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2.6.1909 Zweites Blatt
 
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Nr. 126

Zweites Blatt

Erscheint täglich mtt Ausnahme be$ Sonntag«.

General-Anzeiger str Gberhejftn

ISS. Jahrgang

Redaktion, Expedition unb Druckerei: Schul- flrafee 7. Expedition und Verlag: 5L

Redaktion:L-^II2. Tel.-Adr.: Anzeiger Dießen.

Die ^Kietzen« SamilienHätter" werden dem ^Anzeiger' vermal wachen lich beigeiegt, das Kreisblett fit den Kreis Hießen" zweimal wöchentlich. Di«Landwirtschaftlichen Seit* * fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Mittwoch 2. Juni 1909

Rotationsdruck und Verlag bet Brühk'schea UnwersitcftL - Blich- und Steindruckerei.

R, Lange, Gießen.

Die französische Zolltarifbewegung

hat neuerdings eine eigenartige neue Nuance erhalten durch den Eindruck, welchen die zufälligerweise ja ebenfalls den beutid)- französischen Handel in Mitteidenscha't ziehenden Beschlüsse der Finanzkonunission des Delitschen Reichstages ui Frankreich gemacht haben. Man scheint, so meint dieDeutsch.-franzos. Karr.", in Frank­reich allenthalben diese Beschlüsse aufzufassen als den Anfang rn- direkter Repressalien gegen die sveziell unsere Exportartikel be­drohenden Zollerhöhungen, die in Frankreich geplant werden. Bor allem erheben die sogenanntenCbainbres Syndicales" der Eha>n- pagner- und der Kognak-Interessenten lebhafte Proteste gegen die Beschlüsse. Sie haben am 18. v. Mts. in einer Audienz dein .Handelsminister Cruppi ihre Beschiverden vorgetragen und dabei eine am 13. v. 2>l. gefaßte ausführliche Resolution unterbreite,, in welcher die französische Regierung dringend ersucht ivirb, ' der deutschen dahin vorstellig zu werden, daß sie den Beschlüssen der Finanzkommission des Reichstages nicht ober doch nicht in der be­schlossenen Höhe ihre Genehmigung gebe. Man solle, statt durch Zoll­erhöhungen hüben und drüben einen Zollkrieg heraufzubeschwören, 1 ieberVerhandlungen über eine für b i e Prosperi­tät der beiden Völker gleich wertvolle Entente emleiten, unter Verständigung über Zoller Mäßigungen auf der Basis einer loyalen Reziprozität".

Sollten freilich diese Vorschläge keinen Widerhall bei der deutschen Regierung finden, so rechne man darauf, daß die fran­zösische Regierung Energie genug haben werde, um Zug m Zug mit einer Erhöhung der Zölle auf die wichtigsten delitfchen -.»ort- artikel nach Frankreich zu antworten, insbesondere auf dickliches Bier, und zwar durch Spezialisierung des Tarifs nach deutschem Muster Gleichzeitig protestieren die Jnteresienten gegen die nach § 3 der deutschen Tara-Ordnung bei der Einfuhr von Flüssigkeiten in Fäsiern eintretende Bruttoverzollung,weil die Ver­zollung nach Volumen und Grad unter Abzug des Gewichts der Behältnisse viel rationeller ist", sowiegegen die Aufrechterhaltung des NamensKognak", welche das deutsche Weingesetz un­berechtigterweise auf jeder Wein de st illat angewendet bat, so daß also ein französischer Herkunftsname durch einen Akt aus­ländischer Gesetzgebung in einen Gattungsnamen verwandelt wird in demselben Augenblick, wo die Gesetzgebung des Herstellungs­landes selbst ihn formell den Erzeugnissen der Charanle vor­behält".

Unterm 23. v. Mts. hat sodann der Senator Pierre Baudin, Vorsitzender des Eomitö Commercial Franco - Allemand, im Journal" eine längere Abhandlung unter dem TitelLAlle- magne et le prodnits fräncais veröffentlicht, in welcher er gleich­falls die Bedeutung der Beschlüsse unserer Finanzkommission auf den französischen Export behandelt. Dabei wird hervoracli^ben, der deutschen Regierung sei der verhängnisvolle Einfluß ivi be­kannt, den die Durchführung dieser Beschlüsse auf die all n meine Stimmung in Frankreich ausüben müßte, wie u. a. die Au ühr- ungen des Staatssekretärs des Aeußern, Exzellenz v. Schoen, am 9. März im Reichstag erkennen lassen. Der Artikel schließt mit dem Ausdruck der Ueberzeugung,qae les relations des deux pays meritent detre traitees avec infineroent de prudence, quil est possible, et quil serait benreux de les etendre en dehors de tonte pensee politique."

Auch in diesem Artikel fehlt wieder nicht der Vorwurf, daß Deutschland die Neugestaltung seines Tarifs von 1903 mit raffi­niertem Geschick so eingerichtet habe, das; die Frantreich durch den Frankfurter Frieden zugesicherte ewige Pl'ciitbcqünsiigimg dadurch faktisch illusorisch gemacht worden wäre. Wenn man uns doch einmal bestimmte Positionen aniühren möchte, bei welchen die Fassung des deutschen Generaltarifs so gewählt ist, daß sie die französischen Produkte von dem Mitgcnuß einer den Vertragsslaalen zugebilliglen Zollermäßigung ausschließt. Bisher ist dies unjereS Wissens noch nicht für eine einzige Tarifnummer auch nur versucht worden.

Im übrigen darf, nachdem jetzt die Verhandlungen über den neuen (zweiten) französischen Kommissionsentwurf in der Depu- tiertenkainmer vertagt worden sind, als ziemlich sicher angenommen werden, daß die Zollreform nicht mehr vor den parlamentarischen Sommerferien, welche am 13. ober 14. Juli beginnen, von bei Kammer verabschiedet werden kann, zumal neben den mannig­fachen anderen ihr an Dringlichkeit vorgehenden Verhandlungs- gegenstanden auch die Meinungsverschiedenheiten, welche zwischen dem Handelsministerium unb der Zollkommission über zahlreiche und meist besonders wichtige Positionen des TarifentwursS bestehen, erheblich mit ins Gewicht fallen.

Die Aktion, welche der deutschen Geschäftswelt so lebhafte Be­unruhigung gebracht hat, darf demnach vor der Hand wenigstens

Das neue Naturtheater in Wiesbaden.

Mit Ernst v. Wolzogens FestspielD i c M a i b r a u t" wurde am ersten Pfingstfeiertage das neue Naturtheater eingeweiht, das die Stadt Wiesbaden im Nerotale als neueste Sehenswürdigkeit des Weltkurortes geschaffen hat. Mil einem mystisch-dramatischen Spiel ans den letzten Zeiten des Heidentums in Germanien ist die eigenartige Anlage eingeweiht worden Die Maibraut brachte zum erstenmal eine getreue Vorstellung nicht nur von den Äußer­lichkeiten eines Ma'ifestes in vorchristlicher Vergangenenheit »m- seres engeren Vaterlandes, sondern auch von der erhabenen Welt­anschauung unserer Vorväter. In herrlicher Sprache hat Wolzogen einen volkstümlichen Stoff der rheinischen Sage dramatisch ge­staltet und mit packender Steigerung ein Werk geschaffen, das, der Eigenart des Naturtheaters angepaßt, den historischen Stoff m engsten Zusammenhänge mit dem Heimalboden bringt. Ein Stück Vergangenheit wird lebendig. Das Drama spielt am Aus­gange des 7. Jahrhunderts, in einer Zeit also, wo das ganze Frankenreich unb dam't auch das gonje linke Rheinufer bereits dem Christentum verfallen war, wahrend die rechtsrheinischen deutschen Lande noch am alten Glauben festhielten, aber bereits von der bangen Vorahnung durchdrungen waren, daß auch sie bestimmt seien, der neuen Weltherrschaft Roms zu unterliegen. Außerdem bringt das Massest die Spsergebrauche und die mytho­logisch-dramatischen Spiele ans den letzten Zeiten des Heidentums zur sinnfälligen Darstellung. Zwischen lwhen Felsen erhebt sich das altgermanische Heidentum, düsterer Waldbeftand, lackender Mauer Himmel umrahmt den Schauplatz, auf dem zwecn Siebcv.ben die dunklen Schicksalslose gekiest werden. Wolsbrand, der kühne Held, ist in heftiger Liebe zu Jngigerd, der Tochter der Rauh- grafen und Priesterin des Heiligtums entbrannt. Er gewinnt die Reine in stürmischer Minne, aber er büßt den Verrat an der Gottheit im Zweikampfe mit dem Gruber der Geliebten mit seinem Lebern Sic, die ihm nach l>eidniscl)er Sitte zur Feier des Mai festes als Maibraut für einen Tag symbolisch vermahlt war, will sich vom Felsen stürzen, um im Tode mit Wolfbrand vereint zu sein. Allein Wotan erscheint, nimmt sie in seinen schütz unb führt sie in Walhall ein. Das Wolzogen,che Wecke,viel ist, trotzdem es iit 14 Tagen geschrieben wurde, mehr wie eine (ye- legenheitsdichtung und beansprucht künstlerische Bedeutung. Die Darstellung war sehr gut. Die beiden Liebenden Frl. Holt­haus Dom Host Heater in Darmstadt unb Herr A r n dl vom Hostheatcr in Gera, bildeten -die beiden Pole, nm die sich die übrigen Darsteller scharten. Klare Sprache, fesselndes Spiel und ausdrucksvolle Mimik stand allen zu Gebote, die Chöre fvielten vorzüglich, die Gruppen paßten sich malerisch dem Gelände an, bdä in Tannen und Felsen genügend natürliche StüHpuntle für

als ausgeschoben, wenn auch freilich keineswegs deshalb schon als aufgehoben betrachtet iverben.

poletifd>e Tagesschau.

Eine Abwehrversammlung.

Wie bekannt hat eine aus Konservativen und Zentrum zu­sammengesetzte Mehrheit der Finanzkommission des Reichstags bicicnigcn 'steuern abgelehnt, welche, wie die Nachlaßsteuer, von allen besitzenden Klassen und daher auch von ihren eigenen Kreisen mitzutragen sein würden. Zur Ausfüllung der von ihnen auf diese Weise selbst geschaffenen Lücke haben diese Parteien an gleicher Stelle die Annahme einer Reihe in ihren Voraussetzungen wie in ihren Folgen gleich bedenklicher Steuerprojekte dnrchgesctzt, welche ausschließlich Handel, Industrie, Börse unb Bankwesen in einer alle Grenzen überschreitenden Weise belasten und geeignet, viel­leicht auch dazu bestimmt find, die heutige wirtschaftliche Macht­stellung dieser Stande niederzuwerfen. Der Verlust, der hier­durch zugleich der Macht, beni Ansehen und dem finanziellen Kredit des Reiches zngesügt wird, bleibt bei dielen Steuerprojekten gänzlich außer Betracht. Angesichts der gemeinsamen Gefahr hat der Zen­tralverband des Deutschen Bank- unb Bankiergewerbes zusammen mit dem Zentralverband Deutscher Industrieller beschlossen, eine große Abwehrversammlung auf Sonnabend, den 12. Juni d. I., nachmittags 4 Uhr, nach Berlin im Saale der Philharmonie, Bernburger Straße 22 a, einzu­berufen, um Stellung zur Reichssinanzreform zu nehmen. Zu­gleich soll aber in dieser Versammlung eine für die Dauer be­rechnete Interessengemeinschaft der privaten Vertretungen von Deutschlands Industrie, Handel und Bankwesen für bestimmte Zwecke (Abwehr gegnerischer Schritte und Vorlagen und gemein­sames Vorgehen bei den Wahlen), im übrigen unter vollständiger Wahrung der Selbständigkeit der einzelnen Verbände und Vereine, in die Wege geleitet werden. Die Vertreter der einzelnen Ver­bände unb Vereine werden daher ersucht, sich mit den erforder­lichen Vollmachten versehen zu wollen. Neben nichtamtlichen wer­den auch amtliche Vertretungen und ebenso auch sonstige An­gehörige von Handel, Bankwesen unb Jnbustrie zu dieser Ver­sammlung cingetaben werden. Mit Rücksicht auf den Ernst der Lage hat jeher Berufsgenosse im eigenen unb im Standcs-Jnteresse bic dringende Pflicht, auf dieser Tagung zu erscheinen und eine machtvolle Kundgebung hcrbeiführcn zu helfen. Hierdurch dürste es allen, welche es angeht, klar werden, daß Deutschlands In­dustrie, Handel und Bantgcwcrbe am Ende ihrer auf viele und harte Proben gestellten Geduld angclangt und nicht länger ge­willt sind, einer Gesetzgebung zum Opfer zu dienen, welche von einfeit! ter wirtschaftlicher Jnteressenpolitik und von dem Ringen der Abteien nach politischer Machtstellung sogar jetzt beherncht wird, ii ausschließlich allgemeine nationale Interessen im Vorder­grund stehen sollten.

X

Generaloberst von der Goltz.

Zu der Meldung, daß Generaloberst v. d. Goltz als Organisator der türkischen Armee wieder nach Konstan­tinopel gehen werde, erfährt dieTägliche Rundschau" noch: Bereits vor der letzten Umwälzung war ein Ersuchen der türkischen Regierung an ihn ergangen, die Reorganisation der Armee zu übernehmen, v. d. Goltz konnte sich jedoch zur Annahme des Antrages nicht eher entschließen, als eine endgültige Regelung der Regierungsform in der Türkei eingetreten war. Man darf annehmen, daß die Zustimmung Kaiser Wilhelms inzwischen bereits erteilt ist. Einzelheiten darüber, roanu und auf wie lange v. d. Goltz nach dem Schawplatz seiner neuen "Tätigkeit übersiedelt, stehen zur­zeit noch nicht fest.

Rumänien und btt Dreibund.

Ein Bukarester Telegramm desEorriere della Sera" bestätigt, daß die Meldungen, die anknüpfend an den Be­such des deutschen Kronprinzen in Bukarest von einem engeren Anschluß des Donaukönigreichs an den Dreibund sprachen, zum Teil richtig sind. Es sei zwar nicht von einem formellen Bündnis zwischen Rumänien und den Mächten der Tripelallianz die Rede gewesen. Ein solches werde, wie die Dinge liegen, nicht für nötig und, vielleicht streng genommen, nicht einmal für wünschenswert an­gesehen. Vielmehr handle es sich um eine AUlitärkonvention

offensiver und defensiver Natur zwischen Rumänien und den beiden Kaiserreichen, durch welche die Interessen Ru­mäniens vollständig gewahrt ivürden. Die genauere Be­stimmung einer Konvention sei nicht bekannt. Man gehe zu weit, wenn man den bevorstehenden Besuch des Erz­herzogs Franz Ferdinand am rumänischen Hofe als Zeichen für den definitiven Eintritt des Königreichs Rumänien in das Konzert der Zentralmächte deute.

Äbdul Hamid.

lieber das Schicksal des abgelebten türkischen Sultans werden neuerdings recht geheimnisvolle Andeutungen gemacht. Aus sonst verläßlicher Quelle wird berichtet, das; der Exsultan Abdul Hamid vor kurzem in aller Stille nach einem Dorfe in Arabien gebracht worden sei, da man einen Handstreich der Reaktionäre zue Be­freiung Abdul Hamids befürchtete. Das ganze Gefolge des Sul­tans wurde in der Villa Allantini zurückbehallen, um so den An­schein, als befände sich Abdul Hamid noch in Saloniki aufrecht erhalten zu können. Ten Bewohnern der Villa und der Be­satzung ist es bei strengster Strafe verboten, das Geheimnis zu verraten. Eine Bestätigung dieser Meldung liegt einstweilen noch nicht vor.

Der hessische Lehrerlag.

K. Worms, 1. Juni.

Unter sehr zahlreicher Beteiligung begann heute der Landes­lehrerverein seine Verhandlungen unter Leitung des Lb- mamtS Huff-Darmstadt. Auch ein Vertreter des Allgemeinen deutschen Lehrervereins aus Berlin nahm daran teil. Namens der Wormser Lehrer begrüßte Bors-Worms die Lehrer Hessens. Bei Feststellung der Vertretcrlistc zeigte sich, daß sämtliche 106 Bezirksvereine mit 180 Delegierten vorigsten waren. An beit Württemberger Lehrerverein, der heule gleichzeitig in Ulm tagt, wurde ein Begrüßungstclegramm gesandt. 9?ad) dem Jahres­bericht des Vorsitzenden stieg bic Mitgliederzahl in 1908 von: 3222 aus 3328. Der Schulbote erscheint dm 49. Jahrgang in 3500 Exemplaren-, das wöchentliche Erscheinen hat beit Beifall der Mitglieder gefunden. Der Vorstand hat sich int abgclaufcticn Vereinsjahr mit überaus wichtigen Fragen besaßt, so beschästigte ihn besonders die Unzulänglichkeit der Witwenpension, ferner die Regulierung der Gehalte, der Vorstand l)ält an der Hoffnung fest, daß die Lehrer die gleichen Gehaltssätze erhalten, wie die anderen Beamten mit gleicher Vorbildung. Bezüglich der Ver­leihung des passiven Wahlrechts an die Lehrer ist er erneut beim Ministerium vorstellig geworden, ebenso find in her Frage des Schulvorstandes unb der Schulaussicht schritte unternommen worden. Eine Aendcritng des Schulgesetzes ist von der Regierung in Aussicht gestellt, so daß der Vorstand von Einzel- eingaben absieht. Die nächste wichtige Aufgabe wird die Um­arbeitung bcs Schul- und Lehrplans sein. Demi Rechenschaftsbericht des U n t e r st ü tz u n g s v e r e i n s für provi- sorisch angestcllte Lehrer und Lehrerinnen in Krankheitsfällen sei entnommen, baß er 664 ordentliche und 180 außerordentliche Mitglied!.- zählt. Der Verein hat auch 1908 wieder sehr segens­reich gewirkt, gab er doch für Unterstützungen 4414 Mk. aus, sein Vermögen stieg von 15 920 Mk. auf 16 220 Mk. Es er­folgte die Rechnungsablage des Hauptvereins. Tas Rechnungs­jahr 1908 schließt mit einem Uebersckuß von 1900 Mk., das Vermögen stieg von 3280 Mk. auf 5240 Mk. Den größten Einnahmeposten zeigen die Mitgliederbeiträge, nämlich -13100 Mk. Die größten Ausaaben verursachen der Versand des Schul­boten, 2830 Mk., unb Beiträge an Vereine, 2220 Mk. Ter Voranschlag für 1910 balanciert mit einer Einnahme und Ausgabe von 13 775 Mk. Er findet die unveränderte Annahme der Versammlung. Es sollen künftig 6 Vertreter zur Deutschen Lchrcr- versammlung entsandt werden^ darunter auch bic Vorsitzenben bet Militärkommission unb bei Schulstatistik, da beide Gebiete auf dem Deutschen Lchrertag verhandelr werden. Zum Deutschen Lehreroerrin zahl! der Landeslehrervercin jährlich 1085 Mk., an die Ludwig- und Alicestiftung 600 Mk., dem Lehrerheim Vogels­berg 200 Mk. Bei der Ergänzungswahl des Vor­standes scheiben aus: Grimm-Gießen, Heck-Zwingenberg, Reitz- Holzmühlc unb Wagner-Großcn-Buseck. Es werden gewählt als Mitglieder des Vorstandes Heck-Zwingenberg mit 179, Grimm- Gießcn mit 132, Wagner-Großeii-Buseck mit 94 unb Jöst-Qffen- bach mit 92 Stimmen, als Ersatzmänner Jhrig-Rüsselshcim und

Frank-Lampertheim. - Den Hauptleil der Verhandlungen bildeten die zahlreich eiiigclauscncn Anträge. Ein Vorschlag des Vor­standes, wonach er für Aenderung des Schulgesetzes

eine äußerst sorgfältige und geschmackvolle Regie bot. Kapell­meister Rother vom Hoftheater hatte eine sehr beachtensweric, stimmungsvolle s))hi|if geschrieben, die zur Erhöhung des guten Gesamteindrilcks wesentlich beitrug. Den Bemühungen des In- renbanteu Borgmann, Wiesbaden rauner mehr in den Mittelpunkt internationalen Interesses zu rücken, gebührt vollste Anerkennung, tatkräftige Unterstützung. S. u. H.

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' Ein interessantes Andenken an Richard Wag n er wurde bei einer Versteigerung von Musikermanu- skripten in der Liepmann so huschen Buchhandlung zu Berlin versteigert. Es war ein seidenes Taschentuch mit einem darauf gedruckten Gedicht mit der Ucberschrifi:An Fräu­lein Minna Planer bei ihrem Vermählungsfeste mit dem Musikdirektor .Herrn Richard Wagner. Königsberg, den 14. November 1836." Wagner, der damals 24 Jahre alt war, bekleidete die Stelle eines Musikdirektors am Königsberger otadttheater und wurde mit der ein Jahr jüngeren Schau­spielerin Christine Wilhelmine Planer in der Tragheimer Kirche zu Königsberg getraut. Die letzte Strophe des Hoch­zeitsgedichtes lautete:Wenn dann dein Gatte hier im Reich der Töne, Uns leitet in der Harmonien Land, So stellst du uns des hohen Dichters Schöne, Lebendig dar im Bild, das er erfand." Für 155 Mark fand das Taschentuch einen Liebhaber. Von Leopold Mozart, dem Vater des großen Wolfgang, der auch ein bedeutender Musiker war, lagen sonderbare Briefe an seinen Verleger Jakob Sutter in Augs­burg vor. In einem von diesen verlangt er von seiner alten Mutter, die auch in Augsburg lebte, 300 Gulden ä conto seiner zukünftigen Erbschaft, sonstmöchte sie heute oder morgen her Teusel holen." Am Schluß entschuldigt er sich wegen seiner Schrift:Ich eile, daß mir bic Finger mochten Wegfällen." Schließlich sind noch zwei kleine Manuskripte unö ein Brief von Lortzing zu erwähnen, für die 500 Murrt gezahlt wurden. Wenn der arme Lortzing, der sein Lebenlang hungern mußte, das erlebt hätte!

Ein manuskriptscheuer Dh c a t e r d i r e k- t or. In italienischen Theaterkreisen genießt der Direktor Ferravctla Berühmtheit durch die Zähigkeit, mit der er es ablehnt, Manuskripte zu lesen. Ein Autor wollte dem Manu- skriptscheucn einen Streich sielen unb schickte ihm ein dickes Faszikel nut der drohenden lleberschri.fi , Äontohie

in mehreren Akten". Dabei lag ein bescheidenes Schreiben: . Gestatten Sie mir, Ihnen meine arme Komödie zu schicken und zu empfehlen, die mir und meinen Freunden der Auf­führung würdig erscheint. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sie lesen und mir Ihr maßgebendes Urteil befanntgeben wollten. N ach einem Monat trifft die Antwort ein:Jchj habe Ihre 2lrbeit gelesen und wieder gelesen, aber ich mußte mich schließlich überzeugen, daß sie nicht geeignet ist. Vov allem der dritte Akt wäre bei der "Aufführung unmöglich. Verzeihen Sie meine Offenherzigkeit usw." 'Postwendend kommt vom Einsender eine Rüccaußerung:Ihre Kritik ifff durchaus gerechtfertigt und vor allein sehr gewissenhaft. Rur in einem Nebenpunkt stimme ich mit Ihnen nicht über» ein:Sie sagen. Sie hatten meine Kornodie gelesen und wieder gelesen, während ich nie daran gedacht l)abe, über­haupt eine zu schreiben. Das Ihnen eingesandte Manuskript bestand aus schönem weißen unbeschriebenen Papier." Aber Ferravilla gab sich nicht geschlagen:Wenn Ihre Komödien unbrauchbar sind, solange sie noch gar nicht geschrieben sind, stellen Sie sich vor, wie schlecht sic erst sein müßten- wenn sie wirklich geschrieben würden. Ich habe Ihren kleinen Scherz mit voller Absicht mit einem scherz erwidert."-

Ein Riesendenkmal. Aus Rom wird berichtet: Tic große bronzene Reiterstatue des Viktor Emanuel-Denk­mals, das vor dem Kapitol ca:porwächst und als ein Sinn­bild desneuen Rom" künftig das Stadtbild der ewigen Stadt beherrschen wird, ist jetzt gegossen. Es wurde zum Gusse in dreizehn Teile geteilt: den Kopf, den )Rumpf und die Beine des Königs und Kopf, Brust, Rumpf, Krnppe, Schweif und die vier Beine des Pferdes, lieber die riesigen Dimen­sionen dieses Standbildes geben einige Zahlen Äfiifschluß. Allein das Zaumzeug des Pferdes wiegt gegen vier Tonnen. Der Sabel ist vier Meter lang und wiegt sieben Zentner. Die beiden Sattcltaschcn, die Aussichtspunkte werden sollen, sind größer wie ein mittelgroßer Mensch: sie messen 1.80 Meter Höhe. Der Kops des Königs ist 2.50 Meter hoch und wiegt 42 Zentner. Die Brust des Pferdes wiegt 140 Zentner unb| der d'iumpf 180. Das Standbild wird auf einer 32 Quadrat­meter großen Bronzeplattform ausgestellt und dann wohl das größte R e iter b i l d n i s der Welt sein. Tas Innere des Pferdes ist so geräumig, daß dreißig Leute darin bequem ein Bankett feiern können.