Ausgabe 
21.4.1909 Erstes Blatt
 
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Nr. 92 Erstes Blatt 159. Jahrgang Mittwoch 21. April 1909

Der Siebener Anzeiger ä Bezugspreis:

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(Dienstag unb Freilaq); W W IgT W W pLt kW */ M W KZ M WWW W i^d. ausschl. Bestellg.

NM General-Anzeiger für Oberhessen WW

bis vörndttags" 9^uhr^ Rotationsdruck unt> Verlag der vrühl'schen Univ.-Vnch- und Steindruckerei R. Lange. Redattton, Expedition und Druckerei: Schulftratze 7. Anzeigen'tell^H." Eck.

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

Der Kanzler und die ReichZfinünzrefonn.

In der Angelegenheit der Rcichsfinanzresorin empfing der Reichskanzler gestern abend 6 Uhr im .sionareßscrale des Reichs- lanzlerpalais Deputationen aus Bayern, Sachsen, Baden, Württeru- lerg und Thüringen, sowie des Bundes der Industriellen. An rem Empfang nahmen teil: Die Staatssekretäre, Staatsim- "er ®. Bcthtnann-Hollweg und Sydow, soivie die Bevollmächtigten zum Bundesrat der durch die Deputationen vertretenen Staaten. Die Sprecher der Deputationen und die Mitglieder derselben roiirben durch Unterstaatssekretär o. Soeben dem Reichskanzler einzeln vor­gestellt. Hierauf hielt der Vertreter Bayerns, Unterstaatssekretär o. Mayr, die erste Ansprache; ihm folgte der Vertreter von Sachsen, Professor Wuttke, sodann Graf Linden für Württemberg, Geheimrat Engler für Baden und Professor Anschütz für Thüringen, sowie Geheimrat Wirth für den Bund der Industriellen und Äommerzienrat Meilner-Stuttgart für die württembergischen In­dustriellen.

Tie Ansprachen der Deputationeii an den Reichskanzler leitete als Sprecher der bayerischen Deputation Unterstoatssekretär a. D. u Mayr ein, indem er darauf hinwies, daß die Unterzeichner des Aufrufs, den er dem Reichskanzler überreiche, durch die Not des Augenblicks in patriotischem Empfinden uild Pflichtgekühl zusammeu- gesührt worden feien. Die Anerkennung von Staatsnolwendigkeiten für das Reich erheische gebieterisch Crbmutg in den Finanzen nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und Zweckmäßigkeit. Der einzig gangbare Weg sei die ausgiebige Entwickelung' der Verbrauchs- besteuerung, insbesondere der alkoholischen Gelräuke uiib bes Tabaks, kinb gleichzeitig die besondere ausgiebige Besteuerung der Besitzeiiden mittels der Erbschaftsbesteuerilng. Redner gab dem '-Bemanen Ausdruck, daß die gesetzgebenden Körperschaften sich baldigst auf diesem Boden einigen möchten zum Heile des Teiitschen Reiches unb des deutschen Volkes. Professor Wuttke, Sprecher der sächsischen Deputation, führte in feiner Ansprache aus: Das sächsische Volk ist bereit, schwere Opfer für das Reich zu bringen. Die sächsische nationale Arbeiterschaft will die neuen indirekten Steuern tragen. Die besitzenden Stände Sachsens, welcher Partei sie auch an­geboren, treten fast ohne Ausnahme für die Erbschaftsbesteuerung ein. Zu dem Reichskanzler hegen wir das Vertrauen, daß die finanzielle Selbständigkeit der Bundesstaaten geivahrt bleiben wird, lerner daß die Reichsregierung nicht eher nachgeben wird, als bis ihr die notwendigen Mittel bewilligt worden sind.

Als Sprecher für den Bund der Industriellen führte Geh. KvmMerzienrat Wirth aus: Obgleich der Handel und die In­dustrie zur Zeit schlver zu tam^fen hat, sind wir doch dazu bereit, daS unsere dazu beizutragen, daß die Reichsfinanzreform zustande tummt. Wir setzen aber voraus, daß die neuen Lasten nicht haupt- sLchlich dem Handel unb der Industrie aufgebürdet werden, sondern daß alle Staatsbürger, von den Begüterten alle, ohne Ausnahme, irlso auch die Landwirtschaft, gleichmäßig herangezogen werden. 2ie Verbrauchssteuern und' die Erbanfallsteuer scheinen uns die einzig richtige Möglichkeit zu bieten, dem Reiche die erforderlichen Mittel zu einer dauernden Gesundung der Finanzlage zu ver- fHfctffen.

Auf diese Ansprachen erwiderte der Herr Reichskanzler mit folgender Rede:Meine Herren! Sie haben sich vereinigt, imt mir als dem obersten Beamten des Reiches durch Adressen unb mündliche Aussprache Ihre Sorge um die Reichsftnanz- refornt kund zu machen. Dabei treten Sie als Wortführer und Vertrauensmänner weiter Schichten des deutschen Volkes auf. Eie sind hier nicht erschienen als Sprecher bestimmter Parteien, tweil Sie mit uns allen, denen das Wohl des Vaterlarckes am Serien liegt, die Reichsfinanzreform nicht als eine Parteifrage! d-ürachten. Sie wollen vielmehr Ihve Kundgebung angesehen tevisien als eine Mahnung an die Parteien, sich mit dem Gedanken iwr nationalen Notwendigkeit dieser Reform noch mehr als bisher pi erfüllen und sich von der Einsicht in diese harte Notwendigkeit hmweglragen zu lassen über Zögerungen, Bedenken undTifferenzen. Rch sehe aber auch in Ihrer Kundgebung wie in den zahllosen Kundgebungen der letzten Wochen eine Reaktion des Volkswillens gitgen die Versuche, den Bedürfnissen des Reiches und der Staats- giisamtheit das Interesse bestimmter Gewevbezweige ich denke iwr allem an den Tabakverein entgegenzusetzen. Versuche, die g^mr Teil mit einem an Terrorismus grenzenden Truck geltend ginnacht worden sind, und gegen welche, wie ich sehe, die von den Semit aus Bayern überreichte Adresse mit gebotener Entschieden-

Kleittcs Feuilleton.

Die schlechte Bezahlung der er st en musi kali- s hen Kräfte an vielen Hostheatern erweist sich aus folgendem Msfchreiben derDarmstädterHofdühne:Tie Stelle eines 11. Konzertmeisters ist demnächst neu zu besetzen. Gehalt b i s z u A00 Mark."

Der Jubelfeier der Universität Leipzig zu latent 500jährigen Bestehen in den Tagen vom 28. bis 30. Juli mirb folgendes Programm zugrunde liegen: 28. Juli Begrüßung tor Ehrengäste in der Universität und Vorabend im Palmengarten. DM 29. vormittags 9 Uhr, Festgottesdienst in der Universitäts- ^cche zu St. Pauli, IOV2 Uhr Festakt im Neuen Theater mit eener Ansprache des Königs Friedrich August von Sachsen, tomn Gartenfest im Palmengarten. Am 30. vormittags 10 Uhr, Festakt in der Wandelhalle der Universität, Festrede von Professor : Wilhelm Wundt. Mittags 12 Uhr, großer historischer Festzug Dauer des Borbeizuges zirka zwei Stunden', abends Feftvorstel- 1 argen in sämtlichen Theatern und von 912 Ulyr ab Festkommers t der von der Stadt auf dem Meßplatz errichteten Halle, in der i 11) 000 Personen Platz haben. Die Leitung aller Festlichkeiten 1 egt in den Händen der Prosesioren Binding (zurzeit Rektor-, Gue (Prorektor) und Köster, sowie des Elseransschusses ber Ztudentengruppen unter dem Vorsitz der Lausitzer Prebigergesell- i,haft (Societas Lusatorum sorabica), der ältesten Leipziger Kor- mration.

Der Umbau der Feste Koburg durch Professor Vodo Ebhardt ist, dem B. T. zufolge, beschlossene Sache. Ghardt ist in Koburg eingetroffen, um die Arbeiten einzuleiten: c nige Architekten sind mit den Vermessungen beschäftigt. In den Isltzten Jahren besuchte der Herzog gemeinschaftlich mit Professor (Ähardt die Feste, um dort die beginnendeRenovation" in Augen­schein zu nehmen. Wie wir seinerzeit gemeldet haben, will der Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha die alte «Feste zu seinem Wohn- sch umgestalten lassen; hoffentlich wird das historische Bild nach Möglichkeit geschont.

D a s T h e a t e r i n S 0 n d e r s h a n s e n lvird unter b-mt neuen Fürsten eine vollständige Aenderung erfahren. ; E; wird wieder wie im Anfang des vorigen Jahrhunderts direkt vom Hoftnarschallamt geleitet und die Truppe wird in Sondershcrusen-Rudolstaht und Arnstadt spielen, da diese

beit Stellung nimmt. Wir haben ja von allen 'Seiten gehört, I wie die Vertreter dieser Interessen die Oeffentlichkeit mit ihrem | Widerspruch erfüllen und immer wieder verlangen, daß man sie, gerade sie unter allen Umständen schonen soll, wo doch Ansprüche an die Opferwilligkeit des ganzen Volkes gestellt werden müssen. Es bereitet mir eine wahre Genugtuung zu sehen, wie sich das öffentliche Gewissen dem Einreißen solcher Unsitte entgegenstemmt und ich fühle mich dadurch 'bestärkt in meinem Vertrauen in den guten Geist des deutschen Volkes, der auch diesmal in dieser die Zukunft unseres Volkes so tief angehenden Frage nicht ver­geblich nngerufen werden wird. Auch ich bin mit den Herren aus Sachsen der festen Ueberzeugung, daß unser Volk aus der Misere der Vergangenheit gelernt hat, daß es die Kraft des Reiches nicht wie in jenen alten Zeiten gelähmt wissen will durch die finanzielle Ohnmacht, die die Ohnmacht aller staatlichen Be­tätigungen bedeutet. Ein Volk, das wie das unsere an Schafsens- kraft und Schaffenslust sich von keinem anderen übertreffen läßt, kann auch vor schwereren Opfern nicht zuruckschrecken, wenn, es gilt, sich die Schaffensmöglichkeit zu sichern durch eine finanziell ge­sicherte Reichsgewalt."

Mit Recht drängen Sie, meine Herren, auf eine rasche und gründliche Erledigung der Reichsfinanzreform. Es ist der ein- mütige Wille der Verbündeten Regierungen, die Lösung der Frage noch in dieser Session des Parlamentes herbeizuführen. Der Reichstag wird nicht auseinandergehen, bevor er enbgiltig zur Finanzreform Stellung genommen hat.

Wie soll die Reform sich im Einzelnen gestalten? Die Herren aus Thüringen halten, wie ihre Adresse betont, nach wie vor die Vorschläge der Verbündeten Regierungen für eine im Ganzen und Großen geeignete Grundlage zur Verständigung. Auch ich, meine Herren, habe mich von dieser Zuversicht nicht abbringen lassen und bin gerade durch den Gang der Erörterungen im Reichstage und in der breiten Oeffentlichkeit mehr und mehr darin bestärkt worden. Gewiß werden die Verbündeten Regierungen sich nicht auf jedes Stück ihrer Vorlagen versteifen. Nachdem sich leider ergeben hat, daß für die Besteuerung von Gas, Elektrizität und Inserate keine Mehrheit zu erlangen ist, so werden die Verbündeten Regierungen diese Vorlagen fallen lassen müssen. Für die Lücke muß Ersatz geschaffen werden. Ich bin zwar heute noch nicht in der Lage, hierüber bestimmte Mit­teilungen zu machen, ich habe aber dahin gewirkt, daß sich die Verbündeten Regierungen in den allernächsten Tagen endgiltig über die Stellung schlüssig machen, die sie zur Frage der Erwtz- steuern für die zweite Le>un.g im Reichstage einnehmen wollen.

An den leitenden Gedanken und an den Hauptstücken des großen Werkes aber hatten die Verbündeten Regierungen fest. Man hat in den letzten Wochen vielfach gehört, eine Hauptfrage bei der Finanzreform bilde das Problem, die Linke in Sachen der Branntweinbesteuerung und die Rechte in Sachen der Erbschafts- abgaben umzustimmen. Gewiß war es ein Fehler, den Vor­schlag der Verbündeten Regierungen betreffenb den Zwischen­handel des Reiches mit Branntwein a limine abzulehnen. Mehr und mehr zeigt die Debatte, daß hier der von der Regierung vorgeschlagene Weg am besten zum Ausgleich führt zwischen dem finanziellen Interesse des Reiches und den Interessen der Produ­zenten. Die doktrinäre Verfechtung eines Prinzips kann uns hier nicht weiterbringen. Das Schlagwort, wider alle Mouv- pole, verliert seine Bedeutung im Zeitalter der Kartelle und Trusts. Heute darf die Parole nicht lauten, für unbedingte Ge- iverbefreiheit und gegen das Monopol, sondern sie hätte lauten sollen, für das Staatsmonopol statt des Privatmonopols, für das Staatsmvnopol, das 100 Millionen, die wir als Steuerertrag vom Branntwein allseitig erwarten, am schönsten auf bringen kann, die sogenannte Liebesgabe beseitigt und allen Interessen gleich­mäßig gerecht werden würde. Und wie steht es mit dem Aus­bau der Erb sch a f t s ab g a ben? Hier ist es nicht so sehr die nüchterne Bettachtung der realen Tatsachen gewesen, die große und angesehene Kreise im Lande zu ihrer bisher ablehnenden Haltung veranlaßt hat, vielmehr haben Besorgnisse hereingespielt, die sorgfältiger Prüfung nicht stand halten sollten. Ich gebe die Hoffnung nicht auf und Ihre Kundgebung bestärkt mich hierin, daß auch die Landwirtschaft erkennen wird, daß sie sich mit der Ausdehnung der Erbschaftsbesteuerung wird abfinden können.

Auf der N a ch l a ß st e u e r werden die Verbündeten Re­gierungen nicht bestehen. Da aber der Besitz nach fast allge­meiner Uebereinftimmmig in Höhe des aus der Nachlaßstener ver­anschlagten Bettages an den neuen Steuern beteiligt sein muß und eine andere gerechte, zweckmäßige und gleich ertragreiche mbhmwwhm; n nn rin WfigaMBMKgr-maT-

drei Hoftheater unter eine Leitung kommen. In jedem der drei Orte wird nur während mehrerer Monate im Jahr gespielt. Demnach wird das Personal bas ganze Jahr beschäftigt sein.

Das Schlachtfeld von Tannenberg ist in den Besitz des Fiskus übergegangen. Der Domänenfiskus hat, nach einer Meldung aus Königsberg i. Pr., das Ritter­gut Grünfelde int Kreise Osterode erworben. Auf dem Ge lände dieses Gutes wurde im Jahre 1410 die Schlacht, die gewönlich nach dem Nachbarorte Tannenberg benannt wird, zwischen dem Deutschen Orden und den Polen geschlagen.

Die deutsche Pathologische Gesellschaft, die vom 15. bis 17. April in Lei pzig unter dem Vorsitz von Professor Weichselbaum-Wien im Pathologischen Jn- stttut der Universität tagte, hatte dieser 13. Hauptversamm­lung wiederum ein reiches Programm zugrunde gelegt. Außer den Referaten von Professor Schmidt-Zürich und Professor S t ö l z n e r -Halle über Rhachitis wurden 88 Einzelvorträge gehalten, in denen Vertreter der medizini­schen Wissenschaft aus allen Teilen der Welt, aus Oester­reich, der Schweiz, aus Amerika, Rußland, Japan usw. Spezialthemen behandelten.

Autobiographie von Friedrich Paulsen. Unter den Nell-Erscheinungen des Verlags Eugen Diedrichs in Jena werben Jugenberinnerungen von Friedrich Paulsen, die unter dem TitelAus meinem Leben" in etwa einer Woche erscheinen werden, angekündigt. Paulsen selbst charakterisiert diese Erinner­ungen in 'olgenden Worten:Ich befinde mich in der Vage, von einer glücklichen Jugend zu berichten. Und dann droht dieser Dar­stellung wenigstens die Gefahr nicht, daß sie ihren Gegenstand in der heute so beliebten tragischen Pose des verkannten und ver­einsamten Kindes und Knaben zeigt. Ich bin in einem recht­schaffenen Bauernhaus ausgewachsen, von einem vortrefflichen Lehrer in die Schule genommen und in fröhlicher Gemeinschaft ge­diehen. Von alledem möchte ich einiges erzählen, in der Hoffnung, daß der günstige Leser für eine Welt, die nun im Versinken ist, einige Teilnahme gewinnen wird."

Besitzsteuer mit besserer Aussicht auf Annahme im Reichstage zur Zeit nicht vdrgeschlagen werden kann, so müssen wir an der Ausdehnung der Abgabe auf die nächsten Verwandten in Form einer Erbanfalls steuer sesthalken.

Auch der Landwirtschaft nahestehende Autoritäten geben zu, daß die vorgeschlagenen Sätze ertragen werden können, und daß die landwirtschaftlichen Interessen schon in den Regierungs- Vorschlägen berücksichtigt worden sind. Werden doch zwei Drittel bis drei Viertel der deutschen Landwirte von der Steuer über­haupt nicht betroffen. Die Landwirtschaft sollte aber auch nicht vergessen, daß sie unter einer Gesetzgebung lebt, die mit der größten Gewissenhastigkeit ihre gesamten Interessen fördert und am Herzen trägt. Ich persönlich nehme es durchaus nicht leicht, in dieser Frage mich in Widerspruch zu manchem alten Freunde zu befinden. Aber auch nach reiflichster Erwägung kann ich von der Auffassung nicht abgehen, daß die erweiterte Erbschaftssteuer ein Opfer an konservativen Grundsätzen nicht involviert. Ich begrüße es, daß große Teile der konservativen Partei zu derselben Auffassung! gelangt sind und verweise dafür auf die Beschlüsse der fimser- vattven Partei in Sachsen. Ich meine auch, daß die Stimmen aus dem Mittelstände bei der Rechten des Reichstages nicht ungehört verhallen sollten. In keiner Weise aber vermag ich die Bedenken zu teilen, daß ein aus allgemeinen Wahlen hervor- gegangenes Parlammt wie der Reichstag gerade mit der Erbschafts­steuer Unheil stiften könnte. Solange die Sozialdemokratie nicht Bundesrat und Reichstag beherrscht, solange besteht nicht die Ge­fahr konfiskawrischer Ausbeutung dieser Steuer. Sollten aber einmal dre Sozialdemokraten die Geschäfte in die Hand nehmens in den nächsten Jahrhunderten wird man das nicht erleben, so würden die Erbschaften daran glauben müssen, ob die Sozial- demottatie die Deszendentenbesteuermrg vorfände oder nicht. Mit dem Vorwurf des Sozialismus soll man uns also nicht kommen. Vor dem brauchen mir uns so wenig zu fürchten wie es Fürst Bismarck tat. Ich bleibe also der Ueberzeugung: Was in den verschiedensten Ländern der Welt, was in den Hansestädten und in Elsaß-Lothringen, in deutschen Kantonen der Schweiz, in Oesterreich-Ungarn, in England, in Frankreich in Jahrzehnte­langer Hebung zu keinem Mißstand unb keiner Erschütterung des Familiensinnes geführt hat, das tvird auch in Deutschland, wenn sich die Wogen gelegt haben, als eine erträgliche Steuer angesehen werden, unb spätere Generationen werben die Erregung unserer Tage in dieser Hinsicht kaum noch begreifen können. Aber mit ber Branntwein- unb Erbschaftssteuer frage ist es nicht getan. Daß bas Bier uns 100 Millionen mehr bringen muß, barüber ist man sich allgemein einig. Unb was ben Tabak betrifft, wirb es trotz aller Agitation babei bleiben, baß alles, tvas ber Tabakverein in biefem Falle gefehlt hat, wieber gut gemacht werben muß burch einen Gesetzentwurf, ber bent sozialen Charatter ber Steuervorlagen Rechnung trägt, ben wohlhabenben Raucher höher belastet als ben unbemittelten unb ber Staatskasse einen) Bettag von 75 bis 80 Millionen mit Sicherheit zusührl.

Ich brauche es kaum auszusprechen, baß ich auch mit Ihrem! Verlangen bezüglich ber reinlichen Scheidung zwischen Reichs unb Bunbesstaatlichen Finanzen burchaus übereinstimme. Tie Geschichte der Matrikularbeiträge ist eines der lehrreichsten Kapitel unserer Finanzen. Was als Notbehelf und UebergangsmaßnahmL gesckwffen worden ist, hat sich im Lause ber Jahre zu einep ständigen und immer komplizierteren Eiirrichtung entwickelt. Daher haben weder das Reich noch 'die Bunbesstaaten ihre Rechnung geftmbeu. Die ganze jetzige Situation legt auf bas Berebeste Zeugnis bafür ab, baß bic beiben IjcLDorragenbften Persönlich­keiten, bie sich mit ben Reichsfinanzen beschäftigt buben, Bismarck unb Miquel, vollkommen Recht hatten, wenn sie bas Reich nicht bauernd zum Kostgänger der Bundesstaaten werben lassen ivoltten. An ben Folgen der Matrikularabgaben, an dem unbestänbigen) Element, bas in ber Einuahwebewilligung burch bie Reichsstände lag, an bem Mangel eigener ausreichenber Einnahmen ist das alte heilige römische Reich siech und morsch geworden unb zu Grunbe gegangen. Die große Ausgabe, die Miquel sich gestellt hatte, war in Preußen eine reinliche Scheibung zwischen ben; Finanzen der verschiedenen öffentlichen Körperschaften durchzu­führen und dafür zu sorgen, baß sie alle in zweckmäßiger Weise ausreichenbe Einnahmen erhalten. Die Entwickelung geht nun­mehr in der Richtung einer Scheidung der Einnahmequellen des Reiches von denen der Einzelstaaten, nicht in wechselseitigem) Uebereinander- und Jneinandergreifen. Das ]ogenannte Besitz- steuerkoinpromiß ist von anfang an nichts als ein Hilfsmittel ober eine HilMonsttuktion, eine Notbrücke gewesen. Die Oeffent-» lichkeit ist sich rasch unb einmütig ber Gefahren bewußt geworben, bie aus seiner praktischen Durchführung für das ganze Gefüge unseres Finanzgebäudes erwachsen würben. Dies spricht mit be­sonderem Nachdruck auch die Adresse der Herren aus Thüringen aus. Wenn Sie die Unterstützung ber Verbündeten Regierungen und des Reichskanzlers für die Beseitigung dieses Kompromisses verlangen, so ist dieser Teil ihrer Mission erfüllt. Die Ver­bündeten Regierungen werden die Einzelstaaten nur bis zur Grenze von 50 Millionen Mark, das heißt mit 25 Millionen mehr als bisher, in der Gestalt der Mattikularbeittäge an dem Gesamt­bedarf beteiligen.

Ich erwarte also, um kurz zusammenzufassen, von der Finanz re form das Folgende: Sie soll aufbringen 500 Millionen. Sie soll diese Summe, abgesehen von 25 Millionen! Mark neuer Matrikularbeiträge, aufbringen in der Form reichS- eigener Einnahmen unb zwar, wenn bie Fahrkarten steuer in ver­besserter Form bestehen bleibt, mit 350 bis 360 Millionen Mark vom Korffum unb mit 90 bis 100 Millionen vom Besitz. Bei den Konsumsteuern sollen Branntwein, Bier und Tabak rund 280 Millionen Mark bringen, weitere 70 bis 80 Millionen Mark sollen durch die fogenannten Ersatzsteuern, über die sich der BunbeS- rat dieser Tage schlüssig machen wirb, aufgebracht werben. Die Nachlaßsteuer wirb in eine Erbanfallsteuer umgciDanbelt. Durch- zu führen ist bas Werk noch in bieser Tagung.

Meine Herren, als vor einem Jalfi'e von bicsem ober jenem) Die Reichsfinanzresorm als eine gvoße nationale Aufgabe bezeich­net wurde, da haben routine Politiker gelächelt unb erklärt, werde nicht gelingen, ein Steuerprogramm populär zu Machen, umsoweniger jcmehr Steuerzahler von ben Wirkungen bettofseck werben müssen. Daß heute die Reichsfinanzreform als nationale Ausgabe nichl nur allgemein anerkannt, sondern daß sie vopulär geworden ist, weil man erkennt, daß in ihr eine Stärkung des Staates nach innen unb nach außen und damit auch eine För­derung unserer wirtschaftlichen Kraft liegt, ein Aufstreben nach höheren Zielen, bafür finb Sie lebendige Zeugen. Jeder Tagj ber Verzögerung bedeutet eine Vermehrung unserer Schuldem, einen Verlust an Eimrahmen, eine Erhöhung der Schwierigkeiten, eine Einbuße an Reputation. Die Arbeit wirb ben Mitglieber« des Reichstages erleichtert werben, wenn ihnen aus den Der* id; ich ernten Kreisen ber Bevölkerung bie Versicherung entgegen* ktingt, baß sie bei ihrer Pflichterfüllung auf bie Bereitwilligkeit; der Oeffentlichkeit rechnen tonnen. Indem Sie, meine Herren, dies hier und in dieser Stunde mit Würde unb Bestimmtheit zurnk Ausdruck brachten, haben Sie sich für das große Werk unb mH!