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Donnerstag, 14 März 1907
157. Jahrgang
Nr. 62
Erscheint Niglich mit Ausnahme deZ Sonntags.
General-Anzeiger für Vderheffen
TU „Eiktznier LamiNendlätter" werden dem Anzeiger^ Dtermal möchenllich beigclegt, daS Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wachet auch. Ter..hessisch« Landwirt" erscheint monaUich einmal.
8lof<tft('nshni(f und Verlaa der Pr Unu>6E|uai4 - Buch- und StetnCtudeieu St. Lange, Dietzen.
Redaktion, Txveditton und Druckerei: Schul- (trage 7. Erveditton und Verlag: DL
9UoaItU)iL€^sll2. Lel.-Adr^2lnzelgerDreßen.
oder ob der Beschluß im Reichstage dahin geht, daß solche Diäten jetzt schon bewilligt werden sollten. Ist letzteres der Fall, so kann ich nur sagen: dieser Beschluß liegt dem BundcSrai vor. dieser hat aber bcyu noch leine Stellung genommen.
Dbg. Tr. Vareuborst
Herr Stadthagen hat für seine Behauptungen keine Beweise erbracht Tire Justiz, die eS jedem recht macht, kann eZ nichi geben. Ganz falsch ist die Behauptung, datz Handwerker und Landwirte nichi Schössen und Geschworene würden. Auf dem Lande werden ne ausschließlich auS den Kreisen der Landwirte und Handwerker entnommen. In Berlin, daS Herr Stadthagen allem ZU kennen scheint, ist daS allerdings nicht möglich. Meine Freunde freuen sich, daß die Reform in Kloß ist und hoffen, daß sie nicht ad calendas oraecas vertagt wird. Dir legen den «roßten Wert auf die Einführung der Berufung und auf die großen schossen- gerichte. Ferner wünschen wir aus historischen, wirtschaftlichen und politischen Gründen eine Beibehaltung der kleinen Landgerichte. Wenn man den kleinen Staaten ihre Landgerichte nehmen wollte, so wäre das ein Eingriff in die Justizhoheit der kleinen Staaten. Tarin stimme ick den Rednern der Lmlen bei, daß die Politik nicht in den Gerichtssaal gehört.
Dbg. Dr. von MieczkowSki (VoTe)
führt aus, daß seine Partei auch für die Einführung der De« rufung sei. TaS Vertrauen, daS die Rechte den preuhisa'cn Richtern zubillige, könnten die Polen ihnen nicht schenken. In politischen Prozeßen, namentlich den Polen gegenüber, hatten sie sich sehr parteiisch gezeigt. Ein Richter, der dem Ostmarkenverem angehöre, urteile nicht objektiv, sondern als politischer Parteigänger. Die Richter sollten doch alles vermeiden, waS einen Schatten auf ihre Integrität werfen könnte. (Sehr wahr! bet den Polen.) Manche Urteilsbegründungen lesen sich fast so wie hakatistische Leitartikel. Sehr ost komme eS vor, daß Richter irrtümlich annehmen, bet geuge sei der deutschen Sprache mächtig. Hieraus resultierten die zahlreichen Ungebührstrafen, weil Zeugen nickst in deutscher Sprache antworten. Solche Strafen sollten an- diesem Anlaß überhaupt nicht verhängt werden.
Abg. Roth (wirtsch. Vgg.)
65H S für notwendig, daß da» Laienelement auch zu den Strafkammern herangezogen werde. Der BerusSrichter könne nicht so wie der Laie die Gesichtspuntte des praktischen LebenS beurteilen, er komme auch durch Sie Gewohnheit leicht zu einer schablonenmäßigen Behandlung der einzelnen Fälle. Die hinreichende ,ahl von geeigneten Laien werde sich gewiß finden lasten, wenn man ihnen Diäten gewähre. Notwendig sei auch die Einführung der Berufung gegen die Strafkammerurteile; bei der Militärverwaltung habe man sie ja auch und sie habe sich dort gut bewährt. Viel zu starker Gebrauch werde von dem Beweismittel der Vereidigung und auch von dem Ausschluß der Öffentlichkeit gemacht. Wo dieser Ausschluß aber wirklich von Interesse sei, z. B. bei der Gefährdung von GeschäftSgeheimnisten, da erfolge er nicht. Die Verhängung der Untersuchungshast sollte viel mehr einge* schränkt werden. ES sei zu wünschen, daß Wit von der Regierung bald Taten sehen und einen der modernen Entwicklung entsprechenden Entwurf erhalten. (Beifall.)
Der Vorredner hat bemängelt, daß ich über die Frage der Strafprozeßordnung nicht gesprochen Hobe. Das liegt an oct Form der Interpellationen. Ich habe über die Punkte, die die Interpellanten dem Hause schriftlich mitgeteilt haben, klar und ausführlich onch ausgesprochen. Meine Aufgabe bestand lediglich barm, hohen Hause die Sicherhest zu verschaffen, daß die verbün- dewn Regierungen in der Tat dabei sind, die Sttafprozeßreform in ernsthafter Weise durchzuführen. Ich würde glauben, auch den Rahmen der Interpellation zu überschreiten, wenn ich die wichtigen Fragen hier erörtern wellte, die der Abg. Dr. Müller- Meiningen am Schluß ;einer Ausführungen erwähnt hat. Ich träte auch garnicht legitimiert, im Namen der verbündeten Regierungen mich darüber auszulasten. Ich beschränke mich daher nur auf einige Fragen, deren Nichtbeantwortung vielleicht zu Mißdeutungen Anlaß geben könnte. Zunächst hat der Herr Vorredner der Besorgnis Ausdruck gegeben, als könnte eS ,ich darum handeln, die Schwurgerichte nicht in der Gestalt zu erhalten, wie wir sie jetzt haben. Ich kann ihn in dieser Hinsicht beruhigen. Tie Absicht der preußischen Regierung geht dahin, daß daS Schwurgericht ganz in derselben Art zusammengesetzt sein soll wie bisher, und daß die Schuldirage nach wie vor den Geschworenen überlasten bleiben soll. Der Herr Wg. Dr. Müller- Meiningen hat auch meine Ausführungen über die Gerichtsverfassung nicht ganz recht aufgefaßt. Was wir un Schoß des ReichS- ju'tizqmtes vorbereitet, welche Wuniche wir beruckfichtigt haben und welche Vorschläge wir beabsichtigen, vorzulegen, darüber kann ich Ihnen natürlich jetzt keine Auskunft geben, doch glaube ich, daß daraus kein nachteiliger Schlutz für die Regierungen gezogen werden darf. ,
Tie Fragen der Voruntersuchung, deS ZeugniSzwangeS für <Rf-Dc:;curc, des Lcgalitätsprlnzips und dergleichen mehr, werden im- im Rahmen der Strafprozeßordnung entscheiden. Sie sinb von uns gleichfalls vorbereitet, und wenn ich mich ietzt darüber iliebt äußere, so können Sie daraus nicht schließen, daß die Ansichten der Justizverwaltung in diesen Punkten andere sind, als die der Mehrheit dieses hohen Hause«. WaS d.e Frage der Ent- schädigui ' sür Geschworene und Schäften anlangt, so ist äu unter- scheiden, ab die Gewährung der Entschädigung im Rahmen bet neuen Strarprozeßordnung verwirklicht werden soll — dann tann ich naturgemäß vor deren Vollendung nichts darüber aussageu —
Zustimmung.) , ,
lieber die Verurteilung des jetzigen Vorverfahrens sind Im sämtliche Parteien einig. Der Staatssekretär hat gestern mit feinet. Ironie die Beschlüste der internationalen kriminalistischen Veremi- cung von Frankfurt behandelt; allein in weiten Kreisen, nicht bloß Des Volkes, sonoern auch in weiten juristischen Kreisen hat ein Ausspruch eines LcmdgenchtsratS dort großen Beifall erregt: »Ter Untersuchungsrichter ist nichts anderes als ein verkappter Staatsanwalt und meist noch dazu ein schlechter." In letzter Zett hat man auch in juristischen Kreisen geradezu vom Bankerott oes
LegalitStsprinzipS gesprochen. Das Fehlen eines gewissen Augen- maßcS wird febr häufig bemerkt. DaS soll man dazu sagen, wenn beispielsweise in dem Prozeß Zander der Angeklagte 1 >4 Jahre in Untersuchungshaft sitzt, dann zu 800 Mk Geldstrafe verurteilt wird und die Kosten 60 000 Mk. betragen? In dem Hausler- Prozeh hat der Verteidiger eine ganz vernichtende Anklagerede gegen daS Vorverfahren gehalten, und durchaus zutreffend. Tie großen Polizeiprozeste in BreSlau und in3bcjonbcre m Hamburg zeigen, daß unsere Voruntersuchung oft nicht die Fähig-' hat. Die wirklichen Verbrecher zur Verantwortung zu bringen.
Dann hat der Staatssekretär nicht gesprochen über die Be- seitigung des ZeugniSzwangS gegenüber Redakteuren. ES tonte ein nobile officium für den Reichskanzler sein, hier endlich einmal die Preste so einzusckiähen, wie er sie ja auch sonst durch eine klug« Benutzung — was kein Vorwurf für ihn sein soll — zu würdigen versteht. Dringend nötig ist auch eine gründliche Reform deS Eides- Wesens. Der GewistenSzwang der Dist'denten sollte doch möglichst rasch fallen. Gegen solche Verunglimpfungen, wie sie in dem Sim- plizistimuS-Prozeß der Staatsanwalt gegen Professor Forell sich erlaubte» müßte ein ehrlicher Mann ui Zukunft unter allen Umständen gesichert sein. (Sehr wahr!)
Dringend nötig ist weiter eine Reform der Untersuchungshaft und der Beschlagnahme. Wir haben eine HabeaS-CorvuS. Akte äußert notwendig, wonach nur auf Grund einer Iontrabihort- schen Verhandlung die Verhängung der Untersuchungshaft zulässig ist, womöglich nur unter Zuziehung eines Verteidigers. Auch die Immunitalsfrage der ReichStagSabgeordneten gehört hierher. E« darf nicht mehr Vorkommen, daß ein einzelner Abgeordneter daS Parlament in einer derartigen Weise wiederholt bloßstellen kann, wie daS leider in der letzten Zeit mehrfach geschehen ist. (Hort! Hört!) WaS die Frage der Richterkolleaien und deS Einzelrichter- anlangt, so liegt sie doch auf einem anderen Gebiet, als von dem au8 man sie zumeist behandelt. Ter englische Richter steht viel mehr im praktischen Leben a!5 der deutsche. (Lebhafte Zustimmung.! Tas ist die Hauptfrage. DaS HerauSwachsen auS der Praxis, die ganze Einrichtung der englischen Anwaltschaft bedingt eine völlig andere Zusammensetzung der Richter. Dieses HerauSwachsen aus der Praxis, die geradezu bewundernswerte Biegsamkeit und Schmiegsamkeit des englischen Rechts, daS in einer überraschenden Weise zum Deltrecht geworden ist, die große schöpferische »rast, Vie konstitutive Kraft der Tätigkeit deS englischen Richter- ist daS Bemerkenswerte in dem englischen Rechtsleben. Aber Herr Adickes irrt, wenn er den Jnstanzenzug m Strafsachen vermindern will. Gerade di« englische PrariS will ja fetzt damit brechen und sich dem deutschen System nähern. Auch hier ist der verdacht Der DiSparität bei der preußischen Regierung. Denn.ich den Staatssekretär richtig verstanden habe, sollen die süddeuftchen Staaten Die Berufung an die OberlandcSgerichte anschließen können. DaS 'st ja ein kleiner Lichtblick für un-, aber die Berufung an dasselbe Gericht, die für Preußen gelten würde, wäre geradezu unheilvoll. Ich will mir den Ausdruck nicht aneignen: eine .Krähe hackt der arideren nicht die Augen auS, aber eS läßt sich nicht leugnen, daß eine solche Verhandlung beim gleichen Gericht nicht dasselbe Ver» trauen hat, wie wenn di« Berufung bei einem übergeordneten ®e- rlchtShof stattfindet. (Sehr richtig! links.) Ein abgespannter, etn abgehetzter, nervöser Richter tonn daS Volk mit seiner Judikatur nicht befriedigen; er wird verbittert, einseitig, weltfremd werden. Deshalb müssen wir unbedingt darauf bestehen, daß daS HrlsS- richtertum, wie cs in Preußen leider GotteS tm Uebermaß besteht, beseitigt wird. (Zustimmung.) Wir brauchen vor allem eine genügende Anzahl ordentlicher Richter in Preußen. Dann wird die RechtSanwendung wieder größere- Vertrauen haben. (Beifall.)
Der Reichskanzler bat populäre Reformen m Aussicht gestellt. Hier hat er ein reiches Gebiet. Aber die Reform Der Strafprozeß, prbnung und der Gerichtsverfassung allein kann unter leinen Umständen genügen. Die größte Aufgabe, die wir in kriminal-politischer Beziehung zu lösen haben, ist die, wie wir unsere Jugend vor allem vor krimineller Ansteckung bewahren; sie steht in erster Lime, und da tauchen die Forderungen des ReicbssttafvollzugSgesetzeS und der bedingten Verurteilung immer wieder auf. Leider sind wir auch da auf recht kleinliche Einwendungen gestoßen und keinen Schritt weitergekommen. (Sehr wahr!) Unser Strafvollzug ist die Wurzel des UebclS. Statt sittliche Keime in dem Verbrecher zu schützen, vernichtet er diese Keime sehr häufig. Hoffentlich gelingt eß dem Reichskanzler und dem Staatssekretär wenigstens, einen Teil dieser großen Arbeit in absehbarer Zeit in einem Sinne zu lösen, daß auch die liberalen Parteien, in deren Namen ich gesprochen habe, dem betreffenden Gesetzentwurf freudig chre Zustimmung geben können. (Lebhafter Beifall.)
Staatssekretär Dr. Nicberbing:
Parlamentarische Verhandlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
17. Sitzung vom 18. März 1 Uhr.
Am BundeSratSiisch: Dr. Schulz u. a.
Auf der Tagesordnung steht zunächst bte erste Beratung d-S . am 19. September 1906 in Bern abgeschlossenen -wetten Zusatz- übercinlommend zum Internationalen II c b e r e t n * 1 o m m e n über den E i f e nb a h n f ra ch t ve r! e h r vom 14. Oktober 1890.
Präsident deS ReichScisenbahnamteS Dr. Schulz:
Die internationalen Uebcreinkommen betreffen den Eisenbahn ftachtverkebr. DaS seit dem 1. Januar 1893 in Wirksamkeit stehende hat für wichtige Zweige deS mtcrnahonalcn Verkehrs ein im wesentlichen auf einheitlicher Grundlage beruhendes Rechl geschaffen. Nachdem auch Dänemark und Rumänien sich auf den Boden diese- UcbereinkommcnS gestellt haben, gilt eS nunmehr für alle europäischen Staaten. ES ist uns gelungen, unseren An. trägen, mit wenigen Ausnahmen, Geltung zu verichaffen. Nur fn einem Punkt haben wir unsere Ansicht nicht durchdrucken rönnen. Wir verlangten, daß dem Absender das Recht zustehen sollte, die Zollbehandlung unterwegs selbst vorzunehmen ober durch Mittelspersonen vornehmen zu lassen. Dieser Antrag wurde in der zweiten Konferenz mit noch größerer Mehrheit als ht der ersten, nämlich nur gegen die Stimmen von Deutschland und Oesterreich-Ungarn abgelehnt. Im übrigen ist bet deutsche Handel heute nicht mehr in Der Weife an der Sache interessiert wie früher.
Ich möckste dann noch mltteilen, daß für die Beamten ein Eben 25 000 Mark durch dieses Zusatzübereinkommen ge- n worden ist, au5 dem sie im Falle von Erkrankung Ent- jungen erhalten. Für Deutschland erwächst hieraus eine einmalige Mehrausgabe von 6400 Marl. Ich empfehle Me Bor- tage zur Annahme,
Abg. Stelle (^og.)'
die hi bet Vorlage gebotenen VerkehrSerleschterungen noch picht für ausreichend.
Damit schließt die erste Beratung, worauf bet Gesetzentwurf tn zweiter Lesung sofort unverändert angenommen wird.
DaS SauS setzt bann die Beratung der Interpellationen Graf Hompesch (Zentrum) imd Dasfermanu ((natL). über die E t r a f p r o z e ß r e f o r m fort
Abg. Dr. Müller-Meiningen (freif. Dpt ):
Ich nehme an. eS war keine Absicht vom Staatssekretär, baß tt lediglich auf die Ausführungen deS ersten Interpellanten ant- wortele, dagegen die in mancher Hinsicht interessanten Ausführungen deS zweiten mit keinem Worte erwähnt hat. Er hat heb nämlich nur auf die JnterpellationSfrage beschränkt, aber lein Wort von der Reform selbst gesprochen. Wir sind alle überzeugt — Herrn Stadthagen nehme ich selbstverständlich auS —, daß bet Reichskanzler die Reform ernst nimmt. $cb glaube mich, daß der Staatssekretär finanzielle HinderungSgrünoe nicht für vorliegend hält, aber wir haben nach wie vor den Verdacht, daß. die großen Schwierigkeiten hier im Kastanienwäldchen zu finden sind. (Seht wahr! links.) Wit entnehmen baS daraus, daß Preußen bisher noch immer nicht mit feinem HilfSrickstcrunwesen gebrochen hat Wir freuen im« über die Aufrechterhaltung der Schwurgerichte, die unS gestern neuerdings versprochen ist, aber wir hoffen, daß eS keine Schein schwurgerichte sind. Wir haben gehört, daß man eine Zusammenwerfung von Laien und BerufS- richtem in diesen Schwurgerichten will; daS würden nur nominell Schwurgerichte sein. Herr Heinze nahm an, daß die Aburteilung der Prehdclitte durch Schwurgerichte für Norddciitschland endgültig abgetan fet Ich weiß nicht, worauf er diese Annahme stützt Ich entfinne mich wohl einer Aeußerung des Staatssekretärs, aber nicht, daß er eine bindende Erklärung im Namen der verbündeten Negierungen abgegeben hätte. ES wäre doch eine traurige Sache, es wäre geradezu eine capitis diminutiv, wenn die norddeuftcken Staaten als noch nicht reif für etwas erklärt würden, das bei uns in Suddeutschland die Sympathie aller Kreise, auch der Regierungen sich errungen hat. (Lebhafte Zustimmung links.) Die bayerische Regierung hat erst vor kurzem erklärt, daß sie trotz der auffallenden Treibereien eines Teils der ZentrumSpresse wegen einiger unbequemen Freisprechungen an dieser politisch wichtigen Norm nach wie vor festhalte. Wir würden zweierlei Recht grabe auf einem so wichtigen Gebiete be- halten. Ich richte hier einen dringenden Appell an den Reichskanzler. Der Staatssekretär sagte, di- Umfrage deS preußischen Ministers habe ergeben, daß eine genügend- Auswahl von Schöffen für die Besetzung der Strafkammern nicht vorhanden fei. Es wäre sehr interessant, die Grundsätze zu erfahren, narn denen die Auswahl in Preußen erfolgt ist und zu erfahren, ob die Resultate in den anderen deutschen Bundesstaaten auch so un- 0 waren, wie in Preußen. Leider hat man nämlich tn
•n nichts von Ministerialerlassen gehört über eine größere Heranziehung von Arbeitern, kleineren Handloerkem und Gewerbetreibenden, wie es m verschiedenen anderen deutfchen Bundesstaaten in der letzten Zeit der Fall gewesen ist. Ich meine, wenn sogar das Königreich Sachsen hier liberale Anschauungen vertritt, dann könnte auch Preußen nachfolgen.
Mit großer Hartnäckigkeit hat sich der StoatSiekrc:t über bie Frage der Tiäten an Geschworene^ und schössen ausge- fchwiegen, er, der doch sonst so liebenswürdig auf alle Anregungen auS dem Hause antwortet. Im vorigen Jahre haben wir fast einstimmig einen Beschluß gefaßt, wonach aus Landesmitteln den Geschworenen und Schöffen Siätcn gegeben werden sollen; nut großer Mehrheit sind in einer Reihe von Bundesstaaten die gleichen Beschlüsse gefaßt worden, und die betreffenden Ministerien Haber sich sympathisch geäußert. Man erwartete allgemein ein rasches Vorgehen — und der Staatssekretär schweigt. Nur mit Diälen ist eine richtige Zusammensetzung der Geschwore- nenb aufe und Schöffengerichte zu erreichen. (Zustimmung.) Nur fo. ist die Intelligenz und auch die moralische Befähigung der unbemittelteren Klassen heranzuzichen, und nur so la1™ 6or allen Dingen der plmokratische Zug beseitigt werden. (Lebhafte
Abg. Dove (freif. Vgg.)
Gebauert, daß bie allgemein als dringlich erkannte Strafprozeßreform so langsam vorwärts schreitet. Die Hindcrungsgründe liegen nicht beim Reichsjustizamt. Die Schwurgerichte mühten erhalten bleiben, das Verfahren bedürfe aber in manchen Punkten der Abänderung Auf die gegen die Schwurgerichte sich wendenden Beschlüsse der kriminalistischen Vereinigung sei nicht allzuviel zu geben; solche Beschlüsse hangen zu sehr von Zufallsmomenten, ab. Die Schrift deS Oberbürgermeister- Adickes betrachte auch er für eine hochverdienstliche Tat. Trotzdem erkläre sie nicht die gegenwärtige Verzögerung, Wenn der Staatssekretär im bisherigen Tempo Wetter erwäge, dann könnte er sich schließlich mit Dem Abg. Stadthagen vereinigen, der eine gründliche Reform des Strafprozesses auf dem Boden der jetzigen Gesellschaftsordnung überhaupt nicht für möglich hält. Tann käme man also zu Dem Resultat: erst eine neue GeiellschafiS- orbnung, dann eine neue Strafprozeßordnung. (Heiterkeit.) Tw Zeit des Hause- könnte besser als durch die Besprechung von Inter- pellationen auSgenützt werden, wenn wir tonlrcte Vorlagen bekamen. Vor allem halten auch wir die Reform des Vorverfahrens für dringend notwendig. Hier handelt eS sich um Beseitigung von 'Resten des mittelalterlichen JnquisitionSverfahrenS. Wir bitten, uns baldigst mit einer Vorlage zu kommen, die dem modernen Geiste Rechnung trägt. (Beifall.)
Wg. Werner (Dntt's.)
fordert auch, daß in der Behandlung dieser wichtigen Materie, ao der daS ganze deutsche Voll interessiert sei, ein schnelleres Tempo eingeschlaaen werde. Auch er halte es für unbedingt notwendig, daß Schöffen und Geschworene Entschädigung bekommen. Emer Reform bedürfe auch die Polizeiaufsicht über entlassene Strafgefangene. Das beweise schlagend der Fall des sog. Hauplmann- von Köpenick, in dessen Verherrlichung übrigens die Presse viel gesündigt habe. Vor allem müßte der Voreid wieder durch den Nach, eib ersetzt werden. Tie zu beeidigenden Aussagepunkte müßicn erst sorgfältig protokolliert werden, ehe sie beschworen werden. Tw Zahl der Merm:____.-.-esse wurde bann ganz wesentlich abnehmen.
Endlich werde sich auch eine Reform der Zivilprozeßordnung nicht langer aufjchieben lassen.
Dbg. Storz (Deutsche Bp.)'
hält bie Kosten des Privalklagcverfahrens für zu hoch. Sur scicn höher, als die Kosten De5 Slrafoerfahrens. Es komme vor, Dap Privatklagen nur zu Dem Zweck angestrengt werden, um bem Gegner groß« Kosten zu machen. Es mutzte infolgedessen nach Art bes B. G B. auch in das Strafgesetzbuch ein Smitoneparagraph eingeführt werden. Auch er beöaurc es, datz Beschuldigte vielfach m Untersuchungshaft genommen wurden, auch wenn es sachlich nicht gerechtfertigt sei. „ w ,
Hierauf wird vorn Dbg. v. Narmann (Ions.) etn Antrag auf Schluß der Debatte e-.ngereicht. Tie Abstimmung über diesen Antrag bleibt zweifelhaft, es muß Auszählung (Ham« melsprung) stattfinden. Diese ergibt, daß 121 Abgeordnete für, 133 gegen Den Antrag waren. Ter Antrag auf Schluß Der Debatte ist also abgelehnt. Tas Resultat der Abstimmung wird vom Zentrum und den Sozialdemokraten mit großer Heiter- kett, die sich gar nicht legen will, begrüßt, da die Blockparteien dabei überstimmt wordeu find. Unter allgemeinem Hallo nimmt hierauf das Wort
Mcher SchnA 'den Namen AUo- Ml erbeten an M Kail schen öZ Hörens
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