Ausgabe 
13.7.1907 Drittes Blatt
 
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Nr. 163

Drittes Blatt

157. Jahrgang

Samstag 13. Juli 1907

GzetzenV Anzeiger

Erscheint tLglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Gberheffen

Redaktion. Expedition und ®ruderet: Schul­straße 7. Expedition und Vertag r 6L Redaktion:^^112. TeU-AdcuAnzetgerGteßen.

DieSiebener Zamiltenbiatter" werden dem Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Der..hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnwersitätS - Buch- und Tteindruckerei.

R. Lange, Gießen.

politische Tttgessctz^rL.

Gin Schwede über Dr. Peters.

Ein jetzt in Berlin ansässiger Schwede, der in Ost- Afrika gelebt hat und dort mit Dr. Peters zusannneugelcvffen :ft, veröffentlicht über diesen in einer Stockholmer Zeitung, Swenska Dagbladet", einige Mitteilungen, die von Interesse sind. Der Schwede befand sich seinerzeit im Innern Afrikas auf einer Plantage, durch die er eine breite Land- tcaße gebaut hatte. Ec erzählt nun:

Aus dieser Straße erschien eines Tages eine Karawane von udanesischen Soldaten und Snaheliträger, in deren Mitte Tr. Peters marschierte. Alle waren zerfetzt und schmutzig und zeigten Die Spuren eines langen Marsches. Aber trotzdem befand sich bie }on$e Gesellschaft in lustiger Stunmuug. Peters ist ein uugewöhn-- ich angenehmer Gesellschafter, und ich konnte au ihn: nichts cnU Decken, was auf den rücksichtslosen Negerpeiniger hindeutete, den nan aus ihm machen will. Seme Leute waren gut behandelt, lach meiner Ansicht sogar ein bißchen verwöhnt. Seitdem kam er loch mehrere Male nach der Plantage, zuletzt, zusammen mit Frei- lerrn von Pechmann von der berühmten Kisimandjcharo'Expedil'.on. Auch damals deutete das Aeußere seiner Leute nicht im mindesten uit Furcht vor Peters. Er hatte zivei junge Negerinnen aus dem Ulimandscharogebiet mit sich. Da die eine an Sumpffieber litt, ieß er sie zur Pflege bei mir, ebenso die andere Negerin zur Wartung der Kranken. Waren diese Mädchen schlechter Behänd- ung ausgesetzt geivesen, so hätte es sicher nicht lange gedauert, > sie nur dies erzählt hätten. Als sich der Zustand der Kranken lerschlimmerte, schickte ich zur englischen Mission nach einem Arzt, wch ließ Bischof Smithy sagen, daß er diesenwegen einer llegerin" nicht so weit schicken könne. (11) Ich habe eine ganze Wenge Diener von Peters, sowie die Art, wie er sie behandelte, lejehen, und halte ich es für unmöglich, daß er sie zum Vergnügen reinigte. Ob er am Kilimandscharo zu streng aufgetreten ist oder richt, ist mir unbekannt, da ich nicht dort war. Wie dem aber ruch sei, so tun seine Landsleute doch Unrecht, gerade wegen der leldeu Neger Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, während owohl vorher wie nachher viele Tausende Schwarze für die Zivl- isatiou und Kolonisation das Leben lassen mußten. Ob eine Exekution reglementsmäßig auf Befehl eines Offiziers oder regle- l enlswldrig auf Befehl des Dr. Peters erfolgte, kann für den Delinquenten ziemlich gleichgültig fein. Es' ist unrichtig, ein Beispiel gerade an dem Alaun zu statuieren, der Deutschland seine jiöbte Kolonie verschafft hat. Wäre Peters aktiver Offizier und reuiger geradeaus und slolz gewesen, hätte man wohl nie von der 'leinen Episode am Kilimandscharo gehört."

*

Der babylonische Turm.

Nach einer Erzählung der Bibel versuchten die Söhne Noahs in der Ebene von Mesopotamien einen Turm zu lauen, dessen Spitze bis an den Himmel reichen sollte. Zur Strafe für dieses frevelhafte Beginnen verwirrte Gott ihre Sprache und zerstreute sie über die ganze Erde. Die Stadt ibec nannte man seitdem Babel, nach dem hebräischen -ülbelverwirren. An diese sinnige Geschichte wird man ebhaft erinnert, wenn man von den neuesten Forderungen 'er Tschechen im österreichischen Parlamente hört. Was die Tschechen verlangen, läuft auf eine allgemeine Verwirrung >maus, und wenn ihre Forderungen bewilligt werden, dann oird im österreichischen Reichsrate bald kein Mensch mehr den luderen verstehen können und an irgend ein parlamentarisches Arbeiten ist dann natürlich nicht mehr zu denken. Die Forderungen, die die Tschechen am Donnerstag dem Minister- lräsidenten überreicht haben, enthalten in der Hauptsache olgendes: 1. Die m tschechischer Sprache überreichten Jntec- l Nationen sind in der Sprache der Eingabe ins Protokoll iufzunehmen. 2. Die in tschechischer Sprache gestellten christlichen Initiativanträge sind aufzunehmen und zu repro- luziecen. 3. Die in tschechischer Sprache im Plenum ge- laltenen Reden sind in dec Reichsratskorrespondenz ebenso zu rehcmdeln wie die deutschen, und entweder im Wortlaut oder m Auszug wiederzugeben. 4. Die tschechischen Reden oder >eren Auszüge sind nicht von den Rednern für die Reichsrats- ocrespondenz zu liefern, sondern von beglaubigten Stenographen mzuhören und zu übectcagen. 5. Ein journalistisch geschulter Beamter hat die richtige auszugsweise Wiedergabe dec schechischen Reden durch die Reichsratskorrespondenz zu ontrollieren. Dec Ministerpräsident nahm diese Forderungen ur Kenntnis und erklärte, sich nut den übrigen Parteien ins Einvernehmen setzen zu ivollen. Die Opposition dec nicht- schechischen Parteien richtet sich gegen Punkt 4 der Vorschläge. Stenographische Aufnahme derMeden in dec Ursprache.) Dieser punkt ivird als unannehmbar erklärt, schon wegen dec echnischen Schivierigkeiten, die aus der Anwendung einer genügenden Anzahl von Stenographen für alle acht Landes-- prachen entstehen müßten. Man glaubt, daß, wenn auch >ieser Punkt abgelehnt würde, die Tschechen doch nicht zur Dbstruktion greifen werden.

Vermischtes.

* Wt-e tz, 11. Juli. Bei einer heute hier abgehaltenen Kavallerie-Sprengübung wurden durch zu weit ge­schleuderte Sprengteile ein Offizier vom Dragoner-Regiment Nr. 13, sowie ein Unteroffizier vom Pionierbataillon Nc. 16 schwer, aber nicht lebensgefährlich, ferner ein Dragoner des soeben genannten Regiments recht bedenklich verletzt, und zwar sämtlich an den unteren Gliedmaßen. Ob es sich um einen unberechenbaren Zufall handelt oder ob die vorge­schriebenen Vorsichtsmaßregeln nicht ausceichende Beachtung gesunden haben, kann erst die sofort eingeleitete Untersuchung lehren.

* Zwei ernste Auto Unfälle ereigneten sich neuer­dings in dec Schweiz. Am Neuendorfer See ver­unglückten zwei Chauffeure einer Fabrik aus einer Versuchs­fahrt. Dec Wagen ging in Trümmer. Die Beiden wurden lebensgefährlich verletzt. In Zürich überfuhr ein dahin­rasender Wagen einen Dienstmann, der besinnungslos liegen blieb. Die Polizei mußte die Insassen des Wagens vor der Wut der Volksmenge schützen.

* Neue Eisenbahn - Unglücksfälle. Mittwoch nacht versagte bei der Lokomotive eines auf dem Hucken - walder Bahnhofe rangierenden Güterzuges die Bremse. Der Zug fuhr mit voller Gewalt in einige vor dem Prell­bock stehende beladene Güterwagen und zertrümmerte diese und deren Ladung vollständig. Auch die Maschine und Wagen des Nangierzuges wurden schwer beschädigt. Dem Lokomotivpersonal gelang es, durch Abspringen sich zu retten, doch haben beide Beamte erhebliche Hautabschürfungen er­litten. In derselben Nacht wurde in Gerschede, zwischen Dellwig und Frintrop, ein Straßenbahnwagen von einer Rangierlokomotive um gefahren. Der Schaffner des Straßenbahnwagens ist schwer, ein Fahrgast und der Führer leicht verletzt. Der Bahnwärter behauptet, überfallen worden und deswegen nicht in der Lage gewesen zu jein, die Schranken vor Ankunft dec Lokomotive zu schließen.

* E in Leut n f. n t als Fleischerlehrling. Der 27- jährige Leutnant des Husaren-Regiments Nr. 13, Aladar Stol- nicki, der fünf lebende Sprachen fließend spricht, ist als Lehrling in das Geschäft des Budapester Selchermeisters Josef Bus ein­getreten. Zu diesem Entschluß hat ihn der Umstand gebracht, daß-er als Leutnant mit seiner Gage kein Auskommen fand und zum Fleischergewerbe Lust hatte. Als seine Mutter von seinem Entschluß hörte, glaubte sie, ihr Sohn sei von Sinnen. Stolnicki zahlte seinem Lehrmeister Bus für eine neunmonatliche Unterweisung im Wurstmachergewerbe 600 Kronen. Er beab­sichtigt, ins Ausland zu gehen, um dort die Verhältnisse der Fleisch-Großindustrie zu studieren, und dann in seiner Heimat ein einschlägiges Unternehmen zu gründen.

* Ein salomonisches Urteil in Rußland. Der deutsch-russische Gcenzzwischenfall bei Siemianoivitz, bei dem im vorigen Jahre dec Handelsmann Brodec aus Bendzin ums Leben kam, hat, wie aus Breslau gemeldet wird, einen für Preußen sehr wenig befriedigenden Abschluß gefunden. Nach Besichtigung des Tatortes durch die preußische und russische Behörde wurde dec Grenzkosak Kutlachmedow wegen Mordes, begangen an Broder, von dec russischen Staats­anwaltschaft unter Anklage gestellt. Kutlachmedow ist jetzt f re ig esprochen worden und zwar mit folgender Be­gründung: daß die Tat nicht auf russischem, sondern auf preußischem Gebiete verübt worden sei und deshalb Ruß land n ichts an ginge.

* Das Psecd mit dem Ochsenkopfe. Auf dem Gute des Gutsbesitzers Kölle in Alferde (Hannover) wurde kürzlich ein von einem Grauschimmel stammendes Fohlen ge­boren. Es zeigt in seinen oberen Formen große Aehnlichkeit mit einem Stück Hornvieh, während die untere Partie als vom Pferde stammend zu erkennen ist. Selbst Hörner wachsen diesem Tiere. Dem Besitzec sollen für diese Abnormität 2000 Mk. geboten sein.

* Was für schäbige Menschen es doch noch gibt. DieHagener Zeitung^ meldet: Ein Bürger Bochums hatte das seltene Glück, auf einem Spaziergang ein Spar­kassenbuch über 61 000 Mk. zu finden. Da der Finder ein kreuzehrüchec Mann ist, ging ec sofort zu dem Verlierer und übergab ihm das verlorene Buch. Selbstverständlich war die Freude groß und dementsprechend auch die Belohnung. Der Gastwirt schenkte dem Finder nämlich ein Glas Bier!

* Verlobungen a u f dem Meeresgründe. Der Erfinder eines neuen Unterseebootes in Nordamerika, Cyrus Rivington, unternahm mit mehreren geladenen Gästen, darunter zwei junge Damen, eine Probefahrt auf den Meeresgrund. Als

mau unten war, benutzte er, während er einen Moment mit einer der Damen in einer Abteilung des Bootes allein war, die Gelegenheit, um ihr einen Heiratsantrag zu machen, der sofort angenommen wurde. In der Zwischenzeit hatte aber der andere Herr ebenfalls die Gelegenheit benutzt und dec anderen jungen Dame einen Antrag gemacht, der auch akzeptiert wurde

" K l e i n e T a g e s ch r o n i k. In B a d T ö l z erkrankten eine Familie und vier Flößer nach dem Genüsse von Käse unter V e r g i f t u n g s E r s ch e i n u n g e n. Acht Personen lvareu in Lebensgefahr. Einzelne wurden derart von Schmerzen geplagt, daß sie sich am Boden wälzten. Schleunige ärztliche Hülfe be­seitigte die Gefahr. In Landau ist in der Eisengießerei von Schell u. Leber Großfeuer ausgebrochen. Der Schaden dürfte 200 000 Mk. betragen, ist aber durch Versicherung ge­deckt. Die Hamburger Viermast-Bark Pindos, Kapitän Peters, hatte auf der Fahrt nach Santa Rosalia schweres Un­wetter. Drei Matrosen wurden int Sturm über Bord ge­schwemmt und ertranken. Nach Unterschlagung von Tienst- geldern erschoß sich ein W a ch t m e i st e r des Feld-Art.-Regts. in^Hagenau. In San Angelo Teramo (Italien) flog infolge einer Explosion eine Feuerwerks körpersabrik in die Luft, wobei vier Personen getötet und mehrere verletzt worden sind. Auch die Stadt Angelo hat bedeutend gelitten. Soldaten halten den Ort des Unfalles umstellt, da weitere Explosionen befürchtet werden. Während eines schweren Ge­witters schlug der Blitz in N e me n s z e n t p e t e r (Ungarn) in eine Hütte, in die sich 6 Personen geflüchtet hatten. Alle wurden getötet. Der frühere Lübecker Serienlos­händler L ü b b e r s , der nach Unterschlagung von 800 000 Kronen aus Kopenhagen flüchtete, ist in Rotterdam verhaftet worden. Der Kassierer Daniel R u e z p s k i, der die Nationalbank von Kiew um 200 000 Rubel bestohlen hatte, wurde in Palermo verhaftet. Am Morgen seiner Festnahme hatte er noch einer Dame der Halbwelt ein Automobil für 20 000 Lire gekauft. Es wurden noch 20 000 Lire bei ihm vorgefunden. In der Schneiderwerk­stätte des Rawitscher Zuchthauses brach gestern eine blutige Schlägerei aus, bei der etwa ein Dutzend Ge­fangene sich gegenseitig mit Bügeleisen und Bügelhölzern so bearbeiteten, daß zwei Aerzte die lebensgefährlichen Wunden verbinden mußten. Der Gefangene Walter erlag wenige Stunden später einer schweren Verletzung. Das Aufsichtspersonal war omfangs gegen die wie Bestien sich benehmenden Gefangenen machtlos.

AiriveeiitäLs-Aachvichten.

sj Marburg, 12. Juli. Die I rn m a tr i k u l a t i o u s- termiue für das am 15. November beginnende Winter­semester an der hiesigen Universität sind wie folgt bestimmt: Theologen am 15., 21., 25., 31. Oktober und 1. November, Juristen am 16., 22., 28. Oktober und 4. November, Mediziner am 17., 23., 2d. Oktober und 5. November, Philosophen am 18., 24., 30. Oktober und 6. November. Das Belegen der Vorlesungen muß bis zum 12. November erfolgt fein.

M ünchen, 11. Juli. Der Geh. Justizrat und Proseffor an der Universität München, A. von Bechmann, Mitglied des Reichsrats, ist heute g e st o r b e N.

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