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9.8.1909 Erstes Blatt
 
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NWt. Wfil e enthält. '

Nr. 184

Ser Gietzener 3a$rifet -Tichk'nl täglich, außer sonntags. - Beilagen: vermal wöchentlich ißitbenerLamillenbläNeri , Deimat roödxntl.KreUi latt für bcn Kreis 6k6tn I: lenstag und Freitag); neimal monatl- £anö* »irtfchaftliche Settfragen ernsprech - Anschlüße: jr die Redaktion 112, I erlag u. Expedition 51 Ibrefie für Depeschen;

«uzetger Gieße«.

Annahme von Anzeige« jn bie Tagesnulninec i.4 vormittags 9 Uhr.

Erstes Blatt

158. Jahrgang

Montag 9. August 1909

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jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 85 Pf.; durch

die Post Mk.2. viertel- jährl. ausschl. Bestellg. ZeilenprerS: lolallbPf., auswärts 20 Pfennig.

Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; s. Feuille­ton und .Vermischtes' K. Neurath; fürStadt u. Land" undGerichtS-

Hofatfonsbnid und Verlag der Vröhl'fchen Univ.-Vuch- und §teindruckere< K. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: rchnlprahe 7. Anzei'gen'te^?:$.u ««?.

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Der Aufenthalt des Zaren in den deutschen Gewässern r, wenn er auch nur ganz kurz war, mit Freuden zu be- S'ßcn, denn er kann als Beweis dafür gelten, daß bei voraufgegangencnZusammenlünften mit demPräsidenten Miäres und König Eduard gegen Deutschland irgend deiche Pläne nicht geschmiedet worden sind. Bei diesen k.'zegnungen sind auch alle Ueberschwänglichkeiten ver- ' ieden worden, und es fehlte jede Aeußerung,'in der man inie Spitze gegen Deutschland hätte finden können. Es wurde ü.r Gegenteil, zumal auch von Herrn Iswolsky, mehrfach i.iont, daß das Einvernehmen zwischen Rußland, England

M" der Zusammenkunft lcilgenommen. Nicht^deftoweniacr es als sicher gelten, daß sich die beiden Monarchen Ht eingehend über die wichtigsten politischen Fragen Io"** unterhalten haben. Kaiser Nikolaus hatte auch Gelegenheit, der Kieler Bucht die deutsche Hochseeflotte in Parade |u sehen und konnte so Vergleiche anstcllen mit der eng- indfcn Flotte, die ihm allerdings vollzähliger bei Cowes ^»geführt wurde, während er in der Kieler Förde nur . t?n Teil der deutschen Schiffe zu sehen bekam.

ken u » Leuten n- vomPn^ r probe bei Kirchenplatz.

Cafe, Süd-Anlage

. .me politische Bedeutung ist. Nach Fußen hin wurde sie ' lerdings lediglich als Freundschaftsbesuch gekennzeichnet, ; nn weder ein deutscher noch ein russischer Minister haben

Der 3ar aus der Heimreise.

Am Samstag hat der Zar auf der Heimreise von Eng- ; !cnb den Kaiser Wilhelm-Kanal passiert und hat dann eine irze Begegnung mit dem deutschen Kaiser gehabt. Das ,ssische Kaiserpaar wurde auf der Fahrt durch den Kaiser 'Uhclm-Kanal begleitet von dem Großherzog und der Lroß Herzogin von Hessen, der Prinzessin Heinrich »vn Preußen mit ihren Söhnen und der Prinzessin Luise von attenberg. Bei Holtenau kam auch Prinz Heinrich an wrb. Die russische Kaisers acht wurde auf der ganzen Kanal iihrt von den Einwohnern der anliegenden Ortschaften mit ! gründlichen Kundgebungen begrüßt.

Jnzrmschen hatte sich Kaiser Wilhelm am Samstag nach- Imittag in einer Pinasse nach Holtenau begeben. In der chleuse lag derSleipner", an dessen Bord der Kaiser big und im Kanal dem russischen Geschwader entgegenfuhr, v :xt Kaiser war begleitet vom Kommandanten des kaiser- chett Hauptquartiers Plessen, dem Chef des Marinekabi- Duetts, Vizeadmiral Müller und dem russischen General a la l Lite Datischtschew. Kaiser Wilhelm traf an Bord desSleip- ver" um 51/2 Uhr nachmittags auf dem Andorfer See ein, |vrn dort die Ankunst der von Brunsbüttel kommenden russi- itjen KaiserjachtStandard" zu erwarten. Um 6 Uhr traf bttStandard" ein, dem die JachtPolarstern" und zwei .. russische Dorpedobootszerstöerr folgten. Der deutsche Kaiser, er russisck)e Generalsuniform trug, begab sich sogleich, nach- die Jacht gestoppt hatte, an Boro dieses Schiffes. Er urde vom russischen Kaiser und seiner Familie herzlich !-grüßt, während die Mannschaften ein dreifaches Hurra > Lsbrachten und die Musik die deutsche Nationalhymne jjiielte. Im Großtopp wurden gleichzeitig die russische und rutsche Kaiserstandarle nebeneinander gehißt.

Der Kaiser begleitete den russischen Kaiser auf dem Standard" bis in die Kieler Ducht. Die Begegnung der -Monarchen trug einen durchaus privaten Charakter. ?er Kaiser kehrte nach 10 Uhr abends an Bord derHohen- iJIlern" zurück und reifte um 11 Uhr abends nach Berlin eiter. Die Schiffe des russischen Kaisergeschwaders, die achts Kohlen übernommen haben, sind gestern früh 63/» Uhr in See gegangen. Eine deutsche Torpedoboot-Division be- cjiA'itetc das (Äschwader.

Die Begegnung unseres Kaisers mit dem Zaren hat L^ai einen persönlichen und intimen Charakter gehabt, aber M.'ltti Berlin aus wiro dennoch betont, daß die abermalige Ri^utsch-russische Monarchenbegegnung sich den Kündgebun- IS1.11 anschließe, die zur Festigung von Frieden und Freund- theft soeben in Cherbourg und Cowes erfolgt seien. Diese 'Jorte besagen zur Genüge, daß die Kieler Begegnung nicht

vr. Karl Theodor.

Pr. München, Anfang August.

Dm heutigen Montag feiert in Possenhofen am Starnberger- der Chef der herzoglichen Familie in Bayern, Dr. Karl l^tobor, seinen siebzigsten GÄnirtstag. Dieses Feit ist mehr als tre höfische und dynastische Angelegenheit, es wird von dem ipnzen bayerischen Volke mitge feiert und darf auch weit darüber huni5 der sympathischen Anteilnahme sicher sein, denn, wie man clenthalben weiß, hat dieser Wittelsbacher seit vierzig Jahren hr. Leben opferwillig den Kranken und Notleidenden gewidmet, nti vielen die kostbarste Himmelsgabe, das Augenlicht, erhalten itr neugeschenkt.

Geboren als viertes Kind des Herzogs Maximilian von Zwei- tÄken und der Prinzessin Ludovica, war Karl Theodor als Imcbe träumerisch und schweigsam, aber eigenwillig und tat- Htig, taam es galt, seinen Willen dtttchzusetzen. Den meisten IrlerrichtSgegenständen brachte er kein sonderliches Interesse ent- ijm, aber von Anfang an hatte er Freude daran, die Aatur p beobachten, Tier- und Pffan zenleben und der gestirnte Himmel fischten ihn. Seit der Vermählung seiner Schwester Elisabeth, kixrt Lieblingsbruder er war, mit Kaiser Franz ^ofeph, war ,Lrri Theodor häufiger Gast am Wiener Hose, er nahm auchan jkt Rutwreffe des jungen Kaiserpaares in die italienischen -l.ro nr-en teil. Dort studierte er die Schlachtfelder um 'JJanlanb it) Verona und vielleicht trugen die Eindrücke dieser Repe dazu daß der Herzog sich für die militärische Lausbahn enttchlvtz: t trat in das 3. lxty rische reitende Artillerieregiment ein, diente ter vom Rittmeister an im 1- Kürassierregiment und nahm ci sen Feldzügen von 1866 und 1870/71 teil. Auch in der pou- stffchen Entwicklung dieser Tage hat Karl Theodor a>e> Vertrauter L>rig Ludwig II. keine geringe Rolle gefpicit, und sein Rot qat holl MU am meisten den König zu seiner Haltung in der Reichs- btb Sniferfrage bestimmt.

MstLlxrweile begann die tiefer angelegte Richtung seiner Natur

und Frankreich der Freundschaft des Zarenreiches nicht Ab­bruch tun solle. Der Zar selbst hat keine (Megenbeit vor­übergehen lassen, ohne besonders darauf hinzuweisen, daß seine Bemühungen der Aufrechthaltung des Friedens gelten. Noch kurz vor seiner Abfahrt empfing er 'Deputationen mehrerer englischer Städte, denen gegenüber er die Zuver­sicht aussprach, daß die freundliche Stimmung zwischen beiden Ländern ihre glücklichen Wirkungen weiter üben, und der Aufrechterhaltung des Weltfriedens erfolgreich dienen werde. '

Was die angebliche freundliche Stimmung anlangt, so ist vorläufig wenig davon zu merken, aber an dem guten Willen des Zaren, den Frieden Lu erhalten, braucht man nicht zu zweifeln. König Eduard scheint nach seiner Be­gegnung mit Kaiser Nikolaus nicht das Bedürfnis zu haben, mit anderen Monarchen zusammenzutreffen, denn auf seiner Fahrt nach Marienbad wird er weder mit Kaiser Wilhelm, noch, was allerdings näher liegen würde, mit Kaiser Franz Josef zusammentreffen. Wie noch erinnerlich, hat er vor einigen Jahren auf der- Fahrt nach dem böhmischen Badeort nnserm Kaiser auf Will)elmshöhe einen Besuch abgestattet. Auch in diesem Jahre wird der Kaiser zu derselben Zeit wieder in Wilhelmshöhe weilen, eine Begegnung hätte also in der gleichen Weise stattstnden können. Der Grund, daß der Besuch unterbleibt, ist vielleicht darin zu suchen, daß die Zusammenrunft in ihrer Bedeutung in Cotves nicht cbge» schwächt werden soll. Wie dem auch fein mag, jedenfalls hat der Besuch des Zaren in Kiel gezeigt, daß die Zeit der Jsolierungs- und Einkreisungspolttik gegen Deutschland vor­läufig vorüber ist.

ssotttitzche Lagesschau.

Die Leitsätze de8 Hansa-Bundes.

Die gegenwärtig häufig aufgeworfene Frage nach den Zielen und Bestrebungen des Hansa-BundeS findet ihre Beantwortung in folgenden Sätzen, dte wir einem Aussatz des Bundespräsidenten, des Geheimrats Dr. Riefer, entnehmen. 1. Detn Hansa-Bund liegt, wie dies im § 1 feiner Satzungen mit klaren Worten und bewußt zum Ausdruck gebracht ist, ausschließlich d i e Ber­te e t n n g der gemeinsamen Interessen von Deutsch­lands Gewerbe, Handel und I n d u st r i e ob, und er hat diese gemeinsamen Interessen gegen alle Angriffe und Schädigungen zu schützen. 2. Er hat ferner durch posiltve Ataßregeln oder durch Herbeiführung ober Unterstützung solcher positiver Blaß- nahmen diese gemeinsamen Interessen zu fördern. 3. Und er soll endlich versuchen, die verscr-ichenen im Bunde ver­einigten Richtungen u n d C r io e r b s g r u v v e n ein­ander anznnähern. 4. Der Hansa-Bund wird, sowohl in seinen Worten wie in feinen Säten, ohne jedes Schwanken und Bedenken den Grundsatz Hochhalten, daß er auf nationaler Grundlage steht, und er wirb, wogegen ber Bund bet Sanbwirte zu feinem Schaden wiederholt gejünbigt hat, bie großen nationalen Fragen, insbesondere die Rücksicht auf die Kraft, die Macht u n b das An­sehen des Vaterlandes, allen einseitigen beruf­lich e >i und g e w e r b l i ch e n S o n d e r i n t e r e s s e n voran- st e l l e n.

Japan und China.

Em sehr ernster Konflikt ist zwischen Japan und China ausgebrochen. Trotz des Protestes Chinas hat nämlich Japan den Bau ber Antung-Mukden-Bahn begonnen. Japan unternimmt es nun, sein Vorgehen zu rechtfertigen. Ein amtliches Telegramm aus Tokio hebt hervor, baß Japan sich durch das Ergänzungsabkc-mmen zu dem Pekinger Vertrage von 1905 bas Recht des Ausbaues der während des russifch-gapanischen Krieges für militärische Zwecke in Eile errichteten schmalspurigen Kwin bahn zu einer dem internationalen Handelsverkehr voll genügenden Eisenbahn ausdrücklich Vorbehalten habe. Die Verhandlungen mit China haben, wie weiter dargelegt wird, zu einer gemeinsamen Ausmessung der Linie bis ans eine kurze Teilstrecke zwischen Mulden und Chenhsiangtun geführt. Um einen unnötigen 23c. zug zu vermeiden, wünschte Japan mit den Arbeiten und dem Gsländeankanf an der bereits vermessenen Strecke zu beginnen, mehr und mehr hervorzutteten. Er studierte Kant, Schopenhauer, Schelling, Feuerbach, beschäftigte sich mit Literatur, Naturkunde, Rechte und Staatswissenschaft und pflegte daneben^ als vorttess- lich-er Klavierspieler eifrig die Musik. Seine erste Gemahlin Sophie, eine Tochter Wnig Johairns von Sachsen, mit der er von 186576 vermählt war, teilte seine geistigen Interessen. Bald nach ihrem Tode entt'chloß sich der 30 jährige Prinz, Me­dizin zu studieren. Nach dem Kriege setzte er diese Studien eif­rigst fort, obwohl ihm von allen weiten Schwierigkeiten gemacht wurden: von seinen Standesgenossen, die besortders eine prak- ttsche Tättgkcit als Arzt einem Fürsten nicht für angemessen hielten, aber ar«ch «von den Gelehrten, die vonfürstlichem Ti- lettanttsmus" und dergleichen sprachen. 23vn dem berühmten russischen Augenarzt Jwanoff wurde der Herzog in die chirur­gisch Praxis ber Augenheilkunde eingeführt. Mehrere Winter arbeitete er mit dem Gelehrten in Menwne so erfolgreich zu-, lammen, daß ihm dieser einen Teil ber Behandlung und Ope­ration der zahlreich zuströmenden Augenkranken übergeben konnte. Bei Horner in Zürich vervollkommnete er sich weiter und vol­lendete seine Studien in München. Am 31. Juli 1872 wurde er zum Ehrendoktor der medizinischen Fakultät an der Münchener Universität promoviert. Er ftitbierte aber unermüdlich weiter, u. a. begab er sich von 1880 bis 1888 alljährlich im November und Dezember nach Wien, um Billroth, Fuchs u. a. zu hören, ^uch als Fachschriststeller wurde er bald bekannt. 1879 begann er in Tegerwee selbständige prakttsche Tätigkeit. Ein Jahr da­raus wurde ihm durch einen Dirn Bismarck gezeichneten amt- Hcfren Erlaß die össentliche ärztliche Tätigkeit gestattet. Von allen Seiten ftrömten Kranke herzu, so daß das bärtige Distritts­krankenhaus bald zu klein wurde. Der Herzog ließ aus eigenen Mitteln allein für Pflege und Behandlung der Augenkranken einen Stock aufbauen. Ter Ruf seiner wie das Volk sagtge- fegneten Hande" verbreitete sich weit. Besonders in Meran, wo ber Herzog nn Mürz und April zu prakttzteren pflegte. Zwei Jahre nach dem Begvm seiner dorttgen Praxis wurde auf dem

die chinesische Regierung aber habe von da ab VerschlepPungS- Politik betrieben. Da Chimr bei seiner unnachgiebigen Haltung beharre, biete sich der japanischen Regierung kein anderer Aus­weg, als, ohne auf die Rtitwirkung der chinesischen Behörden zu warten, selbständig zu lxrndeln.

Deutsches Reich.

D e r K a i s e r ift gestern um 7 Uhr 35 Min. früh von Kiel auf dem Lehrter Bahnhof in Berlin eingetroffen.

Die Verteuerung der 4. Klasse in Württemberg. Der württemb. Minislerp'räsibent erklärte in der Zweiten Kammer, bie Erhöhung des Tarifs der 4. Bahnklasse von 2 auf 2,3 Psg. trete am 1. Dezember ein.

Den Abschluß und den Höhepunkt des Eucharisti­schen Kongresse? in Köln bildete eine große Prozession, die sich vom Dorne durch die reichgefchmückteu Straßen der Stadt bewegte.

Huldigung stür Bülow. Zirka 500 Teilnehmer an der Huldigungsfahrt sind gestern aus Wilhelmshaven und Umgegend beim Fürsten o. Bülow in Norderney eingetroffen.

AusLtrird.

Der spanische ThronprätendentDonIaime de­mentiert in der ,91. Fr. Pr." auf da? entschiedenste die Meld­ung, daß er sich mit Zustimmung Kaiser Wilhelms mit einer deutschen Prinzessin vermählen werde.

König Peter. Von amtlicher Seite werden die Gerüchte über den Gesundheitszustand des Königs für unbegründet erklärt. Sein Befinden ist durchaus befriedigend.

Aus der Türkei. Tie Pforte erhielt die Meldung, daß in Gadamech in Tripolis ein Zusammenstoß zwischen einer türkischen Gendarmeriepatrouille und einem fran- zöfischen Militärbetachement ftaUgefunben habe, wobei der Führer der türkischen Patrouille verwundet und verhaftet worden sei. Ten Gendarmen ist es gelungen, zu entkommen.

Kämpfe der Spanier in Marokko. Der Kreuzer Estremadura" bombardiert andauernd die Uruguschlucht, auch seitens der Forts werden die marokkanischen Stellungen fast an­dauernd beschossen. Alan erwartet, daß bie Spanier in ben aller­nächsten Tagen zur Offensive übergehen und dem Feldzuge mit einem Schlage ein Ende machen werden.

Ans Siaöt und Land.

Gießen, 9. August 1909.

Die erzieherische Wirrung der neuen Steuergesetze.

Von einem oberhessischen Geistlichen to-irb uns ge­schrieben :

Wohl selten hat man mit etwas so in ein Wespennest! gestochen, als mit den neuen Steuergeseßen. Erst die allgemeine Unzufriedenheit und der laut gewordene Unwille, dann die Frage: Wie kommen wir drnm herum? Rasch Kaffee, Tee, Zündhölzer ins Haus, rasch Talons erneuert so ihr schwarzblaue Gesellschaft, macht euch einen Vers dazu! Doch damit ist nicht viel getan endlich muß der Bien doch. Aber in anderer Beziehung haben die neuen Steuergesetze doch eine nachhaltige Wirkung gezeigt und werden sie noch mehr zeigen. Gegenwärtig loirb ein starker Kamps gegen den Alkohol geführt, die Absttnenten (Enthaltsamen) mehren sich; obwohl man in dieser Sache über das Ziel hinausschießt. Mit Freuden wurde von dieser Seite die Branntweinsteuer begrüßt siehe da er­wächst ihnen, weniglstens teilweise, ein Bundesgenosse von einer Seite, von der man es nicht hätte erwarten sollen, bereu Beweggrund allerdings ein anderer ist die So z i al- bemokraten fangen an, gegen den Branntwein zu Felde zu >iehen, weil die Brenner dann dieLiebesgabe" entbehren müssen, wenn der Kampf gegen den Branntwein erfolgreich sein würde. Hier heißt es auch: Getrennt marschieren, vereint schlagen so eine Brüderschaft hätte man sich wohl vor kurzem nicht träumen lassen.

Aber auch in anderen Dingen zeigt es sich, daß man Ernst macht mit Vorkehrungen gegen die Verteuerung über» stäupt, die ja nicht ausbleiben lann, wenn mit Einem der Anfang gemacht ist. Viele Hausväter beraten in allem Ernst mit ihren H>ausgenossen, wie sie den Verhältnissen

an die Innsbrucker Stadthalterei aus Meran eürgeschickten sta­tt stischen Bericht bemerft, er müsse in bezug auf die Blinden ein Irrtum unterlaufen sein, da deren Zahl fast um die Hälfte ge­ringer angegeben sei. Me Meraner Behörde anttvortete, die Zahl sei richttg und die Verminderung der Blinden der Tättgkeit Herzog Karl Theodors zu danken.) Auffallend groß waren die Erfolge des Herzogs bei Operationen des grauen Stars. Tausend und abettau sende haben das verlorene Llugenlicht durch ihn wieder- crhalten. Außerdem heilte er Kinderstar, Schielen, Kurzsichtig­keit, Tränen sistxl, grünen Star, sogar einige Fälle von Nctzhant- ablösung. 1 t

Längst haben auch die ärztlichen Fachkreise den Herzog als einen der Tüchtigsten ihres Berufes anerkannt: Kapazitäten wie Lindwurm, Pettenkoser, Nußbaum, Zienffsen Rothmund, u a. zollten fernen Leistungen rückhaltlosen Beifall. Von bat Ver- nwmbten Karl Theodors hatte von Anfang an seine Mutter, Herzogin Ludovica, den Studien des Sohnes Teilnahme ent­gegengebracht. Das liebevollste Verständnis aber sollte er dafür bei seiner zweiten Gemahlin, Maria Josepha von Portugal, finden, mit der er sich 1874 vermählte. Die junge, schöne Frau widmete sich gleich dem Gatten mit Enthusiasmus den Kranken und ist späterhin feine treue Assistentin bei zahllosen Operationen ge­worden. Auch heute noch ist der greise herzogliche Arzt meist schon von früh um 7 Uhr an beschäftigt^ keiner, der Hilfe bei' ihm sucht, wirb zurückgewiesen. In fernen Kliniken in Tegernsee unb München ist bie Behandlung und Pflege kostenlos, nur für Verköstigung wird ein entt'prechender Bettag entrichtet und Mittel­lose find auch davon befreit. Es läßt sich denken, was für peku­niäre Opfer ein so großzügiges Hilfswerk erfordert. Kein Wunder, baß die Bevölkerung den Herzog und seine Gemahlin aufs wärmste liebt unb verehrt. Besonders befreundet ist bie herzogliche Fa­milie mit dem deutschen Kronprinzen, ber jedes Jahr ben Herzog auf seinen Beiitzungen in Tegernsee und Bad Kveuth besucht, um mit ihm gemeinsam im Hochwald zu jagen.