Ausgabe 
11.9.1909 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

159. Jahrgang

ebenen:

den Vorsitz des Deutsch-nationalen HandlungsgehiUenvcrbandeL

Die heutige Nummer umsaht 12 Seiten.

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politische Wochenschau.

Gießen, 11. September.

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.r den AbgLordneien Schack scheint icine Affäre eine schlimme Senbima iu nehmen. So viel ifi schon sicher, daß er

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abgeordnetc Schack sein Mandat Miedergelegt.

Hamburg, 10. Sept. Nach einer Mitteilung des Deutsch« nationalen Handlungsgehilfenvcrbandes legte der Ncichstagsabgc« ordnete Schack endgültig den Vorsitz des Verbandes nieder.

Hamburg, 10. Sept. Schack teilte dem Vorstand deS Deutschnationalen Handlungsgehilsen-Verbandes mit, daß er den Verzicht auf den Vcrbandsvorsitz nicht als vorübergehend, sondern als endgültig ansehe. In der gestrigen Hauptversammlung der hiesigeir Ortsgruppe des Verbandes wurde die Angelegenheit ^chackS besprochen und nach einem Vortrag des stellvertretenden Verbands- Vorstehers Bcchly ein Beschluß gefaßt, worin es heißt: Es könne nach allem Guten und Edeln, das man bisher von Schack kennen gelernt habe, nur angenommen werden, daß er unter der gewaltigen Arbeitslast der letzten Jahre und den damit verbundenen geistigen und körperlichen Anstrengungen im Dienste des Verbandes zu- 'ammcngcbrvchen sei. Das Verttauen der Mitglieder zum Verband und seiner Leitung könne nicht erschüttert werden.

Merlin, 11. Sept. Der polizeilichen Auflösung verfiel eine vom Deutschnationalen Handlungsgehilsenverbande gestern in den Bürgersälen zu R i x d o r f einberufene Versammlung, in der die Schack-Angelegenheit in Zusammenhang mit einem Vortrag überDie Lügen der Sozialdemokratie" besprochen werden sollte. Der Saal war lange vor Beginn mit Arbeitern b e s e tz t, die gegen die Aufforderung, alle Nicht-Handlungsgehilfen sollten den Saal verlassen, protestierten.

Berlin, 10. Sept. Gelegentlich einer gestern abend ab- gehaltcnen Versammlung des sozialdemokra tischen Handlungsgehilfenverbandes entstanden zwiscl)cn den Sozialdemokraten und den Mitgliedern des Deutschnationalen Handlungsgehilsenverbandes Differenzen, so daß diese zum Ber- lassen des Saales aufgefordert wurden. Keim Verlassen des Saales wurden sie von den Sozialdemokraten angegriffen und mit Faustschlägen, Gutnmischlauchhiebcn und geworscnen Bier« gläsern verletzt. Fünf der Hauptschläger wurden sistiert.

Das B. T. teilt heute noch mit, dem bekanntenTriole"- Brief sei ein anderer (ebenfalls unter falschem Name«) vor- ausgeaangen, der folgenden Wortlaut hatte:

Sehr geehrtes Fräulein! Meine Fran 30 und ich 40 Jahre alt, groß, schlank, suchen eine junge Tarne, die gewillt ist, sich uns beiden innig anz u schl i e ße n. Gegen> seitige Neigung natürlich vorausgesetzt. Sollten Sie grund­sätzlich dazu nicht abgeneigt sein, erbitte ich Nachrrckl lns morgen unterTrio la", Hamburg, Postamt 36. sollten Sie mich noch nicht verstanden haben, bitte frei und offen zu fragen. Hochachtungsvoll R. M.

Das wäre wiederum kaum falsch auszulegen!

neue Hoffnungen. In der auswärtigen Politik findet Herr v. Bethmann-Hollweg keine besonderen Schwierigkeiten, und man darf zufrieden sein, wenn er vorläufig in den Fuß­tapfen seines Vorgängers bleibt, dem Vordrängen des Volentums, das uns die letzten Tage wieder sein ivahres Gesicht gezeigt hat, kräfttg Schranken setzt und von den Lockrufen der Engländer nach einer Flottenverständigung ich nicht betören läßt. Nicht ohne Bedeutung für die deutsche Zolitik ist es vielleicht, daß unser Kaiser auf dem österreichi- chen Manöverfelde Gelegenheit gehabt hat, mit Kaiser Franz Josef und dem Erzherzog Franz Ferdinand, dem tatkräftigen und unternehmenden österreichischen Thronfolger, politische Gespräche zu führen. Wir dürfen nach allem, was der Kaiser seit dem Novembersturm gesprochen hat, wohl an­nehmen, daß die deutsche Politik ohne den verantwort­lichen Staatsmann nicht voreilig festgelegt wird. Besonders der habsburgischen Monarchie gegenüber müssen wir daran festhalten, daß wir von unserem Bündnis auch wirklich etwas haben. Es ist nicht mit Unrecht ein leiser Zweifel darüber ausgesprochen worden, ob Habsburg im Kriegsfälle mit seinem durch den Streit der Nationalitäten innerlich zerrütteten Volke uns wirksam wird unterstützen können. Tie letzten Nachrichten über die Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen lauten verhältnismäßtg günstig. Es bestätigt sickz daß die Tschechen zu Verhandlungen sich nicht abgeneigt verhalten. Sie scheinen ein Interesse daran zu haben, daß der böhmische Landtag überhaupt in Tätig­keit treten kann und nicht die wüsten Obstrukiionsszenen der letzten Tagung zeigt. Der Hoffnungsschimmer für die deutsche Sache ist aber nur recht schwach, und man muß sich auch auf neue, erbitterte Kämpfe gefaßt machen.

Die KaifermanöDcr in Gefterreich.

Kaiser Wilhelm hat am gestrigen Freitag noch einen Manövertag in Oesterreich mttgemacht und ist dann nach Karlsruhe abge/eist. .

Meseritsch, 10. Sept. Die beiden Kaiser, welche den Verlauf des heutigen Manövers, bei dem die Gegner aufeinanderstießen, von verschiedenen Standorten verfolgten, kehrten um 12 Uhr 45 Minuten nach dem Schloß zurück. Hier fand um 2 Uhr 30 Minuten ein Ab schieds- früh stück statt.

Groß-Meseritsch, 10. Sept. Nach dem Frühstück verabschiedete sich Kaiser Franz Josef von dem deutschen Kaiser. Nachmittags erschienen die Majestäten im Schloß- Hofe, wo !)ie Erzherzoge,. Generale, die Manöverleitung^ Bischof Graf v. Hugo, Schloßherr Graf Harrach, Landes­hauptmann von Mähren Graf Serenni, Bürgermeister Czer- mak und die Hofchargen zur Abschiedsauswartung sich ein» gefunden hatten. Kaiser Wilhelm verabschiedete sich aufs herzlichste von den Erzherzögen, besonders von Erzherzog Franz Ferdinand, sonne von den übrigen Persönlichkeiten und sprach wiederholt seine vollste Befriedigung aus über den Aufenthalt in Groß-Meseritsch. Kaiser Franz Josef geleitete dann seinen Gast zum Automobil. Die Monarchen küßten sich wiederholt und drückten lange herzlichst die Hände. Dann bestieg Kaiser Wilhelm mit dem Erzherzog Friedrich das Automobil, um die Rückfahrt anzutreten. Auf dem ganzen Wege durch die Stadt brachte eine große Menschen­menge dem deutschen Kaiser herzliche Huldigung dar, für die der Kaiser durch Salutieren dankte.

Jglau, 10. Sept. In allen Ortschaften, die das Auto- inobit Kaiser Wilhel.tis auf der Fahrt von Groß-Meseritsch hierher passierte, jubelte die Bevölkerung dem Kaiser zu. Auf dem Hauptplatz steigerte sich der Abschied zu einer imposanten Kundgebung, für die der Monarch sichtbar ge­rührt dankte. Auf dem Bahnhof verabschiedete sich der Kaiser von dem Botschafter v. Tschirschky und dem Statt­halter Heinold, dem er schon vorher seine Anerkennung und Befriedigung über den Aufenthalt in Groß-Meseritsch aus­gesprochen hatte. Der Kaiser verblieb bis zum Abgang des Zuges mit dem Erzherzog Friedrich im Gespräch und verabschiedete sich dann in herzlichster Weise. Um y26 Uhr verließ der Zug unter den begeisterten Hochrufen der Menge den Bahnhof.

Jglau, 10. Sept. Der deutsche Kaiser ist heute nach­mittag um 5y» Uhr nach Karlsruhe abgereist

Groß-Meseritsch, 10. Sept. Kaiser Wilhelm hat dem Generalstabschef Konrad v. Hötzendorf den Ver­dienstorden der preußischen Krone verliehen.

Der Großherzog von Hessen in Karlsruhe.

Karlsruhe, 10. Sept. Um 5.42 Uhr erfolgte die Ankunft des Großherzogs von Hessen. Zum Empfange waren larmresend: der Großherzog von Baden, General­major v. Dürr. Das Gefolge des Großherzogs besteht aus dem Obersten Hahn, dem Rittmeister Freiberr v. Maffen- bach und dem Oberstallmeister v. Riedesel. Zum Ehren­dienst ist befohlen der Generalmajor Freiherr v. Secken­dorfs. Der Großherzog wird im Großherzoglichen Palais wohnen.

Karlsruhe, 10. Sept. Um 3 Uhr oO 9)h.nuten traf der Gr 0 ßherz0 g von M eckl enbur g-Schw erin hier ein.

Karlsruhe, 10. Sept. Tte Kaiserin mit Gefolge unb Prinz Oskar sind heute abend um 7 Uhr 2 Min. im Sonderzuge auf dem hiesigen Bahnhofe ein getroffen. Zum Empfange waren erschienen das Großherzogspaar, Prinz und Prinzessin Mar von Baden, der preußische Gesandte v Eifendecher mit Gemahlin und der badische Gesandte in Berlin Graf Berckheim. Nach überaus herzlicher Begrüßung fuhren die Fürstlichketten nach dem Rejidenzschloß. Im Rejidenzschlotz wurde die Kaiserin von der Großherzogin Luise begrüßt und von bftn Hofstaat empfangen.

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Auf den geglätteten Wogen der inneren Politik war in ttesen Tagen fast nur das Schifflein des Reichstagsabgeoid leten Schack zu erblicken; es schwankte ganz beträchtlich, rnd so eifrig sein Insasse auch bemüht war, das Gleich­gewicht zu erhalten der Strudel hat es noch immer gefaßt. Uns ist es kein Bedürfnis, in den Privcttangelegen- teiten eines Menschen ohne Not herumzuwühlen, und wir möchten nicht die Ersten sein, die einen Stein auf einen ermen Sünder werfen. Herr Schack hat aber eine Art, Briefe au schreiben, die man bei einem Reichstagsabgeord- r.c t e n auffällig finden muß und die man auf ihren inneren Malt, auch wenn es grausam erscheinen könnte, darum »ttht wohl prüfen darf. Ueber einen tragischen Vorfall auf ter Basis tiefer Leidenschaftlichkeit und wäre die Ver­fehlung noch so groß! käme man leichter hinweg. Aber Herr Schack hat eine Art, Briefe zu schreiben, über die man lachen und weinen möchte zugleich. Und die Art der Inter­pretation seiner Werke fördert erst recht keine befreiende Empfindung hervor. Alles was wir unter der Ueberschrfft Die Affäre eines Reichstagsabgeordneten" erfahren haben, ilt so klein, so zum Erbarmen, daß all das Aufsehen, das dieser Fall machen mußte, allein schon zorniges Unbehagen wecken mußte. Herr Schack aber hat bekanntlich versucht, seinem ominösen Briefe eine entschuldigende, roman­tische Färbung zu verleihen. Jene junge Dame, die er fcr sich unb seine Frau alsGesellschafterin" zum Genuß derFreuden der Liebe in körperlicher und seelischer Ge­meinschaft" hatte engagieren wollen, war dem Herrn Ab­geordneten schließlich nichtromantisch" genug. Uns dünkt, eine s 0 eigenartig romantische Annäherung und briefliche Verständigung zwischen liebebedürftigen Menschen ist nie von einem Dichter besungen worben. Wir haben mit vielen Anderen den Eindruck nicht überwinden können, daß es bei dem Briefe des Herrn Schack sich vielmehr um ein recht prosaisches Ges chäft gehandelt habe, um eine Sache, Die von romantischer Ritterlichkeit himmelweit entfernt war. Ein Leipziger nationales Blatt hat trotz der ihm nicht feind- lich gegenüberstehenden Parteirichtung Schacks entrüstet von unverhüllter Schweinerei" gesprochen. Unsympathisch be­rührt jeden offenen Menschen auch die Verwahrung, die der blamierte Abgeordnete gegen seine angebliche Verdächti­gung erhoben hat, wenn er pathetisch erklärt, er könneder Majestät Öffentlichkeit nicht das Recht zugestehen, bis in Die Räume seiner kranken Frau einzudrinaen". Wenn man ber dummen Geschichte eine lichte L-eite abgewinnen wollte, könnte man vielleicht vermuten, der romantische Bewerber habe vor der Abfassung des Briefes in der persönlichen Unterhaltung mit der gejuchten Gesellschafterin Spuren einer beiderseitigen Sympathie entdeckt. Aber auch bann sind Hoch die lauernden, geschäftsmäßigen Phrasen des Briefes Döllig unverständlich.

Herr Schack ist von seiner Tätigleit als Vor- fitzender des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes, Yen er selbst begründet hat, zurückgetreten. Wir hab^n schon darauf hingewiesen, daß es zu einer gerichtlichen Ver­handlung vielleicht gar nicht kommen wird, wenn nämlich die betreffende junge Dame, die Herr Schack bereits um Entschuldigung gebeten hat, auf die Beleidigungsklage ver­zichten wird. Ob dann der Herr Abgeordnete wohl in all )einer Harmlosigkeit wieder im Reichstag erscheinen wird? Denn nur dieMajestät Oeffentlichleit" nicht nach einem Lpfcr ruft! Nach einer neuen Mitteilung soll die Staats­anwaltschaft des Falles fick) angenommen haben. Ferner »verlautet, Schack wolle sein Reichstagsmandat niederlegen, vielleicht bewahrheitet sich, was Gottlieb imTag" dichtete:

Es endigt die Triolecei Aufei" unb auf der Polizei. Aufal" dagegenWartesaal", Fatal",Skandal" unbneue Wahl .

Schack war im Jahre 1905 der Nachfolger des national liberalen Reichstagsabgeordneten Fries geworden, der m Afrika ein stilles Grab gefunden hat. Bei der Wahl tm Salroe 1907 siegte Schack in der Stichwahl über den Sozial- Bemofraten Leber mit 9834 gegen 9509 Stimmen. Im ersten Wahlgang waren zusammen 6089 nationalliberale Lind freisinnige Stimmen für einen nationalliberalen Kandi­daten abgegeben worden. Die Sozialdemokratie wird bei inner etwaigen Neuwahl natürlich alle Hebel in 3cn>_egung setzen, umsomehr, da sie in dieser Woche erst im sackstischen Aeichstagswahllreis S10 l l b e r g - Sch n e e b e r g einen überraidKnben Wahlsieg davongetragen hat. Daß dieper Wahlkreis iin Besitz derGenossen" bleiben mürbe mar mit Sicherheit vorauszusehen, aber so groß hatte man die Zunahme der sozialdemokratischen Wähler \\ä)

Sie haben sich nämlich gegen 190 < um über 2000 vermehrt, toäbrenb die Zahl der bürgerlichen stimmen um mehr als 5000 gesunken ist. Ohne die letzten Kampfe über dreReichv- nnanzresorm hätte derVorwärts" nicht sein geroaltigei? rriumphgeschrei über die Niederlage des ,^rdnungsbrees - wie ei sich beharrlich ausdrückt - ans immen fonnem hoffen wir, daß man diese Wahl im bürgerlichen ^ger ich zur Lehre dienen läßt; die noch herrschende muß auf beiden Seiten ruhigerer Uebertegung ^An, di rreibt man den Gegensatz der Parteien auf die spitze, so hat «allein die Sozialdemokratie den llkutzen davon.

V Die nach der Kaiserparade in Stuttgart zwischen d Sdtiler und dem König von Württemberg gewechselten £ svrÜQ mahnten gleichfalls in sehr beredter Weise gU ig Edt aitler Deutschen. Das deutsche Volk hat gegenwärtig rdnen 1 Einlaß, pessimistisch in die Zukunft zu schau - '~ schaftlick"r. werden wir uns wieder aufschwingen, und EweüL^en, die uns im Innern das Leben verbitterten können u,"kid müssen wir nun Ab, nehmew Gr at Zpp^lm |

nit feine1**11 herrlichen Erfolgen gibt uns neue ,rreube

Samstag 11. September 1909

-Fi., Bezugspreis:

monallicd75Pf.,viertel-

GietzenerMzeigerW _ r < politischen Teil: August

General-Anzeiger für Gberheffen

fit dle Tagesnummer Rototioitsönid vilö Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Zleludruckerei B. Lange. Nedaktion, Lxpedttlou und Druckerei: Zchnlstratze 7. Anzeiqen'teü°?'b. Beck.

bis vormittags s Uljr.

Die spanischen Kämpfe in Marokio.

Die Spanier, die bei ihren bisherigen Unternehmungen in Marokko nicht gerade viel Glück gehabt haben, wollen ich anscheinend durch folgenden angeblichenErfolg" trösten:

Madrid, 10. Sept. Aus Melilla wird amtlich gemeldet: Während der sechs Tage dauernden Rekognos­zierung haben die Truppen des Obersten Larea gestern ihr Lager in Cabo de Gagua wieder erreicht, ohne einen Schuß abgegeben zu haben; zahlreiche Rifleute haben sich unterworfen. Die Haltung der Einwohner läßt die An­nahme zu, daß die Pazifizierung der Gebiete von Mut und des Muluyatales beendet ist.

Melilla, 10. Sept. Heute mittag sind zwei Regi­menter von der Division Sotomayer, sowie Artillerie und eine Sanitätsabteilung ausgeschifft worden

Tagung der deutschen Geschichtrvereine.

Worms, 10. Sept.

In ber heute vormittag auf 8V2 Uhr angesetzten dritten allgemeinen und öffentlichen Versammlung hielt den ersten Vortrag Stadtpfarrer Dr. D i e h l-Tarmstadt über das Tl)ema:Inwiefern kann man von einem geistigen Auschwung Hessens in den Notzeiten des 30jährigen Krieges reben?" Er führte aus, daß unserem Hessen­lande zu keiner Zeit solch' große Wunden geschlagen worden sind wie im 30jährigen Kriege. Krieg, Krankheit unb Not rafften etwa 60 Prozent der hessischen Bevölkerung innerhalb eines halben Jahres hinweg. Es sei nun eine völlig irrige Betrachtung des Lebens, wenn man annehme, daß die Not den Menschen mürbe und untätig mache. Vielmehr sei erwiesen, daß gerade die Zeiten der Not große Männer und große Taten geboren haben und das Pauluswort: Wenn ich schwach bin, bin ich stark" einen wahren Inhalt habe. Wenn man sich in die Quellen des 30jährigen Krieges vertiefe, könne man sehr wohl von einer großen starken Kraftentfaltung reden, nicht allein in religiöser, sondern auch in allgemein geistiger Beziehung. Als sich der Krieg den Grenzen des Hessenlandes näherte, gliederte sich im Jahre 1622 das Marburger Land an Hessen an und mit dieser Vergrößerung traten auf allen Gebieten des kultu­rellen Lebens neue Gedanken in die Erscheinung, die man zu einem einheitlichen System zu ordnen verstand. Redner verbreitete sich nun eingehend über alle Einzelheiten dieses kulturellen Fortschritts und behandelte besonders ein­gehend die Verbesserungen im Volksschulwesen und die Ent­wickelung der Universitäten. Gleichzeitig wurde die deutsche Sprache ausgebaut. Bücher erschienen auf dem Markte unb die Dichtkunst lebte auf. Ein gründliches Wissen wurde auf allen Gebieten beansprucht. Redner schloß mit einer eingehenden Charakterisierung der bedeutendsten Männer dieser Zeit.

Es sprach sodann Staatsarchivar Dr. D i e t r i ch - Tarrn» stadt überDie Politik in Hessen-Darmstadt wäh­rend der französischen Revolution", worin er einer wahren Geschichtsforschung warm das Wort redete. Er erntete mit feinen fesselnden Ausführungen ungeteilten Bei­fall. Der letzte Vormittagsvortrag wurde von Prof. Dr. Schneider-Heidelberg überDie Artillerie des Mittelalters" aehalteit

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