Ausgabe 
17.3.1909 Zweites Blatt
 
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Redaktion, Expedition und Druckeretr 6*t* straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Rebakttom^K 113. Tel.-Abr.: AnzeigerGiebea.

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DieGietzener Zamilieiiblätter" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Eretsblott fir den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Cnrti. Veit Wagner.

in für Tenor. g) mit Klavier-

FeliiMendeis.-: Bob. Schmor.

Humperdind

Jensen, v. Wickede.

Geis.

Volkslied.

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i Rosenmund . Volkslied, raten:

lavierbegleitnng Koscnat._

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Albert Kaetei.

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= 1909, abends 7'/, Uhr, in

® (oteinstrasse) WinyBrohs (Tenor) ausKib gs-Folge.

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. Starck.

. Reinecke.

- - - | Franz SchuK

IHottorosfi) f.

-h. Seit Wochen schon bangte die deutsche Theaterwelt ! i das Leben Matkowskys, das wie ein Irrlicht flackerte d mit wohliger Genugtuung las man die Zeitungsnach- (»hten von seiner Besserung. Nun meldet heute morgen 'r: Draht, daß er gestern abend in seiner Wohnung, wohin r: vor einigen Tagen aus einem Berliner Sanatorium HIbergefiedelt war, in Charlottenburg gestorVen ist.

Diese Nachricht wird überall die größte Teilnahme her- Drusen, denn in Adalbert Mattowsky verliert das 't rtsche Theater einen seiner hervorragendsten Künstler, inen Darsteller von ungemeiner Schaffenskraft und einer ,'in- ins kleinste dringenden Beobachtungsgabe, der es ver- .rönit war, aus dem reichen Born inneren Erlebens heraus- lliestalten und Gestalten von großartiger Wucht und be- Mender Schlichtheit zu schaffen.

Am 6. Dezember 1858 zu Königsberg geboren, besuchte er in dortige Realschule und setzte nach kurzer Tätigkeit als ^fmannslehrling seine Studien fort, um sich int Jlahre ! 8;"7 der Bühne zuzuwenden. Unter der Leitung des Hof- iviuspielers Oberländer entwickelte er sich sehr rasch -int) kam durch Vermittlung seines Lehrers an die Hof- mhne in Dresden, wo er zuerst in jugendlichen Lteb- verrollen auftrat, nach D e t t m e r s Tode im Jahre 1880 «b er auch Fiesco, Tasso il a. spielte. Von 18861889 lelhörte er der Hamburger Bühne an und wurde dann nach inem außerordentlich erfolgreichen Gastspiel als Sigismutrd Vaben ein Traum), worin er auch hier auftrat, an die Hertiner .Hofbühne verpflichtet, der er bis zu seinem Tode m gehörte, nachdem er im Jahre 1900 zum Kgl. preußischen »»'schauspieler ernannt worden war. Von seinen bedeu- -ndsten Rollen sind zu nennen: Don Carlos, Prinz von ao-nbnrg, Romeo, Hamlet, Ferdinand (Kabale und Liebe), -Beaumarchais (Clavigol, Don Cäsar (Donna Diana-, Bau- ueister Ferleitner (Das große Licht', Mark Anton (Julius iciiar), Othello u. v. a.

Gietzener Stadttheater.

Die Jüdin von Toledo.

>Bon Franz Grillparzer.

Noch haben wir Grillparzer nicht die Stelle eingeräumt, die ihm eigentlich gebührt und den meisten Deutschen ist er kaum dem Namen nach bekannt, obschon die größte Mehrzahl seiner Werke ziemlich regelmäßig aus dem Spiel­plan unserer besseren deutschen Bühnen erscheint. Der Grund dieser seltsamen Anteilnahmlvsigleit liegt zum Teil bei Grillparzer, zum größeren Teil aber bei dem Publikum, das jetzt erst den Weg zu Hebbel findet und vielleicht auch noch einmal zu ihm kommt. Mag fein, daß sie etwas weibische Art Grillparzers daran schuld hat, die bewun­dernswerte Art dieses seltsamen Mannes, der ein Liebes- roort jn einem Brief alseine Verletzung des Schamgefühls der Seele" betrachtete und der seinen eigenen Charakter haarscharf geschildert hat, wenn er in seinem unvollendeten Drama E st h e r die Gattin Hamans von dem Charakter des Königs Ahasver sagen läßt:

Das ist die Art so dieser weichen Männer, Die leben nur und sind in einem Weib.

Reich aus dem Vorrat ihrer tiefsten Wünsche Bekleiden sie der Neigung Gegenstand.

Was irgend schön, und wär es unvereinbar, Vereinen sie ob dem geliebten Haupt.

Doch kommt der Tag, der sie des Irrtums zeiht, Zerstreut, ivas sie unmögliches verbunden. Dann gährts in ihnen, und der Eigenwille Stößt feindlich aus, was sonst so freundlich schien!"

Und das ist auch 'wieder der Charakter des Königs Alfons, auf dem das Drama von der toledauischeu Jüdin aufbaut und aus dem es sich erklärt. In der Jüdin Rahel ist dem vergrämten Dichter vielleicht die beste feiner vielen Frauengestalten gelungen und hier tritt uns auch schärfer und ausgeprägter als sonst bei ihm der Versuch entgegen, über sich selbst und fein eigenes trauriges Geschick huraus-

oon (en- 1648 An;

hessische Zweite Kammer.

Darmstadt, 16. März.

Am Ministertische: Staatsm-mister Ewald, Finanzminister Ä n a u t h, Minister des Innern Braun, Ministerialräte Dr. stsinger. Süssert.

Nach (Eröffnung der Sitzung durch Präsident Haas un 10l , Uhr werden zunächst mehrere Anträge und Vorstellungen n üblicher Weise den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Darunter esinden sich die Anträge .storell, Finger, Dr. Weber, betr. die Oberrechnungskammer, Köhler-Bähr, betr. die Bank-Umsatzsteuer, Und) und Gen., betr. die Revision des Eisenbahn-Gemeinschasts- iVertrages, ferner eine Vorstellung des Ausschusses des Landes- ^averbevereins, betr. das J-ürsovgekassegesetz für Gemeinde-Be- > tuten vvnr 29. Juli 1908, die Vorstellung der Verkehrsvereine u Darmstadt und Worms, betr. Abänderung der Art. 229 des ' Äolizeistrafaesetzbuchs u. a.

.Daraus wird zur definitiven Wahl des Präsidiums nach lrtikel 9, Absatz 2 der landständischen Verfassung geschritten, 'vonach die Wahl der drei Präsidenten zuerst nur auf 3 Monate und «nach Ablauf derselben für die Dauer der Session erfolgt.

Dem Vorschläge des Abg. Reinhart, die Wahl der drei väsidenten durd) Akklamation vorzunehmen, widerspricht (Abg. lontz, so daß die Wahl durd; Stimmzettel erfolgen muß. Abg. leh. Rat Haas wird darauf bei 31 anwesenden Mitgliedern! nit 28 Stimmen zum ersten Präsidenten gewählt, 1 Zettel lautet <Tuif den Abg. Reinhart, zwei Zettel sind unbeschrieben. Zum 'rsten Vizepräsidenten wird Abg. Korell, zum zweiter Vize- oäsidenten Abg. Dr. Schmitt gewählt. Alle drei Präsidenten 'ftirreit, daß sie die Wahl mit Tank amrehmen.

DaS Haus setzt dann die

Etatsberatung

crt. Es kommt zunächst das zurückgestellte Kapitel 75 und 75 a, inchgestüt und Genossenschaftliche und private HengsthlÄtung, i«nrie Schlachtviehversicherung, zur Beratung.

Abg. Dr. Weber ersucht in der Debatte, die staatliche engsthaltung in der bisherigen Weise weiter bestehen zu lassen, ian solle ledoch auch her privaten Hengschaltung keine Be- "tränkung auferlegen.

Abg. Korell spricht sich für die genossenschaftliche Hengst- iltung mit staatlicher Unterstützung aus, während Ministerialrat ' r. U finger betont, daß das Ministerium auch in Zukunft staatliche Hengsthaltung beibehalten, aber auch die genvssen- ' aftliche Hengsthaltung unterstützen werde.

Nach Ansicht des ^Ausschusses ist eine Aufstellung toeiteren) -stHengste zwecks Vermehrung der Gestütsftationen int Lande wrderlich, um den gesteigerten Anforderungen der Pferdezucht ;ii genügen. Es sei daher die weitere Beschaffung von Stall- iunten für das Landgeftüt dringend erforderlich.

Abg. Brauer schließt sich im wesentlichen den Darlegungen

Abg. Dr. Weber an, Abg. Bähr klagt darüber, daß die «trage für die Pferde nicht direkt von den. Landwirten, sondern :u einer jüdischen Firma bezogen würde; die Regierung mache l nie Ersparnisse dabei.

Abg. v. Brentano spricht sich für eine Erhöhung dev 9 ngstezahl in der Provinz Rheinhessen, besonders in der Gegend un Bingen aus. Redner ist erfreut darüber, daß der Ausschuß schlossen hat, die Regierung ztl ersuchen, der Sache näher zu reten.

Nack) kurzer weiterer Debatte, an der sich die Abgg. Korell, tz-rauer, Bähr, Breidenbach und Ministerialrat Dr. il finger beteiligen, wird der Titel in Einnahme mit 30630 .? >k. und Ausgabe mit 162 456 Mk. angenlommen. Weiter vstcd die Regierung ermädjtigt, Staatsunterstützungen zu gemein- Äaftlicher und privater Hengsthaltung in Höhe des halben An- lMifswmtes, in Höhe bis zu 3000 Mk., zu gewähren.

Bei Kapitel Schlachtviehpersicherung macht Abg. Schönberger längere Ausführungen und tritt dabei namentlich ii- eine bessere Absperrung der Grenzen zum Schutze gegen die l tsbreitung der Maul- und Klauenseuche ein.

Der Ausschuß stellt den Antrag, den unter Kapitel 75 a ge- r'perlen Betrag von 37 000 Mk. zu bewilligen und die Regie- nnng zu ersuchen, das Gesetz nur bann in Wirksamkeit zu setzen, v«mn die Landwirtschaftskammer mit der Ausführung des Ge- c|W einverstanden sei.

Diesem ?lusschußantrag stimmt das Häus mit allen gegen bi'-? Stimme des Abg. Schönberger zu.

Zur Beratung gelangt darauf der

Etat des Justizministeriums.

In der allgemeinen Debatte nimmt zuerst Abg. Dr. Gnt- steisch das Wort. Er hat als Ausschußreferent den ausführl­ichen Bericht über den Justizetat verfaßt und geht *u:ri- auf die Hauptpunkte desselben ein. Heber iwe Erweiterung der Zuständigkeit der Amtsgerichte ließe sich ia schließlich reden, doch glaube er nicht, daß damit ein Fortschritt

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erzielt werden würde. 'Die Bevölkerung habe ein Anvedft auf eine gute Justiz, die auch die Erfahrungen der Jahrhunderte berüch'ichtigl, und nicht nur nad) Gründen der Billigkeit sich richtet. Tie im Reichstag geplante Neuordnung sei aber keine gute Justiz", namentlich nicht für die rechtsuchenden kleinen Leute und für die sog. Bagatellsachen. Werm 'man glaube, daß mit der Erweiterung der Zuständigkett der Amtsgerichte der An­waltszwang beseitigt werden würde, so müsse er daraus Hin­weisen, daß er sich stets gegen den Anwaltszwang erklärt habe. Ter Anwaltszwang für kleinere und mittlere Sachen könne aber auch beseitigt werden, ohne daß die Zu­ständigkeit der Amtsgerichte erweitert werde. Tie Ausfülwung des neuen Gesetzes würde namentlich dadurch einen bitteren Tropfen in den Becher iverfen, weil bei der Neuordnung der Gerichte die meisten Räume in den Justizgebäuden nicht miljT ausreichen würden. Die jetzige Justizordnung bestehe erst 30 Jahre, während früher Jahrhunderte uerftridjen, ehe man daran ging, ein Justizgesetz zu ändern. Durch häufige oder überhastete Aen- derung der Gesetze werde auch die ruhige Entwickelung der Jnstiz- pflege unterbunden. Bevor man an eine Aenderung der Zivil- prozeßordmmg heraittrat, hätte man aud) die Anwälte hören sollen. Im Hinblick auf die dem Volke drohende Gefahr sei es Pflicht, das Volk aufmerksam zu machen. An die Stelle der erfahrenen Anwälte würden in Zukunft sog. Ferkelstecher treten, Rechtsagenten, die dem «Volke in der Tat gefährlich werden könnten. Nur das Kollegialgericht könne eine gerechte und gewissenhafte Rechtspflege garantieren; das System der Einzelrichter sei ein plutokratisches. Für den kleinen Mann und dem Bauer auf dem Lande seien auch Bagatellsachen häufig von größter Wichtigkeit und deshalb fei es ungerecht, den Einzelrichter vielleicht «ein leichtfertiges Urteil darüber fällen zu lchsen. Mtt dem Verlangen Dr. Osanns, nur die aller­tüchtigsten Kräfte zu venvenden, könne er sich nicht einverstanden erklären. Als Richter würben bieselben keine Gewähr bafür bieten, baß bie Prozesse so grunblich burchgearbeitet würben, wie beim Kollegialgericht unb die Maßnahme würde schließlich auch dazu führen, daß auf den« Anwaltstand die unbefähigteren Elemente abgeschoben würden. Die Eramensnoten könnten auch für bie praktische Tüchtigkeit eines Beamten keineswegs maßgebenb sein. Redner bedauert bann, baß dir von 'den Schreibgehilfen geäußerten Wünsche nod) nicht erfüllt wurden, obgleich ja eine allgemeine Besserstellung berfeiben schon erfolgt fei. Pann kommt Rebner auf beit Familienstreit im Hause Erbach-Erbach zu sprechen. Man habe leiber bie falsche Fabel ins Volk getragen, baß man versucht habe, einen lästig geworbenen Agnaten auf bem Wege ber Entmünbigung unschädlich zu machen. Das sei gänzlich unwahr. Es sei unerfreulid) und unschön, solche Privatsachen frier öffentlich vorzubringen und er meine auch, daß es dem noüvendigen Einvernehmen mit dem anderen Hause nicht förderlich sein werde. Ein Standesherr sei ja schließlich aud) ein Mensch und gegen eine Heirat, wie sie hier in Frage stehe, würde sich auch jeder bürgerliche Vater verwahrt haben. Wenn der iProzeß in Preußen anhängig gemacht wurde, so war das einfad) damit begründet, daß der Erbgraf ohne Beeinträchttgung seinen.Wohnsitz auf preu­ßischem Gebiet nahm; der Prozeß habe aud) innerhalb 6 Mo­naten nad) der Ehe angestrengt werden ^müssen. Es sei festgestellt worden, daß der Erbgraf zu dieser Ehe nur in einem Zustand geistiger Sd)wäche geschritten fei. Das sei aud) von ganz einwand­freien Aerzten unb Sachverständigen bestätigt worden. Von einer Umgehung der hessischen Gerichte könne gar feine Rede sein, auch nicht davon, daß die preußischen Gerichte leichter zu Gunsten des Stanbesherrn entschieben hätten; ber Prozeß sei ganz offen unb ehr lick) geführt worben. Die gräflich Erbachsche Familie fei des­halb durchaus in Schütz tzu nehmen; sie habe nur ihre Pflicht getan und Man ifrätte erwarten sollen, daß man die Eltern ihre schweren Sorgen allein audtragen ließ. Für bie Oeffentlich- feit war biese Sacl>e nicht geeignet unb Rebner hätte auch nicht bavon gesprochen, er habe sich aber als Anwalt ber Familie ver­pflichtet gefühlt, hier die Sache flar zu stellen. Wenn Dr. Osann erklärte, es hätte sich nur um eine Farce gehandelt, weil Graf Erasmus ja heute noch mit der Dora Fischer verkehre, so sei das unzuttefsend und eben damit zu erklären, daß er noch nicht ganz gesund sei. An der Wiederaufnahme des Verkehrs zwischen den Beiden trügen gewisse Agenten schuld, die von Dora Fischer bestimmte Erklärungen zu erhalten suchten. Der Redner verliest zum Beweis dafür verschiedene Briefe, darunter ben eines früheren Staatsanwalts unb meint, baß man dem Mann bas allerdings nid)t zugetraut hätte; es sei nod) nicht entschieden, ob die Gerichte ein derartiges Vorgehen weiter verfolgen würden. Jedenfalls habe ber ulte Graf Erbach nur seine Pflicht unb Schulbigkeit ge­tan, wie es auch jeber andere Vater getan hätte. Zum Schluß erklärt der Redner, er wolle dem Abg. Osann keinen Vorwurf des Mangels an Humanitätsgefühl machen. Er glaube vielmehr, daß Dr. Osann falsd; unterrichtet war und dabei nur aus Ueber- zeugung gehandelt habe. Er erwarte aber nunmehr, daß Dr. Osann seine Vorwürfe zurücknehmen werde. Man müsse schon grund­sätzlich dagegen sein, daß hier in ber Kammer derartige Privat-

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H. E. Schert, l tiukttb

fachen zur Sprache gebracht würden unb in diesem Spezial­fall sei es ein um so größerer Fehler gewesen, als er ein Mitglied der 1. Kammer betraf und man die erste Kammer dock) brauche, um z. B. doch endlich das Wahlgesetz zu Stande zu bringen.

Abg. Dr. Osann erklärt daraus, nachdem Hinweis des Prä sidenten Haas auf die schon vorgerückte Zeit, in einer persönlichen Bemerkung, daß er dem Vorredner in sachlicher Beziehung morgen näher antworten werde. Er wolle jetzt nur betonen, daß er per­sönlich auf einen anderen Standpunkt stehe als Abg. Dr. Gur- fleisch. Wenn sich in der Oeffentlichkeit Äkißstänbe herausgestellt hätten, dann erachte er es für seine Pflicht als Abgeordneter, ganz gleich, ob die dabei Beteiligten der ersten ober ber zweiten Stamm er, ober sonst einer Kammer angehören, biese Mißstänbe aud) hier zur Erörterung zu bringen. Er habe schon damals betont, daß es ihm unangenehm fei, auf diese Dinge frier näher eingehen zu müssen. Die Angelegenheit sei aber keine persönliche Sache und keine Familienangelegenheit geblieben, sondern zu einem öffentlidjcn Skandal geworden und deshalb sei eS nötig gewesen, an dieser Stelle darüber zu sprechen. Er könne es nicht ver­stehen und er müsse dagegen Widerspruch erheben, wenn Dr. Gut fleisch sage, er, Redner, hätte den Grafen in seiner Eigenschaft als Mitglied der ersten Kammer angegriffen und ebenso unverständ­lich fei es ihm, daß Djr. Gutfleisch sich hier zum Verteidiger der 1. Kammer gemacht haben.

Der Präsident schließt darauf bie Sitzung nach Uhr. Nächste Sitzung morgen früh 9 Uhr.

Stimmungsbild aus bem preutz. Abgeordnetenhaus.

Berlin, 16. März.

Lahnkanalifierung.

Wasserfragen beherrschten am Dienstag fast ausschließ­lich die Debatten bes ^lbgeorbnetenhauses. Der Etat ber Bau­verwaltung stand auf der Tagesordnung, und mit Ausnahme einer krittschen Beleuchtung der Betätigung unserer Baupolizei- behörden galt die Erörterung nur denSchiffahrtsabgaben, dem geplanten staatlichen Schleppmonopolund benFluß- kanalisierungsinteressenber einzelnen Lanbstrichs Preu­ßens. Selbstverstänblid) ftanben bie Schifsahrtsabgaben an erster Stelle, unb Herr v. Breidenbach sah sich in ber glücklichen Lage, aus ber Debatte das Faeit zu ziehen, daßdie Regierung dem Ver­lauf der Schisfahrtsabgaben-Aklion mit Ruhe und voller Zuversicht entgegensehen könne." In der Tat: wenn die preußische Re­gierung mit ben anderen für die Schiffahrtsabgaben in Betracht kommenden Faktoren nicht schwereres Spiel hat als mit dem preußischen Landtag, dann -ist die Sache so gut wie erledigt. Nicht nur Zentrum unb Rechte, aud) die Nationalliberalen be­kannten sich bedingungslos zum Prinzip der'Sttomabgaben erhebung, unb auch ber Freisinnige Kindler beschränkte sich auf die Forderung, daß die natürlichen Wasserstraßen also die nicht kanalisierten ober nicht regulierten Strom- unb Flußläufe abgabenfrei bleiben müßten. Die Gegnerschaft ber Liberalen gegen bie Schiffahrtsabgaben ist offenbar erlahmt gegenüber ber nun einmal nicht mehr ans ber Welt zu schaffenden Tatsache, daß diese Abgaben sozusagen bereits gesetzlick) festgelegt sind: In ber Kanalvorlage, wo sie als eine Art conditio sine qua non für die Kanalbauten aufmarschieren.

Bemerkenswert waren bie Ausführungen bes konservativen Abg. v. Papp en heim insosern, als er recht heftig gegen Hessen polemisierte. Er führte aus: Preußen hat bem Bunbes- rat ben Entwurf eines Gesetzes über bie Schiffahrtsabgaben zugehen lassen. Es ist begreiflich, baß Baben, welches in Lubwigshasen unb Mannheim letzt eine Kopfstation für die Schiffahrt hat, ben Schiffahrtsabgaben Wiberstanb leistet. Der weitere Ausbau des Rheins bis zum Bobensee läßt sich aber doch nicht umgehen. Es ist auch zugegeben, daß Sachsen vitale Interessen auf ber Elbe verteidigt. Dagegen ist es unbegreiflich, wie Hessen-Darm­stadt die kolossalen Vorteile ignorieren kann, die es von Preußen bat. Ist es da nicht vielleicht nötig, unsere Beziehungen zu diesem Staate zu revidieren, wenn wir tendenziösen Bestrebungen gegen­über stehen. Hessen mufjtc früher zu seiner Eisenbahn 120 000 Mk. jährlich Zubuße leisten. Heute hat es durch die Eifenbahngemein- schaft mit Preußen 4>/2 Millionen Einnahmen. Wenn der Bogen! von Hessen zu scharf gespannt wird, werden wir einmal erwägen müssen, ob bas finanzielle Interesse Preußens es nicht gebietet, diesen Vertrag bezüglich der Eisenbahn mit Hessen zu fünbigen. Den großen Interessen Deutschlands müssen die kleinen In­teressen einzelner Länder untergeordnet werden. (Lebhafter Beifall rechts.)

Die weitere Debatte brachte bie üblichen Kanalisierungswünsche für Mosel, Saar und Lahn unb auch über bie Zweckmäßigkeit bes Schleppmonopols würbe ein Längeres verhandelt. Erfreulicher­weise hat sich das .Haus enblich zu dem Standpunkt durchgerungen, daß Kanalfragen keine Parteifragen sind, unb so sah man denn Männer derselben Partei, die Nationalliberalen Röchling und Hirsch, in aller Kameradschaft völlig entgegengesetzte Anschauungen zukommen und unparteiisch abznwägen. Wie ber groß an­gelegte. aber kleinlich erzogene König Alfons, ber bei seiner kalten, eisigen Gemahlin noch nie das Leben und seine Pflichten über seiner Liebe vergessen hat, alle Sehnsucht seines Herzens auf das verängstet zu ihm flüchtende Jiuden- mädchen häuft und aus dem reichen Schatze seines Gemüts alle Schönheiten der Erde an sie vergeudet, so macht es auch Grillparzer mit seinen Frauengest'alten, um als Dichter die Schuld an der F-rau zu bezahlen, die er als Mensch begangen hatte und immer noch beging. 916er auch in den Frauencharakteren seiner Jugenddramen findet sich dieser Zug, der ja keiner äußeren Ursache entsprang, sondern tief im Wesen des rastlosen Dichters begründet war. Um so schwerwiegender sind deshalb die seelischen (firundlagen seiner Werke, die etwas von der süßen Herbe einer schönen, stolzen Frau haben, und deren ganze Tiefe die Bühne nur in den seltensten Fällen erschöpfen kann. Noch ist Grillparzer ein Fremder, in unserem Lande aber in bem jüngeren Nachwuchs hat er schon Wurzel geschlagen, und wenn er auch wohl nie zu ber Allgemeinheit kommt wie . - Blumenthal-Kabelburg, die Lieblings dichter unseres deut­schen Theatermobs ober wie Schiller, seine Zeit unb seine Wirkung wird kommen, wie die Hebbels gekommen ift

Die gestrige Aufführung der Jüdin von Toledo hielt sicki in den Grenzet: einer allzu großett Bescheidenheit und be­mühte srch anfangs vergeblich, einen einheitliche Eindruck hervorzurufen. Nlüglich - wahrscheinlich sogar, daß durch den Wechsel tn ber Besetzung eine solche Buntheit entftanben ift, aber das ist vom ästhetischen Standpunkt aus voll­kommen nebensächlich und belanglos. Während die wich- ttgsten ^rnge verhandelt werden, unterhielt sich das Ge­folge bedack)ttg und gemächlid) über feine eigenen Anqe- Iegenfrciten, anstatt das Spiel der einzelnen Darsteller Lu unterstretchen und sich an der .Handlung überhaupt zu be= teiltgen. Die Leistungen in den tragenden Rollen des <2tuckes waren dagegen im ganzen recht erfreulich und an­erkennenswert, obwohl auch hier erst im 4. und 5. Auszug Leben und Bewegung hineinkam. Clemens Roden als

Zweites Blatt ISS.Jahrgang Mittwoch 17. März 1 »09

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags. liLlfh Mk. a a aa Rotationsdruck und Verlag der VrühNch«

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