Ausgabe 
5.3.1908 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

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Herr Reichskanzler bereit, darüber Auskunft zu geben 1. wann die Vorlage, betreffend die Erhöhung der Beanitenbesolbungen, an den Reichstag gelangen wird? und 2. ob, falls diese Vorlage cv|t im Herbst 1908 dem Reichstage zugehen sollle, dieselbe rückwirkende Kraft aus den 1. April 1908 erhalten soll? Die Jntervcllation trägt die Unterschriften sämtlicher UJlitgüebec der nationalliberalen Partei.

Uebcr den in erster Lesung von der Neichstagskoinmission

abgelehnten S p r a ch e n p a r a g r a p h e n des V e r e i n s g e ° etzes wird ein Koni pro in angcslrebt, der aus folgender Grundlage zustande kommen dürste: Die Freisinnigen erklären sich damit einverstanden, baß die R e g e l u n g der Frage der Landesgesetzgebung übertragen werde, und be­gnügen sich mit der reichsgesetzlichen Festlegung einiger Punkte, an die die Einzelstaaten gebunden sein sollen, wie Veireiuug der Wahl' Versammlungen vorn Sprachenzwang und dergleichen ohne dieses Zugesländms der Liberalen würbe es den Landtagen an der Zu- Iländigkett sür diese Fra--"'

O l d e n b n r g, 4. . ....

tag hat heute die W a h l r e ch t s r e s o r m endgültig angenommen.

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Deutsches Reich.

Berlin, 4. März. Der Kaiser empfing gestern abend den russischen Obersten und Kommandeur des Husarenregiments Narwa, Baron Budberg, zur Ueberreichung eines Geschenks deS Osfizieckorps seines Regiments.

Die Einführung de8 Po stschecko orte Hr8 steht unmittelbar bevor. Die dem Bundesrate zur Beschluß, sassung vorgelegten Anträge des Reichskanzlers nehmen die Errichtung von Postscheckämtern in neun Großstädten in Aus. sicht. Für die Einführung deS Ueberweisungs- und Scheck­verkehrs im Reichspostgebiet ist.der 1. Januar 1909 in Aus­sicht genommen. Verhandlungen sind mit Bayern und Württemberg eingeleitet worden, um den Anschluß dieser beiden Bundesstaaten mit selbständigem Postwesen an den allgemeinen Postscheckverkehr herbeizuführen.

Der sozialdemokratische Stadtverordnete in Berlin, Singer, ist den Berliner Abendblättern zufolge als Mitglied der städtischen Schuldeputation nicht bestätigt worden.

ArrslsrnS.

Paris, 5. März. Die Kämpfe der f r a n z ö s i s ch e n Truppen mit den Marokkanern a m 2 9. F e b r n a r waren mörderisch. Atü betd>n Sei!.:: wurde mit großer Erbitterung gekämpst. DemSlatin" zusolge verloren die Franzosen bei diesem Kämpfe 15 Tote, während 50 Soldaten verwundet

Das Appellationsgericht bestätigte den Beschluß der A d v o k a t e n t a m m e r, dem zufolge Hervö aus den Listen der Anwälte gestrichen worben ist.

Bonbon, 4. Aiärz. tote Heur t) E a nt p b e l l - B a n n e r- m a n hatte heute einen ruhigen Tag. Die geringe Zuitahme der Kräile hat sich erhalten. König Eduard besuchte den Minister

Alö ch t en doch d on meinen Gießett er Freunden recht viele i m n ä ch st e tt I a h r e d e n K ö l n e r K a r n e v a l besuchen und dazu zwei Dinge mitbringen: ein offenes Herz und schönes Wetter. Er wird daun allen gefallen und viele werden sagen: Gelle d o guck st e!

Sollte sich aber ein verirrter Misanthrop zu ihnen gesellen, so wüßte ich ihm keinen anderen Rat zu geben als den, welchen mir heute auf der Elektrischen in Gießen soll es ja atich bald Litte geben ein schlagfertiger Kölner gegeben hat. Jck^ wollte nm (teigen und sah einem iortfahrenden Wagen mit dem Seu'zer nach: Der fährt mir doch gerade vor der Nase weg! Ter Kölner riet, mir in aller Ruhe: Drick dich doch eröm! Besten Gruß

rage fehlen.

:. März. Der old enburgts che Land-

W n Farben liest Wiesbaden or.1878. Wiesbaden st

heute nachmittag, um sich vor der Abreise der Majestäten nachj Biarritz von ihm zu verabschieden.

Barcelona, 4. März. Tie Polizei entfernte heute früh Maueranschläge, m denen ein Attentat gegen König Alfons angekündigt wird für den <>all, bag biejer (eine geplante Reise nach Barcelona zur Ausführung bringen sollte.

Petersburg, 4. März. Einige vierzig xiiinQintt* q l i c b e r ber rechten Fraktion haben eine Interpellation an den M a r i n e in t n i (t e r eingebracht betr. den aus der englischen Werft Weockers erbauten Kreuzerjinrit . ^.anaa)1 hätte die gesamte Ausrüstung bes Kreuzers absolut nicht den A n f o r b e r n n g e n entsprochen. Trotzbeni habe bas jJ<artne. Ministerium ber genannten Firma bie Zeichnung der neuen ad)t- und zehnzölligen Geschütze übersandt und ihr auch von dem neuen russischen Verfahren ber Paiijerplattenherstellung Mitteilung ge­macht. Die Interpellation erblickt in ber Haublungsmeise des Marineuiimsters ben Verrat eines Kriegsgeheimnisses.

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KleineChronik aus Kunst u n d W i s s e n s ch a f t,- Das neue Berliner Opernhaus soll, ivic bei Beratung der Budget-Kommission des preuß. "Abgeordnetenhauses über ben Etat des Finanzministeriums von ben Vertretern ber Regierung erklärt wurde, auf dem Grundstück beS Kroll'jche-i Etablissements am Königsplatz erbaut werden. Ein bestimmtes Projekt liegt noch nicht vor. Tas alte Opernhaus soll jedenfalls erhalten bleiben. Russische Blätter melden, daß ber Heilige Lynob beschlossen habe^ bie E x c o m m u n i c a t i o ii bes Dichtergrafen Tolstoi auf­zuheben, wenn Tolstoi sich von seinen Lehren lossage. Ter toyiiod hat Tolstoi von biesem Beschluß benachrichtigt, boct) bürste Tolstoi kaum ben gefarberten Wiberruf leisten, zumal das Okiober- ü)lanüe|t Gewiffeiisireiheit proklamiert hat. Für bas vom deutschen und österr. Scheffelbunb im Einvernehmen mit zahlreichen hervor­ragenden Schriltstellervereinen, toängeroerbünben, deutschen Kultur- unb Schulzvereinen, sowie alpmistischen Korporationen am i'l o n b- s e e im Sälzburgischen geplante Scheffel-Ratio naldenkmak nehmen bie Rheinische Kreditbank und deren Zweigmederlaffungen Spenden entgegen.D i e Schaubühne", Herausgeber Sieg­fried Jacobsohn, enthält in Rr. 10 vom 5. "März u. a.: "Aristophanes von Karl Jmmermann, Lysistrata von S. I., "Jin fflbolph L'Arronge von Siegwart Friedmann, Die Gesellschaft des 2(bb6 Ehateauneuf von Eduard Stucken, Vier Kammerspiele von Lou Andreas-Salome, Em Schauspielerstück von Alfred Polgar, und wie sie sterben von Ferdinand Hardekopf. Aus dem Familienkreise von Emile Zola wird mitgeteilt, daß die Gebeine Iotas auf dem Friedhose Aiontmatre zu Paris ausgegraben und in aller Stille nach dem Pantheon übergeführt iverden sollen. Dort findet am 2. April die feierliche Beisetzung statt. Bei dieser wird ber französ. Unter- richtsmmister bie Trauerrede halten. Tas Kuratorium der Baucrnfelb-Stistung in Wien beschloß, ben Schriftsteller Karl Schoen Herr in Wien für fein DramaErde" Das bemnächst m Frankfurt zur Aufführung gebracht tuirb, Buchverlag von S. Fischer in Berlin. D. Red.) eine Ehrengabe d o n 4 0 0 0 Kronen zu verleihen. Am 4. "März ist ber hervorragende serbische Schriftsteller, Suno M a t a v u l j, am Herzschläge gestorben. Münchens populärster Komiker, Papa Geis, ber als ein Wahrzeichen Münchens 30 Jahre lang im Altenhofer Pollingen Einheimische, Fremde unb Studenten durch seinen köstlichen Humor und seine ivürzigen, nie schlüpfrigen Couplets entzückt hatte, ist zum Ausgang ber Fastnacht, 67 Jahre alt, in München gestorben. Papa Geis, ein früherer Teologe, hatte sich eines Herl'eidens wegen vor zehn Jahren^ bereits von der Ausübung seines Berufs zurück­ziehen müssen. Sein Sohu, ber vom Vater die feine komische Be-, gabung und die humoristisch-poetische Ader geerbt hat, ist ber Buffs ber Münchener Hofoper.

8.

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Gertrud Eyjotdt.

Tfa wenigen Wochen, ivelche non) vor dem Schluß der topirl- -eit des Gießener Stadttheaters liegen, iverden vor den vielen bereits abg.'laufenen Wochen etwas voraus haben: Die Gastspiele -Weier großer Künstlerinnen, der Eysoldt und der Trief a). Bei dieser Haven mir seit Jahren bas Wachsen ihrer Künftlerschaft verfolgen können an der Hand ihrer zahlreichen Gastspiele in den Vorstellungen des Theatervereins, Gertrud Eysoldt dagegen stattet der Gießener Bühne am nächsten Dienstag den erften Besuch ab.

Es wird interessieren, einiges über die Künstlerlaufbahn des berühmten Gastes zu hören.

In Pirna als Tochter eines Rechtsanwalts geboren, Jourbe sie in Münäf-en ausgebildet unb debütierte auch dort im Hostheater !in dem Putlitz-chen LustspielSpielt nicht mit dem Wer''. ersten Engagements waren Meiningen und Riga. Ihre schlanke, beroeglidje Gestalt schien sie zunächst auf das Fach der Kliabenvollen zu verweisen, und so spielte die denn den Schlingel in Benedix Vetter", den Puck im Somniernachtstranm, die Knabenrolle in Renaissance" sowie denkleinen Lovd". Eine eigenartigere Ge­staltung straft zeigte sie dann als Maler-Else in Wilbrandts Maler", eine Rolle, die iwch auf ihrem Gastspiel-Repertoire steht. Sie spielte sie dann auch als Gastin-Rolle im Berliner Königl. Schauspielhaus und gefiel dort in ihr sowie in der Rolle der Anneliese außerordentlich. Zum Engagement kam es aber nicht und so ging sie auf mehrere Jahre an das Stuttgarter Hoftheater, Mo sie in HalmsWildfeuer" den jungen unbändigen Grafen Nene, der sich als Komtesse entpuppt, mit Humor und zarter Emp­findung spielte, wo sie die Hannele von Hauptmann gab, und wo sie insbesondere auch zuerst als die lugendliche Hedwig in ^bscn'sWildente" auftrat. Von dort ging sie nach Berlin, bas sie feitbenu nicht mehr verlassen hat; zunächst an bas Schiller­theater. Hier warb ihr Gelegenheit, fick) als vorzügliches Kätchcn vvuj Heilbronn zu zeigen und bei einer Ausführung der freien Volksbühne eine Gestalt.zu freieren, welckfe die allgemeine Aus- merfianiEeit auf sie lenkte: die rührende Gestalt der Orti in Gras KeyserlingsFrühlingsopfer" (in Gießen vor drei Jahren vom Theateroerein mit der vortrefflichen (Senta Br6 zur Auf­führung gebracht). Nach einem kurzen Aufenthalt am Lessing- theater ging Gertrud Eysoldt dann zum Kleinen Theater, iuo ber neue Direktor Max Reinhardt eine Schar auserlesener Künstler nur siä) versammelte, die den Ruhm der neuen Bühne unb ihres neue Bahnen ivaubelnden Regisseurs und Direktors bald m alle *r-lt verkündeten. Ein neues Rollengebiet eroberte sie sich hier, tte schuf bie Lulu-Eva imErdgeist", sie spielte im Nachtasyl bie Geliebte des Barons, endlich anch die Salome. Und weiter ging mit Reinhardt an das Deutsche Theater, als er biest große Buhne übernahm, und sieht hier in erster Linie unter ben Trägern klangvoller Namen, an beiten diese Bühne reich ist.

Gertrud Eiffoldts Stärke liegt in der Darstellung von Naturen, welche kompliziertere Voraussetzungen in sich tragen, mögen sie nun ins Mystische gehen oder in§. Bestialische. Sowie sie selbst die gründlick-sten Studien macht, ehe sie mt die Gestaltung einer Rolle geht, so sollte auch ber Zuschauer, welcher ihre Mustterschaft voll würdigen will, es nickst versäunten, sich vorher mit dem Vuhalt des Stücks unb mit dem Gehalt il-ver fftolle etwas vertraut öu mack-en, und deshalb möchten wir allen denen, welche am WHlen Dienstag Gertrud Eysotdt als Hedwig sehen wollen, emp- lehlen, am Samstag abend den vrientierenben Vortrag zu be­suchen, den Professor Collin überIbsen und seine Wildente" .^^tyecuer halten wird. Ter Besitz, eines zum Dienstag Lewsten Billetts berechtigt auch zum Besuch dieses Vortrags.

igt bie Genies n Angebots tix bis juml5.tR

hessische Zweite Kammer.

D L r m st a d t, 4. März.

Ami Ministertisch: Staatsministcr Ewald, Finanzminister.' G n a u t h , Minister bes Innern Braun, Geh. Staatsrat Krug, v. Nidda. ' __ ,

Präsident Haas eröffnet die Nutzung um 9JA Uhr vor schwach besetztem Hause. Nach Eintritt in die Tagesordnung wird der Antrag der 2lbgg_. Haas und Gen. betr. die Vereins- unb Versammlungsfreiheit, der inurzur vorläufigeu Be­ratung" stand, gleich einer ausführlichen Besprechung unterzogen.

Staatsminificr Ewald gibt eine längere Erklärung über btc Stellwngk ber Regierung ab: Die Regierung fteht iti »W:santlid;<n noch heute auf dem Standpunkt, ben sie bei Gelegenheit bcr Inter­pellation Tr. Schmitt und Gen. zum Ausdruck gebracht hat. Ein Anlaß zur Abänderung der,Bestimmungen über bie Vereins-, tntb Versaminlungsfreiheit hat für Hessen nicht vorgelegen. Die Regierung lsttlt es aber für iljre Pflicht, an der nationalen Ausgaoe der Schaffung eines einheitlichen Vereins- und VeriammlungL- rechtes für das Reich mitzuwirkeu, das schon seit Jahren von allen Seiten dringend gefordert wird. Tie Regierung tonnte fich zu einer Mitarbeit an dieser Ausgabe um so mehr entschließet, als sie crlennen ntiußte, daß der Gesamtiiihalt des Entwurfs für den weitaus gwßien Teil Deutschlands einen Fortschritt barbtetet. Für Lessen bringt der Entwurf Kontrollmaßregent und Befttm- tunngen, für welche sich bei uns ein Bedürfnis nicht ergeben habe, so die Bestimmungen über Versammlungen unter freiem Himmel ?c. Materiell aber bedeuten diese Vorschriften eine Verschlechterung! der Versamnilungsfreihett nickst, als bei uns nach Art. 80 der Kreis- und Provinzialordnung und ß 64 der Stäbteorbnaug bcr Kreis rat ,r,no der Bürgermeister befugt find, Maßregeln gegen irgendwelche gefahrbringende Zustände zu treffen, worunter auch Versammlungen usw. fallen, bereit Entstehung ober o'vclietzung ueroinbert werden kann. ES wäre deshalb verfehlt, anzunehnven, der Entlvurf mute uns ein hohes Maß von Lpfern an stolitischoe Freiheit zu. Der Herr Miuistec verireist im Auichttist daran auf einen Artikel des Prof. Laband-Sttaßburg in der F-urftenzcttting vom Monat Januar, und verliest einige Sätze daraus, welche: die Sozialdem-olrattn mit höhnischcit Zwiichenrusen begleiten, be­sonders bei bcr Stelle, an lückljec Prof. Labanb betont, baß der Hinweis auf die freiheitlicheren Bestirnntungen in Württem­berg, Hessen, Kvburg usw. verfehlt sei. Weiler betont der Staate

Stimmur.gsbilö aus dem preuh. AbgeorLnetenhaus.

Berlin, 4. März.

Um den Etat des E i s e n b a h n m i n i st e r i u m s gings dm Mittwoch im Mgeordnetenhanse. Aber der Mann, dem von den Herren Volksvertretern der Kopf gewaschen wurde, war nicht sowohl Herr Breitenbach, sondern sein Oberkollege: der preußische Finanzminister. Sonst pflegt bet der zlveiten Leiung des Etats eines Ministeriums nur der Refsortchef zugegen zu sein. Wer Herr von Rbeinbaben mochte fühlen, daß er als der eigentlich verantwortliche Redakteur des Eifenbahnetats sich bcr Rechenschaftslegung nicht entziehen bürfe, unb fo saß er beim, verbrießlich zvvar, alber wohlgewappnet mit "Nottzblättern auf seinem Stuhle. Der Tanz begann: Herr von Hey beb r anb, der konservative Führer, machte den Vortänzer. Gr lief; an dem Etat kaum ein gutes Haar: Unübersichtlich, unklar, nach falschen finanzpolitischen Grundsätzen ausgestellt, nannte er den Etat. Aber er verfuhr glimpflich mit dem Chef der Eisenbahner: Ihm zollte er unter dem Beifall des Hauses alle Anerkennung, und die Spitze feiner Kritik richtete sich gegen Herrn von Rheinbaben. Auch der verflossene Herr von Stengel be- kani ein paar unliebenswürdige Worte in hen Orkus der Amts- losigkeit nachgesandt: Der F a h r k a r t e n ft e u e r widmete Herr von Heydebrand eine in ihrer lapidaren 5Mrze doppelt grimmige Kritik. Sein A und O war: Größere Sparsamkeit! 5)err Mal- l e n b o r n vom Zentrum war der einzige Anwalt der Regie­rung: Er ist mit dem Etat, und er ist auch mit der ^ahrlartem steuer zufrieden. Wer er blieb großenteils unverständlich, und das Echo, das fein Plaidoyer für die Regierung weckte, zeigte, daß das Haus Herrn von .Heydebrands Betrachtungswerfe vorzog. Der Nationalliberale F r i e d b e r g , der Freitonservative Freil)err oon Zedlitz, der Volksparteiler Gyßling und Herr Pach- nicke von der Freisinnigen Vereinigung hieben in die)elbe Kerbe wie Herr von Heydebrand. Und es war nicht ohne eine politische Pikanterie, als nicht nur die beiden freisinnigen Redner, sondern auch der Freikonservative sich der Forderung des Abg. Dr. H-ried- berg anschlossen, die Eisenbahnüberschüsse solltest nur bis zu emer gewissen Höhe für die übrigen Staatsbebürsnme m Anspruch genommen werden. S^err von Rheinbaben wehrte sich aus Leibeskräften und, wie man zugestehen muß, nicht ohne Ge,chw. gegen diese Forderung. Aber was er auch sprach, was er auch langatmig zu erweisen suchte: Ueberzeugen konnte er niemand. Und Herrn Breitenbachs nüchterne lind ziemlich schüchterne Erklä­rungen konnten den Regierungskohl auch nicht fett machen, too sehen denn beide Minister noch einer Reihe schwerer Bage sorgen­voll entgegen, wenn anders nicht Herr von Rhembaben es vor- Aeht, für die weitere Beratung von der Bildfläche zu ver­schwinden. In seinem Interesse liegt das ganz gewiß, und e.' liegt' sicherliM auch im Interesse des Herrn Brettönbach. Mit ihm wird das hohe Haus zweifellos viel glimpflicher verfahren, wenn Herr von Rheinbaben, dessen Gegenwart immer etwas Kampfstimmung erregendes an sich hat, durch Abwesenheit glanzst

Die Erhöhung der Beamtenbejoldiingen im Reich.

Von den Abgeordneten B a s s e r in a ii n und Gral o. O r i o l a ist folgende Interpellation eingebrachr worden: Ist der

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Nr. 55 Erstes Blatt 1S8. Jahrgang Donnerstag Marz L808

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wirtschaftliche Zeitfragen W g ffl H V V auswärts 20 Piennlg.

BLL- General-MMger für Gberheffen MZ für die Tagesnummer KotGtiotisörud und Verlag her Vrühl'schen Univ.-Vuch- und steindruckerei. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulftra^e 7. Anzeigenteil/''H." Beck, bis vormittags 10 Uhr.

Vom Kölner Karneöai.

Wir erhalten von hochgeschätzier Seite aus K ö l n folgende Zuschrift:

Veretirliche Redaktion! Ich will nicht fragen, wer Ihrem Anzeiger die grausige Nachricht über den Kölner Karneval gegeben bot die ich eben mit Staunen, ja mit Entsetzen in Nummer 5^ Ihres geschätzten Blattes lese.') Der Berichterstatter ist sicher ein braver Alami'), aber die Muse des Kölner Humors hat seinen Scheitel und fein Herz nie berührt?) Wie verschieden ist doch der Eindruck, den die Atenschen von bevjelben Sache empfangen! Ich selbst bin ein geschworener Feind oller Ausschreitungen, die der Kölsche Jastelovend mit sich bringt oder die, richtiger gesagt, un- kölnische Gaste in ihn fanembringen. Aber wenn ich je in meiner Vaterstadt einen Karneval lebendig, heiter, witzig, ch ö n und herzerfreuend gefunden habe, so war es der eben verflossene.

Von Roheiten ist mir feine zu Gesicht gekommen. Der Lärm war manchmal, ja meistens ohreiizerreisjend und betäubend. Aber Jedem, der empsindtiche Ohren hat, stellen die Kötner es frei, zu Haufe zu bleiben. Das Gedränge schien oft lebensgefährlich. "Aber der zarteste Säugling, der mit oder ohne Narrenkappe lundurchgetragen wurde, »st unversehrt geblieben. DasKüßchen in Ehren" das der Kölner an ben Tagen ber allgemeinen Tollheit bei Verwanbten, Be° kannten unb Tanten, ja auch bei einer jremb emgebrungenen willig wiberwilligeu Schönen auzubriugen sein verbrieftes Recht hat, mag hier unb da etwas mißbraucht ivorben sein, indem er von mutiuilügcn Gesellen auch aus ber Straße geübt würbe. Aber eigentliche Roh- heü war wohl selten babei unb ber Ueöcrmut grenzte nicht, wie in früheren Jahren, an Gewalt.

Wie es in ben Wirtshäusern zuging, vermag ich nicht zu sagen, da ber Tabakrauch, ber aus Fenstern unb Türen brang, keinen (Smblicf gestattete. Aber es schallten lustige Lieber baraus hervor, iinb nur einen Wirt, ber vor seinem menschenleeren Lokale staub, hörte ich grollen, baß ber Kölner unb bie von seiner Lust Ange- steckten so wenig geistreiche Getränke nötig haben, um fidel zu sein. Jebensalls waren bie meisten Menschen bei dem wunderbaren Wetter, womit der Himmel unS beglückt hat, nicht in den Wuts- fluben, sondern auf ben Straßen unb erfüllten bicje mit dem un­begreiflichen Treiben und heiteren Gedränge, das nur der zu schätzen verstehl, ber es niltgenießt ober früher einmal mit Teilnahme ge­nossen hat unb es barum noch gern sieht, auch bann sieht, rocmi er sich mit Trauer sagen muß: Fannus Troes! (In Gießen ver­steht inan ja wohl aud) Salem ?)4)

Mit ben Einzellieiten des frohen Feftes will ich Sie unb Ihre Leser nicht unterhalten.*) Ihr müßt sie selbst erleben"), nicht lesen.

l) Die Notiz ging uns von höchst vertrauenswerter Seite zu und hat auch in Bertiner Blättern Ausnahme gefunden. D. Red.

3j Allerdings. D. Reb.

) Das vermögen wir um so weniger zu beurteilen, als uns ber Urheber persönlich lucht bekannt ist. Seme Stellung aber verbürgt ein fo gediegenes wie ernsthaftes Urteil, bas freilich hier nicht am Platze fein mag. D. Reb.

») Anch wir haben bauoit sagen Horen. rfur bie Nicht-- lateiniker, um uns Reuterisck) auszudrücken, sei gesagt, baß bleses Zitat soviel bebeutet: Auch wir waren etnst jung, schön unb reich wenn auch nur an Lebenslust. D. Reb.

6) Schabe! Ter gütige Herr Einsender scheint bie köstliche Gabe beS PtaubernS in hohem Ataße zu besitzen. D. Reb.

6) Wie wenigen Oberhessen aber ist das selige Los beschieden! D. Rd.

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