Ausgabe 
14.11.1908 Viertes Blatt
 
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Nr. 269

Viertes Blatt 158. Jkhrgang

Samstag, 14 November 1908

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Deutscher Reichstag.

161. Sitzung, Freitag, den 13. November.

Am Tische des DundeSrats: v. Bcthmann-Hollwcg, Wermuth, 8aspar.

Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 20 Minuten.

Wirtschaftliche Krisis und Arbeitslosigkeit.

Interpellation des Zentrums: Welche Matz, nahmen gedenkt der Herr Reichskanzler zu ergreifen, um den gro­ßen Schäden, der auf dem gewerblichen Gebiete bestehenden Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken?

Interpellation der Sozialdemokraten: Welche Matzregcln gedenkt der Herr Neichskanzler zu ergreifen, um den Folgen der wirtschaftl'chen Krisis die sich in Betriebsein. schränkungcn, Lohnkürzungen und vornehmlich in Arbeitcrent. lassungen bemerkbar machen, zu begegnen und dem dadurch hervor, gerufenen und durch die hohen Lebensmittelzölle gesteigerten Not­stand weiter Volksschichten entgcgenzuwirkcn?

Abg. Dr. Pieper (Zentr.) begründet die Interpellation deS Zentrums: Die ArbeitSfosiokeit ist autzergewöhi'lich grotz. Sie wird sicher in den kommenden Winter- monaten noch eine Verstärkung erfahren. Es herrscht infolgedessen eine Kriegs st immung auf wirtschaftlichem Ge- biet. An die Unierstntzungskalsen der Gewerkschaften werden die höchsten Anforderungen gestellt. Es ist Pflicht deS Reiches, jetzt Arbeitsgelegenheiten zu schaffen. Die Reichsverwaltung sollte alle in Aussicht genommenen Arbeiten sofort ausführen lassen, ebenso die für das nächste Jahr vorgese.hen'n Bauten. Nun ist aber daS Reich nur in beschränktem Matze Unternehmer, die Bundesstaaten kommen mehr in Betracht. Die ReichSregierung mutz sich daher an die Einzel st aalen mit der Aufforderung richten, Arbeit zu beschaffen Mehr können aber noch die Gem-inden tun. S'e müssen für jeden Winter eine Reihd von Arbeiten in Vorrat haben. Inländer müssen dabei bevorzugt, die tarifmätzigen Lobne gezahlt iverden. Wohlfahrts- Vereine, gemeinnützige Ballgesellschaften und wohlhabende Privat­personen sollten sich ebenfalls der Arbeitslosen annehmen. Eine Vorbedingun" für alle diele Matznahmen -st aber eine A r b e i t s. l o s e n z ä h l u n g , die alljährlich statifinden sollte. Wir müssen auch in Betracht ziehen, ob die Kartelle und Slmdikate daS gehal­ten haben, was sie versprochen haben, ob sie auf unser Wirtschafts­leben fördernd eingewirkt haben. Für die Ziikunft müssen wir Vorkehrungen schaffen durch den Ausbau des Arbeits­nachweises, der auch auf die kleinen Städte und daS Land ausgedehnt werden sollie. D-e Arbeitsnachweise müssen für ganze Bezirke und Bundesstaaten organisiert und einer Zentrale unter» stellt werden. Das Shstem der Wanderarbeitsstätten, wie es in Preußen besteht, bedarf der Ausdehnung. Ein Problem der Zu­kunft ist die Arbeitslosenversicherung, wie sie von vielen Gewerkschaften schon eingeführt ist. Wir sind zwar noch nicht so weit, datz wir diese Materie gesetzlich regeln können, aber alle Ansätze in dieser Beziehung sollten wir unterstützen.

Also die Gemeinden sollten die organisierten Arbeiter durch 8 u schüsse z u ihren Arbeitslosenkassen unter, stützen, und zum AuSgie'ch d? Nichtorganisierten Arbeiter durch Notstandsarbeiten. Alles muh geschehen, die Arbeiterorganisatio- nen zu fördern, vor allem den Abschluß von Tarifver- trägen. Hier ist ein neutraler Platz. Deutschland rühmt sich seiner Sozialpolitik sie darf aber nicht versagen in den schwer- sten Stunden, öte den Arbeiter treffen können, den Zeiten der Arbeitslosigkeit.

Abg. Molkenbuhr (Soz.):

Früher kamen wir mit diesen Interpellationen allein; jetzt haben wir auch hierin das Zentrum vorwärts ge­drängt. Aber muh die Regierung immer erst Interpellationen abwarten? Muh sie immer erst geschoben werden? Den ganzen Sommer durch berichtete das ReichLarbeitsblatt über die stetig zu­nehmende Verschlechterung deö Arbeitsmarktes. Der Rückgang der Zahl der Zwangsversicherten in der Statistik der Klankenkatzen ergibt eine um 400000 größere Zahl von Arbeitslosen als die normale ganz abgesehen von den nickt versicherten Arbeitern. Die Gewerkschaften, die Arbeitslosen. Unterstützung zahlen, haben im dritten Quartal dieses Jahres §enau doppelt so viel dafür ausgegeben als im selben Quartal cs Vorjahres; dabe: ist das ein verhältnismäßig günstiges Quar­tal. Dasselbe gibt die Obdachlosenstatistik. Welches Kapital wird dadurch zerstört an Mcnschcnglück und an Arbeitsfähigkeit, für alle Zcitl Alle notwendigen Kulturarbeiten sollten ein Jahr- zehnt vorweg genommen werden, so der Bau von Kanälen, Eisen- bahnen, Schulhäuscrn usw. Wenn uns an Mitteln dazu fehlt, so ist unsere verfehlte Wirtschaftspolitik Daran schuld, die die Staatskassen leert. Durch das neue Tabak- steuergeseh werden wieder 150 000 Arbeiter auf die Straße ge. warfen. (Hört! Hört! bei den Soz.) Eine Reichsarbeitslosen­versicherung liegt sehr wohl jm Bereich der Möglichkeit. 220 Mill Mark jährlich würden aur Unterstützung der Arbeitslosen aus- reichen. Wenn die Arbeitslosigkeit der Regierung etwas kosten würde, dann würde sie sich schon bemühen, Abhilfe zu schaffen. Neben einer solchen Versicherung müßte der Arbeitsnachweis organisiert werden. Die Neichsregierung mutz sofort einen Ge­setzentwurf zur Abkürzung der Arbeitszeit einem, ?en. Schon die Einführung des Ncunstundcntags würde vor- äufig genügen. Das Reich nat die Pflicht, dafür zu sorgen, daß das Volk geiunb erhalten bleibt. Nicht für Kanonen und Panzer, schiffe soll das Geld des Volkes verwendet werden, ''andern zur Hebung der wirtschaftlichen Macht des Volkes. (Beifall bei den soz.)

Staatssekretär v. Bethmackn-Hollweg:

Ich kann Ihnen zu meinem Bedauern keine näheren Mittei- rungen über das große Unglück auf der Zeche Rad- bod machen. (Hört! Hort!) Der Chef der preußischen Bergvcr- Wallung, der preußische Handelsminister und der Qberberghaupt- mann haben sich sofort an Ort und Stelle begeben. Die Inter­pellationen, die der Reichstag an den Reichskanzler gerichtet hat, werden ja. wenn die Verhältnisse geklärt sein werden, auch hier im Reichstage Gelegenheit geben, weiter darüber zu sprechen. Aber ich habe die erste Gelegenheit. Sie sich mir nach dem Unglück bot, nicht vorübergehcn lassen wollen, ohne dem großen An­teil Ausdruck zu geben, den die Reichsverwaltung mit dem Reichstag an den von der Katastrophe Betroffenen nimmt.

Nun zur Beantwortung der Jnterpellatio- nen: Herr Molkenbubr hat seine Ausführungen über die Arbeits- losigkeit und ihre unhellvollen Folgen für die Arbeiter und die Gesamtheit in dem Ton des Angriffs gegen die bestehende Gesell- schaftsordnung borgetragen. Von seinem Standpunkte aus mit Recht, wenn er glaubt, daß eine zukünftige Wirtschaftsordnung derartige Arbeitskrisen nicht mehr auf kommen lassen wird. Ich stelle mich mit dem Abg. Pieper auf den Standpunkt, daß gerade unsere gegenwärtige WirtschaftZkrijis internationale Ur»

fachen h a t, daß sie beruht auf einer wirtschaftlichen Depression, die sich m allen Staaten geltend gemacht hat. Wir können bei uns in Deutschland froh sein, daß der Nieder- gang der wirtschaftlichen Verhältnisse nicht so plötzlich und nicht so schroff eingetreten ist wie in vielen anderen Staaten. Während diejenigen Industrien, die bisher noch alle Aufträge auSzufuhren hatten, leider noch keine Besse- rung sehen, scheinen doch m anderen ErwerdSzweigen einige Anzeichen der Besserung oorzuliegen. Sind meine Nachforschungen richtig, so kann man nicht allgemein sagen, daß die Zahlen bei den Krankenkassen allgemein zuruckgegangen sind. Jedenfalls hat sich eine Steigerung bei den Arbeiterinnen ge- zeigt, die ja allerdings im allgemeinen in Zeiten bei ArbeilS- losigkeit nicht so stark betroffen werden wie die Arbeiter. Und auch im Verkauf der JnvaliditätSveisicherungSmarken scheint sich eine kleine Besserung anzubahnen. ES ist sehr schwer zu sagen, ob sehr bald, ober erst nach langer Zeit auf Umschwung z u rechnen ist. Ich habe ber GinbruL daß ein Teil ber Ursachen, die zu der gegenwärtigen Krisis geführt haben, in der Abschwächung begriffen ist. In Amerika bessern sich die Verhältnisse unzweifelhaft, auch nachdem im politischen Leben dort durch die Wahl deSVräsid'-nten eine Bernbiaunci eingetreten ist.

Unsere eigenen Geldoerhältnisse hoben sich seit dem vorigen Jahre unweifclhaft gestärkt, und die Herren werden mit mir mit Genugtuung die Rede gelesen haben, die der rnglHcbc Premier­minister Asauith gehalten und in der er auch der Ucbcceuaitng Ausdruck gegeben hat. datz die Krise nicht mehr lange anhallen werde. UeberdieZahlunsererArbeitslosensind wir nicht genau informiert.

Hingegen ist zuzugeben, daß die Arbeitslosenzählung die notwendige Grundlage für eine Arbeits- losen Versicherung bilden müßte, die bei Abg. Molkenbuhr für ein sofort erreichbares Ziel erklärt hat. Ich schließe mich der Auffassung des Abg. Pieper an, datz die Frage der Arbeitslosen. Versicherung durchaus noch nicht reif ist. Die Probleme, die zu lösen find, haben noch in feiner Weise eine geeignete Grundlage für die Lösung erhalten.

Obwohl ick die Literatur und die Verhandlungen in anderen Parlamenten mit der größten Genauigkeit verfolge, habe ich noch nirgends einen irgendwie greifbaren Plan für eine Rcicbs-Arbcits- losenverncherung gefunden. Die Schwierigkeiten sind außerordent­lich groß, z. B. bei der Kontrolle der Arbeitslosen, bei der De- Messung der Unterstützungen, der differen.riellen Behandlung der verschiedenen Arbeiterklassen, bei der Frage der Beiträge usw. Ich glaube nicht, datz diese Schwierig! iten so überwunden werden können, datz wir jemals zu einer Arbeits- losenversicherung auf Reichskosten kommen werden. (Lebhaftes Hört, hört! bei den Soz.) Ich ipred-e hier meine liebereufiimg aus, ich habe eben nicht Den Optimismus des Abg Molkenbuhr, der diese Frage heute schon reichsgesetzlich regeln will. (Abg. Ledebour ruft: Na, wenn nicht heut, bann wenigstens übermorgenI Abg. Kreth: Sehr gut erlogene Herren! Beifall rechts.) Die Frage kann gegenwärtig nicht gelöst werden, ich finde keinen Weg zu einer Reichs-Arbeitslosenversicherung. Bei einer Frage, die das Leben der Nation so nahe berührt, sollen wir uns nur auf dieienigen Gegenstände beschränken, die einer kom­pletten Lösung fähig sind.

Nun zu dem Punkte, der das Reich in seiner Kompetenz am nächsten betrifft. Das ist die Stellung, die dasReichin sei­ner Eigenschaft als Arbeitgeber zur Frage der Arbeitslosigkeit einzunehmen hat. Ich habe mich mit den preußischen Ressorts in Verbindung gesetzt und auch andere Auskünfte darüber eingeholt.

In den NeichSressorts haben Arbeiterentlassungen und Lohn- Verkürzungen nicht stattgefunden, und das gleiche ist mir von den preußischen Betrieben mitgeteilt worden. In ber HeereSverwal- tung sind die BekleidungSämter und technischen Institute voll be­schäftigt; bei den technischen Instituten hat Mitte Oktober die Einstellung von 700 neuen Arbeitern erfolgen können. In der Marineverwaltung ist die Arbeiterzahl von rund 18 000 auf 20 000 gestiegen. (Hört, hört!) Eine Einschränkung ist in der nächsten Zeit nicht zu erwarten. Die Lohnsätze haben in letzter Zeit eine Steigerung erfahren. (Hört, hört!) Die Reichs- telegraphenverwaltung, die rund 12 000 Arbeiter beschäftigt, ist bemüht, ihnen die Beschäftigung auch im Minier weiter zu geben In den preußischen Staatsbetrieben ist die Beschäftigung im Ver­hältnis durchaus günstig. In den Bergbetrieben des Saarreviers und Qberschlesiens besteht noch ein gewisser Mangel, ein sichtbarer Mangel bei der Forstverwaltung. Die Eisenbahnverwaltung in Preußen, die 457 000 Arbeiter beschäftigt, hat keine Arbeiter ent­lassen. Für die Inangriffnahme der im Etat für 1009 vor. gesehenen Arbeiten werden die Anordnungen derart getroffen, datz unmittelbar nach Annahme des Etats eingesetzt werden kann. Darüber, ob für diejenigen Positionen, deren Annahme ohnedies sicher ist, ein Notstandsetat vorgelegt werden kann, um die Arbeiten schon jetzt zu beginnen, habe ich mit der Finanzverwaltung mich noch nicht ins Benehmen gesetzt. Im einzelnen bemerke ich folgendes: Die Leeresverwaltung hat zur Linderung der Arbeits­losigkeit in der Maschinenindustrie Sonderaufträge gegeben, und mich in der Textilindustrie. Die Reichspost- und Telegraphen- Verwaltung hat Anordnung getroffen, datz während des Winters mcitergearbeitet wird, soweit die Witterung eS irgend zuläßt. Die Marineverwaltung bat angeordnet, die für 1908 angewiesenen Mittel während deS Rechnungsjahres aufzubrauchen. Die preu- >'ische Eisenbahnverwaltung steigert ihre Bautätigkeit in hohem Umfange weiter. Die Betriebsverwaltungen der Einzelstaaten spielen ja eine bedeutende Rolle auf dem Arbeitsmarkt, und eS ist deshalb gewiß erfreulich, daß sich in Preußen die Mittel, die für Bauten zur Verfügung stehen, vom Jahre 1908 bis 1908 von 176,8 auf 833 Millionen gesteigert haben. sHört, hört!) Die vreußische Bmiverwaltung bat für 1908 54 Millionen zur Ver­fügung, 16 Millionen mehr als im Vorjahre. Auch dieser Betrag wird nutzbar gemacht zur Beschäftigung von Arbeitslosen. Alle diese Anordnungen in der Reichs- und preußischen Verwaltung sind getroffen worden, bevor diese Interpellationen gestellt waren. Es ist nicht richtig, daß die staatlichen Verwaltungen erst auf die Arbeitslosigkeit aufmerksam gemacht werden mußten. Die Frage der Richtbeschästigung misländischer Arbeiter ist wiederholt Gegen­stand der Erörterung gewesen. Sie werden sich entsinnen, daß vor einigen Jahren, als der Teltower Kanal gebaut wurde, die Bau- Verwaltung daraus hinwies, datz vor allem inländische Arbeitslose herangezogen werden sollten. Aber ich muß feststellen, datz bei »liefen zum Teil recht unangenehmen Arbeiten die inländischen Arbeitslosen nicht aushielten. Sie waren Wohl nicht m ber Lage, die Strapazen zu ertragen, unb verließen die Arbeit schon nach ganz kurzer Zeit. (Hört, hört!) Die Bauverwaltung war ge­nötigt, ausländische Arbeiter mit heranzuziehen, wenn die Arbeit nicht tnS Stocken geraten sollte. Gleichwohl ist von der preuhischen Bauverwaltung die Anordnung getroffen worden, daß auch sonst Kolonnen inländischer Arbeiter geschaffen werden, um in Zeiten der Arbeitslosigkeit für sie zu sorgen. Es gibt leider lein Spezial-

mittel, um gewerbliche Stockungen und die mit ihnen in ber Folge verbundene Arbeitslosigkeit zu beseitigen unb ihre schlimmen Wirkungen ganz zu heilen. gehört zu einer richtigen Politik, daß wir in erster Linie bie Inbustrie unb bamit auch bie Arbeiter­schaft leistungsfähig erhalten. Unsere Wirtschaftspolitik ist bei der Bchanblung des Außenmarktes durch den Abschluß von Handels­verträgen darauf gerichtet, und unsere JnlandSpolitik hat mit Erfolg daran gearbeitet, den inneren Markt zu heben. Wenn wir an diesen Grundlagen unseres Wirtschaftslebens fest­halten, dann wird eS uns hoffentlich gelingen, die Wirkungen solcher Krisen abzuschwächen. (Beifall.)

Auf Antrag Singer (Soz.) wird die Besprechung der Inter­pellationen beschlossen

Dbg. Dr. Strefemann (Natl):

Eine eigentliche allgemeine WirlschastSkrisiS besteht nicht. B'i der Snnbroirtfd-.aft kann z. B. von einem Ucbcrangebot von Arbeitskräften überhaupt nicht gesprochen werden. Jm Gewerbe- bctr-'- ist eS allcrd ngs anders, besonders in der Textil­industrie. In der Lausitz wird nur noch an vier Tagen in der Woche gearbeitet. ist ganz unrichtig, wenn behauptet wird daß unsere Wirtschaftspolitik an der jetzigen Konjunktur schuld ist Die erste Ursache kam vielmehr von Amerika. Und gegenwärt-g drückt auf unsere Textilindustrie das Ucbcrangebot von Entstand, daß seine Spindeln um viele Millionen vermehrt hat. Man darf auch nicht vergessen, wie viel neue Gebiete im Auskande mit uns in Wettbewerb getreten sind, ich erinnere nur an Japan, das uns den amerikanischen Markt streitig macht. Trotzdem ist bei uns die Arbeitslosigkeit gerin­ger als in anderen Ländern, weil unsere Arbeitgeber die Kala, mität dadurch mildern, daß sie möglichst wenig zu Entlassungen schreiten, sondern sich vielmehr durch Verkürzung der Arbeitszeit zu helfen suchen. Nun wird von sozialdemokratischer Seite immer gc'ont wir müßten in erster Linie unsere Arbeiter fonfumfähiger ma.ben. Dabe- vergißt man aber, daß unsere Landwirtschaft nickt b! produziert sondern auch Güter verbraucht. Unser Inlandsmarkt ist der Anker, der uns vor den Stür­men deS Weltmarkts bewahrt. Herr Molkenbuhr hat auch von >cn Kasten unserer starken Rüstung gesprochen. Er übersieht da­bei., daß dicke starke Rüstuna unS den Frieden gesichert hat. und daß sie dadurch mittelbar uns auch Scbutz gegen die Arbe'tslosig- fef bringt. ISehr riebt;g! bei den Nat! und rechts. Lachen bei den Soz.) Unser figerr und unsere Flotte haben uns Jahrzehnte friedlicher volkswirtschaftlicher Entwicklung verschafft und stellen I.'nrweif'-chaft eine indirekte Arbeitslosenversicherung dar. (Lachen bei den Soz.) Sonst hätten wir ga^z andere Krisen gehabt. (Sehr wahr! bei den Nat! unfr r -ckstSst Der Svatt und Hohn über unsere 'oziake Für'orgc ist nicht berechtigt. Wir haben große gründ- legende Gesetze geschaffen, die andere Nat-onen heute noch nicht 'n Angriff genommen haben und wünschen alle, das Gebäude durch die PensianSv'rsicherung der Privatbeamten, die Witwen, unb Waisenversichcimg und die Vereinheitlichung der Arbcster- verficheruna zu frönen. Die Löfung dieser Fragen wird unsere ganze Kraft und d'e finanzielle Kraft des Reiches lange Zeit in Anspruch nehmen. Für die Arbeitslosenversiche­rung aber haben mir noch keine Grundlage. Der v rstarbene Liebknecht hat sie 1892 ein Traumland genannt unb die Sozialdemokrat e gewarnt, solchen Utopien nachzujagen. lHört! Hört!) Wir können daher jetzt nur den Bundesstaaten unb Gemeinden raten bem Varb'kbe foiiofcr Fürwrae zu folgen, dos bas Reich gegeben bat. bann werben bie Verhältnisse ihre Korrektur in sich selbst tragen unb wir halb wieder zu normalen Zu ständen gelangen. (Lebhafter Beifall bei den Natl.)

Dbg. Earstens iFr Vp):

Eine Garantie für absolute Stetigkeit der Arbeitsgelegenheiten werben wir nie haben Daß wir gegenwärtig in einem Stabium umfangr-icberer Arbeitslosigkeit sinb, ist ja fr-ilich richtig. Und da war ich etwas überrascht von b>m Staatssekretär zu hären, daß in der Forstverwaltung noch Arbeiter fehlen. Es fragt sich nur, welche Löhne d'ese Verwaltung zahlt. (Rufe links: Sehr richtig!) Daß eine Arbeitslofen-Stat'stik schwierig ist, gebe ich dem Staats, sekretär zu, aber diese Statistik sollte sich doch etwas schneller be- werfstelligcn lassen Qhne sie können wir jedenfalls nicht an eine Arbeitsso'env'-rsickerung berantreten. Herr Molkenbuhr hat den Unternehmern vorgewarfen, trotz der Kr-se die Löhne ßu erniedri- gen. Nun, ich bin selbst Unternehmer und habe noch nie die Löhne ermäßigt. Und ich behaupte, daß seit zehn Jahren die Unternehmer noch viel sozialer geworden sind als früher, aber wenn bei b»r Krise der Unternehmer selber niedri. gere Preise erhält, er sehr wohl dazu kommen kann, auch die Lohne herabzusk-tzen. Das steht für m'ch jedpnialls fest, daß unsere Wirtschaftspolitik, wenn sie auch die Krise nicht allein verschuldet, sie doch jedenfalls erheblich verschärft hat.

Abg. Henning (Kons.):

Auch wir sprechen den Verunglückten auf der Zeche Radbod unser tiefstes Mitgefühl aus. Es ist beklagenswert, daß solche Unfälle immer noch nicht völlig verhindert werden können. Von sozialdemokratischer Seite ist eine Arbeitslosen-Statistik verlangt worden. Wir dürfen dabei aber nicht vergess m, daß sich unter den Arbeitslosen zahlreiche Arbeitsscheue befinden. (Sehr richtig! rechts.) Wir stimmen dem Staatssekretär durchaus zu, daß für die Einführung einer Arbeitslosenversicherung noch jede Grundlage fehlt. Von der Reichsvcrwaltung ist alles geschehen, waS geschehen konnte. Die Ausführungen des Staats­sekretärs haben uns durchaus befriedigt. Für Notstandsarbeiten ist in jeder Hinsicht gesorgt worden. Die Arbeitslasenfrage ist überhaupt gar nicht richtig zu lösen, tzeU niemals sicher festgestellt werden kann, ob die Arbeirslosigkeit ver­schuldet ist oder nicht. Die Arbeitslosigkeit besteht ja auch nicht im ganzen Reiche. Aus dem Lande fehlt es sogar noch an Arbeite, kräften, so daß ausländische Arbeiter herangezogen werden müssen.

Abg. Gothein (Fr. 93g.):

Es ist zweifellos, daß wir es hier mit einer internationalen Krisis zu tun haben. Aber wenn ber Staatssekretär meint, die Krisis fei bei un9 nicht so stark wie in anderen Ländern aufge­treten, so har er ein Moment, das besonders wichtig ist, übersehen. In seinen Aiissuhrzissern für das laufende Jahr hat der Staats, sekretär noch die Wertdurchschnitte vom Vorjahre eingestellt. Nun sind aber die Preise seit dem Vorjahre für unsere Aussuhrobjekte zurückgegangen, die diesjährige Wirtschaftsstatistik wird also schließ­lich viel niedriger ausfallen, als der Staatssekretär jetzt noch an. nimmt Und damit fallen 1'cir.c ganzen Schlußfolgerungen. Ferner aber: der bedeutendste Faktor für unseren inneren Markt ist nicht die Landwirtschaft, sondern sind die anderen Erwerbszweige. Und diese leiben außerordentlich unter der Teuerung der Nahrungs­mittel.

Da? Haus vertagt sich.

Sonnabend 11 Uhr: Fortsetzung und Petitionen.

Schluß gegen 6 Uhr.