Ausgabe 
5.7.1909 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Montag 5. Juli 1909

Nr. 154

Zweites Blatt

159. Jahrgang

Erscheint tSzlich mit Ausnahme des Sonntags.

a

xa

In

,D

SO.

Wascht

Ö

Schwan

ein bei

i«l! art!

DieSiebener Zamiliendiäiter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Krcisblatl für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

der Preiszuteilung bis auf 97 Punkte herabgegangen wurde.. Ter Nachmittag gehörte zunächst dem

Festzuge.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expeditton und Verlag: e^>51. Redaktion: 112. Tel.-Adr.: AnzeigerDießen.

versitätsturn- und.Tanzlehrer Will von Gießen in so tatkräftiger und umsichtiger Weise, daß man seine Freude daran haben konnte, und schon kurz nach 12 Uhr das ganze Turnen zu Ende war. Tie gestellten Anforderungen waren recht hoch: namentlich der für viele Wetturner neue Dreisprung brachte manchen um den er­sehnten Sieg. Trotzdem wurden vor allem in der Oberstufe recht gute Leistungen erzielt, während in der Unterstufe nicht ganz Drittel der Wetiurner 100 Punkte erreichte und deshalb

J.t ihm marschierttn 71 Turnvereine mit gegen 2000 Turnerck strammen Schrittes daher und außerdem die Marburger Vereine,

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Sberhesien

MM!

«lütten sowie Austritten .trumpfen empfehle ich mich ü rgentlichst.

Dkoarne (beste WlW

habe stets vorrätig.

Preise billigst.

ieslise Hopfner

Roovstraste 32,1L

. Mittwoch ken ' Juli 1909: WW

W| im Zercmr-Lolal. Aich 9 W: MzUrMch Neuwahl des Rechners Uhr: natsdersammluna Tages-Ordnung: i

Ter Dorstand.

8r Giessen-

teitt0rOe W-

,9-1Ner»*T'1

S-ll.

i «l60,b

«bk»611

MMI

ilMto

ii im MDW

Preisverteilung

für das Einzelwetturnen vor sich gehen, während die Ver^ kündigung des Ergebnisses des Musterriegenturnens erst am Mon­tag erfolgt. Gauvertreter Staütv. Helm (Gießen) leitete den feierlichen Akt mit einer kernigen Ansvrache ein. Er dankte darin den Marburgern für die treffliche Vorbereitung des Festes und die den Turnern in so reichem Maße entgegengebrachte Gast­freundschaft. Sein Gut Heil auf die Stadt Marburg fand stür­mische Zustimmung. Gauturnwart Will gedachte der geleisteten tüchtigen Turnarbeit und dankte den Kampfrichtern und ebenso den Wetturnern für ijjre hingebungsvolle Tätigkeit Und letzteres

Professor Johannes psannenstiel f.

Aus Kiel erhielten wir am Samstag kurz vor Re- dattionsschluß die Nachricht, daß der Ordinarius für Ge- b'urtshülfe und Gynäkologie und Direktor der Universitäts- frauenktinik am Freitag! abend an einer Blutvergiftung ge­storben ist. Die Nachricht von dem plötzlichen Hinscheiden dieses in der Vollkraft der Jahre stehenden Gelehrten wirkt er­schütternd. Pfannenstiel war am 28. Juni 1862 in Berlin geboren: 1880 bezog er dort die Universität, 1885 erwarb er die Llpprobation als Arzt, im selben Jahre wurde er auf Grund einer Arbeit über dieExstirpation des karzino- matüsen Uterus" zum Doktor promoviert. Er wurde zu­nächst Assistent am Krankenhaus zu Posen unter Geh. Rat Pauly, 1887 kam er als Assistent an die Universitäts-j frauenklinik nach Breslau unter Fritsch. 1890 habilitierte er sich als Privatdozent. Nachdem er 1893 aus seiner Assist en tent-ätigkeit ausgeschieden, wurde er 1896 erster Arzt am Krankenhaus der Elisabethanerinnen in Breslau. Im selben Jahre erhielt er den Professorentttel. Im Jahre 1902 folgte er einem Rufe nach Gießen als Nachfolger von Löhlein für das Ordinariat der Gynäkologie und Ge­burtshilfe. 1904 erhielt er den Titel Geh. Medizinal-Rat. Mit Beginn 'des Wintersemesters 1907 kam er mach .Kiel, als Nachfolger von Werth. Pfannenstiel hat unsere Kenntnisse über die Geschwülste der weiblichen Unterleibsorgane er­heblich erweitert. Ein großer Teil seiner Arbeiten be­trifft die Entstehung und die Natur der Ovarialgeschwülste. Hierher gehörenUeber die Pseudomucine der cystischen Ovariengeschwulste",Die Genese der Flimmerepitheloe- schwülste des Ovariums",Ueber die papillären Geschwülste des Ovariums" u. a. in. Eine Reihe weiterer Arbeiten be­handelt die bösartigen Geschwülste des Uterus. Eine große Zahl von Abhandlungen betrifft die Therapie. Hierunter sind hervorzuheben Verbesserungen der Technik des Bauch­schnitts, Behandlung der Geburt bei engen Becken, der transperitoneale Ka-rserschnitt, plastische Operation bei um­fangreichen Verwachsimgen der Vagina. Für das v. Winckel- sche Handbuch der Geburtshilfe bearbeitete Psannenstiel den AbschnittEmbettpng des menschlichen Eies in die Ent-

leichterungen für die süddeutschen kleineren Brennereien zur An- nähme.

Und dann hatte Herr Sydow einen großen Erfolg. Er sprach zur Parfümeriesteuer. Ausgezeichnet und wirkungsvoll wie er hinter den verschlossenen Türen der Finanzkommissiorr viel­leicht man weiß es ja nicht im entgegengesetzten Sinne auch gesprochen hat. So wirkungsvoll, daß Herr Dietrich sofort auf die Tribüne stieg und im Auftrage nicht nur seiner eigenen Parteifreunde, sondern auch der Reichspartei und der wirtschaft­lichen Vereinigung, die ihm diesen Austrag offenbar auf irgend einem spiritisttsck)en Wege übermittelt hatten, die Erklärung ab­gab, daß die vortrefflichen Gründe des Staatssekretärs diesePar- tcien überzeugt hätten und sie nunmehr vor ihrem Gewissen ge­zwungen seien, die Parfümeriesteuer abzulehnen. Und nachdem die Stiefväter dieses Steuermonstrums ihr Kind verleugnet, stand schon der richtige Vater, Herr Erzberger, aus der Rednertreppe, und versicherte in das tosende Lachen der Linken hinein, daß er wahr und wahrhastig nicht eine Steuer gegen die Reinlichkeit gemacht habe. Aber letzt hätten auch seine Freunde vom Zentrum kein Interesse mehr an dieser Steuer. Mit einer launigen Rede, die einen Heiterkeitssturm nach dem anderen entfesselte, gab ihr der greise Albert Träger den Rest für alle Zeiten.

Noch ein- ober zweimal mußten die Schriftführer mit den Sttmmurnen durch die Bankreihen wandern, bis endlich der schwarz­blaue Block nach neunstündiger Arbest sein Werk erledigt hatte. Es ließ ihn dabei unbekümmert, daß die Parteien der links­liberalen Fraktionsgemeinschaft währenddes ihren Delegiertentag abhielten und zugleich auch der Zentralvorstand der national- liberalen Partei die Führer der Nattonalliberalen aus deurSitz- ungssaale abrief. Die Linke hätte den Mehrheitsparteie» auch zu viel zugemutet, wenn sie noch in diesem letzten Stadium! von ihnen irgend welche, wenn auch formelle Rücksicht erwartete.

Äer^nhelB^

ing Bulette '

jteäss**

*g«t des Glüc>tern.

Prospekt gratis.

»m3

so daß der Zug eine recht stattliche Länge hatte. Vier Musik­kapellen und zahlreiche Turnertrommler und -Pfeifer machten die Begleitmusik und etwa 80 Fahnen gaben dem Zug ein leb­haftes Gepräge. Vom Bahnhof ging es durch die reichgeschmückten Sttaßen der Stadt auf Umwegen zum Festplatz. Uebcrall wurden zwisckien den Bugteilnehmern und Zuschauern herzliche Grüße und Heilrufe gewechselt und zahlreiche zarte Hände streuten den Tur­nern duftige Blumengrüße auf den Weg. Auch der zweite Kreis- tumroart des Mittelrheinkreises Münch (Hachenburg), der zur Freude der Hessenturner zu ihrem Feste erschienen war und sich über die geleistete Turnarbeit recht lobend aussprach, marschierte inmitten der Turner, die Wagen des Festausschusses verschmähend, im Zug 'mit.

Aist dem Festplatz versammelten sich die Zugteilnehmer vor der Tribüne und nachdem die Marburger Sänger, den weihevollen ChorBrüder, weihet Herz und Hand" unter Lehrer Engelhardts Leitung gesungen hatten, hieß Oberbürgermeister Troje die Tur­ner in Viarburg willkommen. Er streifte in seiner kurzen markigen Ansprache kurz die Entstehungsgeschichte der deutschen Turnerei und betonte den Wert des Turnens für die körperliche Ausbildung gegenüber dem Sport, der nur Einzelheiten der Körperübungen pflege. Nach 'Betonung der Pflicht aller es mit dem Vaterland wohlmeinenden Staatsbürger, die Sache der Turnvereine zu för­dern, schloß 'er mit einem Hoch auf das deutsche Vaterland, in das begeistert eingesttmmt wurde. Machtvoll erklang dannDeutsch­land, Deutschland über alles" hinauf zum alten Landgrafenschloß, zum Bismarckdenkmal und den grünen Höhen, die den prächtigen, leider für den Massenbesuch etwas zu Heinen Festplatz umsäumen..

Rasch ordneten sich hierauf 650 Turner eine noch nie er­reichte Zahl. in 7 Vierersäulen zu den

allgemeinen Freiübungen.

Sie wurden vom 1. Gauturnwart Will geleitet, während der 2. Gauturnwart Günther (Marburg) sie vorturnte. Die gefälligen Hebungen Igingen recht gut, namentlich auch bei der gruppenweise!! Ausführung im Takt. Tie Teilnehmer trugen sämtlich einheitliche weiße Turnkleidung, was den Gesamteindruck wesentlich erhöhte. Im Nu ging nach Beendigung der Hebungen die Auflösung der Schar wieder in Vierersäulen vor sich, worauf die TurnerO Deutschland hoch in Ehren" sangen. Der Ab­marsch erfolgte rasch und sicher im Laufschritt.

Das sich ^anschließende

Musterriegenturnen

rief 74 Musterriegen auf den Plan, die in 3 Gruppen turnten« Außer Riegen an Reck, Barren und Pferd sah man Stützhantel- übungen, Stabübungen, Säbelfechten, Floretfechten, Keulenschwin­gen und Faustballspiele. Eine Fülle guten und wertvollen Turn- stofses gelangte zur Vorführung und Stadt und Land wetteiferte miteinander, nun ein Bild von dem hohen Stand des Turnens im Hessengau zu bieten. Alle Riegen mußten außer ihrem selbst­gewählten Uebungsstoff eine Gruppe Freiübungen turnen. Tas Riegenturnen dauerte bis etwa 8 Uhr.

Der Festplatzbot während des Turnens wie Luch am Abend ein buntbewegtes Bild, so daß auch die auf ihre Rechnung kamen, die keinen Platz am Turnplatz, der für diesen Tag etwas beengt war, erhaschen konnte.

Um i/29 Uhr, eine halbe Stunde vor der angesetzten Zeit, konnte die.

Wicklung der Nachgeburt", für das Veitsche Handbuch der Gynäkologie das KapitelDie Krankheiten des Ovariums und des Nebenovariums". Pfannenstiel war Mitglied des Medizinal'kollegiums der Provinz Schleswig-Holstein, Sekre­tär der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Ehren­mitglied vieler gelehrter Gesellschaften. Der auf so tra­gische Weise feinem1 Beruf zum Opfer gefallene 'Gelehrte ge­noß weit über die medizinischen Kreise hinaus ein außeror­dentliches Msehen. Eine ausführliche Würdigung des hier noch in bestem Andenken stehenden Gelehrten werden wir in den nächsten Tagen veröffentlichen. Zu den Trauer­feierlichkeiten haben sich heute früh mehrere Professoren unserer Universität mach Kiel^begeben

Persönliche (Erinnerungen an Professor Dr. Richard Mut her werden dem B. Börs. Cour, von einem seiner Studienkollegen mitgeteift. Unter den vielen Borwürfen, die man Mut her gemacht hat, war es derjenige der Arroganz und Selbstsicherheit, der ihm am meisten wehe tat. Zu seinen Leb­zeiten ließ sich gar manche irrige Anschauung nicht gut berichtigen und so soll es wenigstens nach seinem Tode einem der ihm nahe stand vergönnt sein, manches über die persönlichen Qualitäten des Mannes zu sagen, den einige wohl überschätzt haben mögen, den ober die meisten unterschätzen, dkamentlich den Vorwurf der persönlichen Anmaßung habe ich nie verstanden und nie ver­stehen können, denn Muther war ganz im Gegenteil imb er gab sich allen Menschen sehr natürlich, eine ziemlich schwankende Natur, der eine übergroße Selbstsicherheit vielleicht zu, ihrem Nach­teile, völlig abging. Es war nach einem Sidytbilbernortrag Muthers in Berlin. Gar viele hatten ihm die' Hand geschüttelt und konoen- tioncHe Worte gesprochen. Einige wenige baten ihn noch mit ihm einige Stunden zusammen sein zu dürfen, bevor er von Berlin verreise. Muther wollte nicht nein sagen und so gingen wir denn, eigentlich ganz gegen seine Gewohnheit, in ein Weinlokal und zwar in die klassischen Weinstuben von Lutter und Wegener, wo vor ihm schon gar mancher bekannter Name gesessen hatte. Anfangs wollte das Gespräch gar nicht recht in Fluß kommen und mir begnügten und, die Stellen des Vortrages zu besprechen, die uns besonders gefallen hatten. Muther schwieg hartnäckig. Plötzlich, vielleicht durch ben ungewohnten Weingenuß angeregt, fing er zu erzählen an, an die Träume und Hoffnungen anknüpsend, mit denen er einst als junger Student in die weite Welt gezogen war. Er sprach mit sichtlichem Schmerz von seinem Mangel anPro-

Stimmungsbild aas dem Reichstage.

Berlin, 3. Juli.

Entnervt soll nach Friedrich Naumann die Blockpolitik des Kanzlers die einzelnen Parteien haben. Vielleicht! Daß aber die Politik des Blocks, die Gewaltpolitik der im Schlepptau des Zentrums gehenden Konservativen die Würde und die Achtung der einzelnen Abgeordneten voreinander sehr stark beeinträchtigt hat, daran ist seit heut kein Zweifel mehr möglich. Nock eine solche Sftmng, dann ist es bis zu Schimpfereien und Tätlichkeiten mit Pultdeckelbegleitung nicht mehr gar so weit, und der Wiener Reichsrat wird vor dem deutschen Reichstag bald nichts mehr voraus haben. Sah sich doch selbst der oft allzu nachsichttge Präsident Graf Stolberg genötigt zu der Feststellung, daß der Lärm der Wurde des Hauses nicht entspreche! Darauf konnte man ja von vornherein gefaßt sein, daß es bei der ztvciten Lesung der Branntlveinsteuer zu heftigen Zusammenstößen zwischen links inüi rechts kommen mußte. Von der ursprünglichen Monopol­vorlage der verbündeten Regierungen war nur noch die Rede mit dem Bedauern, das man einem lieben Toten zu widmen pflegt, den man nicht geliebt hat. Auch das wußte man von Anfang an, daß die Mehrheit die Vorlage in der Hauptsache in der Kominissivnsfassung Gesetz werden lassen würde, nachdem die Reichs­partei durch den Freiherrn v. Gamp hatte erklären lassen, daß sie ttotz schweren Bedenken zustimmen mürbe, um nichtToten­gräber der Reichsfinanzreform" zu werden. Aber nach den Ver- farnblungen der letzten Taye hatte man kaum erwartet, daß die Linke noch in diesem Stadium einen so zähen Widerstand leisten würde, wie es von den Abgg. Dr. Weber (ntl.), Mommsen (fts. Vgg.) Und Schweickl-ardt geschah. Im Interesse der kleinen Brenner, der verarbeitenden Gewerbe und der Konsumenten machten die Wortführer der bürgerlichen Linken, insbesondere Dr. Weber, bei den wichtigeren Bestimmungen des Gesetzes immer von neuem den Versuch, den Agrariern auf ihrem Raubzug, wie der nationalliberale Dr. Semler unter dem Geheul der Rechten das gesetzgeberische Machwerk der Finanzkommission bezeichnete, wenig­stens einige Brocken aus den Fingern zu reißen. Besonders hart gerieten die Redner der Linken, Mommsen, Gothein und Dr. Weber an den Wortführer der Bündler auf der Rechten, Dr.- sicke, und auch für die verbündeten Regierungen fielen scharfe Worte ab. Je länger die schon um 10 Uhr vormittags be­gonnene Diskussion nch fortspann, desto erregter wurde die Stirn mung. Anfangs nur erregte Borwürfe in Zwischenrufen einzelner Abgeordneter und in den Reden herbe Anklagen gegen die Mehr­heit. Wie Hohn wurde es wohl empfunden, als diese cs nicht der Mühe wert hielt, sich nach jeder Abstimmung zu setzen, sondern einfach stehen blieb und so die Paragraphen der Vorlage serienweise annehmend.Schnapsblock"! rief Singer bei jedem Aufruf des Präsidenten undSchnapsblock" stimmten seine Freunde ein. Bald genügte der geringfügigste Zwischenfall, um laute Heiterkeit auszulösen und Lärmsalven zu entfachen. Als aber Staatssekretär Sydow eine Ausführung mit den Worten begann: Die verbündeten Regierungen stehen auf dem Standpunkt", fiel die Baßstimme Singers ein:Die verbündeten Regierungen stehen überhaupt nicht, sie sind ja umgefallen." Der Lärm und die Heiterkeit, die die weiteren Worte des Staatssekretärs erstickten, legen sich endlich, und wieder beginnt Herr Sydow mit denselben Worten, um die gleiche Entgegnung zu erhalten, die gleichen Heiterkeitsausbrüche zu entfesseln. Drei- und viermal dieselben Worte und die sich mit jedem mal nur noch steigernden Kund­gebungen. Auf ihren Plätzen kreischen die Abgeordneten vor Lachen, krümmen und winden sich, schlagen auf den Tisch und vergebens schwingt Graf Stolberg die Präsidentenglocke bis ihr Klöppel zu Boden fallt und der Präsident die Glocke selber dem Klöppel nachwirft. Hilflos in den: tobenden Heiterkeitsorkan ftichtelt er in der leeren Luft herum. Nach Minuten mischt sich dann anderer Lärni in den Trubel und Rufe nach Ruhe bringen durch; und schließlich vermag in einer momentanen Pause Graf Stolberg die Feststellung zu machen, daß dieser Lärm der Würde des Hauses nicht eittspreche. Man erkennt die Bereckstigung dieser Rüge,^aber man lacht weiter würdelos. Inzwischen stand Herr Sydow in unbekümmerter Ruhe auf seinem Standpunkt, fest und unerschütterlich, wie man ihm und die verbündeten Regie­rungen bisher nicht gesehen. Und bald hatte Graf Stolberg nach einem mißlungenen Versuch, die zersprungene Glocke zu reparieren, ein anderes Exemplar dieses Sinnbildes und Macht­mittels seiner präsidentlichen Autorität in Händen, und nun wurde von neuem ein Antrag nach dem anderen, ein Paragraph nach dem anderen von der Mehrheit angenommen ober abgelehnt. Wie es der Mehrheit, wie es den Herren im Zentrum gefiel. Denn bei einigen Anträgen der Linken entdeckte das Zentrum doch einen Haken in den Beschlüssen der Kommission und stimmte mit den Mtionalliberalen und Freisinnigen. So kamen Er-

duktivität", der ihn gezwungen habe, einschäbiger Kritiker" zus werden, während ihm als Jüngling noch die Hoffnung vorschwebte, einst selbst Künstler zu werden. Auch bann, als Kunstschrift­steller, enttäuschte er sich selbst von Tag zu Tag. Groß war feilt Programm gewesen, riesengroß, fast übermenschlich. Eine neue Kunstgeschichte wollte er schaffen, die alles umfassen sollte, was jemals von Künstlerhand gebildet worden war. Tas Projekt! scheiterte an der eigenen Kraft, ober wie er besser sagte, an dem Mangel an Kraft, und an dem Widerstand der Regierung, die die erbetene Summe nicht bewilligen wollte. Ideal um Ideal ging im Lebenskampf verloren. Plan um Plan versank in das Nichts.Alles was ich geschrieben habe", sagte Muther,sind, nichts als abgerissene Fetzen eines einheitlichen Gnmbgedankens, den ich nie in seiner Gesamtheit bewältigen konnte und wohl auch nicht mehr bewälttgen werde."Daß er einunentbehrlicher Stein im Bau der Sezessionsbewegimg" gewesen ist, war sein einziger Trost und sein einziger Lichtblick in dem Dunkel. <5o>. sprach er lange noch über das, was er nicht konnte, lieber das, was ihm die Natur versagt hatte, und kritisierte scharf jeden eigenen perion liehen Fehler und jede eigene persönliche Unfähigkeit. Sieht l Selbstsicherheit so aus? Still und verstimmt gingen wir anderen' nach Hause. Richard Muther, der vielstndierte und vielgereiste, war in manchen Dingen ganz merkwürdig weltfremd. Von längerer' Zeit war er zu einem Vortrag in Berlin cingctaben worden Und; hatte als ThemaKaiser Wilhelm II. und die Kunst" gewählt. Der Vorttag wurde behördlich untersagt und Muther sprach schließ-, lich über französische Kunst. Die behördliche Verfügung empfand > er nun als persönliche Beleidigung. Tagelang sprach er davon und meinte u. a., er verstehe nicht,was der Kaiser gegen ihn habe". Alle Einwendungen und Erklärungsversuche scheiterten an einem selbstsamen linbUcben Trotz. Schließlich wandte er sich in einer Eingabe an den Kaiser selbst und bot um eine Erklärung. Vom Hofmarschallamt erhielt er den Bescheid, daß der Kaiser selbst mit der Verhinderung des angesagten Vortrages naturgemäß nichts zu tun habe und daß man nie beabsichtigt habe, seinen. Publikationen etwas in den Weg zu legen. Dieses Schreiben' machte ihn ganz glücklich und er zeigte es allen Bekannten.

Wer eignet s i ch zum Arz t? In seiner soeben er­schienenen, hier schon erwähnten sozialen StudieDer Arzt" (B.i G. Teubner, Leipzig) schreibt Dr. M. Fürst (Hamburg): Wer eignet sick; zum är^ttichen Beruf: wer kann und wer soll Arzt' werden? Wenn wir das Werturteil bey alten Hom?: daß ein Arzt so viel wert sei, als viele andere Pianner, wenn wir bte Sentenz des Hippokrates: denn ein Arzt, der zugleich Philosoph

56. Gauiurnseft der Sauer Hessen.

V Marburg, 3. JuLi.

Seit gestern hat sich das Marburger Straßenbild, wie man es während des Sommersemesters gewohnt ist, wesentlich verändert. An Stelle der Fahnen und Flaggen der studenttschen Korporationen, die hier kaum um diese Zeit verschwinden, schmücken Fahnen in den deutschen, preußischen und hessischen Landesfarben die alter­tümlichen Gassen und Häuser. Diesmal handelt es sich um den Willkomm, den die Bürgerschaft Marburgs den Turnern Hessens anläßlich des 36. Gauturnfestes entgegenbringt. Seit 1894, wo man hier das letzte hessische Gtauturnfeft feierte, hat sich die Turnerei besonders im ehemaligen kurhessischew Oberhessen mächtig gehoben, ebenso auch in der darmstädtischen Provinz Oberhessen und der Wetterau und dem Kreis Wetzlar: es sind viele neue Vereine entstanden und der Gau Hessen zählt jetzt etwa 90 Vereine mit rund 10 000 Mitgliedern. Schon in den ersten Nachmittags­stunden trafen nach und nach fremde Turner ein und um 4 Uhr tagte im Vereinssaale der Turngemeinde, dem Restaurant Schloß­garten, eine Sitzung des Kanrpfgerichts. Um dieselbe Zeit erfüllten eine Anzahl Mitglieder des Turnvereins, der Turngemeinde und des A. T. V. leinen Akt der Pietät, indem sie auf dem Friedhöfe an den Gräbern der Gauvorstandsmitglieder Schneider und Pabst Kränze niederlegten. Um 8 Uhr sanden sich auf dem Marktplätze zahlreiche Turner '.ein. Im Anschluß an ein Konzertstück der Jägerkapelle sprach per Festvorsitzende, Stadtv. Engel, einen poetischen Gruß und bann wurde nach dem im Lahntal gelegenen Festplatz gezogen, <roo sich Vorträge der Gesangvereine und turne­rische Aufsührungen des Turnvereins, der Turngemeinde und der Tamen-Abteilung anschlossen.

Der Festsonntag war bis zum Abend von so schönem Wetter begünsttgt, wie es der Hessengau 'feit mehreren Jahren nicht hatte. Und das war gut so, denn die zu bewältigende turnerische Arbeit war wesentlich früher, da 'das sonst am Montag stattfindende Einzelwetturnen zum erstenmal schon am Sonntag vormittag vorgenommen wurde und die Anmeldungen zu ihm wie auch zum Musterriegenturnen in viel größerer Zahl als früher ergangen waren.

Schon um 6 Uhr traten die 35 Wetturner der Oberstufe und die 250 der Unterstufe in zusammen 13 Riegen zum

Elnzelwetturnen

an. Vorgeschrieben waren nach der deutschen Wetturnordnung an Reck und Barren je eine Pflichtschwung- und Kraft- sowie eine Kürübung, sowie die volkstümlichen Hebungen Kugelstoßen, Stab­hochsprung und Dreisprung. An die Stelle der Barrenschwung­übung trat eine Freiübung. Tie höchstzuerreichende Punttzahl betrug 150 Und 100 Punkte berechtigten zum Preis, der nach deutscher Turnerart aus Eichenkranz und Ehrenurkunde bestand. Ter Turnplatz war schön und zweckmäßig eingerichtet und die Leitung erfolgte durch den unermüdlichen Gauturnwart, Uni-

iserscher Gesangverein

nächste EillMllde Kniet

i ist vollzähliges Erscheinet, ischl.

Der Vorstand.