Erstes Blatt
159. Jahrgang
Nr. 282 fet «letzener Lnztt-e, erid)ftnf täglich, auver Lonnlags. - Beilagen: piet mal wöchentlich ßietzenerZamtUenblLtter, Möeimal roöctienlLKtdSi diaNtardenUrrisSiehen (Tienslng und Freiing); jiveunnl monnll. Land- virilchastliche Seilfragen Remipvcd) - Anschlüsse: für die Redaktion 113, Verlag u. Expedition 51 Adresse lür Deveschenr
Anzeiger Gießen.
Mittwoch 1. Dezember 1909
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blS oori^tla^s'tth? Rotationsdruck und Verlag der Sriihl'schen Univ.-Vuch- und Steiudruckerei H. Lange. Reöaftton, Expedition und Druckerei: Zchnlstratze 7. y^e,:flenteüe:B;6.UVeX
Die heutige Nummer umfafet 16 Seiten.
Die Thronrede.
Wenn auch der neue deutsche Reichskanzler Herr v. Bethmann-Hollweg sich bisher über die Ziele seiner inneren und äußeren Politik in tiefstes Schweigen hüllte, so waren doch mehr oder minder offiziöse Febern schon seit Wochen dabei, zu verkündigen, daß sich in der äußeren ^olitiT des Reiches nichts ändern werde, und daß das Arbeitsprogramm des Reichstages in seiner bevorstehenden Tagung ein aus parteipolitischen Gründen möglichst beschränktes und indifferentes sein werde, so daß auch aus Dem Gebiete der inneren Politik keine Ueberraschungen zu aewärtigen ständen. Und diese Auguren haben recht behalten. Denn wie man auch die Thronrede, mit welcher der Kaiser den deutschen Reichstag eröffnete, drehen und wenden, und wie sehr man sich bemühen mag, zwischen ihren Zeilen zu lesen, — viel Ueberraschendes bietet sie weder auf dem Gebiete der inneren, noch dem der äußeren
Politik. Sie nimmt nur ganz allgemein Notiz von den dem Reiche neu erschlossenen Einnahmequellen, wenn sie die Vorlage des Nachtragsetats für 1909 und des Reichshaushaltsetats für 1910 ankündigt, hütet sich aber schon dabei, das Wort „Sparsamkeit" überhaupt in den Mund zu ßehmen, sondern spricht vorsichtigerweise nur von dem „Bestreben", mit den aus der Reichsfinanzreform gewonnenen Mitteln die finanzielle Stellung des Reiches zu festigen. Wohl mag es unendlich schwer sein, der augenblicklichen parteipolitischen Situation Erwähnung zu tun, ohne Anhänger oder Gegner der Reichsfinanzreform zu verletzen, wohl mag es unendlich schwer sein, dem früheren langjährigen Reichskanzler an dieser Stelle Worte der Anerkennung zu spenden, ohne das Vertrauenskonto des neuen Mannes zu gefährden, aber wir müssen gestehen, daß wir einen, wenn auch nur leisen Hinweis auf die Kämpfe des
letzten Sommers dennoch erwartet hätten, vielleicht auch mir ein Wort, das die bürgerlichen Parteien zur Einigkeit gegenüber der Sozialdemokratie angesichts ihrer Ver- Üiste bei den Ersatzwahlen ermahnt hätte, — aber nichts xmon. Trotz der Thronrede ist die parteipolitische Situation .r. Deutschland so uaitiel" wie vordem. Der neue Kanzler- Hat die hauptsächlichsten Differenzpunkte zwischen den Partien, nämlich Arbeitskammergesetz und neue Fernsprechgebührenordnung, aus den Debatten der kommenden Tagung gestrichen. Zwar wird die neue Reichsversicherungsordnung nnichließlich der Witwen- und Waisenversicherung, die a so bestimmt dem Reichstag, wenn auch wohl erst nach Ostern, zugebt, zu harten Kämpfen im Parlament führen, und ebenso steht es auch hinsichtlich des Restes der großen Gewerbenovelle. Erfreulich ist es aber immerhin, daß die soziale Fürsorge auch unter Bethmann-Holltveg nicht still- tehen soll, sondern durch einen Gesetzentwurf über die Haus- unb Heimarbeit, wie auch durch ein Stellenvermittlungs- chd eine weitere, wenn auch bescheidene Ausgestaltung erfährt. Daß die neue Strafprozeßordnung und die Novelle zum Gerichtsverfassungsgesetz den Reichstag beschäf-
IClciitcs KeriiUeton.
— Alfred Rethel. Bor fünfzig Jahren, in der ^iacht zum 1. Dezember 1859 starb in Düsseldorf Alfred Rethel, der geniale Künstler, nachdem er in langer Geistes- mtf)t bereits jahrelang vorher ein lebendig Toter gewesen. Seine glänzende Begabung hatte sich bereits im Kindes- i'.ter gezeigt: gleich nach der Konfirmation war der 1816 in Aachen geborene Rethel zu Ostern 1829 nach Düsseldorf gekommen und tinirbe das „Wunderkind" der von Schadow geleiteten Akademie. „Seine ersten Zeichnungen", meint Lolfgang Müller, „boten das Ansehen, als hätte cm gewiegter Künstler diese energischen Linien gezogen; seine siühesten Kompositionen wiesen schon Gedanken auf, als wenn sie der reifsten männlichen Anschauung entsprossen." Lald wurde dem genialen Jüngling der abltrakte Jdealis- wus der Düsseldorfer Schule unbequem, und er schloß sich eine Weile Philipp Veit in Frankfurt a. M. an, unter b'ssen Einwirkung er die religiöse Richtung eine Zeitlang schlug. Sein frühestes Bild auf diesem Wege, „Der heilige Bonifatius", gelangte in die Sammlung des Konsuls Sagner in Berlin, aus der belanntlich später die National- gilerie hervorging. Von einem 1837 entstandenen Werke ..Der Verbrecher, den die Nemesis verfolgt", geht die Sage, i»)B das Bild einen falschen Richter, dem es durch die Verlesung des Frankfurter Kunstvereins zugefallen war, in
Wahnsinn getrieben habe. Am bekanntesten aus Re- Oels Periode war sein „Daniel in der Löwengrube", der l'ch im Stäöelschen Institut in Frankfurt befindet und durch ciüh und Lithographie vielfach bekannt geworden ist. Auch Zeichnungen für den Holzschnitt lieferte er, jo die Jllustratio- ittn zu RotteckS Weltgeschichte", und die Blätter, die er im Hchre 1848 zur Revolutionszeit unter dem Titel „Auch im Totentanz" zu Versen von Robert Reinick durch Hugo cürtner in Holzschnitt ausführen ließ. Sein letztes und rühmt estes Werk waren die vom Kunflverein für die Rhein- lende unb Westfalen bei chm bestellten Fresken aus dem
Karls des Großen für den Aachener Rathaussaal. Fn Jahre 1847 begann er die Ausführung, für die er ich durch eine italienische Reise vorbereitet unb, da auch schon sein Nervensystem zerrüttet roar,. gestärkt hatte. «1$ er von den zehn bestellten Fresken im Jahre ILol bis vierte vollendet hatte, machte er eine Reise nach Dres- »m, unb hier verfiel er dem Dämon des Wahnsinns. Joseph
ans
Kehren mußte an seiner Statt die Fresken nach Rethels
9kachdem die in Ihrer letzten Tagung vereinbarte Steuergesetzgebung dem Reiche neue Einnahmequellen erschlossen hat, muß beharrlich dahin gestrebt werden, die finanzielle Stellung des Reiches mit den so gewonnenen SDbitteln zu befestigen. Der Ihnen zugehende Etatsentwurf für 1910 entspricht dieser Aufgabe. Em Nachtragsetat für das laufende Jahr umfaßt die Rückltände aus den Jahren 1906 bis 1909 zusammen, die das Reich nach dem Finanzgesetz vom 15. Juli 1909 zu übernehmen hat.
noch zugemmrmen. . . ,
— Ein Schritt zur Losung des Fermatschen Satzes Die Göttinger Kgl. Gesellschaft der Wissenschaften Hal Herrn Ä Wieferich aus Münster i. W. für seine kürzlich, in Crelles Journal veröffentlichte Abhandlung über die Fermatsch.' Gleickumg xp x yp = zp einen Preis von 1000 Mark aus den Zinsen der Wolfskehl-Stistung verliehen. Es isl Wieferich, der F Z zufolge, in dieser Abhandlung auf Grund der klassischen Arbeiten von Kummer gelungen, den Beweis dafür zu erbringen, daß jene Gleichung jedenfalls dann in ganzen durch die Primzahl p unteilbaren Zahlen nicht lösbar ist, wenn die Zahl 2j __ 2 durch p- unterlbar ausfällt. Dieses überraschend eimacye Resultat stellt den ersten Fortschritt seit Kummer in der Theorie dcs Beweises des letzten Fermatschen Satzes dar. Das Kapital der Wolsskehl-Stiftung im Betrage von 100 000 Mark ut bekanntlich ovm Stifter für denjenigen besttmmt, der das Problem der Fermatschen Gleichung vollkommen löst.
— Ein Theaterorchester, das über obei unter der Kritik ist, hat das kroatische Nationaltheater in Esseg auszuw'isen. Die Theater-Intendanz hat an die Blatter e' Zuschrift ichtet, in der es heißt:
auch schon gehört h
Adolf Friedrich zu --------- ~ , c . -
Worten begrüßte und ihn als gwnalen Foricher und charaktev- vollen Helden der Wissenschaft feierte, regier die Herren von der Schwedischen Gesandtschaft mit dem Gesandten Baron Trolle an der Spitze, die es sich auch diesmal nicht nehmen ließen, dem Vortrage ihres berühmten Landsmannes beüuroübncn. — öebin, der bei seinem Erscheinen lebhaft begrüßt wurde, wrach in überaus temperamentvollec Weise über seine gesalirvolle Durchquerung der bisher unerforschten Gebiete von Tibet. Nur ein Unterschied war in dem gestrigen Vortrage gegen den ersten wahrzunehmen, den Hedin hier hielt: der liebenswürdige Plauderer hat sich, tote die BBC sagt, noch weiter in der Deutschen Sprache ver- vvMommnet und sein Humor hat an Frische und Ursprünglichkeit
Gerichlsverfassungsgesetz über die Organiialion deN Strafgerichte werden Ihnen von neuem unterbreitet werden.
Unsere überseeischen Besitzungen in Afrika und der Südsee entwickeln sich erfreulich. Das Anwachsen ber eigenen Einnahmen hat das Reich von Ausgaben für unsere Kolonien nicht unerheblich entlastet. Es wird Ihnen vorgeschlagen toeroen, die Usambarabahn bis zum Kilimandscharo fortan ■ > führen und das südwestafritanische Bahnnetz ausznrunden. Diese ' Babnbauten in Südwestafrika werden es ermöglichen, die Kops-- starte der im Schutzgebiete verwendeten Trltppen weiter zu verringern Die Zunahme der werktätigen Bevölkerung und die Erhöhung der Vermögenswerte in den Schutzgebieten inachen eine Reform des Gerichtswesens erforderlich. ZunäckN wird eine dritte Instanz in der Heimat zu errichten sein. Der Entwurf eines Kolonialbeamtengesetzes wird Ihnen vorgelegt werden. Auay werden die Bezüge der Kolonialbeamten neu ^u regeln sein, nachdem die Besoldungsreform im Reiche abgeschlossen worden ist.
Das Gesetz vom 16. Dezember 1907, betreffend die H au- delsbeziehungen zum britischen Reiche tritt mit dem 31. Dezember dieses Jahres außer Kraft. Es wird Ihnen ein Gesetzentwurf zugehen, durch den der Bundesrat ertnächtigt werden soll, den bestehenden Zustand um weitere zwei Jahre zu verlängern. Auch ein Handelsvertrag zwischen dem Deutsche« Reiche und Portugal wird Ihnen unterbreitet werden.
Um dem deutschen Volke eine ruhige und kraftvolle Ent-' Wicklung zu sichern, ist meine Regierung andauernd bemüht, friedliche und freundliche Beziehungen zu den anderen Mächten zu pflegen und zu festigen. Mit .Befriedigung sebe ich, daß das mit der französischen Regierung getroffene Abkommett Über Marokko in einem Geiste ausgefuhrt wird, der beit Zwecken, die beiderseitigen Interessen auszugleick^en, durchauv entspricht. Im Deutschen Reiche ist ebenso wie in der österreichisch- ungarischen Monarchie dankbar der Zeit gedacht worden, als vor einem Menschenalter die durch den Beitritt Italiens zum Drei bünde erweiterte Allianz beider Mächte ins Leben trat. Ich hege das Vertrauen, daß das Zusammenhalten der drei verbündeten Reiche auch ferner seine Kraft für die Wohlfahrt ihrer Völker und die Erhaltung des Friedens bewähren wird.
Und nun, geehrte Herren, wünsche ich Ihren Arbeiten ge-' deihlichen Erfolg ztrm Heile des Reiches!
Entwürfen vollenden.
— Sven Hedin, bet berühmte Tibetforscher, weilte vorgestern wieder in Berlin, um auf Einladung der Abteilung Berlin-Charlottenburg der Deutschen Kolonialgesellschaft über seine Reise durch Tibet zu sprechen., Es war derselbe Vortrag, den Sven Hedin im Beisein des Kaiserpaares am 12. März im Ktvll- fefcn Theatersaal vor der Gesellschaft für Erdkunde gehalten hatte, und den er — wie m scherzhaft in seiner Einleitung bemerkte — bereits zum 109. Male wiederholte. Trotzdem war der große Saal bet Hochschule für Musik lange vor Beginn des Vortrages überfüllt, und in den Seitengängen, auf der Bühne und den Galerien standen die später Gekommenen Kopf an Kopf gedrängt. Manck-er mag darunter geroefen fein, der den Vortrag im März auch schon gehört hatte, so der Vorsitzende der Abteilung, Ler^Og Adolf Friedrich zu Mecklerrburg, der den Redner mit herzlichen
„Das Kommando des k. u. k. Infanterie-Regiments Nr. 78 hat in einer Zuschrift vom 20. d. M. der Intendanz mitgeteilt, daß es stch veranlaßt sehe, das Theaterorchester sofort zu kündigen, falls sich in den Tageszeitungen noch einmal Kritiken seiner musikalischen Leistungett im Theater — ob lobende oder tadelnde — finden würden. — Im Interesse des Fortbestandes des kroatischen Nationabtheaters stellt daher die Intendanz an die geehrte Redaktion^ da§ höfliche Ersuchen, in Hinkunft von einer Kritik des! Theaterorchesters in Ihrem geschätzten Blatte gefälligst Abstand nehmen zu wollen!" — Die Esseger Blätter fügen, der Nat.-Ztg. zufolge hinzu, daß sie diesem Verlangen, oaö1 ohne Beispiel dastehe, nicht werde entsprechen können. Das Militärorchester spiele im Theater und sei daher der Kritik wie jedes andere unterworfen. Sic verlangen« aber, daß infolge dieses Zwischenfalles, in dem das Kommando das Recht der Kritik konfiszieren wolle, das Theater sofort an die Schaffung eines eigenen TheaterorchesterA aus Zivilmusikern schreite.
— Einen Ausstand während der Borstel^ lung veranstalteten die Beleuchter der großen Oper zn Paris während einer Ehrenaufführung für den Könige von Portugal. Nach dem ersten Aufzug weigerten sich die Arbeiter entschieden, die Bühne zu beleuchten, wenn ihnen keine Lohnerhöhung bewilligt werde. Wohl ober übel mußten sich die Direktoren zur Unterzeichnung des fertig ausgearbetteten Vertrages entschließen. Ob sie an die erpreßten Zugeständnisse gebunden sind, ist untfj fraglicher, als die Arbeiter nur mittelbar in ihren Diensten stehen. Die Beleuchter sind nämlich von der Eoison-Geselbi schast angestellt. Selbst Jaurös sprach sich in einer Versammlung der Journalisten schule gegen ein derartiges Vorgehen aus.
— Kleine Kunstchronik. Frank Wedekind wurde bei seiner Vorlesung im Konventgarten in Ham- bu rg energisch ausgezischt. — „Pittchen" ist der Titel einer neuen, breiartigen Komödie von Klara Vie- big, deren Stofs und Hauptfigur ihrem Roman „D a s Weiberdors" entnommen sind. — Björnsons Lustspiel „Wenn der junge Wein blüht" wurde bei seiner zweiten Erstaufführung in die int
Münchener „Schauspielhaus" pattfand, sehr freundlich, aber mit großer Zurückhaltung, ausgenommen.
tigen würden, war schon bekannt. Wo aber bleibt der angekündigte Gesetzentwurf zur Entlastung des Reichsaerichts, wo die Neuordnung der Gebühren für Zeugen und Sachverständige und wo schließlich das Gesetz über den Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit, sowie die Neuordnung des Reisegeldes und der Diäten der Beamten? Und wie steht es ferner mit der Neuregelung des Apothekenwesens und wie endlich mit dem Ausbau des Talonsteuergesetzes? Darüber sagt die Thronrede nichts.
Dieses Manko wird dadurch einigermaßen ausgeglichen, baß auf kolonial em Gebiet m.h-ere recht begrüßens werte Gesetzesentwürfe in Aussicht gestellt werben. So vor allem bas sehr notwendige Kolonialbeamtengesetz, eine Reform des kolonialen Gerichtswesens und die Erweiterung des ostafrikanischen und südwestafrikairischen Bahnnetzes. Was in der Thronrede über die auswäriige Politik gesagt wird, ist flüchtig und unbedeutend. Besonders die Erwähnung der Marokkofrage war sehr unglücklich. Wir können in dieser Beziehung uns nur der ^Natl. Korresp." anschließen, wenn sie schreibt:
Arn nüchternsten ist der Exkurs über das Auswärtige aus- gefallen. Unb wir möchten falt annehmen: der wird auch am wenigsten Beifall finden.. Kann man denn wirklich im Ernst behaupten: das Marottoabkommen sei aUenthalben in einem Geist ausgeführt worden, der den Zwecken, die französischen unb deutschen Interessen auszugleichen, immer entsprochen hätte? Unb tut man gut, noch immer von feindlicher Stelle unter Vertrauen auf den Dreibund zu proklamieren, wo doch in Wahrheit kein Halbwegs Urteilsfähiger dies Vertrauen mehr hegt. Uns scheint: diesen Bedenken sollte auch in der kommenden Etatsberatung Ausdruck gegeben werden. Wie wir denn überhaupt gerade im Lichte diel er Thronrede die Notwendigkeit, von der wir schon neulich hier gesprochen, ganz besonders empfinden: unsere auswärtigen Geschäfte mehr, weit mehr als bisher im Reichstage zum Gegenstand patriotisch sorgender Erwägung zu machen.
Die Thronrede bet der Eröffnung beß Reichstags lautet wie folgt:
Geehrte Herren! Bei bem Eintritt in Ihre Beratungen entbiete ich Ihnen, zugleich namens der Verbuirdeien Regierungen, Gruß und Willkommen.
Die Arbeiten des Bundesrats an der in einem Vv,.entwürfe bereits bekannt gegebenen Reichsversicherungsordnung nähern sich ihrem Abschlüsse. Dieses Gesetz wird neben einer Vereinheitlichung des geltenden Rechts und Aenderunaen in der Organisation bie Krankenversicherung aus weitere Kreise aus- dehnen und der Fürsorge für die arbeitenden Klassen die Hinter- bliebenenversichermrg hmzufügen. .
Ein neuer Gesetzentwurf wird die Vorschriften der nicht vvu- stündig verabschiedelen Gewerbeordnungs-Novelle zu- sammenfassen, über welche »wischen den verbündeten Regierungen und dem Reichstage ein Einverständnis bestand. Daneben wird ein besonderes Gesetz über die Hausarbeit vorgelegt werdeii Außerdem wird Ihnen der Entwurf eines Stellenvermitt- leraesetzes zugehen. „ , t_
Die in der letzten Tagung gleichfalls nicht erledigten Entwürfe einer Strafprozeßorbnung und einer Novelle zum
Ueher die erste Sitzung bes Reichstages sieh!e BL- richt im 3. Blatt erhalten wir noch folgenbes Stimmungsbild:
Aus den feierlichen Eröffnungsakt folgte im Reichstage nüchtern und geschäftsmäßig die geschäftliche Eröffnung der Tagung. Die Tische des Buirdesrats waren leer. Tie Abgeordneten hatten die zweistündige Pause benutzt, um ihr festliches Gelvand mit dem bürgerlichen Ärbeitsrock zu vertauschen. Aber das Bild war nicht ganz das gleiche^ wie sonst äm ersten Tage des neuen Zusammenseins. Dio ScheidegrenzenzwischenlinksundrechtS tra^u. in fast plastischer Sichtbarkeit hervor. Nur hier und ba sah man einen Herrn von der Rechten zu ben Bänken her Liberalen herüberkommen, ober von her Linken Händedrücke' mit Mitgliedern der rechten Seite wechseln. Umso geschäftiger verhandelte der Direktor des deutschen Bauernbundes, Dr. Böhme, bei den Bänken der Nationalliberalen mit Abgeordneten dieser Partei. Graf Oriola hat über die Kolonnen des Zentrums hinaus nach der,Gegend der Frei- konservativen herübergewechselt und wenigstens heute dort, Platz genommen; offiziell ist beim Bureau des Hauses ein Wechsel der Plätze noch nicht beantragt worden. Einen Inhalt hatte die heutige Sitzung nicht, sie galt nur der Fest-, stelluna der Beschlußfähigkeit, die das erste Mal zu Beginn einer neuen Tagung in aller Form durch Namensaus-1 ruf zu erfolgen hat. Bon da ab gilt bekanntlich der Reichs-


