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Nr. 86
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul* straße 7. Expedition und Verlag: 5L
Redaktion: 112. Tel.-AdruAnzeigerGießew
Die „Siebener ZamNienblätter*' werden dem „Anzcger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Dte „Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Dringend ist zu empfehlen, diese Steuer als Staatssteucr ein- zuführen mit Anteilnahme der Gemeinden, da nur als Staats- steuer eine gleichmäßige und vernünftige Anwendung dieser Steuer zu erwarten ist. Auch die Steuer nach dem gemeinen Werte ist bereits bekannt genug. Sie bildet die notwendige Ergänzung zur Wertzuwachslteuer. Umsatzsteuern werden bereits vom Staate überall erhoben, jedoch wäre an vielen Stellen eine entsprechende Erhöhung schon deshalb erwünscht, um den unnötigen spekulativen Wechsel der Grundstücke zu erschweren. Nach dem Muster Preußens wäre schließlich noch die teilweise Enteignung an den Kanalufern empfehlenswert, um zu verhindern, daß die Entwicklung der Industrie durch Privatipekulationen zurückgehalten oder unmöglich gemacht wird. Norddeutschland hat infolge der großen preußischen Kanalpvojekte einen erheblichen Vorsprung vor Süddeutschland. Tie Entwicklung des ersteren macht sowohl durch die Kanalbauten als auch durch das große einheitliclie Eisenbahnnetz viel raschere Fortschritte als die Süddeutschlmrds. Während in früheren Jahren der Schwerpunkt wirtschaftlichen Lebens in Süddeutschland lag, hat sich derselbe, nicht ohne Schuld der süddeutschen Staaten, durch ihre Lässigkeit namentlich in Kanal- und Eisenbahnbautcn nach denr Norden verschoben. Ter Staat hat es in der Land, durch eine vernünftige Steuerpolitik sich all die Wertsteigerungen dauernd zu sicher«, welche durch den Bau von Kanälen, von Eisenbahnen, durch die Erbauung von Straßenbahnen, Elektrizitätswerken usw. immerfort neugeschasfen werden. Fast immer ist es der Staat oder die Gemeinde oder das Reich, welche durch il-re Anstalten Wertsteigerungen Hervorrufen, nur in ganz seltenen Fällen haben Privatgesellschaften und deren Tätigkeit solche Wertsteigerungen, im Gefolge. Deshalb ist es die Pflicht des Staates, dafür zu sorgen, daß die Wertsteigerungen, die mit den Mitteln der Allgemeinheit geschaffen werden, auch der Allgemeinheit wieder zu- geMhrt werderr. Schon aus diesem Grunde sollte man in Bayern in Befolgung einer vernünftigen, wirtschaftlichen Politik daraus sehen, daß tue zu erwartenden Grundwertsteigerungen auch dem Staate wieder zufallen. (Lebh. Beifall.)
Sterbetaffe für Gewerbetreibende. -
— Gießen, 14. April.
Die Sterbekasse für Mitglieder des hessischen L a. n - desgewerbevereins und des Verbands deutscher Gewcrbevereine hielt gestern vormittag im „Hotel Groß- herzog" ihre Delegiertenversammlung ab. Aus den drei Provinzen waren zahlreiche Vertreter erschienen. Als Vertreter der Behörden nahmen teil Regierungsrat Welctcr uni) Beigeordneter Kommerzienrat Heyligenstaedt. In seiner Begrüßungsansprache hob der Vorsitzende S a m e s - Darmstadt hervor, daß der Verein dieses Jahr auf sein 10 jährig es Bestehen zurückblickc.
ICleiiies Feuilleton.
— R os egge r im $)cr r en Haus? In parlamentarischen ftTcnen verlautet im Hinblick aus den bevorstehenden Pairsscbub baß der Krone nahe gelegt worden sei, an Stelle Ferdinand Saars Peter Rosegger, den hervorragendsten Repräsentanten öfter» reichlichen.Schrifttums ins Herrenhaus zu entsenden.
— Gura-Oper in Berlin. Ein neues großes Opern- unternehMM rmbet in diesem Sommer im 'Jieuen Kgl Opern- thcaler zu Berlin unter der Leirung des Kammersängers Lerr- mann Gura statt. Tic Borstelluilgen, die am ö. Juni mit einer Schrzl'ch neu ttiszenierten, das Wagners'che Lßerk ohne Pansen dringenden Aufsührnng „Ter fliegende 5) o l l ä n d e r" besinnen, werden die bebeutcnbftcn deutschen und auswärtigen Künst- 5er .£ci^nS unserer ersten deutschen Dirigenten in den Monaten Ium, Juli, ?lugu,t auf der Krollschen BüPte vereinigen ä^er Spielplan umfaßt Wagners „Holländer", „Lohenarln"' ^Tannhauier", „Meistersinger", „Tristan", Mozarts „Ton <^ffn und „Figaro", Bellinis „Norma", Pnecinis /Butterfly ', Rich. Strauß „Salome", „Verdis Othello". AlsNeuheit oecMMrn Zninpes nachgelassene Oper „Sawitri" und Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterwelt".
-- Der G r a b st e i n des Eomenius. Wie der „Südw storr. von wohlunterrichteter Seite berichtet wird, soll der Grab- tein des berühmten Pädagogen Eomenius Ende dieses Mvirats ipn einer Amsterdamer Antiquitätenfirma versteigert iverben. Das des Eornemus befmdet sich in der ehemaligen Wellonischen Ti' ein.er Stadt unweit von Amsterdam. Eomenius 1670), der Bischof der „böhmischen Brüder", der nad) er Schlacht am Weißen Berge fein Amt und durch Plünderung m sein Hab und Gut verloren hatte, und im Jahre 1624 mir inöern evaiigelischeii Predigern aus Böhmen und Nllihren ver- trieben worden war, hatte sich Mitte der fünfziger Jahre des -siebzehnten Jahrhunderts nach Amsterdam gewendet, wo ihm die ^usorstutzung reicher Verehrer einen ruhigen Anfemhalt und die scoglichteit, eine Gesamtausgabe seiner päoagogischen Werke zu aeranstalten, boten. In, Amsterdam ist er auch im Jahre 1670 seftorben. Im Rathausc von Naarden befindet sich das Bc- sräbmssormular des bekannten Pädagogen, auS dem die Echtheit Les Grabsteins hervorgeht.
— Gegenbeispiele. Im ersten Aprilheft schreibt dep Kunstwart: Ter Gedanke, Beispiele und Gegenbeispiele zu „tornntm-en", stammt aus England, wo man ihn auch auf einer Ausstellung auszuführen versuchte, aber danck liegen gelassen hat
^-eutschland ist er zum ersten Male in „kunstgewerblichen Betrachtungen angeregt worden, bte 1891 in dem damaligen Beiblatt des „<linilhcrtrt5_, dem „Kunstgewerbe", erschienen. „Es ist noch die d’rage , hieß es dort, „ob nicht auch Geringwertiges sehr zum Bort eil der Sache ausgestellt werden i'önnte, dann nämlich, /wb schlechtes, Stilloses und Stilgerechtes, lüderlich und tüchtig Gearbeitetes mit voller Absicht und so nebenemaiiber bestellt würde, daß jeder das Gute vom Schlechten unterscheideni kann. Bas fonnie besonders von Vorteil sein, wenn eine allgemeinverständliche Erläuterung den Beschauer noch darauf auf- men,am machte, luarum dieser Gegenstand billig und sclstecht, lener preiswert und gut sei." Tas wurde an einer Anzahl von Beiipielen durch mehrere 9hunmern eingehend erörtert. Llber damals fümmeric sich inn uns noch keiner. Erst als der „Kunst- watt g-iwßere Verbreitung gewann, und nun Schultze-Naumburg rn ihm die schlagenden Gegenüberstellungen seiner „Kulturarbeiten" begann, ward die Fruchtbarkeit per Idee allgemeiner erkannt, «jnoenen auch nur in der Presse usw., nicht in ben „Tempeln ber Silmit und Wissenschaft". Es mußten seit unserer Anregung mehr als nebzehn Jahre vergehen, bis sie die erfte öffentliche Sammlung in Deutschland praktisch ausführte. Dem Land^s- Sewerbemuseum in .Stuttgart gebührt nun die Ehre. Vielleicht aber konnten die Sammlungen auch aus inneren Gründen nicht cljer an diese Arbeit gehen, vielleicht brauchte es tatsächlich ent Die lange aufklärendc Mbeit der gegenwärtigen Bewegung, bis das Publikum für „gewerbliche Schreckenskammern" reif war. fei denr ausgegebenen Verftlche in England hatte man bemerkt, daß sich die tieute über die Gegenbeispiele so weidlich amüfierten., daß sie sie nun gerade haben wollten. Gegen diese Gefahr sind wir noch jetzt nicht überall versichert, aber eine geschickte Art der Vorführung und Erläuterung kann sie aufyeben. Wir hallen neben der Gegenüberitellung von Gut und Schlecht d.is Beilegen von Kartell für besonders wichtig, aus denen mit gut leserlicher Schrift das "Nötige knapp, aber allgemein verständlich, nicht katalogmüßig sotwem munter belebt gesagt wird, gelegentlich mit einem Tropfen vumors gesalbt. Tie zweite Gefahr droht von den Fabriwnten Tic sind ebenso wie über unsere Hausgreuel-Sammlung pallftlich
Da nun der amerikanische Großhandelspreis durchschnittlich um 30 Prozent höher ist als der ausländische, so würde damit natürlich ein großer Teil der Zollherabsetzungen illusorisch gemacht werden. Gleichzeitig würde für die betr. Warenkategorien nach dem Ablaufe des Abkommens mit Deutschland das uns darin gewährte Zugeständnis in Wegfall kommen, wonach das Gutachten der Handelskammern für den ausländischen Marktwert der Exportarttkel maßgebend ist. Gerade dieses Zugeständnis hat ja , von Anfang an dert heftigsten Widerstand der Standpatters gefunden, weil sie darin nicht nur eine Erleichterung der ausländischen Konturrenz erblicken, sondern auch einen Anlaß zu Beschwerden und Betrügereien aller Art. Natürlich würde die Durchführung dieses Planes, wie ein Tarifsachverständiger in der Newyorker Handels-Zeitung sehr richttg ausführt, den größten Schwierigkeiten begegnen. Nur bei wirklichen Stapelwaren ließe sich ein einheitlicher Engrospreis feststellen. Aber bei allen übrigen Artikeln, besonders Modeartikeln, selbst Maschinen und Automobilen, wäre die amtliche Festsetzung eines allen Teilen gerecht werdenden Engrospreises nahezu eine Unmöglichkeit. Btodewaren, die etwa zu spät cintrctfen, haben nur sehr geringen Wert, während sie, wenn sie zur Höhe der Saison eintreffen, unverhältnismäßig hohe Preise bringen. Die anormalen, durch außerordentliche Verhältnisse bedingten Preise der Zollveranlagung zugrunde legen zu wollen, wäre aber eine Ungerechtigkeit.
Bon grundsätzlicher Wichtigkeit ist die Einführung eines Doppeltarifs nach französischem Muster. Die Zollsätze des Maximaltariss sind gegenüber dem Minimaltarif im allgemeinen um 20 Prozent erhöht und betragen bei zollfreien Artikeln 20 Prozent vom Werre. Von dieser Regel gibt es aber zahlreiche Ausnahmen. So beträgt der Zuschlag für Weine, Spirituosen und andere Getränke (Schedule H) 40 Prozent (!), für irdene Waren, Steingur und Porzellanwaren 25 Prozent; dafür gibt es auf der anderen Seite für große Warenkategorien überhaupt keinen Miaximal- tarif, z. B. für Holzwaren 'und wollene Waren, und bei zahl- reichen, besonders aufgeführten Positionen aus verschiedenen Waren- llassen ist ebenfalls nur,'ein einheitlicher Minimaltarif vorgesehen. Ueberhaupt hat dieser Entwurf ein wahres Chaos von Einzel- beftunmungen und Ausnahmen, die die Uebersicht außerordentlich erschweren.
Vor unliebsamen Ueberraschungen schützt einigermaßen die Bestimmung, daß der Maximaltarif jedenfalls nicht 60 Tage- nach der Annahme des Tarifs durch den Kongreß in Anwendung kommen soll, während bann der Minimaltarif sofort in Kraft tritt.
E-ehr bedenklich ist die weitere Bestimmung, daß der Maximaltarif ohne weiteres automatisch auf jille Länder Anwendung finden soll, die die Einfuhr der Vereinigten Staaten ungünstiger behandeln als die irgend eines andern Landes. Nun gewährt Deutfch- land auf Grund des Handelsabkommens vom 2. Mai 1907 den Vereinigten Staaten nicht die volle SJieiftbcgünftigung wie den anderen Vertragsstaaten, sondern es hat mit Rücksicht auf die geringfügigen amerikanischen Gegenleistungen seinen Vertragstarif nur für die in dem Abkommen besonders aufgesührten Positionen zugestanden, die allerdüigs so ziemlich sämtliche für den amerikanischen Export wichtigen Artikel umfassen. Auf Grund dieses Reziprozitätsvertrages würde Deutschland keinen Anspruch auf den amerikanischen Minimaltarif erheben tönnen, sofern die jetzige Anwendungsbeftimmung zum Gesetz erhoben wird. Indessen werden doch wohl erneute Verhandlungen notwendig werden, imb es könnte keinem Bedenken unterliegen, den Vereinigten Staaten bei entsprechenden Gegenleistungen den ganzen deutschen Vertragstarif zu gewähren, ja wir würden es für gerechtfertigt halten, in verschiedenen Positionen der Union noch weiter entgegenzukommen, wenn diese sich dazu versteht, uns über den Minimaltarif hinaus Zugeständnisse zu machen. Allerdings würde die Grundlage zur Ausnahme von Vertragsverhandlungen fehlen, falls § 7 in ber jetzigen Fassung zum Gesetz erhoben wird. Darnach soll der Präsident berechtigt und verpflichtet sein, innerhalb 10 Tagen nach Annahme des Gesetzentwurfs sämtliche jetzt in Kraft befindliche Verträge ber Union mit ausländischen Staaten unter Einhaltung der vorgesehenen Kündigungsfrist zu kündigen. Nach Ablauf der Verträge soll gegenüber allen Staaten gleichmäßig der Minimal- resp. Maximaltarif Platz greifen. Irgendwelche Bestimmung, die den Präsidenten wie nach dem früheren Zollgesetz zum Abschluß von Verträgen ermächttgte, ist nicht vorhanden.
auch 'über das Stuttgarter Landesgewerbemuscum gewalttg aufgebracht und sollen bereits versucht haben, wenigstens ihre eigenen Kinder aus dieser Bewahranstalt wieder l)erauszubekommen. Es geschieh: ja auch sonst schon alles Mögliche offen und versteckt, nm die neue Bewegung zu hemmen oder abzulenken. Uns braucht es nicht bange zu ^machen, so lange wir daS Aesthetentum, den Protzen unb den Snob aus unseren eigenen Reihen fernhalten. Eine Ansitellung wie die der „Harne in Kunst und Mode" m Berlin ist gefährlicher für unser Vorwärtscommen, als daS Wehgeschrei an ihren Bankkonten gekränkter Fabrikanten, denn von denen haben schon genug bewiesen, daß sie sich dem Willen der Zeit fügen, wenn sie ihn nicht biegen können.
— D i e Vervollkommnung der Menschheit. Es ist befamn, daß die bessere hygienische Fürsorge der modernen Zeit die Lebenswahrscheinlichkeit und Lebensdauer des Menschen vermehrt. Liber das Heranwachsende Geschlecht wird auch größer und starker als die je^ige Generation. Nach Untersuchungen, die der medizinische Direktor der Aale-Universität in den Vereinigten Staaten von 'Amerika vochenommen bat, haben die Studenten dieser 5)ochschule in den fünf Jahren 1903 bis 1907 durchschnittlich V/2 Zoll an Länge, 27 Pfund an Körpergewicht und 72 Kubikzoll an Fassungsraum der Lunge zugenommen. Für die ebenfalls in ber Union belegene Harvard-Univerfität bat Professor Sargent ähnliche Ergebnisse ermittelt. Hier sind die Studenten gegenwärtig im Durchschnitt einen Zoll länger und 4—8 Pfund schwerer, als sie im Jahre 1880 waren, und ihre Körperkrast ist um ein Drittel bis em Halb größer geworden. Ter Gewinn in der Entwicklung der Muskulattir ist verhältrttsmäßig gering; aber
Krustumsang ist um mehr als drei Zoll gewackhen, und Taille, Nacken und Lenden sind ebenfalls bedeutend stärker ge- Messun§en für Angehörige des weiblichen
Geschlechts liegen leider bisher nicht vor
~ ~ Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft, .TEutschland wird unter ber ^eitung öon Frau Meta Illing aus Wunsch des Kaisersl y1* JOofii;'atcr zu Wiesbaden gastsvielen >ur
Ausführung gelangt R E. Carton Mr. Hopkinson. Tas Theater begim ,ick) dann nach Darmstadt, wo am 22. Mai im groß- £tScten ^)eütCL c,nc Wiederholung des genannten Stückes
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Generalversammlung der Sünder Deutscher Soden- resormer.
S. u. H. Nürnberg, 13. April.
Unter überaus zahlreicher Beteiligung der bodenreformerisch gesinnten Kreise und von Regierungsvertvetem trat heute hier im großen Rathaussaale der Bund Deutscher Bodenreformer zu seiner diesjälwigen Generalversammlung zusammen. Nach den zahlreichen Begrüßungsansprack)en erstattete der Vorsitzende des Bundes Damaschke (Berlin) den Geschäftsbericht, in dem es u.a. heißt: Immer mehr und mehr wurde die Wahrheit dessen enipfunden, gefühlt, zuletzt auch erkannt, was die Bodenreformer stets ver- ireteit haben: Unser Steuerwesen hat eine falsche Tendenz, weil eS zumeist die Arbeit in irgend einer Form, in Landwirtschaft, Gewerbe imi> Handel belastet unb den Konsum erschwert, während die Rente, das arbeitslose Einkommen, wie es sich zumal in den ungeheueren^Bodenwerten darstellt, in völlig ungenügender Weise zu den Bedürfnissen der Gesamtheit beiträgt. Es war in seiner Art ein geschichtlicher Augenblick, als vor einem Jahve auf dem Stuttgarter Tage der Mtmeister ter deutschen Nationalökonomie Adolf Wagner aufrief zu einer Reichszuwachssteuer. Unterdessen hat unsere Bodenreform sorgfältig alle Stimmen gesammelt, die irgend einer Gruppe für bvdenreformerische Gedanken in der Reixhs- finanzrefvrm.laut nnirben. Tie Forderungen der Bodenreformer ivnrbai wie folgt formuliert: Eine Besteuerung und Erwerbung der BergwerkssckMtze für die Gesamtheit, eine Veredelung der Matrikularbeiträge in dem Sinne, daß nicht mehr die Bevölkerungszahl, i'onbera ber reine Grundwert als Maßlieb der Verteilung zugrunde gelegt wirb, unb endlich die Forderung ber Reichs- Kicwachssteuer. Von Bedeutung war es, daß in der Versammlung <un 18. Niärz in ber Lanbwirtschaftlichen Hochschule zu Berlin der erste diebner in biesev Frage einer der angesehensten unb einflußreichsten LVommunalpolitiker war, ber Oberbürgermeister von Posen Dr. Wilnls. Seine Rebe überiwib siegreich bic oft geirrte Forbenrng, die Zuwachssteuer gehöre allem ben Gemeinden. Der GesäKftsbericht geht bann auf dir innere Weit bes Bundes ein unb betont, baß bie Einzelmitglieber gegen bas Vorjahr um 700, bie Organisationen um 74 geftiegen feien. Unter ben nirperfchastlichen sJJtitgliebera sinb vertreten: 52 Staatsbehörden iind Gerneinben, 74 Beamtenvereine, 32 Gewerbe-, Bildungs- uitb Bürgervereine, 36 Gesundheits- unb Aääßigkeitsveveine, 22 polittsche Vereine verichiebener R'.chttrng, 127 Beruisorganisationen, o2 evangelische unb katholische Arbeitervereine, 31 Bau- unb Sledluirgsgenossenschaften, 28 Mietervereine unb 1 Hausbesitzer- verein.
"Nach Erstatttmg bes Kassenberichts unb weiteren geschäftlichen Milteilimgen referierte Legarionsrat Dr. a. v. S chwe r i n (Oberste cub ach) über „bic süddeutsche Kanals rag e und ihre Losung durch die Lodenresorm". Ter Redner wu?S daraus hm, daß bte Erbauung von Kanälen überall enorme Grundwert,teigerungen zur* Folge hat. Diese GrundwertsteigerungetL betrugen am Teltvwlanal auf einem Streifen 500 Nieter- rech.s unb links vvm Kanal innerhalb ber Bauzeit 400 Mill. -Rark. Ter Grand unb Boden auf diesem Streifen hatte vor der Erbauung des Kanals einen Wert von 100, nach Fertigstellung des Kanals einen solchen von ca. 500 Mill. Mark, während der Kanal selbst 40 Mill. Mark gekostet hatte. Aehnllche Wert- Iteigenmgen sind am Nordostseekanal nachzuweisen, ebenso am Tortmund-Ems-Kanal, sie sind auch schon dort in ftarkem Maße vorhanden, mo sie großen neuen Kaualpiane Preußens erst zur Llusführung kommen sollen. Während nmt einerseits die Kanäle ernt geringe oder gar Feine Vcrzinjung unb Amortisation ihres AnlagetapttalS au liu bring en imstande sind, fällt den Grund- beiltzem, welche zufällig am Kanal Grundstücke besitzen, ein un- geheurer, unverdienter Wertzuwachs m ben Schoß. Tiesen un- veidceuten Wertzuwachs für die Amovliiation des Baukapitals imb dm en Berzrniuug heranzuziehen, haben die Bodenrefo^mer gewisie Ll.uermaßregetn vorgeschlagen, und zwar 1. bie itaailithc WerlzuwachS,teuer, 2. eine dem gemeinen Wert der Grundftüae entsprechende Grundsteuer, 3. llmsatzsteuern, 4. rechtzeitige Em- cignung von Grund unb Boden an denjenigen Orten wie Häsen Ladeitellen, Elsenbahnanschlllffen, wo erhebliche Wertsteigerungen zu erwarten sind, piur durch die Heranziehung der geichasfenen. Grundwerte kann eine entsprechende Verzinsung und Amortisation der Kanalvauten in Aus ficht genommen werden. Tabei wird dann die Schiffahrt nur mit niedrigen Schiffahvisabgaben belastet zu werden brauchen. Der ötaat wird in Der Lage fein, inbufmclle Amiedlungen an den Ufern des Kanals zu ichafsen, inbem er ben Grund und Boden gegen Ermattung einer mäßigerr Rente lowohl zur Anlage von Z-abriken als zu Wohnpllchen hcra’bt ES wird bann die fo vewerbliche Bodenfpekulcuion loenn nickst beieitigt, ,o doch berartig zurückgeschraubt, daß sie feine crheö- [idje Belaltung für die Anfiedlungen an den Äanalufern zur Folge hat. Die zu die,em Zwecke vorge,chlagmen Steuern find bereits vielfach angeweiidel und erprobt, fo die Wertzuwachssteuer in vielen Gemeinden PreutzenS, Sachfens, Oldenburgs und ö e f f c n s.
Zweites Blatt llFS. Jahrgang Mittwoch 14. April 1909
Erscheint tüglkch mit Ausnahme des Sonntags, ,tx a AA aa Rotationsdruck und Verlag bet Vrühl^chat
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General-Anztigsr für Sbechesie»
Die Tariftevision der vereinigten Staaten.
ii.
Der neue Zolltarif enthält nun allerdings Zollherabjetzungen, und sie übenöiegen die Zollerhöhungen. Wenn man biefe Zoll- Herabsetzungen nun aber genauer betrachtet, dann gewahrt man, daß sie sich durchweg nur auf solche Artikel erstrecken, die für öen Absatz Deutschlands und auch der anderen Industriestaaten gar keine ober feine erhebliche Rolle spielen. In dem Komuiiffions- bericht kommt auch offen zum Ausdruck, daß die ausländische Konkurrenz in feiner Weise erleichtert werden soll und Ermäßigungen erstens nur da vorgesehen find, wo der jetzige hohe Zollfchutz von den heimifchen Industrien nicht mehr bo nötigt wird und fic zweitens dazu dienen, den exportierenden Industrien ihr Roh- und Hilssmaterial zu verbilligen.
. Daneben spielt in den offiziellen Erklärungen die Rücksicht auf die Konsumenten eine große Rolll, denen besonders Ernährung und Kleidung verbilligt werden sollen. Es ist jebod), wie ber Hanbelsvertragsverein meint, zweifelhaft, ob diese schönen Grundsätze in die Praxis umgesetzt werden.
Von den großen Industriestaaten wird am wenigsten England von dem neuen Tarif getroffen, erheblich stärker Deutschland und weitaus am schwersten Frankreich, das ja hauptsächlich Luxus- waren und Genußmittel nach.der Union einführt. Es herrscht Denn auch in diesem Lande eine große Erregung und man droht vielfach schon mit dem Zollkriege. Die französischen Hochschutzzöllner sollten ,ich aber vernünstigerweise sagen, daß die Gestaltung der ameri- kamfchen Tarifrevision von der ftanzösischen wesentlich beeinflußt ist, unb baß sie mit ihren überspannten Forberungen nur die Geschäfte ber Stanbpatters unb ber englischen Tarcfteformer besorgen.
Muß schon ein weiteres Heraitsschrauoeit ber Fabrilätzölle emo beirtcbigcnbe Neuregelung ber Hanbelsbeziehungen mit ben europäischen Staaten, insbesonbere Deutschland, gefährden, ,o ist oas iwch mehr zu befürchten, wenn die neue geplante Wertzoll- bcrechnung in Kraft treten feilte.
einflußreichen Jndustrieverbänden, bcsoitders den durch die Zollermäßigung in Mitleidenschaft gezogenen Eisen- unb Stahl- mbu'itriellen wirb aus bas lebhafteste basür agitiert, baß bei der -öeredjitung der Wertzölle allgemein, statt wie bisher der ausländische Engrospreis, künftig der amerikanische Engrospreis als Grundlage gelten soll. Infolge des heftigen Widerstandes, der sich resonderS unter ben Importeuren gegen diese höchst sonderbare Beitimmung erhob, hat sich wenigstens bie Kommission dazu ver- standeu, btese Berechnuitg nur für Konsignationswaren unb für [Olpe Waren vorzuschlagen, bic im Exporllanb keinen Marktpreis haben. Damit ,oll ben Zollbehörben gegen bic gerade bei diesen ^Jaren angeblich sehr häufige Unterbewertung eine Handhabe gc^ geben ioerden. Bon dieser Neuerung würde in erster Linie Deutsch- land betroffen werden, da unsere Einfuhr mehr als die eines anoeren Landes aus Konsignationswaren besteht.


