Ausgabe 
6.10.1908 Erstes Blatt
 
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längere Zeit krank, sie hätte sich einer Operation unterziehen müssen und muß die Tat in einem Anfall geistiger Um­nachtung ausgeführt haben.

' Prü geleien. In der Nacht von Sonntag auf Montag reim, es in der Dammstraße zwischen jungen Leuten zu einer Prügelei, wobei es blutige Köpfe absetzte und auch einem dortigen Wirt eine Fensterscheibe einge­schlagen wurde. Die Polizei stellte die Nutze her und die Herren werden sich demnächst vor Gericht zu verantworten haben. In derselben Nacht wurde ein Fuhrknecht von seinen Mitknechten im Bett überfallen und arg miß­handelt. Auch hier ist Strafanzeige erhoben worden.

" Brieftaubcn-Klub. Nachdem der Brieftauben- Klub Gießen seine Reisen bereits am 15. September d. Js. mit 08 Tauben von Wilhclmshöhe 100 km Luftlinie be­endet hat, beschloß er, seine 2. Militärbrieftauben-Ausstellung, verbunden mit Kanarienschau am 5. und 6. Dezember im Saale des RestaurantZum Felsenkeller- zu ver­anstalten. Hierbei sollen die 4 Sieger von Thorn, 750 km Luftlinie, in einer besonderen Klasse ausgestellt und nach Schönheit prämiiert werden.

** 'Brieffallen. Drucksachen werden häufig zu Brief- follen, wenn zur Verpackung nur ein loses Streifband oder ein ungeeigneter Umschlag verwendet wird. 3jt die weit geöffneten Laschenförmigen Falten derartiger mangelhafter Streifbandsen­dungen und in die cruseinanderklafsenden Umschläge mit nach innen eingcsteckler Verschluß klappe verschieben sich unbemerkt Briefe, besonders solche kleineren Formats, Postkarten und andere kleine Gegenstände und gelangen so an eine falsche Adresse. Günstigen Falles werden sie von einem Postbeaniten oder dem Empfänger der Druch'ache entdeckt und dann mit erheblicher Verspätung den Adressaten ausgehändigt. Oft genug aber wandern sie mit den run- eröffneten und unbesehenen Druckiachensendungen in den Papier- korb oder ins Feuer. Zur Verpackung! von Drucksachen eignen sich nim besten Kreuzbänder, einfache Streifbänder, die noch mit Bindfaden kreuzweise fest um schnürt sind, und Um­schläge mit seitlichen Verschlußklappen, die einen zungcnartigen, zum Einschieben in einen Schlitz des Umschlages bestimmten An­satz haben.

/^Lollar, 5. Oki. Die der Frau Professor Dölp hier zustehende Ho fr eite Hauptstraße 91 wurde gestern morgen von dem hiesigen Ortsvorstände einer genaueren Besichtigung unterzogen. Die Gemeinde beabsichtigt näm­lich, das Anwesen käuflich zu erwerben, um aus den Neben­gebäuden einige Gemeindegebäude (Faselviehstall rc.) umzu­bauen. Der nach der neu projektierten Straße zu gelegene Garten, gegenüber der eben im Bau begriffenen neuen Schule, ergibt in Gemeinschaft mit der davor liegenden Gemeinde­wiese einige schöne Bauplätze. Die Erwerbung der bezeich­neten Hofreite durch die Gemeinde wäre sehr zu wünschen, wäre doch dann die Möglichkeit geboten, die vor dem Hause den ganzen Bürgersteig versperrende und dadurch den Ver­kehr hemmende, große steinerne Treppe zu entfernen.

-V Odenhause n a. d. Lahn, 5. Okt. Gestern beging unser Gemeindevorsteher Herr Ludwig Euler, die Feier seines 25 j ä h r i g e n Dienstjubilaums. Von der Ge­meinde wurde dem Jubilar ein Sopha, sowie von dem Krieger- und Gesangverein Ehrengeschenk dargebracht. Sehr schön und feucht-fröhlich verlies die Feier im Kreiling'schen Saale, zu der die wirkungsvollen Geiangsvvrträge des Ge­sangvereins Liederkranz, geleitet von Herrn Schönhaler, wesentlich beitrugen.

H Kirch-Göns, 5. Okt. Seil fast einem Jähre ist der frühere Pfarrer Kalb Henn, der lange Jahre hier tätig war, in den Ruhestand getreten Heute noch ist unsere Pfarrstelle verwaist, und sie soll wie verlautet noch längere Zeit unbeseht bleiben. Man hört sogar bk i Vermutung aussprechen, daß bei der Kirchenbehörde die! Absicht bestehe, die hiesige Psarrstelle gänzlich eingehen zu lassen und an die Pfarrei Pohlgöns anzugliedern; da beide Orte nur 10 Minuten voneinander entfernt sind und zusammen nur etwa 1500 Einwohner haben. Die hiesige recht kirchlich gesinnte Einwohnerschaft ist mit diesen Plänen keineswegs einverstanden und hat sich bereits beschwerde- sührend an die Kirchenbehörde gewandt. Auch ein kleiner Kirch en streik ist geplant, schon jetzt ist der Äircheu- besuch sehr minimal. Manchmal sieht man mir etwa zwanzig Leute im Gotteshaus. Durch das Fernbleiben will die Ein­wohnerschaft gegen die Nichtbesetzung der Stelle protestieren. Gegenwärtig wird die hiesige Psarrstelle von Pohl-Göns versehen.

Butzbach, 5. Ott. Großer Viehmarkt, Prämiier­ung und landwirtschaftliche Ausstellung ist hier nm 9. und 10. Oktober.

----- Friedberg, 5. Okt. Der Kursus für Obst­wein-Produzenten und Apfelwcinwirte findet vom 12. bis 17. Oktober an der Großh. Obstbauschule und land- wirtsch. Winterschulc statt. Der Kursus erfreut sich unter den Apfelwein-Produzenten einer besonderen Beliebtheit. Es sind für einen Apfelweinwirt und Obstwein-Produzent nicht allein praktische Kenntnisse zur Herstellung eines guten Ge­tränkes Grundbedingung, sondern es müssen diese Fachleute sich auf ihrem Gebiete erweiterte Kenntnisse erwerben. Der Friedberger Apselweinkursus bietet Gelegenheit, sich über die wichtigsten Kapitel, wieGährungsvorgänge und -Chemie", ,Krankheiten und Fehler der Apfelweine",Auswahl und Behandlung des Obstes",Kellerwirtschaft",Praktische und notwendige Maschinen" usw. usw. zu unterrichten. Der Kursus soll auch Obstzüchtern, die große Massen an Obst ernten, zeigen, wie sie auf einfache Weise eine gute Verwertung des Obstes haben können. Das Honorar betrügt 10 Mark für Hessen und 15 Mark für Nichthessen. Anfragen und An­meldungen sind an die Direktion der Großh. Obstbau- und landwirtsch. Winterschule zu richten.

cP Aus der Wette rau, 5. Okt. Tas seither so Herr- liche Herbstwetter war der Kartoffelernte sehr förder­lich. Allenthalben sieht inan jetzt auf den Fluren fleißige Arbeiter, die die unentbehrlichen Früchte einernten. Reihen von Säcken füllen die Aecker; die Kartoffelernte fällt ver­hältnismäßig günstig aus. Tie befürchteten vielen faulen Kartoffeln sind zum Glück ausgeblieben, vielmehr sind die Knollen gut entwickelt, wenn auch nicht sehr dick. Einige Sorten sind dieses Jahr nicht gleich gut geraten wie andere. Dies gilt von der Magnum bonum. Dagegen liefern In­dustrie, Professor Woltmann, Ruhm v.on Haier, Silesia u. a. höhere Erträge. Allerdings ist dies auch nach Boden und Lage öfters verschieden. Die Kartoffelpreise sind nicht hoch; der Doppelzentner Magnum bonum lostet 4.504.75 Mark, die übrigen Sorten sind etwas billiger. Besonders gut fällt heuer die Zuckerrübenernte aus, die Preise sind auch gegen 1907 um 3 Pfg. für den Zentner gestiegen. Tie Landwirte erhalten jetzt für den Zentner 93 Pfennig, Dom 15. November ab sogar 1.03 Mark. Die Zuckerfabrik ist in eifriger Tätigkeit.

Tj'rTenKerg, 5. 'Okt. Der sogenannteKalke Markt" wird voraussichtlich von Montag, 2. bis Donners­tag, 5. November hier abgehalten. Er ist einer der grüßten und bekanntesten Märkte in der Umgegend und hat besonders durch die vor zwei Jahren erfolgte Eröffnung der Vogels­bergbahn an Bedeutung wieder zugenommen. Am 2. und 3. November findet Pferde- und Fohlenmarkt, dazu an letzterem Tage auch Rindvieh- und Schweinemarkt, sowie am 3., 4. und 5. November Krämermarkt statt.

Worms, 5. Okt. Gestern abend erschoß in der Nähe der Stadt am diesseitigen Rheinufer der Küferbursche Valentin Sauer seine Verlobte, das Dienstmädchen Lina Arm b r ü stLr mittels einer Browning-Pistole und tötete sich dann selbst. Das Motiv der Tat ist nach einem hinterlassenen Briefe darin zu suchen, das; die Verwandten bemüht waren, das Verhältnis zu lösen, weil Religionsunterschiede vorlagen. Das Mädchen war evangelisch, während Sauer katholisch war.

Frankfurt a. M., 5. Okt. Durch die Länder ger­manischer Nation zieht eine mächtige Antialkohol- Welle. In den Vereinigten Staaten und in Norwegen ist die Bewegung bereits siegreich, in England geht sie mit Riesenschritten vorwärts, und auch bei uns, dem Hochland des Biers, ist ihre Erstarkung zu beobachten. Die Tagung d e r D e u t s ch e n Abstinenten, die gestern hier zu Ende ging, hat das deutlich gezeigt. Namentlich scheint es, daß die Frauen anfangen, die Reihen der prinzipiellen Alkohol­gegner zu verstürten. Unter all den Vorträgen hat denn auch Maria Lischnowskas Anklagerede gegen die verderb­lichen Wirkungen, die der Alkoholgenuß aus das Geschlechts­leben unseres Volkes in allen seinen Schichten ausübe, den tiefsten Eindruck gemacht. Die Rednerin gab wahrhaft er­greifende Beispiele aus dem Leben und kam zu dem Schluß, daßdie fortschreitende Entartung der Rasse nur durch die völlige Enthaltsamkeit beseitigt werden könne. Den Frauen wies sie die führende Rolle in dem Kampfe gegen den Alkohol zu, und sie forderte sie auf, von den Rechten, die ihnen das Vereinsgesetz, gegeben habe, den rechten Gebrauch zu machen, um aus reichsgesetzlichem Wege dem Alkoholgift den Weg zu verlegen. Oberarzt Juliusburger-Berlin wies auf die außerordentliche Rolle hin, die der Alkohol bei der Prostitution und den Geschlechtskrankheiten spiele. Kon- sistorialrat D. Mahling schrieb dem Alkohol die Hauptschuld andem krankhaft überreizten Geist unserer Zeit" zu, der sich in der Ueberschätzung des Geschlechtlichen zeige. Und Dr. Strecker-Nauheim, der bekannte fortschrittliche Päda­goge, forderte alle Iugenderzieher aus, nicht nur über die Verderblichkeit des Alkobols Aufklärung zu verbreiten, sondern auch der Jugend oas bessere Leben vvrzuleben wie eine glückliche Selbstverständlichkeit.

W Heidelberg, 5. Okt. Wie jetzt bekannt wird, wurde vorgestern abend aus der Strecke HeidelbergMann­heim in der Nähe der Station Wieblingen die ver­stümmelte Leiche des 26 jährigen Kaufmanns Wilhelm Fuchs, eines Sohnes des verstorbenen hiesigen Ober- ingcnieurS Fuchs, aufgefunbeu. Der junge Mann war am 1. Oktober bei ber achten Kompagnie des hiesigen Bataillons des Grenadier - Regiments 9tr. 110 als Einjährig - Frei­williger eingetreten. Der Tod ist dilrch Ueberfahren verur­sacht worden.

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Märkte.

fc. Frankfurt a. M., 6. Oki. (Orig.-Telegr. desGieß Auz.") 9linthd)e 9lotiennigen der heutigen Fruch nnarktpre is c. Weizen Alk. 20,25-21.50, Knrhefsifcher Mk. 21.25-21.50, La Plata Alk. ?3.7524.50, Kansas Mk. 23.0023.50, Roggen (hiesiger) Mk. 18.0018.50 Gerste (Welteraner) Mk. 21.5022.00, Franken- selder Alk. 21.5022.25, Haier 16.0017.50, Mais Alk. 16.7517.25. Weizenmehl Alk. 31.50-32.00, 0000, 2. Qualität Mk. 30.50 bis Mk. 31.00, 3. Qualität Mk. 29.0030.25, Roggeninehl o

Mk. 27.7528.00,1.Qualität Mk. 26.7527.00, Weizenkleie Mk. 10.25 bis All. 10.50, Roggenkleie Alk. 11.5012.00, Maiskeime Mk. 12.50 bis Mk. 12.75, Franken, Pfälzer, Ried SDIL 00.0000.00. Alles per 100 Kg. ab hier.

ic. Frankfurt a. M., 6. Okt. (Telegr. Orig. - Bericht des Gieß. Anz.".) Amtliche Notierungen der heutigen Vieh m arkl- preise. Znm Verkaufe standen: 378 Ochsen, 125 ans Oesterreich 47 Bnllcn,0 anSOesterreich, 738Kühe, Fersen, Stiere und Rinder, 291 Kälber, 344 Schafe und Hammel, 1734 Schweine, 0 Ziegen, 0 Ziegenlämmer, 00 Schallämmer. Bezahlt wurden für 100 Pfund Schlachtgewicht: Ochsen: 1. Qualität 8084 Alk., 2. Qualität 7577 Alk., 3. Qualität 6065 Alk.; Bullen: 1. Qual. 6668, 2. Qual. 6264; Kühe 1. Qualität 7476 Mk., 2. Qual. 6667 Alk., 3. Qual. 5456 Mk., 4. Qual. 0000 Alk., 5. Qual. 0000 Alk. Bezahlt wurden für das Pfund Schlacht­gewicht: Kälber 1. Qualität 92 bis 95 Pfg., Lebendgewicht 5556 Pfg., 2. Quatitäi 7886 Pfg., Lebendgewicht 46-51 Pfg., Schlachtgerv 6870 Pfg.; Schafe: 1. Qnal. Schlachtgcw. 78 bis 80 P»g., 2. Qual. 6488 Pfg. Schweine: 1. Qual. 7172 Pf., Lebendgewicht 55,556 Pf., 2. Qual. 6970 Pf., Lebendgewicht 55,0-00 Pfg., 3. Qual. 6268 Pfg., Lebendgeivicht 00ÜO Pfg. Geschäft bet Hornvieh gut, kein Ueberstand.

ic. Frankfurl a. M., 6. Ott. neu- und Strohmarkt. Angefahren waren 8 Wagen Heu und 5 Wagen Stroh. Bezahlt wurde für Heu Mk. 3.303.50, für Stroh Alk. 2.30-2.40. Tendenz <eft.

vermischtes.

* Uebertrag ung der Maul- u n b Klauenseuche auf d e n Mensche n. Es ist eine längst feftstchenbe Tatsache, daß die Maut- und Klauenseuche den Menschen befallen und eine mehr oder weniger schivere Erkrankung bei demselben Hervor­rufen kann. In Gegenden, wo die Maul- und Klauenseuche häufig ist, werden auch beim Menschen häufig Erkrankungsfälle beob­achtet, namentlich bei solchen, die mit der Wartung der Tiere beschäftigt sind. Professor Bertarelli, der Direktor des Hygien. Instituts in Parma, beobachtete die Erkrankung bei einem Menschen, der einein Tier das Maul geösfnet und dabei die Wunde berührt hatte. Die Erkrankung verläuft mit Fieber, 2lppetitlosigkeit, schwäche und Kopfschmerz. Der Rand und die Spitze der Zunge find entzündet und die Unterlippe gerötet, dann entstehen auf diesen Stellen Blasen, ivelche sich öffnen mtb ein Geschwür hinter­lassen. Daraus ergibt sich, daß au Orten, wo die Maul- und Klauenseuche herrscht, außer den üblichen die Milch betreffenden Maßregeln weil durch den Genuß von Mllch und Milch- pcpduttcn hie Krankheit auf den Menschen übertragen ryerden kann

auch noch andere Maßregeln vorgeschrieben werden müssen, bestehend in gründlicher Reinigung und Tesinfettion der Hände nach jeder Berührung der erkrankten Teile der Tiere. Professor Bertarelli gelang es, die Maul- und Klauenseuche von kranken Menschen wieder aus gesunde Kälber zu übertragen, wodurch ein­wandsfrei bewiesen ist, daß cs sich hier um eine und dieselbe Krank- heit handelt.

* Die Cholera, die Rebhühner unddie Birnen. Aus Paris wird derBoss. Zig." geschrieb. sSKt ein paar Tagen ist auf dem Pariser Nordbahnhof ein ungemein strenger Sanitätsdienst eingerichtet, um die ankommenden Fremden namentlich in den aus Rußland autangenben Zügen zu überwachen. Jüngst kaml es bei diesem Geschäft zu ein paar hübschen Szenen. Stieg da also zuerst aus dem Mrd-Expreß ein hochgewachsener Herr in Zivil von ausgesprochen flawischem Typus. Er kam, wie seine Karte zeigte, aus Rußland. Also sehr verdächtig. Mit vielen Vorsichtsmaßregeln wird er zum Sanitätsposten geführt, wo seiner und anderer Fahrgäste mehrere in weiße lange Blusen gekleidete Sanitätsbeamte harren. Eine ganze Batterie höchst unange­nehmer Spritzen war dort ausgestellt. Und kaum Ivar er unter seinen Quälgeistenr erschienen, so war der hochgewachsene Herr, der so unmittelbar aus Rußland eintraf, einem gründlichen Rei­nigungsverfahren unterzogen. In alle seine Köfserchxn und Koffer stecken die Sanitätsbeamten ihre Lanzen und besprengen, was sie finden, mit Karbol-- und F-ormallösungen. Weder die steisge- plätteten Kragen, noch die seidengefütterten Fracks und Gehröcke werden verschont. Und in die Zahnbürstenetuis und zwischen die Parsüm-Flaeonsspritzen auch einige Tropfen Karbol. Mit gelinder Wut betrachtete der hochgewachsene Herr aus Rußland oas kulturelle Zerstörungswerk, als es einem der Sanitätsbeamten schließlich noch einfiel, nach einer Tasche zu greifen, die der hochgewachsene Herr aus Rußland in der Hand trug.Da sind Birenen drin", erklärte er,die ich in Belgien gekauft habe." Aber die Sanitätswache ist ohne Erbarmen. Es waren schöne, volle, runde, reife Birnen, wie man sie in dem o6ftgefegneten Belgien bekommt. Und einen Augenblick später sssss! hatten sie eine nette Dusche von Karbolsäure weg! Ta ergriff den hochgewachsenen Herrn aus Rußland ein blinder Groll. Er griff in feine Tasche, schleuderte die Birnen um sich herum und bombardierte damit die allzu neugierigen Herren von der Sani­tätswache, die die Sache erst krumm nehmen wollten, sich aber beruhigten, als sie erfuhren, daß sie es mit einem General aus dem befreundeten Rußland zu tun hatten. Inzwischen war noch ein zweiter hochgewachsener Herr aus Rußland "auf die Folter­bank der Sanitätsuntersuchung gespannt worden. Der junge, blonde, höchst elegant gekleidete Herr nahm die Sache aber sehr phlegmatisch und schaute, aus seiner Zigarre dicke Rauchwolken; stoßend, zu, während seine amtlichen Schriftstücke mit Karbol und Formol parfümiert wurden. Ja Wohl, höchst ernsthafte, amtliche Schriftstücke. Denn der blonde Herr war der diplo­matische Kurier, der mit der Dokumentenmappe aus Rußland ankam. Als aber die Sanitätsbeamten sich auch einer kleinen weißen Kiste bemächtigen wollten, die sie im Gepäck des blonden Herrn fanden, stürzte dieser angsterfüllt hinzu und schrie:Aber nein, um Gotteswillen nicht! 9htr das nicht! Nur daraus kein Karbol! Aber schon war das Unheil geschehen. Und nun platzte der junge Herr in ein unbändiges Lachen los.Rebhühner in Karbol! Zu komisch," rief er einmal über das andere. Ver­blüfft sckauten die Sanitätsöeamten auf die Kiste. Da stand wirk­lich in säuberlicher Rundschrift drauf: An Seine Exzellenz den Herrn Minister des Auswärtigen in Paris.Ja wohl", er­läuterte Her junge Diplomat den übereifrigen Beamten,da sind Rebhühner drin, die ein Großfürst geschossen hat und die er Herrn Pichon zum Geschenk macht. Rebhühner in Karbol! Das! soll ihm schmecken! Aber wenn er mich dazu einlädt. Werbe ich lieber vorher krank. Rebhühner in Karbol ganz neu! Sicherlich!" Und sich schüttelnd vor Lachen zog dar russische Diplomat mit seiner Dokumentenmappe und der karbolgetränkten Rebhühnerkiste ab.

* Gegen die Schleppe. In London hat sich eineLiga der Kurzröcke" gebildet, die ständig mehr Anhängerinnen gewinnt Die Mitglieder verpflichten sich gegen Zahlung einer erheb­lichen Buße im Falle der Zuwiderhandlung nur Kleider zu tragen, die Boden und Pflaster nicht berühren und daher Weder Staub noch Mikroben aufwirbeln. Auch in Amerika hat sich ein ähnlicher Verein, dieFünfzolliga" konstituiert, deren Mit­glieder sich verbindlich machen, wenigstens einen Zwischenraum von j Zoll zwischen dem Boden und ihrem Geivande zu lassen. Neuer­dings begegnet man in den Großstädten Deutschlands öfters ele­ganten Damen Repräsentantinnen der genannten Vereine, die durch ihre kurze Kleidung angenehm auffallen und unseren Landsmänninnen nicht genug als löbliches Beispiel empfohlen! werben können.

* Das Erbe Pater Gapons. Beinahe schon ver­gessen ist ber Name des russischen Priesters Gapon, welcher an jenem schrecklichenBlutigen Sonntag" bas Kruzifix in ber Hanb ben rebolutionicrenben Volksmassen in Petersburg voran­schritt unb in einem Scharmützel später seinen Tod fand. In ber Filiale bes Erebit Lyonnais in Petersbg. finb zwei Wertpakete depo­niert, welche je 14 000 Rubel enthalten. Der Name des De­positärs lautet Felix Rybnicki. Die Pfleger ber hinterlassenen Kinber Georg Gapons suchen auf dem Prozeßwege den Nach­weis zu führen, daß Rybnicki und Gapon ein unb bieselbe Person waren. Gelingt ihnen bies, so geht der Inhalt der Wertpakete an den kleinen Alexis Gapon, welcher mit seinem Schwesterchen Marie ein Haus in Pultava bewohM, welches sein Vater eben­falls hinterlassen hat. In den Schreckenstagen von 1905 batte sich Gapon auf ber Flucht einen Paß auf den Namen Felix Rybnicki ausstellen lassen.

* Der Wecker. Wie sich eine mit Einquartierung ge­plagte Bauerssrau im badischen Odenwald in Ermangelung einet Weckuhr zu helfen wußte, zeigt folgendes Geschichtchen, das der Straßb. Post" mitgeteilt wird. In das Dörfchen D . . . . berg wurde eine halbe Kompagnie einquartiert; zu ber Bauersfrau kam ein Sergeant. Da die Truppe am nächsten Morgen um 5 Uhr den Weitermarsch antreten sollte, befürchtete der müde, rauhe Krieger ein Verschlafen der Zeit zum Antreten und bal die Frau, ihm eine Weckuhr ins Zimmer zu stellen. Diese Bitte versetzte die Frau in die größte Verlegenheit, da sie wohl schon von einer solchen Uhr gehört, aber noch keine gesehen hatte. Ta das Dörfchen so ziemlich im tiefsten Teile des Oben» waldes liegt, war auch in den andern Häusern ein solcher neu» modischer Apparat nicht aufzutreiben. Die Frau beruhigte beS Sergeanten Besorgnis mit ber Angabe, sie würde schon von selbst auftoarbeit, außerdem auch noch für eine Weckgelegenheit Sorge tragen. Der Sergeant legte sich zur Ruhe nieder und wurde gegen 4 Uhr morgens durch ein sehr lautesKikeriki" geweckt. Auf die Uhr sehend, bemerkte er, daß es Zeit zum Ausstehen sei. Im selben Augenblick erscholl dasKikeriki" von neuem unb in solchemForte", daß ber Sergeant erschreckt aus bent Bette sprang unb nach bem Schreihals suchte, den er in Gestalt eines stattlichen Hahnes unter seinem Bette stehenb fand. Höchst belustigt über diesen Wecker, fragte er die Frau, wie sie nur auf diese eigenartige Weckgelegenheit gekommen sei, unb erhielt von ber ersinberischen Frau den Besck-eid, daß derGockler" stets um diebiete herum" seinen Ruf erschallen ließe, unb bamit dieser nicht ungehört verhalle, hätte sie ben Hahn unter bas Bett gesetzt, bem Sergeanten aber nichts davon gesagt, weil er vielleichtAngscht" vor dem Vieh haben könnt. Mit Dank schieb ber Sergeant von ber schlauen Bauerssrau unb freute sich, baß er seine Ruhe gehabt hatte.

Kleine Tageschrouik.

Die Mehrzahl der Teilbaber der früheren Zeppelin-Luft­schiffgesellschaft, benen Graf Zeppelin au* seiner For- berung an bas Reich Zurückerstattung ihres Verlustes zugebacht hatte, haben xugunften der nationalen Zeppelin-Spende freiwillig Verzicht geleistet.

Die Arbeiterfrau Muschel in Lipine (Oberschles.) zün- bete ihren Ehemann an, nachdem sie ihn mit einem Stocke bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen unb bann mit Petroleum iLbergoilen hatte. Der Ehemann narb balb barauf. Die Räör-i deyü wurde; vnhaftet. i-