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3.3.1908 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umfaßt 10 Selten.

Wählern A

nitz

Ich weiß.

Burschen, den man

Sehen mir uns nur .Sehr erfreut,

Jb Nutzbolzdcv ofti41 10- März itoti

Nr. 53

Der Siebener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SiehenrrHamiltenblätter; »wennal wöchentl.Ureis- blott für öen Kreis ©iefjen (Dienstag und Freitag); zweimal monall. Land­wirtschaftliche Seitfrazen Fernsprech -Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse iür Depeschen:

Anzeiger Gießen.

Annahme von Anzeigen für die Tagesmunmer bis oornuttags 10 Uhr.

Fasching«

Tcks Leben ist ein Mummenschanz, Und um das goldne Kalb dreht srch tut Tanz Der Mensch, geschminkt mit Flittern blank und bunt. Ein Ballsaal ist das ganze Erdenrund Boll Staunen trittst du in den Kreis hrnem. Doch alles ist nur Trug und eitler Schern; Tenn jeder trägt die Maske vorm Geslcht. Ten wahren Menschen aber siehst du nidjl.

Ter wahre Mensch, die Seele ist's, der Geist, Die Maske aber, was man Körper heißt, Und Rang und Stand der bunte Flitterstaat, Dem jeder sich in tiefster Ehrfurcht naht. Und ob ein Gaukler auch dahinter steckt, Du siehst es nicht, weil ihn die Maske deckt.

Ohne Maske geht heutzutage nur derKanadier" unter dre Menschen, der noch Europens übertünchte Höslichteit nicht kennt; der gibt sich, wie er ist. Dafür wird er aber auch als unge­bildeter, formloser Mensch von allen Maskierten über die Achsel angesehen und ihres näheren Umganges nicht gewürdigt.

Drum sind wir maskenlos in höherem Grade, Maskiert als jemals auf der Maskerade,"

heißt e§ sehr wahr in Jordans tiefsinniger Verskomödie .Durchs Ohr".Die Maske fällt: es bleibt der Mensch, und alles Heldentum entweicht", sagt schon Rousseau, der,große Menschheitserzieher, und der geistreiche Ire Shaw schuf nach dieser Erkenntnis seine kleinmenschlichen Dramen von Heroen der Weltgeschichte, wie Caesar und Napoleon. Auch Goethe sagt einmal, daß sich der Mensch ohne Maskeentblößt von allen

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Noch nie hat Wahrheit, rein und nackt, , Ter Völker Sinn und Herz gepackt.

Ibsen, der unheimlich scharfäugige Ausdecker des ununter­brochenen menschlichen Maskenspieles, sagt in einem seiner gesell- ^a ^^Eschen Dramen:Nehmen Sie einem Durchschnittsmen- schkn.die Lebenslüge, so nehmen Sie ihm gleichzeitig sein Glück." Mit feiner schier dämonischen Geisteskraft führt der große nordische 4soet_ immer wieder und wieder diese bittere Wahrheit uns zu Gemüte, am konsequentesten wohl in seinerW ildent e", die wir heute über acht Tage in unserem Stadtrheater mit einer der deutschen Bühnenkünstlerinnen sehen werden, mit Ger - vtu ^hsoldt, einer Darstellerin, deren kluge Augen ein Vollmaß von Geist und origineller Lebensbetrachtung bergen.

Xoct) um diese bittere Wahrlwit zu erfassen, brauchen wir gar 'uajt |o tief zu schürfen wie Ibsen, der Eiferer gegen dieüber» geschnappten Rechtschassenheitsfieberkranken". C ' 0?nz flüchtig die gesellschaftliche Konvention an.

~te 8u sehen", sagt man zu einem lästigen Besucher, den man am liebsten dahin wünschte, wo der Pfeffer wächst;Ich weiß, daß ich aus Sic zählen kann", von einem Burschen, den man Nicht über den Weg traut.Langen Sie zu, meine Herrschaften! r» beleidigen mich, wenn oie nicht mehr nehmen," flötet selbst die iparsamste Hausfrau beim Souper unb verfolgt mit Argus- 3^gen, ob vom Braten auch noch genug für den andern Mittag übrig bleibt. Und fo weiter, unb so weiter! Seinen Charakter, Gedanken, seine Fähigkeiten birgt jeher sorglich unter einer wvglichft günstigen Atas le. Wenn es anbers wäre, manche gute Be- «anntfajaft nähme ein jähes Ende, manche Ehe käme nie zustande.

Wir dürfen aber auch darauf Hinweisen, daß es manchen unter uns auf das angenehniste berührte, wie wir nach Jahren wieder einmal in die alte Universität Gießen emgezogeii sind unb bie Ver- anbenmgen saheii, die sich im Lailfe ber, Jahre vollzogen haben. Die alten traulichen und heimischen Ltraßen frisch unb jaubec auf» qcputft unb doch erhalten in deni altertümlichen SchmiNier, mit dem Glanzpunkt der Marktplatzes und Kreuzplatzes und daran sich reihend ein schöner Kranz neuer Straßen mit herrlichen Gebäuden, dazu die wunderschöne Umgebung von Gießen. Ich flehe auch nicht an, es hier auszusprechen, daß das wohl alles, insbesondere auch die künstlerische und großartige Anlage des Theaters, die feder Welt- ftabt zur Zierde gereichen würde, em Werk des früheren Coer- bürgermelslers von Gießen gewesen ist, und daß wir alle anerkennen müssen, waS er aus dieser Stadl geniachl hat. (Tie Anlage des ^tadt- lheaters fällt in tue Amtszeit des jetjigeu Oberbürgermeisters Aiccum. ,?teb.) kleine Herren, ich würde denselben auch im allgemeinen Interesse, nicht in unserem Interesse gern auf den verantwortungs­vollen Posten des ReichsschatzsetretärS gesehen haben, ich freue mich aber, dasz er abgewmtt. Tas Abwmken hat jetzt vielleicht keine besondere Bedeutung mehr, da bie Stelle bereits besetzt ist unb in absehbarer Zeit wohl nicht anberweit besetzt werben wirb; aber auch ioir trauen seiner Energie soviel zu, baß es ihm vielleicht gelungen wäre, nicht nur die Reichsfinanzrewrm durchzusühren, sondern damit auch in wohltätigster Weise für bie einzelnen Bundesstaaten zu wirken.

Meine Herren! Ich darf Sie vielleicht in unserem Lande noch einige Schritte weitermbren, an Rauhenn vorbei, das ich heute mcht behandeln will, nach einem kleinen Orte in Oberhehen, bet jent wohl bie allgemeine Au merksamkeit auf sich ziehen wird. Ter erste Redner hat za schon darauf hmgewiesen, welche traurigen Berhättnisse nunmehr in Büdingen in den letzten ^.agen ein- getreten sind durch bie Falliterklärung des Bankhauses Wertheimer und semes Inhabers Simon Rothschild. Es ist das außerordentlich bedauerlich, bie Sache muß aber hier in bet Kammer verhandelt werden, weil wir an bie Staatsregieruizg mit ber ^rage heran« rücken, en, ob sie beim bort in ihren Beamten ihre Pflicht nicht versäumt hat bei ber Komrollierung des Bürgermeisters von Büdmgen. Bei diesem Simon Rothschild hat die Gemeinde Büdingen em Darlehen von 500 UW All. ausgenommen und hat 200 000 Alk. für ihren Schulbau verwendet; 100 000 Alk. hat sie glücklicher- iveise ni die Sparkasse gelegt, 100 000/JJlat£ meinte sie aber noch besser anlegen zu tonnen dadurch, daß sie nach bekanntem Offen­bacher 'JJiufter sie dem Herrn Wertheim Nachfolger geliehen hat unb zwar geliehen gegen Verpfändung von Wertpapieren. ~ie'c Wertpapiere haben, wie einige sagen, in dein Staff eiqdirmu, wie andere sagen, in dem Schrank des Herrn Bürgermeisters von Büdmgen gelegen. Vor kurzer Zeit soll nun Herr Rothschild einm.ll dorthin gekommen sein und sich erkundigt haben, ob seine Werl papiere noch da seien. Eine derartige Kontrolle ift ja l)ier rm. öa diirchaus empfelilen§wert. Er bat sich also davon uoerzeug,, daß bie Papiere alle noch da sind, hat aber gemeint, es jci doch richtig, daß einmal cm Wechsel in den Papieren emtrete unb anstelle ber bepomerien Wertpapiere andere treten, die der Bürgermeister nicht so genau kannte, bie aber nach Versicheiung des inzwischen burchgegangenen Rothschild benjelbeu Wert reprasen- tieren sollten, wie die hinterlegten Wertpapiere. ^a§ ist nun, wie sich jetzt herausgestellt hat, anders. Stalls der früheren sicheren Wertpapiere wurden hinterlegt Aktien der Stockheimer Zuckeriabrn, die ja in Liquidation sich befindet; die Liquidation soll schon soweit ; fertig seni, wahrscheinlich weil überhaupt nichts da ist. Andere behaupten, daß die itiquibatioii bis zu 15 Prozent der Aktien er­geben werbe. Diese Papiere lagern nun in dem Kajfenschrank des : Bürgermeisters. Die luo 000 Mark sind selbstverständlich mit benr i Herrn Rothschild weg und die früher hinterlegten Wertpapiere sind , ebenfalls weg. Es ergibt sich daraus für bie kleine ©taöt Büdingen , ein Verlust von mindestens 70- bis 80 000 Alk. für bie <stabt allein unb- ein weiterer Verlust für bie Einwohner von Büdmgen und

Mit glatter Worte heuchlerischem Aon Umschleicht der Schmeichler seines Fürsten Thron. Manch Lügner, mancher schlaue Intrigant Bringt seinen Nächsten an des Abgrunds Rand. Und selbst des Frömmlers falscher Heil'geuichcrn Hüllt Eigennutz und Geiz und Habsucht ein.

So herrschen Lug unb Trug wohl ui ber Welt, Bis einst ber Tob bie Demaskierung hält, Unb ber Gedanke, jedes Scheins enthüllt, Bor Gott allein nach seiner Wahrheit gilt.

Gießen. Resy Mirbach.

*

Literarischer Abend Hanauer Autoren. In Hanau findet im April ein literarischer Abend statt, an dem Sckwpsungen (lyrischer und epischer Art) zum Vortrag rammen von alten unb zeitgenössischen Autoren, die zu Hanau in irgend-' welcher Beziehung jtoben, einerlei welcher tüiijtierif cheii Richtung bie einzelnen Persönlichkeiten angeboren. Es sollen auch Autoren bevücksickstigt werden, denen int Leben nur das eine ober andere gute Gedicht gelang, die also das PrädikatDichter" oderScprift-i steiler" sich selbst nicht beilegen. Ein Mitglied des Hanauckv StadtthcatcrS hat die Rezitation der Tichtungeu überiwmmen.

A l s ft r e n g e r V o r t r a g s z e n s o r für die B e r l i n c r Studentenschaft waltet ber Rektor der Universität, Prof. Dr. Stumpf. Er ließ es nicht zu, daß ber Psychiater Dr. Moll vor ber Abteilung für Medizin unb Ratnrwisfenschaft ber freien Studentenschaft einen Vortrag über das Sexualleben bes Slmde^ hielt. Wie "bie Stubenten an Aioll schrieben, weil W. (stumpf in Uebereinfiimmung mit der Rektoratstradition ber Ansicht fei, baß ein derartiges Thema zu einem Vortrag vor Studenten nicht geeignet sei und feine Behandlung durch einen praktischen Arzt nicht bie genügenden Grundlagen biete, daß ber Vortragende aus seiner rein einseitig-praktischen Erfahrung die richtigen und für seinen Hörerkreis erforderlichen moralischen und ethischen Gesichls- punkte gewinne. In dieser Begründung sieht Moll eine schwere Beleidigung der gesamten Aerzteschast und fordert die Aerztekammer auf, sich eine solche nicht gefallen zu lassen. Pros. Stumpf erleimt die Wiedergabe ferner Ausführungen durch bie Studenten nicht als authentisch'an. Er ift der Ansicht, daß ber Mediziner für medi­zinische, ber Jurist für juristische, ber Ethiker unb Päbagoge für ethische unb pädagogische Dinge die berufsmäßigen Sachverüändigen seien. Er hält diese These an sich für selbstverständlich. Die meisten "eilte dürften der Ansicht sein, daß man sich in seiner Berufstätigkeit, der Mediziner, ber Jurist wie der Pädagoge ethisch zu verhalten habe, daß aber Ethik em Beruf für sich sei, war bisher unbekannt. Uebrigens hat Pros. Stumpf von den drei ober vier ihm ange- ineldeten Vorträgenbieser Art" einen, über Prostitution und ihre Bekämpfung, zugelassen, nur bie übrigen hat er abgelehnt. Dr. Iwan Bloch, der Sexualforscher, bürste nicht über Serualforschung sprechen, aus ähnlichen Grünben, aus denen ber Vortrag von Moll verhinbert wurde, lieber dasselbe Thema durfte auch' nicht 'Adele Schreiber sprechen und der Frau Privatdozent Tr. Julie Ohr aus Tübingen wurde gar verboten, über Stubent unb Alkoboli 2 muS tu r e b e n. Wie werden es bic-stubenten»

müssen im Hintergrund bleiben.

Ich darf zu diesen Lichtseiten rechnen die SuüturwerEe ersten Ranges, wie sie in der Provinz Oberhessen und in ber Provinz Rheinhessen in ber Wasserversorgung geschaffen worben sind ; in der Provinz Oberhessen die G r u p p e n w a f f e r l e 11 u n g des Staats in Verbindung mit Bad-Ra u h ej m und in bei Provinz Rheinhessen bie Versorgung des Rbein-Selzgebletes mit 'ZoHlieiieilimg. Däl> is- nicht allein tut oie SuAau uu allgemeinen, fonbern insbesondere für die Landivirkjchask von außerordentlicher Bedeiiiung, und es muß rühmend anerkaunl werben, daß in dieser Hinsicht bie Regierung mit aller Kraft eingesetzt hat und die ihr obliegende Aufgabe in ganz ausgezeichneter Weise enüllt hat. Wir dürfen aber anch weiter mit Stolz Hinsehen au» bie Drei-Jahr- Hnnbert-Feier, bie wir in Gieß e n im vergangenen Jahre zu be­gehen hatten. Es war für b? Teilnehmer bes Festes em stolzes ünb befriedigendes Gefühl, wie wir in den Reihen der Gießener Professoren und ber Festteilnehmer stehen tonnten unb mit anhören konnten, auf welcher hohen geistigen Stufe unsere Universität ge­standen hak und steht; wir dürfen auch mit Stolz darauf himveifen, in welcher hervorragenden Weise ber Rektor ber Universität bie Universität vertreten" hat, m welcher geistreichen und glanzvollen Weise er an die verschiedenen Redner in sinngemäßer und form­gewandter Weise Antwort gebeten konnte. Stein Work des Lobeä

äW'I MS

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B.O.1

Fastnacht.

Nun hat der fröhliche Karneval, der manchem studienbe- flrssenen Jüngling lobescun in den letzten Tagen des verflossenen Monats den letzten Heller aus der Tasche gelockt hat, seinen Höhepunkt erreicht. Freilich, die Maskenbälle, die mitzumack-en ;u den obersten r he in menschlichen Pflichten gehört, find hier zumeist ein Vergnügen höchst zweifelhafter Art. s2Cber einen Maskenball hat es heuer hier doch gegeben, von dem Gießens beste Jungfrauen und Jünglinge noch heute träumen.

Ein günstiger Zufall fügt es in diesem Jahre, daß Rofen- montcig und Fastnachtsdienstag in den neuen Monat fallen. Tas ist umso bedeutungsvoller, als nicht jeder jugendfrohe Vergnügungs­freund in den letzten Tagen eines Monats, und sei es auch der von liebenswürdigster Kürze (diese Liebenswürdigkeit war diesmal von seltener Bescheidenheit) in der angenehmen Lage ist, den Rat des ehrlichen Jago, weiland Herzog!, venetianischen Fähnrichs, umstandslos zu befolgen der da lautet: Tu Geld in deinen Beutel!

Mit niephiftophelischem Lächeln deklamiert heute wohl mancher vor seinem Spiegel:Tie Maske muß mir köstlich stehn." Aber, Hand aufs Herz, tragen wir Kulturmenschen im Grunde ge- nommen nicht immer eine Maske, und nicht nur zur Karnevalszeit? Wer allezeit die Wahrheit will sagen, mit Herrn sich übel tut Der«- tragen, jagt ein uralter deutscher Spruch, und in Wilhelm ooibandLetzten Liedern" heißt es;

netenhailfes gebracht. Auch dieser Tag unterschieb sich m nichts zu feinem Vorteil von den vornufgegangenen: Unwesentliche Wünsche, unwesentliche Debatten! Alle Parteien wetteiferten in dein Bestreben, ben Beamten i re Freunbschast zu bezeigen: Erst kämpfte man für bie Distriktskommisfare, bie in Pofen wirken; dann kamen die Gendarmen, bie überall im Bereiche ber Monarchie tätig finb, zu ihrem Recht. Leiber konnte ber Munster, ber ben Forderungen dieser Beamtenkategorien felbstverständlich .durchaus fyinpathifch" gegenübersteht welcher fUimifter täte das nicht? positive Versprechungen nicht machen. Und so wild man wohl noch manches Jahr die Silagen und Wünsche vernehmen, die am Wontag wie schon seit manchem Jahre im preußischen Landtage von den Anwälten dieser Baamten laut wurden. Em kleines Intermezzo unterbrach den trägen Fluß der Debatte: Herr Dr. W iemer von derVolkSpartei sah sich genötigt, einen Vorstoß dcS Herrn Busch vom Zentrum abzllive'.fen. Herr Busch gedachte den Freisinn aus den bekannten Artikel Friedrich Raumanns feft- zulegen, m dem dieser dem Fürsten Bülow bie Anwendung des BiSmcirck'jchei, Beaintenerlasses, die Wahlkommandietimg der Be­amten, empfiehlt. Humorvoll und entschieden wies Herr Wiemer und nach ihm Herr Eickhoff die Insinuation des ZentrumSmaunes zurück. Dann kam noch die übliche .Zuchthausdebatte", bie Er­örterung der Behandlung der Sträflinge Und nachdem sie gute zwei Stunden gewährt unb nichts neues gebracht hatte, machte bas Haus Schluß. Der Etat wurde bewilligt und morgen gehts über oie Scehanblung her. H^rr Hemptenmacher wirb kaum einen leichten Staub haben.

©bergen in der Kammer.

In feiner EtatSreoe am Freitag machte der Reichstags- und oaudtagsabgeordnete Dr. O f a n u lolgenöe Ausführungen ubei Oberhessen:

Meine bisherigen Ausführungen waren eigentlich eine scharfe Kritik der Regierung, das gestehe ich gern zu. Ich will in dieser Hinsicht aber auch erklären, daß meine Partei ferne Regierungs­partei in dem Sinne ist, daß sie alles gut heißt, was vom Re° gierungstifche kommt; sie legt vielmehr überall die krjusche Sonde an. Aber Aufgabe eines Budgetreduers ist es nach meinem Er­messen nicht allem, nur auf die Schatten hiuziiweifen, die vorhanden sind, sondern wir dürfen uns auch rühmen, daß wir tm vergangenen Jahre manchen Lichtblick in unserem Lande gehabt haben und daraus möchte ich doch auch mit einigen Worten zu sprechen kommen. Selbstverständllch kann ich hier große Dmge berühren; kleinere

Reizen" zeigt.

Heute aber ist Fastnacht, da zeigen gar viele über ihrer un­veräußerlichen abstrakten Charaktermaske noch eine konkrete Maske. So treiben sie ein Doppclmascensprel. In fast allen Straßen ber inneren Stadt wimmelts von bunten Geioandern des Harlekins, sind nicht nur falsche Höflichkeiten und falsche Zöpfe fondwi auch falsche Nasen, falsche Brillen und falsche Barte beliebt. Johlend pfeifend, slökend oder anderes melw oder minder angenehmes Geräusch machend, ziehen Schwärme straßauf, straßab, -borgen, am Aschermittwoch, hat aber der tolle Trubel ein Ende, sind Spiel und Tanz vorbei; so will es der unerforfchliche Ratsastitg unserer Vorvater, ben wir pietätvoll befolgen. Allfahrlia) Pflegt die vergnügungssüchtige Jugend sich hierüber atiszuregen. Aber selbst ein Blinder sollte es mit dem Estock suhlen tonnen datz unsere Väter weise waren, als sie den Afchermtttwoch zum letzten Karnevalstage machten. Sie handelten babei auch m unterem wohl­verstandenen Interesse. Wenn nicht dem Karneval und Mum­menschanz ein Ende gesetzt wäre ftünte nicht zu befurchten, daß dann auch die offene Narretei kern Ende nehmen wurde? Cs passiert doch so schon genug Närrisches in der Welt. vergleiche ben Bankkrach vonBüdingen , den Regierurigserlaß von L t eg - oder Marokko und die europäischen Machte! P. W.

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Stimmungsbild aus dem Reichstage.

Die Hausrndustrie. Berlin, 3. März.

Im Mittelpunkt der heutigen Verhandlung über die Gen-erbe- novelle stand eine groiXe Rede Naumanns über die Hausindustrie. Man kennt die glänzende Beredsamkeit und die großzügige Auffassung dieses Svzialtheovetikers, und der fas- ziniercnpen Wirkung seines Bortrages Lonnle sich heute ber Reichs­tag ebensowenig entziehen, wie bei seiner Jungfernrede über die Verl-altnisse der gwß.industriellen Arbeitersck-aft. Wie damals Graf Posadowski), fo hörte auch heute sein Mrchfolger iw Amt,, v. Bethnmnn v. Hollloeg, mit sickstiichem Interesse zu und ließ die Persönlichkeit des Redners auf sich einwirken. Aber die Bor- zuge dtaummurs, der große Gesiclstspunkt, von dem aus er die Verhältnisse betrachtet unb unter den er sie cin-ordnel, und sein durch ein starkes soziales Gewissen für das Elend geschärfte Auge jvarxm auch heute seine Fehler. Wie er danurls aus den Verhält- nissen ber westlichen Hütten- und Walziverksinoustrie die Orga- nisationssvroerung herausarbeitete und babei aus einer in eng um­schriebenen Grenzen zutreffenden Sckstlderung dos Arbeitsprozesses und des Arbeitsvertrages zu der unberechtigten Verallgemeinerung kam, daß der Arbeiter in der Industrie überhaupt nichts weiter sei, als eine Nunümer, so ließ er sich auch heute zu einer, wie besonders die Abgeordneten Enders und Günther von der frei­sinnigen Bolkspartei und der Nationaltiberale Everling aus den ihnen vertrauten heimatlichen Behältnissen überzeugend darlegtem, zum Mindesten recht einseitigen Beurteilung dev Heimarbeit in ihrer Gesamtheit verleiten. T-abei aber fiel crs ihm nicht ein, die Schlußfolgerung der Sozialdenwkraten zu sieben, die wenigstens für gern ine Gruppen der Hausindustrie, insbesondere für die Tabakoerarbeituiig, ein gänzliches Verbot verlangen. Sein cetcrum eenseo fuar auch hier die Organisation, die Aufrüttelung der apathischen Riasscn, um sich durcl) Lvhn- und Arbeitslarife ein besseres Schicksal selber zu zimmern. Tas Mittel hierzu sieht er in der Verallgemeinerung des in der Regierungsvorlage nur für die ZwischenmeistLr in Aussicht genommenen Registerzwanges, die auch vvn der Mehrzahl der anderen Redner besürwoctet wurde. Tie unerbittlick)e Logik seines Gedankenganges ml ifjite ihn von selbst über dieverschämte" Hausindustrie, die Heimarbeit der Beaniten- töckMr zur Tagesordnung übergehen lassen; hierin trat ihm unter eingehender Sd)ilberung der Arbeitsbediuguugeu in der Stickerei- unb Spitzenindustrie bes sächsischen Bogtlanbes besonders der Abg. Günther entgegen, der auch im übrigen eine scharfe Linie zog zwischen der in der Frage der Heimcrrbeck betunoelen Auffassung Mumanns und dem sozialpolittschen Standpunkte der freisinnigen Lolkspartei. Ter Abg. Enders nahm die weltberühmte Sonne­berger Spielwarenindustrie in Schutz, und Herr Everling betonte reckst wirkungsvoll bie Bedeutung der Heimarbeit in einzelnen Jndustriezivecgen für das Fa.wilicnleben, wobei er b<st uoecs sich auf die Krefelder Webereiinduscrie b<.zog. Tazwischen erörterte der Christlickp-Soziale Tr. BurckHardt die Verhältnisse der Tabak- industric in der Ravensberger Gegend, der Zentrumsgewerkschaftler Schiffer hielt eine deplazierte Rede über das Kvalüionsrecht, Stadthagen war die Zustimmung der bürgerlichen Parteien zur Gewerbenovelle ein Verdammungsurteil, unb Herr Erz- berger rühmte im Sinne Naumanns die Verdienste der-Berliner Wuferbundes um die Besserstellung der Heimarbeiter. Tann ver- ivics man die Vorlage an eine Kommission und wird morgen die sozialpolitische Aussprache sorlsetzen beim Gehglr des Staatssekretärs von Bethinaiiii-Hollweg._________________ ________________________

Stimmungstitiö aus dem prerrß. AvgeorötteteiriMus.

Berlin, 2. März.

Erstes Blatt 158. Jahrgang Dienstag 3. März 1908

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st, L, 24 Wbet il., 115 Stangen 2,1

Herr v. Moltke hat feinen Etat in der Tasche: Ter vierte äV. Tag der Debatte hat dem Polizeietak die Bewilligung des Abgeord- ist in dieser Hinsicht zu viel.