Nr. 74) Erstes Blatt
138. Jahrgang
Morttag ZA. März 1908
Der Siebener Anzeiger erschein! täglich, außer SonnlagS. - Beilagen: viermal wöchentlich etcbcnerSamilicnblättcr; Kx-tntal wöchentl.Areis- att slir den Ureis Gietzen tDienstag und Freitag); groeunal monatl. Landwirtschaftliche Aertsragen Ferniprech - Anschlüsse: für dir Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Tldreße *ür Depeschen:
Anzeiger Gießeu.
Knnn^me von Anzeigen für dre TageLiruminer biS vormittags 10 Uhr.
General-Anzeiger für Gberheffen
Botafionsbruti und Verlag der Vrützl'schen Univ.-vuch- und ZLeindruckerei. B. Lange. BedaMon, Lxpediüon und DruSerel: Zchulstraßs 7.
BezugSprslS: monatlich 75 Pf., vierteljährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Bost Mk. 2.—viertel- jährl. ausschl. Bcftellg. Zeilenpreis: lokck.!5Pf^ auswärts 20 Pfennig.
Berantwortlich für den oolitischen Teil: E. Anderson; s. Feuilleton und „Vermischtes" P. Wittko; für .Stadt u. Land" und „Genchls- saal": E. Heß; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfatzt 10 Seiten.
Asletstzche
Der Tod des Hauptmanns Clauning.
Neber die Expedition nach Kamerun, bei der Hauptmann Glauning getötet wurde, wird nunmehr amtlich gemeldet: Nm die bevorstehenden Arbeiten der Grcnz- kommission an der deutsch-englischen Westgrenze von Kamerun zu ermöglichen, mußten die dort wohnenden kriegerischen Stämme zu der Anerkennung der Oberhoheit des Deutschen Reiches gebracht werden. Infolgedessen war Major Puder, Konunandenr der Schutztruppe für Kamerun, auf Befehl des Gouverneurs am 28. Okt. 1907 mit der sechsten Kompagnie von der Küste aufgebrochen, um im Verein mit der zweiten und der vierten Kompagnie (Bameitdo und Banjo) die Gebiete längs der deutsch- englischen Grenze zu durchqueren und zu befrieden. Das Hauptlingsdorf von Alkasim wurde am 19. Dezember kampflos besetzt. Dann erhielt die vierte Kompagnie, die aus dem Verband der Expedition ausschied, den Auftrag, das Alkasimgebiet und das nördlich und nordwestlich davon im Banjobezirt' liegende Gebiet unter Verwaltung zu nehmen. Tie sechste und die zweite Kompagnie setzten die Expedition in dem westlichen Gebiet am Katsena fort. Hierbei ist am 5. März nach einem siegreichen Gefecht gegen die Munschis Hauptmann Glauning, der Führer der zweiten Kompagnie und Chef des Bezirks Bamcnda gefallen.
Internationaler Verband der Handlungsreisenden.
Der englische Handelsminister Lloyd-George führte den Vorsitz in einer Versammlung in London, die behufs Gründung eines internationalen Verbandes der Vereine von Handl ungsreisenden cinbcrufcn war. Zweck der Gründung ist die Unterstützung der Vertreter des britischen Handels, die das Ausland, und ausländischer Handelsvertreter, welche England besuchen. Delegierte aus Deutschland, Frankreich und anderen Ländern sind zugegen. Lloyd-George betonte die Wichtigkeit des Planes vom Standpunkte sowohl des Handels und der internationalen Interessen, als auch der Förderung des Friedens unter den Nationen. Eine Neso- sution zu Gunsten der Gründung eines Verbandes fand einstimmig Annahme.
*
Eine japanfeindliche Kundgebung.
Eine von über 50 000 Personen besuchte Protest- versaminlung wurde aus Anlaß des Tatsu-Maru- Zwischenfalles in Canton abgehalten. Es wurden aufreizende Reden gehalten und die Sente entledigten sich der aus Japan stammenden Kleidungsstücke, Mützen und Taschentücher, warfen sie auf einen Haufen und verbrannten sie. Die Versammlung beschloß, dem Staatsrat Puanschikai ihbe Mißbilligung auszusprechen für seine Nachgiebigkeit gegenüber den japanischen Forderungen.
Deret-clies Aeictz.
Der „Bert. Lok.-Anz." meldet aus Osnabrück: Stactts- minifter v. P o d b i e l s l i hat die ihm vom Bunde der Land- ioirte angebolene Kandidatur im Wahlkreise Meele-Diepholz gegen die Nationalliberalen angenommen.
München, 21. März. Die dem Professor Schnitzer gestellte Frist auf Widerruf seiner Lehre ist abgelaufen. Schnitzer
301
erklärte, ohne seinem Gewissen Zwang anzutun, nicht widerrufen. zu können. Er glaube, das reine Wort gelehrt imb geschrieben zu haben. Zweifellos wird über Schnitzer der große Kirchenbann verhängt werden.
Wien, 22. März. Das Befinden des Kaisers Franz Josef ist andauernd zufriedenstellend. Die des NachtZ aufgetretene leichte Temperatur-Erhöhung ist bereits wieder geschwunden. Heute früh, fühlte sich der Kaiser sehr munter und verzehrte das Frühstück mit bestem Appetit. Es ist alle Aussicht vorhanden, daß die Krankheit in den nächsten Tagen gänzlich gleschwunden sein wird.
Athen, 22. März. Nach einer amtlichen Mitteilung trifft Kaiser Wilhelm nunmehr definitiv a m 6. A p r i l a u f Ko r f u ein.
Petersburg, 21. Mürz. In der Wohnung des Generals Stössel erschien heute morgen plötzlich der Platzadjutant und forderte ihn auf, ihn nach der Peter-Paulsfeste zu begleiten, um dort die über ihn verhängte,Strafe anzutreten. General Stössel leistete der Aufforderung sofort Folge.
Paris, 22. März. Nach einer Petersburger Meldung des „Malin" hat die plötzliche Inhaftierung des Generals Stössel einen peinlichen Eindruck gemacht, weil man noch immer auf seine Begnadigung hoffte. Stössel hat seine Zelle neben derjenigen Nebogatows erhalten, auch steht ein kleiner Garten dem General zur Verfügung. Frau Stössel war es 'gestattet worden, die Zelle für ihren Gatten zu möblieren.
Paris, 21. März. Auf Veranlassung des Unterstaats- sekretürs der Schönen Künste, Dujardiil-Bcaumetz, ordnete die Polizeipräfektnr an, daß mehrere, von einem polnischen Malerin dem gestern eröffneten Salon der Unabhängigen ausgestellten abgeschmackten Zerrbilder des Kaisers Wilhelm und des Zaren Nikolaus entfernt werden. Dieser Anordnung wurde gestern abend noch Folge geleistet.
London, 22. März. Wie der „Observer" meldet, leidet Premierminister CampbellBannerman außer an der Herzkrankheit auch an schwerer Wassersucht, ohne daß eine Besserung jestzustellen ist. Tie weit vorgeschrittene Krankheit gestattete keinem der Minister, Bannerman seit Beginn seines Leidens zu sehen.
Lissabon, 22. März. Wie die Blätter berichten, ist der frühere Ministerpräsident Franeo nach Portugal zurückgekehrt. Die Regierung hat die erforderlichen Maßnahmen zu seinem Schutze getroffen.
Tanger, 22. Mürz. Der Gesandte Regnaultist die Treppe des Hotels de France in Casablanca h i n a b g e st ü r z t. Er soll eine leichte Gehirnerschütterung erlitten haben. Zum mindesten befürchtet man, daß er einige Tage arbeitsunfähig sein wird. Sein Aufenthalt in Casablanca wird sich jedenfalls verlängern.
Dcrii-cher handristag.
(Unber. Nachdr. verb.) S. u. H. Berlin, 21. März.
Auch zu der heutigen zweiten und letzten Plenarversammlung des deutschen Handelstages ioaren wieder zahlreiche Regierungs- Vertreter erschienen. Nach einigen geschasttichen Mitteilungen trat man in eine Besprechung des Gesetzentwurfs über die A r b e i t s - kammern em. Hierzu lag folgende Resolution vor: „Der Deutsche Handelstag hat nichts dagegen einzuwenden, daß den Arbeiterin eine Interessenvertretung ans gesetzlicher Grundlage gegeben wird, für deren Form aus dem Kaiserlichen Erlaß vom 4. Februar 1890 fein Anhalt j-a nehmen ist. Er lehnt aber den Grundgedanken des im Deutschen Reichsanzeiger vom 4. Februar 1908 veröffentlichten Entwurss eines Gesetzes über Arbeitskammern mit Entschiedenheit ab, weil die Errichtung von Körperschaften mit gemeinsamer Lertretung der Unternehmer und Arbeiter die erstrebte Förderung des Friedens zwischen beiden Teilen nicht bewirken und die bestehenden vanoelskammeru, die zurzeit dieselben Aufgaben haben, empfindlich beeinträchtigen würde. Die Interessenvertretung der Arbeiter soll daher die Lbrbeiterkaimner sein, die nur aus Arbeitern zusammengesetzt ist. Betriebsbeamte, Werkmeister und Techniker find nicht in die allgemeinen Arberterver- tretinigcn einzubeziehen. Zwar lassen sich sowohl für fachlich wie für örtlich gegliederte Körperschaften Gründe geltend machen; es empfiehlt sich aber bod)z die Aroeitervertretungcn, ebenso wie die Handelskammern und vandwerkslämmern, nach örtlichen Be
zirken zu errichten. Tie örtlichen Körperschaften Haven vor den fachlichen u. a. den Vorzug kleiner Anzahl, geringerer zßosten, größerer Arbeitsfähigkeit, besserer. Berücksichtigung örtlicher Verhältnisse. Tie Aufgaben der Arbeitervertretungen sind aus Fragen zu beschränken, die das Ärbeitsverhaltnis und die Ausbildung der Arbeiter betreffen. Sv weit die Arbeitervertretungen von den Behörden mit Erhebungen und der Erstattung von Gutachten betraut werden, sind auch die Handelskammern dafür in Awspruch zu nehmen. Desgleichen sind die Handelskammern zu hören, bevor die Behörden Anträgen von ^lrbeitervertretungen entsprechen. Ten Geioerbegerichten und Kaufmannsgerichten ist die Verpflichtung zu Gutachten und die Berechtigung zu Anträgen äu nehmen. Tie Gestaltung des Wahlrechts sollte auch den Min- derheiten eine Vertretung gewährleisten. Tic Bestreitung der Kosten der Arbeitervertretuugen durch die Unternehmer ist als ungerecht abzulehncn."
Geheimrat v. Mendelssohn-Berlin empfiehlt die Annahme folgender Resolution: „D.w Deutsche Handelötag ist der Ansicht, daß rein Bedürfnis für die Schaffung gesetzlicher Ar- beitrrvcrlretungen naü-gcwiesen ist und der im Deutschen Reichs- anzciger vom 4. Februar 1908 veröffentlichte Entwurf eines Gesetzes über Arüeitskammern keine geeignete Grundlage zur Erreichung der von ihm vorgesehenen Ziele bildet. Sollten dennoch Ärbeitervereretungcn errichtet werden, so müßten sie dem Ge- setzerttwurf entsprechend aus Arbeitskammern aus Unternehmern nrtd Arbeitern zusammengesetzt sei, da nur bei solcher Zusammensetzung sich erhebliche Gefahren für den sozialen Frieden vermeiden laßen." (Beifall, lebhafter Wioerfpruch.-
Inzwischen war eine weitere R esolutiou Stumps-Osnabrück, eingelaufen, und zwar mit folgendem Wortlaut: „Der deutsche HcmdclStag teilt nicht die Hoffnung, daß der im Teutfchen Reichsanzeiger vom 4. Februar 1908 vwistientlichte Entwurf eines Gesctz.s über Arbciterkammern den sozialen Frieden fördern ober volkswirtschaftlichen Nutzen stiften würbe, und muß sich daher mit Entschiedenheit gegen die Einführung von Arüeitskammern aussprechen." (Gwßer Beifall.)
Nach einem kurzen Schlußwort wurde die Abstimmung über den Ausschnßantrag vorgenvmmcu, die auf Antrag namentlich >oar. Sie ergab mit 232 gegen 70 Stimmen die Ablehnung des A u s s ch u ß a n t r a g e s , sowie der v. Meudelsohn'schen Resolution und die Annahme des Stump s 'scheu Bo rs chla- g e s. (Stürmischer Beifall.)
Hieraus sprach zum letzten Punkt der Tagesordnung: Festlegung des Osterfestes Wilhelm-München unter Bezugnahme auf folgenden Antrag: „Die großen zeitlichen Schwankungen des Osterfestes haben für weite Kreise, insbesondere für viele Zweige ber Industrie, Gewerbe und Handel große Mißstände zi'.r Folge. Im Hinblick darauf, daß nach rirchlichem Brauch der erste Osterfeiertag stets auf einen Sonntag fallen muß, erscheint die Festlegung dcs Osterfestes auf einen bestimmten Kalend v- lag aus^eschlossen.. Hingegen dürften auf kirchlicher Seite zurzeir teilte Bedenken mehr gegen die Festlegung des Ostersonntags nach einem bestimmten Kalendertag bestehen. Zur Beseitigung der beklagten Schwankungen erscheint es danach angczeigt, und durchführbar, das Osterfest auf den ersten Sonntag nach dem 4. April festzulegen. Ter deutsche Handelstag tritt für eine dahingehende internationale Vereinbarung ein, die selbst für den Fall zutreffend wäre, daß Rußland sich nicht entschlösse, den gregorianischen Kalender anzunehmen."
Zn der Debatte nahmt Geheimrat Förster von der Berlin e r S t e r n w a r t e das W o r t zu interessanten Ausführungen über den Standpunkt, den die Wissenschaft in dieser Fratze einnimmt und der sich mit der in der Resolution enthaltenen Forderung deckt. Diese wurde dann angenommen. Dann schloß der Vorsitzende Vizeprüfident Kaempf die Tagung.
!>,WWW >W' Q’«' *•' — K*rtmrrr UMTwr-yw.-ate/nn i wi »jut—
Aus Stcrds reud Csud.
Gieren, _3. März 1908.
Lalrdtvü.'Lschafrlichep LoLaLrrei'erir Gisste«.
In der Sitzung am letzten Mittwoch wurde beschlossen, wegen der bestehenden Milch,vevkaufsordnung an das Gr. Kreisamt den Antrag zu richten, daß, wie in anderen Städten, die zmn V.wkauf gebrachte Vollmilch in ihrem Fettgehalt schwanken dürfe zwischen 2,8 und 3 Prozent Fett. Es ist dem Landwirt unmöglich, unter allen Umständen in seinem Milchviehstall eine Milch zu erzeugen, die in ihrem Fettgehalt nicht vorübergehend
Gcrstlrchc Musikaufführurrg in bei* Stadtkirchc.
Zur Passions-Aufführung des Evangelischen Kirchen- gesangoereinZ Gießen hatte sich am gestrigen Sonntage die Stadtkirche bis auf den letzten Platz mit einer andächtig lauschenden Aienge gefüllt. 2(n der Spitze des sehr viel versprechenden Programms stand eine Ehorallantate für Chor, Solovioline, Solobratsche und Orgel von Max Neger. Der Chor hält hier streng an dec alten Choralmelodie feft. Da§ Originelle besteht nun aber darin, daß dec Choral durch die Instrumente unterbrochen wird, daß diese dann wieder tzemissecmaßen in Parallele zu den einzelnen Choralversen treten und ihnen ' schließlich sogar entgegengestellt werden. Der Komponist erzeugt auf solche Weise eine an Schönheit und Abwechselung reiche und tiefe Wirkung. Die Aufführung dieser Kantate unter Leitung des Herrn Professors Traut- mann und unter dec voctceffllchen Mitwirkung des Herrn Schüttler und anderer nicht besonders genannter Herren war sehr schön.
Etwas weniger befriedigte die allgemein bekannte Arie „Erbarme dich" aus der Bachschen Matthäuspassion. Das wundervolle Biolinsolo in dieser Älrie, das wohl zum Schönsten und Klangvollsten gehört, was Bach geschaffen hat, kam gut zur Geltung, nur der Gesang war leider ziemlich matt und wirkungslos. Die Solistin, Irl. Emmi) Neichard aus Frankfurt a. Ai., verfügt anscheinend über recht schöne Stimmmittel, aber sie ging nicht au5 sich heraus. Man hatte als Zuhörer das beängstigende Gefühl, als fürchte die Sängerin sich, die Fühlung mit dec Begleitung zu verlieren. Nun ist diese Arie ja von ganz immensen Schwierigkeiten, allein der Zuhörer darf es doch eigentlich nie merken, sonst fängt ec an zu reflektieren, unb um daS musikalische Genießen und um die Andacht des Hörers ist es geschehen. Weit besser gelangen der Sängerin das Ziezitativ „Ach Golgatha" und die darauf folgende Arie „Sehet, Jesus hat die Hand, uns zu
fassen, auSgespannt". 9iuch die recht schwierige Koloratur in dec Arie wurde von Frl. Neichard korrekt unb hübsch roiebergegeben. Schabe, baß man bei bieser Arie bte wirkungsvollen unb belcbenbcn Zwischenrufe der Chöre fort- gelassen hatte.
Franz Tumas „Fac me tecum pie fleve“ für gemischten Chor mit Ocgelbegleilimg wllcbe sehr hübsch wieber- gegeben.
Den Schluß des Konzerts bilbete HaybnS Oratorium „Die sieben Worte beS Erlösers ant Kreuz". Dieses schöne Werk voll tiefer Innigkeit, Frömmigkeit unb musikalischer Zartheit ist in allem em echter Haydn, aber es stellt nicht geringe Anforberungen an ben Chor, unb es gehört eigentlich schon etwas ganz Außecorbentliches bazu, bteicS Oratorium vollendet wieder zu geben. Die gestrige Aufführung biescs Werkes hatte unzweifelhaft viele schönen Momente, aber es würbe nicht ber Wahrheit entsprechen, wenn man sagen wollte, bas; sie allen Anforbecungen gerecht geworben wäre. Es war noch viel zu viel Unausgeglichenes ba, ja selbst Unfertiges. Im allgemeinen befeiebigten mich hier bte Männerstimmen mehr als die Frauenstimmen. Von ganz übercaschenb schöner Wirkung war hingegen bas Zusammenspiel von Orgel unb Klavier. Man hat ja nicht sehr häufig Gelegenheit, ein solches Zusammenspiel zu hören, unb ba möchte es Manchem vielleicht a priori erscheinen, als wenn biefe beiben Instrumente eigentlich gar nicht zusammen gehörten. Sie paffen aber, wie man sieh gestern überzeugt haben wirb, sehr gut zusammen, unb cs ist eigentlich merkwürbig, baß unsere mobernen Komponisten biefe Tatsache so wenig beachten. Welche neuen Möglichkeiten bieten sich boch hier der raffinierten mobernen Komposittonstechmk.
— Ein Bauer als Homer-Uebersetzer. Zu Ehren Homers werben im Frühjahre m Arles (Südsrcmkreich) Feste
ftattfinben, bei benen Stellen aus der Odyssee in provenealischer Sprache vorgetragen werden sollen. Die Uederlrayuna in die wohlklingende Sprache der Proveliee hat ein einfacher Bauer, Charloun mit Namen verfaßt. Mehrere Jahre hat er dazu gebraucht ; bann legte er fein Manuskript bem großen Dichter ber Provence, Atistral, vor, und verbesserte aui dessen Rat noch einige Stellen. Alit seinem weißen Barl und seinem Wanderstock, von dein er sich nie trennt, erinnert Charloun last an die alten griechischen Helden.
— Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft. In Graz ist der Musikproiessor unb Komponist Anton Seybl un Alter von 58 Jahren gestorben. — In Berlin hielt ant 21. bs. Mis. Geheimrat Professor Robert Koch einen Vortrag über die ethnographischen und anthropologischen Beobachtungen, welche er während seines U/,jahttgen Anie>nhalles in Ostafrikci gemacht Halle. Seine Bcobachiniigetl erstreckten sich ooriuiegcnb auf die im Nordweslen des Bittoria - Nyanza - Seees liegenbeit ^esse-Jnselii, die von Bantnnegern bewohnt werden. — In ©tut 1- aart sand am 22. März bte Beerdigung des Geheimrates Prof. Dr. Eduard Zeller unter Teilnahme zahlreicher Gelehrter unb emes großen Trauergesolges statt. Als Vertreter bes Kaisers war der preuß. Gesandte v. Bclow-Rutzau erschienen. Es luurben von Vertretern mehrerer benlfcher Uiriversilälen und gelehrter Ge- seklschaiten Nachrufe gehalten. Ter Kaiser hat einen prächtigen Kranz mebcrlcgcn lasten. — In Hamburg ist die Errichtung eines Heine-Denkmals gesichert. Es sind die Sammlungen des Hamburger unb des Berliner Ausschusses zusanunengelegt worden. Jeder dieser Ausschüsse hat 21 000 ü-iL aufgebracht. 12 000 Mk. genügen zur Errichtung des Tenkmals. Es |ofl aber noch weiter- gesanunelt werden, um das Denkmal in einer möglichst künstlerischen Ausslatttma errichcen zu können» — Durch die Presse ging dieser Tage die Meldung, Josef Kainz trage sich mit der Absicht, aus dem Verbände des Wiener Burglheaiers auszuscheiden. Kainz teilt nun mit, daß er selber nichts davon ivisse, das; er ferner nicht 50 000, sondern 36 000 Kronen beziehe, so viel wie Sonnenthal. 9tnr wenn seine Spielahende dre garantierte Zahl überschreiten, komme noch etwas dazu. Er übe nie eine Preffion wegen der Gage aus und komme auch aus, ba er keine Kinber habe, sondern „nur eine netie Frau". Jetzt aber könne er noch nicht wissen, was er später denken werde. Er liebe Wien, aber auch Berlin. Am liebsten wäre er zu gleicher Zeit in beiden Städten.


