Ausgabe 
26.10.1908 Erstes Blatt
 
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Äominymi^batcr Glassing seien in ihren Augen dem Freisinnigen gegenüber das kleinere liebel Tic Logik dieser Vorkämpfer für die VolkSrechtc erregte große Heiterkeit. t

Von ariderer Seite wird berichtet: Bei Gastwirt Karl Göbel sprachen gestern für die deutschsoziale Partei und die Kandidatur Lutz, Reichstagsabgeordnetcr Tr. Böhme aus Marburg und Herr Reuther von Gießen. Es waren etwa 15 Personen er­schienen. Tr. Böhme empfahl die Wahl von Lutz und Redakteur Reuther erzählte ein paar antisemitische Späßchen, die aber selbst bei seinen Parteigenossen nur Mißfallen erregten.Taß wir hier in Londorf nicht viel zu erwarten bähen," meinte er schließ­lich^wußten wir ja im voraus."

Wahlbezirk Lauterbach-Schlitz.

Bürgernteistcr Z i n ß e r - Schlitz hat die ihm angetragene deutschsozial? Kandidatur cntgültig abgclehitt, so daß die Wahl Staplers gesichert ist.

Wahlbezirk Wald-Michelbach.

Der Bauernbund null in letzter Stunde gegen' den Wahl- rechtsgegner Tr. Heidenrcich einen Kandidaten aufstellcn. Damit werden die Wahlaussichten für Heidenreich vollständig aus­sichtslos. Ein Zentrumskandidat ist immer noch nicht bekannt gegeben.

Wahlbezirk Worms-Stadt.

Das Zentrum beschloß, bei der Landtagswahl in Worms- Stadt den seitherigen nationalliberalen Abgeordneten Rein­hart zu unterstützen. Tie Sozialdemokraten treten für den freisinnigen Kältdidaten Justizrat Klein ein.

Wahlbezirk Oppenheim-Wörrstadt.

Die Sozialdemokraten fordern ihre Anhänger auf, für den fretiinnigen Kandidaten Pfarrer Korcll zu stimmen.

Wahlbezirk Ober-Ingelheim.

Innerhalb der nationalliberalen Partei wächst die Strömung, entgegen dem Beschluß der Parteileitung, den Zentrumskandidaten Dr. Frenay zu unterstützen, für die freisinnige Kandidatur Dr. Wolf einzutreten.

Aus Stadt und Land.

Gretzen, 26. Oktober 1908.

** ObcrlandesgerichtSrat Theobald. Zum 5. November wird Oberstaatsanwalt Theobald seinen bisherigen Wirkungskreis verlassen, um die ihm übertragene Stelle eines Rates beim Oberlandesgericht in Darmstadt anzutreten. Nach Ablegung der Staatsprüfung war er bis zum Jahre 1886 als Amtsanwalt in Mainz tätig, um dann die Stelle eines Assessors an hiesiger Staatsanwalt­schaft zu bekleiden, bis ihm im Juni 1888 die Stelle eines Staatsanwalts definitiv übertragen wurde, die er bis An­fangs 1893 inne hatte. 9Lach kurzer Tätigkeit als Staats­anwalt in Mainz erhielt er einen Ruf an das dortige Landgericht, wo er als Landrichter, bezw. Landgerichtsrat bis 1902 wirkte, um dann die Stelle eines Oberstaatsan­walt beim hiesigen Landgericht zu übernehmen. Was Herr Theobald auf dem Gebiete der Fürsorge für entlassene Ge­fangene und Verwahrloste getan hat und welche Arbeiten er sich in Mäßigkeitsvereinen insbesondere in der Bekämp­fung des Alkoholmißbrauchs aufcrlcgt hat, können nur die schildern, welche mit ihm tätig waren. Sein leutseliges Wesen und seine Herzensgüte haben ihm die Sympathien aller Gesellschaftskreise erworben und sein Scheiden von hier wird allseits lebhaft bedauert.

Unser ältester Mitbürger, Geometer 1. Klasse Georg Euler, ist am Samstag gestorben. Noch vor.wenigen Wochen war es dem Greise vergönnt, in verhältmsmäßigel Frische seinen Geburtstag zu feiern, und man dachte damals nicht, daß er so bald schon zur letzten Ruhe eingehen werde. Wie bei seinem 100. Geburtstage die Stadt herzlichen An­teil genommen hat, so wird sie auch jetzt bei seinem Tode seiner in Liebe gedenken. Georg Euler wurde am 1. Oktober 1805 in Usenborn als Sohn des dortigen Lehrert. geboren und war seit 1841 in Gießen als Geometer ansässig Er erfreute sich stets großer Achtung und Beliebtheit, was u. a. dadurch bezeugt wurde, daß Staat und Stadt ihm eine Ehrenpension gewährten. Auch für seine Tochter, die treue Pflegerin seiner Greisenjahre, ist gesorgt.

** Die Abitnricntenprüfungcn für Ex­terne, d. h. solche, die das Examen nicht in der Schule machen, erreichten mit der am Samstag an der Oberrealschule in M ainz abgehaltenen mündlichen Prüfung rhr Ende. Diesen Prüfungen unterzogen sich am Gym - na sium in Gießen 9, am Realgymnasium in Darm­stadt 1 und an der Oberrealschule in Mainz 15 Prüflinge. Es bestanden: 7 Gymnasiasten, der Realgymnasiast und 11 Oberrealschüler. Unter den Gymnasiasten waren ebne

vuarßeiten und das unsichere Tasten der suchenden Seele überzeugend darzustellcn.

Margarete T e st e r gab die müde, haltlose Frau, der das Leben ihr bestes genommen hat, mit geschickt ausgestal- tetem Verständnis durchaus wirkungsvoll wieder. Felix Wasilewski als Herdal brachte zwar ein von meiner Vorstellung abweichendes Bild des Hausarztes in Erschei- nung, war aber dennoch von recht ansprechender Charalte- rrstik, der man ihre Berechtigung uichc versagen Fann. In den kleineren Rollen waren Kurt Gühne als Knut, J.stes v. Ficlitz als Ragnar und Margarethe Sieger als Kaja von gcroiiuicnber Lebendigkeir und Frische, aus denen man das volle geistige Erfassen der Absichten des Dichters wohl- Utend herausfühlte. Tie an sich vorzügliche und überlegte Regie wich zwar von den Vorschriften für die Ausstattung erheblich ab, wodurch der Schluß etwas beein­trächtigt, theatralisch wurde, doch ist es möglich, daß das durch praktische Gründe erforderlich war. Als Ganzes be­trachtet war die Vorstellung ein seltenes Erlebnis, das die Behauptung der Dramaturgen, wie Bulthaupt u. a_,Bau- metfter ^olneß" sei für die Bühne unbrauchbar, glänzend wUuzrlegte. Allerdings gebe ich zu, daß es für ein stehen- de» Theater inct allzugroßen Mühen verbunden ist, ein so rn sich abgeschlossene und durchgeistigte Vorstellung zuwege zu bringen, wie die besprochene. Dazu kommt, daß Joscn dem großen Publikum leider immer noch Neuland ist und wohl auch imch geraume Zeit bleibt.

Wünschenswert wäre cs gewesen, ivenn im Zuschauer- raum mitunter etwas mehr Ruhe gewesen wäre, damit man den Vorgängen auf der Bühne ungestörter hätte folgen können.

Raummangels wegen muß ich es mir heute ver­sagen, auf d.w beiden gestrigen Vorstellungen von Nathan und dem Mann im Monde eiirvmcl,.m und beschränk mich ausnahmsweise auf die Bemerkung, daß sich Larstei hing und Regie gleichweise günstig um die Guu't der sti .schauer bemühten. Har l Neurath

Dame und unter den Oberrealschülern ein Herr, der bereits 36 Jahre alt ist.

" Der Winter, lieber Sonntag ist der Winter vollends eingekchrt. Am Sonntagmorgen früh waren Fluren und Felder mit dem Winterkleid bedeckt. Nachdem bereits seit einen Tagen eine w'nterliche Kälte herrschte, begann e§ verflossene Nacht zu schneien. Vogelsberg und TaunuS sind noch mit Schnee bedeckt.

Stadttheater. Die Neueinstudierung von Sardous beliebtem historischem Lustspiel ,Madame Sans Gene', das seit 8 Jahren hier nicht gegeben wurde, scheint starke Anziehungskraft ausziiübe«. Beschäftigt ist fast das ganze Personal. Herr Bakof, der auch bie Regie führt, spielt den Napoleon, Fcl. Lore Scholz bie Katharine Hübscher.

Ein lustiger Abend bei Pcppi Weiß', so lautete das Programm, bas am Samstag bie rührige ü olossenmS - Dircktion ihren Besuchern bot. Daß es ein lustiger Abcnb war, bafür sorgte schon Frau Peppi Weiß. Sie versteht es burch ihre eigenartige Vortragsweise unb ihren köstlichen Humor bie Zuhörer in hohem Grabe zu fesseln unb zu wahren Beifallsstürmen hinzureißen. Be- fonbers schön war bie SzeneWir Wienerinnen', tn ber sie außerdem noch mit ber sicheren Beherrschung ber verschiebenen Dialekte überraschte. Es waren genußreiche Stunben, bie uns diese Künstlerin bereitet hat. Auch bie übrigen Mitglieder ihres Ensembles boten ihr bestes unb ernteten reichen Beifall. Schließlich sei nochmals barauf hingewiesen, bas heute em dreitägiges Gastsp iel von Miß Athene als Salorne- länzerin beginnt.

+ Lang- GünZ, 26. Dkt. Gestern sta rb der hier sehr beliebte StalionSvoisteher Schmoll. Schmoll erhielt in dem Kriege 1870/71 das Eiserne Kreuz Auf dem Rangierbahnhof wurde ber Bahnbebienstete Rudolph von den Puffern gebrückt, so daß seine Ueberführung in bie Klinik nach Gießen stattfinben mußte. Zimmermeister Kiefer trat in eine Axt, so baß er sich in ärztliche Be- yanblung begebe« mußte.

----- Bab Nauheim, 24. Okt. Als 30000 st er Kur- rrember seit 1. Januar bs. Js. stieg im Elconoren-Hospiz Der Großh. Revierförster Zanow aus Mecklenburg ab. Die Großherzogliche Kurverwaltung ließ ihm ein Album über­reichen.

w Wetzlar, 25. Okt. Der BaterlänbischcFrauen- o er ein beabsichtigt am 7. unb 8. Rov. b. I. seinen zweite« Lazar zu veranstalten. In Anbetracht bes herannahenben Weihnachttzfestes soll er ben Charakter eme3 Wcihnachts- marktcs tragen, inbcm vorzugsweise Festgaben zum Verkauf lonnnen. Die lanbw. Winterschule eröffnet ihr 17. Winterhalbjahr am 4. Nov. 2(n ber Anstalt wirken jetzt ünf Lehrkräfte. Das Schiilgclb, bas Unbemittelten gänzlich .'rlassen werben kann, ut auf 20 Nik. festgesetzt. Die Stadtverordneten-Wahlen, welche' schon längere Zeit lebhaft besprochen würben, finden am 5. unb 6. Rov. statt. Die Bliberus'schen Eisenwerke habeii vor bein Hausertoi ein schmuckes Wetterhäuschen aufslellen lassen, in bem neben Thermometer, Barometer, Feuchtigkeitsmesser, Regi- ürierapparate auch eine Normaluhr untergebracht iverben soll. Abgesehen von ber Annchmtlchkeit ber anbcren 2lpparate ist ganz besonbcrS bie Normaluhr mit Freiiben zu begrüßen, zu- mal unsere alte Freunbin auf bem Dom es mit ber Zeit­angabe nicht so peinlich genau mehr nimmt.

[] Marburg, 25. Okt. Ans bem Hauptbahnhofe würbe heute früh um 10% Uhr, als ber Schnellzug nach Kassel abstchr, ein etwa 3 0jähnger srember Mann von bet Maschine erfaßt unb zur Seite geschleudert. Man brachte den Schwerverletzten mittelst einer Tragbahre in bie chirurgische Klinik.

l)g Kirchhain, 25. Okt. Gestern abeiib gegen 11 Uhr ivurbe in bem Wehrafluß vor bem Rechen dergroßen Mühle" bie Leiche eines neugeborenen Kinbes auf» gefunden. Das Kinb ist anscheinend alsbald nach ber Geburt in ben Fluß geworfen worben. Bon bem Täter fehlt jebe Spur, boch ist zu criuarten, baß bie eingeleitete Unter-» iuchung balb bie nötige Auskläriing bringt.

X. Hanau, 25. Okt. Die 1597 in Hanau gastlich nufgeuommenen, auS ihrer Heimat vertriebenen Wallonen iinb Rieberlänber errichteten bald nach ihrer Rieder- lassung in Hanau ein eigenes GotteshailS, in bem am 29. Oktober 1608 ber erste Gotteßbien st abgehalten werden konnte. Zur Erinnerung an bie 300jährige Wieberkehr bieses Tages veranstaltete bie nieberlänbisch-wallonische Gemeinde heute eine einfache, aber würdige Gedenkfeier, bestehend in Festgottesbienst unb Gerneinbeveranstaltiing (Festmahl 2C.). Die Kirchbauverwaltung hatte als Festgabe bas Orgelwerk er­neuern lassen. Gemeinbemitglieber spenbeten bic Summe von 15 000 2)ik., aufgebracht burch eine Kollekte unter sich, für die Erneuerung des Gestühls in ber Kirche.

*Der Kaiser salutiert". Unter biefem Titel schrewt man demBert. Börs.-Cour." ans Newyork vom 9. Oktober:Einer der bekanntesten Kaufleute des amerika- uischen Westens, Mr. Maurice Rothschild ans Chicago, der gestern nach Amerika nach mehrmonatlichem Be,uch in Europa zurückgetehrt ist, erzählte bei seiner Ankunft das .olgende Geschichtck/en, das von den meisten hiesigen Zei­tungen wiedergegeben wird. Mr. Rothschild ließ sich wie folgt vernehmen:Wir saßen in unserem Automobil aus dem Manöverseld in der Nähe von Metz in die Betrachtung der großartigen militärischen Operationen versunken. Am Sitz der Motorcar hatten wir ein kleines seidenes Sternen­banner ausgesteckt, als der Kaiser, von einem seiner Söhne und einer Kavalkade begleitet, vorbeiritt. Sein Sohn lenkte durch eine Geste seine Aufmerksamkeit auf unser Auto, das durch das Sternenbanner als ein amerikanisches gekenn­zeichnet war. Der Kaiser sah cs, und flugS ging die Hand au den Helm. Er salutierte das Wahrzeichen eines befreun­deten großen Voltes.The Stars aud Stripes", das werden wir Amerikaner, die es sahen, ihm nie vergessen. Wenige Tage spater tarnen wir nach Folkestone, Eiigland, das Fähnchen immer noch cm Vorderende des Kraftwagens; erst recht nun, denn es erschien uns durch den Gruß des deutschen Kaisers nur noch majestätischer. Kaum waren wir auf eng­lischem Boden, als drei englische Soldaten uns anhielten und, nachdem sie unfern Protest mit einer Flut Amerika beleidi- gendeu schmutzworte beantwortet hatten, uns zwangen, das ^-ähnleiu l>e runterzuziehen. So war es überall. UeberaU in Deutschland eine ivnndervolle Achtung vor dem Sternen­

banner, eine ruhige. Durchaus nicht überschwengliche, aber darum vieNeicht um so ehrlichere Freundschaftsbezeugung für die Auierikaner. In England nirgends ein wirklich aufrichtiges Freundschaftsgefühl, dafür aber umsomehr halb- versteckte und ganz offen beleidigende. Anzüglichkeiten, aus denen eine tiefe Verachtung für die Amerikaner spricht, sicher» lich feine ehrliche Freundlich leit."

* Ei u König als Opfer feiner Aerzte. Man! hat Ludwig XIII. gemordet. Das ist die letzte Tatsache der Ge­schichtsforschung. Aber er ftarb nicht etwa auf eine fo gewalt­same Weise wie fein Vater, den der Dolch eines Fanatikers tötete, sondern feine Aerzte sind es, die ihn langsam, aber sicher haben zugrunde gehen lassen. In so traurigem Lichte erscheint bic letzte Krankheit unb bet Tod des allecchristlichstcn Königs we­nigstens in ben Auszeichnungen seines Kammerdieners Du Bois, die im Maimslrivt auf bet Pariser Nationalbibliothek erhalten sind unb aus denen Emile Noeg in feinem soeben erschienciven Werke Intimes aus bem großen Jahrhundert; von yticyencii bis Mazarin" interessante Mitteilungen verwertet. Als sich im Februar 1643 die ersten Anzeichen der Krankheit zeigten, an ber der unglückliche Fürst zugrunde gehen sollte, da verordneten ihur seine Aerzte sogleich Abführmittel aller Art, und als das nicht viel half, wurde tfjm tüchtig zur Ader gelassen. Natürlich wird der hohe Kranke schwächer unb schwächer; daraufhin verbietet man ihm den Wein und fetzt ihn auf eine knappe Diät. Doch Ludwig hat eine gute Konstitution; er wohnt noch Ende Fe­bruar im Wagen den Jagden bei, doch anfangs Dtärz macht er feinen letzten AuSgang. Am 12. schleppt er sich noch in bic Galerie des Schlosses von Saint-Germain, aber er kann sich nicht mehr aufrecht erhalten, das viele Purgieren hat ihn ganz erschöpft, die unzähligen Dkedizinen haben jeden Appetck auf ge­hoben. Am 16. beginnt der König in Verzweiflung gegen feine Henker" sich zu empören; er weigert sich, weitere Heilmittel zu nehmen und nun fühlt er fich auch wirklich besser. Das sehen, auch seine beiden Aerzte Bouvard und Chicot ein, aber sie Feiutcrt nur neue Schröpfungen, neue Latwergen, Pille« und Mcktel- In ihrer Angst läßt die Königin zwei andere berühmte Pariser Aerzte kommen, die einen neuen Angriff auf den Kranken unternehmen. Der folgende Tag unb bic folgende Nacht sind ganz mit ben von ihnen herbeigefchteppten Medizinen ausgefüllt. Der König kann auch nicht den lleinsten Bissen Nahrung mehr zu sich nehmen, er schwindel unter den Augen dahin". Nun versucht man es mit Kompressen mit heißer Milch. Noch einmal bäumt sich der König auf und jagtfeine Mörder" aus dem Zimmer. Immer mehr verlassen ihn die Kräfte, zumal man ihm den Wein, nach dem er verlangt, versagt. Er blättert noch mühsam in einem heiligen Buch, summt «och ein paar fromme Melodien, fchließ- lich tritt ein völliger Zusammenbruch ein. Nun erscheinen wieder die Aerzte auf dem Schauplatz, sic konstatieren einen außerordent­lichen Kräfteverfall. Das letzte Mittel, das sie versuchen, ift eine Verordnung von Kuhmolke, die der Kranke beständig trinken muß. Als er davon immer schwächer wird, sind die weisen Jünger des Aeskulap sehr erstaunt, ziehen sich zu einer langen wichtigen Beratung zurück, deren Resullat die Anwendung eines tüchtigen Aderlasses" ist. Das ist aber auch die letzte An» itrcngiuig der Heilwissenschaft. In der folgenden Nacht geben! die Aerzte den Kranken auf. Ludwig XIII. sah dem Tode mit bewunderungswürdiger Heiterkeit ins Angesicht. Er ordnete bic feierliche Taufe bes Dauphins in bet Kapelle von Saint-Ger­main an und ließ sich bann bas prunkvoll gefteibete Kinb an sein Sterbebett bringen. Umarmen konnte er seinen Sprossen nicht mehr.Wie heißt du, mein c^ohn", fragte er ihn.Lud­wig XIV., Papa", antwortete der Kleine.Noch nicht, mein Kind, noch nicht; aber gebe Gock,^daß du bald so heißt", seufzte: der Sterbende.Wann werden Sie mir endlich die gute Nach­richt geben", sagte er zu seinem Arzt Chicot,daß ich zu Gott gehen muß?" Und als Chicot sagte, daß die Zeit bald gekommen sei, rief er:Gott fei gelobt!" So schlummerte er sanft unb fronrm ins Jenseits hinüber. Die Aerzte aber rühmten sich, die Tage ihres hohen Patienten durch ihre Sorgfalt und Heil­mittel verlängert zu haben unb heimsten große Anerkennung für ihre Behandlung ein. . . .

*Hauptmann von Köpenick" eine Belei­digung. Mit dem Strcickxe des Schusters Bvigk hat sich mittel­bar die Strafkammer in Hamburg in einer Klagefachs zu be­fassen, die sich gegen den Chauffeur Laakmann richtete, der unter der Anklage der Beleidigung eines Zollaufsehers stand. Der Be­amte hatte vor einigen Zeit die Automobildroschlc Laakmanns ungehalten unb bie Vorzeigung der ©tcuerfartc verlangt. Als der Chauffeur die Legitimation des Beamten zu sehen wünschte, wies dieser auf seine Uniform hin. Das genügte jedoch bem Chauffeur nicht, unb er gab feinem Zweifel durch die Worte Ausdruck: Ta kann ja jeder Kopenicker die Karte sehen wollen!" Ferner äußerte er zu einem Straßenpaffanten, der vor Gericht als Zeuge geladen war:Ev will die (Steuertarte sehen, die zeige ich ihm aber fo nicht; da kann ja auch derHauptmann von Köpenick"' kommen, um die Karte sehen zu wollen!" Wegen dieser Aeußeruugcn erstattete ber Zoll au ff eher Strafanzeige; das Schöffengericht, das fich zunächst mit dieser Angelegenheit zu be­schäftigen Halle, konnte jedoch hierin eine Beleidigung nicht fin­den und sprach den Beklagten frei. Auf die Berufung des Privatklügers hin verurteilte jetzt das Landgericht beit Chauffeur wegen öffentlicher Beleidigung zu 25 Mark Geldstrafe.

* 21 uf ber Stätte des alten Saint-Pierre, das vor sechs Jahren durch den furchtbaren Ausbruch des Mont Pels zerstört wurde, herrscht, wie derKöln. Ztg." gemeldet wird, heute ein reges Treiben; die wuchtigen Schläge der Zimmermannsaxt erschallen, schwere, steiiche- ladene Wagen ziehe« dahin: eine neue Stadt ist im Ent­stehen. Wo vor fünf J.-hren noch ein weites Trümmerfeld «ich dehnte, erhebt sich bereits eine stattliche Anzahl schmucker, neuer, weißer Häuser und auf der Stätte des Verderbens, der die Bevölkerung monatelang in abergläubischer Scheu ferngeblieben war, leben jetzt schon gegen 6030 Menschen, die emsig am Werke sind, dem Lavameere wieder zu ent­reißen, was es in den schrecklichen Maitagen des Jahres 1902 verschlungen hat. Als man zu dem Wiederaufbau der einst blühenden und dann so tragisch zerstörten reichen Hasen- stadt von Martinique schritt, sollte man bald eine Entdeckung machen, die dem Wiedererstehen des neuen Saint-Pierre zum wichtigen Verbündeten wurde. Als die ersten Schutt- und Trümmermassen weggeräumt waren, zeigte es sich, daß oic Straßen der Stadt fast voll­kommen erhalten waren, unb unicr ihnen die umfang- eichen Kanalisationsaiilagen, die Röhren der elektrischen Leitungen, die unterirdischen Telcphonverbindungen; mit dieser Entdeckung gewann der Untemehniungsgcist dcr neuen Ansiedler erhöhte straft. Seitdem hat man die alten Straßen wieder freigelegt, und genau auf dem Plane der alten Stadt erhebt sich jetzt die neue. Ei« großes, modernes Hotel ist bereits erstanden, in schmucken Läden häufen die Stauf' teilte ihre Waren, und aus ber Umgebung strömen die Ein­geborenen herbei, um in dem buntbewegten Markttreiben ihre Landesprodukte fcilzubietcn. Wenn die Entwicklung im gleichen Tempo fortschreitct, wird das neue Saint-Pierre in zwei Jahrzehnten das alte erreicht und überflügelt haben. Die Ernte« im Umkreis sind reicher als je vor der slata- strophe, -benn bic nicbergegongciie Asche hat den Boden zu höchster Fruchtbarkeit gestärkt, und schon heute denkt man kaum zurück an den entsetzlichen Ausbruch des VulcanS, der jetzt sriedlich auf das emsige Treiben zu seinen Füßen herabblickt.

* heb er Morgans Priv a to fficc schreibt man dem23crL Bc-rsen-Courier" aus Newyork:An der Ecke von Wall Street und Brvad Street erhebt sich ein einfaches Gebäude, das infolge der erdrückenden Nachbarschafthim- melstrebender' Wolkenkratzer noch kleiner und bescheidener au»|iegt Nichtsdestoweniger ist es ein allgemein bekanntes