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9.3.1909 Erstes Blatt
 
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aus den letzten Reichslagsberichten ersehen hat, auch mit der Neuordnung der F e r n s p r e ch g ebü hr e n gegangen. Tie Presse | hat ihr Möglichstes getan, um auf die schädlichen Seiten dieser Reform hinzuweisen. In zahlreichen öffentlichen Versammlungen, in zahlreichen Gutachten von Handelskammern und anderen In­stitutionen ist ziffernmäßig nachgewiesen worden, welche große neue Belastung großen Interessenkreisen aus der Verteuerung der Fernsprechgebühren erwachsen. Vergeblich hat ein Mann deS prak­tischen Lebens und des vorsichtigen Rechnens, wie der Abg. Äaempf, die schweren Schäden aufzudecken versucht, die von dieser neuen Verkehrssteuer drohen. Es gibt eben unbelehrbare Kom- promißsreunde, die auch diesem neuen Plane der Regierung wieder gute Seiten abzugewinnen hoffen. Ging es s. Zt. nicht ähnlich mit der Fahrtartensteuer? Und wer wagt es heute ernstlich zu behaupten, daß die damalige allzugrohe Kompromißbereitschaft nicht schädlich gewesen sei. Sehr treffend sagt dieKöln. Zig." von dem Entwurf der neuen Fernsprechgebührenordnung, sie wolle, daß sich die Leute, die mitten im Getriebe des Verkehrs stehen, nach den Fernsprech-Wünschen und Fernsprech-Bedürfnissen der Stillen im Lande" richten, daß das allgemein als rückständig bezeichnete Grund- und Gesprächsgebührensystem zwangsweise auch auf die darüber hinausgewachsenen Kreise übertragen wird. Das ist es, was die Oesfentlichleit an dem Plane des Reichspostamts bekämpft. Ter Reichstag gibt feiltet Freude Ausdruck, daß etwas geschehen soll, um die bisherige ungerechte Kostenverteilung zu ändern: die öffentliche Meinung hegt ernste Besorgnisse, daß der Plan der Regierung, weit entfernt, die Sachlage zu verbessern, uns vom Regen in die Traufe bringt." Sehr richtig, darum haltet ein Ihr Kompromißfreunde! Man muß auch einmal Nein sagen können, sonst glauben cs einem die andern nicht.

E. A.

Stimmungsbilö aus dein Reichstage.

Berlin, 8. März 1909.

Wie beim Kolonialetat wurde auch beim Postetat das fünf­tägige Kontingent cingehaiten. Morgen schon soll das Weingcyey in zweiter Lesung erledigt werden, das voraussichtlich nur kurze Zeit beanspruchen wird. Die Mitglieder der Weinkomnnssion sind überciitgcEommen, im Plenum feine Anträge zu stellen, und so wird man sich in der Hauptsache auf einen Bericht ans der Ko Ni­rn ission und auf Erklärungen beschränken. Ganz anders verlief die Sache beim Etat des Herrn ft r a e t f c. Punkt für Punkt wurden die Erörterungen aus der Bugetkommission erneuert, das gleiche Frage- und AnNvortspiel zwischen Herrn Erzberger und dem Staatssekretär. Auch heute >iahm Erzberger so oft und so lange das Wort, als gelte es wieder, seine süddeutschen Partei­freunde in die Lage zu setzen, sich die Diäten ans Bein schmieren zn können: sicher ist jedenfalls, daß, als gegen 6 llhhr die Sitzung zu Ende' ging, die Bänke ocs Zentrums stattlich gefüllt waren, während sie unt die Mitte der Sitzung noch sehr große Lücken aufwieseft. Ganz kurz erledigte man zu Anfang eine Frage, die uodj in dec vorjährigen Etatsocratung harr umstritten loav und zu großen Debatten Veranlassung gao, aber nunmehr aus der Arena der parlamentarischen Kämpfe ausscheidet, die Ost­markenzulage. Man hätte, sich vielleicht schon diesmal da- nlit begnügt, die Stellung dec Parteien nur durch die Abstimmung zu kennzeichnen, lvemr nicht einer der neuen Männer der pol­nischen Fraktion, ein jugendlicher Rittergutsbesitzer 2r. v. T r e z y - niki, die Gelegenheit hätte wahrnehmen wollen, sich die parla­mentarischen Sporen zu verdienen. Man hatte aber keine Lust, sich auf irgendwelche Auseinandersetzungen einzulassen und be­willigte ohne jedes weitere Wort die Zulagen mit Blockmehrheit. Einige Abgeordnete brachten örtliche Wünsche zur Sprache und von anderer Seite wurde die möglichste Berücksichttgung der Hand- werksgenossenschaslen befürwortet. Dies nahm alles nicht viel Zeit in Anspruch. Dann aber betrat Herr Erzberger die Tri­büne und hielt eine lange Rede über die mit den verschiedenen Schiffahrtsgesellschaften abgeschlossenen Po stbefördernugs- vertrage. Der Staatssekretär gab dazu die nötigen Erläuterungen und machte dabei auch interessante Mitteilungen über die Verwendung des Telefunkensystems auf den Schiffen. Auch er teilte natürlich den Wunsch nach möglichster Berücksich­tigung der deutschen Systeme, aber er wies auf die Schwierigkeiten hin, die sich aus dem internationalen Verkehr von Schiss zu Schiff ergeben. Durch internationalen Vertrag ist für möglichste Parität Sorge getragen, aber es laufen noch vielfach frühere Verträge über die Verwendung des Marconiapparates. Die Angelegenheit

daß das Stück nicht für die Bühne tauge. Als Wortführerin der Darsteller hatte Julie Rettich eine lebhafte Auseinandersetzung mit Hebbel, der ihr das Stück vorlas und es von Szene zu Szene mit ihr durchdiskutierte. Ein drastisches Vloment ergab sich babei, als man zu jener Stelle gelangte, da der von dem Juden Ben­jamin verschluckte Diamant durch die Herbeiführung eines Phy­siologischen Vorganges wieder ans' Tageslicht gefördert wird.Aber das geht denn doch nicht auf der Bühne!" unterbrach da Julie den Vorleser, halb lachend, halb wirklich in ihrem, vielleicht allzu sensitiven ästhetischen Empfinden verletzt. Hebbel aber in jener souveränen Ruhe des Togmenvcrkünders, die man an ihm kannte, und die keine Möglichkeit eines Widerspruchs auch nur vor aussetzte, wies die Einwendung mit dem strafenden Spruche zurück:Tas ist die Prüderie des 19. Jahrhunderts."

Das Eisenbahn-Freibillett als Abschieds- gc schenk. Man meldet aus St. Petersburg:Dem ehemaligen Minister der Wegekommunikationen, Generalleutnant N. ft. Schaff- h a us sen-Schöneberg-Eck- Schau fuß, ist, für seine Verdienste um das Eisenbahnwesen, ein lebenslängliches Frcibillct zur Fahrt auf allen russischen Eisenbahnen ausgestellt worden. Ein solck>es Bittet hatte bisher nur der ehemalige Verkehrsminister, Fürst M. M. Chilkow." Wenn der Minister ein recht reiselustiger Herr ist, so kann dieses Abschiedsgeschenk für ihn einen recht hohen Wert repräsentieren und wird ihm vielleicht mehr Vergnügen bereitet haben als ein neuer Orden oder ein klangvoller Titel zu feinem an und für sich ja ziemlich umfangreichen Namen.

Ein neues Element hat der japanisch« Chemiker Ogawa von der Universität Tokio in den Mineralien Thorit, Neinit und Molybdänit gefunden. Beifällig sei bemerkt, daß der Reinit ein nach dein deutschen Geographen Rein benanntes, zuerst in^apan entdecktes Mineral ist. Tas neue Element hat nach der Mitteilung von English Mechanic den Namen Nipporium erhalten, jedoch ist anzunehmen, daß es eigentlich 97ip^iniuin, nach der größten japanischen Insel Nippon, heißen soll. Tas Atomgewicht des neuen Elements beträgt etwa 50 oder 100, und danach würde es zwischen die Elemente Molybdän und Ruthenium zu stehen kommen. Es kommt in kleinen gelben oder roten Kristallen von solcher Härte vor, ba& man Glas damit ritzen kann, befindet sich jedoch in dieser Form mit Kieselsäure und Zirtem vereinigt. . >

der Beforderungsverträge sott in der Bndgetkommissivn noch ein­mal geprüft werden. In der .Hauptsache kann es sich dabei iwd) wohl nur darum handeln, daß die Kommission die Verträge mr­traulich zur Kenntnis nimmt; denn daß der gegenwärtige Zeit­punkt, in dem die großen deutschen Schiffahrtsgesellschaflen ge­nötigt sind, von der Verteilung einer Dividende Abstand zu nehmen, nicht grade geeignet ist, einen Druck auf Herabsetzung der vertragsmäßigen Gebühren anszuiiben, darin stimmte dem Staatssekretär auch der Abg. G o t b cim bei, so sehr er int übrigen auch das Interesse der Sparsamkeit zu betätigen wünscht. Wieder und immer wieder nahm -Herr Erzberger dazu das Wort. Eine eigentümliche Parteikonstellation Bingerr*Alzey Ivitrbc sie scherz­haft genannt ergab sich bei einem Posten des außerordentlichen Etats. An den Ausgaben für Fernsprechzivcckc hatte die Budaet- kommission mit Zufallsmehrheit von den angeforbetten 45 Mill. 3 Mill, abgesetzt: das Zentrum ging hier mit den Nativ nallibcralen gegen die anderen Parteien zusammen. Im Hammelsprung, der die Beschlußfähigkeit des Hauses nach- uies, wurde der gestrichene Betrag bewilligt. Zuletzt gab dann noch die Portofreiheit der Fürsten Stoss zu längercc (Erörterung. Gegen, die Stimmen der Konservativen sprach man in einer Resolution den Wunsch aus, daß dieses Hoheitsrecht nicht für gewerbliche Zwecke in Anspruch genommen werde. Mit dem Postetat verabschiedete man bann auch kurzer Hand den Etat der Reichsdruckerei.

Stimmungsbilö aus dem preutz. Abgeordnetenhaus.

Berlin, 8. März.

Ein halb acht Uhr! Aus Wiedersehen, meine Herren!" rief Herr v. Kroecher mahnend in den Saal, als er nach fünf­stündiger Sitzung die Volksboteu entließ. Also wieder eine Ab end- sitzung! Und Wenns fo weiter geht mit der Etatsberatung, fo wird sie noch manche Nachfolgerin falben, und trotzdem wirds schwer halten, daS Etatsschiff rechtzeitig in den Smien der Be­willigung zu lotsen. Dabei brachte die Montagsdebatte kaum! etwas Besonderes. Herr Borgmann leitete sie mit einer schier endlosen Rede ein, die an unserer Sozialpolitik int allgemeinen und an unserer Handelspolitik und HandelSverwaltung im be­sonderen kein gutes Haar ließ. Tie Minister sind dem sozial­demokratischen Landtagsleader, der gar nicht so bärbeißig drein- fdjaut wie er redet, nichts anderes nfö dieCommis der herrschen­den Klassen", und Herrn Delbrück insbesondere drohte er, ihn zumVolksfeind" zu ernennen, zu einem Volksfeind, der schleu­nigst beteiligt werden müsse. DaS Pathos steht dem .Herrn mit demglückseligen Gesicht", wie Herr Hammer, nachher den Sozialdemokraten titulierte, nicht sonderlich an: Je pathetischer­er wurde, desto vergnügter wurde daS Haus, und der Minister selbst quittierte Borgmanns Drohung mit behaglicher Heiterkeit. Unter der Maßlosigkeit des sozialdemokratischen Sprechers ging fast völlig verloren, was er zur Begründung feines Antrags, zur Gewerbeaussicht Aerzte, Arbeiter und weibliche Kräfte heranzu- ziehen, zu sagen hatte. Ter Konservative Hammer wandte sich gegen die Kritik der Genossen, dieser prinzipiellen Widersacher unserer gesamten Sozialpolitik, an eben dieser Sozialpolitik, und sein Hinweis auf die keineswegs muftergUtige Behandlung der Arbeiter in sozialdemokratischen Betrieben, nicht zuletzt im Aller- heiligsten der Borwärtsdruckerei, war dem sozialdemokratischen: Fähnlein sichtlich höchst unwillkommen. Ter Minister selbsh ließ sich anderthalb Stunden lang vernehmen: ec begann mit einet Verteidigung unserer derzeitigen Wictschaftspolitik, deren nachteilige Folgen sür gewisse Kreise der Bevölkerung er srcttich nicht ganz leugnen zu dürfen erklärte. Allgemeinerer Zustimmung begegneten Herrn Delbrücks Ausführungen über unsere Sozial­politik: hier erwies er sich wieder als ein Mann von sicherem Blick für das praktisch Erreichbare. Hub von den Bänken aller bürger- ltchett Parteien ward ihm stürmischer Beifall, als er die einseitigen ArbeiterbegünstigungswüiischE der Sozialdemokraten mit dem Hin­weis zur Seite schob, das deutsche Volk bestehe nicht nur aus Händen, die arbeiten, sonder'n auch aus Kopsen, die denken. Ter Beifall steigerte sich, als der Minister seine Entschlossenheit bekundete, die Interessen dieser Köpfe" denen derHände" nicht zu opfern, sie seien diesen nicht einmal hintanzusetzen, sondern auf gleichmäßige Wahrung d'«r Interessen aller Volks kreise Bedacht zu nehmen. Ein Zentrumsmami, dec Generaldirektor des Volksvcreins für das katholische Deutschland, Herr Dr. Pieper, sprach über die Notwendigkeit der Unterstützung der Lehrlingsvereiue. Tann fam noch ein Nationalliberaler, Tr. Hirsch- Essen, kurz zu Wort. Auch er forderte mit dem Abg. Malkemitz ein vorsichtigeres Vorschreiten auf sozialpolitischem Gebiet, und er war mit den konservativen Rednern einig in der Anschauung von der Wichtig­keit des inneren Marktes einer Ansckjaimng, die bekanntlich auch Herr Tr. Crüger-Hagen am Samstag für die entschieden Liberalen reklamiert hatte. Mit Tr. Crüger ging der National- liberale auch zusammen in der Feststellung, daß unsere Zollpolitik bereits zu einer Abwanderung der Industrie ins Ausland ge­führt habe, und in der Anschauung, notwendiger als hohe Zölle bien für unsere Industrie bessere Transportverhältnisse. Nach Hirsch's Rede machte man fürs erste Schluß die Leere des Saales ließ für die Abendsitzung gerade teilt übervolles Haus erwarten. . . .

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Berlin, 9. März. In der gestrigen Abendsitzung des Ab­geordnetenhauses wurde die zweite Lesung des Etats für Handel und Gewerbe fortgesetzt. Tas Ministergehalt wurde bc- wttligt. Ter sozialdemokratische Antrag auf vermehrte Zuziehung von Aerzten, Arbeitern und Frauen zur Gewerbe-Inspektion geht an die ft» mm in ton für Handel und Gewerbe. Ter Rest des Etats wird bewttligt. Heute um 12 Uhr Wohnungsgeldzuschuß, Kom­munalsteuern für Beamte.

politische Tagesschau.

Die erste Folge von Bingen-Alzey.

Unsere Befürchtung, daß der nationattiberale 6. Hannoversche Wahlkreis, Verden-Hoya-Syke-Achim, infolge des Verhaltens der Nationalliberalen m Alzey-Bingen der Partei verloren gehen werde, hat sich leider nur zu rasch erfüllt. Obgleich die Frei- H'iimgeii die Stichwahlparole für den Nationalliberalen abgegeben tzayen, ist der Welfe gewählt worden. Bei der gestrigen Stichwahl erhielt der Welfe v. T a n n c n b e r g 13 575 Stimmen, wahrend aus den Nationalliberalen Tr. .Heiligenstadt nur 10 116 etuiunen entfielen. Es sind in der Stichwahl 975 Stimmen gegeben morden, als in der Hauptwahl. v. Tannenberg ertnett daimits 6317 Stimmen, der Freikonservative 3453, der Lozraldeinokrat 3898, der Freisinnige 3163, oer Nationattiberale yeiligenitaot o883. .hie Sozialdemokraten und die Freikonser- vativen smd also oHeilbar Mann für Mann für den Welfen cin- getreten. Heber 1300 Wähler sind dieses Mal der Wal'lurn ferngebllebcn. '

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Erstes Blatt

ISS. Jahrgang

Dienstag 9. März 1909

bis oonSttaSTübr'i Rotattonrdruck und Verlag der vrühl'schen Univ. Buch und Zteindruckerei R. Lange. Redaktion. Expedition und Druckerei: Schulstrahe 7. §1a1SciflentcdC:6:^.ü9erf.

Nr. 57//i Tcr Siebener Mzeign erscheint läglicE außer Sonntags. - Beilagen: '.normal wöchentlich SiehenerFamilienblätter; ziveimat wöchentl.Nreir- blattfürhenUreirSiehen «Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land­wirtschaftliche seitfrogen 'Acrnfprcd) - Einschlüsse: tüv die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:

Anzeiger Gießen.

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General-Anzeiger für Vberheffen WM

Die heutige Nummer umfatzt W^Seiteru

Kompromi6freuöen.

Kompromisse sind notwendig, wenn man nicht einen Kampf Aller gegen Alle, Anarchie und Verwirrung, haben will. Es läßt jidi auf br-in Wege des Kompromisses Großes schassen, und zu Zeiten beruht aller wirklicher Fortschritt aus Kompromissen, auf einem gerechten Ausgleich der ft^aft. Interessengegensätze wie die von Landwirtschaft und Jndüstrie im Deutschen Reiche können sich nur aus dem Wege des gegensettigen NachgebenS und der Kompromisse einigen, um etwas für die Allgemeinheit Gedeihliches zu schaffen. Nun kann es aber leicht auch eine verderbliche Art des Kompcomisfe- schließcns geben. Kompromisse als Symptome der Schwäche. Kompromisse aus dem alleinigen Wuiisckie geboren, um jeden Preis etwas neues zu Kfaiffeu, mag es auch schlechter sein als das Alte. Eine derartige, höchst behtzzikliche ftornproinißfreudigkeit zeigt sich neuerdings besonders bei der Behandlung der Vorschläge zur Reichsfinanzreforrn. Mit einigem Erstaunen hat man es gesehen, wie bereitwillig die liberalen Parteien im Gegensätze zu Den sehr zielbewußten Konservativen und dem Zentrum zu allen möglichen Kompromissen bereit waren. Man scheint vergessen zu haben, daß es auch für Kompromisse gewisse natürliche Grenzen gibt: wie etwa die Verantwortlichkeit vor den Wählern und der Gesamtlseit des Reiches, das Gefühl der Selbstachtung oder in- l-altsschwere Fragen der Zukunftstaktik u. a. mehr.

Wenn cs sich nur darum handelte, unsere Reichsfinanzeu zu reformieren, gleichgültig auf welche Weife, dann könnte man das Verhalten der liberalen Neichstagsabgeordneten, das jetzt fo inanckfes Kvofschütteln hervorruft, wenigstens verstehen. Aber es ist hier doch wahrlich nicht gleichgültig, w i e die Hunderte von Millionen auf die einzelnen Steuerzahler verteilt werden, und darum sollte mau sich vor voreiligen Kompromissen hüten. Tie Art, wie beispielsweise die Nachlaßsteuer bisher in der Finanzkommission behandelt worden ist, dürfte wohl kaum dem entsprechen, was man in der Wählerschaft im Allgemeinen erwartet hat. TieKöln. Ztg." gibt jetzt einer Zuschrift von hochgeschätzter Seite Raum, die wohl in gewisser Hinsicht als typisch für die Stimmung in der Oeffentlichkeit gelten kann. Tie Zuschrift ist ungewöhnlich scharf abgefaßt und lautet:In internationalen Fragen ist unser Volk, einschließlich seiner gewählten Vertreter, im allgemeinen von einer geradezu verblüffenden Unerfahrenheit und Einseitig­keit. Tas liegt nicht nur an dem jahrhundertelangen Mangel eines einheitlichen StaatsbewußtseinS, sondern auch an dem noch nicht ausgeprägten Verantwortlichkeitsgefühl des einzelnen als Staatsbürger. Tas letztere zeigt sich jetzt auch auf dem inner- politischen Gebiete in der krassesten, beklagenswertesten Weise. Tie Ablehnung der Nachlaßsteiler durch die Finanzkommission des Reichstages ist der eklatanteste B e w e i s f ür d i e p vl i t i s ck. e Unreife dieser Körperschaft, und ich kann und will noch immer nicht glauben, das; die Reichsregiecnng sich ihren Plan aus den Händen winden läßt. Es gibt Augenblicke int Leben einer Nation, tu denen Kompromisse der Regierung mit dem Parlamente, die ia sonst zum täglichen Brote gehören, unbedingt verwerflich und sckädlich sind. Tas scheint mir jetzt der Fall zu sein. Jetzt heißt es meiner Aniid) t u ach für die Regierung: mit der Vorlage stehen oder sollen: denn die Verwerfung der Nachlaß st en er bedeu­te t b c n Sieg einer einseitigen Inte re s sen v e r tre - tuns, b i c b i c Regierung nicht hin ne hm en b a rf, ohne ihre A u t o r i t ä t ober ihren Kredit z u ver­lieren. Ick) würde feinen Augenblick davor znrückschrecken, den Reichstag om'zulösen, auch wenn neue Steuern ein schlechtes Wahl- prvgramm bieten. Es handelt iid) eben tatsächlich um die Sicher­heit, Ehre und Zukunft des Teutfchen Reichs. Tas müßte den Wählern nur einmal klar gemacht werden. Es kann so nicht weitergehen. Tie,e Sache gebt mir an die Nieren, es ist mir geradezu unbegreiflich, baß unsere öffentliche Meinung und ihre berufene Vertreterin, oder soll ick; sagen Bildnerin, die Prefse, nicht mit einer ganz andern Energie imb Klarheit in dieser Frage Partei ergreift. Bei Zeppelin schlug die' patriotische Flamme lichterloh empor das war erhebend, nützlicher aber und wohltuender wäre es, wenn fie jetzt zu Hellem Brande aufslackern würde." Nack) dem bisherigen Verlauf der Tinge zu urteilen, ist eine ähnliche patriotische Flamme allerdings kaum zu er­warten.

Aehnlich wie mit der Nachlaßsteuer ist es nun aber, wie man

2Uci!K5 Feuilleton.

Dis ersten Menschen." lieber daserotische My­sterium" Otto Borngväbers, für das kürzlich einige ZcufuMerbote und ein Gastspiel-Ensemble auf verschiedene Weise Reklame mad> ten, schreibt in seinem ersten Märzhesk dasLiterarische Eckw": Dieses Stück -- es erfordert dank der Zeit, in der es spielt, nur vier Tarsteller und beinahe gar keine ftoftüme wirb seit einiger Zeit von einem Impresario in ben Provinzen spazieren geführt, wo il)m anscfainend größere Erfolge erblüht sind als in der bösen Reichshouptstadt. (Tort ist es nämlich bereits glatt durchgesatten. D. Reb.i Der größte dieser Erfolge bestand darin, daß in Stuttgart die Behörde die Auffül-rung des Stückes im voraus verbot und bamit in Presse und Publikum einen ge- n.altigeit Cittrüstungssturnr entfesselte. Da in Württemberg keine Präveiitivzcnsur besteht, war dieser Protest an sich ohne Frage ge- rcdftsertigt: nur pflegen die dabei namentlid) in den Zeitungs- spalten uufgenrirbelten Staubmengen gewöhnlich in keinem Ver­hältnis zum Werte des streitigen Objektes zu stehen, toäfrrenbi andrerseits dieses selbst damit zum Gegenstand übertriebener Sen­sation gemacht und vom Strahleuglaiiz der Mnctyrerkrone um­woben wird. Eine ganze Woche Lang mußten die ruhigen Leser Stuttgarter Blätter mindestens glauben, ein neuer Schiller sollte ihnen wieder einmal vorenthalten werden, weil eine tyrannische Zensur wie ehedem der herzoglick>e Dionys dem Genie die Flügel band. Tay baS ganze Getose einer zwar ernst gemeinten, aber jn unfreiwilliger Komik überreichen Dichtung galt, in der sich allerhand Dämpfe und Gase einer überspannten Naturtrieb-Sym- holil in einer wildgewordenen Prosa entladen, konnte freilich erst^die AufMrung selber offenbar nrnd^it, denn natürlich vurde bas Verbot von einer höheren Jnftanz alsbald ohne wei- leres aufgehoben, was wahrscheinlich auch ohne den vielen Lärm erreicht worden iväte."

D i e P r n d e r i e d es 1 9. I a hr hu n de r ts. Wie dieser Lage berichtet wuide, hat das Neue Sd;auspieLhaus in Berlin 3en Versuch wiederholt. Hebbels sprödes LustspielTer Diamaill" Dr die Bühne zu gewinnen. Cr blieb erfolglos, wie das Stück ichon zu des Dichters Lebzeiten sicki das Theater nicht zu er- «bern^ vermochte. DieNeue Freie Presse" erinnert aus diesem Aittaß an Hebbels Wiener Jahre und an die Bemühungen des rchters, das Burgthcater für feinenDiamanten" zu inter­essieren, während Direktor und Schauspieler darin einig wappn.