Nr. 97
Drittes Blatt.
1S7. Jahrgang
Freitag «6. April 1907
Erscheint tögllch mit Ausnahme deS Sonntags.
Di« „6kßtiet FamlNenblätter- werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Ktelsblott für den Kttls fielen“ zweimal wöchentlich. Der „hessische Landwirt' erscheint monatlich einmal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
RolaNonSdruck und Verlag der Br üblichen UnwersuälS • Buch» und BtetnörudereL R. Lang«. Dießen.
Redaktion, ExvedMon und Druckerei Schul- stratze ?. Erpedttlon und Verlag e^a# 6L Redaktion:L^l 12. Lel.-Adr^ AruelgerDrehen.
Aus SraSt und Lund.
Sprechstunden der Redaktion:
12—1 Uhr vorm., V2 7—y» 8 Uhr nachm., (mit Ausnahme von Samstag und Sonntag).
Gießen, 26. April.
— Vom neuen Schloß. Ta die Arbeiten für die Wiederherstellung des neuen Schlosses, gegenüber dem Kreisamtsgebäude, spätestens bis Ende Juni beendigt sein müssen, wird zurzeit mit aller Macht gearbeitet, um die Fertigstellung zum vorgeschriebenen Termin zu ermöglichen. Während seinerzeit ine Herstellung des ganzen inneren Baues vorgesehen war, sott jetzt nur die Renovic- rung der Kellerräume, des Erdgeschosses und eines Teils des Treppenhauses vorgenommen werden. Der im Erdgeschoß befindliche große Saal soll derartig ausgestarrct weroen, daß er bei besonderen größeren Festlich leiten als Spersesaal dienen kann, auch sollen Einrichtungen getroffen werden, daß bei Anwesenheit S. K. H. des Großherzogs in Gießen in ihm Tafel abgehalten werden kann. Dre neu herzurichtenden Räume werden mit Zentralheizung versehen, welche von der Firina Käusfer u. Co. in Wlainz ausgesührt wird. Ten Plattenbclag für den großen Saal im Erdgeschoß liefert die Firma Dern u. Co. in Gießen, während die Weißbinder- und Aialerarbeiten dem Malermeister Groß hier übertragen worden sind. Die zur Wiederherstellung erforderlichen Maurerarbeiten werden von der Firma H. M. Rinn zu Gießen ausgeführt, die Betonarbeiten von Stau Unternehmer Scheppeunann hier. Die Sch re ine rar bellen Hai Lchreinermeister Zeiß von Griedel bei Butzbach übernommen.
•• Oberhessischer Geschichtsverein. Da im vergangenen Winter ein Vortrag ausfallen mußte, wird ausnahmsweise in diesem Sommersemester, und zwar nächsten Donnerstag, 2. Mai, eine Vereinssitzung stattfinden. Museumsdirektor Dr. Krüger aus Trier wird über »Trier und die Mosel zur Römerzeit^ sprechen und den Vortrag durch Lichtbilder veranschaulichen. Auch die Damen der VerelnSmitgtleder sind emgeladen, ebenso sind Gäste willkommen.
♦* Drei parlamentarische Ausschüsse der 2. Kammer hielten am Donnerstag Sitzungen ab. Ter Finanz-Ausschuß beschäftigte sich mit einer Anzahl Vorstellungen verschiedener Vearntenkategorien um anderweitige Regelung ihrer Gehaltsverhältnisse usw. Es wurden jedoch bestimmte Beschlüsse in dieser Hinsicht nicht gefaßt. — Der Gesetzgebungs-Ausschuß begann heute nachmittag 31/2 Uhr gemeinsam mit den Regierungsvertretern, Staatsminister Ewald, Minister des Innern Braun, Ministerialrat Lorbacher u. a., eine Beratung über die neue Regierungsvorlage, das Jagdgesetz betr. Die Beratung, die sich bis gegen 7 Uhr abends ausdehnte, ergab, daß die ganze Materie erhebliche Schwierigkeiten darbietet, und auch eine lange Beratung tm Kammerplenum erfordern wird, bevor auf einen alle Interessenten befriedigenden Abschluß gerechnet werden Bann. - Da in der Kammer keine Neigung besteht, noch nach dem Pfingstfest weiter zu verhandeln, so kann mit Sicherheit angenommen werden, daß die Gesetzesvorlage erst im Herbst in der Kammer zur Erledigung kommen wird. — Der dritte Wahl- prüsungs- und Petitions-Ausschuß war heute gleichfalls zur Beratung zusammen getreten- er beschäftigte sich in der Hauptsache mit Vorstellungen 'um Erlaß der Hundesteuer, die ja überhaupt ein sehr wesentliches Beratungsfeld dieses Ausschusses bilden.^
"Kaufmännische Fachschule für weibl. An- g e ft e 111 e. Man schreibt uns : Wir machen auch an dieser Stelle auf die Kaufmännische Fachschule für weibl. Angestellte aufmerksam, die in Kürze wieder ihren Unterricht m allen m Betracht kommen- den Fächern eröffnet. Näheres darüber besagen die Inserats. Tie Kurse sind auf em Jahr nut 30 bis 35 Schulwochen berechnet, mit Ausnahme von Maschinenschreiben, das in kürzerer Zeit gelehrt wird. Cs ist Gelegenheit zur gründlichen Ausbildung geboten und zahlreiche Beteiligung sehr erwünscht. Ter Kanim. Verein für werbt. Angestellte bemüht sich, den im kausm. Beruf stehenden Damen Anschluß untereinander zu geben und ihre Interessen nach Möglichkeit zu fördern. Alan bittet, dem Verein Unterstützung durch Mitgliedschaft freundlichst zu gewähren.
R.-B. Darmstädt, 25. April. In dec Privat- Beleidigungsklage des Pfarrers Korell-Königstädten gegen den verantwortlichen Redakteur des »Darmst. Tägl. Anz.", Graswurm, ist Termin auf den 14. Mai an- beraumt worden. Die beiden Parteien haben einen umfang- reichen Zeugenapparat zwecks Beweisaufnahme aufgeboten. Bei der Klage handelt es sich um einen Artikel, den der ,Tägl. Anz." während der verflossenen Wahlzeit unter der Überschrift „Herr Pfarrer Korell und fein Anhang * veröffentlichte, durch dessen Inhalt sich Pfarrer Korell beleidigt fühlte.
R. B. T a r m st a d t, 25. April. In der heutigen Sitzung der Dtadtverordneten-Bersammlung kamen u. a. folgende BeratungZgegenstände zur Verhandlung: Die Errichtung einer neuen Kokscmlage im Werte von 121000 Mark wurde genehmigt; der Bau wird der deutschen Massergasgesellschast in Berlin übertragen. — Ter Bau einer elektrischen Straßenbahn nach Nie- der-Ramstadt und Traisa wurde im Prinzip beschlossen. In Rücksicht a uf das geringe Entgegenkommen der Gemeinde Nieder-Rarnstadt jedoch wurde von einer Durchführung der Bahn durch den Ort Ab,.and genommen. Nieder-Ramsladt weigert sich, mnerharo des Gemeindebezirks das erforderliche Gelände aozutreten und verlangt außerdem für den Fall der Rentabilität des Unternehmens Rückzahlung der Beitrags kosten. — Der ortsübliche Tagelohn wurde in Darmstadt für erwachsene männliche Personen lln Durchschnitt auf 3 Mark, bisher 2.60 Mark, für weibliche Personen 1.80, bisher 1.60 Mark, festgesetzt.
** Kleine Mittei lunger . » messen und den Nachbarstaaten. In O^erbefsingen halt der Radfahrerverein Wanderlust seine <5tan barte nroeibe ab. — In Oberm00s wird ein neues Schulhaus erbaut. — In Him
bach wurde der seitherige Bürgerme.ster Schäfer mit 82 Stimmen einstimmig wiedergewählt. — Ter 50jährige Landwirt Peter Finkel aus Bretzenheim geriet zu Mainz m der Nähe der Römersteme unter die Tampf st raßen bahn, wobei ihm beide '-Heine abgefahren wurden. Aus dem Transport nach dem Hospital st a r b der Bernngliiefte.
Gießener Strafkammer.
H Gießen, 23. April.
Fahrlässige Brandstiftung.
Einen eigentümlichen Ofen konstruierte ,ich. im verflossenen Winter der 17jährige Di en st knecht R. N. M. aus Har- bürg a. Elbe, der bei einem Landwirt zu M a u l b a ch in Arbeit stand. Um sein auf dem Stallboden befindliches Zimmer, in dem sich kein Ofen befand, zu wärmen, schlug er in einem alten Zinkeimer mehrere Löcher und zündete einige Holzstücke darin an. Da er wieder am seine Arbeit mußte, löschte er das Feuer durch Ausschütten von Wasser und stellte den Eimer in eine Ecke auf den Boden. Als er später zum Futterholen auf den Boden lam, stand der Speicher in Flammen. Das in dem Eimer befindliche Holz Tratte sich durch die Zugluft aufs neue entzündet und das Feuer hatte sich dem Heu mitgeteilt und bereits den Holzboden und die Dachsparren ergriffen. Er bemühte sich sofort das Feuer durch Ausschütten von Wasser zu löschen. Inzwischen kam der in der Nachbarschast wohnende Bürgermeister, der die Flammen bereits durch das Dach lodern sah, und beteiligte sich an jbier Löscharbett. Auf erfolgte Anzeige wurde gegen M. wegen fahrlässiger Brand ft iftung Anklage erhoben und die Sache dem Schöffengericht Homburg xur Aburteilung überwiesen. Dieses hielt ihn zwar für schuldig und war auch der Ueberzeugung, daß er die zur Erkenntnis der Strafbarkeit seiner Handlung erforderliche Einsicht besitzt. Es kam aber trotzdem zum Freispruch, indem es den Tatbestand des § 310 des Strafgesetzbuches als vorliegend erachtete, nach welchem der Täter, bevor der Brand entdeckt und ein weiterer, als der durch die bloße Inbrandsetzung bewirkte Schaden entstanden war, wieder gelöscht hat, straflos ist. Er führte aus, der Angeklagte habe den Brand, bevor er entdeckt war, wieder gelöscht; allerdings hat ihm, ehe er völlig gelöscht war, der hinzukommende Bürgermeister geholfen. Diese Mitwirkung fremder Kräfte beseitigt jedoch nicht den Tatbestand des § 310, falls diese fremden Kräfte sich als für den Täter wirkende darstellen. Als die Bekämpfung deS Brandes durch den Angeklagten begann, war er noch nicht entdeckt und wäre auch ohne fremde HUfe durch den Angeklagten gelöscht worden. Die Staatsanivaltfchafl focht das Urteil an und machte geltend, daß der fragliche Paragraph zu unrecht angewendet worden sei; dieser hätte nur Anwendung finden können, wenn das Feuer bereits vollständig gelöscht gewesen wäre, als fremde Leute dazu kamen. Die Strafkammer hob das Urteil auf und erkannte auf eine Geldstrafe von 10 Mk.
tfetsu Freisprechung.
Gegen den Redakteur und Verleger des Zentralblattes für den deutschen Holzhandel A. L. in Stuttgart war von dem Diplom-Ingenieur E. I. zu F r i e d b e r a wegen Beleidigung Privatklage erhoben worden. Der Kläger hat in der Zeitung des Angeklagten ein kleines Inserat erscheinen lassen, wodurch 1.75 Ölt. ft'oiten entstanden sind. Nach dem Erscheinen der Nummer erhielt der Kläger die Mitteilung, daß, falls der Betrag nicht innerhalb 14 Tagen bezahlt ist, er diesen durch Postaustrag erheben lassen werde. Der Kläger begab sich auf Reisen, ohne den Betrag entrichtet zu haben, und der Postaustrag, der während seiner Abwesenheit einlangte, ging als verweigert zurück. Nach einiger Zeit erhielt der Kläger aus Stuttgart einen Brief des Inhaltes : Wenn Sie »ums diesen kleinen Betrag nicht umgehend senden, werden wir dafür sorgen, daß Sie santt ihrem Diplom in den nächsten Ausgaben der „schwarzen Listen" figurieren. Bei der Schöffengerichtsverhandlung ließ der Angeklagte durch seinen Verteidiger bestreiten, daß er den fraglichen Brief geschrieben habe und legte zum Beweis eine Anzahl von seinen vand herrührender Schriftstücke vor, sodaß das Gericht zur Ueberzeugung kam, daß die Schrift nicht von ihm herrührt, weshalb Freisprechung eintrat. Einen Beweis, daß der Brief im Auftrag des Angeklagten von einem andern geschrieben worden ist, konnte nicht erbracht werden. Der Kläger focht das Urteil an und die Staatsanwaltschaft stellte im Ermittelungsverfahren fest, daß der Brief von dem Sozius des Angeklagten in dessen Abwesenheit versaßt und unterzeichnet worden ist. Unter diesen Umständen mußte die Berufung des Klägers zurückgewiesen werden, da der Angeklagte für die Handlung eines andern nicht verantworllich gemacht werden kann. Allerdings steht ihm frei, gegen den wirklichen Täter vorzugehen.
Die Kammerfrau der Prinzessin.
Berlin, 24. April.
ßn-' dem Prozeß gegen die ehemalige Kammerfrau der Prinzessin Amalie von Schleswig, AnnaMilewska, wurde die Angeklagte in vollem Umfange der Anklage sreigesprochen und die Kosten der Staatskasse auf- erlegt. Der Staatsanwalt hatte anderthalb Jahr Gefängnis beantragt. Der Staatsanwalt erklärte, daß er nicht unbedingt behaupten wolle, daß alle 20 zur Anklage stehenden Schmucksachen gestohlen worden seien, ein Teil aber sei es gewiß. Prinzessin Amalte habe entschieden bestritten, der Angeklagten jemals Schmuck geschenkt zu haben. Andererseits seien allerdings nicht weniger als vier Zeugen vorhanden, die das Gegenteil bekundet hatten. Ein weiteres Belastungsmoment sei das Verschwinden der echten Perlen in dem Kollier. Immerhin lägen nur Indizien gegen Frl. Milewska vor und er stelle es daher dem Gericht anheim, wie es urteilen wolle. Ein Verlegenhellsurteil wünsche er nicht, denn die Rechtsprechung dürfe sich nicht aus Kompromisse einlassen.
Justtzrat Wronker erklärte in seinem Plaidoyer, daß er bestreiten müsse, die Angeklagte sei nur die Kammerfrau der Prinzessin Amalie gewesen. Es habe sich vielmehr um ein mniges, ideales Freundschaftsverhältnis zwischen den beiden Frauen gehandelt und aus diesem Freundschaftsverhältnis heraus spreche vieles Mr die Angeklagte, — daß sie Geschenke erhalten, der Prinzessin mll Geld aus- geyolsen und daß sie keine schlechten Handlungen gegen ihre fürstliche Freundin begangen haben könne. Er bezweifle ferner biS zum Beweise des Gegenteils, daß die Perlen in den: Kölners jemals echt gewesen seien, obwohl das Kollier aus dem dänischen Königsbause stammen sollte. Denn lcu.gch-ehe die Angettagte in die Dienste der Prinzessin ge.rc.e.i Li, stclle diese die Perlen des Kolliers als „römische" ...rlln bezeichnet, nach dem Gutachten der Sachverständigen durchaus eine Bezeichnung sür unechte Perlen.
teilt MUitär-Beieidr ungsprozeß.
Mannheim, 24. April.
Tas hiesige Schwurgericht verhanüclle heute gegen den Lokalredakteur der soz.-dem. „Volksstimme", Emil Maier, wegen Beleidigung des Gerichts Herrn der 28. Division. In einer Konlrollversammlung, die am 6. November v. I. in der hiesigen Kaiser Wilhelm-Kaserne stattfand, ereignete sich ein aufsehenerregender Zwischenfall. Nach öc-r Verlesung der zkriegs- arlikel richtete der Bezirksoffizier, Rittmeister v. Muschwitz, eine Ansprache an die Leute, in welcher er Anlaß nahm, sich mit den sozial dem. Jugendorganisationen zu befassen. Er forderte die Kontrollpflichtigen auf, ihre jüngeren Brüder vor dem Beitritt zu warnen. <me könnten sich dadurch für ihr Leben unglücklich machen. Der Gründer sei ein Rechtsanwalt namenS Frank. Diese Leute saßen in schönen Talaren am Gericht, hätten ein großes Maul, bei Lickt besehen seien es aber Lumpen. Ucber diese Aussprache erschien dann in der Volksstimme ein Artikel, in welchem gesagt wurde, von Muschwitz habe auch noch den Ausdruck gebraucht, D r. Frank sei nicht des Aus spuckens wert. Dr. Frank stellte beim Kriegsgericht Strafantrag wegen Beleidigung. Wahrend aber das Ermittelungsverfahren noch schwebte, ergab sich die Nrnweno-gkett, Rittmeister v. Muschwitz wegen seines Geisteszustandes m die Irrenanstalt in Jllcmau zu verbringen, wo er sich noch beute befindet. Als durch eine Notiz im Mannh. Generalanz. diese, Wendung der Angelegenheit bekannt wurde, nahm die „Volksstimme" in einem Artikel dazu Stellung, der unter der lleberschrift „Wie man uniformierte Verleumder sozialistischer Führer behandelt" erschien und lautet:
„Nach einer Mitteilung des Mannh. „Gen.-Anz." befindet sich Rittmeister a. D. v. Muschwitz — der im November d. I. bei den Kontrollversammlungen unseren Parteigenossen und Neichs- tagskaadidaten Dr. Frank in offener Ansprache an die Reservisten als Lumpen bezeichnete, der nicht wert sei, daß man ihn anspucke — gegenwärtig in irrenärztlicher Behandlung, so daß eö mehr als fraglich erscheint, ob der Fall zur stra,gerichtlichen Aburteilung gelangt. In eingeweihten Kreisen habe man sich über diesen Ausgang keineswegs gewundert, da der betreffende Offizier früher einen schweren Sturz erlitten habe, der ihn zum Ausscheiden aus dem aktiven Dienst nötigte. Die geistige Unzurechnungsfähigkeit dies Herrn v. Muschwitz ist also erst entdeckt worden, als es galt, ihn wegen einer schweren ehrabschneidenden Beleidigung eines sozianftisaien Führers zur Rechen,chast zu ziehen. Hätte dieser Zwischenfall nicht stattgesunden, so stünde Herr von Muschwitz heute noch an der Spitze des hiesigen Bezirkslommandos, und jeder wurde wegen Beleidigung schwer bestraft, der es wagte, ihm den gesunden Menschenverstand abzusprechen. Nun eS gilt, dem adeligen Herrn einer gerichtlichen Verfolgung zu entziehen, ist er plötzlich geistig nicht normal, — genau dasselbe Verfahren, mittels dessen die reichsdeutsche „Gerechtigkeit" die Gräfin von Seckendorf der Anklage wegen Kindesmordes, die Fürstin Wrede der deS Silberdiebstahls, den Prinzen Prosper v. Arenberg der des bestialischen Mordes zu entziehen verstand. Mit „gewöhnlichen" Leuten, die sich etwas zu Schulden kommen lassen, macht man so viel Umstände nicht: die werden ohne Federlesens ins Loch gesteckt. Die Arbeiterschaft des Mannheimer Reichstagswahlkreises, derem Reichstagskandidaten auf diese Weise die gerichtliche Genugtuung für eine geradezu skandalöse Verleumdung versagt bleibt, wird am 25. Januar in ihrem Votum auch zu zeigen Baben, was sie von der „Gerechtigkett" des Staates denkt, der angeblid) in der ganzen Well die „beften Rechtsgarcmtien" bietet.
Der Angeklagte erklärte, er habe diesen Artikel, der den Gegenstand der Anklage blldet, zwar nicht selbst geschrieben, ihn aber mit voller Billigung seines Inhaltes abgedruckt. Er habe selbst einer der früheren von Rittmeister v. Muschwitz geleiteten Kontrollversammlung angewohnt, von Muschwitz sei ihm wie ein Witzblatt-Offizier vorgekommen. Er habe den Eindruck gehabt, als sei der Mann nicht normal, wenn auch nicht unzurechnungsfähig. Der Offizier sei plötzlich ärgerlich geworden und habe einen Mann, der den Mund sum Lachen verzogen habe, angeschrien: „Sie bekommen drei Tage Loch". Er habe sich nicht benommen, wie man es von einem Offizier gewohnt sei, jedenfalls etwas sehr überspannt.
Maier wurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Außerdem wurde Publikationsbefugnis ausgesprochen und auf Vernichtung der Platten erkannt.
ArbeiterbeweguriA.
— Der L 0 hnkainpi im Berliner Baugewerbe beginnt! Tein vom Einigungsaint des Geiverbegerichls abgegebenen Schiedssprüche ft 1 m m t e n die Arveiker z u, dagegen lehnten der Verband der Maurer, der Verband der Bauhilfsarbeiter, sowie die Zimmerer des Gewerbe-Verbandes denselben mit großer Mehrheit a b. Die christl. Orgcnnsanon der 'Bauhandwerker nahm keine Abstimmung vor, beschloß aber, sich nut den übrigen Arbeiterorganisationen solidarisch zu erklären und im Voraus alle Schritte btefer gutzuheißen und mit ihnen an dem Kampf testzunehmen. Am Sonntag werden große Demonstrattons- Versaminlungen zur Feier des Achlstundentages abgehallen werden. Schon am Montag dürste wahrscheinlich die Niederlegung der Arbeit ersolgen.
Kandel.
Märkte.
4- Friedberg, 24. upru. Der heutige Schweine- markt war mit Jungtieren sehr stark befahren, doch fehlte es an einer enllprechenden Käuferzahl. Die Preise waren infolgedessen nicht sehr hoch. Infolge der bisher hohen Fleischpreise Haven sich viele Landwirte auf die Ferkelzucht geworfen und so entstand eine Ueberproduktion. Das Angebot übertrifft weit die Nachfrage.
x Ruppertenrod, 24. April. Unser heutiger Früh- jahrsmarkt war mit Jungschweinen sehr gut befahren und recht stark von Käufern besucht. Dessen ungeachtet ging der Handel gedrückt, ja flau. Tie Ursache lag in den bedeutend surücigegangenen Preisen, in die sich aber die durch die früher so ungewöhnlich hohen Preise verwohnten Züchter nicht leicht finden können. Der Preis für das Paar Ferkel tu im Durchschnitt gegen den vorjährigen um 20—25 Mk. billiger. Wenn man erwägt, daß der Doppelzentner Lebendgewicht nicht um 40 Mk. billiger — man bietet gegenwärtig für das Pfund Lebendgewicht nur 36 Psg. gegen oO Pfg. im Minter — und die Futterartikei, Kartoffeln uno Mais, teurer geworden sind, so wird dieser Preisrüagang erklärlich. Heute bezahlte man für das Paar stärkste Ferkel 60 Mk^, die mittlere Sorte galt 50—55 Mk, geringere 45—50 Mk. Dabei wurden nicht alle Ferkel abgesetzt. Der Krämermarkt erlitt Einbuße durch ungünstiges Wetter.
— Kirchhain, 24. April. Auf dem gestrigen Vieb- markt betrug der Auftrieb an Groß- und Kleinvieh etwa 480 Stück. Ter Handel ging flott. Auch auf dem Schweinemarkt, der mit 600 Stück befahren war, zogen die Preise wieder etwas an. Kleine Ferkel wurden mir 30—35 Mk. und Läufer mit 70—100 Mk. das Paar bezahlt.
Aui Teilzahlung kauft man reell, gut und billig bei J. JTTiflAO, Giessen, Piockstrassa 14-16-4


