft für Erd-- und Dölkerkunde. Ter Gründer und langjährige Leiter der „GeseNfchaft für
Zn der weiteren Verhandlung erklärte Abg. Kramarz, dem durch Einführung des allgemeinen Wahlrechtes gebildeten demokratischen Hause mit flavischer Majorität müsse Verwaltung und die Zusammensetzung der Regierung entsprechen. „Die S l a - oische Union will qualitative und quantitative Parität bei der Besetzung der M i n i st e r p o st e n unter Ausschaltung des Ministerpräsidenten und des Landesverteidigungsmmislcrs. Der erstere muß über den Parteien sthcn. Der Minister des Innern braucht nicht Parlamentarier zu sein, ist jedoch einem der beiden Blocks zuzuzählen." Die Slavische Union verlange zunächst die Einsetzung einer außerparlamentarischen Re - g i e r u n g , welche die sachliche Grundlage für eine parlamentariidh' Regierung vvrzubereitrn hätte. „Die innere Lage ist derart, daß gegen die Majorität des Volkes nichts unternommen werden kann, was sie mißmutig und verzweifelt machen könnte, Hieraus bc* sprach der Redner ben Friedjung-Prozeß und sagte, es sei unbegreiflich, wie man die Annexion Bosniens durch vlumve Erfindungen und Aktcnfälschungen begrünten möchte. Das Grundprinzip des Reo-SlaviSmus sei nichts anderes als die kulturelle und wirtschaftliche Annäherung aller Stamm. Bor der Annexion sei auf dem Petersburger Sloveniscl»cn Kongreß ein Toast aus den Kaiser von Oesterreich ausgebracht und bcmistert ausgenommen worden. Daß sich nach der Annexion die Verhältnisse geändert haben, sei nicht die Schuld des R.-o-Slavismus, sondern der »auswärtigen Politik. STamari erklärte schließlich, die in der Sla- oischen Union vertretenen Völker würden bvn Kampf gegen die Regierung bis zur Einführung eines Systems fortführen, das die Gewähr einer gegenüber allen Völkern gerechten und unparteiischen Regierung biete. Die Verhandlung wurde hieraus abgebrochen. Nächste Sitzung morgen.
(ScridjtsfaaL
R.B. Darmstadt, 14. Dez. Das Schwurgericht verhandelte heute gegen den 33 jährigen verheirateten Taßlöhner Jos. Castellini aus Atainz und den 33jährigen verheirateten Schlosser Öeinr. Vogel aus Offenbach wegen F a l l ck m ü n- zerei. Tie Beschuldigten hatte man im November in Offenbach bei Ausgabe falscher Zweimarkstücke abgesaßt und ermittelt, daß sie eine Anzahl solcher selbst durch Gießen hergestellt hatten. Da die offen Muhe Erörterung solcher Falsclnnünzcreifälle sichecheits- gefährlich ist, wurde die Oessent lichtest ausgeschlossen. C a st e l l i n i, dem als Rädelsführer mildernde Umstände versagt wurden, erhielt drei Jahre Zuchthaus. Außerdem wurde noch aus 10» lährigen Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht erkannt. Bogel wurde unter Zubilligung mildernder Umstände zu c i n e m Jahr sechs Monaten Gefängnis inib 5jährigem Ehrverlust verurteilt.
Deutsche AoSouien.
— Eine landwirtschaftliche Versuchsstation. Die „Norddeutsche Allg. Ztg." schreibt: Die Fortschritte in der Erschließutkg der Besudelung des Ki l i mand s ch a ro -Me rüge b i e t e s lassen es der Kobonialverwalkung erforderlich erscheinen. in nächster Zeit in jenem Gebiet eine landwirtschaftliche Versuchsstation einzurichten, welche den Ansiedlern bei der Ausübung der fundamentalen Aufgaben des Ackerbaues und der Viehzucht zur Seite stehen soll. Tie geplante Station soll allein aus der Grundlage der landwirtschaltlichcn Praxis tätig sein, einem erfahrenen Berufslandwirt unterstellt werden und lediglich praktischen Zwecken dienen. Sie soll alle diejenigen. Fragen bearbeiten, deren Lösung zur Schasfmrg von Kleinbetrieben und zur Erhöhung der Rentabilität solcher Betriebe führen kann. Zu den Ausgaben der Station würden in erster Linie der kev- aleichende Anbau der wichtigsten Felbfrücl)te, z. B. der (^etreibe» (orten, zum Zwecke der Ermittelung ihrer Eignung für die betreffende Gegend und ihrer Ertragfähigkeit, ferner die Förderung der Baumwollkultur, exakte Untersuchungen über die Methodik der Bodenbearbeitung, die Verwendung und Behandlung des Düngers und die Amvendung der künstlichen Bewässerung für gewisse Kulturen gehören. Unter anderem sind auch breit angelegte Versucte mit dem Anbau von Zigarettentabak in Aussicht genommen. Besonders lv-ickstige Aufgaben werden fernerhin aus dem Gebiete der Vieh- und Geflügelzucht zu lösen sein. Es wird u. a. sestzustellen sein, welche Rassen von Großvieh und Kleinvieh sich für die Hochländer jenes Gebiets am besten eignen unb vorteilhaft zur Aufkreuzung der einheimischen Rassen verwendet werden können. Nack>dem der Verwaltungsrat der „Wohl- sahitslotterfe zu Zwecken der deutschen Schutzgebiete" in dankens- iccrter Bereitwilligkeit euren namhaften Betrag für die Vorarbeiten zur Begründung der geplanten Station zur Verfügung gestellt hat, wird mit diesen in kürzester Zeit begonnen werden tonnen. Ein geeignet vorgeoildeter Landwirt, der als Leiter der künftigen Station in Aussicht genommen ist, befindet sich bereits aus dem Wege nach Ostafrika.
Die Streiügfeiten im österreichischen vudgetausschrch.
Welche Schwierigkeiten die österreichische, Regierung andauernd zu überwinden hat, zeigt auch die gelinge Sitzung des Nudgetausschusses in Wien: ., r ,
Wien, 14. Dez. Der Büdgetausfchuß begann heute nttl ien Verhandlungen des Budgetprovisoriums. Ter Abgeordnete Nobler erklärte im Namen seiner Partei, day ste dtefer üie- «jenjng und auch keiner künftigen Siegiennig nicht eine Vorlage bewilligen könne, so lange nicht eine volle Varitol m ter Zusammensetzung des Kabinetts zwischen Teut;chen und Atcht- > deutschen eintrete. Dabei dürfe das Ministerium des Innern nuht |
Dermiicbfct.
ipc. Ein Reiseerlebnis der Königin von Italien. Tie Königin Helena von Italien hatte lüngst ein lustiges Reiseerlebnis. Auf einer kleinen Station mußte ihr Zug wegen Maschinenwechsels eine zeitlang halten. Ter Sürgenneiiter und die Stadwertretung hatten stch einaefunden, um die Königin würdig begrüßen zu können, und auf dem Büfett des Bahnhwf- restaurams war ein vrachtvolles kaltes Frühstück servier:. Die Königin wollte sich nicht lange aufhalten, und ließ sich baher ttur ein Glas Portwein von dem Bürgermeister reichen. Als sie das Glas ansetzte, verschüttete sie einige Tropfen, die ihr auf das Lleid spritzten. Sie griff sofort nach ihrer Handtasche, um ihr Taschentuch hervorzuholen, und den Fleck zu entfernen. Der Bürgermeister verstand die Bewegung ter Königin falsch und
verstorbenen Prinzen Arnulf von Bayern unternahm. Der Prinz wollte in den wildrcichen Hochtälern des Tian-Schan auf Steinböcke jagen, ein Unternehmen, von dem er nicht mehr lebenb zurücklehren sollte. Auf der Jtückreise zur H-ermat wurde er von der tödlichen Erkrankung ergriffen. Prof. Merzbacher widmete sich zuerst der Erforschung der Täler des Kusch und des Kunges, bereiste sodann das Becken des kleinen und des großen Juldus, um cirdlich, nach einem strapaziösen Zuge am Nordrande der Wüste Gobi entlang, den Versitch zu unternelpnen, daS ganze Gebirge vott Sude:: nach Norden zu durchqueren. Trotz unsäglicher Diühen. und Entbehrungen gelang dieser kühne Plan, dessen Aus- fülxrung eine Fülle wisienschaftlichcr Ergebnisse zeitigte. Erst nadchem and) noch oer östlichste Ausläufer des Tian- Sck>an, der Bogdo-Ola, bereist und erforscht toorben war, glaubte der Rejsende genug Material zu einer nmsassenden Darstellung des ganzen Gebirges gesammelt zu haben uni> kehrte zurück. Der Vortrag war von einer Menge ausgezeichneter Lichtbilder ifluftriert, die ein wechselvolies Bild der Reiseerlebnisse barboten. .Himmelanragende Gcbirgs- stöcke wechselten mit lieblichen Alpentälern und herrlid-en Seen. Außen- und Jmienansidsten von Tempeln ureb buddhistischen Klöstern gaben einen Ginblid in das Kultus- teben dieser Breiten, während Photographien von reifen ben. La ab esb ewobn ern, ben Dungan en, ein buntes Öi£b afiatifd/cn Ncunadenlebcns ucmiiliclten.
— Eoang. Slcbetleroeretn. Einen schönen Venuß hatten am Sonntag bie Bejucher be3 HauSmujikabendS im VeremSsaal. Bidliothelsgehilfe Schöll sprach über Volte- lieber tm guten, alten Sinn, deren Sammlung und Wiedererweckung neuerdings gepflegt wird. Hiernach trugen sieben Herren eine Auswahl der alten Weisen vor. Sie wurden teils mit der Laute, teils mit Laute und Violine begleitet. Begonnen wurde mit einigen geistlichen Volksliedern, denen sich Liebes-, Lanbslnechls- und Soldatenlieder anjchlossen. ES folgten fobann Scherz- und Necktieder. Bot der erste Teil des AdendS weihevolle, zarte Stimmung, fo brachte der zweite Teil harmlose Heiterkeit. Zur vollen Wirkung gelangten die Darbietungen durch den schönen Vortrag. Tie Spieler pflegen offenbar mit vieler Hingebung diese schlichte, volkStüiuliche Kunst, deren weitere Verbreitung im traulichen Familienkreise wie bei jeder sonstigen Gelegenheit viele Freude bringen kann.
** Zeitig die Rechnungen ausstellen und pünktlich bezahlen! Mit dem Schlüsse des Jahres sind für den Handwerker eine Reihe von Verpflichtungen fällig, zu denen er baren Gelbes dringend bebars. Dio Tcstache, baß bet Handwerker oft über seine Verhältnisse und ungewöhnlich lang Kredit gewähren muß, bedeutet für ihn eine schivere Schädigung. Im Interesse des Handwerkerstandes kann deshalb nicht oft genug daraus hingewiesen werten, daß der Handwerker nur bann konkurrenzfähig unb wirtschaftlich selbstänbig bleiben kann, wenn er Löhne unb Einkäufe pünktlich zu bezahlen imstande ist. Deswegen muß immer wieder daran erinnert roeroen: Bezahlt ben Hanbwerkern bie fälligen Rechnungen! Es barf aber hierbei nicht verkannt werben, daß auch von ben Handwerkern selbst auf pünktlicheren Eingang ihrer Außenstände dadurch hingewirkt werden kann, daß sie die Buchführung nicht als Nebensache mt» sehen und ihre Rechnungen nicht ciZt dann ausschreiben, roerat die Kasse teer ist, oder nach so langer Zeit, daß die ituntefl bie Lieferung beinahe schon vergessen haben. Darum ergeht ebenso bringenb bas Mahnwort: Harrbwerker, seid nicht nachlässig im Ausstellen der Rechnungen! Publikum und Hatwwerker mögen beitragen, einen Uebelstand zu beseitigen, ter schwer empfunden wirb und doch verhältnismäßig leicht bei gutem Willen abgestellt werden kann. Man wird nicht fehl gehen in ter Annahme, baß kein Kunbe etwas barin finden wird, iuertn mit Ablieferung der Arbeit, für Reparaturen vielleicht inonatlich, Rechnurig ausgestellt wird, sofern dies allgemein zur Einführung gelangt; liegt es doch im Interesse beiter Teile, schon um Streitig leiten zu vermeiden.
§ Heuchelheim, 13. Dez. Auf Veranlassung be5 Lehrers Schnetber würbe am Sonntag abenb in ber Wirtschaft »Znrn Treppchen* ein VolkSunterha l t u ngSa be nd veranstaltet. Der Saal unb bie anstoßenden Räume waren bis auf ben letzten Platz gefüllt. Lehrer Schneiber hielt einen intereffanten Vortrag über Wohlfahrt-, Heimat- unb Kunstpflege; an paffenden Stellen waren GesangSvorträge, Deklamationen unb Klaviervorträge, auSgeführt von ben Lehrern, ben Schülern ber Oberflaffe, dem Gefchwisterpaar Sack, Emmi Heberer und ben Gesangvereinen „Germania* unb „Teutonia* eingefügt. Besonders hervorgehoben seien die Jnstrunientalvorträge (1. und 2. Violine, Klavier unb Harmonium) der Lehrer Schneiber, Schmidt, Wolfschmibt, Rullmann, Ortwein unb Rmn.
Gies ' v
General-Anzeiger für Gberhesjen
Die ttrankheii des Königs der Belgier.
Brü ssel, 14. Tetz. Nach einem um 6V- Uhr abends cruS- gegetenen Krankheitsbericht betrug die Temperatur des Königs 36,9. Der Zustand ist besriedigend. Nur die Gräfin von Flandern unb bie Prinzessin Clementine haben heule nachmittag ben König gesehen. Tr. Depage, ter ben König operiert hat, verbringt bie Nacbl im Schlosse Lacken.
Der Berliner Lokalanzeiger meldet Schlimmeres: Don einer zuverlässigen Seite wirb mitgeteilt, baß der Zustand des kranken Königs v er zwei seit ist. Tie Operation war nickst viel nttte als eine Scheinoperation. Die Ursache der Darmlähmung tonnte nickst ermittelt, geschweige denn entfernt, werden. Man befürchtet, daß ber König, ber seil Beginn seiner Krankheit außer Bouillion unb etwas Portwein, nichts genossen hat, an Entkräftung zugrunbe gelst.
Brüssel, 14. Te). Ter Sengt beendigte einem Wunsch des Königs Leopold entsprechend, heutt dir Beratung des^M i l i- tärgesetzes, und nahm die Vorlage mit 71 gegen 22 Stimmen bei neun Stimmenentlstrltungen am Ein Amendement, das bie Einsührung ter persönlichen Dienstpflicht um zwei Jahre hrnaus- schieben wollte, würbe mit 61 gegen 39 Stimmen ab^elehnt. Hiermit ist d.e Heeresreform enbgultig angenommen.
Erd- und Völkerkunde", Prof. Dr. Sievers, ist zu Anfang dieses Monats von einer mehv als neunmonatlichen Forsck)ungsreise nach Sickxnnerika zurückgelehrt, ^n der dritten diesjährigen Sitzung der Gesellschaft ergriff der stellv. Vorsitzende, Prof. Dr. B i e r m a n n, die Gelegenlieit, um den Gelehrten unter Hervorhebung seiner Verdienste um die hiesige geographische Vereinigung in deren Namen zu seiner Heunrehr zu beglückwünschen. Sodann berichtete Prof. Dr. Merzbacher aus München über seine neue dition 1907 und 1908. Diejer hervorragende Forscher hat fünf Jahre seines Lebens der Erforschung dieses innerasiatischen Gebirgszuges gewidmet und kann heule als der beste Kenner dieses noch wenig bereisten Gebietes gelten. In zweistündigem Vortrag acw er ein Bild seiner letzten Reise, die er auf Einladung des
Aus dem Reichstage.
Aus Berlin wird uns über die Dienstag-Sitzung des Reichstags geschrieben-
Fast mehr noch als die soeben erst überstandene viertägige Hausl-altsberatung war für das Verhältnis und Ver hallen der Parteien zneinander als Auswirkung ber Finanzreform bezeichnend die vierstündige Aussprache, die heute über die Tabaksteuer stzattfand. Der Nachlragshaus halt enthält neben vielen anderen Posten anch einen Titel, tn den die für die Unterstützung arbeitslos gewordener Tabakc^rbeiter erforderlichen Beträge eingestellt sind. In der Sache selbst sind alle Parteien mit der Regierung einig und einstimmig hat der Budgetmtssä)uß dem Bedar, dadurch entsprochen, daß sie für den Rest des Haushalls- jahres von den znr Verfügung stehenden vier Millionen 2vs Millionen angewiesen hat, eine halbe Million mehr, als womit des Reicl)sschatzamt nach feinen ersten Ermittelungen glaubte auskommen zu können. Also hierüber gab es gar reine Meinnngsverschiedenheit. WaS man zu diesem Punkte überhaupt noch $u sagen hatte, beschrankte sick) auf ein einmütiges Lob für oen neuen Reichsschätzsekre- tä r, in das auch die Sozialdemokraten einstimmten, für die von bureaufraiijd)en Gepflogenheiten abweichende Art, in der er seiner nicht leichten Aufgabe gerecht geworden ist Aber vier Stunden ging das Äezänke der Parteien über ihr Verhalten bei der Finanzreform; und wer weiß, ob man heute damit überhaupt z-u Ende gekommen wäre, wenn man nicht allmählich sogar in eine Heine Brausteuerdcbatte geraten wäre. Das ernüchterte die erhitzten Gemüter denn doch fo weit, um biefe posthume und srechtlose Auseinandersetzung zu sclstießen. Herr Wermuth, der allen Anlaß hat, zur Zufriedenheit über den Erfolg seines 'bisherigen Auftretens, legte einen besonderen Wert auf die Feststellung, baß er über bie Verteilungsgrundsätze mit Vertretern aller in Betracht kommenden Arbeiterorganisationen persönlich verhandelt habe und sich freue, daß er ihren Wünschen in ber Hauptsache habe Nachkommen können. Er durfte Beifall von allen Seiten hierbei verzeichnen.
Mit um so größerer Spannung sah man den Erklärungen seines Kollegen vom Reichsamt des Innern, Dr. De l b r ü cr, entgegen. Auch hier trat ein neuer Mann vor das Haus mit dem Debüt in seiner bedeutsamsten Rolle, der Leitung bes sozialpolitischen Ressorts. Den Hauplgegenstand ber Tagesordnung bildeten bie Anfragen des Zentrums unb der Sozialdemokraten über den Arbeitsnachweis des Zechenverbandes im Ruhrgebiet. Die Vorgänge, bie ben Anlaß zu den Anfragen gegeben Haden, finb bel'annl, unb neues trugen die beiden Redner, der Führer der christlichsozialen Gewersschaftsbewegung G i e s b e r l s für das Zentrum, ber Vorsitzende des Maurerverbandes Bömelburg für die Soizaldemokraten, nicht herbei. Im Tone und rn her Prägung ber Worte maßvoller Herr Gresderts, mit ben knolligen Ausdrücken aus dem sozialdemokratischen Lexikon des Mg. Bömelburg, erklärten sie beide ihr unbesiegbares Mißtrauen hi bie Ab fickst en ber Dergherren, erhoben bie A-or- fcerung eines Eingreifens der Regierung und einer reichsgesetzlichen Regelung des Arbeitsnachweises auf paritätiscycr Grundlage und kündigten, ber Zentrumsrebner in beutlichen Anspielungen, ber Vertreter ber sozialdenwkratischen Gewerkschaften mit unverblümten Worten, ben allgemeinen Streik im Bergrevier an, falls bie Zechenbesitzer an ber Ausführung ihrer Absichten nicht gehindert werden sollten. Freilich nicht einen sofortigen Streik, denn wvhlweislich würden bie Arbeiter bas Einsetzen ber besseren wirtschaftlichen Konjunktur erst ab warten.
Herr Delbrück brachte den Standpunkt der Reichs- tegierung in drei viertelstündigen Ausführungen zum Vor- irag. Ruhig, bestimmt und klar. Tie Frage des Arbeits- Agchweises sei zur gesetzlichen Regelung noch nicht reif, unb aii einem Eingreifen ab hoc, einer Art Notgesetz, könne bie Zieichsregierung einen Anlaß nicht erblicken. Für das Verhalten des preußiscken .Handelsnrinistcrs seien die Reichs- instanzen nicht zuständig. Herr Sydow werde im Ab- Seordnetenhause schon Rede stehen. Zu einem Einschreiten gegen den Zechenverband, etwa burd) Verbot seines Arbeitsradiweises, liege ein gesetzlicher Grund nicht vor, denn seine Satzungen enthielten keinen Verstoß geaeii die Gewerbcord- ryng. Ein Recht auf Arbeit an einem bestimmten Orte und <m einer bestimmten Arbeitsstätte sei ben Arbeitern nicht gegeben, wie sie ja auch von ihrem Rechte reichlich Gebrauch machten, eine bestimmte Arbeitsstelle für den Zuzug ihrer Lämeraden zu sperren. Aber die Arbeitersd)aft sollte auch im eigenen wohlverstandenen Interesse Bedenken tragen, kui der im guten Sinne paritätischen Bestimmung des § 152 ler Gewerbeordnung zu rütteln. Unter ihrer Geltung seien Lie Geivcrkschasten der Arbeiter Zroß und mächtig geworden; -über was man auf der rechten Seite nehme, könne man auf 'ber Gegenfeite nidst unverkürzt belassen. Solange die Gewerkschaften der Meinung gewesen seien, daß sie mit dem einseitigen Arbeitsnachweis in ber Hand ber Arbeiter am 'besten führen, hätten sie ben paritätischen Nachweis ab gelehnt. Tie Verbreitimg des paritätischen Arbeitsnachweises fei int übrigen keineswegs so groß, wie man es in ber ^efsentlickstett annehme. Der Staatssekretär schloß unter Sem Beifall ber Rechten und eines Teils der gtationalhbe» taten mit der Erklärung, daß bie Regierung sich frei halte Ion Abhängigkeit nach irgend einer Seite. Es sei ihre Aufgabe und Pslickst, im Widerstreit ber Interessen das nach ^age der Dinge Erreichbare und Zweckniäßigc zu finden.
Die BespredMng ber Anfrage wurde einmutig be- Ichlos en. Der Kouservative B e u ch e l t stellte sich aus ben Standpunkt des Zechenverbandes und des Staatssekretärs. Tann vertagte man die weitere Aussprache auf Mittwoch. Man hofft, ^chon Mittwod) in bie Ferien gehen zu können.


