Ausgabe 
27.8.1908 Zweites Blatt
 
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dabei ein Lrstgeneiu 'nbonen Lohn.

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ungeb, tüchtiges Mädä iten Haushalt gesucht.

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Erscheint ISgNch mit Ausnahme des Sonntags.

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DieSictzener Zamilienblätter" werden dem ,91njciger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für dea Kreis Lietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Rotationsdruck und Verlag der Dr üblichen UnwersitälS - Buch- und Sleindruckeret. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^SoL Redaktion: 112. Tel.-2ldru AnzeigerGießen.

ällt auch der. Mttinpf Lassalles gegen Schulze-Delitzsch- Als man Zchulze-Delitzsch den Vorivurf machte, daß er für das Genossen- ümstswesen wirte, nur um politischen Einfluß aus die Arbeiter u gewinnen, suchten seine Gegner von rechts und links die Äenossenschasten für diesen Zweck zu mißbrauchen. Es entstanden lonservative und klerikale Vorschußkassen und üie Lassalleschen oroduktivgeiwssensck,asten, die Bismarck durch König Wilhelm I. jubventioniercit lassen Wollte. Aber sie finb alle zu Grunde ge­gangen. Schulze-Delitzsch habe das Gcnosscnschastswesen nicht cr- lunbcn, aber die Reck)tslage geschaffen, deren das Genossenschafts­wesen bedurfte, um seine wirtsckmstlichen und sozialen Aufgaben -erfüllen zu können. Oftmals seien im Laufe der 50 ec Jahre neue Systeme erfunden worden, um Schulzc-Telitzsch zu über­trumpfen. Stets sei man aber nach Mißerfolgen wieder zu seinen Grundsätzen zurückgekehrt. Schulze-Delitzsch habe sich durch sein

findung der Holbein scheu Passionsbilder und der Anfang jn einer kleinen Sammlung von Kunstschätzen, die sein Heim zierten. Als Mann von reichem Wissen und von reisen Er­fahrungen nach Darmstadt übergesiedelt, sand Schacier weitere Anregungen bei einer strebsamen Bevölkerung und in der Be- nntzmig der reichen Sammlungen der Residenz. Hier iviirde die Regierling auf ihn aufmerksam; sie beriet ihn nach Gründung der Technischen Hochschule aus den Lehrstuhl für Kunstgeschichte." So der treu zeichnende Freund .... Der Journalist als Massen- erzieher wird gewürdigt; als Fürstenerzieher aber kommt er heule weniger in Betracht. ($t. Z.)

Aus Kassel schreibt man uns: Als Festoorstellung in Ge­genwart des Kaiserpaares gina im Kgl. Theater Ludwig Uh- lands fünfaktiges SchauspielLudwig der Baier" in Szene. Die einzige Frauenrolle oes Stückes, Isabella, war Frau Bayr Hammer zugefallen. Tie intelligente Künstlerin durck>- drang ihre Atifgabe mit Innigkeit der Empfindung und brachte auch die Tragik der im Leid Erbliitdeten zu ergreifender Wieder­gabe. Sie führte in ihrer ersten Szene die ganze sieghafte Schön­heit und Vornehmheit ihrer äußeren Erscheinung ins Feld, zeigte ein glückstrahlendes, königliches Weib: in den folgenden Auf­tritten fesselte sie durch die Verkörperung des Gegensatzes, durch die Charakteristik einer unglückliaten, kurz vor einem l^hen Ziele tief herabgcstürztcn Frau, die gleichwohl leidenschaftlich und in ihrem Willen zur Macht ungebeugt geblieben ist. Der Kaiser gab nach den Aktschlüssen das Zeichen zum Beifall und applaudierte selbst lebhaft. Dem Oberregisseur Hertzer über­reichte er eine Busennadel. Auch mehrere der Darsteller die Herren Bohnäe, Alberti, Berend und Hellbach und Frau Bayr Hammer ließ der Kaiser kommen, um ihnen seine Zufriedenheir auS;uspreck>en. Er Jjob die schauspielerisa-e Wand­lungsfähigkeit hervor, die Frau B. bewiesen habe, indem sie zwei so verschiedenartige Rollen wie die der Wir rin imWeißen Rößl" und die der Isabella in dem Uhlandschen Schauspiel mit großer Feinheit erfaßt und durchgeführt habe. Den

Intendanten Grafen Bylandt beglückwünschte er zu dem Ensemble, das er sich geschaffen habe.

Weiter teilt man aus Kchsel mit, daß auf der Hofbühne die einaktige Oper eines aus Ungarn stammenden jungen itonv Vanillen Emanuel Moor ihre beifällig aufgenommene Urauf­führung erlebte. Sie ist betiteltH 0 ch zei t sg l 0 ck e u" und dokumentiert eine im modernen Sinn gerichtete schöne bramatifefc Begabung. Die Handlung spielt in einem Alpendorf. Die Auf­führung unter Kapellmeister Prof. Dr. Beiers Leitung war vor­trefflich.

Ueber die Aquarelle aus dem Besitze des Kaisers, die er zu einer Aquarettausstellung in der Berliner Akademie der Künste herleihen wird, bringt derKunstl"rold"

lUeiiK» Feuilleton.

Vom Journalisten zum P r i n z e n - E r z i e h e r. In Darmstadt ist bekanntlich dieser Tage im 86. Jahre der Groß- terzogliche hessische Geheimrat, sürstlich Hohenzollerujcke Hofrat und Nähere oibcnUidje Professor der Kunstgeschichte Dr. pbil. (ti e 0 r g «rchäser gestorben. Seinen Lebensgang hat sein nächster Freund, ;>er als hessischer Historiker iveithin geschätzte Dlaiuzer Landgerichts- Direktor Dr. Karl Bockenheimer m einem Nachruf am Grabe ylgenbermaßcn geschildert:(Sine überaus somuge Jugendzeit im iRreife einer glücklichen Familie war dem Verstorbenen zuteil ge­worben. Der hervorragend begabte Knabe hatte eine Zeitlang in Frankreich den Unterricht an einer Mittelschule genossen, bevor er, nut reichen Spiachkenntnifsen ausgestattet, in die Mainzer Schulen imtrat, die er bann mit den glänzendsten Zeugnissen verließ. Er atte sich in Gieße n bereits auf den Beruf eiueS Philologen vor- lercUct, als die Bewegung des Jahres 1848 ihm einen andern Wirkungskreis verschaffte. Auf Empfehliing eines Freundes wurde tr an eine große, damals in Frankfurt a. fDL erscheinende Leitung berufen, mit dem Auftrage, über die Verhandlungen der .lalionalversammlung Bericht zu erstatten. Im Umgänge mit den ebeutenbften Männern jener Tage erweiterte sich der Gesichtskreis )e3 jungen Mannes; unter den großen Anforderungen eines jeden Zage3 eignete er sich jene Gewandtheit und Feinheit der .tar- lellung an, die alle Zeit den Reiz seiner schriftlichen Aenßerungen mb feiner Vorträge bildete. Mitten in diese anregende Tätigkeit iel seine Verusung zur Leitung der Erziehiiiig unb 2lusbildimg deS jungen Prinzen von Hohenzollern. Fürst Karl Anton von ^ohen- joüern, eine geistig hochsiehenbe Persönlichkeit, auf den jungen Literaten aufmerksam gemacht, näherte sich ihm unter einem angenommenen Namen und entschied sich zu seiner Beruuiug nach eingehender Unterredung und Verhandlung. In Ligma- ningen und Dresden widmete der junge Gouverneur seine ganze Siraft dem Werke der Heranbildliug der Prinzen, die ihm in aller Siebe anhiiigeu. Ter einzige nod) lebende der fürstlichen Zöglinge, Her König von Rumänien, hat dem Verblichenen bis zu bellen Lebensende emo dankbare unb wohlwollende Erinnerung bewahrt. Auch Schaefer lernte durch das Lehreii. Einmal tarn ihm die Be- Mihruug mit den höchsten Gesellschaftskreisen für seine ganze Ledens- llaltung ziislatten. Sodann aber erweiterte er auf zahlreichen Reisen seine Stenntnihc, nameiillich auf dem Gebiete der Kuull, Lurch unmittelbare Aufchauimg. Was et sich auf diesem Wege ungeeignet, das ergänzte er nod) im Umgänge mit hervorragenden belehrten und Künstlern, die er tn feiner Stellung kennen lernte. Diese Beziehungen zur Gelehrten- und Künstlerwelt unterhielt er auch nach Vollendung der Erziehung der Pnuzeii und nach seiner Uleberfieblung in die Universitätsstadt Würzburg. In iene Glückliche Zeit des Strebens fällt die ihm gelungene Auf-

D'.rken in hervorragendem Maße verdient gemacht um bic Er­weckung des sozialen Empfindens. Er war ein Gegner des StaatssoziallsmuS, aber durch und durch sozial veranlagt. Man habe ihm Liebe zu den arbeitenden Kkassen abgesprochen. Aber inne Liebe galt dem ganzen deutschen Volke. Redner geht bann auf einzelne der Verdächtigungen ein, denen Schulze-Telitzsch aus­gesetzt gewesen sei, so aus die von ihm gebrauchte Wendung von der bankerotten Fsirna" und dempreußischen Großmacktsksiel", Rede­wendungen, die von seinen Gegnern in böswilliger Weise ent- Itellt niedergegeben würben. Lcyusic-T.'litzsch habe sich mit ihnen nur gegen den Absolutismus gewandt, den er sür bankerott er­klärte. Er sei stets eingetreten für einen deutschen Bundesstaat mit meußisck)er Spitze zu einer Zeit, in bar seine politischen Gegner bie Errichtung eines deutschen Bundesstaates mit allen Mitteln bekämpften. Tas zeigte er auch 1857, indem er ben Kongreß deutscher Volkswirte ins Leben ries. Aus Schulze-Tesitzsch passe das Wort: Wir müssen Deutsche sein. Dankvarkcit ist Schulze- Delitzsch in hohem Maße aezollt worben. Auch in sichtbarer Form bei Lebzeiten ist ihm d. r Dank der Nation geworben. Nach seinem -lobe sind ihm Denkmäler in Berlin und.Delitzsch errickstet worden. Das schönste Denkmal aber habe er sich selbst mit seinem Werke, dem Allgemeinen Verbände der auf Selbsthilfe beruhenden Er­werbs- und Wirtschaftsgenossenschasten gesetzt. (Lebh. Beifall.)

Dr. W r a b e tz von der Handels- und Gewerbekammer in Wien braä-te namens der östervcichisckx'n Genosserischasten Schulze- Delitzsch die Huldigung dar, die ihm gebühre. Deutschlands Lchulze-Delitzsch se. auco Oesterreichs Schultze-Delitzsch geworden. Redner ging dann auf die Entwicklung des Genossensck-astswesens in Oesterreich ein. Gegenwärtig beständen dort 12CÖ0 Genossen­schaften, von denen allein 5000 Genossenschaften auf Schulze- Delitzsch's Ideen ausgebaut seien, und von diesen seien zivei Drittel rein deutsch. Indem Redner noch die bedeutsame Wirksamkeit des Genossenschaftsgedankens auf baS gesamte wirtschaftliche und politisck-e Leben betont, fck)>ließt er mit dem im Vtamen seiner Landsleute abgegebenen Gelöbnis, daß sic treu den Prinzipieit Schulze-Delitzsch's weiter an der Förderung deS Getwssenichafts- wesens arbeiten würden. (Leoh. Beifall.)

Damit Halle die eindrucksvolle Festseier ihr Ende erreicht.

Am Nachmittage sanden die verschiedenen Sitzungen der Ver­waltungen und bic Generalversammlungen bei Hilfskasse, der RuhegebaltSkasse und der Willven- und Waisenpensionskasse deutsch. Erwerbs- unb Wirtschastsgenossenscl)aften statt. Die HilfSkasse, die im Jahre 1887 inS Leben gerufen wuroe und die unterstützungs­bedürftigen Vorstandsmitgliedern und Angestellten von Genossen- fdjafien im Falle besonderer Dcdürjtigesit cinmaliae und laufende Unterstützungen gewähren, verfügt über einen Mitgliederbestand von 303 Mitgliedern (Verbänden, Vereinen, Personen'. Tas Ge­samtvermögen der Hilsskasse belief sich am Schluß des abgelaufenen Geschäftsjahres auf rund 128 000 Mk. An Unterstützungen sind im abgelaufcncn Geschäftsjalir insgesamt rund 10 200 Mk. ge­währt worden. Die seit Bestehen der Liilsskasse von dieser ge­währten Unterstützungen belaufen sich, einschließlich der Prämien­beihilfen, die die L>il|skasse für ältere Mitglieder zu den Prämien für bie Nuhegel/UtSkane unb Witwen- und Pensionskasse seit Be­stehen dieser beiden Kassen zahlt, auf rund 260 000 Mk. Die Ruh ege Halts lasse blickt auf das 9. Geschäftsjahr zurück unb verfügt über einen Mitgliederbestand von 743 persönlichen Mitgliedern, Genossenschaften und Verbänden. Tas Vermögen der Kasse beträgt runb 800000 Mk., das versicherte Dienstein­kommen 1% Millionen Mar». An 3kuhegehältern wurden rund 10 000 Mk. gezahlt. Zurzeit sind 17 Pensionäre vorhanden. Die jährlichen Prämien von persönlichen unb korporativen Mit- ghebern beliefen fich int letzten Jahr auf rund 100 000 Mk. Die am 1. Januar 1907 ins Leben getretene Witwen- und Waisen-Pensionskassse hat eine recht gute Entwickelung genommen. Die Mitgliederzahl an Verbünben, Vereinen und per­sönlichen Mitgliedern belief sich insgesamt Ende 1907 auf 322. In der Waisenkasse wurden im Berichtsjalw 205 Kinder versickuwt. Die Gesamteinnahmen der Kasse beliefen sich auf runb 90 000 Mk., die Ausgaben auf rund 85000 Mk., wovon runb 80 000 Mk. zum Ankauf von Effekten verwandt wurden. TaS Gesamtvermögen der Witwen- uno Waisenkasse beläuft sich auf runb 56000 Mk., das versicherte Diensteinkommen in der Witwenkasst: Ende 1907 auf 856 300 Mk., das versicherte Erzichungsgeld in der Waisenkasse Ende 1907 auf 43 440 Mk. Alle diese Kassen zeigen mit ihrer erfreulichen Entwickelung auch ihrerseits, was die Selbsthilfe ver­mag.

Mitteilungen. Nur zum geringsten Teil lammen für oie Aus^ Heilung die zahlreichen Aquarelle in Betracht, die für Den Kaiser auf seinen Reisen nach seinen Angaben gemalt wurden, wie etwa die Mittelmeer- und Manöverarbeiten von Prof. Willy Stöwer. Vielmehr bandelt sich fast ausschließlich L.m jene Kunstwerke, die, in Mappen auf der Bibliothek im taiserlichen Schloß auchewahrt, bisher dem Publikum unzugänglich waren., Ihre Sichtung wirb der Vorsitzende der Ausstellungskommission,! Prof. Artur Kampf, in ben nädjftcn Tagen beginnen. Nur bie' bemerkenswertesten Stücke können au-gewählt werben; da dies Werke aus dem Besitze des Kaisers einen Saal füllen sollens Besonders in Betracht kommen Meisterschöpfungen Menzels unb# Aquarelle Hildebrands mit afrikanischen unb inbischen Motiven..

EinenR c f 0 r m - G e s a n g s w c 11 st r e 11" schreibt: bie FrankfurterMusik- und Theaterztg." aus. Er soll im Früh­jahr 1909 in Frankfurt abgebalten werben. Die wesent­lichste Neuerung dabei ist eine Aenderung des Puulliersystems.^ Wahrend bisher ein jeder Preisrichter sür sieben Rubriken sSchwie-- riflteit, Tonreinheit, Stimmenausgleich, Aussprache- Dynamik, Rhythmus und Auffassung) Punkte gewährte und demgemäß auf sieben grundverschiedene Dinge zu achten hatte, soll diesmal jedes, einzelne dieser Punkte je einem Preisrichter übergeben werdens lieber die Aussprache unb Ausbildung des Materials soll cirti Gcsanglehrer (Eugen Lildach) entscheiden, über Tonreinhcit ein; Strcichinstrumentalist und Quartettspieler (Prof. Fritz Basser- mann., über Dynamik und Rhythmus je ein Kapellmeister (Ferd.l Meister unb Dr. Ludw. Rottenberger), über Auffassung uno Ge-s l'amteiubrutf erfahrene Männerchor-Tirigenten -Prof. Gustap Trautmann, Gießen und Prof. Mannstädt, Wiesbaden' Zugleich wirb die Anzahl der Punkte von 7 auf 15 erhöht. Ein. weitere Neuerung besteht darin, daß viele unb nicht zu hohq Geldpreise (anitatt weniger uno ganz hoher) gegeben werden. Tiü Geldpreise sind zwischen dem Verein und dessen Dirigenten gut gleichen Teilen zu teilen. Endlich will man die Vorstände unb, Dirigenten der am Wettstreit beteiligten Vereine zu einer Ver­sammlung einlaüen, in der alle Maßnahmen des Resormwett-, Itreits noch einmal durchgesprochen Werden und in strittigen Fällest Abstimmung entscheiden soll.

Grabfunde im Wormser Dom. Bereits im vor.» Jahre wurden tm Mittelschiff des Domes beim Aufgang nach dem? Ostchore eine Anzahl S l einsarge mit noch wohlcrhaltenech «felcttcn gesunden. Auch ließen sich bei einigen noch Reste der Gewandungen Nachweisen. Ter am weitesten nach dem Schiss, zu gelegene Sarg barg, wie bieWorms. Ztg." mitteilt, die Leichs eines Btichofs mit itrumftab. Entgegen ben übrigen aufgebedtue ^ärgeii war der Inhalt des Bischofssarges noch besser erhaltene denn es fanden sich die auS gewebten mit eingewirkten Mustertst oerztcrten Gewandstofse, sowie ijiit Goldstickereien vlwsehene Schuhe

Landtagsabg. Dr. Crüger (Charlottenburg) hielt hierauf führte auS, baß die Schulze-Delitzsch-Gedenkfeier

einem Manne gelte, der nicht allein dem Allgemeinen Verbände der auf Selbsthilfe beruhenden Erwerbs- unb Wirtsck)astsgenossen- schaften angcljörat, sondern durch fein Tun unb Wissen ein großer Svhtt des gesamten deutschen Vaterlandes geworden sei. Sck'ulze- Detttzsch habe durch sein Sckmfcn eine Tat vollbracht, deren fegen et» retche rzolgen sich über alle Kulturnationen erstrecke. Sein Werk sei zu einem Faktor des sozialen und internationalen Friedens geworden: cs gehöre dem nüchternen Erwerbsleben an, aber doch nur mittelbar. Der Grundgedanke der Genossenschaften sei der des sozialen Empfindens. Für Schulze-Delitzsch sei das Genossen- ickrastswesen gleichzeitig eine nationale Tat genxfen. Tr. (Srüger wies dann darauf hin, daß im Jahre 1808, dem Geburtsjahre von Scknckze-Delitzsch, politisch eine neue Zeit begonnen habe. Es fet das Jahr, in dem die Kette der wirtschaftlick-en Unfreiheit von der großen SUfi'e des Volkes genommen sei, das Jahr, in deut die -Selbstverwaltung der St'ommuncn gewährt worden sei. Auf den Lebensgang von Sck>ulzc-Delitzsch eingehend, erklärte der Fest­redner bann, daß, um seinem Wirten gerecht zu werden, man ihn gleichzeitig auch als Politiker unb Sozialpositikcr betrachten müsse. Schulze-Delitzsch gehöre *u den wenigen, die selbstschöpserisch tätig sein können, die neue Wege finden. Er sei ein Fortschrittsmann, gewesen unb seine politische Stellung sei nicht ohne Einfluß ge­blieben auf bie Beurteilung des Genossenschaftswesens durch die Regierungen. Aber nur Schulzc-Telitzsch, der Fortschrittsmann, hätte das Genossenschaftswesen organisieren können. Vergeblich habe sein frreunb Hubert sich bemüht, die konservattve Partei für das Genossenschastswesen zu gewinnen. Das Jahr 1865 war für Schulze-Tttitzsch und für seine Gem)ssensck-asten ganz besonders zlücklich. Tie Regierung hatte eine Kommission eingesetzt zur Beratung der Koalitchnssrage, auf deren Tagesordnung auch die B-rage stand: WaS kann geschehen, um die laus Selbsthilfe beruhen­den Genossensckiaften zu fördern ? Bismarck habe es nicht zuge- lafsen, daß auch Schulze-Delitzsch zu den Beratungen dieser Konr- mission eingelabcn würde. Sein Einfluß sollte auSgeschaltet werden, vergeblich ivar dies Benüihen Bismarcks. Depn die Kommission bekannte sich wörtlich zu Schulze-Delitzsch'S Prinzipien. Ter Führer der Konservativen, der K^reuzzeitungSntann Dr. SBagcner erklärte in jener Kommission es für eine Täuschung, wenn man sich von dem Geiwssenschastswesen Erfolg verspreche. In bie gleiche Zeit

9. Deutscher Handwerk- und Gewerbefammertag.

S. u. $D. Breslau, 25. 5lug.

Im Kammermusiksaale des Konzerthauses begann IkuIc üor-i mittag um 9 Uhr die 1. Hauptversammlung des 9. Trut­schen Handwerks- und Gewerbekammcrtages. Der Vorsitzeude, Obermeister £>. Plate (Hannover', eröffnete die Verhandlungen, begrüßte bie Ehrengäste, bic zur Verbandstagung erschienen sind unb schloß seine Ansprache nut einem begeistert ausgenommcnen Kaiserhoch. Weitere Begrüßungsansprachen hielten der Vorsitzende des Verbandes Teutsck>er Gewerbevereirn', NegierungSrat Ilload (Darmstadti namens des Zentral-Gewerbe-Vereins Kommerzien­rat Kauffmann unb ferner der Erste Vorsitzende der Öand- werk-.ckammer Breslau, Obermeister Kirsch. Von dem Oester- reichischen Handwerkskammertage ist ein Begrüßungsschreiben ein- gegangen. Sodann erstattete der Geschäftsführer des Deutschen .»andwerks- und Gewerbekammertages Tr. Mensch (Hannover) den Jahresbericht. Der Geschäftsbericht wurde von her Haupt­versammlung genehmigt, und diese wandte sich nunmehr dem Thema zu: Fabrik unb Handwerk. Tie Handwerkskammer zu Düsseldorf schlägt zu diesem Thema folgende Resolution vor.' Der 9. Deutsche Handwerks- unb Gewerbekammertag bedauern lebhaft, daß der Bundesrat die Anträge des 2. Kammertages vom Jahre 1901 und des 5. Kammertages vom Jahre 1904 in der FrageFabrik und Handwerk" in keiner Weise beachtet bat- Die seither ergangenen Erlasse und Entscheidungen, besonders der Verwaltungsbehörden, lassen befürchten, daß ben Organi­sationen des Handwerks immer mehr leistungsfähige Betrieb,; entzogen werden, und daß es dadurch ben Handwerks- unb Ge- werbefammern unmöglich gemacht wirb, einen ausreichenden und' gut ausgebildeten Nachwuchs int Handwerk zu erzielen. Der Kammertag bedauert ferner, daß Gutachten der Handwerks- und Gewerbekammern bei den entscheidenden Behörden vielfach einen außerordentlich geringen Erfolg erzielt haben, wodurch der Förde­rung deö vaterländischen Handwerks nicht gedient worben ist. Der J. Deutsche Handwerks- unb Gewerbekammertag spricht daher di «bestimmte Erwartung aus, daß der Bundesrat sobald als' möglich versuchen wird. Die FrageFabrik und Handwerk" zu lösen." Die Resolution wurde einstimmig angeiwmmen und der aeschästSsührende Ausschuß beauftragt, eine Denkschrift über bie Abgrenzung zwischen Fabrik und Handwerk herauszugcben.

Darcruf Wandte sich der Kammcrtag der Beratuilg her Ein­tragung von Handwerkern ins Handelsregister: zu. Der gefchäftssührende Ausschuß schlug hierzu folgende Reso­lution vor:

Die vielfachen Wandlungen, denen die Rechtsaufiassung übec die Stellung des Handwerks im Handelsgesetzbuche in ihrer bis­herigen Entwicklung unterworfen War, veranlassen den 9. Deutschem Handwerks- unb Gewerbckammertag, seine Auffassung von bici'eti Frage in folgenden Leitsätzen erneut mcberjulcgen: 1. Der Hand- werkSbegriff des Handelsgesetzbuches ist nad) dem unzweideutigen! Willen des Gesetzgebers unabhängig von dem Kriterium des Um­fanges lediglich aus dem gesamten Betriebssysteme, d. h. aus der Art unb Weise des inneren Betriebes abzuleiten. Jnsbeionderc kann also der Umstand, daß ein gcmerbliu;:5 Unternehmen nach Art und Umsang einen in kaufmännischer Weise eingerichteten Geschäftsbetrieb erfordert (§ 2 H. G, V.) nicht als niojjjebcnb sür die Entscheidung darüber herangezogen werben, ob ein Handwerks­betrieb ober ein Handelsgeiveroe vorliegt. Vielmehr sind auch Großbetriebe, aus die das Kriterium deS § 2 H. G. B. zutrifst, als handwerksmäßige, nach den eliischlägigen Vorschrisleu des Han- delsaesetzbuches zu behandeln, sobald sie das Betriebssystem deÄ Handwerks beibehalten haben. Alle Versuche, den Handwerks- begriff des Handetsgesetzbuck/es mii oem Begrine ixd KleuigewerbeÄ zu identifizieren, finb als im Widerspruche mit den Gesetzes- Materialien stehend entschieden zurückzuweisen. 2. Ein Regsiter- zwang für reine Hanowerksvetriebe ist nach der zwingenden Vor­schrift des 8 4 des H. G. B. ausgeschlossm. Im wohlveritandenew Interesse des Handwerks ist jedoch dayin zu wirken, daß auch reinen Handwerksbetrieben die Möglichkeit zur Eintragung ins Handelsregister durch Erteilung eines freiwilligen Register rechtes nach Analogie des § 3 H. G. B. gewährt wiro. Durch die hier­nach etwa erfolgende Eintragung ins Hanbelsregister wirb bif Handwerlseigenschaft eines Betriebes in keiner Weise berührt, insbesondere können reine Hanbn-erlsbecriebe niemals zur Bei- tragspslicht zur Handelskammer l-erangezogen werden. 3. Dey 9. Deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag weist bie Ver­suche, ben Handwerkern das auf einer langjährigen ungestörten; Verkehrssitte beruhende 3tcck>t zur Führung firmenähnlicher Ge- schästsbezeichnungen durch Unterstellung dieser Bezeichnungen als

Zweites Blatt 158. Jahrgang Donnerstag S7. August 1808

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesfen

49. Allgemeiner Deutscher Gcnossenschaftstag.

(Unberechtigter Nachdruck verboten.)

S.U.H. Frankfurt a. M., 25. Aug.

. Zu denr 49 Deutschen Genossenschaftstag des Verbandes der aus ^elbsthtsie berubcitben Deutschen Erweros- unb Wirsickzosts- genosscnschaften, der in diesem Jahre in der alten Kaiserstadt ?yrantmrt a M. tagt, sind etwa 1200 Delegierte aus allen Teilen deS Retche.,, aus Lesterretch-Ungarn, der Schweiz, Frankreich, Rußland, iahen und den Niederland-n erschienen.

Im großen Saale dasKaufmännischen Vereins" versammelten sich Henle vormittag etwa 1500 Teilnehmer zur Feier der 100- lahrtgen Wtederkehr von Schulze-Delitzsch's Ge> b u t t S t a g. Man bemerkte u. a den hessischen Mlnister Braun und den Vortttzenden des Verbandes Lrnbw. Genoisenschaftcn Daltschlands, und Geheimerat Haas (Tarmstadt, Kgl. Rat Di- rektor Proebst (München). Der Vorsitzende ber Tagung begrüßte bie 4>cr|aiiimlunq. Ec betonte sodann bie eigenartige Bedeutung vtcscs Kongresses, dem man mit einer Huldigungsieier für den GenossenschaftsivesenS beginne, um gleich am ersten Tage den Manen dieses verdienten Mannes gerecht zu werben, heute ein Denkmal zu errichten.