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Montag 5. Oktober 1908
158. Jahrgang
Erstes Blatt
für ^Feuilleton" uni , Vermischtes E; Ernst
Nr. 234
Der Gtetzener Anzeiger Ä Bezugspreis:
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Die Krifis auf dem valtan.
Zwei Angelegenheiten machen augenblicklich der internationalen Diplomatie und speziell den Signatarmächten der Berliner Konferenz schwere Sorge: die anschemend bevorstehende Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Oesterreich-Ungarn und die Besetzung der türkischen Orienlbahneii durch Bulgarien. Nicht etwa, daß man Oestereich - Ungarn das Land, für das es so viel getan, nicht gönnte, oder daß man dem ausstrebenden Bulgarien ben Besitz der ostrumelischcn Bahiistrecke für alle Fälle verweigern wollte. Aber durch die Ansprüche dieser beiden Staaten wird einmal der Besitzstand der Türkei geschinälcrt, und sodann könnte es leicht ge° schehen, daß, wenn einmal an den 1878 festgelegten BalkanverhäU- nissen gerüttelt wird, auch Serbien und Griechenland mit ihren Forderungen hervorlreteii und auch Rußland und Italien bei dieser Gelegenheit ihr Schäfchen zu scheren juchen. England und Frankreich würden sich i für die Machterweiterung Oesterreichs in Bosnien, Italiens in Albanien unb Rußlands in Armenien an Egypten respektive Tunis schadlos halten, während Deutschland dann wohl nicht umhin könnte, sich an diesem großen Aufräumen zu beteiligen, unb demgemäß auf die Erwerbung einer Kohlenstation im östlichen Becken des Mittelmeeres oder auf eine Pachtung an der kleinasiatijchen Küste dringen würde. Alles das würbe, wenn bie Mächte einig wären, bie Liquidation der Türkei, da sie cs aber anscheinend iiicht sind, den Krieg aller gegen alle bedellten.
Die Grundlage für die Lösung der Orientbahnfrage bietet die russische Rote, diejenige für die Lösung der bosnischen Frage eine Note der österreichischen Regierung unb ein Handschreiben Kaiser Franz Josephs, die vorläufig erst in Paris überreicht fiitb, in kurzem aber auch den übrigen Kabinetten zugänglich gemacht werden sollen. Offiziell ist iveder der Inhalt des einen, noch bey beiden anderen diplomatischen Aktenstücke bekannt. Man weiß aber bestimmt, daß die russische Note den Mächten den Vorschlag macht, die Orienlbahnfrage den Signatarmächtcn zu unterbreiten, und glaubt zu wissen, daß Rußland der Ueberlassiing des ostrume- tischen Bahnnetzes an Bulgarien das Wort redet. Bulgarien soll zunächst den Status quo Herstellen und sodann die Zilstimmung der Pforte, sowie der Bahngesellschaft zur Ueveruahme der Eisenbahnen auf Grund einer beiden Teilen ausreichend erscheinenden Ab-- sindungssumme erlangen. Wie es scheint, stehen auch die übrigen Signatarmächte auf diesem Standpunkt.
Die Frage ist nur, ob die Türkei sich angesichts der jungtürkischen Strömling dazu bereit finden läßt, und ob Bulgarien sich nicht an dem geforderten Preis stoßen und lieber zum Schwert greifen ivird. Denn wenn das Ministerium Malinaff lüegcu der Eisenbahnfrage demissioniert, dürste sich kein zweites finden, bas es wagen würde, sich durch Verzicht auf die Besitzelgreifluig der Eisenbahn in Gegensatz zum bulgarischen Volke zu bringen. So wäre mscheineud der Krieg für Bulgarien die einzige Lösiing. Und ,venn mnn cs versteht, zwischen den Zellen zii lesen, gehl das auch schon au5 Der bulgarischen Note an bie Mächte zur-Genüge hervor. Kem Wort brr Verteidigung ober Entschuldigung des Gewaltstreichs bei der Besetzung der Stationen, kein Wort davoii, daß die Türkei der eigentliche Besitzer der Liilien sei, sondern nur der Hinweis, daß die Stllnmung des bulgarischen Volkes die Regierung 51t ihrer Handlungsweise zwänge, daß sie die Eisenbahnlinien iiicht heraus- geben würde, aber bereit sei, mit der Bahngesellschaft selbst über bie Ablösung des Pachtverhältnisses 511 unterhanbeln.
Daß man in Bulgarien zum äußersten entschlossen ist, scheint auch aus der Antwort herborz-ugehen, die Bulgarien der Orient» bahn auf ihren Protest tragen Besetzung der Bahnlinie erteilt hat. Die Antwort lautet kurz und bündig: „Die bulgarische Regierung ist nicht in der Sage, die Eisenbahn herauszugeben und wird auch nicht in dieser Angelegenheit mit der Pforte unterhandele"
Nicht ohne Interesse ist die Meldung der Temps, daß Fürst Ferdinand von Bulgarien sich heute in Ternove zum unabhängigen Souverän proklamieren und den Titel „Zar der Bulgaren" annehmen werde.
Die „$ttiüiifd)€ Zeitung" schreibt zu dem bulgarischen Gewaltstreich u. a.: Uns will scheinen, daß der von Bulgarien eingeschlagene Weg, die Betriebsgesellschaft der orientalischen Eisenbahn solle mit Bulgarien über die Abtretung des Bahnnetzes verhandeln, insofern nicht gangbar ist, weil abgesehen von allen Rechtsfragen, die Türkei als eigentlicher Besitzer der Bahn doch unmöglich ausgeschattet werden kann. Der inzwischen von Rußland gemachte Vorschlag, die Streitfrage den Signatarmächten des Berliner Kongresses zu unterbreiten, beschäftige augenblicklich die europäische Diplomatie. Es wird sich nun fragen, ob durch den
russischen Vorschlag, d. h. durch eine formell gemeinsame Behandlung ebenso rasch ein Ergebnis herbeigeführt werden kann, als itturch eine individuelle Einwirkung der einzelnen Staaten. Eine Gesamterklärung aller Mächte würde natürlich ein größeres Gewicht haben; aber aus den früheren Botschasterkonferenzen in Konstantinopel kann man sich erinnern, daß dieser Mechanismus recht langsam arbeitete. Und darin könnte man vielleicht Bedenken gegen den an fidj durchaus korrekten russischen Vorschlag erblicken, zumal eine recht schnelle Erledigung des Zwischenfalles dringend zu wünschen ist.
Die Pariser Morgenblättcr kommentieren sehr lebhaft den gestrigen Empfang des österreichischen Botschafters im Elyfäe. „Malin" behauptet, Ereignisse von größter Wichtigkeit würden auf dem Balkan vorbereitet. In dem Briese an den Präsidenten Falliöres stelle Kaiser Franz Joseph das Frankreich und die übrigen Mackste vor einer vollendeten Tatsache. Das Einvernehmen ganz Europas sei notwendig, um den drohenden Brand auf dem Balkan zu ersticken. „Figaro" meint, daß Pichon bie Unterredung mit dem Botschafter wahrgenommen habe, um von ihm genaue Aufklärungen über gewiße unklare Punkte der Antwort der österreichischen Regierung auf die fra.teo-spanische 9tote zu erlangen. Der Botschafter soll geantwortet haben, die Antwort feiner Regierung könne als eine Zusage gedeutet werden. „Journal" ist der Ansicht, daß die Abänderungen d's Vertrages nicht ohne ernste Komplikationen vor sich gcljen werden. „Echo de Paris" sagt, daß, ivenn die Unabhängig kett Bulgariens proklamiert werde, ein Krieg zwischen der Türkei uno Bulgarien unvermeidlich sein werde. Das Blatt glaubt, daß in dem Briese die Beweggründe aufgestellt worden sind, welche die österreichische Regierung zwingen, die Eventualität einer Annexion Bosniens und der Herzegowina ins Auge zu fassen, wenn die Ereignisse, die durch die augenblickliche Krisis entstanden, eine solche Lösung unvermeidlich machen sollten. — Präsident Falliöres wird, dem „Echo de Paris" zufolge, im Einvernehmen mit Elemenceau und Pickxon die Antwortnote an Oesterreich verfassen. Der nächste Ministerrat wird sich mit dieser Angelegenheit beschäftigen. „Petit Republique" erklärt, daß der Brief des Kaisers an ben Präsidenten ein friedlicher Schritt sei und daß der Kaiser das Ende feiner Regierung nicht durch einen Krieg wegen der Drientfragc getrübt sehen wolle._______________________________________________
Kolvtijche Lagesschau.
Verbaudstag der^ deutschen Mtetervercine.
Der seit Freitag in Stuttgart tagende 9. Lerbandstag der Deutschen Mietervereine hat nach einem Referat des Professors Dr. Fuchs-Tübingen über die Wohnungsverhältnisse in England und Deutschland einstimmig drei Resolutionen angenommen. Die erste fordert die Regierung und die städtischen Behörden auf,, den Peamten das Wohnen in ben benachbarten Gemeinden zu gestatten. Die zweite Resolution bezeichnet als Ziel der Wohnungsreform die Verdrängung des Mietkasernenshstems zugunsten des kleinen .Hauses, insbesondere des Einfamilienhauses. Die dritte Resolution gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die württem- bergische Erste Kummer den Versuch einer neuen Bauordnung für Württemberg gegenüber den Beschlüssen der Zweiten Kammer bezüglich der Weiträumigkeit, der Gebäudehöhe und der Geschoßzahl verbessern werde.
*
Ter Ausschuß der internationaUu Schiedsgerichtsligu in London hat eine Resolution angenommen, in der die tiefe Genugtuung über das Ergebnis des kürzlichen Besuchs einer Deputation der Liga in Berlin zum Ausdruck kommt. In der großartigen Aufnahme, die der Adresse der englischen Arbeiter durch die Berliner Gewerkschaften bereitet wurde, sieht die Resolution den unumstößlichen Beweis für den Wunsch, beide Länder möchten sich verstehen lernen, einen Wunsch, der die breite Masse des deutschen Volkes beseele und von dem englischen Volke vollständig geteilt werde. Die Resolution drückt ferner die Hoffnung aus, daß in London bald die Erneuerung des feierlichen, in Berlin gegebenen Versprechens, unaufhörlich für die Sache des internationalen Einvernehmens zu wirken, stattfinden und daß der Wunsch nach einer deutsch-englischen Entente schnell in Erfüllung
gehen möge. Die Liga hofft es einzurichten, den Besuch der deutschen Gewerkschaften in London im nächsten Frühjahr erwidern zu können.
Deutsches Reich.
Vom Kronprinzen. In den militärischen Kreisen Breslaus verlautet, daß der Kronprinz am nächsten Geburtstage des Kaisers zum Oberst 11. Kommandeur des in Breslau garnisouierenden 11. Grenadierregiments, dessen Chef die Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen ist, ernannt werden soll. Der Kronprinz wird bann, wie es weiter heißt, im königlichen Schlosse zu Breslau Wohnung nehmen.
Gegen die Besteuerung von Gas und Elektrizität. Die Städtekonferenz in Karlsruhe hat den Stadtrat von Karlsruhe ersucht, die Regierung namens der Städte auf die ernsten Bedeuten aufmertfam zu machen, die in finanzieller und wirtschaftlicher Hinsicht, der Absicht einer Besteuerung des Verbrauches von Gas und Elektrizität durch das Reich entgegensteHen, uni) die Regierung um Mitteilung der betr. Gesetzentwürfe an die Städte zu ersuchen, damit sie sich vor der endgültigen Stellungnahme der Regierung oazu äußern könnten. Der Stadtrat beschloß, wie die „F. Z»" erfährt, hiernach zu verfahren.
Ausland.
Deutschscindlicyes. Samstag spät abends fanden in Pilsen große antideutsche Straßendemonstrationen statt. Es wurden zahlreiche Fensterscheiben eingeschlagen.
Stuben teu streik in St. Petersburg. Die St. Petersburger Studentenschaft erklärt, nicht früher die Streikbewegung einzustellen, bevor nicht der gegen die Autonomie der Hochschulen gerichtete Erlaß des Unterrichts- Ministers zurückgenommen wird. Inzwischen sind auch schon die Vorlesungen auf Beschluß des Universitätskonfeils ein- gestern und gestern über 200 Personen verhaftet. Viele»
M a s f e n 0 e r h a s t u n g e n. In Lodz mürben vorgestern unb gestern über 20 OPersonen verhaftet. Vieles Waffen wurden beschlagnahmt.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 5. Oktober 1908.
** Aus dem Bureait des Stadttheaterss oignorina Nita Saech etta, die am Mittwoch, 14. Okt., hier ein Gastspiel mit ihren „Tanzpoesien" gibt, tritt am morgigen Dienstag auch im Darmstädter Hoftheater als Gast auf. Die berühmte Tänzerin ist im vergangenen Jahre im „Verein für ästhetische Kultur" in Frankfurt a. M.' mit einem sensationellen Erfolg aufgetreten. Der Verein hatte für die damaligen Gaslspiclabende deL Frl. Sacchetlo das Albert Schimianu - Theater gepachtet, das bei hohen, Preisen vollständig ausverkauft war. Auch im Darmstädteo Hoftheater sind für den Gaslspielabend hohe Preise angesetzt.'' — Da sich ein lebhaftes Interesse für das Auftreten dec berühmten Künstlerin, die hier das Gasthonocac einer Sorma bezieht, kundgicbt, werden Interessenten gut tun, sich zeitig Plätze Donnerten zu lassen. Die Eintrittspreise find die oow den Opecetten-Gasifpielen her bekannten.
** Besitzwechf el. Der praft. Arzt Dr. Schliephake kaufte für 46 000 Mk. das Anwesen des Generalagenten Krieb,j Goethe st raße 4 6.
** Ortsgerichtliche Jmmobiliarversteige-« rungen. In der vergangenen Woche wurden solgendq Hofreiten 00m Ortsgericht öffentlich meistbietend verstei-i gert: Jakob Schnell, Taxe 12000 Mk., Höchstgebot vomj Kaufmann Hermann Heß 10 500 Mk.; van gen Hassend, Lchifsenberger Weg G3 (Schissenberger Tal), Höchstgebot von Konrad Häuser zur Taxe von 42100 Mk.; Wilh. Geng^ nagel, Neustadt 45, Taxe 40 000 Mk., Höchstbictender Fr.
GZeszener Stadttheater.
Der Lompagnon..
Lustspiel von Adolf L'A r r 0 n g e.
Adolf L'Arronge, der sich nicht nur als liebenswürdiger Bühnenschriststeller einen immer noch gern gehörten Namen ge- gcnracht hat, sondern auch als rüchtiger Theaterleiter und vortrefflicher Regisseur einen guten Ruf genoß, ist am 25. Mai d. Js. in einem Sanatorium bei Konstanz gestorben. Wenige Wochen vorher, am 8. März, hatte er unter ziemlich allgemeiner Teilnahme seinen 70. Geburtstag gefeiert, der ihm manche verdiente Ehrung und Anerkennung gebracht hatte. Denn neben Roderich Benedix und David Kalisch, dem Klassiker des urwüchsigen Volksstückes, ist er der bedeutendste und beliebteste Vertreter dieser Gattung, die ihre besten und Aediegensten Werke aus dem Leben des gemütlichen, derbfrohen Bürgerstandes genommen hat und damit den Spielplan der deut- fchen Bühne um eine vergnügliche, manchmal allerdings allzic empfindsame Spielart des Dramas bereichert. Seine Stücke sind in ihrer bescheidenen Eigenart nahezu klassisch geworden, während andere beliebte Lustspieldichtcr seiner Zeit wie Julius "Rosen, Michael Klapp u. a. längst vergessen sind. Hoch über unseren heutigen Schwänken, die sich alle an ihn anlehnen, sind seine Werke Muster einer gemütlichen, unterhaltenden Bühnew- dichtung, deren beste Stücke wohl „Mein Leopold" und „Der Compagrwn" darstellen. Ausgehend von der alten Berliner Posse zog er die Clemente des tlcinbärgertiä>e’i Lustspiels in den Rahmen feiner netten Kunst und bildete kleine Alltagsgeschichten aus dem behaglich-beschräntten Bürgertum gemütvoll und mit gewandtem Humor zu einem allzeit beliebten llnterhaltungsstück ans, dem auch tiefere Züge nicht fremd sind. Leute mit schwieliger Faust und lauteren Herzen sind seine Lieblingsgestalten, wie der alte Weigelt, Hasemann u. a. Auch seine künstlerische Form hat sich ausgebttdet. Er gibt eine sorgsam durchgeführte Handlung und lebendige Schilderung gegenüber der ungebundenen Technik und genialen Willkür eines Kalisch. Vom Bolksstück ging er dann mit ungleich geringerem Erfolg zum feineren Lustspiel und sogar — nach dem Muster des jüngeren Dumas — zur tendenziösen Sozialkomödie über, um sich mit seinem „Sanatorium Liebenberg" (.11703) wieder 1 einer alten erfolgreichen Art »u nähern. Am sichersten und zugleich angenehmsten ist er stets iwm, wenn er auf spitzfindige Mnke verzichtete ufch sich jeina:
fröhlichen Fäbellust hingibt, uni oft die tollsten Begebenheiten zu ersinden, zu überraschen und zu ergötzen. Auch als glänzender Theaterleiter hat sich der Dichter, dessen erstes Werk „Das große Los" (1866) schon ein starker Erfolg war, einen klangvollen Namen gemacht. Er führte erst das Lobe-Thegter in Breslau, später an der Friedrich Wilhelmstadt in Berlin und endlich am Deutschen Theater, das vor einigen Tagen das 25jährige Bestehen feierte, eine vorzügliche Leitung, die ihm viel Ehren einbrachte. Seine Stücke zählen noch heule zu den beliebtesten Stammstücken aller Bühnen und werden es auch wohl noch auf Jähre Hinaus sein.
6 Der liebenswürdige Humor von Adolf L'Arronge ergötzte auch das gestrige Publikum. Sein Kompagnon bietet eine köstliche Blütenlose seiner altbewährten Mittel, den Zuschauern srohe und vergnügte Stunden zu bereiten. Und die Absichten des Dichters sanden eine liebevolle und verständige Verwirklichung in der gestrigen Aufführung, mit der sich bei uns Max Kroucrt als Lustspiel-Regisseur sehr glücklich einsührte. Nach dieser ersten Probe wird man feine Ansprüche getrost recht hoch hinaufschrauben dürfen und uod) viele schöne Lustspielaufführungen in dieser Saison erwarten können. Ohne für heute auf Einzelhetten enizugehen, sei es nur gesagt, daß die Regie bis ins Kleinste tadellos sunk- tionierke. Wie in der Regie, so zeigte Max Kronert sich auch in der Darstellung höchst erfreulicher Weise als Freund jener nicht genug zu schätzenden diskreten und feinsinnigen, allem Burlesken abholden Komik, die nicht gleich in die Augen springt, die erst erobert sein will, aber dann uni so nachhaltiger wirkt. Kronerts Voß interessierte von Akt zu Akt immer mehr, und wie fein verstand es hier der Schauspieler, die vielen Unwahrscheinlichkeiten des Stückes wahrscheinlich und psychologisch wahr erscheinen zu lassen. Geradezu köstlich war die Sitzung auf der Stearinkiste. Einen recht angenehmen Eindruck erweckte unter den Darstellerinnen Ada Pauly als seine Frau. Die Rolle bietet für die gereifte schauspielerische Individualität natürlich nur einen ganz beschränkten Spielraum, aber innerhalb dieses Rahmens wirkte bei Ada Pauly alles hübsch und lebenswahr. Anni Röber war eine reizende Adele; sie verspricht allem Anschein nach recht hübsche Leistungen. Clemens Roden bewährte sich auch gestern in altgewohnter Weise in seiner Rolle als Bräutigam und junger Ehemann Adeles. Eine sehr ansprechende Leistung war der Kauzleirat Edgar Paulys; auch eine MvNÜN.echeude AM M &e neue .ScsiM. Asi ffigiig
dankbare Rolle als Ferdinand Winkler wurde nicht gerade sehr: interessant von Paul Ko h l m a n n dargestellt. Am schlimmstes Dcrgrincii hatte sich in der Auffassung ihrer Rolle aber dieses Mal Marie Lautermann als Witwe Lerche. Eine Gemüsen srau in Lackschuhen — nein, das sollte selbst in einem L'Ar- rongeschen Stücke nicht Vorkommen. Auch die Luise von Dorle Mais art h war recht farblos. Eine prächtige Leistung bot hingegen Lore Scholz als Dienstmädchen. Schon der Dialekt: war köstlich wiedergegeben. Auch der trinkfrohe Hausdiener Friedrich von Willibald Bölcker war eine famofe Figur, Tie Tante Röper der Hermine G i l z i u g e r hätte vielleicht^ noch um eine kleine Nuance lebensechter gestaltet sem können., Als Buchhalter Gleichenberg war Karl Volck eine sehr Unix kungsvolle Gestalt.
An Applaus fehlte cs den Darstellern gestern nicht. War das Haus auch nur schwach besucht, so war eS doch ein banlk bares Publikum.
— Die Nibelungen als Ruhestörer. Aus Graz meldet uns ein Telegranmi: Bei der gestrigen Aufführung der Operette „Die lustigen Nibelungen" von Oskar Straus Tarn es in dem dichtbcsetzten Stadttheater zu einem1 großen Skandal. Die Deutschnationalen veranstalteten durch Johlen, Pfeifen und Gepolter eine stürmische Demonstration, weil sie in der Operette eine Verhöhnung des Nibelungenliedes und des Deutschtums er-, blickten. Eine Ansprache, die der Direktionssekretär hielt, suchte vergeblich Beruhigung zu schassen. Der wüste Lärm dauerte eine Viertelstunde lang fort, und die Vorstellung mußte unter« brachen werden. Die Polizei räumte das Stehparterre und einen Teil der Galerie; mehrere Verhaftungen wurden oorgem>mmeiLi
— Kleine Chronik ans Kunst und Wissenschaft. Als erste Neuheit dieser Spielzeit wurde in Darmstadt „Der Teufel" von Franz NlolnLr aufgeführt. Das Stück hatte vollen Erfolg. — Wie aus New-Pork gemeldet wird, wurde der prächtige Neubau eines neuen deutsch en Theaters unter den Direktoren Aammfeld und Burg mit-einer Ausführung von Wildeubruchs „Rabe n ft einer! n" eröffnet. Ebenso wurde das alte deutsche Jrvingplaee-Theater unter dem neuen Direktor Well mit Kadeiburgs „H u f a r e n f i e b e r" eröffnet. — Die diesjährige Kuuslreise durch Deutschland eröffnete Kar xi|o mit „Di 1 g 0 l c 110" im Königl. Theater in Wies-- baden und erfüllte die aujs höchste gejpaunten Erxvarluuüeu.


