Samstag 1V. Juli 1909
Zweites Blatt
Nr. 159
159. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
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Die „Glehener Zamillenblätter" werden dem „Anzeiger- viermal wöchentlich beigelegt, das „Ureirdlatt für den Kreis Siehrn" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Selb fragen" erscheinen monatlich zweimal.
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atag den 12. Juli ds. IS. abends 8'/, Ubr,
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Las Kommando.
Rotationsdruck und Verlag der vrühl^ch« Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion: «^112. Tel.-AdruAnzeigerDreßen.
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Mag den 10. Juli 1909 onotsversammluvü Sereinklokal. .E 3 $»i> tiflmbrmuS.
er Voritand des Marine Vereins.
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Mensch, bringe er auch nur die kleinsten Eigenwerte hervor, war ihn bedeutender als der tüchtigste Verwerter des Geschaffenen, und er verglich wohl den einseitigen öiftorifer nut der „Hyäne, die sich von Leichen nährt". Deshalb sah er fernen Beruf diwin, das, was er geschaut unb erträumt, was zu ihm, dem Auserwählten, die Kunstwerke gesprochen, durch seine innerliche Leidenschaft und die produktive Kraft seiner Phantasie zu neuen, dem profanen Volk verständlichen Formen zu geftalten. Er fühlte sich als em Prophet und verzückter Seher der Schönheit. Wre zufällig hatte er seinen inneren Beruf gesunden und allmählich erst lebte er sich in ihn hinein. Als flotter Student hatte er sich in Heidelberg ausgetobt und war nach Leipzig gekommen, um sich hier in das puristische Studium einzuarbeiten. Aber die trockenen Pandekten mochten seinem unruhigen Geist nicht behagen, er sah sich in den mrderen Fakultäten um und entdeckte in Anton Springer einen Mann, der ihn interessierte. Die Kimstgeschichte war ja damals eben erst zu einer eigentlichen Wissenschaft geworden und der kenntnisreiche tüchtige Springer, der auch ein offenes Auge für die Kunst der Gegenwart besaß, hatte nicht wenig zu einer Grundlegung des kunsthistorischen Studiums beigetragen. Muther packte der neue Stoff, die neue Methode: er sah hier die Möglichkeit, aus dem Leben zu schöpfen und ins Leben zu wirken: so wurde er ein begeisterter Jünger der Kunst, dem das Studium nur die Wege bahnen sollte zu eigenkünstlerischen Darstellungen. Wäh- .rend seines Schaffens wurde er immer skeptischer gegen die Lbissenschaft; er sah in ihr nur die Grundlage, auf der sich die nacherlebende Schöpfung des Kritikers aufbauen müsse. Als er später wegen seiner sorglosen, Belegstellen und Zitate vermei-
vor der Oeffentlichkeit mußte er stets eine gewisse Schüchternheit und Zurückhaltung überwinden. Deshalb wagte er auch erst ziemlich spät, frei zu sprechen. Zunächst las er feine Vorträge mit einer weichen, etwas monotonen Stimme ab, nur an Glanzstellen sich zu einem andachtvollen Pathos erhebend. Später lernte er dann alles, was er sprach, wörtlich auswendig, wobei ihm sein glänzendes Gedächtnis half. Und doch ist er in seinen letzten Zähren zu einem der eindruckvollsten und erfolgreichsten Redner geivorden, der sein Publikum magisch in den Bann seiner Pepa sönlichkeit zu ziehen wußte. Leise, stockend begann er, in einem! sachlichen Ton, der gleichsam die Fühler tastend nach der /allgemeinen Stimmung ausftrectte. Sein Thema riß. ihn mit, er wurde wärmer, hastig und nervös wurden die Sätze schnell heraus- gesioßen — und der Kontakt mit seinen Zuhörern war hergestellt. FühÜe er sich einmal in dieser Harmonie des Verständnisses, dann wurde er zum ergriffenen Propheten. Die Stimme überschlug sich zu schrillen Rufen in der eigenen Begeisterung; seine starke Erreguna riß die anderen fort: man ließ sich tragen von der rauschenden Flut seiner Rede und glaubte mit diesem Schönheitsanbeter an das Mysterium der Schönheit und der Kunst.
Eichener Aineiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Erinnerungen an Richard Muther.
Uns wird geschrieben: Richard Muther, der nun so plötzlich dahingeschiedene berühmte Kunstschriftsteller, war unter deutschen Professoren eine seltene Erscheinung; er hatte so gar nichts vom Gelehrten an sich; mit seiner nicht eben großen, aber elegantem Figur, den roeid^n und gewinnenden Zügen, die durch den kurz gehaltenen Spitzbart etwas Männliches erhielten und durch tief» liegende leuchtende Augen belebt wurden, machte er den Eindruck eines faszinierenden Weltmannes. Und in die Würde eines ordentlichen Professors für Kunstgeschichte, die er an der Breslauer Hochschule bekleidete, hat er sich nie hineingefunden; mit feinen Schülern verkehrte er wie mit Kameraden und Freunden; stets sprach er als Mensch zum Menschen und nichts Men,ch- liches war ilym fremd, auch im Examen nicht und in den Sitzungen mit den gravitätischeren Amtskollegen. Wie oft hat er darüber geklagt, was für ein elend Ding die Kunstgeschichte sei, die nur matte Photographien und toten Wissenskram vorzulegen verstehe, anstatt des gewaltig flutenden Lebens, der ungeheuren sinnlichen Anschaulichkeit, daraus alle große Kunst entstanden! Gelebtes wollte er geben, nicht Gelerntes; jeder schöpferische
poliitfcfye Tagesschau.
Aus konservativ-klerikalen Flitterwochen.
In der neuen konservativ-klerikalen Ehe ist der erste Zwist ausgebrochen. Vorläufig — wie das in Honigmonden so der Brauch zu sein pflegt — nur erst ein kleiner theoretischer Disput, dem gewiß bald wieder selige Flitterwochenstimmung folgen wird. Aber er zeigt dock) auf die schwachen Stellen im neuen Block, und daß er so früh schon auf sie zeigt, ist daran das eigentlich charatte- ristische. Ties sind die Tatsachen: in den letzten Tagen ist in der Presse vielfach Herr v. Bethmann-Hollweg als kommender Kanzler genannt worden. Das hat die „Germania" verdrossen und im Ton der Rüge hat sie anmerken zu sollen geglaubt: Herr v. Bethmann-Hollweg sei der passionierte Blockmi-nister gewesen und noch immer ein, „innerer Gegner bet neuen Mehrheit". Würde er jetzt Kanzler, so müßte er fort und fort „mit.seiner politischen Ucberzeugung in Widerspruch kommen!'. Diese „unberufene Einmischung in die (in der Theorie von den Konservativen immer überaus hoch gehaltenen- Gerechtt'ame der Krone" hat, wie sich das gehört, alsobald das Mißfallen der „Kreuzzeitung" geweckt. Sie ist zwar nicht so aufgebracht wie sie bei Auseinandersetzungen mit Nationalliberalen und Freisinnigen äu sein pflegt. Immerhin spricht sie von anmaßenden Ideen der Zentrumsprefse und erklärt es für „recht wenig angebracht", auf die Entschließungen des Kaisers einwirken zu wollen. Worauf die „Germania" bann beim Rückzugsgefecht versichert: solche Einwirkung, deren Erfolglosigkeit sie kenne, liege ihr fern. Sie hätte auch nur „rein objektiv" auf bie Schwierigkeiten Hinweisen wollen, bic bei bet Wahl des künftigen Kanzlers zu berücksichttgen hohe politische Klugheit rate. Wir fürchten: die Konservativen werden die „hohe politische Klugheit" des Zentrums bald stärker an ihrem Leibe zu spüren bekommen als ihnen lieb sein dürste. Wobei es dann keineswegs ausgeschlossen ist, daß die „reine Objektivität" des Berliner Zentrumsorgans in der rauhen Praxis der Ertzberger, Heim und Groeber sich einigermaßen verslückstigt. Einstweilen harren wir nicht ohne Spannung des Erfolges, den der Einspruch der „Germania" gegen Lehre und Wandel des Herrn v. Bcth- mann-Hollweg haben wird. Bis zu einem gewissen Grade kann auch schon dadurch die Sttaße gekennzeichnet werden, die wir fürder zu wandeln verpflichtet sein sollen. ______
EitaSS WßmMtz Privatunterricht damenu. Herren. Unlemchir. oorlbildunqskurie bestand!: (8ang. - Auskunft erteilt, licitz, Neustadl i. v», ____________Ter Vorstand.
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denden Darstellung angegriffen wurde, pflegte er zu sagen: „Ja, ist denn nur das ein Gelehrter, der mit all dem Schmutz und Staub seiner Vorarbeiten belastet vor das Publikum tritt? Kann man nicht auch mit sauberem Hemd und im Gesellschaftsanzug in die Arena der Wissenschaft treten?" Von Büchern und Bücherlesen hielt er nicht viel; als er schon längst Professor war, bestand seine Bibliothek in einem recht ungeordneten Hausen von Werken, aus dem er selten etwas herausfand. Als ich ihm einmal von einem (gelehrten erzählte, dem in einem Nekrolog nachgerühmt worden war, daß in seiner großartigen Bibliotlmk sich fein Konversationslexikon befunden habe, erklärte et kopfschüttelnd: „Das Konversationslexikom ist ja das einzige Buch, das man heute noch braucht." Als das geniale Werk eines freischaffenden Künstlers, nicht als die mühselige Arbeit eines sammelnden Gelehrten ist denn auch sein Meisterwerk, die dreibändige Geschichte der modernen Malerei, entftanben. Er fühlte sich als der Eroberer eines Neu- lands der Kunst, als er es schrieb, als der Verkünder eines neuen Schönheitsevangeliums. Auf langen Reisen hatte er seine Eindrücke gesammelt,' hatte alle Wunder des großen modernen Schassens durchlebt; in den Bildern war ihm auch das Verständnis für die Eigenart der neuen Literatur auf gegangen; er sah und fühlte1 denselben Geist in den Werken der Flaubert, Goneourts, Mau- passant, Bvurget. Aus seiner Lektüre floß manches hinüber in seine Schilderungen. Dann verarbeitete er diese weite Welt, deren Reize fid) vor ihm aufgetan, in einer Reihe von Vorlesungen, die er in München hielt, dieues trat hinzu, was ihm der Tag und die Forschung vermittelten. Aus diesen Bausteinen schuf er sein großes Panthwn der modernen Kunstbewegung in dem echten Rausd, des Künstlers und vergaß, bic Elemente kenntlich zu machen, die er von anderen übernommen hatte. Er wußte sich reich genug, um borgen zu können. Seine entscheidendsten Eindrücke hat er ja nie aus Büchern, stets auf Reisen empfangen. Sein letztes großes Erlebnis war in Spanien. Als er bei der Ausstellung von St. Louis zusammen mit den glänzendsten Vertretern der internationalen Gelehrtenwelt nach Amerika ein» geladen wurde, kam er mit einer großen Enttäuschung zurück. Tie neue Welt erschien ihm barbarifd); sie hatte ja keine Kunst, leine reife Kultur, vor der er anbetend hätte niedersinken können. Am lustigsten erzählte er von den anderen Professoren, die sich recht wunderlich neben den eleganten Am ' . ern ausgenommen: der eine hätte keinen Frack mitgehabt, :i , dem anderen wären ,cine Koffer verloren gegangen. Mit Stt- - nannte er sich selbst -inen Journalisten; nichts schien ihm :...^crlidjer als das Professorale. Er brachte es fertig, in einem Aufsatz etwa zu schreiben: „9hm wird einem auch Venedig verekelt. Da steht ber Professor Soundso mit seinem Regenschirm und füttert die Tauoen von San Marco." Er war ein glänzender Causeur, dessen Plauder- tuaift von sprühenden Lichtern des Witzes durchzuckt war. Aber
tage im Reiche — wenn auch unter äußerst beklagenswerten Umständen — der Verwirklichung näher gerückt worden und die Großh. Regierung hat ihre umfangreichen Vorarbeiten so wett gefördert, daß sie das Ergebnis derselben in einer sebr voluminösen Denkschrift, wie sie bereits in der Thronrede zur Er- öffitung des 34. Landtags angekündigt toorben war, soeben den Ständekammern zugehen lassen konnte. Die Denkschrift zerfällt in vier selbstänbige Abschnitte mit einer Anzahl tabellarischen Anlagen unb zwar 1. zur Revision ber Besoldungsordnung, 2. zur Revision des Gesetzes, betr. den Wohnungsgeldzuschuß der Staatsbeamten, 3. die Hinterbliebenenversorgung der Staatsbeamten betr. und 4. die Gehaltsverhältnisse der Volksschullehrer uni) Lehrerinnen betreffend.
Die Regierung hat yu allen vier Abschnitten der Denkschrift ein außerordentlich umfassendes Material beigebracht und nameni lich viel statistische Vergleiche mit den Verhältnissen ,im Reich und den wichtigsten Bundesstaaten angestellt, so baß sich cud) ber Laie über den Stand der Beamten- und LchrerbesoVung in Hessen ein Urteil bilden kann. In den Anlagen zur B e s o l - dungsordnung wird neben den Vergleichen zwischen dem Diensteinkommen der Beamten in Hessen und anderen Bundesstaaten aud) eine Uebersicht über die aus den berfdjiebenen Interessentenkreisen art Regierung und Landstände gerichteten Vorstellungen gegeben. Die Regierung betont, daß, wenn die darin geäußerten Wünsche der Beamten und die von einer Anzahl Abgeordneten eingebrachten Anträge verwirklicht werden sollen, fid) nach ganz ungefährer Schätzung ein jährlicher Mehrbedarf von zirka 3450000 Mark erforderlich machen würde, wozu noch eine jährliche Erhöhung von ca. 730 000 Mark für Pensionen gerechnet werden müßte. Auch die anderweite Regulierung der Wohnungsgeldzuschüsse und der Bolksschullehrergehalte, wie der Hinterbliebenen-Versorgung dürfte erhebliche Staatsmittel erfon dem. Die Regierung beschränkt sich in der Denkschrift darauf, das Ergebnis ihrer umfassenden statistischen Erhebungen näher dar- «liegen und behält sich vor, auf Grund dieser Ergebnisse den Landständen bestimmte Vorschläge zu unterbreiten, nachdem durch Schaffung einer Reichsfinanzreform das finanzielle Verhältnis zwischen Hessen und dem Reich geregelt sein wird.
— Ein interessantes Beispiel von Schutzfärbung wird in einem Artikel der „Deutschen Fischereikorrespondenz" angeführt. Ein Fisch von der Nigermündung, Poly- centropsis abbveviata Bouleyer, weist eine Färbung auf, die in ihrem Braungrau mit helleren und dunkleren Makeln lebhaft an ein ins Wasser gefallenes, abgestorbenes Blatt erinnert. Aber nicht nur die Färbung, auch die Gestalt ist genau dieselbe, wenn! der Fisch die Flossen anlegt. Da die Endigungen der Rücken-' und Afterflosse, sowie die Sc^vanzflosse, waren sie auch so gefärbt, nicht mehr in bie ihnen Schutz und Unsichtbarkett oder Unauffälligkeit gewährende Blattform passen würden, so sind sie eben gar nicht gefärbt. Sieht man den Fisch nicht ganz genau an, so gewahrt man die genannten Flossen überhaupt nicht, sie sind völlig glasklar durchsickftig. Zu dieser Schutzfärbung kommt verstärkend noch das Gebaren des Fisches. Er liegt int Wasser, wie ein Blatt in diesem liegt. Bald liegt er vollständig auf einer Seite, bald lehnt er sich mehr oder minder schräg an eine Pflanze ober bereit Wurzeln an, immer auf ober dicht über dem Bodms lagernd, bald hängt er den Kopf nach oben ober nach unten, in den verschiedensten Stellungen, zwischen den Pflanzen. Alles am Fisch ist Ruhe, und selbst seine Schwimmbewegungen sind unsichtbar unb rätselhaft, da eben diejenigen Flossen, welche bie Bewegung vermttteln, so völlig durchsichtig sind, daß man ihre Tätigkeit gar nicht wahrnimmr. Kommt aber ein Beuretier tu Die 9laf)z, so wirkt das wie ein elektrischer Schlag. Die Flossen straffen sich im Augenblick, unb wehe dem Tier, das zu nahe an den Polycentropsis kommt — am Nu ist es verschlungen.
Eine russische Gedenkfeier.
In Poltawa traf gestern Kaiser Nikolaus mit den Großfürsten, dem Ministerpräsidenten Stolypin und dem Gefolge ein. Die Fürstlichkeiten begaben sich morgens nach dem Schwebendenkmal, wo eine Seelenmesse für Peter den Großen zelebriert wurde. Darauf fand eine Parade der Regimenter statt, welche im Jahre 1709 in derSchlacht bei Poltawa gesiegt haben. Der Kaiser wurde mit enthusiastischen Kundgebungen begrüßt. Nach der Parade erfolgte ein Besuch der Uspensk-Kathedrale. Die Stadt trägt reichen Flaggenschmuck, lieber 25 000 Teilnehmer an den Festlichkeiten sind hier eingetroffen. Später fand die feierliche Enthüllung des Denkmals für den Verteidiger Poltawas im Jahre 1709, des Obersten Stettin, in Gegenwart des Kaisers statt. Verschiedene Deputationen legten Kränke an dem Denkmal nieder. Abends wohnte der Kaiser einem Gottesdienste in der am Sch.wedendenkmal gelegenen Kirche des heiligen Simeon bei.
Marokkanisches.
Der Pariser „Matin" bringt heute aus Tgnger die Mitteilung, wonach die deutsche Gesandtschaft in Tanger am Mittwoch an ihre Regierung in Berlin telegraphisch das Ansuchen gestellt habe, angesichts der drohen-, den Situation in Marokko Frankreich zu ersuchen, es möge sofort im Namen Europas für die Herbeiführung ruhigerZu stände in Marokko ein treten. Dasselbe Ansuchen hatte angeblich die italienische Gesandtschaft bei ihrer Negierung in Rom gestellt. Wie vorauszusehen war, hat sich dieses Märchen, bei dem der Wunsch der Vater des .Gedankens war, sofort als unwahr herausftestellt.
Der Direktor des Madrider „Jmparzial", der v-on Ntz zurückgekehrt ist, schildert die Lage Muley Hafids als trostlos. Der Sultan sei von Mitteln und Truppen entblößt und ber wachsenden Anarchie preisgegeben. In der Presse herrscht die Auffassung vor, daß die marokkanische Sondergesandtschaft, die am Freitag in Madrid eingetroffen ist, allerdings recht wenig Autorität mitbringen wird.
In Melilla wurden siebenspanisch eArbeiter der Rifsminen von Marokkanern a n gegriffen. Vier Arbeiter wurden getötet, einer verwundet. Der Gouverneur ist an der Spitze einer Kolonne zur Verfolgung aufgebrochen. Anscheinend kam es zu einem blutigen Zusammenstoß, denn ein Offizier und mehrere Soldaten wurden später tot, ein Hauptmann, ein Leutnant und mehr als 30 Soldaten verwundet nach Melilla zurückgebracht.
tanL &eS 9eNt.
Zur Zrage der Zleischpreise
wird uns geschrieben:
Metzgermeister Fr. Schreiner will den Lesern des Gießener Anzeigers klar machen, daß der Verfasser der früheren Artikel! wegen der Fleischpreise das Publikum irre zu führen und dadurch unnötig aufzuregen beabsichtigt habe. Wer die Stimmung in der Gießener Bevölkerung kennt, der weiß, daß allgemein! die Ansicht verbreitet ist, unsere Metzger verständen es bestens, höhere Preise zu nehmen, als unbedingt nötig ist. Darüber regt sich das Publikum nickst mehr auf. Aber Metzgermeister S ch r e i - ner scheint in Aufregung geraten zu sein, daß man sich im Jv.teresse der Allgemeinheit einmal öffentlich mit diesen Dingen beschäftigt. Es wurde in beiden Artikeln nicht mehr und nicht weniger verlangt, als daß unsere Metzger ihre Ladenpreise den gesunkenen Fettviehpreisen im Lande unpassen sollen, denn die Einkaufspreise für Vieh sind mit Ausnahme für Schweine, die wieder gestiegen sind, sett Ende Mai erheblich gesunken. Wenn behauptet wird, daß die Kälberpreise nur an einem Markt einen Abschlag erfahren haben, so entspricht das nicht den Tatsachen. Kälber, und zwar beste 'Qualität, fielen am letzten Markt im Mai von 78 auf 62 Mk. der Zentner, auch die Junimärkte behielten im wesentlichen diesen Preis bei, erst beim letzten Markt zogen die Kaloerpreise wieder auf 65—66 Mk. in bester Ware an. Die hiesigen Meister müßten schlechte Geschäftsleute sein, wenn sie bei dieser Konjunktur gar, wie Metzaermeistcr Schreiner schreibt, für Kälber 70 ober 80 Mark bezahlt haben. Fette Ochsen
Stimmungsbilö aus dem Reichstage.
Berlin, 9. Juli.
Die Kontingentierung der dritten Lesung der Finanzreform hat sich als ein kluger Gedanke erwiesen. Die Partei- politische Auseinandersetzung verwies man auf den zweiten Tag- darum konnte man heute in einer einzigen Sitzung bie £>rei großen Steuervorlagen erledigen, deren Beratung lechs volle Monate und mehr erfordert hatte. Des Morgens -bei dem Branntwein, des Mittags bei dem Sier — nach diesem Soldatenverse ging es auch heute, nur in umgekehrter Reihenfolge, und dazwischen um die Mittags- iunde gab es beizenden Tobak. Das Reden versparte man lieft auf morgen, man stimmte ab. Auch in den Dezember- :agen der Zolltarifkämpfe hat es nicht so viele namentliche Abstimmungen gegeben wie heute. Seit gestern und vorgestern hatten die Stimmführer der Mehrheit zu allen jirei Steuergesetzen eine neue Serie von Anträgen ins Plenum geworfen: man las die Namen der Antragsteller unb verließ sich darauf, daß diese schon wissen müßten, Deshalb sie die Beschlüsse von gestern unb vorgestern um- krempeln und zum Teil in das gerade Gegenteil verkehren wollten. Unentwegt wurde abgestimmt, und der Dampfwalze gleich ging der Mehrheitsblock über die Anträge der Minderheit hinweg. Nur hier und da gab es bei einer ober der anderen Bestimmung etwas, was nach einer Debatte aussah. Die Mehrheit war in Sieges- und Ulk- siimmung, und auf der Linken äußerte sich ein Galgenhumor. Man hatte vorher vielfach gemeint, es würde schon heute bei der Branntweinsteuer zu einem Zusammenstoß zwischen der Linken unb ber Mehrheit kommen, aber es qab nur ein kurzes Renkontre zwischen Abg. Südekum unb dem neuen Direktor der Spirttuszentrale, Abg. Kreth, ber an ber Gestaltung des Gesetzes als einer ber Führer Der Konservativen in der Kommission einen hervorragen- Den Anteil hat. Die Frage der Entschädigung durch die Zteuergesetze arbeitslos gewordener Arbeiter gab verschie- Denen Rednern der bürgerlichen unb sozialdemokratischen Linken Gelegenheit, die Doppelrolle des Zentrums zu be- euchten; und die Art, in der Abg. Giesberts erwiderte, ’ieß deutlich erkennen, daß es den Vertretern der Arbetter-. rahlkreise dieser Partei, in der ihnen durch die Fraktions- Disziplin aufgezwungenen Rolle nicht sehr wohl zumute Ljt. Auch das bayerische Zentrum bekundete durch eine Erklärung des Abg. Speck und an einzelnen Stellen auch Durch den Stimmzettel, wie schwer das Opfer ist, das es Dem neuen Blockprinzip bringen muß. Es bedurfte eines starken Druckes unb sehr eindringlicher Bemühungen von ^eutrumsführern, um Abg. Dr. Helm daran zu hindern, Daß er in offener Fehde gegen die konservativen Block- jrüber dem Jnarimm des bäuerlidjen Mittelstandes Jen- ationeilen Ausdruck gab. Nach fiebenftünbiger Abstim- nungsarbeit ging man für heute auseinander. Auf 10 Uhr vormittags schon ist die morgige Sitzung anberaumt. Man erwartet zu ihrem Beginn eine Erklärung des stellv. Kanzlers von Bethmann-Hollweg im Namen des Bundesrats.
Zur Beamtem und Lehrer-Besoldungsreviston.
Wie im Reich und in verschiedenen anderen Bundesstaaten, bildet auch in Hessen bic Revision der Beamtenbesoldung resp. bie Besserstellung großer Kategorien mittlerer und kleiner Beamten, löie der Bolksschüllehrer und Lehrerinnen, seit Jahren einen '^cgcnflanb ernster Fürsorge für Parlament und Regierung. Die Nottvendigkett einer allgemeinen Revision der Gehaltsskala war schon 1907 von beiden betten durch das Gesetz, betr. die Wohnungsgeldzuschüsse für Beamte ohne Dienstwohnung anerkannt unb damit wenigstens den allerdringendsten Bedürfnissen Rech- itimg getragen worden. Die Regierung hatte aber dabei gleich b-cn Forderungen der verschiedensten Parteien ber Kammer entsprechend betont, baß eine grünbliche Revision ber Besoldungs- oTbiimtg von 1898 erst nach Vollendung der Reichsfinanzreform erfolgen könne. Jnzioischen ist nun bic Orbnung ber Finanz-


