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10.11.1909 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

1S9. Jahrgang

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Die heutige Nummer umfahr 14 Seiten.

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die Post 'lilt.8.Dievtel- jährt. auflfct)L Bestestg. Zeüenprel-: lokal ItzPk^ autwürr» 20 Pleuniq. (Sbetrebafieur: A Goetz. Verantwortlich für den polinschen Teck: August Goetz. für .steuille- ton* und ,'8ermi|(bie8* K. Jteuralhi intStabt u.Land" und »Gerichts»

(Eine Vertrauenrmännerversammlung der hessischen Sentrumspartei.

In Mainz hielt am Dienstag nachmittag das Landeskomitee hessischen Zentrumsvarlei unter dem Vorsitz des Justizrats Schmitt-Mainz eine Bertreterversammlung ab, die der Oeffent-

lrchkeit nicht zugänglich war. ( entnehmen wir folgende Angaben, vvn denen besonders die

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Das Drangen um Kreta.

Die türkische Regierung bietet alles auf, um ihre Wünsche bezügl. Kretas zu verwirklichen, so lange Griechen­land mit seinen inneren Angelegenheiten beschäftigt ist. Das Verholten der Schutzmächte geht also bekanntlich da­rauf hinaus, den gegenwärtigen Zustand auch weiter hinaus

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Der Zrledensschluh in Marotta.

Madrid, 9. Nov. Aus eme Frage wegen des angeblich be­vorstehenden Friedensschlusses mit den Risst ämmert' erklärte Ministerpräsident Moret, zweifellos ginge Spanien dem Frieden entgegen: c5 müßte aber noch die letzten Kon­sequenzen aus dem Feldzugsplan des früheren Kabinetts ziehen und in Alhueeemas und Penon de la Gomera Ruhe stiften.

Paris, 9. Nov. In dem heute im ElysSe abgehaltenen Ministerrat berichtete der Minister des Aeußern über den Stand der Verhandlungen mit der marokkanischen Gesandt­schaft und teilte mit, daß er den Vertretern des Sultans die allgemeinen Bedingungen dargelegt habe, von denen die fran­zösische Regierung die Verständigung mit Mulay Hasid und über die Fragen abhängig mache, die Gegenstand der Verhandlungen waren. Die marokkanischen Gesandten würden diese Bedingungen unverzüglich zur Kenntnis des Machsen bringen.

Tanger, 9. Nov. Nach einer Meldung aus Fes vorn 3. Nov. ist der Sohn von El Mokri nach Tanger abgereift; er soll seinem Vater Instruktionen überbringen.

zu schleppen.

Konstantinopel, 9. Nov. Das Zirkular der Pforte an die bei den Schutzmächten Kretas beglaubigten Botschafter betont die Notwendigkeit, eine, den berechtigten Hoffnungen der Türkei entsprechende definitive Lösung der Kretafrage herbeizuführen, die für die Türkei eine Lebensfrage bilde. Dos Zirkular beruft sich auf die in dieser Hinsicht gemachten Versprechungen

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Mittwoch 10. November 1909

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In der französischen Kammer gab es am gestrigen Diens­tag interessante Erörterungen der wachsenden Ausgaben und des Ausbaues der nationalen Verteidigung:

Paris, 9. Nov. In der heutigen Generaldebatte über das Budget für 1910 kritisierte Jules Hoche das beständige Anwachsen der Ausgaben, das dem sozia- li st i scheu Einfluß zu zu schreiben sei. Der Ge- neralberichlerstatter und der Vorsitzende der Budgetkom- mission erklärten demgegenüber, daß die Vermehrung der Ausgaben zum größten Teile für die nationale Vertei­digung verwendet werde. Tie Aufwendungen Frankreichs seien in dieser Hinsicht ncf.hl nicht so hoch wie diejenigen

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anormale Lage nicht ohne schwere 'Jiiid) teile fortdauern könne und das jetzige Regime auf Kreta die türkischen Rechte verletze. Das Zirkular zählt bann die bekannten Beschwer­den der Türkei in dieser Angelegenheit auf und loenbet sich gegen die agressive Haltung Griechen­lands, insbesondere gegen die herausfordernde Sprock)« einzelner griechischer Minister im Parlament und argen die mit den griechischen Hilfsmitteln unvereinbaren Kriegsrüstungen, die den Zweck hätten, im geeigneten; Moment der Türkei Trotz zu bieten. Die Pforte werde energisch jede offene oder versteckte Teil-« nähme eines dritten Staates an der Verwal­tung Kretas zu rück weis en. Tie Gefahren der miß­lichen Lage könnten nur durch Schaffung eines definitiven Regimes auf der Insel, das selbstverständlich die Auto­nomie unter türkischer Souveränität wahre, beseitigt wer­den. Tas Zirkular spricht die Hoffnung aus, daß die Schutz­mächte int Interesse der Türkei und Griechenlands das gerechte Verlangen der Pforte günstig aufnehmen werden.

Athen, 9. Nov. Der König empfing heute den tür­kis ch e n Gesandten und erlsärte bei dieser Gelegen­heit, die griechische Regierung sei von freundschaftlichen Gesinnungen gegenüber der Türkei erfüllt. Die mili­tärische Reorganisation ziele lediglich auf die H<> bung der Armee hin. Ter König versicherte schließlich, daß es -'ine griechischen Banden gebe.

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Moderne Bilöungsfragcn.

Gießen, den 10. November.

Der Reichstagsabgeordnete Pfarrer D. Friedrich Nau- nann bat am Montag abend in Mannheim einen Vortrag i;berDie Folgen des Weltverkehrs für das geistige Leben" ,-ehalten, und in seiner geistvollen, philosophischen Betrach­tungsweise hat Naumann viele Wahrheiten, die das geistige ,nd politische Leben der Gegenwart betreffen, ungeschminkt »erausgestellt. deute, am Gedächtnistage Schillers, können «slche Rück- und Umblicke nur nützlich wirken. Naumann führte, so lesen wir in derNeuen Bad. Landesztg.", fol­gende Betrachtungen aus:

Ter Liber alism us ist in vielen Dingen kaum mehr nstande, den Kulturgewinn, den man vor 40 Jahren gemacht hat, : -me ilvch sestzu halten. Ter Liberalismus als Weltanschau­ung ist in gewissem Sinne schwach, er wirkt nicht mehr I.o unmittelbar willenbildend, nicht mehr fo sinn- und begeisde- ungbauenb als vor 60 Jahren, als es in Deutschland so war, biü eigentlich jeder, der zur Bildung irgendwie gehören wollte, ' ii Reich dieser Weltanschauung gehörte. Wv liegen denn nur die Gründe des Schwächerwerdens der liberalen Welt­anschauung? Ties ist die moderne Entwicklimg, der große ted> Nische Fortschritt. Wir haben Maschinen vvn einer Feinheit, wie nie zuvor. Und in denselben Jalnzehnten, wo wir in tech- ! Mischer Hinsicht so außerordentlich viel Staunenswertes und Merk­würdiges geleistet haben, haben wir auf dem Gebiete der Welt- nfd>auung, des Willens, auf dem Gebiete der innerlichen und >«celischen Bewegung scheinbar nichts anderes getan, als alte Debatten immer von neuem wiederholt. Ist nun i>:c5 nur daraus zu erklären, daß dieses technische Zeitalter zu tacnig Zeit hat für die geistigen Probleme und die Weltanschau- mirgssragen ober hängt cd auch mit unserer technischen Entwickelung piammenWelche Folgen hat der Weltverkehr für das geistige sieben? Unser prakti,ches Leben ist bereits in einer Weise i-ncb den Austausch gemischt, daß wir uns nur deshalb nicht mehr darüber wundern, weil wir es nicht besser wissen. Aehnlich s eht es im geistigen Leben aus, wo alles, was wir täglich geistig w uns nehmen und was uns jeden Tag zufließt, international .. yammengefetzt ist. Ta ist vor aUem derNachrichtendienst, m im Gegensatz zu früheren Zeiten international im wahren Sinne des Wortes geworden ist. Vor allem ist ci die Quantität der internationalen Stoffe, von denen wir heut -verschüttet werden. Und die gwße fUxe, daß es verschiedene Wahc- h iten geben könnte, verschiedene Anschauungen derselben Sack^ irtb verschiedene Berichterstattung über ein und dasselbe Ereignis, tfi in viele Köpfe überhaupt noch nicht bineingebmnten. Die psychologische Folge dieser Ueberschüttung ist aber die, I diß die Einzel eindrücke gar nicht mehr tief sein können. Unsere Alufnahrnesähigkeit ist aufs äußerste angespannt, unsere Gefühls^ sShigkeit ist ab strapaziert. Der Mensch kann nicht mehr so viel ' verarbeiten, als er in sich aufzunehmen gezwungen ist. Er wird bann zunächst bieienigen Tinge verarbeiten, die er mit dem Gefühle aufgefaßt hat. Der Begriff Bildung war schon zur Reit Kants, Schillers usw. etwas sehr großes und auch |u verstanden unter Bildung nicht so sehr die Fähigkeit, außer­ordentlich viel Nachricksten in sich aufzunehmen, sondern sie hielten b ie Gestaltungsfähigkeit, die Verarbeitungsfähigkeit für dies eigent­liche Bildungselement im Menschen. Und mm bekommen wir eine Bildung mit einem übergroßen Zusammenfluß von Stofs, da aber nie verarbeitet werden kann. Die Menge des Stoffes o;bt uns nicht das, was wir Weltanschauung nennen. Die Mew Irien wissen heutzutage so viel, so unermeßlich viel von Politik, l-tmt f e erfahren täglich so viel über Staatsverhältnisse des vRn» und Auslandes, daß man beulen sollte, sie würden nun auch üdcn einer sabelhasten politischen Bilbmrg durchdrungen sein. Doch iij: dem, wie bas Exempel lehrt, keineswegs so. Und hierin finden i toir eine Haupturfache, warum im gegenwärtigen Zeitalter bie vorwärts schreitenden Elemente im Volk schwach sind und warum ! b 2 alten konservativen Kräfte ihnen gegenüber stark sind."

Das sind Erkenntnisse, die wir alle als wahr aner- Iwmten müssen. Pfarrer Naumann meint dann weiter, Ord- raimg könne in das geistige Leben der Gegenwart nur durch Arbeitsteilung kommen und fährt dann fort:

Wir haben da heute eine (Hztwickelung, deren inneren Sinn ich so auffasse: Man versucht auf dem Wege der freiwilligen Arbeitsteilung allmählich Grundsätze und Ordnung in die füutcnbe Menge hineinzubringen, die wir heute Bildung nennen. ; Sir kommen aber durch das ganze Riesenpwblem der Bilbung icir weiter, wenn wir uns klar machen, auf jedem einzelnen Ge- 11 t iete muß ein Abreckmuirgs- und Ausgleichsverfahren zwischen brimat und Fremde vorhanden sein, bis wir w ieder festen Äo den unter unseren Füßen aeioinnen und wissen: Was lehrt emen eigenttid) die Kulturmenschhcit aus der Zusammenschüttung (tiler ihrer Begriffe und aller ihrer Kenmisse? Ich glaube aber, es macht für uns schon einen großen Untersdned, ob wir überhaupt briä Gefühl wieder befcimncn. daß es Richtlinien gibt, datz be° Ummte Sätze von uns als allgemiin befunden werden. Und so l-ckommen wir allmählich Körperschastm, die herauszuholen iud.cn, Inas gemeinsamer Geistes besitz ist und lvas nicht, damir der über- / flüssige Ston' in die Rrservetammer der Bibliotheken und Museen

mensdstichen @d)äd tniiicS geschoben werden kann."

Naumann hat, vielleicht ungewollt, auf viele -schaden \ wnd Zeitkrankheiten hingedeutet, die sich gerade in der $ l chten Zeit bemerkbar gemacht haben. Dein Rezept, der j i -ternattonalen Arbeitsteilung unser Geistesleben anzuver- i t rauen, wird freilich für wirtschaftliches Wissen mehr Gel- \\ trmg haben als für Weltanschauungsfragen. Auch das eigene innere Erlebnis und dasteuerste der Bande, der Trieb zum Vaterlande" müssen uns geistig festen Boden I schaffen. Schillers Idealismus fügt nützlictien Rat hinzu: ; ,Jlno auch der hat sich wohl gebettet, der aus der stürmischen ' Lebenswelle, zeitig gewarnt, sich herausgerettet". Im ; wörtlichen Sinne braucht man freilich nichtan des

Klosters friedliche Zelle" auzupochen.

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Im weiteren Verlaufe der Aussprache warf Piche (Liberal) den früheren Regierungen vor, daß sie die n a t i o - naleVerteidigung vernachlässigt hätten. Der frühere Kriegsminister Berte au erinnerte demgegenüber an uie ungeheuere Anstrengung, die zugunsten der Armee ge­macht worden fei und erklärte, daß diese Anstrengung auf der anderen Seite der Grenze noch genxrltiger gewesen sei. ,Wissen Sie nicht" sagte erwas an Kanonen und Festungen in der Mehrforderuna von 500 Mill, enthalten ist, die der deutsche Reichskanzler gestellt V>ar?' ,Wir haben oft wider unseren Willen dieser An­strengung folgen müssen. Sagen Sie also nicht, daß wir die nationale Verteidigung vernachlässigt haben."

Reden englischer Minister.

Zu Ehren des neuen Lordmayors von London sind dort einige Reden gehalten worden, die das Wolsfsche Bureau uns vermittelt. Das, was der leitende Minister Asquith sagte, sind nur Schalen, während der Kern der Dinge und die Früchte der englischen Politik sorgfältig verborgen gehalten werden: L .

London, 9. Nvv. Bei dem Bankett zu Ehren des neuen Lordmayors erfiärte Admiral Seymour, der im Namen der Flotte sprach, daß die Verhältnisfe in der Marine gegenwärttg außerordentlich befriedigende feien. Tie Offiziere seien besser durchgebildet und diensteifriger: als früher. Krieasminister Halb an e führte aus: Es wäre nicht gut mit einem Hnselreiche wie dem britischen ~ Heer und Flo tte nicht zusammenständen.

_ England einer Zeit entgegenschrette, wo

beide Formen des Heeresdienstes unter ein Dach kommen oder Zweige an demselben «Stamme fein würden. Er hege das Vertrauen, daß das englische Volk mit seinem praktischen Sinne auf der Höhe männlicher Kraft verharren und nicht zurückfinken würde. So sehe er getrost in die Zutttnft.

Hierauf ergriff Premierminister Asquith das Wort und wies zunächst auf die wachsende Verantwortlichkeit der Minister hin und auf die ununterbrochen glänzenden Traditionen der englischen Politik. Das vergangene Jahr sei bemerkenswert durch zwei hervorragende Ereignisse: die Einigung der Staaten Südafrikas und die Reichs- Derteidigungskonferenz, die von tiefem Ver­ständnis für die Einheit und Unabhängigkeit beseelt ge­wesen sei. Die Beziehungen Großbritanniens zu den an­deren Mächten seien gemeinsames Eigentum der ganzen Welt Ter Minister erinnerte sodann an zwei Ereignisse der jüngsten Zeit: die Hudson-Fulton-Feier in Newyork unb die spontane Teilnahme von Großbritanniens Regie­rung und Volk an der nationalen Trauer Japans um den tragischen Tod seines berühmten Staatsmannes Ito. Im vergangenen Jahr sei der internationale Himmel etwas bewölkt gewesen und am Horizont hätten sich Anzeichen stürmischen Wetters gezeigt Heute freue er sich, sprechen w können ohne diese im Hintergrund lauernde Besorgnis. England habe weder damals noch jetzt un nahen Osten selbstsüchttge Interessen verfolgt. Sein einziges Ziel fet es gewesen und sei es noch, den Frieden aufrecht zu er­halten und über die Verträge und die getroffenen Vereinbarungen ein allgemeines Einver- ständnisherbeizuführen. Tiefes Ziel fet im wesent­lichen erreicht und deshalb existtere, so weit er wisse, nichts, was sich nicht im Saufe der Zeit und mit Tattaefühl bei­legen ließe. Wenn die Großmächte ein Beispiel der Selbst­beschränkung gäben, werde es auch der gemeinsamen, den Frieden vermittelnden Diplomatie gelingen, etwaige Schwie­rigkeiten beizulegen. Die Ententen und Freundschaften mit anderen Mächten richteten sich gegen niemanden und schlössen niemanden aus.Was Deutschland betrifft, weiß ich von nichts, was einem vollen freundschaftlichen Ein­verständnisse im Wege steht. Dieses Einverständnis zu för­dern, gilt in beiden Ländern als die Aufgabe weisester

ressiert, daß Justzrat v. B r e n t a n. o scharf bemängelt haben oll, in Hessen könne kein Katholik Minister werden:

Von den 132 Vertrauensmännern der hessischen ZenttumS Partei waren etwa 90 Vertreter zugegen, u. a. Landtagsabgeord­neter Justizrat v. Brentano-Offenbach, LandtagSabgevrdneter Mol" than und Prälat Dr. Selbst-Mainz. Zur Beratung stand die neue hessische Wahlrcchtsvorlage und die Gcmcindesteuerreform.

Justizrat v. Brentano referierte über die neue Wahl­rechtsvorlage. Sie unterscheide sich von den früljcrcn Vor­lagen wenig. Hervorzuheben sei, baß die Regierung Wünsche, die schon früher geäußert wurden, berücksichtigt habe und daß man in Zenttumskreisen an der neuen Vorlage nichts auszusetzcn habe. Ter Redner besprach alsdann eingehend bie in Betracht kommenden Verfassungsänderungen hinsichtlich des Budget- unb Gesetzgebungsrechts. (§ 67 und § 75 der Verfassung.) Art. 75 fei praktisch wenig bedeutungsvoll: er enthalte nur Kronrechte, doch könne daran die Vorlage eventuell scheitern. Zu den Gegnern der Vorlage gehören, wie der Redner weiter betonte, besonders die Sozialdemokraten. Er sei der Ueberzcugung, daß weitaus der größte Teil der hessischen Wähler keine Ahnung habe fron dem bisherigen aktiven und passiven Wahlrecht und noch weniger von den Bestimmungen, die der neue Gesetzentwurf enthalte. Zur­zeit gebe es keinen Staat, der ein so allgemeines Wahlrecht wie das Großherzogtum Hessen besitze. Er verttat ferner die Ansicht, daß nur der wählen könne, der längere Zeit im Großherzogtum ansässig sei und infolgedessen den Verhältnissen ein größeres Ver- tändnis entgegenbringe. Die Regierung habe in dem Entwurf eine Reihe fron Erschwerungen und Erleichterungen für das Wählen geschaffen. Eine Grleid/terung komme nämlich den bäueylichn Kreisen zu gute; die Bestimmung, daß diejenigen, die ohne Rücksicht aus das Alter von ihrem Vater abhängig sind, nicht wählen können, werden in der Vorlage beseitigt. Eine Gesahr ür das Zustandekommen der Reform bilde u. a. auch der Gegen- atz zwischen Stadt und Land bei Zumessung der neuen Mandate. Das Proportionalwahlsystem nannte der Referent das Wahlsystem der Zukunft, für das er sich entschieden er­klärte. Die Regierung nehme einen ablehnenden Standpunkt ein. Sie habe jedoch ihre Bereitschaft durchblicken lassen, einen, An­trag der Zweiten Kammer anzunehmen dahingehend, daß die Regierung sich verpflichtet, bis 1914 für die fünf in Frage kom­menden Städte eine Vorlage über Einführung des Proporzes einzubringen. Zum Schluß seiner beifällig aufgenommenen Aus­führungen streifte Herr v. Brentano die Wahlkreisgeomctrie.

In der sich anschließenden Aussprache über die einzelnen Punkte meinte Rechtsanwalt Keil hinsichtlich der Kautelen, man müsse sich dagegen wenden, daß ein Richter in dem Kreis, in dem er amtiert, nicht gewählt werden könne. Bei der Frage der Zu­sammensetzung der Ersten Kammer trat Kommerzienrat Hassner-Mainz für eine andere als die bisher recht einseitige Berttetung ein. Fm übrigen meinte er, es habe den Ansäicin, als stehe der Katholizismus im Großherzogtum Hessen gewisser­maßen im zweiten Rang. Justizrat v. Brentano erwiderte, daß höheren Orts die Meinung vertreten sei, daß kein Katholik Mi­nister werden könne. Er sei dieser Ansicht in entschiedener Weise gegenübergetreten und man müsse sich daher demnächst darüber schlüssig werden, ob die Zenttumspartei in Zukunft die Haupt­arbeit weiter leisten und das hessische Ministerium aus zweifel­haften Situationen weiter heraushauen werde. In dieser Rich­tung müsse man demnächst Beschlüsse fassen. In den übrigen Punkten erklärte sich die Versammlung mit den Ausführungen des Referenten einverstanden. Landtagsabgeordneter Molthan hielt alsdann einen informatorischen Vorttag über die Gemeinde­steuerreform.

Lrankttich in zinanznöten.

Nr. 264

Per Slttzenrr Anzeiger rjchtinl täglich, außer sonntag«. - Beilagen: ) ter mal wöchentlich 5lt6entr$amllifnblätter; jDfimaliDÖcbentl.KrelSi ilatt färben Kreis (5it6en Tienstag und Freitag); roeimal monatl. Lanb- vlrlschaftllcheStitfragtn .«emivrech-Anschlüsse: MW General-Anzeiger für Oberhessen 5?ff\fl5e«nummer Botaflonsbrud unb Verlag ber vrühl'schen Unlv.-Vuch- unb Stetubruderct R. Lange. Rcbaftion, (trpebition unb vruckerei: Schulflratze 7. ^^e.aen'teck^ bil vormittags » ttyr.

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Aus Grünberg erhalten wir folgende Zuschrift: Der nationale Wahlverein für Grünberg unb

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