5>U tzeutige Kummer umfaßt 10 Seiten.
reibt, die ihm bisher rückhaltlos GMreunDschafl geivu;;;. a uat es an die Quellen ihrer geistigen ströme unter Bedi.igmigen zu.'ießen, die in ihrer Milde selbst den eigenen Landeslmdcrn nicht zugestanden wurden. Wir verlangen nicht untctroürnäeii Tank für solche Gastfreundschaft, aber wir verlangen, baü man nicht Unsitten bei unS zum Durchbruch zu bringen ve.juchc, die in Gefahren für unsere politische Ordnung und unsere Auf- assung von Sitte und Moral ausarten können.
Unseres trachtens sieht dec Herr Eui|cnder denn boa) etwas zu fchwarz. Wir in Gießen zum mindesten haben doch wohl keinen Grund, dem kleinen Häuflein harmloser russischer Studenten und Studentinnen, die sich hier doch im allgemeinen gesittet und zurückhaltend benehmen, die Gast- sreundjchast zu verweigern.
-lösen Meldungen ist uns so vertraut, daß man sich nicht damit aufhätt, zu fragen, waL eigentlich gesagt worden ist, sondern daß man danach forscht, was verschwiegen wurde, tzm italienischer Diplomat hat die beiden Minister als zwei Kompagnons einer Firma hingeslellt, von denen der in Italien wohnende den aus Gesundheitsrücksichten auf einer Erholungsreise beflndlichen deutschen Geschäftsteilhaber aus Höflichkeit besucht und natürlich dabei auch über die Geschäfte der „Firma" spricht. Die Firma ist der Dreibund; dec rdritte Kompagnon', Graf Aehrenthal, hat sich bereits mit dem Fürsten Bülow unterhalten — eS fehlt nun nur noch, daß Tittoni mit Aehrenthal ein Stelldichein verabredet. Dann ist wieder alles gut; heute schon glaubt man die in den letzten Jahren etwas gelockerten ilalienisch-österr. Be- Ziehungen wieder gefestigt und wenn in Zukunft Wien und Rom zu verhandeln haben, wird man nicht mehr als Zentralstation des Fernsprechdrahtes Berlin zu benutzen brauchen, sondern den direk- ten Weg wählen, den man bisher oft genug nicht passierbar gefunden Hai. Und wenn angesichts solcher lLonstellationen sich die englischen Blätter aus Rom berichten lassen, das Faktum bleibe bestehen, daß der Dreibund doch nur auf dem Papier stehe und nicht den geringsten Wert habe; wenn die Londoner deutschfeindliche Presse im Kassandratone für Deutschland auf dec Haager Konferenz eine neue Niederlage prohezeit, so wird man über diese Sprache ebenso die Achseln zucken wie über den verloren gegangenen Kometen vom 1. April. Es wird auch aus der Ostcrzusammenkunft in Rapallo nichts wesentliches herauLkommen und der Besuch der beiden Minister wird tatsächlich kaum als etwas anderes erscheinen, als die höfliche Begrüßung ziveiec Firmenvertreter. Sticht Ministerzusammenkünfte und Frühstückereien entscheiden über die Zukunft der Völker, zumal es im entscheidenden Moment doch immer anders kommt, als man dachte, sondern die moralische, physische und geistige Kraft der einzelnen Rationen — mag man auch noch so viel Abrüstungsvorschläge vorbereiten und oocberateu. Der „ewige Friede' läßt sich nicht durch konventionelle Besuche erzivmgen, selbst dann nicht, wenn man auch den .bösen Nachbar' gewonnen hat. .Ter ewige tfcieöe m.rd immer em Traum bleiben und kein schöner', sag'e der Schlachtendenker Moltke. Borläusig aber haben die Spezial- korrespondenten und Interviewer goldene Tage und damit wäre wenigstens ein Zweck der Mmisterzufaminenkunft erreicht. Ader auch der Schwanz von Zeitungsartikeln dieses Kometen wird einmal sein Ende haben . . . Und dann ivird ein neuer prophezeit . . .1 Wir aber wollen nach wie vor Gewehr bei Fuß stehen als Verkörperung des bewaffneten und- also sichersten Friedens, und Mmistecdesuche, Friedens- konfereuzen, Abrüstungsvorschläge ic. mltmachen^— so lange sie uns nichts schaden und wir nicht gerade die Spielverderber zu sein brauchen.
Der Komet.
Am 1. April sollte ein vagabondierender Komet unsere Erde in ihre Bestandteile zerlegen — so prophezeite em italienischer Professor, der wohl damit die Menschheit in den April schicken wollte. Der Komet wenigstens zog eS vor, eine andere Bahn einzuschlagen und noch einmal ward unser Planet gerettet.... Bei einem solchen Zusammenstoß im Weltenraum wäre doch nichts anderes herauSgekommen, als ein hübsches Sternschnuppenfeuerwerk — wenigstens behanp- ten das die Gelehrten, die sich mit dieser Frage ernsthafi beschäftigen — und bann halte man hier auch schließlich anbeceS zu tun, als sich um die Irrfahrten eines leichtfertigen Kometen zu kümmern. Z. B. mit der Zusammenkunft BülowS mit dem italienischen Minister deS Auswärtigen Tittoni in dem idyllischen Küstenort an bei Rivitra di Levante. Zwei Minister schüttelten sich dort die Hände, unterhielten sich und frühstückten miteinander. Und nur schade, daß wir nicht in jenen Zeiten leben, in denen die saure Gurke dräuend über den Weg sich legte — die Welt wäre um eine Staatsaktion reicher. So aber ist em Ministerbesuch wie feder andere und all die geschäftigen Federn, die am Werke sind, um möglichst viel Kapital daraus zu schlagen und alle Formeln und Mixturen zu probieren, ohne die man in einer politischen Apotheke nicht auSkommen kann, können noch so gewagte Verinulungen und Kombinationen zum besten geben; noch so viele „Spezialkorrespondenten' und .Diplomaten' mögen ihr Licht bogenlampenartig leuchten lassen — man wird doch schließlich emsehen, daß der ganzen Weisheit letzter Schluß sich in die Worte zusammenfassen läßt: „Nichts gewisses weiß man nicht!' .Das Ergebnis der Unterredung war die Festellung der Tatsache, daß v ollst änd ig e Ue be r- einstimmung und volles Einvernehmen in den Ansichten der beiden Staatsmänner herrscht.' Die Weise solcher offi-
politische Lages-charr.
Jung-Rußland in Deutschland.
Man schreibt uns:
Der Prozeß gegen die russische Anarchistin Tatjana Leontjew, die vom Geschworenengericht zu Thun zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, weil sie „aus Versehen" einen völlig harmlosen Mann erschossen hatte, den sie für einen russischen Minister hielt, läßt uns unser Augenmerk auf jene Elemente richten, die heute unsere Universitätsstädte unsicher machen. Die russischen Studenten und Studentinnen, die es vorgezogen haben, ihrer Heimat vorläufig den Rücken zu kehren, bilden für uns ein Element der Unruhe und der Aufregung. Selbst in der freien Schweiz fordert man energische Abwehrmaßregeln gegen ihr ungehindertes und provokatorisches Auftreten und man verweist darauf, daß noch niemals in den Universitätsstädten Nevolverschießereien, politisch-anarchistische Demonstrationen und Krawalle derart an der Tagesordnung waren, wie jetzt. Auch dec republikanische Schweizer will neben der Freiheit vor allen Dingen Ordnung. Wenn also seitens des revolutionären Jung-Rußlands dieser Standpunkt nicht begriffen wird, wenn man nicht einsehen will, daß die Stulturitaaten Westeuropas schließlich nicht dazu da sind, um in ihnen die anarchistische Propaganda der Tat zu treiben und Zustände zu schassen, wie sie vielleicht außer in Rußland in den Hiuterwäldern und Prärien Amerikas noch herrschen mögen, so folgt daraus, daß dieses junge ruffische Akademilertum fich nicht zu wundern braucht, ioe*u ihm gegenüber der Geduldsfaden der Völler einmal
Deutsche» Reich.
Berlin, 2. April. Der Kaiser konferierte heute mit dem Staatssekretär v. Tschirschky und empfing den Prof. Rohlofs vom Kunstgewerbemuseum zur Vorlegung des Entwurfes zu einem Aebtissinnenstabes für Kwster Fischbeck bei Hameln.
— P r i n ö ij ö t a r, bet lünfte Sohn des Kaisers, geb. 1888, wird voraussichtlich im Herbst dieses Jahres die amerikanische Universität Harvard beziehen.
— Voraussichtlich wird sich General v. Deimling am 7 d. M. in Swakopmund nach Deutschland einschissen. Es heißt, der Kaiser würde ihm den Orden „Pour le merite" verleihen.
Dresden, 2. April. König Friedrich August hat die Absicht, einen neuen Ehebund zu schließen. Zu diesem Behuf haben, wie einer Zeitung „von wohl informierter Seite" mitgeteilt wird, Verhandlungen stattgefunden, die den Zweck haben sollen, einer neuen Ehe auch vor dem kirchlichen Forum Gültigkeit zu sichern. Eine Prinzessin von Portugal, nach einer anderen Version eine Prinzessin von Parma, soll in Betracht kommen.
Mannheim, 2. April. Aus Anlaß deS 5. Kongreßes der anarchistischen Föderation wurden die Anarchisten D r. Friedeberg und Karfunkelstein heute wegen Vergehens gegen das Vereinsgesetz festgenommen.
Karlsruhe, 2. April. Der hier tagende 12. Kirchlichsoziale Kongreß wurde heute abend mit einem Festgottesdienst eingeleitet, bei dem Pastor Keller eine Predigt hielt. Später empfing die Großherzogin den Festprediger und den kirchlichsozialen Vorstand. Zur besonderen Freude gereicht ihr, daß in der christlich-nationalen Arbeiterbewegung die Saat aufgehe, die ihr Vater in der kaiserlichen Botschaft vom Jahre 1881 gesät habe.__
Noch ein paar Zeitungsstimmen:
Eni Korrespondent bet .Reuen Fr. Pr." in Rapallo hatte eine Unterredung nut einem Unheniicljen Politiker, welcher ihm fagte: In deni Dreibund-Verträge sind die m 11i t ä r 11 d) e n Verpflichtungen der drei Staaten nicht iestgestellt und von ben Rüstungen ist nicht die Rede. Tie drei Slaalen haben deshalb , r e i e H a n d. Italien wird sich dein englischen Standpunlt tn der Abrüslungsirage nicht nahem, schon deshalb, weil Lester- reich-Ungam feine Rüstungen fort setzt. Auch die sZrage, ob nn Dreibünde ein englijch-deuiicher Konflikt vorgesehen sei, beantwortete der Politiker mit .nein'.
ZeugniSzwang gegen die Presse.
Zu benjenigen iuriiuiüjtm prägen, die tioy aller Rtttil niajt recht wciterbunmen wollen, gehört die vielerörterte über den Zeugniszwang der Presse. Daß der Zciigniszwang gegen die Prepe vom Standpunkte unb im Jntercste der Presse zu verwerfen sei, ist ebenso o>st von Abgeordneten aller Parteien anerkannt, wie feit Jahr und Tag als ein Erfordernis nahezu einstimmig von dec Presse bezeichnet worden. Wenn bisl)er aoer Dieie Erörterungen zu ejtcm praktischen Ergebnis nicht geführt haben, |o gesthah Dies aus dem Gruiid:, weil die Frage bisher faft stets nur beiläufig berührt oder nur von Vertretern der Pcesie leibst aus behandelt, aber noch nie zum Gegenstand einer tieieren, nniicn- jchastuchen Forschung vom Standpunkte der Juristen gemacht worben ist. Von besonderem Interesse und von einer Tragweite, die noch nicht abzuselM ist, weil der Verfasser des Ausiatzcs ein Staatsanwalt ist, mutz die Abhandlung des t a a t s a n w a l t s Dr Wulfsen in der Deutschen Junsten-Ztg. (herausgegeben von Professor Tr. Laband, dem preutz. Herrenhausmitglied, Lber- landesgerichtspräs. a. D. Dr. Hamm und Jufiizrat Hemitz, Verlag von Liro Liebmann, Berlin,) bezeichnet werden, Rn diesem anregend geschriebenen, wissenschustticy bucdjbaajten Artikel geht ber Versasier von der historischen Grundlage aus; cr zeigt an ber Tatjache, daß ebenso wie ber Verlobte, der Ehegalle, der Geistliche, der Aiuvalt, der Arzt usw. aus wohlerwogenen Gründen Zeugnis verweigern dürfen, dies auch der Presfe, jenem wich, tigen und nicht zu entbehrenden Faktor in unserem ögentlichen Leben, es gestattet sein müsse. Der Wulsfen'sche Artikel wird um so größere Bedeutung auch für die Reform des Strafrechts go winnen, 'a'IS cr in dem verbreitetesten und führenden juristl|chen Organ veröfsentstcht worden ist. Wenn der Bersasier bannt schliefst, baß er geglaubt hat, rückhaltlos seine Ansicht zu veröifenliicheil, o verdient das u msomehr besondere Anerkennung, als gerade er als Vertreter der Staatsamvaltschast volles Jnleressc jur die Bedürfnisse und die Bedeutung der Presse zeigt und durch lernen Artikel in ausgezeichneter Weise diese lang umstrittene, die All. gemeinbeit lebhaft tangierende Frage erheblich geklärt bat
Airchc und Schule.
— Hessische Lehrerseminare. Tie „Darmst. £tg.'/ schreibt halbamtlich: In auswärtigen und hiesigen Blättern (nicht ün „Gieß. Anz." Red.) findet sich die Nachricht, es solle ein viertes Lehrerseminar errichtet und nicht als Fori|etzung einer Präparandenanstalt eingerichtet, sondern mit einem yieal- gymnasium oder einer Realschule verbunden werden. Hier liegt eine Verwechselung vor. Es handelt sich nicht um ein Seminar zur Ausbildung von Volksschullehrern, sondern um ein sogenanntes p ä d a g o g i s ch e s S e m i n a r, tn dem junge Philologen, Mathematiker und Naturwissenschaftler für den praln.chen Unterricht vorbereitet werden sollen. Hessen hat bis fetzt drer pädagogische Seminarien, die mit dem Gymnasium zu Gießen, dem Realgymnasium und dem Neuen Gymnasium zu Darmstadt verbunden sind. Für ein viertes Seminar sind die Mittel im Hauvlvoranschlag für 1907 vorgesehen und von den Ständen bewilligt worden. Nach den Ausführungen des Vorsitzenben oer Schulabteilung in der Sitzung der zweiten Kanuner vom 7. März soll dieses pädagogische Seminar wegen der steigenden Bedeutung der Realanstalten mit einer solchen Anstalt verbunden werden. Eine Entschließung über den Ort ist noch nicht gefaßt. — Ter Heranbildung von Lehrern an Volksschulen Dienen die Seminare zu Alzey, Friedberg und Bensheini, von denen dic beiden ersten durchaus Parallelklassen haben, sodaß tatsächlich fünf Lehrerseminare vorhanden sind. Hierzu kommt Der pädagogische Sture in Darmstadt, in dem junge Leute mit dem Reisezeugnis einer neunftufigen höheren Lehranstalt zu Volks- schullchrern ausgebildet werden. Mit der Ausbildung von Volksschullehrerinnen besaßt sich das Seminar in t r Hermannstraße zu Darmstadt. Tie mit den höheren Mädchenschulen zu Darmstadt und Mainz verbundenen Seminarien sind der Ausbildung solcher jungen Damen gewidmet, die sich dem
AdickcS.
Die Ministerkandidatur Adickes gehört der Vergangenheit an. Der Frankfurter Oberbürgermeister, der, wie man neuerdings hört, als Nachfolger Delbrücks für den Posten des Hanbelsministers in Aussicht genommen war, scheint seine Bedingungen m Berlin gestellt ju haben, die man wohl nicht erfüllen mochte. Interessant immerhin bleibt die Tatsache, daß man bei der Bruche nach neuen Männern auf Adickes geraten war. Der Herr Oberbürgermeister gilt für einen leidlich liberalen Mann (auf em Parteiprogramm ließ er sich nie festlegen) mit fortschrittlichen Tendenzen. Und er gilt nicht, sondern er ist einer der tüchtigsten Verwaltungsbeamten, die Deutschland momentan an der Spitze großer Kommunalverwaltungen besitzt.
Miquels begabter Nachfolger ähnelt dem ehemaligen Finanz- minister in manchem Wesenszug; die Gabe rascher Auffassung und zähen Beharrens beim einmal gewählten Ziele ist beiden gemein; [einer hätte gezögert, von der breiten und bequemen Heerstraße abzubiegen, wenn ein Feldweg rascheren Erfolg verhieß; und selbst ein Polizeitäselchen hätte den Einen kaum mehr als den Andern geschreckt. Unterschiede bleiben. Der Frankfurter Johannes war ein diplomatisch schlauerer Kopf als, „der lange Franz", und mit allen höfischen Hunden gehetzt; fpahte immer nur nach dem Loch und fragte, wenn er das warnende Hifthorn hörte, nicht erst lange, ob rechts ober links die Rettung winkte. Hätte auch nicht gezögert, zu Bülow in den Nachen zu springen, ohne vorher gewisse Garantien zu fordern. Adickes ist vorsichtiger und nüchterner, hält seine Phantasie enger im Zaum uni) will, ehe er einsteigt, erst des Reisens Ziel erfahren. Täuscht sich gewiß auch nicht darüber, daß der Kahn,, der ihn aufnehmen soll, mehr als ein nur notdürftig verstopftes Leck hat; weiß vielleicht sogar, daß des Steuermanns Tischgäste mit besorgten Mienen heruingehen und da und dort fragen, wie lange sich wohl bie Fähre noch über Wasser halte.
Bekannt ist Herr Dr. Adickes nicht erst, seit er, vor genau einem Jahre, im preuß. Herrenhause eine bedeutsame Rede zur Strafrechtsreform hielt, und mit barschem Wort die Forderung stellte: „Mit dem bureaukratischen Schematismus muß gründlich gebrochen werden." Schon in Altona, das den erst Siebenund- dreitzigjährigen an die Spitze seiner Verwaltung stellte, erwarb er sich Anerkennung und Freunde, und als er 1890 in Frankfurt Miquel ablöste, stand sein Ruf schon fest. Seitdem hat er sich nicht gemindert. Don Miquel hat, als der Kaiser „seinen Mann" nach Berlin holte, manchen Plan unausgeführt hinterlassen, den Adickes verwirklichte, und noch ein beträchtliches Stück eigener Arbeit hat er in den drei Lustren hinter sich gebracht. Wenn Frankfurt heute zu den Musterstädten gehört, ist's nicht zum letzten des Oberbürgermeisters Verdienst, der, trotz seiner 61 Jahre, noch mit rüstigem Fuß d em Geiste der Zeit zu folgen vermag.
In Berlin, heißt es, atmete man auf, als man von feiner Berufung hörte, und hoffte, daß er „die Fenster wett aufmachen werde, um die Stickluft Der preußischen Bureaukralie zu reinigen." Zu früh. Noch ist für einen Mann seines Schlages kein Raum im preuß. Ministerium, und ein Minister, der Bedingungen macht, ist auf alle Fälle kein bequemer Gast. Ihn aufzunehmen, solange noch Arbeitswillige traitablerer Natur zu haben sind, hat der Ferienkolonist von Rapallo gewiß leine Lust.
Miiiiner Tutoni erklärte, nach römischen Btölleru, imeDeitioli, Italien fei nut Tcutschland in jeder Hinsicht, auch in Der Ab- rüslungsirage, vollständig einig. Tie Behaupiimg der .Tiibuna', daß Italien sich England gegenüber bereits hir de» Abrüstungs-Vorschlag verpflichtet habe, ennpvecDe feinen Ablichieii nicht. Es fei ihm nie eingefallen, sich England gegenüber do» vornherein uiid ohne. Vorbehalt zu buideu.
Ein Leitartikel ber röm. „Tribuna" versichert, Italien bebanfe sich dafür, im Haag bie Ifeikle Rolle des Vermittlers zu spielen. Es würde Lielmehr der Sache eine möglichst praktische Wendung zu geben suchen, ohne feine Verpflichtung gegenuoer seinen Verbündeten und gegenüber ber Notwendigkeit der Existenz und seiner Verteidigung untreu zu werden.
Andern romijckfcn „guten Quellen" zufolge traien Bulow und Titton. für bie Konferenz im Haag derartige Vereinbarungen, da« sich cih Zwiespalt zwi.chen den beiden Verbündeten, wie er in Atgr.eir<.s zutage trat, sich nicht iDieberljolen werde. Ferner heißt es, sowohl Italien wie Frankreich wurden Schritte tun, um England wonwglich zur Ausgabe des Abrustungsvvrschlagcs zu bestimmen, doch erscheine dies ziemlich ausuchtslos, da das englische Kabinett gegenüber der liberalen Partei gebunden fci.
Ein Artikel des Pariser „Temps" über die Entrevue von Rapallo frbt hervor, daß der Optimismus des Fürsten v Bülow durch die c-llgemeine Lage gerechtfertigt sei. Der durch die Verhältnisse innerlich umgewandelte Freibund erfülle seine Aufgabe besser denn je, seitdem der Dreibund sich dazu verstanden nabe, Italien eine gewisie AltionSireiuett emzuraumen. Die noch etwa bestehenden Meinungsverschiedenheiten wegen des Haager Programmes seien nicht von besonderer Wichtigkeit. Alles in allem könne man vorbehaltlos zur Kenntnis nehmen, was über die Unterredung ber beiben Staatsmänner bisher verlautete und brauche beiden Ministern die frohe Stimmung, in der sie schieden, nicht zu mißgönnen.
Nr. 77 Erstes Blatt 157. Jahrgang Mittwoch 3. April 1807
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